Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Zürich

Zürich

Es ist kein Wunder, das viel Zürich für die Hauptstadt der Schweiz erachten. Irgendwie laufen hier alle Fäden zusammen. Mark van Huisseling ist gebürtiger Berner, ein Attribut, mit dem er als Lehrling mal vorgestellt wurde und das ihm überhaupt nicht passte. Nun lebt er in Zürich. Er liebt Zürich seit dem Tag als er zum ersten Mal mit seinen Eltern durch die Stadt an der Limmat fuhr. Hier wollte er leben, was erleben.

Und er liebt die Stadt. Nicht übermäßig, nicht blind, doch in jeder Zeile schwingt mal leise, mal lauter die Schwärmerei mit. Er weiß aber auch, und das schreibt er deutlich, dass das Paradies hier bestimmt nicht zuhause ist. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Hassliebe bewegen sich seine (Stadt-)Ansichten. Wer Zürich noch nicht kennt, kommt schnell in die Versuchung als altklug zu gelten. Denn Mark van Huisseling gibt die Stadt so exakt wieder wie er nur kann. Und das mit einfach sprachlichen Mitteln ohne dabei abzuflachen. Ein Lesespaß, der erst mit dem Besuch in Zürich endet.

Das Buch zeigt dem Leser – egal, ob er schon Zürcher zu den Bewohnern der Stadt sagt oder sie noch als ZürIcher bezeichnet – wie die Stadt tickt, wie die Menschen die Stadt erobern, formen und nutzen. Kein Cocktail-Must-Have im Sowieso, kein Unbedingt hier das Zürcher Geschnetzelte einnehmen und da den Blick auf die Stadt genießen. Das muss man sich schon selber erarbeiten.

„Zürich“ ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Vor dem Urlaub, um sich ein wenig zu informieren und die Don’ts am Ende des Buches zu umgehen. Währenddessen schmökert man immer wieder darin, um die Do’s (gleich nach den Don’ts am Ende des Buches) nicht zu verpassen. Und schlussendlich erinnert man sich jedes Mal, wenn man es durchblättert, an einen Besuch erinnert, der einzigartig war. Hier in der Stadt, in der die einzige Kunstrichtung der Welt mit einem exakten „Gründungsdatum“ – dada – „erfunden wurde“.

Die kurzweiligen Texte laden zum Niederlassen ein. Eine Bank, die irgendwo auf der Welt, ist immer da. Setzen. Buch aufschlagen. Und Träumen, Sehnsucht pflegen und Pläne schmieden. Wenn ein Buch das Prädikat „Reisefieber-Virus“ verdient, dann dieses. Und der edle Einband zeigt dem Vorbeigehenden gleich, dass hier niemand sitzt, der in Zürich nur den Weg zum nächsten H&M oder McDonald’s sucht, sondern ein echter Genießer, der einem eigenen Weg folgt, um sich Erholung, Genuss und Entspannung zu suchen.

Kleiner Mord zwischendurch

Kleiner Mord zwischendurch

Ein schönes Sprichwort: „Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“ Konrad Killer macht seinem Namen alle Ehre und verdingt sich als selbiger. Eine Güllegrube war bisher sein exotischster Tatort. Einer, der sich bei ihm eingebrannt hat. Nun bekommt er wieder einen Auftrag. Die Methode wird ihm überlassen. Er weiß zwar nicht, wer der Auftraggeber ist – wie immer – das interessiert auch nicht. Doch er kennt den „Reisegast“, wie das potentielle Opfer firmenintern genannt wird: Konrad Killer. Ja, er soll sich selbst beseitigen.

