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Dieses Salzburg!

Schon in Salzburg verliebt? Schon dieses Buch gelesen? Oder noch nie in Salzburg gewesen und dieses Buch auch noch nicht gelesen? Salzburg und dieses Buch gehören zusammen wie Nockerln und Mozart – es geht nicht ohne!

Fast neunzig Jahre sind vergangen als dieses Buch zum ersten Mal erschien. Auf Englisch! Von einem Österreicher geschrieben. Ferdinand Czernin. Er musste Österreich verlassen – seine Einstellung zum Nationalsozialismus ließ ihm keine andere Wahl. Seit 1934 lebte er in London, später in den USA.

Über die Jahre hat dieses Buch seine Einzigartigkeit und Allgemeingültigkeit bewahrt. Das liegt zum Einen an dem einprägsamen Stil. Czernin nimmt sich selbst nicht so ernst, und zum Anderen ist es eine Wohltat zu lesen wie sehr doch der allgemeine Wandlungswahn nicht bis in jede kleinste Ritze vordringen kann. Zu der Zeit als dieses Buch erstmals erschien, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, war Salzburg einfach nur die Stadt mit dem weltberühmten Festival. Max Reinhardt inszenierte den Jedermann. Aus aller Herren Länder pflegte man den situierten Ausflug in die Alpen, um dem kulturellen Hochgenuss frönen zu können. Von gekrönten Häuptern bis hin zur Bohème traf man sich an der Salzach.

Ach und Mozart war für viele auch noch ein Grund hierher zu kommen. Um das Musikgenie kommt man eben nicht herum – auch wenn seine Lebensgeschichte auch eine Leidensgeschichte ist. Ein Genuss zu lesen wie Ferdinand Czernin die Ehehölle Mozarts als Triebfeder für seinen Komponierwahn heranzieht.

Aus heutiger Sicht ist diese – von Gabriele Liechtenstein kommentierte – Ausgabe ein echtes Fundstück. Als Zuckerli zum herkömmlichen Reiseband ist es fast schon unerlässlich. Czernin weist niemanden den Weg zum nächsten Highlight der Stadt. Er ist der gut informierte und eloquente Reisebegleiter, der neben einem herstiefelt und jede Anekdote kennt. Und vor allem nicht für sich behält!

Die elegante Aufmachung des Buches ist nicht mehr als die logische Konsequenz aus der Wiederentdeckung dieses Klassikers. Knallbunt und langlebig praktische Aufmachung wären nur fehl am Platze. Hier zählt der Inhalt, und der soll gefälligst in einem passenden Outfit seinen Dienst antreten. Und das tut er. Unermüdlich. Wissbegierig. Informativ. Und unterhaltsam. Der nächste Salzburg-Aufenthalt wird garantiert ein anderer sein.

Wage es nur!

Man muss ja nicht immer gleich das Schlimmste annehmen. Doch wenn die eigene kleine Welt ins Wanken gerät – und sei es nur im eigenen kleinen Hirn – muss man vorsichtshalber schon mal die Messer wetzen.

So sieht es zumindest Beth Cassidy. Sie ist die Top-Cheerleader an der Sutton Grove High. Auf der Pyramide aus eingefrorenem Lächeln, bunten glitzernden Pailletten und befreiendem Whooo-Rufen steht sie ganz oben. In jeder Hinsicht. Beth sagt, alle (!) Anderen kuschen. Besonders Addy, Addy Faddy. Sie ist Beth fast schon verfallen. Sie gibt ihr Halt – beim Cheerleading ist es umgekehrt…

Eine Tages steht Colette French auf der Matte. Die neue Trainerin der Cheerleader. Trillerpfeife und – das sieht man schon, das sehen alle – eine ausgebuffte Ex-Cheeleaderin. Und sie ist streng. Strenger als ihre Vorgängerin, die nun ihre Rolle als fürsorgliche Mutter ihrer Teenager-Tochter mit Mutterrolle wahrnimmt. Es geht richtig zur Sache. Militärischer Drill ist angesagt. Trödeleien gibt es nicht mehr. Und siehe da: Das Team wird besser, stärker, selbstbewusster. Nur Beth ist irgendwie so gar nicht begeistert von der Neuen. Beths Hauptrolle als unbestrittene number one wackelt gehörig.

