Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Verschollen in Mainhattan

Verschollen in Mainhattan

Es gibt wahrlich schönere Anlässe seine Liebe öffentlich zu machen. Jenny Becker, Kommissarin in Frankfurt und Michael Biederkopf, Staatsanwalt, sind endlich Jenny und Micha. Das wissen ihre Kollegen, nun auch der Staatsanwalt Dreher. Das heißt, dass er es eigentlich schon vorher wusste. Jenny steht vor ihm – einen Sitzplatz bot er ihr nicht an – und wundert sich über Michas Verschwinden. Micha krank? Er geht nicht ans Telefon. Da stimmt was nicht! Dreher tut ihre Bedenken als Lappalie ab. Von wegen Liebe und Sex können nur Männer trennen und so weiter.

Logo und Sascha muntern Jenny auf. Sie solle die Worte des Staatsanwaltes nicht so ernst nehmen. Sie solle vielmehr Micha vertrauen und an seine Liebe zu ihr Glauben. Jenny und ihr Team machen sich auf eigene Faust los, um den vermissten Staatsanwalt zu finden.

Den Anfang machen die Ermittler bei dem Arzt, der Michael Biederkopf die Krankschreibung ausgestellt hat. Ein Augenarzt. Die Praxis ist muffig, antiquiert. So gar nicht nach Michas Gusto, denkt sich Jenny. Als Patient getarnt bringt einer von Jennys Kollegen in Erfahrung, dass Micha gar nicht hier war.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fällt dem Team auf, dass der Internetverlauf gelöscht wurde, die Anrufliste ebenso – nur Jennys Anrufe sind noch verzeichnet. Eine Restaurantquittung von dem Abend als Micha Jenny verließ, um nach Hause zu fahren, bringt eher mehr Dunkel als Erhellendes in den Fall. Ist da etwas doch eine andere Frau im Spiel? Und woher sind die ganzen Frauenklamotten in Michas Haus?

Erich Möbius, der beste Freund von Micha, weiß auch nicht mehr. Doch als Erich ermordet wird, kommt Bewegung in den Fall. Und Michas Vergangenheit stellt sich von nun als komplettes Rätsel dar…

Andrea Habeney lässt ihre Protagonistin ein Wechselbad der Gefühle durchlaufen. Rockerbanden, BKA, Liebesschwüre – ganz schön viel für eine junge Frau, die zwischen Privatleben und Karriere steht. In ihrem fünften Fall muss Jenny Becker sich Hin- und Herreißen lassen. Aus einer lauschigen Zweisamkeit wird Ruhelosigkeit, dann kommen die Zweifel, gefolgt von Sorge. Wer ist dieser Mann, den sie liebt? Für Jenny eine Tortur – für den Leser ein Fest!

Durch die blauen Felder

Durch die blauen Felder

Die Geschichtensammlung „Durch die blauen Felder“ von Claire Keegan besticht durch ihre präzise Beschreibung der einzelnen Charaktere. Dabei unterlässt es die Autorin dem Leser die komplette Geschichte aufzutischen. Sie lässt viel Raum für Interpretation und bezieht so den Leser in ihre Geschichten ein.

Jede einzelne Kurzgeschichte ist ein Juwel. Da muss zum Beispiel ein Priester seine einstige Geliebte verheiraten. Ahnt der Bräutigam etwas? Oder bildet sich der Gottesmann alles nur ein?

Eine junge Frau verlässt nach missglückter Schule-„Karriere“ ihre mehr oder weniger geliebte Heimat. Der Vater hält es nicht einmal für nötig aus dem Bett zu steigen. Die Zuneigung zur Mutter hält sich auch in Grenzen. Doch je näher der Abschied rückt, desto enger wird das Verhältnis zu den Eltern, desto intensiver die Liebe. Dennoch steht der Entschluss unverrückbar fest.

Die Personen in Claire Keegans Geschichten sind keine Allerweltspersonen. Allerdings auch keine Sonderlinge. Sie trifft man überall auf der Welt. Und doch sind sie einzigartig. Die Autorin lässt sie ihnen ihren Charakter, verändert sie nicht. Ein bisschen eigenbrötlerisch sind sie vielleicht. Doch keineswegs verschroben.

Wer Irland kennenlernen will, kommt an „Durch die blauen Felder“ nicht vorbei. Tiefe Einblicke in die Seelen der Bewohner der grünen Insel sind garantiert. Genauso wie das Versprechen, dass man diese Geschichten bald noch einmal aus dem Regal nimmt und ein weiteres Mal lesen wird.