Das ist die erste Geschichte der Kurzkrimisammlung von Mitra Devi. Schwarz, tiefschwarzer Humor. Besser kann ein solches Buch nicht anfangen. Es wird schwer werden diese noch zu toppen. Und hier irrt man als Leser gewaltig. Denn schon Geschichte Nummer Zwei setzt noch einen drauf. Wieder unter dem Motto „Wer Andern ein Grube gräbt, …“ Elvira kann es einfach nicht lassen. Sie lügt. Sie lügt gern. Und gut. Bisher jedenfalls. Ein neuer Kollege hat es ihr angetan. Ihn will sie beeindrucken. Und erzählt ihm ein dunkles Geheimnis. Sie sei im Zeugenschutzprogramm, hat mal einen Mafioso hinter Gitter gebracht. Blöd nur, wenn der Gegenüber die gleiche Geschichte parat hält, sie aber – weil sie wahr ist – nicht weitererzählen darf…

Eine Reporterin, die die Geschichte ihres Lebens wittert und schlussendlich wortwörtlich mit dem Tod ringt – Eine Schriftstellerin, die unter der Masse ihrer Pseudonyme zusammenbricht – Derbe Späße unter Freunden: Das sind die Zutaten dieses Kleinods der Nicklichkeiten. Kein Charakter ist unsympathisch, alle haben ihr Scherflein zu tragen – Mord ist eben nicht Jedermanns Sache!

Oft sind Kurzkrimis etwas für die trüben Tage, wenn es draußen nasskalt vor sich hinstürmt. Da macht man es sich zu Hause gemütlich, gruselt sich ein wenig und / oder belächelt die Protagonisten. „Kleiner Mord zwischendurch“ ist eine Ganzjahres-Allwetter-Krimisammlung, die man getrost zu jeder Tages- und Jahreszeit genießen kann. Die short stories sind mehr als nur Fingerübungen zwischen den Recherchen für die neuen Fälle von Nora Tabani, der Züricher Privatermittlerin, die Mitra Devi geboren hat. Es sind findige Stücke, die einem ab der ersten Zeile in ihren Bann ziehen. Absetzen unmöglich. Man fiebert mit. Rätselt, was die Geschichte hinter der Geschichte sein könnte. Und wie sie ausgehen mag. Ein erstklassiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Autorin und Leser.

Wien abseits der Pfade, Band II

Wien abseits der Pfade 2

Man hätte es sich ja schon fast denken können. Ein etwas anderer Reiseband durch Wien, der die Wege neben den ausgetretenen Pfaden beschreibt reicht nicht aus. Schnell war die Idee von einem Nachfolgeband geboren und nun ist die Geburt vonstattengegangen, das Neugeborene erfreut sich bester Gesundheit. Jetzt kommen die alle Neugierigen, um das neue Produkt zu begutachten. Doch sie bringen keine Geschenke, sie wollen etwas von dem Neuen. Dann sollen sie es auch bekommen, meint der stolze Vater Georg Renöckl. Aber seien Sie gewarnt: Die Postkarenidylle der Donau-Metropole wird ganz schön ins Wanken geraten!

Stephansdom, das Kunsthistorische, Stadtgarten – alles wunderbare Plätze, an denen es sich aushalten lässt. Keine Frage. Aber das kennt man schon, ist so bekannt, dass man es kaum noch wahrnimmt. Links und rechts schauen, immer mal wieder abbiegen, schnüffeln, stöbern, erkunden – das steht von nun an auf dem Eroberungsplan für Wien.

Auf den ersten Blick klingt es nicht besonders schmeichelhaft, wenn eine Tour durch Wien angeboten wird, die die hässlichsten Orte der Stadt zeigt. Doch Mr. Ugly macht das mit so viel Charme, dass es selbst dem weltberühmten Wiener Schmäh die Schamesröte in die Wangen schießen lässt. Eugene ist Engländer mit irischen Wurzeln und hat nun selbige in Wien geschlagen. Er will nicht den Ruf der Stadt zerstören, sondern eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihren Auswirkungen auf die Zukunft in Gang bringen. Seine Touren sind also keine reinen Touristenangebote. Aber für Besucher sicherlich erkenntnisreicher als so manch andere begleitende Führung.

