Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Ein Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Auch 2016 werden wieder zahlreiche Jubiläen begangen. In Frankreich gedenkt man der Toten der Schlacht um Verdun. William Shakespeares Todestag jährt sich zum 400. Mal. Doch es gibt Jubiläen, die kaum Beachtung finden. Zum Beispiel kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Sommer vor neunzig Jahren am Cap d’Antibes der Letzte ohne touristisches Tohuwabohu war. Ein Jubiläum, das die Tourismusmanager vor Ort gern vergessen, und lieber in elf Jahren den Startschuss des Gegenteils feiern wollen und werden.

Und genau in diesem letzten ruhigen Sommer lassen sich einige illustre Gäste nieder, genauer in Juan-les-Pins. Das Ehepaar Gerald und Sara Murphy, die mit ihrem Geld in Frankreich sehr gut leben können, laden Ernest Hemingway, Pablo Picasso sowie F. Scott und Zelda Fitzgerald ein, um einen unbeschwerten Sommer zu verbringen. Alle kommen mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Die Fitzgeralds lebten in New York in Saus und Braus. Mal wie The Who zerstörten sie Hotelzimmer, dann badeten sie wie Anita Ekberg in Brunnen. Berüchtigt waren sie. Und Scott war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Sein Gatsby verkaufte sich, das Broadway-Stück war bei Wind und Wetter ausverkauft und die Filmrechte wechselten schon bald den Besitzer. Hier sollte nun der Nachfolger, der nächste groß Wurf gelingen. „Zärtlich ist die Nacht“ soll hier entstehen. Doch die Rivalität zu Hemingway und das allzu ausschweifende Leben lassen einfach keine Zeilen auf der Schreibmaschine entstehen.

Die großen Gönner, die Murphys, fühlen sich auch mehr zu Hemingway hingezogen. Auch der bärtige Prachtkerl wirft mehr als ein Auge auf Sara statt auf seine Frau Hadley. Und sein Nachwuchs leidet jämmerlich an Keuchhusten. Urlaubs-, Sommerstimmung sieht anders aus.

Alle Villen am Cap sind belegt. Hier wird getrunken, fürstlich gespeist, intrigiert, geschmollt, gebadet. Nur künstlerisch tätig sind die Wenigsten.

Erst acht Jahre später soll F. Scott Fitzgerald seinen Roman fertig haben. Seine Ehe ist kaputt, Zelda verfällt immer mehr den Depressionen, Scott dem Alkohol. Die Auszeit an der Côte d’Azur sollte einen Wendepunkt darstellen. Was sie in gewisser Weise auch war. Doch nicht wie es sich die Protagonisten vorstellten. Was den Ruhm und Lebensstandard steigern sollte, Fitzgerald machte nie einen Hehl aus seiner Intention zu schreiben, um gut leben zu können, wird zum Desaster. Zelda ist eifersüchtig auf Scotts Erfolg. Scott ist eifersüchtig auf Ernest, weil er die Murphys in seinen Bann zieht. Ernests Beziehung zu Hadley geht den Bach runter. Und auch die Murphys haben einen harten Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Emily Waltons Buch ist eine echte Urlaubslektüre. Nur wenige können und wollen sich eine ausgiebige Auszeit an einer der schönsten (und teuersten) Meeresgegenden gönnen. Heute regieren hier Zehensandalen und Partygeschrei. Damals herrschte künstlerisches Chaos. Dieser Sommer ist die Ouvertüre auf den Abgesang der Goldenen Zwanziger. Trotz aller gegebenen Umstände, um Großes zu schaffen, wurde der Sommer 1926 für die Gruppe zur Zerreißprobe und zur Zäsur in ihrer aller Leben. Ein nostalgisches Stück, das zum Träumen einlädt.

Die Gehörlosen

Die Gehörlosen

Clara geht’s gut. Ihr Vater ist reich, sie studiert und wird einmal sein Vermögen erben. Und damit auch noch was übrig ist, wenn es soweit ist, legt der Alte das Geld in Aktien an. Clara ist wohlbehütet aufgewachsen. Und sie ist der Liebling im Haus. Ihr Vater will wegen der permanenten Gefahren, dass Clara noch einen Leibwächter bekommt.

