Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Lesereise Nordirland

Hausboot, Straßenkämpfe, Gartenparadies – auf den ersten Blick eine allzu willkürlich und stark verkürzte Beschreibung dessen, was den Leser in diesem Buch erwartet. Hinzufügen sollte man noch, dass die Autorin Stefanie Bisping regelmäßig auf dem Treppchen bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet. Gold ist ihr näher als Silber. Und somit führt sie den Spruch, dass Schweigen Gold ist, ad absurdum.

Denn Stefanie Bisping schweigt nicht. Sie genießt das Reisen, aber sie schreibt auch darüber und lässt in diesem Fall jeden Wissbegierigen an einem Land teilhaben, das vielleicht immer noch einen Dornröschen-Dämmerschlaf frönt. Noch!

Der Name der nordirischen Hauptstadt Belfast ist ebenso eng mit der Titanic verbunden. Hier wurde das Rekordschiff gebaut, bevor es Monate später nicht minder rekordverdächtig in den Tiefen des Atlantiks versank. In Belfast erinnert heute ein gigantischer Titanic-Komplex an die Katastrophe, aber auch an die Schiffsbautradition der Stadt. Inkl. Kongress-Center, Pubs und natürlich dem größten Titanic-Museum der Welt. Erstaunlich, was an Wissen noch alles aus dieser Geschichte herauszuholen ist. Stefanie Bisping kitzelt wirklich das letzte unveröffentlichte Geheimnis aus dem Gebäude.

Belfast ist aber auch eine der wenigen Städte mit einer Mauer. Während man in Berlin dem antifaschistischen Schutzwall nur noch mit touristisch weit geöffnetem Maul entgegensteht, ist hier die Mauer tatsächlich immer noch Mittel zum Zweck (der Trennung). Und die alljährlichen Umzüge in Orange verleiten diejenigen, denen das Orange ein Dorn im Auge ist, dazu, dass man in die Sommerfrische flieht. Auch eine Art der Konfliktlösung, und nicht die Schlechteste.

Eine Flucht nach Vorn hat auch ein Gärtner angetreten, den die Autorin begleitete. Eigentlich wäre er längst im Ruhestand. Doch die Liebe zu Gärten und Pflanzen ließ ihn das süße Leben vergessen, und er trat einmal mehr in den floralen Dienst ein.

Große Geschichte und kleine Geschichten hat Stefanie Bisping gefunden, oder sie ließen sich von ihr finden. Immer wieder staunt man über jede einzelne. Und man möchte sofort selbst auf die grüne Insel fahren, wo immer noch tagein tagaus Traditionen gelebt werden. Das beginnt nicht erst bei Halloween und hört noch lange nicht beim Bier- und Whisky-Trinken auf.

Die Flucht der Dichter und Denker

Es gab nicht viele, die mit dem 1979 veröffentlichten Disco-Hit der Village People „Go West“ etwas anderes verbanden als die sagenumwobene Freiheit in San Francisco. Es gab eine Zeit, in der Go West der einzige Weg war, um überhaupt gehen zu können. Es gab zu viele, die diesen steinigen Weg gehen mussten.

Als 1933 die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen, gab es nicht wenige, die es für eine Frage der Zeit hielten bis der Spuk vorbei sei. Aber es gab auch die großen Mahner, die die dunklen Wolken nicht mehr nur am Horizont verorteten. Eine Massenflucht der Intellektuellen, Künstler, der Elite rollte an. Erst Frankreich, dann Spanien als Transitland nach Portugal. Dort wartete der erhoffte Dampfer in die USA. Hier war die Freiheit wohl grenzenlos. Dass dem nicht immer so war, erfuhren sie erst hinterher. Auch Jahre nach dem braunen Spuk wurden Widerständler unter der Fuchtel von Senator McCarthy mit Argusaugen beobachtet, bespitzelt und in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Der Weg, die Strapazen, die die Flüchtigen – Thomas, Heinrich, Erika und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, um nur einige zu nennen – sind oft beschrieben worden. Genauso oft aber blieben noch einige Fragen offen. Warum und an welchem Zeitpunkt wurde die Route bestimmt? Gab es Helfer? Herbert Lackner gibt in diesem Buch einige Antworten, die man so noch nie oder nur in Nebensätzen gelesen hat.

