Archiv der Kategorie: Literally Britain

Die Frau im Zug

Geschichten, die im Zug spielen, haben in Deutschland immer einen gewissen Beigeschmack. Es ist Volkssport sich über die Bahnunternehmen aufzuregen. Meist zurecht. Aber auch immer mit einem gewissen Spott im Hintergrund. In diesem Buch ist es aber gaaaaanz anders. Ja, die Geschichte ist vielen bekannt. „Eine Dame verschwindet“ von Alfred Hitchcock hat seit Jahrzehnten die Massen begeistert. Das hier, dieses Buch, ist die Grundlage des Films.

Iris Carr ist eine zarte junge Dame. Sie gehört zu einer Clique von Menschen, die sie akzeptieren, sie allerdings auch nicht sonderlich ernst nehmen. Iris übernimmt gern die Meinung anderer, ohne dabei lustlos oder uninteressiert zu sein. Sie hat Haltung, doch kehrt sie sie nicht effektvoll heraus. Die Horde, wie sie ihren Freundeskreis nennt – allesamt Engländer aus mehr oder weniger gutem Haus, jedoch mit genug Pfund in der Tasche – macht Urlaub in Italien. Ausgelassene Stimmung bis Olga Iris bezichtigt ihr den Mann streitig zu machen. Wohl mehr Geplänkel als ernstgemeinter verdacht. Iris gehört eben doch nicht richtig zur Horde dazu… