Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Along the road

Um es vorweg zu nehmen: Alles, was Aldous Huxley bereits vor einhundert Jahren besuchte, was ihm passierte, kann man heute auch noch so erleben. Nur eben nicht so abgeschieden, so individuell, so neuartig.

Würde Huxleys heute noch reisen und darüber schreiben, würde sein Instagram-Account überquellen und übereifrige Reise-Influencer würden sich überbieten noch schönere, eindrucksvollere – bessere? – Fotos ins Netz zu stellen. Und das alles nur, um dem alten Meister zu zeigen, dass sie ihm schon in jungen Jahren das Wasser reichen können. Huxley benutzt

Aber keine Filter – und schon ist die ganze Illusion dahin…

Also doch Aldous Huxley folgen! Mit ihm und leichtem Gepäck in Italien einer Prozession folgen. Ohne nerviges Gedränge von Desinteressierten, die nur darauf warten das eine, ultimative Foto zu schießen. Das sind genau diejenigen, denen Huxley am Beginn des Buches eine Breitseite verpasst. Reisen, um sich einer Schicht zugehörig zu fühlen, die nicht die eigene ist. Es ist Huxleys Liga, in die man versucht einzudringen, wenn man den x-ten Eisladen in bella italia „mit dem besten Eis der Welt“ postet. Huxley sind diese Freuden nicht fremd. Auch er sucht – vielleicht nicht nach dem besten Eis der Welt. Jedoch nach den einmaligen Erlebnissen, die er dann gern mit seinen Lesern teilt.

Einhundert Jahre ist es her, dass dieses Buch zum ersten Mal erschien. Es dauerte fast eben diese einhundert Jahre bis es auf Deutsch erscheint. Umso erfüllender ist es zu lesen, dass sich im Grunde fast nichts verändert hat, wenn man reisen will. Die Neugier war, ist und bleibt die Antriebsfeder eines jeden Abenteuers. Der Palio in Siena ist aber heutzutage ein Spektakel, das dermaßen viele Touristen anzieht, dass das eigentliche Ereignis nur schwer zu genießen ist. Huxley hingegen konnte sich – wenn auch mitten in den Massen der meist Einheimischen – mit der Tradition eingehender beschäftigen.

Wer bei Huxley und Reisen an seine Drogenerfahrungen denkt und meint „Along the road“ ist ein weiteres Werk in eine bunte Welt einzutauchen, liegt erst einmal falsch. Die einzige Realitätsveränderung führt er durch eine Brille herbei. Und selbst dieser kleine Kunstgriff kann heute immer noch für eine andere Sicht auf Landschaften hilfreich sein.

Der sterile Untertitel „Aufzeichnungen eines Reisenden“ konkurriert mit dem Inhalt auf jeder Seite, in jeder Zeile. Diese Reiseeindrücke gehören in jedes Reisegepäck. Nicht nur, um zu schauen, was sich in den vergangenen einhundert Jahren verändert hat. Nein, es erdet den Abenteurer und gibt den Blick für das einzig Wahre frei.

Wie Jesus das Lübecker Marzipan erfand

Die Auswahl an Verlegenheitsgeschenken ist schier unendlich. Bücher jedoch aus der Verlegenheit heraus zu kaufen, geht meist in die Hose. Sich bewusst für ein Buch zu entscheiden, stellt für den Einen oder Anderen eine Herausforderung dar. Hat der zu Beschenkende einen Lieblingsautor? Und was, wenn er oder sie schon alles von ihm oder ihr gelesen hat? Irgendwas Witziges ist auch ein zweischneidiges Schwert. Humor kann so vielfältig sein …

Lorenz Meyer hat – vielleicht unbewusst – die perfekte Lösung geschrieben. „Wie Jesus das Lübecker Marzipan erfand“ ist das – leider einmalige – Geschenk für alle mit Grips und einem Hang zum Lesen. Denn hier werden Fans von Thomas Mann, Astrid Lindgren und Simone de Beauvoir gleichermaßen ihr Aha-Erlebnis haben. Wie soll das denn gehen? Von allen ein bisschen? Ein wildes Weihnachtsgebäck, das mit einer wilden Mixtur aus allerlei Zutaten die Geschmacksnerven Amok laufen lässt? Nein. Drei Dutzend mal die Weihnachtsgeschichte, drei Dutzend unterschiedliche Stilarten dem Jesuskind und seinen Eltern ein Denkmal zu setzen.