Und dabei ist Colette French eigentlich gar nicht das alles fressende Monster. Sie ist professionell und liebenswert. Wer ihr die Harke vor die Füße wirft, dem tut sie nicht den Gefallen drauf zu treten und sich das Gesicht zu ruinieren. Doch Beth sieht das anders. Ganz anders. Sie muss was tun. Sie wird was tun.

Bis es soweit ist, wirft Autorin Megan Abbott ist ihr ganzes Können ihr die Waagschale, um dem Leser auf rund dreihundert Seiten die ganze Kunst der schleierhaften Spannung durch die Adern rauschen zu lassen. Man weiß, dass etwas passiert. Sogar was passiert ist klar – steht ja schließlich auf den ersten beiden Seiten. Wie es dazu kam, und was dieses ETWAS nun genau ist, das baut sich Kapitel für Kapitel, Seite für Seite, Absatz für Absatz langsam auf.

Der Ort ist so typisch Highschool-Amerika, dass es fast schon weh tut. Chocolate-Chip-Cookies, Wodka, Einkaufen am Honeycutt Drive, lässig über die Schulter hängende Collegejacken, Schmollmund – eine Setting wie in einem Teenagerfilm, der am Sonntagnachmittag die Sonne da draußen vergessen lässt. Doch hier brodelt es gewaltig im Kessel der Eitelkeiten. Das Blut spritzt erstmal nur als Galle, die die Zunge tröpfchenweise verlässt. Der bittere Geschmack bleibt jedoch haften. Und irgendwann … es bedarf nur eines kleinen Funken … wage es bloß nicht! Allein schon der Gedanke an Megan Abbotts nächsten Streich lässt die Hände zittern, die diesen noir in den Händen halten. By the way: Männer sind hier nur Staffage.

Wir könnten Dschungel sein

Gibt es wirklich eine endgültige Flucht? Ella versucht zu fliehen. Sie schon weit weg vorn dem, as sie einst umgab. Jetzt ist sie mitten im kolumbianischen Dschungel. Weit weg von allem, was sie einmal verstörte. Doch die Ferne ist nur eine geographische Ferne. Emotional sind ihr die Erinnerungen näher als sie es möchte.

Wie eine tödliche Umarmung ergreift der Dschungel ihre Gedanken. Dringt in sie ein. Und lässt sie nicht mehr los. In Wien ist sie aufgewachsen. Mit einer Mutter, die nicht für sie da sein konnte. Ohne einen Vater. Ihre erste Flucht war organisiert. Paris. Doch auch hier griff eine unsichtbare, dennoch greifbare Macht, nach ihr. An freies Durchatmen war nicht zu denken.

Der Kontinentwechsel – Ella ist inzwischen erwachsen – soll die Befreiung bringen. So wie dem Land. Kolumbien erwacht, die Bevölkerung erhebt sich. Doch das ist noch weit weg. Der Dschungel ist eine Barriere des Fortgangs. In jeglicher Beziehung. Farne peitschen ihr ins Gesicht. Und reißen alte Narben auf. Denn die Vergangenheit ist kein Narbengewebe, sie sitzt tiefer im Fleisch als alles andere. Narben heilen. Erinnerungen verblassen. Doch wie verblassen sie? Verschwinden sie hinter einem Vorhang?

