Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Quintana Roo

Qintana Roo

Quintana Roo – das klingt nach … ja wonach denn? Exotik. Ein Hauch Ungewöhnliches, Fremdes, Althergebrachtes. Wer googelt, wird überrascht sein. 1974 trat Quintana Roo als letzter Staat Mexiko bei. Klingt gar nicht mehr so spannend. Ist es aber. Und zwar in den Kurzgeschichten des Autors James Tiptree Jr. Und schon nehmen die Vielschichtigkeit und das Verwirrspiel ihren Lauf. Denn der Autor James Tiptree Jr. ist oder war die Autorin Alice B. Sheldon. Das Geheimnis um „den Autor“ und die knackigen Geschichten wurde schon zu ihren Lebzeiten gelüftet.

Die Geschichten in  „Quintana Roo“ spielen natürlich alle in Mexiko im gleichnamigen Bundesstaat. Dort lebt ein geheimnisvolles Volk, das sich nur schwer mit dem Fortschritt anfreunden kann. Jede einzelne wird vom Nebel der Phantasie umhüllt, den es zu durchdringen gilt. Dem Leser wird einiges zugemutet. Er muss konzentriert lesen, auch zwischen den Zeilen. Klare Darstellungen wiegen sich im Wechselspiel mit mystischen Schilderungen. Die Ebenen schlagen wie Wellen mit schäumender Gischt übereinander, dass der Leser im Wortschwall fast zu ertrinken droht.

Im Septime-Verlag sind bereits vier weitere Bände mit Kurzgeschichten der Autorin und eine Biographie erschienen, weitere Bände folgen. Wer Science-fiction mag, kommt an James Tiptree Jr. nicht vorbei. Genauso wer sich für fremde Kulturen im Rahmen der Belletristik begeistern kann. Doch man muss sich völlig darauf einlassen können. Wer die kleinen Büchlein „nur mal eben so“ lesen will, stößt schnell an die Grenzen des Verständnisses. Die einheitliche Umschlaggestaltung weist schon auf das Sammelpotenzial hin: Die gesamte Tiptree-Reihe ist nicht nur eine Zierde für jeden Bücherschrank, sondern auch für die kleinen grauen Zellen. Und „Quintana Roo“ gehört in jeden Bücherschrank irgendwo zwischen lateinamerikanischer Folklore, Fantasy und Science fiction. Egal, wo man es ablegt, das Werk von James Tiptree Jr. macht Spaß und beflügelt unsere Phantasie.

Elba

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Die Inselwelt des Mittelmeeres ist so vielfältig wie ihre Anrainerstaaten und die Völker, die das Mittelmeer so besonders machen. Da gibt es Inseln mit Hotelanlagen, in denen vierundzwanzig Stunden die hoteleigene „Inselhymne“ aus den ausgeleierten Boxen Frohsinn versprühen soll. Und dann erheben sich kolossale Gesteinsformationen, die dem suchenden, kundigen Auge bizarre und zuweilen skurrile Formen präsentieren. Für diese Inseln wurde – so scheint es fast – der Begriff „Individualtourismus“ erfunden.

Elba ist so eine Insel. Sabine Becht bereist sie zusammen mit anderen toskanischen Inseln wie Gorgona, Capraia, Pianosa, Giglio, Giannutri sowie die berühmteste dieser Inselchen: Montecristo. Ja genau die, der der berühmteste Rachefeldzug der Literatur zugrunde liegt. Schon bei dem Gedanken an einzelne Textpassagen steigt das Reisefieber.

Elba ist vor allem Geschichtsfans ein Begriff. Hierher wurde Napoleon verbannt als er die Grande Nation in immer mehr Feldzüge und Niederlagen stürzte – im Jahr 2013 wird in und um Leipzig besonderes exzessiv das 200. Jubiläum der Völkerschlacht „gefeiert“. Doch Elba hat mehr zu bieten als den kleinen Korsen.

