Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

La casa sulla strada

La casa sulla strada

Mit Speck fängt man Mäuse. Sonnenblumenmeere, Olivenhaine, Weinberge. Italien. Bilderbuch- bzw. Katalogidylle an den wogenden Wellen der Adria. Familie Gertz hat sich nun doch entschieden sich in einem dauerhaften Ferienplatz in Italien einzurichten. Die Entscheidung über das Wo ist allerdings nicht ganz so einfach. Freunde haben sich in der Toskana eingenistet. Kurzum: Den Gertz’schen Familienclan zieht es in die Marken.

Doch die Suche nach dem geeigneten Unterstand für die Gertz – samt Hund – entwickelt sich schwieriger als gedacht. Unterstützung kommt von Geometer Massi. Der kann sogar mit einer deutschen Sekretärin aufwarten.

Was sich anfangs wie eine typisch deutsche Auswanderer-Odyssee anfühlt, wird schnell zum sprachgewaltigen Exkurs in die sonnigerer Gefilde. Das Häuschen an der Straße (La casa sulla strada) soll perfekt sein. Und zwar in einer Region, die uns Deutschen beim ersten Erschallen des Namens nicht allzu viel sagt: Marken, italienisch Marche.

Helmut F. Graetz – die Nähe zum Namen der Helden des Roman, Gertz, ist sicherlich gewollt – sprengt mit seiner im Laufe der Jahre angelernten Wortvielfalt das Klischee des tumben Deutschen, der „hier einfach keine Zukunft mehr sieht“, ab den ersten Seiten hinweg. Ein gewisses Maß an Dudenfestigkeit verlangt er seinen Lesern schon ab.

Frühstück in naturgegebener Ruhe, jeden Tag, die Aussicht auf Weinberge und ein Leben wie man es sich ureigen erträumt hat – der Grundstein dafür soll eben dieses kleine Häuschen an der Straße sein. Ein Abenteuer wird es schlussendlich doch.

Wer Italien liebt, ein gewisses Maß fürs Maßhalten mitbringt, wer sich an ausgedehnten Satzkonstruktionen ergötzen kann, wem die TV-Auswanderer-Stars auf den Zeiger gehen, der wird „La casa sulla strada“ lieben. Auswandern leicht gemacht – das gibt es nicht. Die Heimat hinter sich zu lassen – egal für wie lange – ist immer ein Kraftakt. Physisch wie psychisch.

Vom Starnberger See in die Weiten der Marken – von einem Paradies ins andere. Hier die schneebedeckten Gipfel der Alpen, da die flirrende Luft vor den Hängen des Apennins. Hier eine zünftige Brotzeit, da olivenölgetränktes Gemüse. Hier eine anständige Maß Bier, da ein gepflegtes Glas Vino rosso. Auf den ersten Blick eine einfache Entscheidung. Familie Gertz macht sie sich nicht einfach. Vorbereitung ist alles. Ein Ratschlag, den so mancher Auswanderer beherzigen sollte.

Kunst und Architektur – Paris

Paris

Paris – die Stadt der Liebe. Die Stadt der Lichter. Ein Genuss für alle, die Schönheit entdecken und in ihrem Herzen und in ihren Erinnerungen bewahren wollen und können. Da ist es wie eine göttliche Fügung, dass in diesem Jahr ein exzellenter neuer Reiseband auf Kunst- und Architekturhungrige wartet. Paris komplett zu erkunden, ist ein hehres Ziel. Schließlich gibt es hier einiges zu entdecken. Im Zeitalter der Digitalfotografie ist es nur noch eine Frage der Anzahl der Speicherkarten, die man mit sich führen muss, um auch nur einen Bruchteil der Sehenswürdigkeiten der Stadt festzuhalten.

Der Reisebildband besticht durch seine scheinbare Einfachheit. Wohl fein gesponnene Spaziergänge beispielsweise von der Opéra Garnier zum Centre Pompidou geben den Blick für eine verbaute und doch so beeindruckende Reise durch eine der betörendsten Städte der Welt frei.

