Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Mein ein und alles

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Giulio und Arianna – ein Traumpaar. Wenn man sie so sieht, glaubt man nicht, dass die beiden eine ungewöhnliche Beziehung leben. Verliebte Blicke, perfekt aufeinander abgestimmt, so schaut es für den Außenstehenden aus. Nur die Leute am Strand wissen Bescheid über ihr Geheimnis. Denn am Strand sind Giulio und Arianna nicht das verliebte, perfekte Paar, am Strand sind sie die sich verzehrende Arianna und der duldende Giulio. Doch beim Spiel mit den Jünglingen gibt es klare Regeln, über die der Strandwart wacht: Jeder nur zweimal! Und keine Anrufe bei ihr!

Giulio ist über ein Vierteljahrhundert älter als die begehrenswerte Arianna. Sie lernten sich kenne, als sie ihren Mann verlor. Dessen Familie war nie gut auf Arianna zu sprechen. Giulio schwebte botenhaft wie ein Engel in ihr Leben, dass von diesem Moment an ein anderes war. Finanzielle abgesichert konnte sie sich ihrer persönlichen Entfaltung widmen. Ganz oben auf dem Dachboden war und ist ihr Reich. Hier darf niemand rein.

Giulio ist Geschäftsmann. Klare Regeln sind für ihn die Basis eines jeden Geschäftes.

Und so läuft das angenehme Leben Tag vor Tag durch die beiden hindurch. Jeder hatte sein Leben bevor er den anderen kennenlernte. Jeder lebt sein Leben. Beide leben ihr Leben gemeinsam – das klingt auf den ersten Blick verwirrend. Doch Andrea Camilleri wäre nicht er selbst würde er es nicht ernst meinen und eine wunderbare Geschichte aufs Papier zaubern. Beim Lesen wird man das Gefühl nicht los, als sei diese Geschichte in einem fort geschrieben worden. Kleine Rückblenden in Ariannas Vergangenheit lassen den Nebel des Ungewissen verschwinden. Dem Leser öffnet sich eine traurige Welt, die Arianna längst verlassen zu haben scheint. Doch ist sie gerade dabei die Regeln zu verletzen. Mario – einer ihrer Auserwählten, den sie nur zweimal treffen darf, der sie nie anrufen darf – fühlt sich derart von ihr angezogen, dass er die Grenzen überschreitet. Arianna scheint das nur anfangs etwas auszumachen. Doch dann entscheidet sie sich anders: Wenn Arianna jemandem ihr ein und alles zeigt, ist das kein Vertrauensbeweis. Es ist viel mehr …

„Mein ein und alles“ gehört zu den stärksten Büchern des Sizilianers Andrea Camilleri. Was als ungewöhnliche Liebe zwischen einer jungen, vom Leben geschassten Frau und einem erfolgreichen, gönnerhaften Signore beginnt, entpuppt sich nach und nach als bittersüße Abrechnung mit dem Leben. Wer hier Opfer, wer Täter und wer Helfer ist, muss der Leser entscheiden. Montalbano hätte seine reine Freude an diesem Fall.

Lesereise Island

Lesereise Island

Wer Island besucht, sucht das Besondere. Keine Bettenburgen, die die Aussicht auf unvergessliche Natur verstellen. Keine Bartwurststände, die Heimatgefühle aufkommen lassen sollen. Kein Strand, an dem man in der Sonne brutzelt. Wer Island sucht, wird es auch schnell finden.

Das Auffälligste an Island ist, dass es jeden Tag anders auffällig erscheint. Wo gestern noch ein bizarrer Gletscher in den wolkenverhangenen Himmel ragte, versperrt heute eine Lavawüste den Weg. Okay, das ist vielleicht eher selten – aber Naturgewalten verändern in regelmäßig unregelmäßigen Abständen das Aussehen des Horizonts. Diesen Zauber fängt Susanne Schaber in ihrer Lesereise auf poetische Art und Weise ein.