Los geht’s – der Titel lässt es erahnen – mit Familie Mann. Eine Kaufmannsfamilie sitzt finanziell in der Patsche. Als dann auch noch die über alles geliebte Tochter, Maria, den nicht standesgemäßen Josef heiraten will, hängt der Haussegen nur kurz schief. Doch als dem ungleichen Paar Nachwuchs ins Haus steht – Maria beteuert unter Tränen, dass sie nichts Unrechtmäßiges mit Josef getan habe – ist das Tischstuch zwischen elterlichem Hausidyll und jugendlicher Verliebtheit zerschnitten. Das Paar schweißt diese Tatsache aber fester zusammen. Bei einem Haustürgeschäft erwerben sie wertvolle Backzutaten. Ist klar wohin die Reise des Buches gehen wird?!

Es ist ein Hochgenuss sich dem Treiben der Heiligen Familie zu widmen. Und wenn man die guten Vorsätze einmal ein wenig zu seinen Gunsten umformulieren möchte, ist Kurt Tucholsky nicht zwingend der schlechteste Ratgeber… Hugo Ball … ja … da ist man … da … da … genau das! Und wie würde eigentlich Tom Ripley die letzten Tage des Jahres verbringen. Genauso mörderisch wie Agatha Christie?

Ein Bücherregal voller Mistelzweige, strahlender Augen, unendlicher Freude, tief sitzender Gefühle – auf alle Fälle das erste und ungewöhnlichste Buch zum und rund ums Fest!

Stürzende Feuer

Es gibt durchaus schönere Anlässe in die Heimat zurückzukehren als der Tod eines Verwandten. Martin-Heinz Douglas Baron von Bora ist es einerlei, warum er nach Berlin „darf“. Ja, darf! Es herrscht Krieg, Juli 1944, er ist in Italien stationiert – nicht ganz freiwillig – und sein Onkel Prof. Dr. Alfred Johann Reinhardt-Thoma wird zu Grabe getragen. Zugegen ist eine ziemlich große Ansammlung von Würdenträgern des Regimes. Der Professor war geachtet, selbst der Führer kondoliert. Martin Bora sind  allerdings die Umstände des Todes seines Onkels noch immer nicht ganz klar.

Er hat jedoch keine Zeit sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht einmal genug Zeit, um seine Mutter zu treffen oder gar mit ihr zu reden. Im Sanatorium in Beelitz bekommt er von einem ehemaligen Mitstreiter an der Ostfront eine Warnung mit auf den Weg. Martin steht mächtig unter Stress!

Alle in Berlin scheinen etwas zu verheimlichen. Oder spielen ein doppeltes, ein komisches Spiel. Alles ist so angespannt. Als der Chef der Reichskriminalpolizei ihm den Auftrag erteilt einen Mordfall zu untersuchen, steht Oberstleutnant Martin Bora vor einer Aufgabe, die Fingerspitzengefühl braucht, die ihn extrem fordern wird und die ihm mehr kosten kann als er sich anfangs noch vorstellen kann.

Bora soll den Mord an Walter Niemeyer aufklären, ebenso an dem Magier Magnus Magnusson. Genauso wie den an Sami Mandelbaum. Und jetzt kommt’s: Alle sind ein und dieselbe Person. Niemeyer steht in der Geburtsturkunde, die anderen Namen sind Künstlernamen. Sami Mandelbaum – der Name legt es nahe – dafür kommen allerhand Leute in Frage. Ein Opfer mit jüdischem Namen – da einen Verdächtigen dingfest zu machen, war ein Leichtes. Doch so einfach ist die Sache dann eben doch nicht.

