Kategoriearchiv: Literally Britain

Mordsferien

Schon mal in Rathole gewesen? Das liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Ein idyllisches Städtchen, das sich dieses Attribut wahrlich verdient hat. Hier hat auch Joyce vor einigen Jahren Urlaub gemacht. Doch mit Idylle haben ihre Erinnerungen so rein gar nichts zu tun. Sie wollte malen. Die Landschaft in ihren Bildern einfangen. Eine Landschaft, die vor fünfhundert Jahren von den Spaniern mit Kanonen malträtiert wurde. Der Legende nach sind ab und an sogar noch ein paar Bluttropfen auf den Pflastersteinen sichtbar. Allerdings nur, wenn sich innerhalb der folgenden 24 Stunden ein Mord ereignet. Legende!

Joyce beobachtet ein Pärchen. Der Mann begegnet zufällig einer alten Freundin, er stellt sie seiner Frau vor. Im Handumdrehen verabreden sich die Drei zu einem Ausflug an den Strand. Das Paar fährt mit dem Auto, die Frau will lieber zu Fuß gehen. Der Tag vergeht, das Pärchen ist zurück, die Frau hängt die nassen Badesachen zum Trocknen auf den Balkon. Nur Carol, die alleinreisende Frau, ist nicht mehr da. Joyce erinnert sich, dass sie scheinbar ganz automatisch, ohne es zu bemerken, Bluttropfen ihrem Bild, das sie gerade zeichnete als das Paar die Carol traf, hinzufügte. Der Legende nach muss also nun – binnen 24 Stunden – ein Mord geschehen.

Im darauffolgenden Jahr reist Joyce wieder nach Rathole. Und wieder: ein Paar, sieht dem aus dem Vorjahr verdammt ähnlich und … wieder eine Carol. Anderer Name, aber gleicher Typ etc. Agatha Christie ist diese Geschichte, die gern auch ins reich der Mysterien verbannt werden könnte, eingefallen. Urlaub mit Agatha Christie – das endet für mindestens Einen immer mit dem … Ende. Nur wer ganz genau aufpasst, weiß wie die Bluttropfen aufs Pflaster kamen.

Das ist nur eine Geschichte aus diesem grandiosen Krimi-Urlaubsbuch. Dorothy L. Sayers’ Figuren versuchen das Rätsel vom Mann ohne Gesicht zu lösen. Arthur Conan Doyle lässt im Tal von Boscmobe einen geheimnisvollen Mord geschehen. Und mit Gilbert Keith (G.K.) Chesterton reist man ins Paradies der Diebe. Es gibt viele Krimisammlungen, die man mit in den Urlaub nimmt. Leichte Kost für leichte Tage. Kann man machen. Aber warum nicht mal die Creme de la Creme des Krimigenres in einem Buch abwechselnd das Blut des Lesers in Wallung bringen?! „Mordsferien“ ist der Garant für Gänsehaut, die bis zum Beginn der nächsten Geschichte anhält. Und wenn das Buch ausgelesen ist, ist im besten Fall auch der Urlaub zu Ende.

Wer an den schönsten Tages des Jahres nicht auf Spannung und angespannte Nerven, auf Gänsehaut und Kribbeln verzichten kann, der wird „Mordsferien“ jedem noch so romantischen Sonnenuntergang vorziehen. Da heißt es schneller lesen, denn auch Sonnenuntergänge können spannend sein…

Die letzte Fahrt des Admirals

Ist man ein echter Krimifan, hat man im Laufe der Zeit ein Gespür für Gutes und Schlechtes entwickelt. Und sich ein Bibliothek mit Büchern seiner Lieblingsautoren aufgebaut. Für einen Autor bedeutet solche treue Leserschaft garantierten Erfolg. Zumindest eine bestimmte Zeit. Denn immer nur routiniert ers(p)onnene Geschichten fallen dann irgendwann mal auf und später durchs Raster. Stilistische Raffinessen sind das Salz in der kriminellen Suppe des Autors. Gesättigte und zufriedene Leser am Tisch applaudieren heftig. So sieht das ideale Leben eines Krimiautors aus.

Dieses Buch – „Die letzte Fahrt des Admirals“ – ist dann sozusagen das letzte Abendmahl. Denn besser geht es nicht – auf dem Papier. Und das ist wortwörtlich zu nehmen!

Es begab sich vor fast einhundert Jahren, dass sich die Granden des Krimigenres – from England, of course – in geselliger Runde zum Diskurs trafen. Man prahlte mit neuen Geschichten (was natürlich, of course, niemand zugeben würde) und bat um Hilfe, wenn einem Abläufe, technische Gerätschaften, logische Fehler das Schreiben ordentlich verhagelten. Man nannte sich „Detection Club“. Ein Verein, wie man ihn als Erste in Deutschland verorten würde. Doch es war, ist und bleibt ein englischer Verein. Und irgendwann kam das, was kommen musste: Ein gemeinsamer Roman. Ein Krimi – was sonst? Eine Liebesgeschichte, Fantasy, Science fiction? Oh no, my dear, never!

Klare Regeln wurden aufgestellt. Jeder der Autoren – zwölf an der Zahl plus G.K. Chesterton als Prologschreiber – schreibt ein Kapitel. Keiner muss sich an die Vorgaben des Vorschreibers halten und darf keine plötzlichen Wendungen einbauen. Ebenso ist es verboten technische Hilfsmittel (No science fiction, please!) zu erwähnen. Die Ermittler müssen allein mit der Kraft der kleinen grauen Zellen den Fall lösen. Und jedes Kapitel muss zur Lösung eindeutig beitragen. Wie bekommt man also dieses fantastische Dutzend unter einen Hut, ohne dass sie sich dabei an die Gurgel gehen? Das wäre ja was. Ein Dutzend Krimiautoren will zusammen einen Krimi schreiben und zum Schluss ist nur noch Einer übrig. Too much Agatha Christie! So viel sei schon verraten: Es funktioniert. Und zwar auf höchstem Niveau. Die Lösungsansätze der einzelnen werden im Anschluss na die Geschichte aufgelistet. Wer also zu gern schon vor der ersten Seite am Ende des Buches schmult, den soll der Blitz treffen! Aber so richtig schlau wird er eh nicht werden. Es sind eben doch echte Profis am Werk, die die letzte Fahrt des Admirals bis ins kleinste Detail darauf ausrichten, dass es nicht doch noch eine allerletzte Fahrt geben wird…

Es gab schon einmal Zwölf, die sich um Einen scharten – ging nicht gut aus, für den Einen. Der Detection Club hat als Backup vorsorglich einen Dreizehnten eingeladen, um den Rahmen für den Mord – so viel kann man durchaus schon verraten, oder war es gar kein Mord? – vorzugeben. Im Fahrwasser dieses Prologes entwickelt sich eine Geschichte, die den Leser auf eine durchwachsene Reise schickt. Stilwechsel, Faktenüberfluss, Verknüpfungen, wo man keine erwartet. Ein echter Krimifan erkennt schon nach wenigen Zeilen, wer hier geistiger Vater oder geistige Mutter des jeweiligen Kapitels ist. Wer sich voll und ganz diesem Krimi hingibt, wird mit teuflischer Präzision ins Genre Krimi gestoßen und wird nie wieder etwas anderes lesen wollen.

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.

Miss Betony in Gefahr

Das ist doch nett: Eine ehemalige Schülerin bittet ihre ehemalige Lehrerin bei ihr – im Internat – zu wohnen und ihren Lebensabend anständig und wie es sich gehört zu genießen. Oberflächlich eine wirklich noble Geste. Doch wie so oft im Leben, hat alles einen Haken.

Emma Betony ist eine ehemalige Hauslehrerin Emma Betony, die sich sehr darum bemühte ihren Ruhestand in einer Seniorenresidenz genießen zu können. Das „Aufnahmeritual“ gestaltet sich schwierig, da ihre Herkunft nicht ganz dem Standard entspricht, den sich das Haus wünscht. England und Standesdünkel – eine ganz eigene Welt…

Die Einladende ist Grace Aram, mittlerweile selbst Leiterin eines Internats, in dem auch ein Pflegeheim untergebracht ist. Für Miss Betony – Emma – verlockend, aber auch nicht besonders erstrebenswert zugleich. Denn Kinder waren für sie nie (wirklich nie!) erstrebenswerte Wesen, die sie gern um sich hatte. Sie zu formen, war okay. Aber sie stets um sich herum zu haben – no, thanks. Und außerdem hat Emma nun doch die Zusage für Toplady bekommen, der Seniorenresidenz, für die sie sich beworben hat. Doch Grace`Angebot ist dann doch verlockender. Schließlich ist sie die einzige ehemalige Schülerin der Gouvernante, mit der sie noch regelmäßig in Kontakt steht. Man konnte es schon fast Freundschaft nennen.