Es liest sich wie ein Krimi, wenn man von dieser Hetzjagd liest. Menschen, denen das Wohl eines ganzen Landes am Herzen lag, die sich zeitlebens der Kunst verschrieben hatten, die in ihrem Tun die Gegenwart als Basis ihres Schaffens verstanden, wurde die Lebensgrundlage entzogen. Ihr Freundeskreis war zersplittert, in alle Richtungen verstreut. Wiedersehen gab es nur sporadisch – umso heftiger die Freude. Denn überall lauerte Verrat. Misstrauen und Verzweiflung zerrütteten Allianzen.

Mit jedem Schritt gen Westen – im Osten lauerte Stalin, in Holland und Belgien war es ebenso unsicher wie im größten Teil Frankreichs und in Spanien warteten willfährige Helfer Francos auf fette Beute – wuchs die Hoffnung bald schon wieder einem halbwegs geregelten Tagwerk nachkommen zu können. Nicht jede Flucht war erfolgreich. Und die ersehnte Freiheit war auch nicht immer am ganzen Leib spürbar.

Man stelle sich vor wie die deutsche Kulturlandschaft heute aussehen würde, wenn die in diesem Buch so eindringlich beschriebenen Fluchtrouten nicht nötig gewesen wären…

Was mittwochs war, und freitags

Wenn von Afrika die Rede ist, rutscht man schnell in eine Argumentationskette, die einzig allein auf Armut und Elend ausgerichtet ist. Dass diese Armut und diese Elend nicht wegzudiskutieren sind, liegt ebenso auf der Hand. Dennoch lebt der schwarze Kontinent – noch so eine wunderbare Floskel, die verniedlichend, verharmlosend Afrika beschreibt. Dass wirklich einzigartige an Afrika ist, dass es auf diesem Kontinent ein relativ große Übereinstimmung gibt sich als Afrikaner zu sehen. Eine nationale Identität bildete sich erst in den vergangenen Jahren heraus.

Nicht minder sind es afrikanische Autoren, die mit ihrer an Traditionen gehefteten Schreibweise dem Kontinent in unaufhörlicher Weise Stimmen verleihen, die so vielschichtig sind, dass der Versuch sie zu zählen zum Scheitern verurteilt ist.

Bestes Beispiel dafür ist diese Geschichtensammlung aus dem Leipziger akono-Verlag. Uganda, Nigeria, Südafrika sind nur ein paar Länder, die mal kürzer, mal länger von einem Leben berichten, das voller Begehren ist. Und um es kurz zu machen: Ja, auch ums liebe Geld geht’s – ABER: Niemals nur allein, und schon gar nicht vordergründig. Treue und Liebe, Zuneigung und Verlangen, Hingabe und Verzweiflung sind die scharfen Zutaten dieser literarischen Köstlichkeiten.

Da betet eine Frau zu Gott ihr Halt zu geben und Stütze zu sein. Gerade bene lag sie noch mit ihrem Liebhaber in den Federn als plötzliche seine Frau nach Hause kommt. Wie peinlich. Voller Scham wendet sie an den, der ihr die richtige Wahl zu sein scheint. Einzig Zeit und Ort scheinen nicht die rechte Wahl zu sein…

Die Liebe ist heftig, andauernd, aber auch gefährlich und findet oft im Geheimen statt. Typisch afrikanisch? Nicht minder als anderswo. Aber nicht überall wird so offen und hemmungslos darüber geschrieben. Die Kurzgeschichten in diesem Buch brennen vor Leidenschaft. Es lodert nicht, hier sind die Feuer weithin sichtbar.

Die Landschaft hat immer recht

Was für ein Titel – „Die Landschaft hat immer recht“. Auf dem Cover ein einsames Haus und jede Menge Meeresgetier. Schon allein dieses Bild erweckt im Leser eine Vorstellung von dem, was ihn erwarten wird, schlägt er die erste Seite auf.