Jedes Kapitel beginnt mit einer Rückblende. Auf den leicht abgedunkelten Seiten wird bruchstückhaft das ganze Ausmaß Ellas Vergangenheit sichtbar. Der Schleier hebt sich Stück für Stück. Die erdrückenden Erinnerungen verharren nicht hinter dem Dickicht der Vergangenheit, sie scheinen hindurch. Die folgenden Seiten ergeben erst im Zusammenspiel mit dem Grau der Erinnerungen ein komplettes Bild. Kein schönes Bild. Aber ein eindrückliches Bild, das Ella ein Leben lang verfolgt hat und noch lange verfolgen wird.

Der Dschungel um sie herum wird zum Freund. Denn er lockt die düstersten Momente ihres Lebens heraus. Die Schmach, die Pein, die Verletzungen liegen nun offen da. Sie wegzuwischen ist allerdings kein einfaches Unterfangen.

Isabella Feimer fügt der lähmenden Atmosphäre eine poetische Note hinzu. Sie macht sich angreifbar mit den „schönen Worten“ des Grauens. Ella kennt bisher nur Schmerz und Unfreiheit. Jede Zeile in diesem Buch ist jedoch ein Ausbruch aus diesem Gefängnis. Das ist die wahre Pracht dieses kleinen Buches, das dem Leser noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Hirn und zehn Finger

Man fragt sich immer wieder, wie es derart kleine Bücher (und damit ist allein nur die haptische Dimension gemeint) immer noch und immer wieder schaffen Vergangenheit und Gegenwart so eindrücklich zu vereinen. Jugoslawien 1943. Die italienische Armee führt Krieg auf fremden Boden. Eine kleine Gruppe von … ja, was sind sie denn?: Slowenen, Kroaten, Serben? Kämpfer? Widerständler? … Menschen! Mit Anstand, Mut und Charisma beraubt die Aggressoren ihrer Munition. Munition im wortwörtlichen Sinne. Um ihrem Mut selbst Munition zu geben – im wortwörtlichen als auch im übertragenen Sinne. In den Wäldern sind sie sicher. Zumindest sicherer als auf weiter Flur. Doch die Sicherheit trügt. Die italienischen Soldaten kommen näher, durchforsten jeden Quadratzentimeter. Flucht oder Angriff? Flucht. Ja, weil sie nur einem Ziel dient: Endlich entscheidend anzugreifen. Die Beute soll die Wende herbeiführen. Und wenn nicht, dann wenigstens einen herben Rückschlag erzeugen.

Es sind junge Männer, vielleicht sogar noch halbe Kinder, die mit dem Mut der Verzweiflung nur ein Ziel kennen: Durchkommen, damit der Diebstahl der Munition nicht umsonst war. Doch die Flucht durch die Wälder, über Berge und Flüsse ist kein Zuckerschlecken. Die einzige Brücke ist hinweggeschwemmt worden. Eine Durchquerung des Flusses äußerst riskant. Blauäugig oder wohl durchdacht? Die Flussquerung wird zum Abenteuer.

Die Gruppe von Partisanen ist ein wild zusammengewürfelter Haufen. Auf dem Papier passen sie gar nicht zusammen. Doch der gemeinsame Feind lassen das Pamphlet der Vorurteile zusammengeknüllt im Morast der Zweifel verrotten. Nicht alle werden durchkommen. Niemand wird Zeit haben die Toten zu betrauern. Und nicht alle werden das ersehnte Ziel erreichen.

Gerald Kersh wacht über diese Truppe vermeintlicher Nichtzusammenpassender wie eine mütterliche Drohne. Er dirigiert sie in die richtige Richtung. Schonungslos lässt er Träume platzen. Unbarmherzig erzählt er ihre Geschichte. Ein kleines Buch, das jedoch auf jeder Seite so bedingungslos offen der Welt die Fratze der Gewalt zeigt. Wer Mut hat, kennt keine Grenzen. Ein Fluss ohne Brücke muss nicht zwangsläufig unüberwindbar sein. Nationalitäten und Ressentiments sind auf Papier gehaltene Klischees, für die das Leben der ultimative Tintenkiller ist. Ein braucht nicht viel, um voran zu kommen. Manchmal reichen ein Hirn und zehn Finger, um Großes zu schaffen.