Cayo ist der Auserwählte und soll von nun an Clara beschützen. Cayo ist ein exzellenter Schütze, da macht ihm niemand was vor. Den Rest wird er schon noch lernen. Clara zu beschützen – das nennt man wohl Traumjob. Denn Clara ist nicht nur sehr nett, sondern auch aufregend schön. Und sie erlaubt ihm in der großen Stadt zu leben. Bisher war sein Leben karg und ohne Perspektive. Jetzt ist er auf dem Weg ein Mann zu werden…

Das Leben, welches er hinter sich ließ, ist für Andrés das einzige, was er kennt. Er gehört zur indigenen Bevölkerung, hat wenig Aussichten auf Besserung. Zudem ist er mit Taubheit geplagt. Er wächst bei seiner Großmutter auf, die mit ihm in der traditionellen Zeichensprache kommuniziert. Er verschwindet genau zu der Zeit als auch Clara wie vom Erdboden verschwunden ist. Zufall oder Kalkül?

Alles ergibt auf einmal einen Sinn, oder scheint es zumindest. Die anonymen Anrufe bei Don Claudio, dem Vater Claras. Javier, Claras Freund, der in Genf weilt und ihr schmachtende Briefe schreibt – am Ende des Kapitels ist er gar nicht mehr so galant, und die scheinbare Zukunft der beiden Verliebten unsicher. Auch taucht Ingancio auf, der Bruder der Verschwundenen. Und es gibt Lösegeldforderungen.

Guatemala ist ein gefährliches Land. Noch immer treiben einst legitimierte Guerilla-Einheiten ihr Unwesen im Land. Mord, Folter, Vergewaltigung ist Begleiter im Alltag. Vor diesem Hintergrund siedelt Rodrigo Rey Rosa „Die Gehörlosen“ in seiner Heimat an. Wortgewaltig und bildhaft schreibt er vom erbarmungslosen Kampf eines naiven Jünglings auf der Suche nach seiner Chefin. Clara ist für ihn nicht allein nur Arbeitgeberin. Ein bisschen ist auch verknallt in sie. Und: Sie ist der Beginn eines völlig neuen Lebens.

Bis zum Schluss hat der Leser zu wage Ahnungen, was wirklich vorgefallen ist. Ist Javier Liebhaber oder machthungriger Ganove? Ist Claras soziales Engagement Einigen ein Dorn im Auge? Hört denn niemand wie sehr Guatemala leidet? Rodrigo Rey Rosa legt die Puzzleteilchen auf den Tisch, nicht für jedermann sichtbar. Wie in einer Parallelwelt setzt man ein Teil ans andere. Doch so recht will das Bild nicht stimmen. Irgendetwas stimmt nicht, etwas fehlt. Ein grandioser Roman mit teils unsichtbaren Facetten, der den Leser an der Gurgel packt und ihn würgt. Bis es am Ende aus allen Beteiligten herausplatzt: Die Wahrheit, die keiner hören will und manche nicht hören können.

Norderney

Norderney

Es klingt fast schon wie eine Verneinung des Urlaubsziels: Der Norden, nee! Alles, nur das nicht! Norder-Jaa muss es eigentlich heißen! Und Dieter Katz liefert auf einhundertsechzig Seiten immer wieder Argumente die Insel zu besuchen. Ob nun als Pauschalbesucher für zwei Wochen und Immer-Wieder-Gast für ein paar Tage, der auf eigene Faust das Inselleben hautnah spüren will. Alle vereint der Gedanke sich hier zu erholen, Einzigartiges zu erleben und die Leserecherche mit diesem Buch.

Nicht einmal sechstausend Einwohner auf knapp 26 Quadratkilometer. Klingt nicht groß, ist es auch nicht. Klingt nicht so, als ob man hier wochenlang immer wieder etwas Spannendes erleben kann. Falsch! Es geht ja schon auf der Umschlagseite los. „Wussten Sie schon…“ nennt sich die Rubrik, die jedes Buch des Michael-Müller-Verlages stimmungsvoll einläutet. Von Seehunden und Kegelrobben ist da die Rede, Bienenbelegstellen und vom Tee-Pro-Kopf-Verbrauch der Ostfriesen.

Noch nicht abwechslungsreich genug? Wellness (unter anderem gibt es auf Norderney Thalasso-Kurwege), Strandsauna und eine Trinkkurhalle laden zum Verweilen und Erholen ein genauso wie Minigolf, Angeln oder über vierzehn Kilometer feinster Sandstrand. Als Mitbringsel eignen sich zahlreiche Artikel aus dem orangen Gold der Insel, dem Sanddorn. Ob nun als Marmelade oder Likör, als Tee oder Fruchtsaft – wer mit Sanddorn zuhause seine Lieben beglückt, wird Beifall ernten.