Viele Städte rühmen sich ihrer Passagen. Doch nur hier versprühen sie diesen einzigartigen Charme, der einem den Atem stocken lässt.

Selbst eingefleischte Pariskenner werden hier noch das Eine oder Andere entdecken, das sie bisher nur im Vorbeigehen gestreift haben. Fast ist man geneigt zu sagen, dass eine Reise in die Sein-Metropole nicht mehr lohnt. Schließlich ist alles Sehenswerte in diesem Buch auf 480 kompakten Seiten zusammengefasst. So weit reicht der Einfluss des Buches nicht. Jedoch wird jeder Paris zu einer endlosen Souvenirjagd nach den Originalen, die hier abgebildet sind.

Eine magische Anziehungskraft übt immer noch das Marais aus. Einst eine Sumpflandschaft ist hier der Stadtteil, der Paris zum typischen Paris macht. Hier, wo einst der Hochadel es sich gut gehen ließ und von hier aus die Geschicke eines ganzen Kontinents leitete, sind die Bauten die einzigen Zeugen einer glorreichen Zeit. Da lohnt es sich mehr als nur einen Blick mehr zu riskieren. Das Hôtel Sully mit dem aufwendigen Fassadenschmuck am Corps des logis vereint das klassische Element der Renaissance mit der Üppigkeit des Barock.

Über Paris zu erzählen ist ähnlich endlos wie der Bestimmung der Zahl Pi. Man muss es erleben. Doch als Appetitmacher sollte man dieses Buch nicht einfach übersehen. Das kompakte Format liegt gut in der Hand. Zahlreiche Texte und die im Übermaß vorhandenen Bilder versprechen eine Traumreise in eine Traumstadt. Einfach mal die Seele baumeln lassen und ein bisschen in diesem Buch herumblättern. Das geht nicht gut. Akutes Reisefieber und der ständige Drang weiterzublättern erlauben kein ruhiges Betrachten. Da hilft nur eines: Auf nach Paris!

Kunst und Architektur – Toskana

Toskana

Es gibt Regionen auf dieser Welt, die erwecken schon ab dem puren Erwähnen einzigartige Assoziationen. Bei der Toskana kommen einem neben erstklassigem Wein und Essen Leonardo da Vinci, der schiefe Turm von Pisa und der Palio von Siena in den Sinn. Ein Urlaub in der Toskana wird wegen ihrer Vielfalt immer ein kultureller Höhepunkt. Kunst und Architektur sind die bleibenden Eindrücke, die einem als sofort ins Auge springen.

Zeit also einen entsprechenden Kunst- und Architekturreiseband für die zahlreichen Touristen der Toskana zu veröffentlichen. Denn wer einfach nur so durch die Toskana reist, wird vieles zwar sehen, aber nicht für sich entdecken.

Pisa zum Beispiel besteht nicht – wie die meisten annehmen und deswegen auch nur dorthin pilgern – aus dem schiefen Turm. Der Palazzo die Cavallieri beherbergte einst die Medici, Cosimo I. erwählte diesen ehemaligen Kommunalpalast als Sitz des Ordine die Cavallieri di Santo Stefano, ein Ritterorden. Allein vor der Fassade des imposanten Baus könnte man stundenlang stehen und die Malereien betrachten, interpretieren und in sich aufsaugen.

Das pittoreske Volterra im Westen Pisas lässt Kinderträume nach Ritterburgen und heldenhaften Schlachten erwachen. Ausgrabungen, die noch im vergangenen Jahrhundert in vollem Gange waren, brachten einzigartige Stätten ans Tageslicht.