Grace hat einen konkreten Anlass Emma zu bitten zu ihr zu kommen. In dem Pflegeheim, das unterm gleichen Dach wie ihr Internat ist, wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – ein perfides Spiel getrieben. Eine Bewohnerin wird sukzessive … vergiftet. Ja, so ist das in englischen Pflegeheimen! Emma hat nun die Wahl: Entweder so den Lebensabend beschließen wie geplant oder doch der vermeintlichen Freundin zur Seite stehen und ein bisschen Nervenkitzel zu erleben. Emma entscheidet sich für Letztes.

In dem Internat, das Grace leitet, ist alles seltsam. Nettigkeiten weichen Ränkelspielen, Lehrkörper und Schüler sind im ständigen Wettkampf. Emma, Miss Betony, muss sich erstmal eingewöhnen. Dabei hilft ihr ihre über Jahrzehnte gepflegte Distanz. Erst als der mysteriöse Ambrosio auf der Bühne der Unannehmlichkeiten erscheint, verliert Emmy Betony ihre Distanziertheit. Doch da ist es schon fast zu spät, und schon ist „Miss Betony in Gefahr“.

Dorothy Bowers gehört zu erweiterten Kreis englischer Ladies, die mit ihren Krimis die Welt eroberten. Während Dorothy L. Sayers und Agatha Christie nie auch nur eine Silbe ihres Ruhmes verloren gaben, wird Dorothy Bowers immer wieder neu entdeckt. Dieses Buch wird jetzt, 2026, zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, 85 Jahre NACH Erscheinen. Gift, Intrigen, destinguished people – alles, was das british-crime-heart begehrt wird hier vollends bedient, ohne dabei auch nur ansatzweise im Klischee-Morast zu versinken.

Götter und Tiere

Wenn jemand im strömenden Regen auf der Bordsteinkante sitzt, muss ihm etwas widerfahren sein, das ihn das Drumherum derart egal erscheinen und Anderen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Glasgow im Regen ist wahrlich kein Platz zum Ausruhen. Martin heißt der Mann, im Arm – genauer gesagt an seine Brust geklammert – ein kleiner Junge. Regungslos lassen ihn seine spärlichen Kräfte an Martin festhalten. Mehr Halt gibt es für ihn in diesem Moment nicht. Und Martin sinniert über das, was soeben passiert ist.

Ein Raubüberfall. In der Postfiliale. AK 47. Der Großvater des Jungen erhebt sich mit einem Mal und … steht nicht minder überraschend auf einmal auf der Seite … ja, auf welcher Seite eigentlich? Der, der AK 47? Des Räubers mit der weltbekannten Knarre? Es bekommt ihm nicht. Der Opa ist tot. Der kleine Junge sitzt wenig vor dem Regen beschützt auf dem Bordstein, klammert sich an Martin. So düster die Szenerie, so undurchsichtig das, was vor wenigen Minuten passiert ist.

Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner Detective Constable Harris stehen vor einem Haufen voller Scherben, in denen so manches fehlgeleitete Licht Ecken Glasgows erleuchtet, die vor Düsternis nur so strotzen.

Denise Mina zeigt die dunkle Fratze Glasgows in ihrer perfidesten Form. Politiker, die sich an keinerlei Spielregeln halten. Gangster, die sich von Berufs wegen nicht an Regeln halten (können, wollen, sollen, dürfen). Und zwischendrin die Polizisten, die tagein, tagaus ihren Kopf hinhalten, damit das alles auch schön so bleibt.

DS Morrow und DC Harris kennen diese Spielchen. Sie kennen auch so manchen Hitzkopf und machen sich dessen Wissen zunutze. Genug, um voranzukommen, nicht  zu viel, um sich abhängig zu machen. Es ist ein steter Kampf um Loyalität und Erfolg.

„Götter und Tiere“ reißt den Leser aus dem Anfangseinlesen mit expliziten Beschreibungen wie hart das Leben ist, kennt man keine Regeln. Denise Mina schafft trotzdem eine angenehme, fast schon wohlige Atmosphäre, in der man sich sicher fühlt. Mitgefühl und knallharte Faktenlage verwebt sie derart gekonnt, dass man gar nicht merkt wie tief man selbst im Dickicht der Fälle gefangen ist. So muss ein Krimi sein!