Apropos Beifall. Ab und zu muss man das Buch doch beiseitelegen. Immer dann, wenn man innerlich in die Hände klatscht und sich freut, dass man dieses Buch gefunden hat. Es ist erstaunlich, dass so eine klein Insel nicht in Füllhorn der Abwechslung umbenannt wird. Und Dieter Katz kann sich feiern lassen, jedes einzelne Element, jeden Diamanten der Erholung und Entspannung gefunden, detailliert niedergeschrieben und handhabbar veröffentlicht zu haben.

Wer Norderney bisher noch nicht kannte, bekommt in diesem Buch mehr als nur einen groben Überblick über die Insel. Es ist schon fast so informativ und erkenntnisreich wie vor Ort zu sein. Wer Norderney schon einmal besucht, wird sich wundern, was alles verpasst hat. Denn wenn das geflügelte Wort vom Geheimtipp auf einen Inselreiseband zutrifft, dann hier.

Als Zugabe zum Buch bzw. als hervorhebenswertes Extra gibt es zwölf Seiten „Norderney mit Kindern“. Und dann wird aus dem stillen Norder-Nee ein fröhlich schallendes Norder-Jaaaaaa…..

Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien

Gebrauchsanweisung für Prag

Oh Du wunderbares Prag! Deine Architektur, Deine Gassen, Deine Boulevards … Deine Touri-Fallen. Prag steckt voller Überraschungen. Wer’s nicht kennt, wird’s nicht glauben. Prag gehört zu den europäischen Hauptstädten, die man nie vergessen wird und immer wieder besucht. Weltoffenheit und längst vergessener Charme treffen hier auf kalkulierte Gastfreundschaft und echte Lebenslust.

Martin Beckers erster Besuch in der Goldenen Stadt wird ihm ewig in Erinnerung bleiben, seine Liebe zu Land und Leuten wird in diesem Buch nur allzu deutlich und beim Leser lange anhalten. Denn seit dem sinngebenden ersten Besuch, der, der so lange in Erinnerung bleibt, dass er das erste Kapitel bestimmt, ist Prag im Speziellen und Tschechien in Allgemeinen zu einer zweiten Heimat geworden. Er bezeichnet sich zwar als ungeprüften Touristenführer, doch die Prüfung zu Selbigem würde er mit Bravour bestehen. Nicht nur weil er sich exzellent auskennt, sondern weil er es versteht die Menschen zu charakterisieren und sich bei seinen Beschreibungen der Stadt und des Landes nicht nur auf die Aneinanderreihung der zahlreichen Sehenswürdigkeiten beschränkt.

Ebenso hat er wenig Berührungsängste mit den geltenden Klischees: Seine Ausführungen zum Bierkonsum und der ausgeprägten Kneipenkultur gehören zum Ehrlichsten und Offensten in Sachen geselligem Beisammenseins. Wer in Zukunft über tschechische Braukunst, Verzehrlust und Gerstensaftkommunardentum schreiben will, muss sich mit Martin Becker messen lassen.

Was viele Leser nicht unbedingt auf dem Schirm haben, ist die Tatsache, dass auch Tschechien ein Staat ist, der aus drei Nationalitäten zusammengesetzt wurde: Böhmen, Mähren und Schlesier. Die Sticheleien – und mehr sind es letztendlich glücklicherweise nicht – zeigen sich vor allem, wenn Böhmen und Mähren aufeinandertreffen bzw. wie es einmal Martin Becker ging, man meint, dass es gar keine Unterschiede gibt. In Brno (Mähren) eckte er ziemlich an als er die Sehnsucht der Brünner nach Prag mit denen der Leipziger nach Berlin verglich. Schlussendlich ging alles gut und der Applaus nach der Lesung war ihm sicher. Doch diese kleine Anekdote zeigt deutlich die Befindlichkeiten im Land.

Tschechien und Prag sind immer eine Reise wert. So phrasenhaft dieser Ausspruch klingt, so wahr ist er und so sehr zeigt er die Notwendigkeit nach einem Buch wie diesem. Als Zusatzlektüre zu einem Reiseband gehört die „Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien“ ebenso ins Reisegepäck wie Neugier und Weltoffenheit.