Auf über 600 Seiten wird die gesamte Bandbreite an kulturellen Höhepunkten kompakt und kenntnisreich ins Sezen gesetzt. Ein unersetzlicher Reisebegleiter. Der Reiseband protzt nicht mit angeblichen Geheimtipps, die man sonst nirgendwo erlebt. Dieser Reiseband verzaubert durch die Masse an eindrucksvollen Bildern, die die angefügten Texte beispiellos untermalen. Das ungewöhnliche Format erlaubt es den Reiseband jederzeit mit sich zu führen und bei Bedarf darin zu blättern. Kleine Stadtpläne zu Beginn jedes Kapitels erleichtern die Planung der Ausflüge. Auch wer nicht vordergründig auf kulturellen Pfaden wandeln will, wird hier unweigerlich zum Kenner toskanischen Lebens. Renaissance und ihre Meister und Gönner werden nicht länger ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Dafür sorgen die erkenntnisreichen und präzise formulierten Erläuterungen. Selbst architektonische Merkmale wie die Gestaltung von Kapitellen und Friesen sowie ein Ausflug in die Formenlehre von Sakralbauten anhand von Skizzen lassen künftige Besuche auf angenehme Weise zu einem Schulausflug mit bleibenden Erinnerungen werden.

Dann drehe ich mich um und gehe – Restaurantgeschichten

Restaurantgeschichten

Jeder kennt irgendeine Geschichte aus irgendeinem Restaurant, die einem irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Susanne Jaspers spuckt in ihrem neuen Buch niemanden in die Suppe. Vielmehr sind ihre Geschichten in und um Restaurants herum angesiedelt. Es sind Geschichten, die jedem schon mal passiert sind bzw. so jedem passieren können. Quengelnde Kinder, die es ihren Eltern nicht leicht machen, gerade dann, wenn das Geschäft über das Wohl der Familie gestellt wird. Oder ein Rendezvous, zu keiner kommen will, aber dann doch jeder hingeht.

Das Restaurant als Schmelztiegel der Eigenheiten. Kellner, die es dem Gast so bequem wie möglich machen wollen – Gäste, die bei gutem Essen und Getränken den Alltag vergessen wollen, es aber nicht können. Hier kann man so sein wie immer oder eine Rolle spielen. Im Restaurant spielt jeder eine Rolle.

Im Ausland – im konkreten Fall im Oman – sind Restaurants der zugänglichste Weg eine fremde Kultur hautnah erleben zu können. Auch wenn – gerade im Oman – die landestypische Kultur im Begriff ist sich multikulturell zu vermischen.

„Dann drehe ich mich um und gehe“ ist eine Hommage an die Bequemlichkeit des Bedientwerdens. Im hübsch arrangierten Ambiente kann man abschalten, Eigenkreativität wird maximal noch bei der Speisefolge verlangt. Ansonsten wird mit Bestellabgabe die Pflicht abgestellt, es regiert der freie Wille. Tragisch-komisch bis hintergründig sind die vierzehn Geschichten von Autorin Susanne Jaspers. Nachdem sie ihrer Phantasie freien Lauf ließ und ein „Trio mit Ziege“ auf Mördersuche schickte und sich anschließend genüsslich über die Annehmlichkeiten und Verschrobenheiten einer Reise auf dem Schienenstrang widmete, sind es nun die lukullischen Tempel an und abseits der Straßen (des Lebens?), die ihre Aufmerksamkeit erregten.

Wer missgünstige Kellner erwartet, die dem Gast die Laune und das Essen versalzen, wer sich auf frustrierte, sich nicht genug gewürdigte Köche freut, die den Gast mit gesalzenen Gerichten den Tagesausgang vermiesen, der wird enttäuscht. Hier steht das Leben im Mittelpunkt. Im Restaurant wird Alltagspolitik gemacht, hier werden Entscheidungen getroffen, die das Leben beeinflussen. Und dabei bedient sich Susanne Jaspers nur weniger Mittel: Exakte Beobachtungen, einfache Sprache und die Liebe zum Detail.

Am des Menüs bleibt einem nur eine Entscheidung: „Herr Buchverkäufer! Die Rechnung bitte! Es war vorzüglich – sprechen Sie der Autorin bitte meinen besten Dank aus!“

 

Tierische Profite

Tierische Profite

Die Lottozahlen im Spiel „Vier aus Venedig“: 1 – 4 – 21 – 336. Die Nummer-Eins-Autorin, wenn es um Verbrechen in der Lagunenstadt geht, Donna Leon, hat den einundzwanzigsten Falle ihres Commissarios Brunetti fertig und schickt ihr Erfolgsquartett aus Brunetti, Vianello, Elettra, und dem unvermeidlichen Vice-Questore Patta in ein 336-Seiten-Rennen. So was nennt man dann wohl einen Volltreffer!

