Archiv der Kategorie: Literally Britain

My life as a serial killer

Er ist ihr vollkommen ausgeliefert. Das gefällt ihm. Sein Charme hat gewirkt. Gleich wird es passieren. Gleich werden er und sie … Lucas hat sich den romantischen Abend wohl anders vorgestellt. Sie, Claire hat ihn sich genau so vorgestellt.

Kurz zuvor war sie bei der Trauerfeier für ihren Vater. Der einzige Mensch, der sie jemals verstanden hat. Alle murmeln was, trauen sich nicht die Stimmung zu brechen, Claire ist angewidert von den alten Männern, die immer wieder dasselbe faseln. Die angespannte Situation wird durch eine Email gesprengt. Sie, Claire, ist in der engeren Auswahl für einen Kunstpreis. So eng können Freud und Leid beieinanderliegen. Und noch eine Mail. Upps, alles nur ein Versehen. Die, die in der engeren Wahl ist, heißt auch Claire. Ist aber eine andere Claire. Claire, die, die nicht in der engeren Wahl ist, bleibt äußerlich ruhig. Innerlich kocht sie. Sie sucht nach dem Verfasser der Mail, der sich so normiert bei ihr für sein persönliches Fehlverhalten entschuldigt. Man kann sich nicht selbst von Schuld freisprechen, wenn man einen Fehler begangen hat. Entschuldigungen sind für diejenigen, die die wahre Bedeutung des Wortes nicht kennen. Nun liegt er unter ihr, Lucas, der Mailschreiber, dem alles so schrecklich leid tut. Gefesselt, erregt und absolut unwissend, wer über ihm kniet. Und wozu Claire fähig ist…

Es ist nicht Claires erste Bluttat. Sie ist gut. Sie ist zielstrebig. Gewissenhaft. Gewissen, ha! Gibt es das überhaupt in ihrem Leben? Was es in ihrem Leben gibt – und das ist neu für sie – ist Angst! Denn jemand, hat sie gesehen. Bei dem, was sonst niemand wissen darf. Und dieser jemand, rückt ihr auf die Pelle. Claire muss ihm näher kommen, um … na was schon?! Sie ist Serienkillerin (oder sagt man jetzt Serienkillende?)! Es ist ihr … ihre Berufung. Und sie ist gut. Bis vor Kurzem war sie zu hundert Prozent unbehelligt geblieben. Bis vor Kurzem. Bis also jemand was gesehen hat, was er nicht sehen sollte.

Bisher war Claire die Katze. Sie jagte ihre Beute, spielte mit ihr, verschlang sie mit Haut und Haaren. Jetzt scheint sie das Mäuschen zu sein. So wie vor knapp dreißig Jahren. Sie stand auf der Bühne tanzte als Mäuschen wild herum, das Publikum fühlte sich prächtig unterhalten. Selbst als sie einem Mitmäuschen aus Versehen den Schwanz abtrat. Alle waren ganz wild auf die kindliche Aufführung. Bis auf Mama. Auf dem Heimweg stoppte sie den Wagen. Die Pein der Muter, weil das Töchterchen in ihren Augen versagt hatte, endete in einer schallenden Ohrfeige. Das solle nie wieder passieren! Nie wieder Maus sein, nur noch Katze! Und nun das! Claire war bis auf die ersten beiden Morde schon immer eine Serienkillerin. Sie muss sich auf ihre Grundtugenden besinnen.

Joanna Wallace treibt den Killerirrsinn auf die Spitze. Tarantinoesk marodiert Claire durch London und tötet wer ihr auf nur das dünnste Härchen krümmt. Dabei ist sie cool und lässig wie Hannibal Lector und witzig wie Robin Williams, wäre er Engländer gewesen. Ihr Handwerkszeug ist stets griffbereit. Der geschulte Schulterblick wird dieses Mal zur Lebensversicherung, wenn es das für SerienkillerIinnen gibt…