Bornholm

Bornholm

Einer gegen Alle: Bornholm ist geradezu verschrien als Insel der Biederen. Kleine, süße, genormte Ferienhäuschen in der rauschenden Gischt der Ostsee. Aber bitte alles ordentlich! Andreas Haller stemmt sich mit all seinen Erfahrungen und seiner Leidenschaft für die dänische Urlaubsinsel im Baltischen Meer gegen die Phrasendrescherei der Vorverurteiler.

Man braucht nicht gleich das ganze Buch auf einmal zu lesen, um die Insel in sein Herz zu schließen. Schon das Titelbild macht Lust auf weite Strände und undaufgeregte Inselarchitektur unter blauem Himmel. Im besten Wortsinne ist Bornholm eine echte Familienurlaubsinsel.

Mehr als nur Schafe gucken und planschen ist allemal drin. Kleines Experiment gefällig? Einfach mal das Buch aufschlagen, Seite 138, Kapitel: Der Osten, „Rund um den Gudhjem“. Gleich zu Beginn eine schlechte Nachricht: Baden ist hier nicht das Erste, was Einem in den Sinn kommt. Versprochen, das ist und bleibt die letzte schlechte Nachricht. Von jetzt an geht es nur noch bergauf. Weiter im Süden kann man baden. Erster Pluspunkt. Wer zu Fuß nach Melsted läuft (dort, wo man endlich baden kann), passiert eine spektakuläre Klippenszenerie. Zweiter Pluspunkt. Kirche, Museum, Mittelalterzentrum sind weitere Sehenswürdigkeiten auf dem Weg. Dritter, vierter und fünfter Pluspunkt. Klingt doch erstmal ganz unterhaltsam und tagesfüllend, dafür, dass man das Buch eher zufällig aufgeschlagen hat, oder?! Das Spiel ließe sich unendlich bzw. 240 Seiten lang fortsetzen. Und natürlich beschleicht einen das Gefühl, das Andreas Haller die Insel verdammt gut kennt. Tut er! Die farbigen Infokästen bilden den kontrastreichen Wissenswiderpart zu den wissensreichen Texten im Buch. Wellness, Wandern, Klettern (spätestens hier geht es nur bergauf), Shopping, Golf, Baden, Inselgeheimnisse, Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeiten, ach die Liste der unerlässlichen Tipps ist schier endlos.

Wer pauschal die Insel besucht, wird mit diesem Buch zum Über-Den-Tellerrand-Gucker. Wer auf eigene Faust die fast 600 Quadratkilometer erkunden will, kommt an diesem Buch einfach nicht vorbei. Nur für eifrige Strandburgenbauer, die hier ihren Traum vom eigenen Reich verwirklichen wollen, ist dieses Buch einfach 240 Seiten zu dick. Für alle anderen ist es eine wahre Schatztruhe voller Reichtümer, die die schönste Zeit des Jahres noch lange nachklingen lassen. Weit über einhundert Fotos vermitteln den Bornholm-Neulingen einen getreuen Einblick und machen Appetit auf mehr. Jetzt muss nur noch die Reisezeit heranreifen. Und die Zeit nutzt man am besten mit diesem Buch!

Styleguide Amsterdam

Styleguide Amsterdam

Quizfrage: Welche Stadt passt nicht in diese Aufstellung? New York – Paris – Rom – Amsterdam. Letztere, in ihr werden keine Trends kreiert, möchte man fast meinen. Doch die Antwort ist falsch! Die Trends werden nur nicht publik gemacht bzw. legt man darauf in Amsterdam keinen gesteigerten Wert. Denn dass Amsterdam hip und trendy ist, beweisen eindeutig die Besucherzahlen. Die holländische Hauptstadt ist wohl die coolste in Westeuropa. Hier werden die Trends gemacht, die weltweit unterschwellig gar nicht als solche wahrgenommen werden. Das wurde es höchste Zeit einen coolen, hippen Reiseband herauszubringen.

„Eat – shop – love it“ – Untertitel und Aufforderung zugleich. Doch zuvor: Lesen und fühlen. Ja, fühlen! Der im wahrsten Sinne einprägsame Einband, der das Grachtenwirrwarr plastisch darstellt, nimmt es vorweg: Hier hält man einen besonderen Reiseband in den Händen. National Geographic, das Magazin, das in jedem noch so bekannten Platz der Welt das Besondere zu entdecken in der Lage ist, zeichnet für die Reihe Styleguide verantwortlich.