Marken

Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch: M-A-R-K-E-N. Ist es aber! Und wie! Die Region bietet alles, was das italienische Sehnsuchtsgefühl verlangt: Berge, weite Landstriche und Meer. Und jede Menge Kultur. Und sogar stundenlange Spaziergänge, in denen man nicht einen einzigen Touristen im abgeschmackten Fußballtrikot sieht.

Urbino ist sicherlich das Herzstück der Region. Eine Stadt, die vor Renaissance-Pracht strahlt. Da läuft einem das Auge über. Paläste und Straßencafés, großzügige Plätze und kuschelige Gassen. Und wer ein bisschen nach außerhalb wandert, wird mit einzigartigen Aussichten belohnt, die noch lange anhalten werden. Wie beispielsweise oberhalb der Marmitte-Schlucht bei Fossombrone. Ein grandioses Tal, dessen Hänge sich ihre Wildheit bewahrt haben. Und direkt an der Via Flaminia, die – wie soll es anders sein – direkt nach Rom führt.

Fano hingegen ist wohl nur denjenigen bekannt, die sich Rimini im Norden (gehört aber schon zur Emilia Romagna) schon abgewöhnt haben. Eine 60.000-Einwohner zählende Stadt, die mit ihrer Lage am Meer zu punkten weiß. Es lohnt sich den sauberen Sand- und Kiesstrand zu verlassen, um die Stadt zu erkunden. Und wer ganz genau hinsieht – oder in diesem Reiseband blättert – findet so manches historische Leckerli.

Sabine Becht und Sven Talaron machen einer Region die Aufwartung und zeigen jedem Willigen Orte, Plätze, Aussichtspunkte, die man nie wieder vergessen wird. So vergessen wie es scheint, ist Marken nicht. Zwischen hübsch herausgeputzt, urigen Wanderpfaden und einer traditionellen Küche finden sie noch viel mehr Wissenswertes, das bisher kaum oder noch nie in einem Reiseband vorgestellt wurde. Die Wege sind manchmal etwas weiter als anderswo auf dem Stiefel. Dafür ist hier öfter der Weg das Ziel.

Und wer sich die zahlreichen farbigen Kästen im Buch genau durchliest, staunt immer wieder wie viel typisch Italienisches aus dieser Region stammt. Der Maler Raffael wurde hier geboren, um die vielleicht wichtigste Person einmal zu nennen.

Sassoferrato ist mit Bestimmtheit einer der typischsten Orte in der Region. Ein zweigeteilter Ort – unten geschäftig, oben ganz ruhig – der seine Schönheit jedem ganz offen zeigt. Hier findet jeder, was er braucht. Wenn man sich unter die siebentausend Einwohner mischt, fällt man sicherlich auf – wie an vielen Orten der Marken – doch man fühlt sich im Handumdrehen heimisch. Wer sich bisher noch nicht für die Marken als nächstes Italienziel entschieden hat, dem wird hier eine gehaltvolle Entscheidungshilfe geboten. Wer Marken schon auserkoren hat, wird staunen, was er auf seiner To-Do-Liste noch vergessen hat.

Der Stich der Biene

Wenn der Schein das Sein übertrumpft, ist der Niedergang vorprogrammiert. So einleuchtend dieser Sinnsatz erscheinen (haha) mag, so gehaltvoll ist er im Nachhinein. Wenn man Barnes heißt, in einer irischen Kleinstadt wohnt, trifft es den Kern der Familiengeschichte ziemlich genau.