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Der Duft gebrannter Mandeln benebelt schmeichelnd die Nasen der Besucher der Weihnachtsmärkte Berlins. Man freut sich an kandierten Äpfeln, kauft das eine oder andere Präsent. Die Budenbesitzer machen hier den Umsatz, mit dem sie die nächste Zeit auskommen müssen. Doch ein Schreckgespenst macht die Märkte der Spreemetropole unsicher: Der Weihnachtsmarktmörder! Der knipst den Opfern nicht nur das Lebenslicht aus, sondern auch einen Finger ab. Unappetitlich ist noch das Mildeste, was man darüber sagen kann. Umso schrecklicher die Einsicht, dass man dem Mörder (-pärchen … upps jetzt ist es raus!) so nah gegenüber steht.

Gleich die erste Geschichte des außergewöhnlichen Adventskalenders versetzt den Leser in Spannung. Zwei Budenbesitzer vertreiben sich die Zeit mit Flirten und der Abwehr selbiger. Ihr Geschäft läuft gut. Und ein Gesprächsthema haben die beiden auch, den Weihnachtsmarktmörder.

Doch ein Adventskalender hat mehr als nur ein Türchen – und eine Weihnachtskrimi-Kompilation mehr als nur einen Krimi. Beide haben vierundzwanzig. Vierundzwanzig mal Spannung. Vierundzwanzig mal Verzweiflung, Rätselraten, Missetaten … und Lesespaß. Also zumindest Letzteres!

Auch die Geschichte eines alten Mannes, der von seinem (verhassten) Schwiegersohn wie schon im Jahr zuvor zur Weihnachtszeit in ein Heim abgeschoben werden soll, entwickelt sich rasant zum Krimi. Denn der zerstreut wirkende Alte ist gar nicht so senil wie es sich der Schwiegersohn wünscht. Und das Ende haben sich Schwiegersohn und Leser auch anders vorgestellt…

Es gehört schon zum guten Ton bei Edition Karo, dass die Lesegemeinde mit (zum Teil preisgekrönten) Schauergeschichten auf das (Schlachte-) Fest der Liebe eingestimmt wird. Alle Krimis spielen in Berlin, für jeden Tag Warten bis zur Bescherung eine Geschichte. So wird die Wartezeit nicht nur versüßt, sondern bis ins Unendliche gesteigert. Wie geht es weiter? Mit welcher Phantasie wird der nächste Autor mit der nächsten Geschichte mit dem nächsten Mord den Leser verzücken? Und was verbirgt sich hinter dem nächsten Türchen? Der Begriff Schokolade als Nervennahrung bekommt hier eine ganz neue Bedeutung.

Also, 2014 gilt folgende Regel: Erst das Adventskalendertürchen öffnen, Schokolade auf der Zunge zergehen lassen und dann ganz gemütlich den Tag mit einer Schauergeschichte ausklingen lassen. Übrigens für 2015 kann man das Ganze wiederholen. Es sei denn, dass es dann eine weitere Kompilation gibt…

Fußball in München

Fußball in München

Wer in München wohnt, und sich auch nur ansatzweise für Fußball interessiert, wird schnurstracks vor die Wahl gestellt: Rot oder Blau-Weiß? Bayern oder Sechz’ger? Arena oder Grünwaldstadion? Erfolg oder Plackerei? Weltoffenheit oder Lokalpatriotismus? Doch die Geschichte des Münchner Fußballs beginnt vor der Rivalität zwischen dem FC Bayern München und dem TSV 1860 München. Das stellt Robert Schöffel eindrucksvoll in seiner kleinen Münchner Geschichte unter Beweis.

Über die Erfolge der beiden Vereine müssen wir an dieser Stelle nicht reden – die sind hinlänglich bekannt. Das Buch ist vielmehr eine Warnschrift, dass die frühen Erfolge der Münchner Vereine nicht im Freudentaumel um Triple, Millionentransfers und Unterschlagungsskandale untergehen. Denn der Münchner ist mehr als Rot und Blau-Weiß.