Eine Großstadt wie Wien bringt man nur schwerlich mit Landwirtschaft in Verbindung. Und mit Schnecken schon gar nicht! Doch sind sie es, die vor den Toren der Stadt zu tausenden wachsen, gedeihen, ja sogar gezüchtet werden. Und zwar vom einzigen Schneckenzüchter Wiens. Zum Abschied gibt es für den neugierigen Leser noch ein Rezept für Schneckenbeuschel, bzw. Altwiener Schneckenragout. Altwien – also keine Erfindung der Moderne wie beruhigend.

Beruhigend kann man nun auch wieder nach Wien reisen. Denn es gibt ein neues Buch, das die (bisher) unbekannten Seiten zeigt. Vorbei die Zeiten, in denen man – wie immer – das ewig Gleiche betrachtet, nur weil man einmal da ist. Die Spannung war irgendwie weg. Jetzt kommt neuer Schwung in die Wien-Besuche. Und dieses Mal lohnt es sich wirklich den reiseband vorher komplett durchzulesen und einzelne Ausflüge zu planen. Am Ende gibt es ausgewählte Tipps für Orte zum Verweilen und Vertiefen.

Bei so viel neuen Orten, die man noch nicht kennt, und die man unbedingt sehen will und muss, stellt sich nur noch eine Frage: Wann kommt Band 3?

Soro

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Wenn es nicht einen so tragischen, düsteren Hintergrund gäbe, könnte man über den Anfang der Geschichte schmunzeln. Im Soro-Rausch (Zuckerrohrschnaps mit einem Schuss Bittermelone, auch als Medizin zu verwenden) vergnügt sich Dieuswalwe Azémar mit einer Frau in einem Hotelbett. Sie vergessen Raum und Zeit, die Erde bebt. Der Kommissar ist schon fast geneigt zu meinen, dass es an ihm liegt. Doch Mutter Erde hat ihren eigenen Plan…

Der Roman beginnt im düstersten Kapitel der jüngeren Geschichte Haïtis. Das verheerende Erdbeben von 2010. Tausende Menschen, die eh schon nichts hatten, verloren auch noch den kümmerlichen Rest. Eine Tragödie, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat und leider auch nicht so schnell erholen wird. Für den Ermittler hat das Erdbeben eine weitere menschliche tragische Komponente. Denn die Frau, mit der er anfangs so süße Stunden verlebte, ist nicht die Seine. Er ist Junggeselle mit Stieftochter. Die Frau stirbt beim Akt als ihr die Decke auf den Kopf knallt. Tragisch, wahrhaft. Aber es geht noch schlimmer. Die war – das muss man nun leider eingestehen – die Frau seines Kumpels, seines Freundes. Es geht nicht schlimmer? Doch! Denn dieser Freund ist Solon, Azémars Chef. Und derjenige, der ihm schon mehr als einmal den Rücken freigehalten hat.

Es ist ein Elend. Auf den Straßen regiert die rohe Gewalt. Menschen wissen nicht mehr wohin mit sich und ihrer Verzweiflung. Und dann auch noch das – so viel zum Thema „Schlimmer geht’s immer“: Azémar bekommt den Auftrag herauszufinden, mit wem sich Solons Frau in der besagten Nacht im Hotel vergnügte.

Gerade hat er eine langanhaltende Beziehung zu seiner Stieftochter Mireya aufgebaut. Er befreite sie aus den Fängen einer perfiden, nein perversen Sekte. Und nun kann er ihr kaum noch in die Augen schauen. Da hilft auch kein Rum oder Schnaps, wie er es so oft schon tat. Und schon gar nicht bei der Faktenlage: Die Frau – tot. Der Chef überzeugt, dass es sich um Ehebruch handelt und gewillt den Missetäter „zur Rechenschaft zu ziehen“. Und ein Zeuge, ein Hotelangestellter, der – Azémar schämt sich fast für den Gedanken – im Koma liegt.