Dickie Barnes verkauft Autos. Er ist fast der einzige weit und breit, der das tut. Und trotzdem geht das übernommene Geschäft den Bach runter. Seiner Frau Imelda ist das Grund genug ihm endgültig die Liebe zu entziehen. Sie ist die Kleinstadtschönheit, die es genießt eben diese Rolle auszufüllen. Hier, wo man im Coffeeshop erstmal die aktuelle Familiensituation erläutern muss bevor man die dünne aufgebrühte Aromabombe zu sich nehmen kann, wo jeder jeden kennt, wo jeder, der nicht hierher gehört misstrauisch beäugt wird, ist das ein gefundenes Fressen für die Lästermäuler.

Am meisten leidet Cass unter dieser Situation. Sie ist achtzehn. Macht bald ihren Schulabschluss, was für sie kein Problem darstellt. Sie gehört zu den Klassenbesten. Ihre beste Freundin Elaine jedoch wendet sich urplötzlich von ihr ab. Das einstige verschworene Duett geht mit einem Mal getrennte Wege. Die Vertrautheit, die freundschaftliche Enge sind passé.

Der zwölfjährige PJ bekommt natürlich auch mit, dass der Haussegen schief hängt. Freunde machen komische Bemerkungen, das Getuschel in den Straßen beliebt auch ihm nicht verborgen. Wenn er doch nur älter wäre – dann würde er lieber gestern als heute abhauen. Pläne und Ideen hat er zuhauf.

Cass hat auch einen Plan dem Stumpfsinn, der bedrückenden Einöde zu entkommen. Bis zum Schulabschluss will sie dem Tageslicht die Farbenvielfalt des Rausches entgegensetzen. Nicht umsonst ist Irland für seine Destilliertradition bekannt.

Jeder hat einen Plan. Einen Plan, um dem Moment eine Mauer der Gleichgültigkeit in den Weg zu bauen. Doch warum das alles? Was ist denn nun eigentlich geschehen? Je länger man in den siebenhundert Seiten (!) liest, desto mehr fragt man sich, warum es diese bisher erfolgreiche Familie nicht schafft sich der Ursache des Schlamassels zu stellen. Das kann doch nicht alles angefangen haben als Imelda am schönsten Tag ihres Lebens von einer Biene gestochen wurde?! Auch der Unfall ein Jahr vor Cass’ Geburt kann nicht die Wurzel allen Übels sein. Und als Dickie schmerzhaft lernen musste was es heißt ein Mann zu sein, kann das allein nicht der Grund dafür sein.

Unterdessen entdeckt Imelda ihre Liebe zu Big Mike wieder. Der ist Elaines Vater und hatte schon immer ein Auge auf die Kleinstadtschönheit Imelda geworfen. So beschaulich das Kleinstadtleben bisher war – so bedrohlich ziehen dunkle Wolken am Horizont auf.

Paul Murray zeichnet ein graues Bild von der grünen Insel. Die Idylle der in sich geschlossenen Gesellschaft in der Kleinstadt, in der man auf den ersten Blick nichts zu vermissen scheint, ist trügerisch. Ein Jeder träumt vom Ausbruch aus der vorgeplanten Zukunft. Die, die bisher immer hier geblieben sind, haben ihre Träume auf dem Friedhof begraben und sich dem Schicksal ergeben. Die Barnes sind anders. Und doch mittellos, um sich selbst aus dem Sumpf der Verzweiflung zu ziehen. Paul Murray setzt dieser Trostlosigkeit jedoch etwas Besonders entgegen. Mit Wortwitz und Entschlossenheit gibt er den Barnes ein Werkzeug in die Hand, das jeden Widerstand aufzubrechen vermag: Humor.

Wer meint, dass man unbedingt einmal im Leben ein dickes Buch – siebenhundert Seiten – gelesen haben muss, der sollte dieses Buch als mehr als nur eine Option erachten.

Zauberberge

Dieses Buch gehört seit Erscheinen zu den Klassikern! „Der Zauberberg“ von Thomas Mann feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Was schenkt man da zu so einem Anlass? Und vor allem wem schenkt man es? Man beschenkt diejenigen, die dem Werk verfallen sind. Diejenigen, die im Zauberberg bei jedem (kompletten oder stellenweisen) Lesen immer wieder Neues entdecken. Was man schenkt – na dieses kleine Büchlein hier.