Die Insel wurde unter der Herrschaft der Pisaner Familie Appiani erst für eine weitere einflussreiche Familie der Toscana interessant: Die Medici. Die „übernahm“ die Stadt Ferraia 1548 und baute in Windeseile die Festung Cosmopoli, das heutige Porteferraio, nach Aussagen der Autorin die quirlige Inselhauptstadt im Norden der Insel, idyllisch an einer Bucht gelegen.

Egal, ob man nun auf historischen Pfaden wandeln oder wandern, sich intensiv seinem Sport (wie beispielsweise Tauchen) widmen oder einfach nur die Seele baumeln lassen will – Elba ist immer noch ein kleiner Geheimtipp und Sabine Becht lüftet so manche diskrete Tür und gewährt dem Leser Einblick in diese faszinierende Insel. Allerdings sollte der Geldbeutel etwas praller gefüllt sein als auf anderen Mittelmeerinseln. All inklusive ist an Elba nur dieser Reiseführer vom Michael-Müller-Verlag.

Gert Fröbe

Gert Fröbe

Sind Komödianten die besseren Bösewichte oder sind Bösewichter die besseren Komödianten? Im Falle von Gert Fröbe ist die Frage irrelevant, denn er war einer der größten deutschen Schauspieler. Als Goldfinger lässt er immer noch mit seiner heißeren, metallisch-höhnischen Stimme das Blut in den Adern gefrieren, wenn er dem an eine goldene Platte gefesselten Sean Connery auffordert: „No, Mr. Bond … I expect You to die!“ Als personifizierte Schnecke, die sich nicht schlüssig ist, ob sie denn nun aus ihrem Haus rauskommen soll oder nicht, begeistert er immer noch Jung und Alt.

Die blitzgescheiten Augen, das schelmische Lächeln und die durchaus imposante Statur wecken sofort Assoziationen beim Publikum. In „Es geschah am hellichten Tag“ verteufeln wir ihn als kranken Triebtäter und haben zugleich Mitleid mit dem geschundenen Charakter, der mit Schokoladenigeln kleine Mädchen verführt, um…

Doch auch als „Otto-Normal-Verbraucher“ – ein Begriff, der dank seiner schauspielerischen Leistung in den Alltagssprachgebrauch übergegangen ist, fasziniert er Zuschauer wie Cineasten. Der Mensch hinter der Maske, er tritt in diesem Buch zum ersten Mal vor den Vorhang.

Beate Strobel stellt einen Mann vor, den man zu kennen scheint. Doch wir kennen nur den pickelhaubigen Oberst Holstein aus „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ oder den hartleibigen Trunkenbold in „Via Mala“ oder eben den Prototypen des Bösewichts bei 007. Den offenherzigen, immer zu geben bereiten, das Leben liebenden Tausendsassa lernen wir erst jetzt kennen.

Zeitlebens bewunderte er Heinz Rühmann, mit der er zwei Filme drehte. Und den er jedes Mal mit Bravour an die Wand spielte. Mehrere Ehen hatte der hünenhafte Sachse geführt. Sein von Arbeitswut und Neugier getriebenes Leben waren nie der alleinige ausschlaggebende Punkt für das Scheitern.

Gert Fröbe war ein großer, vielleicht sogar der größte deutsche Star im internationalen Kino. Während Rühmann in Deutschland nicht mehr wegzudenken war, zog es Fröbe – auch wegen der besseren Bezahlung – ins Ausland. Tiefschlägen folgten prompte Erfolge. Mit Schicksal hatte dies nie zu tun, das wusste auch Gert Fröbe. Ein Leben lang arbeitete er. Schon als Kind verdiente er seine ersten Groschen. Als Bühnenbildner war er gestartet, als gefeierter Weltstar mit Charaktergesicht trat er von der Bühne des Lebens ab. Beate Strobel trägt mit ihrer Biografie maßgeblich zum Nichtvergessen dieses großen Mimen bei, in dem sie im Stile Gert Fröbes Lebens die wichtigen Fakten für sich sprechen und den Firlefanz außen vor lässt. Eine Biografie, die auch als Roman durchgehen könnte.