Zaubern, also wirklich zaubern, etwas verschwinden und wieder auftauchen lassen, ganz ohne Trick, das können auch die Isländer nicht. Aber ihr Glaube an Trolle und Elfen, ihre Naturverbundenheit, ihre Gelassenheit lassen sie in unseren Augen zuerst verschroben, nach kurzer Besinnung besonders erscheinen. Sie leben mit der ständigen Gefahr, dass jederzeit einer der feuerspuckenden Vulkane ihnen alles nehmen kann. Sie kennen ihre Feuerberge, wissen das Grummeln zu deuten. Und wenn es doch mal zum Äußersten kommt, sind alle gewappnet. Für immer wegbleiben, kommt für kaum jemanden in Frage. Susanne Schabers Geschichte über eine Frage auf den Westmanninseln zeichnet das Bild einer willensstarken Frau, die den Naturgewalten die Stirn bietet. Bis zu vier Jahre kann es dauern bis wieder Normalität in den Ort gekehrt ist. Und wenn beim Nachbarn wieder Licht brennt, ist es die Mühen wert gewesen.

Island aber nur als Insel der Inneren-Frieden-Suchenden zu sehen, die sich nichts Schöneres vorstellen könne als einsam auf einem Gletscher ins Nichts zu schauen, der irrt. Reykjavik, die Hauptstadt, verwandelt sich Wochenende für Wochenende in eine metropole Partymeile. Vorwiegend aus Skandinavien fliegen oder fallen Gruppen von Menschen ein, um hier die Nacht zum Tage zu machen.

Ob nun einsamste Herberge der Welt oder Partygetümmel, ob lukullische Ausflüge und Treffen der Mächtigen der Welt, ob ungestüme Natur und entlegene Landstriche – Island zieht den Besucher in seinen Bann, dieses Buch den Leser. Susanne Schaber schafft dem blassen Image der Insel Farbe zu verleihen. Sie schaut in die Kochtöpfe, erzählt von immensen Aufbauarbeiten, schwärmt von unberührter Natur, so dass man schon beim Lesen gedanklich die Koffer packen will. Doch zuerst muss man zu Ende lesen. Es lohnt sich!

Lesereise Côte d’Azur

Lesereise Cote d'Azur

Es gibt sie noch, die Sehnsuchtsorte. Trotz Globalisierung und Gleichschaltung bei der Gestaltung von Orten verheißen einige Landstriche immer noch Glanz, versprühen ihren Zauber nur durch ihren Klang. So wie die Côte d’Azur. Ein Hauch von Eleganz, Extravaganz, Verruchtheit, aber auch Exklusivität. Helge Sobik hat dem Mythos Côte d’Azur auf den Zahn gefühlt.

Und er gibt dem Affen Zucker, wenn er seine Lesereise mit dem Klischee der Schönen und Reichen beginnt. Am Cap d’Antibes liegen die paradiesischen Anwesen der oberen Zehntausend. Wer hier ein Anwesen sein Eigen nennt, hat es geschafft. Finanziell zumindest. Ein Blick über die Hecke werfen und vielleicht einen A-Promi beim Sonnenbad erblicken – eher selten. Man bleibt gern unter sich. Um denen da oben ganz nah zu sein, muss man hier arbeiten, als Strandbademeister zum Beispiel. Man muss diskret sein (können). Dann erhascht man vielleicht sogar mal ein Autogramm.

Sobiks Geschichten wechseln zwischen Privatkonzerten von Bono, Sänger von U2, und einzigartigen Naturschönheiten. Wie der Insel Porquerolles. Georges Pompidou rettete die Insel vor der maßlosen Kommerzialisierung als er anwies die Insel vom Staat kaufen zu lassen. Oder Port-Cros. Unbewohntes Eiland, Nationalpark. Rauchen verboten! Wer erwischt wird, dessen Geldbeutel wird um den größten Euroschein erleichtert. Also Kippen weg, Augen auf, und das Atmen nicht vergessen! Denn die Insel verleitet regelrecht zum Atemstillstand.