Thomas Sparr seziert das Buch einmal mehr und ordnet es neu. Streng alphabetisch. Dabei gibt er sich selbst die Freiheit die Zuordnung zu bestimmen. Denn das Z ist logischerweise für den Zauberberg reserviert. Beziehungsweise sind es gleich mehrere. Also muss die Zivilisation umziehen, und zwar ins C. Dem Zauberer hätte es bestimmt gefallen, auch eine Art I wie Ironie.

Wer den Zauberberg noch nicht kennt, der wird sich in Zukunft mit dem Gedanken herumschlagen müssen das Buch nun endlich bald mal lesen zu müssen. Denn so viele Vorkenntnisse wie nach dem Genuss dieses Büchleins schreien förmlich nach Vervollkommnung dieses Wissensschatzes.

Immer wieder blitzen Zitate auf, die an Aktualität bis heute nichts eingebüßt haben. Beispielsweise beim Thema Antisemitismus. Im Werk ein wacher Gedanke, der die Figuren umtreibt. Und natürlich widmet sich Thomas Sparr auch dem sensiblen Thema Demokratie. Die Selbstverständlichkeit von vor wenigen Jahrzehnten ist wieder einmal ins Wanken gekommen. Vor hundert Jahren waren Diskussionen darüber noch viel schärfer, dennoch nicht minder zukunftsprägend. Und Homosexualität – egal wie offen oder unterschwellig sie nun zutage tritt – ist immer noch ein heißes Eisen.

So manch einer traut sich zu Berge zu versetzen. Thomas Sparr versucht erst gar nicht den Zauberberg zu versetzen. Aber die Sichtweise auf den Jahrhundertroman verändert er für den Einen oder Anderen ganz sicher. Achtzig Seiten geballtes Wissen und Interpretation sind ausreichend, um den Zauber des „Zbg.“ (so hat Thomas Mann seinen Roman in seinen Aufzeichnungen abgekürzt) wirken zu lassen.

Nur in Wien

Das ist das Buch für alle, die schon alles über Wien wissen! Oder zumindest meinen alles zu wissen. Hier wird Wien jedem, den die Stadt in ihren Bann gezogen hat, das vor Augen geführt, was er zwar sehen kann, aber niemals sieht.

Wer sich die Mühe macht – und als Besucher muss man es – die Straßennamen zu lesen, dem fällt, wenn man ihn darauf hinweist, sicher auf, dass hier eine gewisse Norm vorherrschend ist. Das betrifft die Maße, aber auch Schriftbild und die Farbe des Untergrunds. Saphirblau? Kobaltblau? Na, es ist Wiener Blau, selbstverständlich. Das ist nicht schwer, sich das einzuprägen. Aber wie kommen die Maße zustande? „27 cm in der Breite, bei einer Höchstlänge von 98 cm“ – so steht es in en Vorschriften. Das waren die Maße der Abfälle bei der Badewannenproduktion. Denn die Firma, die die Schilder herstellte, begann mit Badewannen.

Offensichtlicher sind da schon die Geländer an den Wiener Stadtbahnen. Unverwechselbarer Stil von Otto Wagner. Und das Grün ist auch gefällig. Und so unterschiedlich? Das Wagner-Grün unterschiedlich? Der Stararchitekt der Donaumetropole hat doch alles akribisch notiert, erarbeitet und überwacht. Wie kann es sein, dass an einem am weitesten verbreiteten Hauptwerk solche Unterscheide auftreten? Zum Einen waren die Geländer zu Lebzeiten nicht grün. Mehrere Schichten Grau – das kannte er. Zum Anderen sind mehrere Institutionen mit der Erhaltung der Geländer beschäftigt. Da es aber keine Aufzeichnungen zur Farbgestaltung gibt, wurde es halt Grün. Reseda-Grün ist vorherrschend, aber nicht allgegenwärtig. Ein Fest für Instagrammer!