Boras Ermittlungen führen ihn in Kreise, in denen er sich allein durch seinen Namen leichter Zugang verschaffen kann als so mancher Großstadt-Colombo. Umso schwieriger sind dann aber die Ermittlungen. Selbst vor dem Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres muss Bora eine gute Figur machen. Und dieser Stabschef hat ein großes Geheimnis. Das kann man getrost an dieser Stelle verraten, denn dieser Herr ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg…

Ben Pastor reitet mit „Stürzende Feuer“ auf der literarischen Rasierklinge. Immer nah am Abgrund des Bedeutungskitsches, immer nah an der blendenden Gefahr ins Reich der Phantasie abzugleiten. Mit immenser Recherchearbeit setzt sie reale und fiktive Figuren an den Tisch ihrer Geschichte und lässt ihrem Spieltrieb freien Lauf.

Die Kichererbesen der Senora Dolores

Leidenschaft zu entwickeln, ist ein hehres Ziel. Um es kurz zu machen: Stevan Paul schafft es mit jeder seiner Geschichten eine Sehnsucht hervorzurufen wie das selten gelingt.

So wie in der titelgebenden Geschichte um Señora Dolores. Die erwacht in einem Garten. Aber es ist nicht ihr Garten. Felipa und Antonio gehört der Garten. Und sie sind verwundert über den plötzlichen Gast. Ein Sherry wird die Stimmung auflockern und vielleicht die Erinnerung von Señora Dolores zurückbringen. Doch erst der exzellente Duft ihres Menüs und der Besuch von Felipas Papa, dem dieser Duft seit Jahrzehnten vertraut ist, bringt Licht ins Dunkel. Und nach so viel Leidenschaft fürs Essen … muss man sich erst einmal stärken. Wie wäre es mit den Kichererbsen von Señora Dolores? Rezept am Ende des Kapitels.

Das ist der rote Faden, der sich durch das gesamte Buch zieht. Liebevolle Geschichten, die man sich am Tisch erzählt, während man ein köstliches Mahl genießt. Bücher haben diese Macht Menschen zusammenzubringen!

Sie verführen mit Worten, Mahlzeiten und ihre liebevolle Zubereitung regen die Sinne an. Schon allein die bloße Erwähnung von Miso-Grünkohl mit Pfeffer-Birnen oder eine auf den ersten Blick einfache Blechpizza Berlin oder Hähnchenherzen-Ragout machen Appetit.

Dieses Buch ist eine Weltreise, die man nirgends buchen kann. Lesen rund um den Globus und kapitelweise genießen – so genießt man richtig. Immer wieder bereichern Bücher wie diese die Bücherregale. Garantiert wird dieses Buch in so manchem Haushalt zu den abgegriffensten Büchern gehören. Immer wieder blättert man darin, liest die eine oder andere Geschichte noch einmal und macht sich anschließend an die Arbeit selbst zu schreiben. Den Einkaufszettel. Minigurke, Zwiebel, Knoblauch, Butterschmalz, Linsen, Masala, Currypaste, Gemüsebrühe, Tomatenragout, Pinienkerne, Sesam, Joghurt, Minze, Salz, Zitrone, Koriander und Piment. Nur so entsteht Rote Curry-Linsensuppe mit Gurken-Minz-Joghurt. Und man muss gar nicht mal so weit reisen, um es original zu erleben – wie die vorangestellte Geschichte eindrucksvoll beweist…

DeVriendt kehrt heim

Die Welt ist rund, hat keinen Anfang und kein Ende. Und trotzdem brennt es an allen Ecken und Enden. Und schon jetzt laufen die Vorbereitungen für den Jahrestag für den neuerlichen (andauernden) Nahostkonflikt. Medial, propagandistisch, militärisch, geheimdienstlich, selektiv, alliiert. Und dann platzt so ein Buch – zum wiederholten Mal – in die Zeit. „De Vriendt kehrt heim“ von Arnold Zweig. Der erste historische Roman über den Konflikt von Arabern und Juden, die in einem Land leben … sollte man „müssen“ noch anfügen?

In Jerusalem des Jahres 1929 lebte Dr. Jizchak Josef De Vriendt, Holländer, Dichter, Jude. Ebenso hat es Lolard B. Irmin hierher verschlagen, Brite, Agent, … . Und besorgt um das leibliche Wohl von De Vriendt. Dessen Meinung zur Religion und deren Auslegung sind einfach zu vielen in der Stadt, in der Region Palästina, ein Dorn im Auge. Doch De Vriendt zur Mäßigung zu bewegen, ist ein sinnloses Unterfangen. Das ehrt De Vriendt zum Einen, stellt aber zum Anderen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Und es kommt wie es kommen muss. Ein Schuss, nicht unbedingt in schwarzer Nacht lässt De Vriendt seinen letzten Atemzug machen.