Die ersten Spiele fand um die Jahrhundertwende vom 19. Zum 20. Jahrhundert statt. München war schon eine Großstadt mit knapp einer halben Million Einwohnern. Das war Platz teuer. Ein Fußballplatz schwierig zu finden. So zogen Terra Pila, der I. Münchner FC 1896, der FC Nordstern 1896, der FC Bavaria 1899, aber auch die Bayern und die Sechz’ger permanent von Spielstätte zu Spielstätte. Den Anfang mit einer festen Spielstätte machten der TSV 1860. An der Grünwalder Straße entstand das bis heute die Massen anziehende Stadion. Auch wenn die Arena vor den Toren der Stadt als das Stadion der Münchner Vereine gilt.

Es sind die kleinen G’schichten in diesem Buch, die es lesenswert machen. Da tauchen Persönlichkeiten wie der Haxentoni auf. Schon bei dem Namen muss man einfach hellhörig werden und weiterlesen! Oder Alois Predl. Er war seinem TSV ein Leben lang treu geblieben. Als Mittelfeldregisseur dirigierte er seine Mannschaft 1931 ins Finale der Deutschen Meisterschaft, die leider verloren wurde. Er starb – es muss ein Traum für ihn gewesen sein – dort, wo alles begann: Auf dem Platz, bei einem Spiel der Altherrenriege des TSV.

Das Wechselspiel zwischen den Bayern und dem TSV um die Erfolge ging immer Hin und Her bis die Bayern ihre ersten Erfolge feiern konnten. Ab da ging es nur noch für einen Verein bergauf.

Die Reihe „Kleine Münchner Geschichten“ ist nicht nur für Einheimische Geschichte zum Anfassen. Als Besucher Münchens sind es doch diese kleine Anekdoten, die einen Urlaub, einen Kurztrip so ereignisreich machen. Wer als Besucher mal ein Spiel der Bayern oder einer anderen Mannschaft an der Isar besuchen will, möchte mehr wissen als das, was in neunzig Minuten auf dem Platz passiert. Hier erfährt man es, alles!

Wien

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Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Sicherlich ein Hingucker. Aber erst bei Tag! Annette Krus-Bonazza beweist auf 276 Seiten, dass Wien bei Nacht sehr reizvoll ist, bei Tagesanbruch sich in eine florierende Metropole im Herzen Europas verwandelt und im Laufe des Tages mit einer geballten Ladung Historie, Kunst, Kultur und unzähligen Wows aufwarten kann, um bei untergehender Sonne nichts davon verschwinden lässt.

Neun Touren hat sie durch die Stadt erstellt und keine davon sollte man auslassen. Klingt anstrengend. Ja, aber anstrengend schön. Und das Buch würde nicht beim Michael-Müller-Verlag erscheinen, hätte die Autorin nicht ausreichend Tipps für Leib und Magen im Buch verewigt.

Die Standards wie Stephansdom, Prater und Josefstadt werden auf eine andere Art erkundet. Sie stehen nicht im Mittelpunkt der Touren, sie sind vielmehr gleichberechtigter Bestandteil der gesamten Tour. Das erlaubt dem Besucher sich schon von vornherein als kleiner Wienkenner zu erkennen zu geben. Man stolpert nicht mit weit aufgerissenen Augen durch die Stadt, man ist erfahrener Kenner, der ohne Zögern die Schönheiten der Stadt realisiert und einzuordnen vermag.

Der Menschenschlag in der österreichischen Hauptstadt ist bekannt als ein bisschen besonders. Todessehnsüchtig sollen sie sein die Wiener. Ihr Schmäh ist weltbekannt. Die erstklassig erhaltenen Bauten vermitteln weltläufiges Flair. Prachtbauten, die vom einstigen Ruhm der Monarchie künden. Und das alles sieht man in Wien. Doch vieles übersieht man auch im Taumel der Gefühle.

Gut, wenn man einen erfahrenen Reisebegleiter hat. An dieser Stelle auf jede einzelne Tour einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Und ein bisschen Spannung sollte man sich für das Lesen und die Stadtspaziergänge aufheben.

Annette Krus-Bonazza treibt den Leser an Wien zu erobern. Sie hält den Leser zurück, wenn er auszubüchsen versucht. Ihre Touren sind abwechslungsreich in jeder Hinsicht. Museen und Cafébesuche bilden genauso eine Einheit wie Nackenstarre (vom vielen Nach-Oben-Schauen) und erholsame Stunden auf einer Parkbank. Ihre Passion für die Donaumetropole ist auf jeder Seite spürbar. Das macht diesen Reiseband zu etwas ganz Besonderem.