Soutines letzte Fahrt

Soutines letzte Fahrt

Chaim Soutine geht es schlecht. Sehr schlecht. Aus dem Lexikon wissen wird, dass er bald sterben wird. Der Maler, der mit Modigliani eng befreundet war, fährt an diesem Tag, dem 6. August 1943, zusammen mit seiner Ma-Be in einem Leichenwagen durch das besetzte Frankreich. Ihm geht es schlecht. Er muss ins Krankenhaus. Doch als weißrussischer Jude ist in dieser Zeit die Chance im Konzentrationslager zu enden um ein Vielfaches höher als Hilfe angeboten zu bekommen. Deswegen das Versteck …, nein –spiel wäre hier mehr als unangebracht.

Die Schmerzen des Magengeschwürs im Mix mit dem schmerzlindernden Morphium treiben Soutines Gedanken voran und zurück. Er blickt zurück auf ein Leben, das geprägt war von Entbehrungen und großen Glücks. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris, der Welthauptstadt der Malerei ankommt, ist er überglücklich. Doch das harte Brot des Geldverdienen-Müssens zieht ihn teils unter den Boden der Tatsachen hinunter.

Erst die Freundschaft zu Modigliani, der dem desillusionierten Maler seinen Kunsthändler vorstellt, bringt Licht ins Dunkel des Schaffens. Doch Leopold Zborowski ist anfangs so gar nicht begeistert von der Morbidität der Werke. Außerdem ist er mehr als nur der Kunsthändler Modiglianis. Amadeo Modigliani ist die fette Gans, die ihm das Leben ermöglicht – da duldet man selten weiteres Vieh, das eh nur Arbeit macht. Erst ein Milliardär – ein echter self-made-man aus den Staaten – bringt Schwung in Soutines Arbeitsroutine.

Chaim Soutines Werk ist geprägt von den Eindrücken, die der Maler in der Ausübung seines Berufes empfindet. Vor seinen Augen altern seine Modelle – und auch die Leinwand mit den Farbstrichen altert zusehends. Sie wirken auf den ersten Blick verstörend, verzerrend. Genauso so verzerrt ist Soutines Leben im Moment des Erinnerns.

Ralph Dutlis Roman ist eine Mischung aus wahrer Historie und eigener Phantasie. Chaim Soutine existierte wirklich, auch wenn ihn nur Wenig kennen. Ob die letzten Tage wirklich so vergingen, keiner weiß es. Das kann dem Roman in keinster Weise etwas anhaben. Die Geschicklichkeit, mit der Ralph Dutli die Worte wählt – gleich in Zeile neun packt er den Leser mit dem Vergleich eines Kindes, das mitten im August (1943) verschnupft ist, genauso wie das besetzte Land (Frankreich).

An Chaim Soutines Grab in Paris stehen im August 1943 nur fünf Menschen, unter ihnen Pablo Picasso und Jean Cocteau. Die Kunstwelt wird Schlange stehen, um ein Buch über einen fast schon vergessenen Künstler zu ergattern.

In diesem Sommer

In diesem Sommer

In diesem Sommer wird “In diesem Sommer“ ein viel gelesenes Buch. Denn es vermengt auf wunderbare Weise Spannung, Familienzerwürfnisse, die Leichtigkeit eines Wochenendes mit der Sprachgewalt Véronique Olmis.

Delphine und Denis sind schon lange ein Paar. Und schon lange veranstalten sie das Vierzehnterjuli-Wochenende in ihrem Sommerhaus in Coutainville in der Normandie. Doch die Idylle trügt. Delphines und Denis‘ Ehe ist am Ende. Es offen auszusprechen, ist der letzte Schritt hin zur Trennung. Zu diesem Wochenende stoßen später noch Tochter Jeanne und Sohn Alex hinzu. Und Nicolas und seine Frau Marie. Und Lola mit ihrem neuen Freund Samuel.