Ein Kriminalroman? Die Ermittlungen müssen auf einem stillen Parkett durchgeführt werden. Denn die Stadt ist ein Pulverfass. De Vriendts Schriften störten zu viele. Und dass er auf Knaben stand, macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil. Es erhöht den Kreis der Verdächtigen immens um einige Fanatiker.

Arnold Zweig hatte in der Figur J. I. de Haan das reale Vorbild für Dr. Jizchak Josef De Vriendt gefunden. Ein Politiker, der fünf Jahre zuvor ermordet wurde. Das Gezerre um die Deutungshoheit der Stadt Jerusalem, die Rivalitäten zwischen unter religiösen Gruppierungen und der aufkommende Nationalismus – ja, der Roman ist fast einhundert Jahre alt und die Probleme sind immer noch auf dem Tapet der Weltpolitik – bilden die Grundlagen für diesen Roman.

Kopfschüttelnd reißt man fast schon die Seiten heraus, weil einem der Fortgang der Geschichte in Atem hält. Vielleicht findet sich ja zwischen den Zeilen die Lösung für die anhaltenden Probleme der Region?! Die unbeirrbare Idee einen Roman zu schrieben, der der aktuellen politischen Situation exakt entspricht, sich einer historischen Figur wahrheitsgetreu anzunähern, ihr ein literarisches Gewand der Haute Couture auf den Leib zu schneidern und darüber hinaus ein zeitloses Werk zu schaffen – darin liegt der unermessliche Wert dieses Buches. Und endlich in einer äußeren Hülle, die ihm gerecht wird. Wer keine Angst vor der Wahrheit hat, wem die Gegenwart lieb ist, der kommt um diese Ausgabe nicht herum.

 

 

Blutorangen

Jeder Emotion, jeder Empfindung kann man eine Farbe zuordnen. Das reicht vom letzten Versuch – lila – bis zum neidischen Gelb und dem hoffnungsvollen Grün. Und der Geschmack? Der ist Rot! Die Salto-Reihe ist gespickt mit genussvollen Geschichten, die einem das Wasser im munde zusammenlaufen lassen. Dort, wo klassische Reisebücher ihre Grenzen erreichen oder – j nach Sichtweise – noch gar nicht beginnen können, setzen die kulturhistorischen Abhandlungen ihre Duftmarken. Nun ist es an der Zeit, dem Duft des Südens, genauer gesagt Italiens, ein Lesemal zu setzen. „Eine Reise zur den Zitrusfrüchten Italiens“ – Es geht nicht ohne, nicht ohne ungewöhnliche Formen so mancher Zitronen von Cinque terre bis Amalfi. Es geht nicht ohne den Duft der Orangen durch Sizilien zu reisen. Und die Bergamotte erst – von Ligurien über das englische Frühstück bis hin zum vierziffrigen Parfumdauerbrenner … es geht nicht ohne.

Und dabei geht es nicht nur um den lukullischen Genuss, der an jeder Straßenecke im wahrsten Sinne des Wortes greifbar ist. Von literarischen Werken bis hin zu Fresken – wohin das Auge blickt: Agrumen, Zitrusfrüchte, säumen das Blickfeld.

Für Stendhal war der Süden der Ort, wo die Orangen aus dem Boden wachsen. Für Leckermäuler gehört ein Spritzer Zitrus zur Pasta, um überall auf der Welt bella italia zu spüren. Und für jeden, der dieses rote Büchlein in den Händen hält ist jede Seite Fernweh und dessen Linderung zugleich. Die unvermeidlichen Rezepte im Buch tun ihr Übriges…

Es ist erstaunlich, was man literarisch aus Zitrusfrüchten machen kann: Die bittere Wahrheit aus Ligurien – chinotto, als erfrischende Limonade in allen erdenklichen Größen überall im Supermarkt erhältlich. Koschere Zutaten, die den Süden in jedes noch so einheimische Gebäck hineintragen. Überbordender Genuss in den Gärten der Medici.