Black Vodka

Black Vodka

Gefangen im Nirgendwo? Das sind die Protagonisten der zehn Geschichten sind nicht zu Hause. Eine Engländerin in Prag zusammen mit Serben. Doch eigentlich sind Her- und Ankunft egal. Alle sind irgendwie irgendwo gestrandet.

Nicht immer freiwillig. Alle haben ihr Scherflein zu tragen. Und sie meistern ihre Situation. Großstadtromantik und Großstadtalltag treffen hier auf die kongruente Literaturgattung der Kurzgeschichte. Zackig und präzise hält Deborah Levy die Fäden ihrer Figuren in den Händen. Sie taumeln, sie stöhnen, sie lachen, sie tanzen … sie sind am Leben.

Das ist es was zählt lebendig sein. Urbanität und Kreativität findet nicht nur in Büros statt. Draußen auf der Straße wird der Mythos creative urbanity geboren. Oder ist es doch die urban creativity?

Die Schicksale scheinen auf den ersten Zeilen banal. Essen in der Mikrowelle aufwärmen, ist nicht gerade ein Ausbund an Kreativität. Doch Deborah Levy nimmt dies zum Anlass ungewöhnliche Geschichten zu kreieren. Im Reisegepäck hat jeder sein Paket mit Erinnerungen und Erfahrungen. Diese sind Mittel zum Zweck. Aus Erfahrungen heraus werden Probleme gelöst. Oder man erlaubt es aus Problemen neue Erfahrungen zu machen.

Die zehn Geschichten sind schwer greifbar. Man muss alles um sich herum vergessen, ausblenden. Dann, und erst dann, taucht man wirklich in die Stories ein. Eine Weltreise rund um den Globus: Von Barcelona über Wien bis Prag. Eine globale Geschichtenzusammenstellung, die eines klarmacht: Globalisierung kann auch Spaß machen. Zumindest, wenn man die Geschichten von Deborah Levy liest.

Murmelbrüder

Murmelbrüder

Unter der Sonne Sardiniens spielt diese zauberhafte Geschichte aus der Feder von Michela Murgia. Sie ist dort geboren und lebt (wieder) dort. Sie kennt die Menschen der Insel. Mit diesem Buch versetzt sie den Leser in ihre Kindheit und auf die Trauminsel Sardinien.

Maurizio, Franco und Giulio sind echte Freunde. Sie sind um die zehn Jahre alt. Ihre Welt ist Crabas, ein kleines Städtchen, in dem sie sich so richtig austoben können. In der Natur herumstromern, Murmeln spielen – diese, ihre Welt ist in Ordnung. Maurizio hat den angenehmen Vorteil Einzelkind zu sein. Das heißt, er wird nicht permanent überwacht. Bei seinen Großeltern hat er ohnehin noch mehr Freiheiten. So soll es sein. Die Drei sind unzertrennlich. Wie selbstverständlich treffen sie sich jeden Tag zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle. Alles ohne Uhr, ohne Karte, ohne Verabredung. Später werden sie es seelenverwandt nennen…

Und sie sin richtige Lausbuben. Eine Rattenplage wird radikal mit Stein, Alufolie, Alkohol und Steinschleuder bekämpft. Leider auch mit allen Konsequenzen.

Der Pfarrer des Ortes, Monsignor Marras hat auch so seine Vorstellungen vom Leben. So gründet er (kurzerhand?) eine neue Glaubensrichtung. Das spaltet den Ort in zwei Lager. Spannungen sind vorprogrammiert. Die Einigkeit, die so gern von der Kirche propagiert wird, soll nur noch von einer der beiden Richtungen vertreten werden. Auch die Jungens werden in den Sog der beiden streitenden Parteien gezogen. Doch sie haben eine (Welten) umwerfende Idee.

Michela Murgia berichtet von Freundschaft, die Grenzen überwindet. Die gewitzten Jungen Maurizio, Franco und Giulio sind Helden, Einiger und Lausbuben in einem. Sie wachsen dem Leser sofort ans Herz. Genau wie dieses Buch, das jeder lesen sollte, der offenen Auges durchs Leben schreitet, die Inseln des Mittelmeeres liebt und eine gute Geschichte zu schätzen weiß.