Autorin Monique van den Heuvel ist die Stilberaterin in Sachen Coolness, nouvel cuisine á la Amsterdam. Gleich zu Beginn gibt sie dem wissbegierigen Leser – und die Neugier lässt bis zum Schluss nicht einmal nach – ihre Tipps für einen 24-Stunden-Tag in Amsterdam mit auf den Weg. Ob man nun auf ihren Pfaden wandeln will oder doch den einen oder anderen Tipp den ihren vorzieht, bleibt jedem selbst überlassen.

Handgemachte, dadurch einzigartige Mitbringsel für die, die „nur“ das Buch lesen durften, außergewöhnliche Restauranttipps, Schnäppchenmode aus so ziemlich jeder Epoche – Amsterdam ist für den modernen Reisenden eine echte Herausforderung und eine goldige Fundgrube. Viele der in diesem Buch vorgestellten Läden, Bars und Hotels stehen in keinem Prospekt des Tourismusbüros. Es sind also echte Geheimtipps, die selbst die Amsterdamer kaum kennen. Oder besser gesagt, die nur die hippen und coolen Amsterdamer kennen. Wenn man so will, ist dieses Buch der gedruckte Beweis, dass Integration, und sei es auch nur für einen Kurztrip, möglich ist. Die Integrationsbeauftragte für das lebensfrohe Reisegrüppchen moderner, neugieriger Amsterdam-Besucher ist die Autorin selbst. Sie interviewt die kreativen Köpfe und fördert so das Geheimnis der trendigen Hauptstadt der Niederlande zu Tage.

Einen Haken hat das Buch: Wer sich nur an dieses Buch hält, könnte Gefahr laufen sich eine Unterkühlung zuzuziehen. So cool, so umfassend, so anschaulich bebildert war Amsterdam noch nie!

Als Hemingway mich liebte

Als Hemingway mich liebte

Er gehört zu mir – in der deutschen Schlagerszene ein Stück für eine Person. Im Leben von Ernest Hemingway ein Mehrstimmiges. Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts klingt es in den Ohren von Hadley wie ein Hohn. Denn ihr Gatte, der mittlerweile einigermaßen anerkannte Ernest Hemingway, hat schon seit längerem ein Auge auf Fife geworfen. Fife heißt eigentlich Pauline und arbeitet für die Vogue in Paris. In Antibes haben die Hemingways ihr neues Quartier bezogen. Das Haus gehört dem Skandalpaar F. Scott und Zelda Fitzgerald. Bumby zuliebe haben der bullige Schriftsteller und die resolute Hadley eine neue Bleibe gefunden. Bumby leidet unter seinem Keuchhusten und die warme Luft soll ihm Linderung bringen.

Hadelys Sorge kann hier nicht gelindert werden. Immer wieder finden sich Hinweise auf eine Liaison Ernests und Fifes. Ihre Schwester Jinny bestätigt endgültig die Beziehung. Als klar wird, dass es nicht nur eine flüchtige Affäre ist, stellt Hadley ein Ultimatum: Ernest und Fife sollen sich einhundert Tage nicht sehen, nicht schreiben, nicht in Verbindung stehen. Sollten seine Gefühle für Fife unverändert stark sein, würde Hadley sich zurückziehen. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit gibt sie sich geschlagen.

Zeitsprung. Die letzte Hälfte der 30er Jahre wird vom spanischen Bürgerkrieg bestimmt. Auch Hemingway ist vor Ort. Als Korrespondent. Pauline, Fife, ist die Hüterin des Hemingway’schen Hauses auf den Keys vor Florida. Ihr Heim ist eine Zierde, das eleganteste Haus auf dem Eiland. Doch immer öfter ist sie allein. Physisch wie seelisch. Oft ist Ernest Hemingway in Spanien. Ist er in der Heimat, muss Fife dafür sorgen, dass er schreibt. Nicht des Geldes wegen. Nein, nur wenn ihr Mann schreibt, schweifen seine Gedanken nicht ab zu Anderen. Eine Andere ist Martha Gellhorn. Eine neue Eroberung? Oder doch mehr? Ihre alte Freundin und niemals als Rivalin erachtete Hadley kennt das. Sie hatte Hemingway auch geliebt und verloren. An Fife. Jetzt ist sie Ratgeberin. Doch Fife hat nicht die charakterliche Stärke von Hadley. Ihr Temperament ist überbordender.