An der Côte d’Azur trifft Helge Sobik auf Erinnerungen an Stars wie Curd Jürgens, Pablo Picasso und Marlene Dietrich. Auch sie erlagen dem Charme dieses Landstriches, der so viel verspricht. Und es auch hält. Doch er trifft auch auf Menschen, denen die Gäste und ihr Geld egal sind. Sie lieben es hier ihr Leben zu leben. Andere wiederum können ohne die großen Namen nicht leben. Sie profitieren vom Ruhm und Geld der Paparazziopfer. Vielleicht ist es ja gerade diese Mischung, die die Côte d’Azur so reizvoll macht?

Die Lesereise Côte d’Azur macht Appetit auf eigenes Erleben. Man muss ja nicht gleich im teuersten Hotel am Platze absteigen und einen Eisbrecher für einen zweistelleigen Betrag bestellen. Das geht hier an jeder Ecke. Die Côte d’Azur lebt von ihrer Natur. Sie ist die Basis für das, was heute sehnsuchtsvolle Tränen in die Augen der Träumer treibt. Saint Tropez, Nizza, Cannes, all das kam im Laufe der Zeit. Ohne das reizvolle Klima, die betörende Landschaft wären auch die Stars wie Brigitte Bardot hier niemals hängen geblieben. Und der Mythos Côte d’Azur wäre niemals an Tageslicht gekommen. Aber dann hätte es auch dieses Buch niemals gegeben. Das wäre wirklich schade!

Dem Himmel nah

Dem Himmel nah

Anfang Juli 1990. Die Sonne brennt. Im Land, wo die Zitronen blühen kämpfen zweiundzwanzig Spieler gegen die Hitze und einen Goldpokal. Der eine Teil Deutschland schaut reisetechnisch gen Wesen (endlich!), ein kleine Gruppe aus dem westlichen Teil schaut sehnsuchtsvoll und teils auch bange gen Osten. Drei Bergsteiger machen sich auf den Weg den Pik Kommunism zu erklimmen. Qullai Samani heißt der wieder, nachdem die Sowjetunion und der gesamte Ostblock als abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern stehen.

Papiere besorgen von Ländern, die gerade im Entstehen sind bzw. gerade zerfallen, ist keine leichte Angelegenheit. Die Drei haben sich aufgeteilt. Jeder übernimmt eine andere Aufgabe. Das erste Abenteuer ist die Zugfahrt von Köln nach Moskau. Unterwegs müssen die Achsen gewechselt werden, weil es in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, dem Nachfolger der Sowjetunion, eine andere Spurbreite gibt. Endlich angekommen im Pamirgebirge werden die Drei gleich auf eine erste harte Bewährungsprobe gestellt: Eine Expedition hat den Aufstieg nicht überlebt. Im Camp mit Bergsteigern aus allerlei Nationen herrscht Betroffenheit. Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern sind die drei Rheinländer Amateure. Ihre Ausrüstung ist ausreichend – sie alle sind wahrhaft keine Anfänger mehr – im Vergleich mit der Profiausrüstung der teils gesponserten Teams wirkt ihre Equipment aber eher simpel.

Nach Tagen der Eingewöhnung macht sich das Dreigestirn auf den Weg in die bisher unerklommenen Höhen über 7.000 Meter. Die Luft ist dünn, die Kraft lässt nach, der Wind nicht. Wer Bergsteiger ist, kennt die Strapazen, die von einem auf den anderen Moment auftreten können. Klaus Auen gibt in seinem Buch einen Einblick darin, was es heißt Bergsteiger zu sein. Die Beine werden schwer, der Kopf leer. Auch wenn es sich reimt (und das soll ja angeblich gut sein), ist es eine Tortur, die keiner jemals zuvor erlebt hat. Den Drachenfels hochsprinten (wie in der Vorbereitung) ist dagegen ein Klacks.