Doch es kommt ganz anders. Oder besser: Es wird ihn umhauen! Denn – ja, es geht um Fischer und ihre Einsamkeit in der selbst für isländische Verhältnisse trostlosen Gegend – hier kommt eine geballte Ladung Energie auf den Leser zu. Das mag auf den ersten Blick missverständliche aussehen. Halldor ist der Fischer, um den es geht. Er lebt in einem Fischerwohnheim. Hier leben tatsächlich nur Fischer – noch. Man vertreibt sich die zeit mit Spielen, Geschichten von der Arbeit und den Fragen des Lebens wie „Sind Schafe Engel?“. Für die Schönheit der Landschaft hat man wenig übrig. Das Augenmerk der Männer, die in diesem Fischerwohnheim leben, ist in die andere Richtung gerichtet. Aufs Meer. Immer den Horizont im Blick. Und die Fischernetze. Schließlich geht es um den Fangerfolg. Und doch spürt jeder, das hier was fehlt. Ohne es auszusprechen. Wenn sie sprechen, dann ist das Gesagte roh und unverschnörkelt. Eine Frau passt hier nicht rein.

Und trotzdem passiert das Unerwartete. Eine Haushälterin tritt über die Schwelle. Per Annonce hat man sie gesucht – und scheinbar auch gefunden. Halldor spürt mit einem Mal, das noch mehr als Fischer, Netze, Erfolge, Spiele, Zänkereien sein Leben ausmachen. Hier ist etwas im Gange, das er zwar kennt, aber noch lange nicht weiß wie er damit umzugehen hat.

Bergsveinn Birgisson ist ganz behutsam, um die Stille der Einsamkeit nicht zu stören. Auf sanften Pfoten schleicht ums Haus, um die Bewohner und zwickt sie in ihr Gewissen.

Nicht erst beim Zuklappen des Buches ist man baff erstaunt wie ruhig eine so aufwühlende Situation beschrieben werden kann. Wie in einem Meditationsritual führt der Autor den Leser durch seine Geschichte.

Die Versuchung von Syrakus

Reiseimpressionen sind immer ein Appetitmacher auf ein Reiseziel, bei dem man sich entweder nicht sicher ist, ob es das richtige ist oder sie sind der Tropfen, der das Fass der Sehnsucht zum Überlaufen bringt. Oft spaziert man neben dem Autor einher und nickt zustimmend – Ja, das sehe ich genau so. Und dann gibt es Reiseimpressionen, die packen einem am Schlafittchen und treiben einen in den Wahnsinn. Warum nur war ich nicht schon früher hier? Was habe ich schon alles verpasst? Wie um alles in der Welt konnte ich nur so lange warten? „Die Versuchung von Syrakus“ gehört eindeutig in die letzte Kategorie, wenn dieses Buch nicht sogar diese Kategorie auf ein neues Level hebt.

Joachim Sartorius, ehemaliger Intendant der Berliner Festspiele verbringt einen großen Teil seines Lebens in Syrakus aus Sizilien. Wie viel andere auch. Er muss also wissen, was man in der Stadt sehen muss, was sie erlebbar macht. So wie viele andere auch. Doch er schafft mit einer Leichtigkeit dem Leser, dem Sehnsüchtigen diese Stadt schmackhaft zu machen, dass man sich gar nicht getraut zur Serviette zu greifen und sich den Sabber vom Mund zu wischen.