Und Dimitri. Der war gar nicht vorgesehen in der illustren Runde. Plötzlich war er da. Erzählte da ein wenig, unterhielt sich dort ein bisschen. Und immer hatte er eine andere Geschichte parat. Unheimlich. So geheimnisvoll. Und keiner weiß so recht, warum der jetzt gerade hier und nicht woanders ist. Nur Jeanne kann dem geheimnisvollen Fremden etwas abgewinnen. Ihre Eltern lassen ihrer Tochter – wohl auch durch den Druck der Freunde – ihre Freiheit tun zu lassen, was sie will. Und sie will … mit eben diesem Dimitri die Zeit verbringen.

Währenddessen sehnt die Clique dem großen Feuerwerk zu Ehren der Grand Nation entgegen. Wie jedes Jahr spielt man Tennis im Club, geht reiten und unterhält sich angeregt, diskutiert mit gleicher Leidenschaft das Weltgeschehen wie den neuen Freund von Lola. Der Altersunterschied ist kein Grund zum Diskutieren. Vielmehr die Frage, ob er bleibt oder nicht. Es entspinnt sich ein kleiner Wettkampf um die beste Vorhersage.

Würde der Roman in Amerika spielen, würden Wetten abgeschlossen. Aber „In diesem Sommer“ spielt nunmal im Norden Frankreichs. Und er wurde von einer erfolgreichen französischen Schriftstellerin geschrieben. Wer auf einen krachenden Showdown wartet, muss sich gedulden – vielleicht im nächsten Roman. Hier brodelt es unter der Oberfläche. Viel Raum zur Interpretation. Die Autorin macht gibt einige Vorlagen. Die Geschichte auszumalen, überlässt sie dem Leser. Die Warterei auf das große Feuerwerk schmückt sie mit Neckereien bis hin zu perfiden Gewaltphantasien. Sie garniert ihre Zeilen treffsicher mit der Analyse der menschlichen Seele. Das ideale Strandbuch!

Der König von Rom

Der König von Rom

Sie sind gefährlich, die Straßen von Rom. Im Jahr 1976 beginnt der Aufstieg des Libanesen, eines Kriminellen, der ganz nach oben will. Er will der König von Rom werden. Doch ohne das nötige Kleingeld kommt er nicht weit. Außerdem sitzt er mal wieder im Knast. Eine ausweglose Situation. Nicht für den Libanesen (er ist eigentlich gar kein Libanese, er stammt aus Trastevere, einem Stadtteil Roms). Wie es das Schicksal will, hilft er einem Mitinsassen bei einer rüden Keilerei. Er rettet ihm das Leben. Das sieht auch ´o Miracolo so, der Onkel des Geretteten und nebenbei ein führender Mafiaboss der Ewigen Stadt.
Das Abenteuer beginnt. Das Angebot sich in einen Drogendeal einzukaufen, 300.000.000 Lire sind fällig, ist einfach zu verlockend, um dem Ziel – König von Rom zu werden – einen gehörigen Schritt näher zu kommen. Der Mafia Boss und der gerissene Emporkömmling sind sich auf den ersten Blick sympathisch. Doch Libanese muss irgendwie das Geld beschaffen, um im Geschäft zu bleiben.
Giancarlo de Cataldo weiß wovon er schreibt. Als junger Mann von Apulien in die Hauptstadt gekommen, um Regisseur zu werden, studiert er aus der Not heraus Jura. Die Studienplätze in Rom waren schon vergeben. Und er ist gut in seinem Job. Er wird Richter. So kommt er auch in Berührung mit der Maglianabade, einer berüchtigten Horde gut organisierter Kriminelle, die Rom fest im Würgegriff hält. Es gelingt ihm die Band hinter Schloss und Riegel zu bringen. Gleichzeitig und nachfolgende wird er mit seinen berühmten Romanen „Romanzo Criminale“ (läuft derzeit als Serie im TV), „Schmutzige Hände“ und „Zeit der Wut“ zu einem geachteten und erfolgreichen Schriftsteller, der der Mafia Rom ordentlich zu setzt.
„Der König von Rom“ ist zwar das zuletzt erschienene Buch de Cataldos, chronologisch ist es aber das erste Buch der Tetralogie. Hier beginnt der Aufstieg der Maglianabande. Alle handelnden Personen haben ein historisches Vorbild. Die Buchreihe umfasst die Geschichte Roms und ihrer ungekrönten Herrscher über 40 Jahre, von 1970 bis in die Gegenwart. Rom leuchtet in diesem Licht diffus und klar zugleich. Giancarlo de Cataldo verzichtet auf überflüssige Formulierungen ohne dabei polemisch zu wirken. Ebenso verzichtet er auf eine romantisierende Darstellung der Akteure. „Der König von Rom“ beschönigt nichts, lässt aber auch dramatisierenden Schnickschnack weg. Der ideale Einstieg in die Mafialiteratur Italiens.