Die Palast-Rebellin

War es das Ende des Zweiten Weltkrieges oder die frühen Jahre im „Käfig“, die Prinzessin Margaret zu der Einsicht brachten, dass Pflichterfüllung notwendig ist, aber sich eigene Wünsche zu erfüllen einen höheren Stellenwert für einen selbst besitzt? Es ist wie immer im Leben wohl eine gesunde Mischung aus beiden. Der Krieg ist vorbei, die Isolation der beiden Teenagerschwestern Elisabeth und Margaret Rose ebenso. Die eine wird später mal die am längsten agierende Regentin der Welt sein, die Andere ein Schattendasein führen, das so stark leuchtet wie man es niemand erahnen konnte. Mama und Papa – König und Königin – erlauben ihren Töchtern unter Aufsicht und mit einem halben Dutzend Sicherheitspersonal sich unters feiernde Volk zu mischen. Elisabeth (noch ohne „II.“ ist neunzehn, ihre Schwester Margaret ist fünfzehn Jahre alt. Sie feiern mit ihren Untertanen, die sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht als solche wahrnehmen. Zumindest Margaret nicht. Elisabeth hat da schon die ersten Lektionen in Sachen Benehmen und Staatsführung hinter sich. Margaret wird in zweiter Reihe ebenso zu einer echten Lady erzogen. Dafür sorgen die Nannies Crawfie und Alla schon. Auch wenn es bei den Windsors fast schon üblich scheint immer mal wieder aus der Reihe zu tanzen, so ist es an der Zeit sich am Riemen zu reißen und das Commonwealth zusammenzuhalten. Diese Aufgabe bzw. den geordneten Zerfall des Weltreiches zu organisieren wird der Älteren Windsor zuteil werden.

Margaret genießt vielleicht nicht die strenge Erziehung. Schließlich wuchs sie in einer Familienidylle auf. Stets waren die Eltern trotz aller Staatspflichten erreichbar und um sie herum. Selbst im Krieg stand man täglich – per Telefon – in Kontakt. Die Nachtruhe (mit Betonung auf Ruhe) begann erst, wenn König und Königin sich meldeten.

Elisabeth fügt ihrem Namen „II.“ hinzu und alles ist anders. Wenn es einen Plan für Margaret gab, und den gab es garantiert, so muss sich die alsbald als Party-Prinzessin bezeichnete Margaret Rose neuen Herausforderungen stellen.

Karin Feuerstein-Prasser zeichnet in ihrer Biographie über die Schwester von Königin Elisabeth II. ein umfangreiches und detailliertes Bild. Skandale sind Fakten, die sie nicht außeracht lassen kann, sie sind aber nicht der marktschreierische rote Faden, der sich durchs Buch schlängelt. Die Windsor-Schwestern hatten das Zeug zur Weltkarriere und sie nutzten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln jede sich bietende Chance ihre Position darzustellen. Die Eine auf dem Thron mit Würde, Pflichtbewusstsein und Strenge. Die Andere mit der geballten Lust auf Leben, die nicht immer alles bekam, was sie wollte. Prinzessin Margaret war der schillernde Stern der Familie außerhalb von blankpolierten Juwelen und enormer Macht. Sie genoss die gleiche Erziehung wie ihre geliebte Schwester. Margaret hatte jedoch die Chance bekommen dieses Wissen, diese ungeheure Anhäufung von Mut und Bildung ein Stück weit mehr auszuleben als ihre vier Jahre ältere Schwester. Das die Regenbogenpresse ihr dabei immer öfter ein Bein stellte, konnte sie bis zu einem gewissen Grad wegstecken. Der unerfüllte Wunsch nach Beständigkeit zehrte aber auch an ihren Nerven.

Eine geistreiche, faktenbasierte und liebevolle Hommage an eine Frau, die das Leben in vollen Zügen genossen hat.

Mathilda

Der 9. November ist besonders für Deutsche ein besonderer Tag des Gedenkens. Zum Einen ist es der Tag des Mauerfalls, zum Anderen aber auch der Tag, an dem offener und für jedermann legitimierter Judenhass straffrei war, zum Glück für eine begrenzte Zeit. Im Jahr 1819 beginnt eine Frau ihr Tagebuch zu schreiben. Das tut man in heutiger Zeit, um sich selbst auszudrücken – so wie es ursprünglich mal angedacht war. Oder man tut es, weil es hip ist oder weil man einer Tradition folgen will, selbst eine Tradition ins Leben rufen will. Wie auch immer: Dieses Tagebuch ist in tiefes Schwarz getaucht. Denn es ist das Tagebuch von Mathilda. Nicht die, die schon als Kind lernen muss ihre übermenschlichen Fähigkeiten zu kanalisieren – wie im gleichnamigen Film. Auch nicht die junge Mathilda, die den Tod an ihren Eltern rächen will und dafür die Dienste des Profikillers Leon in Anspruch nimmt – ebenfalls wie im Film.