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Der Schneeball

Es ist wie im Märchen. Ein zauberhafter Ball soll es sein. Anne und Anne, die sich um Verwechslungen zu vermeiden zu gern als Anna (Anna K.) zu erkennen gibt, beobachten das Treiben in diesem weitläufigen Palast. Es ist der Jahreswechsel, irgendwann, irgendwo in London. Es rauscht auf dem Ball. An den Wänden, die Kleider  der gut betuchten (und teils betagten) Damen, im Gebälk – ach was, ein rauschendes Fest ist es in jeder Hinsicht. Anne und Anna lästern. Die beobachten gaaaaanz genau wer mit wem was wann und vor allem wie macht, wer tuschelt, wer tanzt mit wem.

Auch der gerade alt genug für den Ball zu seienden Ruth fällt dieser Ball wie ein Schneekristall ins Auge. Sie ist ganz aufgeregt. Dass ihre Eltern dabei sind, schert sie wenig. Sie ist die Chronistin – wenn auch nicht in offizieller Funktion, denn das wäre fatal, da sie sonst einiges verpassen würde. Ruth schreibt brav Tagebuch. Ein Partycrasher eigentlich. Denn wer will im wildesten Partytreiben schon jemanden sehen wie er etwas in ein Tagebuch notiert – Instagram vor ewigen Zeiten, sozusagen.

Der Schnee fällt. Alle freuen sich wie kleine Kinder darüber. Es werden Küsse ausgetauscht. Manche hinter Masken. Nicht jeder weiß von er oder sie gerade geküsst wurde. Anna K. auch nicht. Don Giovanni war es. Mehr weiß sie nicht. Dieses Mal ist es ein Er, der die Party überstürzt verlässt. Allerdings mit beiden Schuhen an den Füßen. Nichts mit Aschenputtel reloaded.

Wie aufgeladen wird auch Ruth die Party, den Ball verlassen. Zwischenzeitlich musste sie ihr Tagebuch beiseitelegen. Im Bentley von Papa war die Premierenstimmung einfach zu aufregend, um mit Stift und Feder weiter zu hantieren…

Teeangerkomödie, noblesse oblige, Screwball comedy, Drama und ein Hauch Märchen – Brigid Brophy lädt zum Ball, der für jeden etwas parat hält. Als „plus 1“ darf man bei den Gemeinheiten zeuge sein, bei so mancher Zickerei Pate stehen oder einfach nur vergnügter Zuschauer sein. Und das alles in einem Meer aus Worten, die einzeln betrachtet keine Alternative erlauben. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Buchstabe am richtigen Ort. Schnell, manchmal viel zu schnell wühlt man sich durch die Betrachtungen von Menschen, die hier ihr eigenes Süppchen kochen. Und dennoch amüsiert man sich hier prächtig, wenn man von einer scheinbar harmlosen Beobachtung sehenden Auges auf etwas zuschlittert, das auch gern als Katastrophe kleineren Ausmaßes betrachtet werden kann. Der Begriff Schneeballeffekt bekommt hier eine ganz andere Bedeutung.

Shakespeare – Der Mann, der die Rechnung zahlt

Eine Frau wie Judi Dench zu interviewen, ist sicher kein leichtes Unterfangen. Nicht, weil sie als Zicke oder Diva verschrien ist … nein … ganz im Gegenteil. Man muss sich höllisch in Acht nehmen nicht einem ihrer Witze, Streiche, Schelmereien auf den Leim zu gehen. Bei aller Strenge in ihren Rollen – allen voran sicherlich die als M in den James-Bond-Filmen mit Daniel Craig – so blitzt parallel dazu auch immer ein Augenlächeln hervor. Ist das das Geheimnis ihres Erfolges?

William Shakespeare war und ist der treue Begleiter im Leben von Dame Judi Dench. Bei der Royal Shakespeare Company spielte sie so ziemlich jede Rolle des Dichtergottes. Seit Jahrzehnten steht sie auf der Bühne. Und seit Jahrzehnten ist er – Shakespeare – der Mann, der die Miete zahlt. Schon allein darin erkennt man den ungeheuren Witz, den Judi Dench pflegt. Aus der Pflicht heraus wurde Liebe? Nein, aus der Liebe zu Shakespeare wurde eine angenehme Pflicht, die anderen Pflichten erfüllte (die Miete zu zahlen) und daraus erstarkte die grundlegende Liebe zu Shakespeare. Eine Kreislauf, eine Win-Win-Situation – alles in einem.

Ihr Schauspielkollege Brendan O’Hea hat sich über mehrere Jahre immer wieder mit Judi Dench über ihre Arbeit und vor allem über Shakespeare unterhalten. Es waren anfangs Plaudereien über ihren gemeinsamen „Freund Shakespeare“. Schnell wurde daraus eine Obsession, Später wurden es regelmäßige Interviews. Bis der Gedanke daraus ein Buch zu machen gestalt annahm.