Selbst so eine profane Handlung wie zum Friseur zu gehen, wird zu einer Sache, die man seiner To-Do-Liste unbedingt hinzufügen muss. Wer bisher dachte, dass sich der Ruhm der Stadt einzig allein auf „Heureka-Ich-Hab’s“-Archimedes gründet, wird schnell eines anderen belehrt. Einmal mit Joachim Sartorius durch de engen Gassen der Altstadt zu wandeln, gleicht einer 3D-Animation, in der man sich wie im bequemsten Federbett fühlt. Ortigia, die Altstadt, ist auf einer Insel der Stadt vorgelagert. Sie zu umlaufen, dauert nicht lang. Sie in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Einen umfassenden Vorgeschmack bekommt man hingegen auf den reichlich einhundertsiebzig Seiten dieses Buches. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, verweist auf Eisdielen, Orte zum Erholen und Staunen und richtet den Blick auf großes Offensichtliches und die Kleinigkeiten, die zu einem Giganten anwachsen, wenn man sie entdeckt.

Bei jedem gelesenen Kapitel, bei jedem Umblättern möchte man einen Freudentanz aufführen, weil man sich nun zu hundert Prozent sicher sein kann, dass man den Besuch von Syrakus mit einem echten Kenner in der Hand vollends genießen kann.

Die Hungrigen

Es waren einmal zwei Brüder. Die lebten in einem Städtchen in Süditalien. Um sie herum war nichts. Auch das, was da war, war nichts. Paolo schuftete auf dem Bau. Sein Chef gängelte ihn, wo er nur konnte. Paolo ließ ihn reden. Fraß die Wut in sich hinein. Antonio, der Jüngere der beiden, würde bald die Schule abschließen. Er kannte keine Wut. Nur Hoffnungslosigkeit. Aber die würde sich legen. Davon war er überzeugt. Dass er selbst etwas dazu beitragen müsse, war ihm nicht klar.

Die Mutter verließ die Brüder schon vor Jahren. Ließ sie zurück mit dem gewalttätigen Vater. Doch auch dieses Kapitel ist schon gelesen – den Vater gibt es nicht mehr. Das Nichts um sie herum kompensieren Paolo und Antonio mit Kiffen, Pizza und belanglosem Sex. Das Morgen ist ebenso weit entfernt wie das Gestern.

Unmerklich geraten beide – unabhängig voneinander – in einen Strudel, der ihr Leben gar nicht noch mehr durcheinander wirbeln könnte. Dennoch tut er es. Gewalt und Hass, stumpfsinniger Leichtsinn und eine gehörige Portion Trauer werden alsbald mit Paolo und Antonio ein Triumvirat der Verzweiflung bilden. Immer wieder wünscht man sich beim Lesen, dass der Anfang bitte niemals das Ende sein darf. Denn im Tiefsten ihres Herzens sind die beiden nur verlorene Seelen, die sich krampfhaft aneinander schmiegen, um bloß nicht den Kitt, der sie zusammenhält, fressen zu müssen, um überleben zu können. Doch das Schicksal hat andere Pläne…

Mattia Insolia lässt zwei hoffnungslose Gestalten die Szenerie beherrschen, die eine viel zu große Bühne für zwei Brüder ist, denen jegliche Erfahrung im Leben versagt geblieben ist. Ihnen ist der einfache Weg mit Schuldzuweisungen der einzig verbliebene Weg, um voranzukommen. Die Hürden umlaufen sie, an Klippen hangeln sie sich hinunter. Dem Kick des Springens können sie nichts abgewinnen. Und so betreten sie die unheilvolle dunkle Halle des Abstiegs, um erst am Boden des Grundes zu erkennen, dass ihre Zweisamkeit das einzige Mittel ist, um überleben zu können. Doch da ist es schon zu spät.

Alles Eisen des Eiffelturms

Dieses Buch liest man nicht! Man flaniert durch dieses Buch hindurch. Sind die Füße ermattet, liest man es ein zweites Mal. Werden die Augenlider schwer, träumt man sich in ihm in die Stadt der Liebe, der Künstler, der Flaneure, des Lichts… Und eines Tages trägt am es in der Hand und tut es den Akteuren gleich. Dann, erst dann hat das Buch seinen Zweck mehr als erfüllt. Abgegriffen liegt in den Händen, die die Stadt einfangen wollen. Eselsohren sind die Leitpunkte der zahllosen Spaziergänge durch das Paris, das nicht mehr existiert. Ein Paris, das im Massentrubel ertrunken ist und mit immer wieder neuen erwachenden Angeboten um die Gunst der dürstenden Menge buhlt. Und sich dabei selbst stellenweise aufgibt.