Dieses Buch ist Dauerbegleiter im „Land wo die Zitronen blühen“. Man handelt nicht mit selbigen, wenn man einmal pro Tag darin blättert und den Marktrundgang zu einem neuerlichen einzigartigen Erlebnis macht. Unzählige Bücher sind über Italien und die Lebensweise geschrieben worden. Alle haben ihre Berechtigung und machen süchtig. „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“ wirkt schneller und tiefer als alle anderen Bücher. Denn auch ohne Duftseiten verströmen die einhundertvierundvierzig Seiten ein Aroma, dem man sich nicht entziehen kann. Warum sollte man auch?!

Berühmte Frauen der 50er und 60er Jahre

Liselotte Pulver – das Ambiente kann noch so trist sein, es dauert nicht lange bis die Stimmung ins knallbunte kippt.

Francoise Sagan – ikonischer Freigeist, der der eigenen Unnachgiebigkeit erlegen ist.

Niki de Saint Phalle – ihre Nanas werden alle Zeiten überleben und ihren Namen bekannt halten.

Brigitte Bardot – ewige Verlockung mit dramatischen Wendungen, die sich selbst nur schwer akzeptieren kann.

Maria Callas – von Ängsten geplagtes Einmal-Talent, deren Stimme nachfolgende Generationen ins Zittern geraten lässt.

Nur vier – durchaus die berühmtesten dieses Buches – Namen, Ikonen, Frauen einer Zeit, die nur auf dem Papier vergessen scheint. Stilistisch prägen die 50er und 60er Jahre noch heute das Erscheinungsbild von Städten und Menschen – Stil vergeht nicht.

Wie im Rausch blättert man durch dieses Buch und erfährt selbst über die, die man zu kennen glaubte, noch Neues und wundert sich, dass es einem als neu erscheint. Denn alles ist bekannt. Prinzessin Soraya, die erste Frau des letzten Schahs von Persien, war die Getriebene nach ihrer Scheidung von Mohammad Reza Pahlevi. Ruhe Stunden, Minuten, gar Sekunden kannte sie nicht. Irgendwo lauert immer eine Kamera. Und wenn nicht physisch, dann zumindest in den Gedanken der traurigen Prinzessin. Erst Jahrzehnte später wurden gesetzliche Vorlagen geschaffen, die die Privatsphäre derartig berühmter Menschen ein wenig besser schützen sollen. Ihr Verdienst.

Charlotte Ueckert hat sich Symbolfiguren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg herausgepickt und ihre ikonische Stellung und deren bis heute anhaltende Wirkung, herausgearbeitet. Herausgekommen ist mehr als nur eine bunter Blätterwald für all diejenigen, die „ach ja, die kenne ich noch … von damals“ mehr als nur eine Erinnerungslücke ansehen. Die Werke von Doris Lessing werden ihren Namen nie verblassen lassen. Ebenso das Werk von Niki de Saint Phalle. Die Aufführungen der Callas laufen in digitalisierter Aufbereitung noch heute in Kinos. Und die Bardot ist und bleibt das Sex-Symbol – ob sie es nun will oder nicht – ihrer Zeit. Sie alle sind auf irgendeine Art und Weise haltbar gewordene Erinnerungen. Doch meist sieht man nur ihre Hülle. Je mehr man in dieses Buch eintaucht, desto mehr gräbt man sich in das Leben der vorgestellten Frauen, die mehr waren als Beiwerk oder zweidimensionaler Augenschmaus für Jung und Alt, Mann und Frau. Ihr Tun hat mal mehr, mal weniger merklich Spuren hinterlassen, die niemand mehr verwischen kann. Dieses Buch hilft eindrucksvoll dabei diese Spuren zu erkennen.

Herz der Finsternis

Afrika, mittendrin, ganz tief drin … im Herz der Finsternis. Ein Traum. Auch für Jósef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Joseph Conrad hat er sich später genannt, und unter diesem Namen wurde er weltberühmt. Auch und besonders für „Herz der Finsternis“. Und wie seine Crew im Buch, der Erzähler und der Kapitän Marlow – unverkennbar Conrad selbst – reiste er. Doch nicht mit der Kamera in der Hand – nicht nur, weil Kameras im 19. Jahrhundert vielmehr Platzfresser als nützliches Erinnerungswerkzeug waren – sondern mit dem Herzen. Conrad bereiste, was möglich war.