Die Sprachgewalt von Gary Victor, wenn er über die beiden Beben spricht (Hotelzimmer und den vibrierenden Erdplatten) wandeln sich komplett, wenn er über das unsagbare Leid der Haïtianer nach der Katastrophe schreibt. Dem Leser stockt der Atem bei solch detaillierter und exakter Beobachtungsgabe. „Schweinezeiten“ war der Auftakt zu einer besonderen Krimireihe aus einem besonderen Land. „Soro“ als Nachfolger ist mehr als eine würdige Fortsetzung, in „Soro“ bekommt Dieuswalwe Azémar ein tragisches Gesicht, dass sicherlich in den weiteren Romanen reifen wird.

Lesereise Baskenland

Lesereise Baskenland

Das wohl schwerste Buch für Georges Hausemer. Auf der einen Seite möchte er gern seine innige Zuneigung zum Baskenland nach außen tragen, auf der anderen Seite weiß er aber auch, dass zu viel Werbung auch zu viel Gleichschaltung, Massentourismus und Identitätsverlust mit sich bringen. Am Ende des Buches drückt er die Daumen, dass Donostia, so der baskische Name von San Sebastian, nicht den Zuschlag für den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ erhält. Nun, der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Zusammen mit dem polnischen Wrocław ist San Sebastian dieses Jahr die Kulturhochburg Europas.

Nichts desto trotz sollte man dieses Buch lesen, wenn man sich entschließt Bilbao, San Sebastian, die baskische Küche, Pelota, Baskenmützen, Guggenheim und so manch anderes typisch Baskisches zu besuchen. Denn Georges Hausemer kennt das Baskenland, nennt Donostia seine Lieblingsstadt und hat hier mehr als einmal die schönste Zeit des Jahres verbracht (und im eigenen Verlag einen Stadtreiseband veröffentlicht).

Bis vor wenigen Jahren war das Baskenland das Stiefkind der iberischen Halbinsel. Es war zwar da, man kannte es, aber besuchen? Nee, da gab es schönere, entwickeltere Orte. Hier rauchten die Schornsteine, regnete es ununterbrochen, alles irgendwie unfreundlich. Das Wetter konnte selbst der Zahn der Zeit nicht ändern, aber den Rest schon. Bilbao war eine der Städte, die man nicht freiwillig besucht hätte. Überall Industrie, nichts Freundliches – um es übertrieben auszudrücken. Dann kam die Idee eines Museums. Nicht irgendeines Museums. Guggenheim wollte hier eine Dependance eröffnen. Und Frank O. Gehry sollte es bauen. Und er tat es. Eine Augenweide, ein Traum aus Betan, Glas, Titan. Aber auch mit Effekt? Jährlich pilgern eine Million Menschen ins Museum, anfangs ging man von knapp der Hälfte aus. Mission erfüllt. Tausende Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen. Die Umgebung angepasst, die Schornsteine erfolgreich zum Rauchverzicht aufgefordert. Bilbao kann sich nun sehen lassen.

Georges Hausemer blüht richtig auf, wenn er von den Männerkochclubs, den

Txokos erzählt. Oder von der friesischen Übernahme einer Insel. Oder von den Spielarten des pelota, des baskischen Nationalsport. Oder, oder, oder. Künstler, Köche, Bauern – die Menschen im Baskenland sind scheu, wenn man neu und neugierig ist. Politik ist kein gutes Thema, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber wenn sie sich einmal öffnen – und Georges Hausemer ist einer der wenigen Privilegierten, den sie sich mitteilen – sprudelt ihr Stolz auf ihre Kultur über. Dem Leser wird das Auge übergehen, wenn er dieses Buch liest. Näher als Andalusien oder Madrid, traditionsbewusst und voller Dinge, die es noch zu erkunden gilt. Aber alles mit Vorsicht! Damit dieses Buch nicht so schnell an Aktualität verliert.