Bolero mortale mit Pastis

Bolero Mortale mit Pastis

Was tun, wenn das ganze Leben – immerhin die vergangenen dreizehn Jahre – sich in einen Scherbenhaufen zu verwandeln drohen? Was tun, wenn der Mann, dem man so sehr vertraute sich als Doppeltlebender entpuppt? Den Kopf in den Sand stecken? Das ganze Leben umkrempeln und von vorn beginnen? Oder: Rache üben. Valmira aus Tübingen und Claire aus Südfrankreich entscheiden sich für Letzteres. Denn beide leben mit ein und demselben Mann zusammen, vertrauen ihm. Und er? Er wird zum Spielball der Racheplänen und – phantasien zweier Frauen, die er beide gleichermaßen verehrte und denen er – seiner Meinung nach – nie etwas hätte antun können.

Elli Sand lässt in ihrem humorvollen Thriller zwei Frauen aufeinandertreffen, die bis vor Kurzem noch nichts voneinander wussten, geschweige denn ahnten, dass es DIE ANDERE überhaupt gibt. Und sie lässt die beiden in einer der schönsten Landschaften Frankreichs aufeinander treffen. Im Languedoc, hier, wo der liebe Gott das savoir-vivre erfunden zu haben schien, schmieden die beiden gehörnten Ehefrauen ihren Racheplan.

Der Leser wird Zeuge wie stark Frauen werden können, wenn sie gefordert werden. Mit Grazie und Zielstrebigkeit planen Valmira und Claire ihren Feldzug. War ihr Leben bisher von Routine mit einzelnen Abwechslungen geprägt, so blühen die beiden jetzt richtig auf. Elli Sand macht es einen unendlichen Spaß dem Untreuen die Gehörnten auf den Hals zu hetzen, ohne dass der etwas merkt. Und als er die Situation realisiert, merkt er ebenso wenig, dass er schon mitten in der selbst verursachten Misere steckt, wie die Tatsache, dass es kein Entrinnen gibt.

„Bolero Mortale mit Pastis“ ist auf den ersten Blick ein Frauenroman. Ein Frauenroman über zwei Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich die unfreiwillig aufgesetzten Hörner abstoßen. Doch der Roman ist auch eine Liebeserklärung an die schroffe und doch so einladende Landschaft im Südwesten Frankreichs.

Wen es also in diese Region verschlägt, und wer noch keine passende Reiselektüre gefunden hat, dem sei dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Selten zuvor trafen eine spannende Geschichte und Landschaftsbeschreibung so energisch aufeinander.

Liebesmaschine N.Y.C.

Liebesmaschine NYC

Für New York gibt es zahlreiche Synonyme: Big Apple, Hauptstadt der Welt etc. Jetzt kommt noch ein weiterer Name hinzu: Liebesmaschine. Das bedeutet nicht, dass hier ein wahres El Dorado für Singles ist. Nein vielmehr ist „Liebesmaschine N.Y.C.“ eine Liebeserklärung der gebürtigen Österreicherin Andrea Gill. Die ist im tiefsten Herzen New Yorkerin.