Das Opfer sieht das natürlich etwas anders. Aufgedunsen wird er aus den Kanälen der Stadt gezogen. Auffallend ist die deutliche Deformierung des Körpers: Ein Hals ist kaum erkennbar. Madelung-Syndrom lautet die Diagnose. Ein Ermittlungsansatz? Brunetti kennt den Toten – nur leider weiß er nicht mehr genau woher. Diese Augen – ja sie sagen dem Commissario etwas. Aber was?

Weiterhin fallen dem aufmerksamen Ermittler die offensichtlich nicht zum Rest der Kleidung passenden Schuhe auf. Die Kleidung ist eher Massenware, nichts Besonderes. Die Schuhe hingegen sind auffällig und von erlesener Qualität.

Brunetti kommt an die Grenzen der Ermittelbaren, oder an die Grenzen seiner Kombinationsgabe. Erste Anzeichen für eine Zäsur im Leben des erfolgreichen Commissarios? Schließlich hat er all seine Fälle bisher gelöst. Leise klingen erste Töne von Aufhören an. Ein Omen?

Der Leser wird in routinierter Weise von Donna Leon durch die Lagunenstadt geführt. Während man so durch die Kanäle schlendert und sich den Verfall der Stadt aus sicherer Entfernung anschauen kann, strengt Brunetti seine grauen Zellen an. Double-Feature. Doppelvorstellung. Zwei Reisen zum Preis von einem. Zum Einen das gemütlich Dahinschippern über die nicht immer so glatten Kanäle, zum anderen die rauhe Gischt des Verbrechens und die Kälte der Profitgier.

Der Leser wird sanft auf die Folter gespannt. Erst nach und nach verschwindet der Schleier des Unwissens. Bruchstückhaft liest man sich in den Fall ein. Ein Löffelchen Wissen hier, ein Häppchen Hintergrund da. Reichlich 300 Seiten voller Erwartung darauf, was noch kommt. Vom Leser wird viel Geduld erwartet. Aber er wird auch belohnt…

Wieder einmal gelingt es der Wahl-Venezianerin Donna Leon zwei Seiten der Venedig-Medaille zu zeigen. Hier die Faszination des Einzigartigen und da die hässliche Fratze des Bösen. Geldmacherei um jeden Preis, gepaart mit Skrupellosigkeit und dem Glanz der Lagunenstadt. Dass Brunetti den Fall lösen wird, ist klar. Dass er ich meiniges abfordern wird ebenso. Leise und analytisch ohne große Denkerpose beeindruckt der Commissario den Leser mit seiner Einsatzbereitschaft und seinem unbedingten Willen Täter zur Strecke zu bringen und Opfern Genugtuung zu verschaffen. Den Traum von Gerechtigkeit hat er fast schon aufgegeben. Die gibt es nur noch im Film.

Abserviert

Abserviert

Joan Medford ist Anfang zwanzig und hat schon die nächste gravierende Wendung in ihrem Leben hinter sich: Der Mann – tot. Nach einem Streit im Suff aus dem Haus gerauscht, und einen geliehenen Wagen gegen die Wand gesetzt. Das Kind – bei der Tante, der Schwester des Verblichenen in guten Händen. Ethel – die Tante des Jungen und Schwägerin von Joan – kann keine Kinder bekommen und ersinnt einen perfiden Plan den Jungen dauerhaft an sich zu binden. Joan hat ihren Sohn Tad zu Ethel gegeben, um ihr Leben ordnen zu können. Sie muss nun allein für alle Kosten aufkommen. Zwei Polizisten geben ihr den Rat als Kellnerin, nicht weit von zuhause weg, zu arbeiten. Nur so kann sie für sich und ihren dreijährigen Sohn das Leben bestreiten. Als Liz, ihre neue Kollegin, die Einundzwanzigjährige betrachtet, weiß sie, dass Joan erflogreich sein wird. James M. Cain beschreibt genüsslich die körperlichen Vorteile seiner Protagonistin und Erzählerin des Buches: Für Joan Medford scheint das Wort „wohlproportioniert“ erfunden worden zu sein.