Stern von Algier

Stern von Algier

Die Zukunft sieht nicht rosig aus, die Gegenwart ist trist. Doch Moussa lässt sich nicht beirren. Er wird der neue Michael Jackson. In einem Land wie Algerien, irgendwann in den 90er Jahren, ein schönes Ziel. Eine Notwendigkeit. Denn ohne Ziel ist man in diesem Land verlassen.

Kablyischer Chanson nennt sich die Musikrichtung, benannt nach der Gegend, aus der er kommt. An der Wand das große Idol, in der Tasche der Walkman. Sind die Batterien leer, verzichtet Moussa auf vieles. Hauptsache das teil dudelt. Auf dem Schwarzmarkt kosten Batterien oft das Zehnfache des normalen Preises. Aber es gibt dort welche. Musik ist sein Leben, sein Traum.

Und es scheint auch wirklich voranzugehen. Er hat Auftritte, bekommt Zeit in einem Aufnahmestudio, Plakate für Konzerte werden gedruckt. Aber es gibt auch die Schattenseiten. Seine Freundin verlässt ihn, seine Freunde sind ihm fremd geworden. Alles ist ihm fremd. Islamisten stehen an allen Ecken. Das Land steckt in einer Krise. Korruption und Machtverlust bestimmen die Gazetten.

Der große Traum rückt immer weiter in den Hintergrund – Moussa wird immer unzufriedener. Die Aufnahmen geraten nicht so wie er dachte. Als sein Lied im Radio gespielt wird – gebannt hockt er sich vor den Empfänger – erkennt er sein eigenes Lied nicht wieder. Völlig entstellt! Er stellt die Verantwortlichen zu Rede, sie ihn im Regen stehen. Die Wut kocht in ihm hoch. Bis… , ja bis es eskaliert!

Aziz Chouaki schreibt in „Stern von Algier“ von einem Mann, der sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Doch auf dem nach oben, in ein besseres, hoffnungsvolles Leben, muss er steinige Treppen überwinden. Immer wieder stolpert er von einem Reinfall in den nächsten. Der trostlose Alltag ist noch zu stemmen. Genug Übung hat Moussa schließlich. Doch, wenn es um seine Träume geht, entwickelt er ungeahnte Kräfte. Leider nicht immer zu seinem Besten. Gitarren statt Knarren könnte der Untertitel sein. Ein frommer Wunsch, der dem Schicksal des jungen Musikers als Leitbild dient, und schlussendlich nicht als Enttäuschung für ihn parat hält.

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Zürich, die elegante Stadt an der Limmat, am idyllischen See. Wer dort weilt, holt sich was weg. Und zwar eine geballte Ladung Eindrücke und Geschichte. Bei so viel Finanzgebaren vergisst man schnell, dass schon vor Jahrtauenden hier die ersten Siedler ihre Zelte aufstellten, die Kelten und die Römer Kastelle errichteten und die Stadt zu einem wichtigen Handelsort machten.

Thomas Lau gibt in seiner „Kleinen Geschichte Zürichs“ mehr als einen kleinen Einblick in die Vergangenheit der Stadt. Wer Zürich außerhalb von Reiseführern erkunden will, findet in diesem Buch den idealen Reiseguide, der kenntnis- und detailreich zu berichten weiß.

Immer wieder lockern kleine Anekdoten das Geschichtsbuch auf, um den Leser nicht mit Zahlen und Ereignissen zu überfrachten. Das Buch liest man nicht in einem Ritt durch. Auch zweihundert Seiten können eine Unmenge an Fakten aufweisen. Stück für Stück, Jahrhundert für Jahrhundert, nähert man sich dem Zürich wie man es heute kennt. Auf den Spuren von Dichtern und Gelehrten wandelt der Leser durch die heimliche Hauptstadt der Schweiz. Vorbei an historischen Gebäuden, die noch immer ihre Wirkung nach außen tragen. Hier wurde Dada „erfunden“, Revolutionen ersonnen, Nobelpreisträger geformt.