Das Paris dieses Buches ist rund ein Jahrhundert jünger. Walter Benjamin und Marc Bloch. Geistige Väter – für manche Unruhestifter – eines Deutschlands, das in zwölf Jahren den Gegenentwurf zu allem Menschlichen liefert und in Tiefen stürzen wird, aus denen es bis heute nicht vollständig herausgeklettert ist.

Michele Mari ist der Marionettenspieler dieser zwei Köpfe, die in Paris als Passagiere der Verzweiflung gestrandet sind. Mit ihrem Willen gestrandet – ein Widerspruch? Mit Nichtem! Ihre Heimat ist nicht hier. Hier ist lediglich eine erste Endstation. Bis die Braunen und Grauen auch die Farbenpracht der Stadt an der Seine mit ihrem Schlamm bedecken. Es sind sie Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre zuvor. Sie lassen die beiden träumen, ackern, wünschen, hoffen, aber auch verzweifeln, argwohnen, frösteln, trauern. Ihre Bücher sind nur noch Asche. Ihre Namen Schall und Rauch. Doch nicht vergessen.

Sie treffen Menschen, die wir heute als Götter verehren. Namen wie Donnerhall, die in Paris das alte Paris der Künstler suchen, es zum Teil aufbau(t)en, es zu ihrem Paris machten. Und nun? Die Enge der Heimat schnürt Walter Benjamin die Kehle zu. Und bevor dies andere tun, ist er lieber Vertriebener in Paris als getriebener in Berlin. Marc Bloch wird das Versagen der französischen Streitkräfte beim Blitzüberfall der Wehrmacht auch Anfeindungen einbringen.

Michele Mari würfelt Realität und Fiktion derart durcheinander, dass dem Leser schwindelig wird. Hat man erst einmal begriffen, dass es unerheblich ist dies auseinanderhalten zu müssen, ist „Alles Eisen des Eiffelturms“ Pflichtlektüre für den nächsten Trip in die Stadt der Liebe.

Lärm

Konrad Schnittweg ist weg. Abgeschnitten aller Verbindungen zu denen, die einmal eine Rolle in seinem Leben spielten. Nur ein Brief – der Presse zugespielt – verbindet ihn noch mit der Welt. Doch dieser Brief ist mehr als rätselhaft. In dem kündigt er, Konrad Schnittweg, der Psychotherapeut, an einen Europapolitiker umzubringen.

Und schon springt die Presse darauf an. Logisch, denn das ist ihr Job. Berichten, was berichtenswert ist. Die Verbindungen zur RAF sind naheliegend. Schnittweg ist ein gebildeter Mann. Ruhig bis sehr ruhig. Besonnen. Ein Schlingel, wenn es darum geht Frauen zu bezirzen. Ein guter Ehemann. Ruheliebend. Bei seinen Recherchen dem – mittlerweile muss man es so sagen – Phänomen Konrad Schnittweg auf die Spur zu kommen, ist Guy Helminger mitten in einem Puzzelspiel, in dem einige Teile nicht so recht ins Bild passen.

Während Kameraden, mit denen er bei der Bundeswehr gedient hat, ihn als ruhig bezeichnen, der keinen eigenen Musikgeschmack hatte, berichtet seine Ex, dass er seine Hose niemals geschlossen halten konnte. Und dass die Presse in Person von Axel Kleider aus dem Brand der Praxis Schnittwegs am Tage seines Verschwindens eine Riesensache machen will, ist auch nicht unverständlich. Helminger selbst hat Schnittweg schon kennengelernt. Schnittweg auf dem Rad, Helminger im Auto und plötzlich Schnittweg auf der Motorhaube und Helminger erstarrt darin. Nichts passiert. Schönen Tag noch. Wer soll da nicht verwirrt sein?!