Afrika war seine große Liebe. Auch wenn es im Buch manchmal nun wirklich nicht so aussieht. Auf dem Kongo ist was los! Waren werden von A nach B geschippert. Menschenhandel allenthalben. Die belgischen Kolonialisten überziehen brutal das Land.

Unvermittelt soll der Agent Kurtz aus dem Dschungel geholt werden. Er hat sich ein kleines reich geschaffen, das er mit harter Hand regiert. Und das ist den Machthabern ein Dorn im Auge. Auch und vor allem, weil die Gefolgsleute von Kurtz ihm blind folgen. Der Agent wird aufgetan, folgt brav und …

Bei dem Namen Kurtz, der Dschungel-Location klingeln bei allen Cineasten die Ohren. Na klar, das ist doch die Geschichte aus „Apocalypse Now“. Es ist natürlich umgekehrt, denn die Geschichte erschien bereits 1899, der Film erst acht Jahrzehnte später. Und mit diesem Wissen im Hinterkopf baut sich vor dem Leser eine Kulisse auf, die an Gigantismus nicht zu überbieten ist. Man spürt die drückende Hitze. Die Enge des Spielraums, der den Handelnden zur Verfügung steht ist beklemmend. Und immer wieder die feine, schneidende Humor, der bin in die kleinste Räume vordringt. Happy life an exotischen Orten ist anders. Hier herrschen andere Regeln, und man hat Zeit sich um die existenziellen Fragen des Lebens zu kümmern.

Jede Passage der Geschichte ist es wert mehrmals gelesen zu werden. Die eindrücklichen Beschreibungen von Natur, dem Leben in der Ferne, dem Elend und der ungezügelten Wut kleben den Leser an dieses Buch. Das praktische Format lässt keine Ausreden zu – von wegen, kein Platz für Literatur im Koffer. Dieses Buch passt in jede Gesäßtasche. Aber das buch gehört in die Hand, vor die Augen, in den Sinn. Für Immer! Zeitloser Klassiker, der in finsterster Nacht strahlt!

Spatriati

Zieht man eine Übersetzungs-App zu Rate, was Spatriati bedeutet, kommt man dem Kern nur sehr zögerlich nahe. Auswanderer, im Ausland lebende. In Apulien, wo Claudia und Francesco leben, nennt man so diejenigen, die nicht so recht ins Bild passen. Und Claudia und Francesco sind die idealen Aushängeschilder für diesen Begriff. Ist es bei Claudia vordergründig ihre äußere Erscheinung – allein ihr Teint und ihre Haarfarbe passen so gar nicht ins vorgefertigte Bild vom Süden – so ist es bei Francesco seine – ebenso wenig mit Süditalien in Verbindung gebrachte – Verschlossenheit.

Er ist verliebt in Claudia. Es ihr zu sagen, käme ihm aber nicht in den Sinn. Das ausgeflippte Mädchen mit den roten Haaren und der Mozzarella-Haut (farblich) sieht in ihm eigentlich nur einen Leidensgenossen. Zum ersten Mal kommen die beiden n Kontakt als Claudia Francesco eröffnet, dass seine Muter ihren Vater liebt. Und sie zusammenwohnen. Francesco hat das nicht mitbekommen. Aber so richtig wundern kann er sich nicht darüber. Er war und ist ein Einzelgänger mit eigenen Gedanken. Aber so kommt er wenigstens mit Claudia in Kontakt…

Doch die Freude währt nur kurz. Claudia hat ihren eigenen Kopf. Und ihre eigenen Ideen. Und Wünsche und Pläne. Da passt niemand mehr dazu. Schon gar nicht Francesco! Sie will raus! Raus aus Apulien, der sie erstickenden Enge. Weg, weit weg. London, vermutet Francesco. Doch bis zum Abschied dauert es noch. Claudia nimmt jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Flucht in Gedanken. Jeden (An-)reiz zum Fliehen präsentiert sie sich selbst auf dem Silbertablett. Und Francesco zerreißt es jedes Mal das Herz, wenn Claudia sich in neue Abenteuer stürzt. Doch Treue ist ihm wichtiger als eigenes Glück.