Dieses Buch ist eine echte Bereicherung für jedes Reisegepäck. Thomas Lau lässt die Persönlichkeiten, die diese Stadt prägten zu Wort kommen und gibt ihnen den Freiraum Andere (Leser) in ihren Bann zu ziehen. Einst galt sie als Hauptstadt des Exils: Lenin, die Manns, James Joyce (der hier auch begraben ist, auf dem Friedhof Fluntern) lebten und wirkten hier.

Wer Zürich schon kennt, wird es nie leid es zu besuchen. Doch so, wie in diesem Buch beschrieben, hat man Zürich noch nicht gesehen. Der Begriff Historie wird mit diesem Buch im Speziellen und der Reihe im Allgemeinen auf eine höhere Stufe gehoben. Man muss ja nicht gleich den gesamten Urlaub auf den Spuren der Vergangenheit verbringen. Aber ein Tag, ein paar Stunden, dafür allemal Zeit und die Stadt gibt es auch her. Stadtrundgänge wird man vergebens suchen. So viel Individualismus muss sein, das erhöht den Forscherdrang. Auch wenn das Ergebnis dank des Buches schon feststeht, wird man jeden Schritt, den man diesem Buch folgt genießen und keinen einzigen bereuen.

Schweinezeiten

Schweinzeiten

Inspector Dieuswalwe Azémar hat wahrlich keinen leichten Job in Port-au-Prince, Haïti. Er scheint im Moment der einzige Bulle zu sein, der gegen Bestechung immun ist. Wenn andere die Hand aufhalten, hält in selbiger eine Flasche mit Tranpe, den fruchtigen, süßen Zuckerrohrschnaps. Und die anderen halten oft und lange die Hand auf! Seine Leidenschaft für das betörende Getränk hat ihn schon seine Tochter gekostet. Die kleine vorwitzige Mireya lebt jetzt in einem Pensionat der Kirche des Blutes der Apostel. Dieses Kloster wird streng geführt. Und wenn Papi Dieuswalwe seine Mireya besucht, was er alle zwei Wochen darf, wird er nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sister Marie-Josée ist kein Fan von ihm. Seine Tochter umso mehr.

Aufgeregt erzählt sie ihm brühwarm alles Neue aus dem Kloster. Auch, dass sie Wachtmeister Colin gesehen hat. Mit Schweinohren. Die Kleine findet das lustig. Den Inspector macht es schwermütig. Denn Colin ist seit einiger Zeit verschwunden. Einfach so. und er sucht ihn. Dass die bevorstehende Adoption von Mireya, die ihr zweifelsohne eine bessere Zukunft bescheren wird – davon geht er im Moment noch aus – mit dem Verschwinden des Wachtmeisters in Zusammenhang steht, ahnt er noch nicht.

Der Alkohol lässt den alltäglichen Trott vergessen. Doch die Adoption macht ihm zu schaffen. Immer öfter hält er sich nicht an die Regeln und besucht Mireya außerhalb der vereinbarten Zeiten. Auch im Fall Colin tut sich was. Als ein Unbekannter ihm das Armband seiner Tochter gibt, das sie kurz zuvor verloren hat, blüht Dieuswalwe Azémar auf. Knarre geladen, nüchtern und voller Tatendrang bricht das Ermittlertier in ihm aus. Mireya wurde entführt. Die Machenschaften des Ordens, der Sekte, der so genannten Kirch des Blutes der Apostel ist eine perfide, in ihrem schrägen Wahn, gefährliche Organisation. Und er, aber vor allem seine Tochter, fallen exakt in deren Beuteschema…