Nein, sie ist die Frucht einer unzerstörbaren Liebe. Einst waren ihre bildschöne, gebildete, empathische Mutter und ihr Vater füreinander bestimmt. Sandkastenliebe mit der Aussicht auf ewiges Glück. So war das damals im England des ausgehenden 18., zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch schon kurz nach der Geburt der Tochter verstarb die Mutter. Und der Vater war ein gebrochener Mann. Er konnte die Anwesenheit von Mathilda nicht ertragen. Und verschwand. Einfach so. Nach Deutschland, nahm einen anderen Namen an. Mathilda wuchs derweil bei der Tante auf. Liebe und Zuneigung waren fromme Wünsche, nicht mehr und nicht weniger. Als dann auch die Tante im Sterben liegt, schient Licht ins dunkle Leben des Teenagers zu kommen. Der Vater will sie wieder sehen, will sie kennenlernen. Er erklärt sogar, dass es für nichts Sehnlicheres auf der Welt gibt als sich voll umfänglich um sie zu kümmern. Ein Wendepunkt? So wie der Mauerfall am 9. November 1989? Zuerst schon, doch dann wird es doch eher ein Wendepunkt wie der in der Nacht des 9. November 1938.

Mathilda ist voller Hoffnung, nicht aufgekratzt, doch innerlich lodert die Euphorie wie niemals etwas zuvor in ihr. Der Funke erlischt relativ schnell. Vater ist depressiv, zerstörerisch in fast jeder Hinsicht. Sich selbst zu vernichten scheint sein Elixier zu sein. Andere mit zu reißen geht für ihn damit Hand in Hand.

Das bisherige dunkle Leben, das gerade erst mit Licht gefüllt wurde, scheint im ewigen Dunkel der geistigen Nacht zu verenden…

Mary Shelley ist für die meisten die Autorin des wohl bekanntesten One-Hit-Wonders der Literatur, „Frankenstein“ – das geht soweit, dass einige denken, dass der Vorname des Monster „Mary Shelleys“ ist. „Mathilda“ ist das Folgewerk. Und hier beweist sie allen Kritikern, dass „Frankenstein“ keineswegs ein One-Hit-Wonder war. So düster die Geschichte auch sein mag. So klar und präzise zeichnet sie den Niedergang eines Menschen, dem alles genommen wurde, das man mit Geld nicht kaufen kann. Grandios, faszinierend, um immer wieder, immer noch mehr als lesenswert.

Beatrice Webb – Aus ihren Tagebüchern

Wer sich eine Biographie zur Hand nimmt, ist meist schon ein Fan desjenigen, dessen Leben beschrieben wird. Ob man ihn dann nach der Lektüre kennt oder „nur besser kennt“, muss man für sich selbst entscheiden. Besonders, wenn das Objekt der Begierde von einem Anderen beschrieben wurde. Je länger die Lebzeit her ist, desto größer der Einfluss und damit die Sichtweise der Gegenwart. Das beginnt bei der Wortwahl, der Biograph benutzt und endet noch lange nicht bei der zigsten Sichtung der Hinterlassenschaften. Und dann ist da immer noch das Damokles-Schwert, auf dem „wem nützt es?“ oder „was ist der Zweck der Biographie“ eingraviert ist… Briefe, Tagebucheinträge sind untrügliche Zitate, Meinungen, Momentaufnahmen. Wahrscheinlich sind sie näher an der Realität als so manche Nachbetrachtung.

Beatrice Webb und ihr Mann Sidney waren zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts engagierte Sozialreformer, Politiker mit gewichtigen Ideen und Worten. Sie gründeten die Fabianische Gesellschaft, um weitreichende Reformen in Gang zu setzen. Heute würde man das als Thinktank bezeichnen – so viel zum Wechselspiel von Vergangenheit und Gegenwart.