Wer Bergsteigergeschichten mag, wird hier vollends auf seine Kosten kommen. Wem die Bergwelt bisher ein Buch mit sieben Siegeln war, leckt Blut. Ausführlich und dennoch nicht ins Bedeutungslose abdriftend verleiht Klaus Auen seiner Faszination für die Berge Ausdruck. Der Leser fiebert mit. Schaffen die Drei den Aufstieg? Und wenn ja wie? Ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Montagsblues

Montagsblues

Dem Alltagstrott entfliehen. Den Montag mal anders beginnen als mit Müdigkeit und tendenzieller Depression. Ein echtes Abenteuer erleben. Melanie (die Erzählerin), Tina und Carmen sind frustriert. Nicht weil sie Singles sind. Das ist schon in Ordnung. Es ist der Alltag, der ihre Seele frisst. Kurzerhand – und das ist in diesem Roman wörtlich zu nehmen, planen sie einen Banküberfall, den sie auch gleich in die Tat umsetzen, flüchten aus der Tristesse ihres Lebens. Und schon sonnen sie sich unter der Sonne Thailands. Das ist doch kein Krimi! Nein ist es auch nicht. Es ist ein Antikrimi.

Jutta Brettschneider geht es nicht um wilde Schießereien und noch wildere Verfolgungsjagden. Ihr Augenmerk liegt auf der Zeit danach. Denn die kann man nicht planen. Wenn man zum Beispiel einen Anhalter mitnimmt, kann man nie wissen, ob der nicht vielleicht Drogen im Gitarrenkoffer versteckt. Oder wenn Polizisten mehr oder weniger zielstrebig auf einen zulaufen, kann man nie wissen, ob sie einfach nur einem die schweren Taschen tragen wollen. Bis zu ihrem ersten Ziel Bangkok erleben die Drei einige vermeintlich brenzlige Situationen.

Endlich angekommen in Bangkok meinen sich die drei Gangsterbräute im Paradies. Endlich mal einkaufen ohne Reue. Zwei Millionen Euro Beute, das reicht schon eine Weile. Auf Koh Samui – dort, wo sie ihr Leben nicht beschließen, dennoch genießen wollen – fühlen sie sich endlich angekommen. So wie einst: Job, Wohnung, Leben. Jetzt: Hotel, Wellness, Strand.

Doch der Reiz des Neuen speist sich eben auch nur aus dem Neuen, der neuen Umgebung. Wenn das Neue Alltag wird, ist es eben auch nur Alltag. Und der ist in Thailand vielleicht nicht ganz so grau, eher sonnengelb, dennoch nicht minder blass.

Jutta Brettschneider lässt ihre drei Heldinnen leiden. Zuerst auf ganz hohem Niveau. Sie können sich ihre lang gehegten Träume verwirklichen. Doch Konsum und scheinbarer Luxus sind nur ein Bruchteil des Glücks. Besonders, wenn einem andere dies nicht gönnen …

Lesereise Helsinki

Lesereise Helsinki

Finnland im Allgemeinen und Helsinki im Speziellen finden im Bewusstsein vieler nur während der Wintersaison der Sportler statt. Da ist es viel zu kalt. Und im Winter wird‘s nie richtig helle, im Sommer niemals dunkel. Vorurteileüber Vorurteile, die … naja … stimmen. Aber ist das ein Grund Helsinki und Finnland mit Nichtachtung zu strafen? Nein! Rasso Knoller erklärt in diesem erstklassigen Büchlein warum.

Natürlich ist es im Winter hier oben im Norden verdammt kalt. Aber in Zeiten von Funktionskleidung dürfte das ja wohl kein Problem sein, oder?! Und außerdem überleben die Finnen die lange kalte Jahreszeit ja auch. Sie rennen nicht vor der Kälte davon. Apropos Flucht. Im Sommer fliehen die Finnen. Nicht – wie jetzt vielleicht manch einer denkt in die Kälte, weil sie es halt gewöhnt sind – nein, sie fliehen aufs Land. Jedes Jahr im Sommer setzt eine organisierte Stadtflucht aus Helsinki ein. Jeder, der kann, setzt sich richtig Natur in Bewegung. Alle auf einmal! Stau? Na und! Der Finne an sich ist geduldig. In einer Runde zu schweigen, animiert die meisten von uns Mitteleuropäern zum anhaltlosen Plappern. In Finnland kennt man nur den Begriff des behaglichen Schweigens.