Gary Victor verbindet in „Schweinezeiten“ die tiefe Religiosität des Karibikstaates mit einer ungewöhnlichen Kriminalgeschichte. Voodoo, Gottesfürchtigkeit und die dauernde Korruption in allen Gesellschaftsschichten sind das Terrain, auf dem sich sein wütender Inspector Dieuswalwe Azémar bewegt. Sein Name in kreolischer Schreibweise bedeutet „Gott sei gelobt“ (ein Hohn, wenn man liest, was in dessen Namen geschieht). Der geborene Verlierer, der sich in einem letzten Kraftakt erhebt, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu helfen. Dass er persönlich involviert ist, hilft ungemein bei der bevorstehenden Kraftanstrengung. Der Roman gibt es einen ungefähren Einblick in die Seele eines so durchgeschüttelten Volkes. Die Hinterlassenschaften des verheerenden Erdbebens sind in unseren Medien maximal an Gedenktagen eine Meldung wert. Haïti findet ansonsten nicht statt. Dieser wortstarke Krimi ist eine wortstarkes Argument, den Karibikstaat nicht aus den Augen zu verlieren.

Der letzte Tag des Präsidenten

Der letzte Tag des Präsidenten

Acht Jahre sind Alwan und Randa nun schon verlobt, ein Paar sind sie schon länger. Sandkastenliebe. Doch den letzten Schritt haben sie noch nicht getan. Nicht aus Scham oder Angst. Es fehlen ihnen einfach die Mittel ihrer Liebe den entscheidenden Schups in Richtung Unendlichkeit zu geben.

Die Zeiten sind hart in Ägypten. Anwar as-Sadat hält das Land im Griff, seine Günstlinge es am Tropf. Das Volk kommt kaum über die Runden. An Feste kaum zu denken. Für die beiden kommt eine Hochzeit mit Abstrichen nicht in Frage. Ihre Liebe steht über allem. Doch übersteht sie nicht die Zeit.

Sie beschließen sich zu trennen. Randa soll einen Mann finden, der ihr das bieten kann, was Alwan nicht im Stande ist zu leisten. Und Alwan ebenso. Schweren Herzens, doch mit dem Gefühl etwas Gutes für den Anderen zu tun, setzen sie ihren Plan in die Tat um.

In den Cafés plaudern die Menschen, hetzen gegen die Zeit, resignieren. Hoffnung, sagt man, ist das Letzte, was stirbt. Hoffnung hat hier schon keiner mehr. Ägypten ist ein totes Land. Die Menschen sind es ebenso. Abwechslung bringt nur die Parade zum Jahrestag. Die Armee stolziert geziert und steif an der hübsch aufgereihten Tribüne mit der Regierungsmannschaft vorbei. Staatsgäste machen teils gute Miene zum bösen Spiel. Der Präsident hat sich in Schale geschmissen. Das Volk schaut am Fernseher zu. Die, die sich keinen leisten können, hängen gebannt am Radio. Manche hören die Signale und verheißen rosige Zeiten. Ewig kann sich der Präsident seine Politik nicht mehr leisten. Vorahnung oder hoffnungsvolle Orakeln?

Dann, der große Knall. Erst akustisch, dann in den Köpfen der Menschen. Der Präsident ist tot, hatte seinen letzten Tag. Wenigstens in schicker Uniform. Hoffnung keimt sofort auf. Auch bei Alwan und Randa…

Literaturpreisträger Nagib Machfus setzt die Hoffnungen vieler seiner Landsleute an diesem Tag, in dieser Zeit ein literarisches Denkmal. Ägyptens starker Mann, der die Macht gnadenlos ausnutzte, sich mit Gleichgesinnten umgab und dem Volk oft mehr als sprichwörtlich die Klinge an den Hals setzte, starb bei einem Attentat. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Fernsehstationen aus aller Welt setzten an diesem 6. Oktober 1981 ihr Fernsehprogramm aus und strahlten die spärlichen Bilder nach dem Attentat aus.

Nagib Machfus war 1988 der erste arabische Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Seine Erzählungen und Romane spielen allesamt in Ägypten, in Kairo, teils in den Straßen seiner Nachbarschaft. Auch er wurde bei einem Attentat religiöser Fanatiker schwer verletzt. 2006 starb er im hohen Alter von 94 Jahren in seinem geliebten Kairo.