Ihre Arbeit in der Fabianischen Gesellschaft – das war ihnen von Anfang an klar – benötigten sie Menschen mit Reputation, mit Ideen, mit einer weittragenden Stimme. Dazu gehörten in ihrem Fall unter anderem der Schriftsteller H.G. Wells, Upton Sinclair, ebenfalls Sozialreformer, aber auch der als Lawrence von Arabien berühmt gewordene Thomas Edward Lawrence. Und George Bernard Shaw. Wahrscheinlich würden sie heutzutage die sozialen Medien mit ihren reformerischen Ideen fluten und als Berufsbezeichnung würde so manches mal „Influencer“ unter ihrem Namen stehen.

In ihren Niederschriften lässt der spätere Nobelpreisträger und Oscargewinner (für Pygmalion und eine erste Verfilmung des Stoffes) einfach nicht los. Es ist keine süßliche Verliebtheit, die sie fesselt. Es ist der komplexe Kosmos eines findigen Autors, der mit Wortgewalt die Leser bis heute in seinen Bann ziehen kann. Doch ist auch der scheinbar widersprüchliche Charakter. Als Shaw Charlotte Frances Payne-Townshend kennenlernt, benimmt er sich zeitweise wie ein verliebter Teenager, der öfter das Herz sprechen lässt und der Vernunft – und der Etikette – eine Nase dreht. Für Beatrice Webb ein beschauliches Spektakel.

Die im Untertitel angekündigten Enthüllungen sind zeitlos. Wüsste man nicht, das Shaw bereits vor 75 Jahren gestorben ist, man würde ihn einen modernen Zeitgenossen nennen. Nur die Umrechnungen der genannten Summen erinnern einen daran, dass es sich hier um historische Persönlichkeiten handelt. Die Einträge von Beatrice Webb stecken voller Empathie und lesen sich noch heute wie spannende Artikel aus längst vergangener Zeit. Immer schüttelt man sich und kneift sich, weil die Moderne der Gegenwart scheinbar doch nicht so neuartig ist wie man sich selbst gern einredet.

1000 places to see before You die

Im Leben gibt es unzählige Listen, die man erstellt. An die meisten hält man sich, wie den Einkaufszettel. Andere hingegen dienen – so meint man – der eigenen Beruhigung etwas zumindest in Planung zu haben. Meist gehen diese Listen irgendwann den Weg in den Abfall. Und dann wiederum gibt es Listen, die sind so dick, weil gehaltvoll, die werden niemals ihre Anziehungskraft verlieren. Bucketlist nennt man das.

Und so eine liegt in diesem Fall einmal mehr vor. Tausend Orte, die man besuchen muss bevor man es nicht mehr kann. Unmöglich? Schon möglich. Aber genauso möglich ist es tausend Orte zu bereisen. Doch wo anfangen? Hier kommt dieses Monster an Ideen, Ratgebern, Tipps, Tritten in den Allerwertesten ins Spiel. Von nun an gibt es keine Ausreden mehr! Der Anfang ist gemacht. Und der erste Schritt ist bekanntlich der erste von vielen, die noch folgen werden. Und wenn man schon mal angefangen hat…

… dann auf zum Lac d’Annecy oder nach Riga. Am besten mit einem Abstecher zu den Stränden Goas in Indien oder Sanibel und Captiva vor Florida. Oder der größten Sandinsel der Welt, Fraser Island in Australien. Zu ruhig? Dann hilft eine Shopping- oder Sightseeingtour über die quirligen Märkte von Saigon.

Man muss das Buch nur in die Hand nehmen und ein wenig darin blättern. Und schon hat man Reisefieber. Und eine Reisefibel auf dem Schoß. Klar gegliedert nach Kontinenten und Ländern. Ganz Mutige nehmen diesen Schmöker als festen Reiseplan – viel Spaß beim Urlaubsantrag ausfüllen: „Chef ich bin dann mal weg. Wenn ich das Buch abgearbeitet habe, komme ich wieder. Bis in … Jahren!“. Die Vorstellung ist doch schon sehr verlockend.

Ein Sinnes-Overkill ist garantiert. Berge, Täler, Strände, Stadtzentren, Architektur, Naturwunder, über und unter Wasser, Aussichtspunkte, Absteige wie Kletterpartien – wer hier nicht fündig wird, der hat entweder schon alles gesehen (was fast unmöglich scheint) oder will einfach nicht. Man kann dieses – nein, man sollte – dieses Buch als niemals versiegende Inspirationsquelle sich regelmäßig aus dem Regal nehmen. Reisen bildet. Lesen macht Appetit. Bei 1220 Seiten kann man sich niemals satt sehen und inspirieren lassen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Heute hier, morgen da. Der Sehnsucht einfach mal Futter geben. Sich selbst austesten, was alles möglich sein kann. Schon allein dafür lohnt sich ein Blick in diesen Schmöker.