Martha ist Frau Nummer Drei im Reigen der ménage à cinq. Während Hadley und Fife sich den Umständen entsprechend ganz gut verstehen, hat Marty, wie Hemingway sie nennt, kein Verständnis für derartige Verbrüderungen. Hadley ist ihr zu weich, zu nachgiebig, und Fife könnte ihr noch gefährlich werden. Die beiden leben Mitte der 30er Jahre in Havanna, in den 40ern ist Paris der Schauplatz der Ehe und deren Ende. Als großer Befreier des Ritz ist Hemingway in aller Munde und bald auch schon im Schoß einer Anderen. Paris ist frei, Marty auch bald.

Mary ist der Schoß, in den sich Ernest Hemingway nun legen wird. Kriegsreporterin wie Hemingway und Marty es waren und sind. Der Kampf ist Hemingways Geschäft. Ist irgendwo Krieg auf der Welt, ist er nicht weit. Er kennt die Welt, und die Welt kennt ihn. Martha warnt Mary noch. Doch Mary ist unwissentlich dem Macho schon verfallen. Während Europa in Trümmern liegt, baut Mary eine neue Beziehung zu Ernest Hemingway auf.

Sie wird die einzige Ehefrau sein, die ihn nicht an eine Andere abgeben muss. Verlassen wird er sie dennoch. Ob freiwillig oder nicht, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Die vier Frauen, die Ernest Hemingway ehelichte, rauben in diesem Buch nicht den Ruhm des großen Schriftstellers. Dafür ist er zu übermächtig. Die Wucht seiner Präsenz lässt sie erschauern und zu Kämpferinnen reifen. Doch nicht bis zum bitteren Ende. Sie wissen, wenn sie weichen müssen. Echte Gewinner gibt es in keinem Krieg – auch nicht in den Ehen Hemingways.

Gespenster- und Schauergeschichten

Gespenster- und Schauergeschichten

Dank Regisseuren wie Eli Roth, Quentin Tarantino und Robert Rodriguez sind wir an Horror wieder gewöhnt. Ihre literarischen Wurzeln hingegen liegen noch gut erreichbar in den Regalen der Verlage. Ripperger & Kremers wagen nun den Anfang erstklassige Gänsehautgeschichten aus der zweiten Reihe ans Tageslicht zu gewöhnen. Man ist schon recht verwöhnt, wenn in Filmen detailliert das bestialische Abtrennen von Ohren gezeigt wird, oder ein Bein mehr oder weniger fachgerecht seiner Funktion beraubt wird. Optisch für Viele fragwürdig, für Kenner ein filmischer Genuss. Und wie haben sich im vorletzten (und davor) die Menschen in Gruselstimmung versetzt? Ganz einfach! Sie lasen. Sie lasen Friedrich Gerstäcker, E. T. A. Hoffmann und Jean Paul. Denn die hatten auch so manches Schauermärchen niedergeschrieben. Heute leider vergessen. Beziehungsweise fast vergessen.

Die „Gespenster- und Schauergeschichten“ im gleichnamigen Band verführen mit jeder einzelnen Zeile. Dringendes, liebevollstes Flehen, unüberwindlichste Abscheu, Schwärzeste Ahnung – allein die nuancenreiche Wortwahl lässt einem so manche Horror-Plattitüde vergessen. Wer Horror liebt, wer sich phantasiereich im Zeilenwirrwarr zurechtfinden kann, wer die Gänsehaut spüren will, kommt an diesen Großmeistern der Blutwallung nicht vorbei.

Wer jetzt hofft, dass an dieser Stelle die eine oder andere Geschichte vorgestellt wird, hofft vergebens. Denn diese Art von Geschichten leben von der Spannung und der Vorfreude auf das, was da noch kommen mag. Nur so viel: Gerstäcker als Wild-West-Romantiker ist passé. Jean Paul als ewiger Romantiker – das war einmal (obwohl Grusel und Romantik gar nicht so weit voneinander entfernt liegen). Nur E. T. A. Hoffmann verbindet man landläufig mit einem Hauch Mystik und Schauer. In den für dieses Buch ausgewählten Geschichten weiß auch der Letzte warum.