Earl K. White The Third sieht das nicht minder emotional. Der kranke, schwerreiche Gast kommt nun täglich in die Cocktail-Bar und hinterlässt jedes Mal ein fürstliches Trinkgeld. Joan weiß um ihre Reize und setzt sie geschickt ein. Doch da ist auch noch Tom Barclay. Unwahrscheinlich anziehend für die Witwe, jedoch finanziell bei Weitem nicht so gut ausgestattet wie der ältere Gönner White. Und das erste Zusammentreffen von Tom und Joan ist auch nicht geeignet eine dauerhafte Liaison zu beginnen. Mr. White hingegen macht Joan ein ungewöhnliches Geschenk: 50.000 Dollar. So verschossen er in die Kellnerin ist, so sehr weiß er auch, dass eine Heirat nicht in Frage kommt. Dieser Schritt wäre für ihn tödlich. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich.

Nach langem Werben willigt Joan in die Ehe mit Earl K. White ein. Doch schon während der Flitterwochen, die die beiden in London verbringen, bemerkt Joan bekannte Symptome, die ihrem neuen Leben eine erneute Wendung geben könnten.

Dieser Krimi Noir ist eine Offenbarung, weil ein Könner seines Faches (manche nennen ihn den Erfinder des „Krimi Noir“) in sein letztes Werk all seine Kunstfertigkeit gelegt hat. James M. Cain, der Autor unter anderem von „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ und „Mildred Pierce“ steht für Qualität im Regal der Spannungserzeuger. Ein knappes Dutzend Mal wurden seine Werke verfilmt und preisgekrönt.

James M. Cain gibt seinem letzten, lange verschollenen Werk ein wahres Fin noir. Wer das Werk Cains kennt, wird Parallelen zu den verfilmten Vorgänger „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, „Mildred Pierce“ und „Frau ohne Gewissen“ erkennen. Somit ist „Abserviert“ die Essenz von James- M. Cains literarischen Vermächtnisses. Und was für eines!

Slowakei

Slowakei

Zwanzig Jahre ist es her, dass sich die Tschechoslowakei in Tschechien und Slowakei auseinander dividierte. Tschechien wuchert mit der weltbekannten Metropole Prag, die Slowakei führt mit Košice in ihren Reihen dieses Jahr die Kulturhauptstadt Europas.

Da wird es Zeit dieses Land, das seit 2009 auch den Euro als Währung angenommen hat, genauer unter die Lupe zu nehmen. Roland Schönfeld legt mit diesem Buch einen allumfassenden, faktenreichen und zugleich unterhaltsamen Abriss der Geschichte der Slowakei vor.

Zuerst stark von den Ungarn geprägt – schließlich wurde man ein ganzes Jahrtausend von den Magyaren beherrscht – entwickelte sich erst in der jüngeren Geschichte ein Nationalgefühl, das auch ausgelebt werden konnte. Viele Völker nennen das Gebiet der Slowakei ihre Heimat. Die Politik hat alle Hände voll zu tun alle Ethnien unter einen Hut zu bekommen. Das gelingt wie überall auf der Welt mal besser, mal weniger gut.

Für Touristen ist die Hauptstadt Bratislava erster Anlaufpunkt, ist Ausgangsort für Erkundungen in die Umgebung (mit nicht einmal 50.000 km² ist die Slowakei relativ übersichtlich zu bereisen). Die Lage im äußersten Osten der Eurozone – und Europas, so wie es die meisten verstehen – bergen Menschen und Orte ein Füllhorn an Überraschungen und längst vergessenen Traditionen. Deren Ursprünge werden in diesem Band aufs Ausführlichste beschrieben.

Als Zusatzlektüre zu einem Reiseband ist „Slowakei“ von Roland Schönfeld die ideale Ergänzung für Individualtouristen, die ihrer Art des Reisens die Stange halten. Hier treffen erstklassig erhaltene Bauten auf ursprüngliche Natur. Hier wird Geschichte noch erlebbar.