Und sie ist Exhibitionistin, denn sie lässt jeden daran teilhaben. In neunzehn Geschichten gesteht sie ihre Liebe zu New York und den Menschen, die darin leben, die New York für sie – und in der Endkonsequenz auch für den Leser – so erlebenswert macht.

Das Buch in Worte zu fassen, ist schwierig. Denn es sind ausnahmslos sehr persönliche Eindrücke und Erfahrungen, die den Leser erst verstören und dann nach und nach in Beschlag nehmen.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist kein Reisebuch. Man kann die Erlebnisse nicht nachstellen. Die Weg ablaufen ist ebenso unmöglich wie die Erfahrungen der Autorin noch einmal auf sich wirken lassen. Jeder muss New York selbst erobern. Andrea Grill gibt in diesem kleinen, edlen Buch „nur“ wieder.

Ein Urteil muss sich der Leser selber bilden. Andrea Grill urteilt nicht, für sie ist New York Heimat. Ein Heimat, die so anders ist als das beschauliche Österreich. Hier auf dem Granitfelsen zerschleißt man schnell mal in ein paar Tagen seine neuen Schuhe. Den Laufschritt gibt ein unsichtbares und doch immer verfügbares Metronom vor. Ein Schmerz, mal wohltuend, mal ganz er selbst.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Die 130 Seiten stecken voller Geheimnisse, genau wie New York. Sie zu entdecken, ist der eigentliche Auftrag einer Reise. Denn nur so kommt man seiner Sehnsucht nahe. Andrea Grill hat ihre Sehnsucht gestillt. Sie ist angekommen im Big Apple. Wie eine lose Reihe von Episoden beschreibt sie die Faszination der Stadt und wie sie auf sie wirkt. Eine Reise, de süchtig macht. Süchtig nach mehr New York. Süchtig nach mehr Impressionen aus der Feder einer gewissenhaften Aufsaugerin.

Suche auf See

Suche auf See

Der Franzose Leo Lang ist verschwunden. Verschwunden auf hoher See. Nur sein Boot, die „Vent de sable“, ist von ihm übrig. Ruhig und verlassen treibt sie im Mittelmeer vor sich hin. Fischer haben das Boot aufgetan. Doch von Leo Lang keine Spur. Anzeichen eines Kampfes gibt es sehr wohl. Das ganze Boo wurde gründlich auf den Kopf gestellt. Aber keinerlei Anzeichen von Gewalt gegenüber Leo.

Das nennt man gute und schlechte Nachrichten. Shamsa, Leos Ehefrau, obliegt es nun den Ehemann zu suchen. Seine Eltern, vermögend und bescheiden, schließen zum ersten Mal die leidende Ehefrau in die Arme. Von ihrer Schwiegermutter wird sie in dieser Zeit zum ersten Mal „Tochter“ genannt. Harte Zeiten schweißen zusammen. Die Suche beginnt. Zu Land und auf dem Wasser. Shamsa schnappt sich die „Vent de sable“ und segelt den Weg ihres Gatten ab. Dank Logbuch kann sie die Route leicht nachvollziehen.

Auf See beginnt sie über ihr Leben nachzudenken. Als Waise, vor den religiösen Fanatikern beschützt, in der algerischen Wüste ausgesetzt, wurde sie von Nonnen großgezogen. Sie ermöglichten ihr eine erstklassige Ausbildung und eine zufriedene Kindheit. Aus deswegen kann Shamsa heute in Frankreich beruhigt ihrem Beruf als Journalistin und Übersetzerin nachgehen. Es gutes Leben. Ein erfülltes Leben. Leo, der Mann an ihrer Seite, ist es wirklich: Der Mann, der sie beschützt, aber nicht einengt. Er gibt ihr die Freiheit, die so vielen ihrer Landsfrauen für immer verwehrt bleiben wird.