Sprachfetischisten werden dieses Buch kaum wieder aus der Hand legen. Wie ein unablässiger Todeshauch zieht es den Leser in den Bann der Geschichten. Verlassene Schlösser, Geister, die ihr Unwesen treiben, mannhafte Ritter, die sich in die Rüstung machen, Kleidungsstücke, die den Träger zu Taten veranlassen, die er andererseits nie begehen würde, sind die Zutaten für ein Buch der Extraklasse.

Die Gestaltung des Umschlages – kaltes Blau, das bei genauerem Hinsehen Schrecken vorwegnimmt – trägt schon beim Erstkontakt zum Gruseln bei. Hier stimmt einfach alles: Außen hui, inne huihuihui.

Lesereise Türkei

Lesereise Türkei

Um Istanbul (touristisch) zu erobern, sollte man gestärkt in den Tag starten. Überhaupt sollte jeder Urlaubstag mit einem „guten Frühstück“ beginnen. Und Christiane Schlötzer beginnt ihre „Lesereise Türkei“ in Istanbul mit einem kahvaltı. Käse, Oliven, Honig sind nur drei Zutaten für einen idealen Start in den Tag. Und genauso gehaltvoll wie das Frühstück – in Istanbul kann sich dieses durchaus auch gern mal fast über den gesamten Tag hinziehen – sind auch die Schilderungen der Autorin. Wer da nicht Appetit auf mehr bekommt, wird im „Übermorgenland“ verhungern…

Wenn „newsweek“ Istanbul als die coolste Stadt der Welt bezeichnet, so findet Christiane Schlötzer sofort und zahlreich Gegenargumente. Eines ist sicher: In Istanbul tut sich was! Kaum eine andere Stadt auf der Welt verändert sich so rasend schnell wie die Zwei-Kontinente-Stadt. Auf der einen Seite der Boom der exklusiven Bars und hippen Lokale, auf der anderen Seite die ursprünglichen Viertel, die man noch (noch!) besichtigen kann. Tarlabaşi ist so ein Viertel. Auf den ersten Blick heruntergekommen, sozialer Vorhof zur Hölle, Ausstiegschancen gleich Null. Wer hier ist, geht nur selten wieder weg. Aber nicht aus nostalgischen Gründen, sondern wegen mangelnder Angebote. Doch dieses Viertel soll bald einem Prunkviertel weichen. Schanzelize. So soll es heißen, die türkische Version von Champs Elysées. Bürotürme so kahl und clean wie überall auf der Welt sollen den Aufstieg und Reichtum der Stadt symbolisieren. Und genau hier trifft die Autorin Menschen, die es mit dem harten Leben in der „coolsten Stadt der Welt“ tagein tagaus aufnehmen. Aus allem, was sie finden, machen sie die eine oder andere Lira. Wohlwollend verzichtet sie dabei aber auf die üblichen Klischees von motivierten Menschen, die von einem besseren Leben träumen. Resigniert haben sie nicht. Aber sie kämpfen jeden Tag für ihr Auskommen und bald schon um ihr Viertel.

Die Türkei wurde oft und auch lange von großen Männern regiert. Einer hat die Türkei in die Moderne geführt: Kemal Atatürk. Seit Anfang des Jahrtausends hat ein anderer Mann die Macht, der sich gern als großer Mann sieht. Recep Tayyip Erdoğan wird geliebt und gehasst. Innen wie außen. Dazwischen gibt es nichts. Die, die im London des Orients genauso viel Geld scheffeln wollen wie an der Themse lieben ihn. Die, die das New York des Orients ausmachen sind in der Mehrheit für ihn. Die, die das (und bisher wird es nicht so genannt) demokratische Istanbul sich wünschen, hassen ihn. Die Unruhen und Eskapaden auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park sind noch nicht verhallt, der Präsident kennt trotzdem kein Erbarmen. Mit aller Macht schützt er sich und sein Gefolge gegen jede Art von Widerstand. Da werden soziale Netzwerke gekappt, Demonstranten niedergeknüppelt, Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht. Als Tourist bekommt man nur in Abständen die Veränderungen mit.