David Copperfield

Muss man sich fast zweihundert Jahre nach Erscheinen noch inhaltlich mit einem Klassiker der Weltliteratur auseinandersetzen? Für die Einen ist „David Copperfield“ ein dicker fetter Wälzer, den man sich an exponierter Stelle ins Regal stellt, weil es sich einfach so gehört. Für die Anderen gehört der Roman ebenso genau dort hin, aber erst nachdem man ihn gelesen hat. Für alle diejenigen, die meinen, dass knapp eintausenddreihundert Seiten einfach zu viel sind und man doch lieber eine sinnentleerte Serie im Stream bingen sollte, stellt dieses Buch nur im besten Fall eine Kehrtwende dar.

Der kleine David verliert erst den Vater, die Mutter heiratet den Falschen, der sich alsbald als gefühlslose Ekel erweist, die Kindheit verbringt der Knirps bei Verwandten, die ihm Liebe schenken wie er es noch nie erlebt hat, er wird erfolgreicher Schriftsteller – so in etwa beginnt und verläuft das Leben von David Copperfield. Kurz und knapp. Also genau das Gegenteil, was Charles Dickens gemacht hat.

Es tut gut zu sehen, dass Legenden niemals sterben. Dafür sind die gemacht. Sie selbst hielten sich nie für Helden. Ihr Tun, ihr Handeln, ihr Vermächtnis macht sie unsterblich. Im Falle von Charles Dickens (C.D. und David Copperfield, D.C. – die persönliche Note ist unverkennbar) ist der Nachhall bis heute vernehmbar. Es gibt Gesellschaften, die es sich auf die Fahne schreiben Dickens’ Leben am selbigen zu erhalten.

Ja, dieses Buch ist wahrhaft eine Herausforderung. Charaktere tauchen kurz auf, verschwinden seitenlang scheinbar für immer aus dem Blickfeld, um dann unversehens wieder ins Geschehen einzugreifen. So was nennt man wohl Freundschaft, wenn man bei Bedarf zur Stelle ist und zu Seite steht. Je mehr man in dieses Buch, in die Welt des David Copperfield eintaucht, desto mehr kratzt an einem die Frage wie dieses Buch wohl heuet geschrieben würde. Die harte Kindheit, der Erfolg als Autor – das kann einen modernen Menschen schon mal die Flausen in den Kopf treiben. Besonders, wenn man bei Preisverleihungen (natürlich ungerechtfertigt) übergangen wird. Würde man sich heutzutage in den sozialen Medien über den Verfall der Sitten und die eigene Missachtung in der Kindheit auslassen? Sich in Boulevardmagazinen unverblümt über das erfahrene Unheil auslassen? Wie gut, dass Mitte des 19. Jahrhunderts noch jeder seines eigenen Glückes Schmied war. Nur so werden mehr als tausend Seiten zu einem Parforceritt, der keine Alterbeschränkung kennt, und niemals als angestaubt (an exponierter Stelle) im Regal der Vergessenheit anheimfällt.

Schöne Bescherung auf Compton Bobbin

Klingt erstmal wie ein Rock ’n Roll Hit aus den 50ern: Compton Bobbin. Und ein Stein wird auch ins Rollen gebracht. Und eigentlich rockt dieses Buch ganz gehörig. Also doch schnörkelloser Rock ’n Roll im feinen Tweed? Ein bisschen.

Lady Bobbin besitzt ein Anwesen in den Cotswolds – edle Gegend. Ruhig, abgelegen, idyllisch. Eine Art Visitenkarte, Eintrittskarte ins flegelhafte „Ich bin reich – ich darf das!“-Getue. Lady Bobbin beliebt eine Weihnachtsgesellschaft zu geben. Nur das, was da vor dem Tore steht, was noch angefahren kommen wird, wer mit wem im Gepäck und mit welchen Absichten, das konnte die Gute nun beim besten Wissen nicht erahnen.

Der Schriftsteller Paul Fotheringay hat es endlich geschafft: Sein erster Roman ist erschienen. Und er wird geliebt und gelobt. Man hält sich den Bauch vor Lachen und findet, dass dies das richtige Buch zur richtigen Zeit sei. Zu dumm nur, dass Paul Fotheringay meinte ein sehr ernstes Buch geschrieben zu haben.