Rasso Knoller stöbert weiter in der Ostsee-Metropole. Er trifft auf Werktags-Abstinenzler, die dafür am Wochenende (mit Erlaubnis der Gattin!) so richtig ihrem über der Woche aufrecht erhaltenen Alkoholentzug entsagen. Ein geflügeltes Wort besagt, dass Alkohol ohne Rausch vergebens ist. Dabei bleibt der Autor immer neutral – er wertet dieses Gebaren nicht. Auch die verwunderten, ja manchmal sogar bedauernden, Blicke seiner Kollegen, weil jeden Tag zur Mittagszeit sich ein kleines Bier genehmigt, sind für ihn bald Normalität.

Ein Helsinki-Aufenthalt ohne Sauna ist nur die Hälfte wert. Das Wort Sauna ist das einzige, was weltweit mit dem kalten Landstrich in Verbindung gebracht wird. Ok, Nokia vielleicht noch. Die Finnen sind nicht verrückt nach Sauna, für sie ist elementarer Bestandteil des Alltags. Manche gehen soweit ihrer Passion Räder unterzuschnallen. Ob nun vier- oder zweirädrig. Sauniert wird immer und überall.

Rasso Knoller macht Appetit auf Finnland und Helsinki. Geschichte und Geschichten wechseln sich im fröhlichen Reigen ab. Wer Helsinki nur aus den Nachrichten kennt, und sich bisher kaum für unseren nordöstlichen Ostseeanrainer  interessiert hat, dem wird mit diesem kleinen Büchlein klar, dass er bisher was verpasst hat. Ein Appetitmacher auf Heiß und Kalt!

Mit dem Fahrrad durch die USA

Mit dem Fahrrad durch die USA

Sich einfach auf den Drahtesel schwingen und ab geht’s. Ja, das kann man machen, wenn man zur Arbeit will, oder zum Einkaufen, oder einen kleinen Ausflug unternehmen will. Aber in einem fremden Land, fernab von der Heimat? Schon als Teenager war Peter Lindwedel von Karten und fernen Ländern fasziniert. Als passionierter Radfahrer kam für ihn nur ein Fortbewegungsmittel in Frage: Das Rad! Und einmal die USA durchqueren, von San Francisco an den Atlantik. Das war sein Traum. Von West nach Ost. Denn es gibt mehr West- als Ostwinde. So war der Traum, so war der Plan. Bis es in die entscheidende Planungsphase ging. Um es kurz zu machen: Aus dem West-Ost-Trip wurde ein Ost-West-Trip. Schon die Vorbereitung ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Denn man kann nicht einfach so sein Fahrrad aufgeben. Dazu benötigt man eine Schachtel, die gewisse Maße nicht überschreiten darf. Die zu bekommen, ist allerdings unmöglich. Improvisation ist das Zauberwort. Diesem Zauber wird er auf seiner Reise noch öfter unterliegen (müssen).

Als endlich amerikanischer Boden unter den Sohlen des Pedalritters brennt, kann es losgehen. Naja, nicht gleich. Der Transport hat am Rad Spuren hinterlassen. Doch nachdem die behoben sind, kann es endlich losgehen. Losgehen mit falschen Routen, Umwegen und … einem Reifenplatzer. Die Ausschilderung im Ausgangsort Savannah (Georgia) lässt zu wünschen übrig. Genauso wie das Wetter. Es regnet Bindfäden. Der Regen füllt Schlaglöcher, und es kommt wie es kommen muss: Reifen platt!

Das fängt ja gut an, denkt man sich als Leser. Murphys Gesetz ist stets präsent. Doch wie so oft im Leben, kommt ein Unheil zwar selten allein, dafür aber nur einmal. Insofern hat Peter Lindwedel das Gröbste hinter sich. Seine Reise führt ihn nicht ihn die Metropolen New York, Chicago oder New Orleans – er will Amerika entdecken. Für sich entdecken. Einzig die Golden Gate Bridge in San Francisco steht unverrückbar als Zieldurchfahrt fest. So radelt er mit sechs Stunden Musik auf dem mp3-Player, einem Smartphone, jeder Menge Gepäck und dem unbedingten Willen das Frühjahr 2013 als Pedalritter auf dem fremden Kontinent zu durchqueren, durch menschenverlassen Regionen, vorbei an erstaunlichen Gesteinsformationen, über Berg und Tal, durch Georgia, Kentucky, Kansas, Colorado, Utah, Nevada, Kalifornien. Ein echter Abenteuertrip! Er trifft Menschen, die ihm Obdach geben, campiert in den schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann und erlebt das, was Pauschaltouristen nur vom Hörensagen kennen.