Und was für ein Buch! Shakespeare-Bio, Dench-Lobhudelei im besten Sinne, Ehrerbietung für Autor und Darsteller – das große Rundum-Sorglos-Paket für alle, die Shakespeare kennen, ihnen kennenlernen wollen und für all diejenigen, die der kleinen Frau mit der burschikosen Friseur schon immer zugetan waren.

Jedes Kapitel widmen die beiden einem Stück von William Shakespeare. Denchs phänomenales Gedächtnis überragt das ganze Buch. Sie ist in der Lage sich sofort zu erinnern, Schwierigkeiten exakt und wahrheitsgetreu wiedergeben zu können und den Leser auf eine Reise mitzunehmen, die bitteschön niemals enden sollte. Ihr Erinnerungsvermögen an Kollegen wie Vanessa Redgrave, die mit ihr zur gleichen Zeit die gleiche Schauspielschule besuchte, sind ebenso präsent wie Querelen bei der Besetzung des Regisseurs oder Reisen nach Westafrika.

Wer Shakespeare bisher nur dem Namen nach kannte, wird im Handumdrehen zum Fan. Dench schafft es Begeisterung hervorzurufen, die man nie erwartet hätte. Für immer und alle Zeit wird Shakespeare nun mit dem Namen Judi Dench verbunden sein. Das soll ihr erstmal jemand nachmachen!

Die Oxford-Tragödie

Da sitzen sie nun, alles schlaue Köpfe und reden sich den College-Frust, der sie umgibt von der Seele. Ein Dutzend Professoren und eine Anwalt und Hobby-Detektiv aus Wien, Ernst Brendel. Der Erzähler der Geschichte ist Francis Wheatley Winn, Vizepräsident und Seniortutor am St.-Thomas-College in Oxford. Die Rauchschwaden wabern durch die Luft, so mnach einer genießt den Likör, ein Dessert oder einen Kaffee. Winn hat sich mittlerweile eine diebische Freude an diesen Tagesausklängen angewöhnt. Doch heute ist alles anders. Hargreaves, der Dekan stürzt ins Zimmer. Shirley ist tot. Erschossen. In Hargreaves’ Zimmer. Es ist nur ein kleines Loch an der rechten Schläfe. Doch ausreichend, um ihn ins Jenseits zu befördern. Aus kurzer Entfernung.

Und schon stehen die Polizisten auf der Matte. Auch Scotland Yard. Doch so recht wollen die Ermittlungen nicht in Gang kommen. Brendel und Winn sind anscheinend die Einzigen, die für diesen Fall brennen. Zumal Brendel schon erwähnt hat, dass ihn echte Verbrechen brennend interessieren.

Ein Krimi am College – am besten noch im ehrwürdigen Oxford – alles schon mal gehört, gelesen. Doch hier liegt der Fall anders. Denn hier, in diesem Fall, in „Die Oxford-Tragödie“ nahm alles seinen Lauf…

Brendel und Winn sind kein eingespieltes Team, das sich die blindlings zuschießt und die Sätze des Anderen beendet. Hier ermittelt ein Duo, das sich nur zu einem Zweck zusammengetan hat: Den Mord an einem Kollegen aufzuklären. Shirley war ein Wissenschaftler, der sich gern in sein Labor zurückzog. An diesem Abend wollte er mit dem Dekan den Bibliotheksplan noch einmal besprechen. Langweiliger geht’s wohl kaum, möchte man meinen. Doch Langeweile ist in diesem Krimi nicht zu entdecken.

Vielmehr sind die verschlungenen Hallen der nicht minder ehrwürdigen Gebäude ein Synonym für die verschlungenen Gedanken und Machenschaften hinter den dicken Mauern. Und gemauert wird weiterhin. Kein Wunder, dass Scotland Yard hier nicht weiterkommen kann. Nur wer sich hier bestens auskennt, findet den rechten Pfad. Und genau dafür braucht man auch Hilfe, am besten von außerhalb. Ergo sind Winn und Brendel das ideale Paar, um derart schwierige Fälle zu lösen.

Fast neunzig Jahre ist es her, dass der Roman veröffentlicht wurde. Nun auch auf Deutsch. Eine zu lange Wartezeit, das steht fest, sobald man sich in ihn vertieft hat. Was nur ein paar Seiten braucht. Wortspitzen, ausgeklügelte Denkschemata und eine wohlwollende Liebe zu den Akteuren machen „Die Oxford-Tragödie“ zu einem Fest!