Auf ihrer Suche auf See findet sie nur Gutes über ihren Leo zu berichten. Nur seine Geschäftspartner sind ihr nicht geheuer. An Land gehen die Ermittlungen weiter. Auch die Polizei ist von Leos Geschäftspartnern gar nicht so angetan.

„Suche auf See“ vereint mehrere Genres auf 180 Seiten. Zum einen Spannung bis zur letzten Seite. Zum zweiten: Algerien im Fokus der Autorin. Was wissen wir schon über das größte Land Afrikas? Nichts. Der arabische Frühling ging so schnell wie er kam. Seitdem? Nichts, Algerien findet in der täglichen Berichterstattung kaum noch statt. Shamsa berichtet wie Algerien war und welch teilweise zerstörerische Kräfte hier am Wirken sind. Zum dritten: Eine Reisebeschreibung von Griechenland über das Tyrrhenische Meer über Sizilien und die Liparischen Inseln bis hin nach Korsika und Sardinien, um schlussendlich in Südfrankreich zu landen.

Schon während des Lesens wird einem klar, dass es vollkommen unerheblich ist wie das Buch ausgeht. Ein Happyend ist immer etwas Schönes. Aber die einfachen, einfühlsamen, verheißungsvollen Worte von Malika Mokeddem lassen in einem den Wunsch aufkeimen, dass dieses Buch nie zuende gehen möchte. Leider tut es das aber, das ist der einzige Makel des Buches.

Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Der Mapocho ist ein Fluss der quer durch Chiles Hauptstadt Santiago fließt. Ein unbedeutender Fluss, setzt man ihn in Relation zur Themse, zur Seine oder dem Hudson River. Innerhalb der Grenzen der Stadt wird sein Wasser immer trüber und trüber und trüber …

Indio und Rucia sind Geschwister, mehr noch – das darf aber nicht ausgesprochen werden. Das darf einfach nicht sein. Deswegen sind sie auch getrennt. Bis ein Anruf Rucia ereilt. Sie solle Indio besuchen. Doch der ist nicht da. Die Zeit des Suchens nutzt Rucia auch zur Aufarbeitung ihrer Geschichte.

Nona Fernández gelingt mit „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ ein unaufgeregter Metropolenroman, der sich schlecht in eine Schublade stecken lässt. Krimi, Folklore, Zeitgeschichte, Lateinamerika – alles Abteilungen in Buchläden, in denen man dieses Buch finden könnte. Auch unter preisgekrönt könnte man suchen. 2003 erhielt Nona Fernández für diesen Roman den „Premio Municipal de Literatura“. Und dennoch findet sich kein Artikel im deutschsprachigen Wikipedia. Liebe Spanisch-Studenten! Übersetzt bitte den spanischen Artikel, damit diese Frau auch hier eine gebührende Ehrung erfahren kann. Ein Preisträger ohne Wikipediaeintrag – so was ist heute nicht mehr möglich.

Wer diesen Roman einfach nur so runterliest, wird schnell ins Stocken geraten. Die doch fremde Kultur Lateinamerikas lässt auch das geschulte Auge oft innehealten. Andeutungen und Zeitebenenwechsel erlauben es dem Leser seiner eigenen Phantasie die Sporne zu geben. Die Suche nach dem verschwundenen Vater, die Darstellung wie die Junta einst wütete und das schwer gehütete Familiengeheimnis machen „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ zu einem ganz besonderen Roman. Der Übersetzerin Christine Barnaházi ist es zu verdanken, dass Nona Fernández und der Septime-Verlag zueinanderfanden. Anders als das Geschwisterpaar Rucia und Indio eine nutzvolle und dankbare Verbindung.

Die Frage für dieses Buch bestimmt sein könnte, ist schwer zu beantworten. Auf alle Fälle werden alle Lateinamerikafans hier auf ein Füllhorn voller Seele und Hingabe treffen. Krimifans und Humanisten kommen gleichermaßen auf ihre Kosten.