Die Schmuggler

Die Schmuggler

Was für eine Überraschung! Da ist sie, die „Mestral“. Der Ich-Erzähler wird von einem Fischer herangepfiffen, weil sich die beiden kennen. Denn das Boot gehörte einst dem Erzähler, der Pfeifende heißt Baldiri Cremat und ist Fischer, mit Nebenerwerb. Eigentlich wollte der Erzähler arbeiten, eine Geschichte schreiben. Und eigentlich sollte der Fischer mach Fischen fischen. Eigentlich. Aus dem Zusammentreffen wird ein Trip, den alle Beteiligten nicht mehr vergessen, inklusive des Lesers.

Die Drei, Baldiri Cremat, Pau Saldet und der Erzähler machen sich also auf den Weg von der katalanischen Küste in Frankreich Olivenöl zu verkaufen. Das Beste, was es überhaupt gibt. Auf dem Rückweg wollen sie teure Ersatzteile für Fahrräder mitbringen. Alles in allem ein ganz normaler Arbeitstag. Doch dem Erzähler schwant nichts Gutes. Er weiß, dass Cremat und Saldet mit allen Wassern gewaschener Halunken sind. Doch die Aussicht mit dem einst eigenen Boot noch einmal aufs Meer hinauszufahren, den Wind um die Nase wehen zu lassen, und vielleicht auch die Schmeicheleien von Cremat lassen die Abenteuerlust über die Vorsicht siegen.

Dem Erzähler ist klar, dass es sich nicht um eine „normale Geschäftsreise“ handelt. So konzentriert er sich bei der Kurzreise ins benachbarte Frankreich auf die Schönheiten der Natur und der Eigenheiten der Ortschaften. Besonderen Wert legt er auf die lukullischen Genüsse an Land. Dem Leser läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn er von den Köstlichkeiten an Land erfährt.

Und so tritt die Tätigkeit des Titels – das Schmuggeln – immer weiter in den Hintergrund. Fast könnte man „Die Schmuggler“ als kulinarischen Reiseband für Leckermäuler verstehen. Als Reiseband taugt die Geschichte allemal. Entlang der katalanischen Küste von Spanien nach Frankreich ins Roussillon oder in umgekehrter Richtung, Josep Pla gibt die Richtung und Einkehrorte vor. Immer mit dabei: „Die Schmuggler“.

New York – Eine literarische EInladung

New York - eine literarische Einladung

New York – die Hauptstadt der Welt, Big Apple, Moloch, Monstercity. Es gibt so viele Bezeichnungen für die Gigantenmetropole, dass sich mindestens genauso viele Autoren an einer Beschreibung versuchten. Die besten (Autoren und Beschreibungen) sind in diesem kleinen roten Büchlein zusammengefasst.

Auf der ersten Umschlagseite empfängt den Leser eine graphische Übersicht, wo denn die einzelnen in diesem Buch vertretenen Autoren in NYC in ihren Geschichten rumgetrieben haben. Helene Hanff und Charles Reznikoff im Central Park. Grace Paley, Calvin Trillin und Eliot Weinberger im Village. Don DeLillo und Colum McCann im Financial District. Drei völlig unterschiedliche Orte, die alle zu einer Stadt gehören – genauso ist New York. Wie wohltuend, dass Sammlerin der Geschichten Beatrice Faßbender auf die tränenrührenden Geschichten um 9-11 und das World Trade Center verzichtet hat. Es war unfassbar schlimm, was damals passiert ist. Es hat unser aller Leben verändert. Aber die Erinnerungslitaneien sind und bleiben Amerika und den New Yorkern vorbehalten.

Eliot Weinberger geht in seiner Geschichte davon aus, dass der Schmelztiegel einen eigenen Staat verdient hat. Hier trifft sich die Welt. Hier arbeitet die Welt. Hier amüsiert sich die Welt. Und hier werden die Weltbewohner zu New Yorkern. Man ist grundsätzlich gegen die da aus Washington. Denn wie selbstverständlich hält man sich selbst für die Hauptstadt der USA (und somit der Welt).

Die Geschichten sind prädestiniert Reisenden, lesenden Reisenden, die Stadt näher zu bringen. Keine endlosen Einkaufstipps oder Hinweise, was man gesehen haben muss. Eine Stadt definiert sich über ihre Bewohner, und die stehen im Mittelpunkt der literarischen Exkurse.

Andy Warhol konnte hier arbeiten, alles andere war eh Zeitverschwendung. Dennoch konnte er sich über die Baumvielfalt und Menge Gedanken machen. Ein köstlicher Spaß ihm bei seinen Gedanken Zeile für Zeile zu folgen.