Wolfgang Freitag schreitet durch Wien wie ein allwissender Sherlock Holmes. Ihm fallen Dinge auf, die mindestens 99 Prozent der Anderen niemals auffallen würde. Das beginnt bei Kanaldeckeln – jeder, der „Der dritte Mann“ gesehen hat, sucht nach dem viereckigen Kanaldeckel, durch den Harry Lime griff (by the way: Die Fingergehören nicht dem Darsteller Orson Welles, sondern dem Regisseur Carol Reed – Mr. Welles war sich zu fein, um in die Kanalisation hinabzusteigen …) – die sind rund, im Film viereckig. Und heute genormt – warum? Ein Blick ins Buch macht jeden Ausflug durch die Stadt zu einem Abenteuer.

So hat man Wien noch nie gesehen, und Wien wird von nun an ein anderes Gesicht zeigen: Offener, vielfältiger und weil so manches Geheimnis jetzt gelüftet ist, wird die Stadt noch reizvoller.

k.o.

Eine Kindheit im Süden – das sind sonnenüberflutete Tage, unbeschwerte Stunden. Nicht für Biagio. In den 80ern lebt der Halbwaise mit seinem Vater in einem süditalienischen Dorf. Hier ist nichts. Sein Vater ist der Metzger des Ortes und genießt so etwas wie Ansehen. Der Kleine hat nichts vom „Ruhm“ des Vaters. Als ein verheerendes Unwetter den Ort dem Erdboden gleichmacht, zieht die Dorfgemeinschaft auf die andere Seite des Hügels. Das laue Lüftchen, das zumindest ein paar Momente Abkühlung verspricht, trägt den muffigen Hauch des alten Dorfes mit sich. Biagio ist kein guter Schüler. Und sein Vater kein guter Vater. Abwechslung scheint die neue Freundin des Vaters zu versprechen. Doch Biagio lernt früh, dass Versprechen nicht immer gehalten werden.

Der schmächtige Junge – ganz der Vater, zumindest figürlich – wächst heran und hält sich mit Boxen die unausweichlichen bösen Gedanken vom Leib. Doch auch hierin ist er kein Meister. Das lässt ihn sein Vater bei mehreren Gelegenheiten spüren.

Selbst die erste Liebe – Sara, die Tochter des Bäckers – bringt kein menschliches Gefühl der Zuneigung in ihm hervor. Sie ist Mittel zum Zweck. Man hält Händchen, fummelt – auf ihr Drängen hin – ein wenig. Aber Zuneigung oder gar Liebe, dazu ist Biagio nicht im Stande. Dennoch heiraten die beiden. Für sie der ganz normale Werdegang. Für ihn mangels Alternativen das, was man halt so macht, was man erwartet. Tief im Inneren spürt Biagio aber, dass er hier im Süden, in diesem verkommenen Kaff einfach nichts zu suchen hat. Er ist verloren im eigenen kleinen Kosmos.

Zu diesem Kosmos gehört auch Vittorio. Er trägt gern Frauenkleider und bezahlt die Männer dafür, dass sie ihm unter den Rock grabschen. Genau dieser Vittorio ist es aber, der Baigio die Augen ein wenig öffnen kann. Ganz anders sieht es mit Aleco aus. Er eröffnet Biagio eine neue Welt, eine ferne Welt, eine gefährliche Welt…

Maurizio Fiorino wirft seinen Helden Biagio in eine düstere Welt, deren Grenzen keinen Hoffnungsschimmer durchlassen. Und trotzdem liest man Seite für Seite mit einem Lächeln im Gesicht. Die Zuneigung zu seinen Figuren und die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, dass sich alles doch noch zum Guten ändern wird, tragen den Leser auf Händen. Und schlussendlich hat Biagio doch die Möglichkeit sein Leben selbst noch einmal zusammenzufassen. Ende gut alles gut? Das entscheidet jeder für sich selbst. Eine sensibles Thema, raue Umgebung und nicht einmal fallen die Worte, um die es letzten Endes geht… auch an dieser Stelle nicht. Schweigen ist Gold!