Philadelphia Bobbin, die Tochter des (guten) Hauses ist der Prototyp des gelangweilten Teenagers. Die Etikette und das ganze Drumherum gehen ihr gehörig auf die Nerven.

Amabelle Fortescue ist dem Namen nach eine ebenso feine Dame der Gesellschaft wie Lady Bobbin. Amabelle feiert Weihnachten in der Nähe in einem Cottage, das sie eigens zu diesem Zweck angemietet hat. Der Name lässt es nicht vermuten – Amabelle Fortescue gehört nicht zum alten Adel. Ihr finanzielles Polster, auf dem sie ihren edlen Körper bettet, wurde durch finanzielle Beigaben ihrer zahlreichen – zahlungsfreudigen – Männerbekanntschaften gepolstert. Sie heiratete geschickt, der Gatte verblich nicht weniger für sie geschickt nach angemessener Zeit. Oder anders gesagt: Wer in den gehobenen Kreisen nach Entspannung jedweder Art suchte, kannte Amabelle Fortescue.

Gleich zu Beginn des Buches gibt Nancy Mitford die Stoßrichtung vor: Sie stellt die handelnden sechzehn Personen der Reihe nach vor. Allesamt mit reichlich Dreck am Stecken, doch nahezu unantastbar. Dass das Weihnachtsfest für keinen der Anwesenden zu hundert Prozent perfekt verlaufen wird, steht ziemlich schnell fest. Doch was passieren wird, muss man sich erarbeiten. Was heißt hier erarbeiten?! Nein, Nancy Mitford hat einen diebischen Spaß die ganze Gesellschaft an der Nase durch die Arena des bitterbösen Humors zu ziehen. Selbst der Friedfertigste bekommt sein Fett weg. Die Parallelen zu ihrer eigenen Familiengeschichte sind durchaus sichtbar. Nancy Mitford war das schwarze Schaf der Familie, die sich mit den Faschisten Großbritanniens gemein machte. Alle bewunderten Hitler und seine Ideen. Nancy Mitford war das alles zu abstoßend, weswegen sie auch im Namen der Krone gegen ihr eigenes Blut spionierte.

„Schöne Bescherung auf Compton Bobbin“ ist ein schonungsloser Einblick ins Leben und Denken der scheinbar besseren Gesellschaft. Show and shine inmitten der landschaftlichen Idylle der Cotswolds. Menschliche Perfidität und rücksichtsloses Handeln sind der Treibstoff, der Mitfords zweiten Roman im rasanten Tempo von einer gefährlichen Kreuzung zur nächsten treibt. Da kommt man schon mal ins Schlingern und holt sich die eine oder andere Beule. Es ist halt Weihnachten. Vorsicht, Glatteisgefahr!

Leo Daly & James Joyce – Eine literarische Irlandreise

Überall auf der Welt gibt es Orte, die etwas Magisches in sich tragen. Schnell hat man dann den Begriff „Lieblingsort“ zur Hand. Immer wieder zieht es einen an diesen Ort. Es sind Häuserschluchten, weite Ausblicke, architektonische Blitzlichter oder im besten Fall Menschen, die eine Sehnsucht kreieren, die einen selbst fest im Klammergriff halten. Doch irgendwann hat man alles mindestens einmal gesehen. Bei den meisten verschwimmt der „Lieblingsort“ hinter dem Vorhang der Sättigung. Und dann?

Chris Inken Soppa zieht diesen Vorhang weit zurück und wandert durch Dublin. Im Handgepäck James Joyce und Leo Daly, an ihrer Hand Ralf Staiger. Der ist Illustrator und die beiden Erstgenannten literarische Ikone Irlands und einer seiner größten Fans.

In Erinnerungshappen schlendert Chris Inken Soppa durch Dublin, das sie kannte und kennt. Sie erkennt die Veränderungen. Leo Daly schlenderte auch durch Dublin, auf den Spuren seines Vorbildes James Joyce. Er forschte zu dem irischen Überliteraten. Und James Joyce selbst? Er war Dublin. Wo heute die Billigflieger-Globetrotter den Euro dreimal umdrehen, um typisch irisches Flair zu erleben – oder zumindest das, was ihnen suggeriert wird – war einmal wirklich irisches Flair, das nicht durch einen Algorithmus kreiert wurde. Tief traurig, überbordend lebensfroh. Hart und liebevoll zugleich. Rustikal verspielt. Musikalisch weltoffen.