Christiane Schlötzer spricht mit Aktivisten vom Gezi-Park, saugt „den Rest der Türkei“ in sich auf, schlürft Kaffee, spricht mit Opfern eines Grubenunglücks und zeigt die miserablen Sicherheitsvorkehrungen auf, die nicht minder schlecht wie die Lehren aus dem Unglück sind. Auch die Verbindungen Deutschlands zum Gemetzel an den Armeniern, das AKP-Chef Erdoğan immer noch als Völkermord anerkennt, findet Eingang ins Buch.

Die „Lesereise Türkei“ ist kein Buch mit Ratschlägen á la „das müssen Sie gesehen haben“. Es ist vielmehr wie in einem Kaffeehaus: Man sitzt beisammen und unterhält sich. Leise klingen im Hintergrund orientalische (oft auch moderner Türk-Pop) Melodien. Die Autorin lebte lange in Istanbul. Sie weiß wie es ist hier zu leben, kennt die Menschen und ihre Kultur. Und nun auch der Leser. Zumindest besser als zuvor.

Lesereise Apulien

Lesereise Apulien

Deutschen Sprichworten mangelt es häufig nicht an Doppeldeutigkeiten bzw. doppelten Bedeutungen. Wer als in einen Haufen tritt, hat nicht nur buchstäblich die „… am Hacken“, sondern auch – so will es die Tradition – Glück. Wenn Letzteres stimmt, muss Apulien bzw. müssen die Menschen in Apulien die Glücklichsten der Welt sein. Denn sie leben am Stiefelhacken Italiens. Eine Milchmädchenrechnung, zugegeben. Doch Stephanie Bisping hält diesen Mythos mit ihrer „Lesereise Apulien“ aufrecht und befeuert ihn noch zusätzlich.

Einzigartige Natur, stets sonniges Wetter, freundliche Menschen und eine verwöhnende Küche – als Tourist wähnt man sich hier den Garten Eden. Stephanie Bisping ist angetan von Apulien. Beim Leser dauert es noch ein wenig – erst alle Seiten lesen. Das Ergebnis ist dasselbe. Liebe geht durch den Magen. Auch und besonders die zu Apulien. Gleich mehrere Kapitel widmen sich der den angebauten Produkten. Olivenbäume werden über hundert Jahre alt. Sie sind oftmals der Familienschatz, der das Überleben von Generationen sichert. Und somit sind sie auch das Objekt der Begierde von denen, die sie so sehr begehren. Olivenbaumklau – ein Straftat, die man hierzulande nicht kennt.

Wenn Stephanie Bisping von Kochkursen, unter anderem für Kinder, spricht, schwingt immer eine Spur Sehnsucht mit. Orecchiette, die kleinen Öhrchennudeln oder eine andere Pasta, Pizza – damit kann man immer punkten. Für die Erwachsenen schwärmt die Autorin von Oliven und Mozzarella oder erzählt die Geschichte eines Fischers, der heute nur noch zum Vergnügen aufs offene Meer hinaus fährt, um aus Spaß an der Freude zu fischen. Er hat Viele und Vieles kommen und vor allem gehen sehen. Sein Arbeitsalltag war hart und ehrlich. Kein technischer Schnickschnack half ihm den Fang einzufahren. Beobachtungen, Traditionen und Erfahrungen halfen ihm seinen Unterhalt zu bestreiten. Heute sind die Meere fast leergefischt.

Weltweiten Ruf erlangten die Trulli von Apulien. Diese eigenartigen Zipfelmützen-Häuschen, die ganze Landstriche ihren unverwechselbaren Glanz verleihen. Die schlichte Bauweise hat ihren Grund. Sobald der Steuereintreiber kam, wurde ein Stein entfernt, das Haus fiel in sich zusammen und schon war der Steuereintreiber überzeugt, dass hier nichts zu holen ist. Heute gehören sie zum UNESCFO-Weltkulturerbe.

Lesend die Welt erobern, ist das Anliegen der Lesereise-Reihe. Stephanie Bisping hat bisher einige Bücher dazu beigetragen. Estland, die Normandie und Bretagne, die Emilia-Romagna, die Malediven und nun der glücklichste Süden der Welt, Apulien. Ihre leidenschaftlichen Reportagen sind das Salz in der Reisesuppe eines jeden Lesers. Einziges Haar in der Suppe: Man kann sie nicht einfach durchlesen: Immer wieder muss man absetzen und seinen eigenen Träumen Platz einräumen. Das ist durchaus zu verschmerzen. Oder?!