Das Geständnis

Das kann doch mal passieren: Da verwechselt man mal einen Buchsteban oder einen Neman. Der Schriftsteller Mizuno erwacht eines Morgens und weiß sofort, dass er einen solchen Fehler in seinen Roman eingebaut hat. Unbewusst! Sofort meldet er sich in der Redaktion der Zeitschrift, bei der sein Roman erscheinen soll. Den Abgabetermin hatte er schon um drei Tage überschritten. Und deswegen erklärt man ihm unmissverständlich, dass es für eine Korrektur längst zu spät sei. Mh, was nun?

Denn der Fehler ist kein kleiner, und er könnte, nach Mizunos Auffassung noch viel weitreichendere Folgen haben. Mizuno ist der perfekte Mord gelungen. Literarisch. Wie immer hat er für seine Figuren bekannte Personen verwendet, ihr Aussehen, ihre Angewohnheiten und … vor allem … ihre Namen verfremdet. Dieses Mal ist es sein Schriftsteller-Kollege Kodama, den er einem fiesen mord zum Opfer fallen lässt. Kodama, so nennt er ihn im Roman. Kojima heißt er in Wirklichkeit. Man kennt sich, grüßt sich, mehr aber auch nicht. Eine gesunde Distanz. Blöd nur, dass auf den aus dem fiktiven Kodama der reale Kojima geworden ist. Der wird sicher sauer sein. Aber vor allem könnte ein begieriger Leser der Geschichte sich dazu „verpflichtet fühlen“ in die Rolle des Schattenmanns zu schlüpfen und „in echt“ den realen Kodama / Kojima ins Jenseits befördern.

Und was, wenn die Polizei der Geschichte auf die Spur kommt, daraus schlussfolgert, dass Mizuno eine Anleitung zum perfekten Mord gegeben hat? Puh, das kann ganz schön knifflig werden. Zumal Mizuno alles – ALLES! – in seiner Geschichte detailliert aufgeschrieben hat. Mizuno braucht jetzt schon mal ein Alibi. Vorausschauend muss er jetzt sein – wäre er das mal vor ein paar Tagen gewesne als er die letzten Seiten geschrieben hat.

Fräulein Hindenburg könnte die Rettung sein. Eine Prostituierte aus Deutschland, daher der eigenwillige Name. Mizuno zahlt im Voraus, man ist sich einig. Vielleicht ist er aber auch übervorsichtig und der 25. – der Todestag von Kodama / Kojima – wird gar nicht so schlimm werden.

Autor Jun’ichirō Tanizaki gibt seinem fiktiven Kollegen Mizuno keine Chance. Kojima stirbt. Mord. Und natürlich sitzt Mizuno bald schon der Polizei gegenüber… Mizuno drängt sich ein böser Verdacht auf. Wer weiß alles von dem Fehler in dem Manuskript? Und wer könnte darin eine Chance sehen dem Autor eines auszuwischen?

Bis zur letzten Seite rätselt man wie denn nun der Titel des verworrenen Krimis zustande gekommen ist. Erst auf den letzten Zeilen kommt die Wahrheit ans Licht. Wer es sich angewöhnt hat letzte Seiten eines Buches immer zuerst zu lesen, bekommt hier die Lektion seines Lebens. Ein Buch beginnt mit der ersten Seite. So war es, so ist es, so soll bleiben! Denn sonst verpasst man die Spannung eines Romans, der fast hundert Jahre nach einer Premiere nichts von seiner Intensität verloren hat.