Guy Helminger kreiert eine Story um einen Mann, den es so gegeben haben könnte. Auch der mögliche Weg in den Untergrund ist durchaus so oder in ähnlicher Form schon passiert. Man denke nur an Gudrun Ensslin, die aus ihrem Elternhaus (Vater Pfarrer) den Weg in den Untergrund fand und unter anderem mit Andraes Baader, Holger Meins und Ulrike Meinhof die erste Generation der RAF bildete. Für Axel Kleider, den Journalisten, der Schnittwegs Werdegang in der Zeitung breittrat, eben solche Vergleiche zog und Vermutungen anstellte, ein gefundenes Fressen. Doch er weiß nicht alles.

Guy Helminger weiß mehr. Behauptet er zumindest. „Lärm“ ist ein Roman. Die Geschichte, die dahinter steckt, ist umso spannender, weil die Fiktion die Faktenlage komplett schluckt. Alles kann, nichts muss … so gewesen sein. Wer mit wem und wann – Fragmente. Und da das Wort Frage in Fragmente steckt, oh nein … so weit sollte man beim Lesen nicht gehen. Man muss sich in die Geschichte richtig einlesen. So breitet sich vor einem ein Bild aus, das mit einem großen Berg Puzzleteilen beginnt. Zuerst dreht man alle teile mit dem Gesicht nach oben. Man sucht sich die Eckpunkte. Das ist am einfachsten, es gibt nur vier. Dann steckt man den Rahmen ab. Und nach und nach füllt man die Lücken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer zusammenpasst – wenn das Bild komplett ist, freut man sich so sehr, dass man es in die Welt hinausschreien möchte. Vielleicht hört es ja sogar Konrad Schnittweg und kommt zurück. Und dann? Schmeißt er sicherlich den Tisch um. Und die Arbeit beginnt von vorn.

Leichendieb

All das Leid der Welt ist soweit weg für den Erzähler. Terror, Elend, Verwahrlosung, Gewalt – weit weg von seinem Leben. Und außerdem ist Sonntag. Angeln ist zwar weg der Laichzeit nicht erlaubt. Aber raus in die Natur, in die Ruhe – das kann ihm keiner verbieten. Das eine oder andere Bierchen trägt dazu bei sich träge zu fühlen. Sulamita zu Hause kümmert sich um die Kinder. So was grenzt schon fast an Glück.

Und so sitzt er im Grünen, lauscht dem Nichts des Sonntags. Bis ein Brummen, ein Motorengeräusch seine Aufmerksamkeit erregt. Der laute Knall, die Rauchsäule lassen ihn all das erlebte Gute prompt vergessen. Das war’s dann wohl mit der Ruhe am Sonntag! Und nicht nur am Sonntag … Denn nun macht er sich auf dem Weg nachzuschauen. Er watet, er schwimmt zu dem Wrack und sieht die klaffende Wunde am Kopf des Piloten und einzigen Menschen an Bord. Die beruhigenden Worte, dass alles gut werde, helfen nicht viel – der Pilot stirbt in seinen Armen. Ihm schießt durch den Kopf, dass der Mensch an sich nicht gut sei. Denn Gelegenheit macht Diebe. Die Uhr ist nur ein Zubrot im Vergleich zu dem, was sonst noch entdeckt: Ein Päckchen wie aus einem Film. Luftdicht verpackt. Viel Klebeband drumherum, um es vor Feuchtigkeit zu schützen. Ein in zahllosen Filmen geschulter Kennerblick, ein Schnitt, eine Zungenspitze probiert, Taubheitsgefühl: Alles klar – Kokain. Das ist mehr wert als eine goldene Uhr. Wenn man es an den Mann bringen kann. Das trainierte Kaufmannsauge füllt die Päckchen im Kopf schon ab. Ein roter Stern auf jedes Päckchen. Niedriger Preis. Und im Handumdrehen sind ein Kilo und einhundert Gramm reinstes Kokain verkauft. Und sein Neustart in Corumbá läuft so wie er es will. Die Polizei schläft heute Nacht in seinem Arm, in Person von Sulamita. Das sollte also auch nicht das Problem sein. Doch es kommt alles ganz anders. Denn einfach so in einen etablierten Markt einsteigen (und vor allem dann auch wieder „einfach so“ auszusteigen) ist unmöglich – das erzählt ihm seine „Informantin“ bei der Polizei. Und wenn man dann noch ein törichten Fehler begeht, in dem man beim Vater des toten Piloten arbeiten will und ihm anonym den Tod des Sohnes mitteilt … besonders, wenn der Leichnam verschwunden ist … ja, dann … dann sieht man sich mitten in einem Film wieder, in dem man unfreiwillig die Hauptrolle spielt. Jetzt muss er zum Helden werden. Vorerst ist er nur ein Leichendieb.