Zwei Neugierige auf den Spuren eines Mannes, der auf den Spuren einer Legende Dublin immer wieder neu entdeckte. In Dublin gibt es unzählige Guides, die Wissbegierige und solche, die sich dafür halten, auf den Spuren von Leopold Bloom, James Joyce’ legendärem Wanderer durch die Stadt, an Orte führen, die man leicht selbst herausfinden kann, wenn man intensiv liest.

Chris Inken Soppa und Ralf Staiger entdecken Dublin für sich immer wieder neu. Ihre sehr persönlichen Eindrücke sind aber nicht nur Tagebucheinträge, die man zukünftig als Erinnerungsstütze gebraucht. Nein, selbst wer Dublin kennt, wird hier Neues entdecken. Joyce-Jünger werden mit Kopfnicken einer erneuten Stippvisite dieser entgegenfiebern. Und wer bisher zögerte Dublin auf Joyce’ Spuren zu erkunden, bekommt hier den entscheidenden Kick. Irland, Dublin, Joyce und Daly – von nun an eine vierfältige Symbiose, die fest im Reiseplan steht.

Der Stich der Biene

Wenn der Schein das Sein übertrumpft, ist der Niedergang vorprogrammiert. So einleuchtend dieser Sinnsatz erscheinen (haha) mag, so gehaltvoll ist er im Nachhinein. Wenn man Barnes heißt, in einer irischen Kleinstadt wohnt, trifft es den Kern der Familiengeschichte ziemlich genau.

Dickie Barnes verkauft Autos. Er ist fast der einzige weit und breit, der das tut. Und trotzdem geht das übernommene Geschäft den Bach runter. Seiner Frau Imelda ist das Grund genug ihm endgültig die Liebe zu entziehen. Sie ist die Kleinstadtschönheit, die es genießt eben diese Rolle auszufüllen. Hier, wo man im Coffeeshop erstmal die aktuelle Familiensituation erläutern muss bevor man die dünne aufgebrühte Aromabombe zu sich nehmen kann, wo jeder jeden kennt, wo jeder, der nicht hierher gehört misstrauisch beäugt wird, ist das ein gefundenes Fressen für die Lästermäuler.

Am meisten leidet Cass unter dieser Situation. Sie ist achtzehn. Macht bald ihren Schulabschluss, was für sie kein Problem darstellt. Sie gehört zu den Klassenbesten. Ihre beste Freundin Elaine jedoch wendet sich urplötzlich von ihr ab. Das einstige verschworene Duett geht mit einem Mal getrennte Wege. Die Vertrautheit, die freundschaftliche Enge sind passé.

Der zwölfjährige PJ bekommt natürlich auch mit, dass der Haussegen schief hängt. Freunde machen komische Bemerkungen, das Getuschel in den Straßen beliebt auch ihm nicht verborgen. Wenn er doch nur älter wäre – dann würde er lieber gestern als heute abhauen. Pläne und Ideen hat er zuhauf.

Cass hat auch einen Plan dem Stumpfsinn, der bedrückenden Einöde zu entkommen. Bis zum Schulabschluss will sie dem Tageslicht die Farbenvielfalt des Rausches entgegensetzen. Nicht umsonst ist Irland für seine Destilliertradition bekannt.

Jeder hat einen Plan. Einen Plan, um dem Moment eine Mauer der Gleichgültigkeit in den Weg zu bauen. Doch warum das alles? Was ist denn nun eigentlich geschehen? Je länger man in den siebenhundert Seiten (!) liest, desto mehr fragt man sich, warum es diese bisher erfolgreiche Familie nicht schafft sich der Ursache des Schlamassels zu stellen. Das kann doch nicht alles angefangen haben als Imelda am schönsten Tag ihres Lebens von einer Biene gestochen wurde?! Auch der Unfall ein Jahr vor Cass’ Geburt kann nicht die Wurzel allen Übels sein. Und als Dickie schmerzhaft lernen musste was es heißt ein Mann zu sein, kann das allein nicht der Grund dafür sein.