Wer Europa mal von einer anderen Seite erleben will, ist in der Slowakei bestens aufgehoben. Wer die Geschichte der Slowakei erleben will, ist mit diesem Buch auf der sicheren Seite.

Ein Fachbuch – sicherlich. Aber eines mit hohem Nährwert für den Touristen wie den Hobby-Geschichtsforscher.

Košice – Eine kleine Stadtgeschichte

Kosice

Einmal der Mittelpunkt der Welt sein! So oder so ähnlich fühlten sich die Organisatoren, als bekannt gegeben wurde, dass Košice im Jahr 2013 (zusammen mit Marseille) sich als Kulturhauptstadt Europas präsentieren darf.

Košice? Wo ist das denn? Viele Fragezeichen über den Köpfen von Millionen Touristen überall auf der Welt.

Košice ist die zweitgrößte Stadt der Slowakei. Und sie existiert bereits seit dem ersten Jahrtausend. Zu erstem Ruhm gelangte die Stadt 1312 als Karl I. Robert ein ungarisches Heer vor den Toren der Stadt besiegte. Im Laufe der Zeit hinterließen immer wieder neue Herrscher ihre Spuren: Ungarn, Deutsche, Juden, Ruthenen und Roma. Die ostslowakische Stadt ging mit den Hinterlassenschaften sorgsam um, und so kam es, dass im 20. Jahr der Unabhängigkeit die Slowakei und somit Košice den Zuschlag bekam sich Kulturhauptstadt Europas nennen zu dürfen.

Der verheerende Stadtbrand von 1556, der große Teile der Elisabethkirche, Klöster und Türme in seinen Flammen verschlang, wurde durch umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen bald vergessen gemacht. Heute erstrahlt die historische Altstadt im alten Glanz und verzaubert Gäste aus aller Herren Länder. Wenn man so durch die Stadt schlendert, vorbei an den erhabenen Bauten links und rechts des Weges, erkennt man die Parallelen zu Metropolen wie Wien und Budapest. Dies ist der Hinwendung zu den großen Habsburger Städten zu verdanken.

Auch wenn Košice nicht dem Ruf Wiens oder Budapests nachhängt, so muss sie sich nicht hinter den großen Siedlungen an der Donau verstecken.

Nach 1945 wuchs Košice zu einer Industriestadt mit intellektuellem Charme heran. Hochschulen entstanden, die Künste wurden gefördert. 1966 wurde der urbanturm durch einen Brand arg in Mitleidenschaft gezogen. In den Folgejahren wurde er wieder aufgebaut. In dieser Zeit verdoppelte sich auch die Einwohnerzahl. Das zweitgrößte Wohnungsbauprogramm – nach Prag – beschied Košice einen Bauboom enormen Ausmaßes.

Ein Besuch der Stadt lohnt sich nicht nur, weil hier gerade an allen Ecken und Enden Kunst verschiedenster Couleur geboten wird, sondern auch weil die Slowakei im Euro-Raum ein Mauerblümchendasein fristet. Entdecker werden – auch und gerade mit diesem Buch im Gepäck – ein frisches, aufstrebendes Land und eine quicklebendige Stadt vorfinden, die darauf wartet erkundet zu werden.

Kleine Geschichte Stockholms

Kleine Geschichte Stockholms

Unter den Hauptstädten Europas gehört Schwedens Kapitale nicht zu den Städten, die man sofort mit einer speziellen Sehenswürdigkeit in Verbindung bringt. Kein Tower, kein Eiffelturm, kein Colosseum, keine unvollendete Kirche oder eine besondere Ausgrabungsstätte. Stockholm ist einfach nur Stockholm. Zeit, um sich genauer mit der Geschichte dieser Stadt zu beschäftigen, die – wenn man den Fernsehbildern und Klatschpostillen glauben darf – nur aus dem Königspalast und ein paar Schären besteht.

Seit mehr als 750 Jahren dürfen sich Schweden Stockholmer nennen. Ein idealer Handels- und Verteidigungsplatz war der Fleck, den wir heute als Stockholm kennen. Der Name Stockholm lässt sich auf die Begriffe Stock für Pfahl oder Stamm und Holm für kleine Insel zurückführen. Wie Venedig und Amsterdam wurde die Stadt auf Pfählen errichtet.