Fast sechseinhalbtausend Kilometer strampelt er durch die USA. Von April bis Juni macht Peter Lindwedel die Reise seines Lebens. Zum Glück hat er alles in seinem Tagebuch für den Leser niedergeschrieben. Wer Ähnliches vorhat, kann dieses Buch als Ratgeber benutzen. Wer außergewöhnliche Reiseerlebnisse bevorzugt, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.

Galgenheck

Galgenheck

Der Vorort war schon immer der Hort der außergewöhnlichen Geschichten. Man denke nur an Fernsehserien wie „Breaking Bad“. Ganz so rabiat geht es in „Galgenheck“ nicht zu. Doch auch hier regiert die Neugier überm Gartenzaun und der Drang nach vollendeter Perfektion. Da stört jeder noch so kleine Unruhestifter.

Madeleine Giese lässt ihre eingeschworene Gemeinschaft unter der  unerträglichsten Frühsommerhitze des Jahres leiden. Ein Fest soll organisiert werden. Da tut sich natürlich immer Einer bzw. Eine besonders hervor, der oder die alles so perfekt wie möglich haben will. Und wehe es funkt einer dazwischen. Offen ausgetragene Konflikte sind dann eher nicht an der Tagesordnung. Unterschwellig brodelt es im Galgenheck, so der Name der Idylle zwischen streng gezogenen Grundstücksgrenzen.

Die bohrende Langeweile der Vorstadtsiedlung bekommt langsam Risse. Doch statt sich über die Abwechslung zu freuen, sie als Chance zum Fortschritt zu nutzen, gefällt man sich im goldenen Fertigteil-Käfig.

Ein Trunkenbold hält die Nachbarschaft auf Trab, genauso ein Kater, der dämonische Kräfte entwickelt. Nach und nach kommen auch die Bewohner von Gelgenheck auf Trab…

Madeleine Giese wirft in ihrem Roman einen süffisanten Blick auf die Vorstadtidylle einer deutschen Stadt. Welche wird nicht erwähnt, aber es kann hier wie da genauso oder ähnlich passieren. Ist der nachbarschaftliche Frieden in Gefahr, erhebt sich selbst der Bequemste und greift zur Fahne. Wer nicht mitmacht, den bringt man schon auf die eine oder andere Weise dazu.

„Galgenheck“ ist ein amüsanter Blick auf Gemeinschaften, die durch räumliche und nicht durch menschliche Nähe entstanden sind. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die freundliche Art der Nachbarn ist oft nur Fassade. Erst der Kampf gegen die Eindringlinge in die Monotonie der Vorgartenidylle schweißt sie näher zusammen. Ein Roman für alle, denen konformistischer Baustil und erzwungener Gemeinschaftssinn ein Lächeln übers Gesicht huschen lassen. Ein köstlicher Lesespaß, der mit Tiefgang überzeugt.

MM City Madrid

Madrid

Spaniens Hauptstadt fristet ein Zweite-Reihe-Dasein. Das Hauptreiseziel unter den Städten Spaniens ist Barcelona. Auch die Krönungszeremonie des neuen Königs Felipe VI. brachte Madrid nur kurzzeitige Berühmtheit. Da hallt der Champions-League-Erfolg von Real Madrid länger nach. Doch Madrid hat diesen Status nicht verdient! Zeit Spaniens stolze Hauptstadt doppelt zu erfahren.