Unterdessen entdeckt Imelda ihre Liebe zu Big Mike wieder. Der ist Elaines Vater und hatte schon immer ein Auge auf die Kleinstadtschönheit Imelda geworfen. So beschaulich das Kleinstadtleben bisher war – so bedrohlich ziehen dunkle Wolken am Horizont auf.

Paul Murray zeichnet ein graues Bild von der grünen Insel. Die Idylle der in sich geschlossenen Gesellschaft in der Kleinstadt, in der man auf den ersten Blick nichts zu vermissen scheint, ist trügerisch. Ein Jeder träumt vom Ausbruch aus der vorgeplanten Zukunft. Die, die bisher immer hier geblieben sind, haben ihre Träume auf dem Friedhof begraben und sich dem Schicksal ergeben. Die Barnes sind anders. Und doch mittellos, um sich selbst aus dem Sumpf der Verzweiflung zu ziehen. Paul Murray setzt dieser Trostlosigkeit jedoch etwas Besonders entgegen. Mit Wortwitz und Entschlossenheit gibt er den Barnes ein Werkzeug in die Hand, das jeden Widerstand aufzubrechen vermag: Humor.

Wer meint, dass man unbedingt einmal im Leben ein dickes Buch – siebenhundert Seiten – gelesen haben muss, der sollte dieses Buch als mehr als nur eine Option erachten.

Wenn Ewigkeit vergänglich wird

Im Urlaub suchen viel Ruhe und Erholung. Andere suchen die Action, um mit erhöhtem Adrenalinspiegel die Sorgen hinwegzuspülen. So ein erhöhter Adrenalinspiegel wäre auf einem Friedhof durchaus unangebracht. Hier flaniert man. Schaut links und rechts. Atmet tief ein. Lauscht der Stille. Und fürs Auge ist auch meist was dabei. Zum Beispiel wenn man die Gartenfriedhöfe Londons erkundet. Was scheinbar verklärt – „Wenn die Ewigkeit vergänglich wird“ – daherkommt, ist ein Juwel unter den Büchern zu diesem Thema.

Die Fülle an Abbildungen – das reicht von historischen bis aktuellen Fotos über Zeitungsausschnitte bis hin zu Skizzen – bricht wie eine gigantische Welle über den Betrachter herein. Die Autorin Georgia Rauer lässt zwar keine Toten wieder auferstehen, gibt aber den Weg frei, um diese architektonischen Stätten der Ewigen Ruhe wirken zu lassen.

London wuchs vor zweihundert Jahren wie kaum eine andere Stadt. In der Stadt fanden unzählige Menschen Arbeit. Schufteten sich die Buckel krumm … und ja, sie starben auch. Ganz natürlich oder manchmal auch unfreiwillig. Doch wohin mit den leblosen Körpern? Windige Geschäftemacher ließen die Leichen mehr oder weniger verrotten, was oft zu einem bestialischen Gestank führte – Enon Chapel brachte es zu einem zweifelhaften Ruf. Später entstand hier ein Tanztempel, der mit den Worten „Tanz auf den Toten“ warb.

Das viktorianische Zeitalter – und in dieser Zeit entstanden die sieben Gartenfriedhöfe Londons war auch geprägt durch die Trauer der Queen, die nach dem Tod ihres Alberts kategorisch schwarzgekleidet auftrat. Als Stilikone ihrer Zeit, und das war sie nun mal, ob sie es wollte oder nicht, prägte sie auch die Bestattungskultur.

Wer heutzutage diese Friedhöfe besucht, kann sich stundenlang auf ihnen bewegen. Botanisches Meisterwerke auf verwunschenen Pfaden, kleine architektonische Perlen, Ruheoasen. So kennt man London nun wirklich nicht. Dieses Buch ist das gelungene Rüstzeug für diejenigen, die London wirklich einmal anders erleben wollen. Abseits von Trubel, Shopping-Overkill und maßlos überteuerten Restaurantbesuchen. Hier herrschen andere Regeln. Bedächtig setzt man einen Schritt vor den anderen und liest ein wenig in diesem Buch. Von der extrem hohen Kindersterblichkeit, von der Verzweiflung der Menschen, aber auch von seelischem Frieden und erhabener Gediegenheit. Spaziergänge über die viktorianischen Gartenfriedhöfe gehören zu den eindrucksvollsten Erinnerungen in einer der eindrucksvollsten Städte der Welt.