Doch der Tag der wahren Flucht wird kommen. Und er kommt. Mit einem Mal. Statt London wird es Berlin. Claudia ist nun ca. zweieinhalb Flugstunden entfernt. Die Provinzenge ergreift auch von Francesco mit einem Mal Besitz. Die vertraute Beschränktheit der apulischen Provinz erdrückt auch ihn. Oder ist es die Sehnsucht nach Claudia? Beides. Und Berlino soll ihn nun befreien. Er folgt ihr in die gigantische Weltstadt und erfährt, was es heißt Freiheit selbst erhalten und gestalten zu müssen. Claudia ist ihm da keine große Hilfe. Aus den Aussetzigen sind Auswanderer geworden. Spatriati bleiben sie.

Auswandern als geographische Veränderung ist das Eine. Im Kopf diese Veränderung als Zugewinn zu betrachten etwas Anderes. Erwartungshaltung und Realität klaffen oft weiter auseinander als man es sich vorstellen kann – so manche Auswanderer-Soap beweist das seit Jahren. Mario Desiati blickt tief in die Seele derer, die von Träumen überfordert das Glück vor der Haustür nicht erkennen können.

Die Gärten des Alkinoos

Reisen bildet, auch wenn das ab und zu mit einem oberlehrerhaften Fingerzeig verbunden ist. Doch was ist schlimmer? Sich von einem erfahrenen Reisenden einen wirklich exponierten Aussichtspunkt zeigen zu lassen oder sich im Nachhinein eingestehen zu müssen, dass die hundert Meter und das zweimalige Abbiegen – das man abgelehnt hat – vielleicht doch besser gewesen wären als die Cola in der schäbigen Bar an der befahrenen Hauptstraße?

Odysseus war einer der ersten, der die Welt bereiste. Und dessen Abenteuer aufgeschrieben wurden. Seitdem hangeln sich Autoren aus aller Herren Länder an diesem Beispiel entlang und führen ihren Zeigefinger über die Landkarten der Erde. Wolfgang Geisthövel verbindet die Antike mit der modernen Zeit. Er folgt historischen Routen in der Gegenwart. Ja, sie sind noch da, die Hinweise. Und wenn man die Texte von Vergil und Homer intensiv liest, findet man die Orte fast so genau wie ein modernes Navi.

Was waren das noch für Zeiten als man den Zedernduft noch allerorts wahrnehmen konnte. Keine Rauchschwaden mit überzogenem Apfel-Zimt-und-was-weiß-ich-sonst-noch-Duft. Hügellandschaften, deren Bewohner den Reisenden im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verdrehten. Orte, die dem Reisenden mehr als ein „krass“ entlockten.

Apulien, Kalabrien, Kampanien, Sizilien, Korsika, Sardinien, Griechenland – nicht nur Sonnenanbeter werden bei der bloßen Erwähnung dieser Ziele unruhig und packen in Gedanken schon mal ihr Reisegepäck. In dieses Reisegepäck gehört so ganz nebenbei auch dieses Buch.

Denn wer sich nicht gern durch die oft rätselhaften Texte der alten Meister durchwühlen und durch die allzu lockeren Interpretationen ohne Ortsangaben sich nicht stressen lassen will, wird mit diesem Buch in der Hand – und da gehört es hin – eine Odyssee mit happy end erleben.

Es ist ein Erlebnis zu lesen, dass man in Taormina, Giardini-Naxos nicht zwangsläufig in Badeschlappen, schon am frühen morgen völlig erschöpft auf dem Bordstein sitzend auf den nächsten Bus warten muss. Und dass Palermo nicht nur aus lärmenden Märkten besteht, sondern auch Ruheoasen hatte, die man heutzutage zwar suchen muss, die aber schon Goethe kannte. Und vor allem seine Wegweiser bis heute weisend sind…

Es sind Bücher wie dieses, die Reisen in eine besondere Zeit verwandeln. Dort, wo schon viele waren, müssen nicht immer noch viele sein. Und wenn doch, hält man inne, blättert ein wenig durch die Seiten und lässt den Lärm der Moderne um sich herum im Rausch und Rauch der Worte aufsteigen.