Patrícia Melo krallt sich mit diesem Buch jeden Leser, der die erste Zeile zum Anlass nimmt weiterzulesen. Immer tiefer schlägt sie ihre Krallen ins Fleisch der Neugier und lässt ihn nicht mehr los. Die Aussicht, dass es bis zur letzten Seite keine Lesepause gibt, spürt man erst, wenn man das Buch wieder zuklappt. Doch Vorsicht! Man wird es vielleicht noch einmal lesen. Und dann schnappt die Falle erneut zu!

Polly Polydeukes

Da sind sie, die Brandlers. Mama, Papa, Sohn und Tochter. In trauter Einigkeit. Tochter Polly ist ein aufgewecktes Mädchen, das boxt und auch sonst nicht auf die Nase gefallen ist. Und wenn es doch mal blutet, dann rappelt sie sich auf, schüttelt sich und … weiter geht’s.

Weiter geht’s ist gar nicht so verkehrt. Für sie geht der Weg weiter, immer weiter, niemals aufgeben. Besonders, wenn man den eigenen Vater sucht. Nicht Herrn Brandler. Ihren Erzeuger sucht sie. Schon ihr ganzes Leben lang. Jetzt bricht sie endlich auf, ihn nicht nur im Herzen, in ihren Gedanken, sondern ganz real, geographisch zu suchen.

Paraguay ist für viele ein Land, das ganz weit weg liegt, von dem na nichts weiß. Armenhaus Südamerikas. Aber auch ein Land, in dem schon früher einmal Deutsche Zuflucht fanden. Und zwar die, die besser keine Zuflucht im Paradies hätte finden würfen. Nazis. Kriegsverbrecher. Menschenschänder. Abschaum. Doch soll Pollys Vater auch einer von ihnen gewesen sein? Immer wieder trifft sie auf Spuren dieser Deutschen, die ihr mit Freude – wegen der gemeinsamen Sprache und Wurzeln – begegnen. Ihr aber auch Misstrauen entgegenbringen, weil sie mehrere Generationen später weit weg von zu Hause rumzuschnüffeln beginnt. Ihr Bruder ist ihr dabei die einzige Stütze.

Auch als sie mit wahren Wohltätern, Jesuiten, in Berührung kommt. Ihre Missionierung vor mehr als einhundert Jahren war nicht minder blutiger als die Gräueltaten der anderen Deutschen, die nun hier unten im Paradies ihre neue Heimat gefunden haben, und die alte Heimat immer noch triefend im Herzen vor sich hinbluten lassen.

Walter Hönigsberger ist nicht dafür bekannt, schnöde Geschichten voller rührseliger Gefühle aufs Papier zu bringen. Er geht in die Tiefe, wie schon in „Clos Gethseman“, in dem er dem Ursprung der ersten Weinbauern auf den Grund geht. Und so auch in „Polly Polydeukes“. Sie muss sich durchkämpfen – durchboxen – bis sie für sich eine Antwort erhält, die ihr genug ist. Hat sie bisher im Boxstall ihrer Gegner zermürbt und mit dem Gong ihren Kampf beendet, muss sie nun in einen Ring steigen, der keine Seile hat, die nachgeben und sie mit neuem Schwung in die Arena zurückkatapultieren. Jeder Niederschlag tut weh. Und ein Ende dieses Kampfes ist noch lange nicht abzusehen.