Hans-Peter Siebenhaars Madrid-Stadtführer ist sowohl in Buchform als auch als App auf dem Smartphone verfügbar. Letzteres kostenlos! App runterladen (QR-Code auf der letzten Umschlagseite des Buches), GPS einschalten und schon ist man in einer der schönsten Städte aufs Beste informiert, wird zu den interessantesten Plätzen gelotst, zu den leckersten Mahlzeiten verführt und erhält Geschichte(n) aus erster Hand.

Wenn man einfach nur so nach Madrid will, kommen einem der Prado, der Königspalast und ein bisschen spanisches Flair auf den Straßen in den Sinn. Doch damit hat man nur einen sehr kleinen Bruchteil der Stadt erfasst. Hans-Peter Siebenhaar hat 17 Stadtrundgänge und Touren erstellt. Und jede einzelne ist es wert „abgearbeitet“ zu werden.

Im Urlaub sieht man alles ein bisschen lockerer. Keine starren Regeln, die den Alltag umreißen. So ist auch dieser Reiseband angelegt. Die dritte Tour zum Beispiel nennt sich „Das Madrid der Banker und Dichter“. Ein gelungenes Wortspiel, das ab dem ersten Schritt überzeugt: Los geht’s an der Banco de Espana. Über die  Calla de Alcalá, eine viel befahrene Straße führt die Tour vorbei am Parlament und Museen bis in ein andalusisches Hammam. Wenn das keine Abwechslung verspricht…

Immer wieder hält man inne, um die farbig unterlegten Kästen zu lesen. Hier wird Stadtgeschichte greifbar. Anekdoten ergreifen den Leser, die er nicht so schnell vergessen wird. Ebenfalls nicht vergessen wird man den Großstadtlärm Madrids. Die Stadt gilt als die lauteste Metropole Europas. Autohupen, Straßenmusiker und Händler verwandeln auch nach Einbruch der Dunkelheit in ein babylonisches Sprachengewitter, das nicht abnehmen will.

Als Gegenpart ist da der Parque del Retiro zu empfehlen. Ein riesiges Gelände, das man auf der sechsten Tour genussvoll erobern kann. Gleich nebenan ist auch der Prado. Auch hierfür hat der Autor einen Geheimtipp. Wer sich die Wartezeit ein wenig versüßen will bzw. ein wenig Stärkung benötigt, kann diese sich im Ritz gegenüber holen. Das ist doch viel zu teuer, meint man. Doch was wäre ein Geheimtipp wert, wenn er nur für eine bestimmte Klientel bestimmt wäre? Probieren Sie es aus.

Ob nun als App oder als Buch mit beigelegtem Stadtplan – dieser Reiseführer überrascht den eingefleischten Leser der Michael-Müller-Bücher nicht. Exzellent recherchierte Touren, nützliche Tipps und ein gefälliger Aufbau sind die Grundlage eines jeden Stadtführers. Madrid überrascht, weil man sofort merkt, dass die zweite Reihe auch ihre Reize hat.

Konstanz in 90 Minuten

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Was kann man alles in neunzig Minuten machen? Backen, kochen, ein Fußballspiel anschauen … und Konstanz erobern. Als Tourist, versteht sich. Zehn Stationen in der Stadt am Bodensee und man wird süchtig nach Konstanz. In diesem kleinen Büchlein wird natürlich nicht die gesamte Geschichte der Stadt abgebildet, aber sie zeigt ihr wahres Gesicht. Das Jahr 2014 ist in Konstanz besonders vom 500jäöhrigen Jubiläum des Konstanzer Konzils geprägt. Die Touristen werden i die Stadt strömen, um sich als geschichtsträchtigen Pfaden den Hauch der Vergangenheit um die Nase wehen zu lassen. Da ist es von Vorteil sich ein wenig auszukennen. Und dafür ist diese Büchlein der ideale Begleiter. Per pedes durch die sonnenverwöhnte Meeresmetropole. Klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber der Bodensee geht als Meer durch. Wer jetzt sagt, dass man mehr als 90 Minuten für Konstanz braucht, liegt goldrichtig. Nachspielzeit – in diesem Buch richtigerweise als Plus-Zeit-Angebote hervorgehoben – sorgen für nachhaltige Erlebnisse. Anpfiff für einen Rundgang durch Konstanz.