Autorin Ingrid Bohn weiß so manche Anekdote aus den Archiven zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, warum die Stadt in einem strahlenden Gelb erscheint. Das kommt von … das muss man schon selber nachlesen. Denn dieser Ausflug in die Geschichte macht Spaß. Kein Lehrer, der mit erhobenem Finger Aufmerksamkeit einfordert. Hier sitzen die Schüler / Leser brav und still da und lauschen den Ausführungen. Wer Stockholm mehr als nur ein Wochenendausflugsziel anerkennt, und mehr als nur die Touri-Tour machen will, kommt an diesem knackig geschriebenen Band nicht vorbei. So manche, was links und rechts des Wegesrandes steht, bekommt eine neue Bedeutung. Fassaden lösen sich aus ihrer Starre und werden lebendige Figuren im Spiel der Jahrhunderte. So macht Geschichte Spaß.

Und heute? Trendhauptstadt Europas in Sachen Mode – wird sie von Modeexperten genannt. Ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt auf vierzehn Inseln versprechen Abwechslung und entspannte Atmosphäre. Die Geschichte ist präsent, aber nicht aufdringlich. Jetzt, da der Leser mehr über diese außergewöhnliche Stadt weiß, gibt es keine Alternativen mehr: Koffer packen und die gelesene Geschichte erleben und aufsaugen!

Der Bahnwärter

Der Bahnwärter

Nino und Minica beziehen ein Bahnwärterhäuschen – alles scheint so zu verlaufen wie das Paar es sich vorstellt. Die Arbeit ist nicht allzu schwer. Er kümmert sich ums Haus, sie sich um den Garten. Zur Zertreuung geht Nino einmal in der Woche zum Singen in die nahegelegene Stadt. Minica bleibt derweil lieber zuhause.

Der näher rückende Krieg – wir schreiben das Jahr 1942 – durchbricht auch die sizilianische Idylle am Meer. Soldaten beginnen Bunkeranlagen zu bauen. Nächtliches Klopfen beängstigt die junge Frau. Ein kleines Zwischenhoch verflüchtigen die Sorgen. Nino gewinnt ein halbes Jahresgehalt in der Lotterie.

Das Zwischenhoch dauert jedoch nur kurze Zeit. Die Alliierten rüsten sich zum Kampf gegen den Duce. Und so geraten die Schwarzhemden – so wurden die Faschisten in Italien genannt – in Panik. Musizieren wird nur noch unter Auflagen gestattet. Nino und sein Gesangspartner Toto machen aus der Not eine Tugend. Angepasst an die neue Situation singen sie nun die gewünschten Lieder  – allerdings in abgewandelter Form. Ein Fehler, der sie für kurze Zeit ins Gefängnis bringt. Michele wird in dieser Zeit den Job des Bahnwärters übernehmen. Er ist ein strammer, überzeugter Faschist. Und ein gefährlicher Mann.

Das ständige nächtliche Klopfen an der Tür, wenn Nino nicht anwesend war, die Angst etwas Schreckliches geschehen könnte, das alles hat Minica weggesteckt. Doch das Schlimmste kann sie nicht verhindern. Endlich schwanger (Andrea Camilleri beschreibt mit liebevoller Hingabe wie die beiden die Empfängnisschwierigkeiten beseitigen), fällt sie einem perfiden Verbrechen anheim, in dessen Folge ihr gemeinsames Leben komplett umgekrempelt wird. Süß und trotzdem nicht befriedigend fällt die Rache aus. Minica verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Der Bahnwärter“ ist der zweite Teil der Metamorphosen-Trilogie von Andrea Camilleri. Und wieder verzaubert uns der sizilianische Magier mit seinen Zeilen. Ein Märchen aus Lava und Gischt. Eine Geschichte wie sie nur aus einer Feder stammen kann. Auch wenn die Erzählung sehr handfest ist, so schafft es Andrea Camilleri den Reiz und die Eigenarten der Sizilianer poetisch einzufangen.