Ein Buch über New York ohne Paul Auster ist kein Buch über New York. „Auggie“ ist vielen aus dem Film „Blue in the face“ mit dem grandios agierenden Harvey Keitel bekannt. Hier die geschriebene Fassung.

Wer in New York eintauchen will, kommt an den geschriebenen Zeilen seiner Bewohner nicht vorbei. Doch wo anfangen? Kleiner Tipp: Rot, schmal, kompakt.

Nord- und Mittelengland

Nord- und Mttelengland

Nord- und Mittelengland? Gibt es diese Region überhaupt? Ja! Und warum sollte man dort hin? Im Süden gibt es doch viel wohlklingendere Ortsnamen wie Bigbury on Sea, Brighton, oder Seaton und Beer. Im Norden liegen die Industriehochburgen wie Manchester, Newcastle, Sheffield – Ortsnamen, die maximal bei Sportfans für Erregung sorgen.

Also ein Reiseziel für Sportfans? Auch, aber nicht vorrangig. Eine Stadt wie Liverpool war vor dreißig Jahren maximal eine Stippvisite wert, um zu schauen,, wo denn nun John, Paul, George und Ringo sich ihre ersten Meriten verdient. Heute ist es ein Zehn-Tages-Trip, um unter andere zu schauen, wo John, Paul … naja Sie wissen schon … Sporen usw.  Liverpool kann sich rühmen eine der wenigen Städte zu sein, für die es sich gelohnt hat Geld in den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ zu investieren. Fünf Milliarden Pfund (in English klingt es noch pompöser: Five billion pound!) wurden in das Makeover gesteckt. Heute kann sich Liverpool durchaus mit Barcelona, Chicago und LA messen, wenn es um kulturelle Events geht. Natürlich – das darf an dieser Stelle nicht vergessen werden – lebt die Stadt am River Mersey (den so klangvoll die „Ferry“ überquert) auch vom Fußball. Jahrelang quälten die Spielstafetten von Stephen Gerard & Co. die Gemüter der Fans, doch seit der vergangenen Saison spielt man wieder oben mit. Doch einfach mal so eine Partrie miterleben, ist schwierig. Nur Langzeitfans (und vor allem Langzeit-Clubmitglieder) erhalten Tickets. Und die sind dann auch entsprechend teuer. Nix mit acht Euro „für Euch in der Südkurve“! Ein Euro pro Spielminute ist da schnell erreicht.

Doch Nord- und Mittelengland ist mehr als nur Anfield und Beatlemania. Oxford und Cambridge sind klangvolle Namen in der Welt der Wissenschaft. Dutzende Nobelpreisträger lernten und lehrten hier. Die beiden Ortschaften haben sich dank großzügiger Spenden aus den verschiedensten Richtungen ihren Charme erhalten können. Cambridge leistet sich den Luxus seinen Studenten ein Auto im Umkreis von zehn Meilen rund um den Campus zu verbieten. Cambridge ist also eine Fahrradmetropole.

Was wäre England ohne seine Schrulligkeiten. Wo wir gerade in den Midlands sind. Die Region Cotswolds ist (bis zu diesem Buch) unbekannt. Wer seinen Urlaub auf Anfang Juni legen kann, sollte sich hier einfinden. Denn dann finden hier die Olimpicks statt. Welly-Wanging, Shin-Kicking und Sack-Races sind nur ein paar Disziplinen, in denen um den Ersten Platz gerungen wird. Zum Verständnis: Es geht um Gummistiefel-Weitwurf, Schienbeintreten und Sackrennen.

Dorothea Martin hat die Mammutaufgabe auf sich genommen den Norden und die Mitte Englands in einem reiseband zusammenzufassen. Allein die Fülle an Städten (die man meist auch schon mal gehört hat: York, Manchester, Liverpool, Stoke, Middlesborough, Leeds, Sheffield, Hull, Leicester, Worcester (Achtung, Aussprache! Nicht Wurschester, eher Wuster – die mit der Sauce! Oder doch Soße?), Nottingham, Birmingham, Newcastle) lässt den Reisenden verzweifeln, wo man denn nun seine Erholung suchen soll. Die Antwort muss sich jeder selbst geben, jedoch: „You’ll never walk alone“ mit diesem Reiseband.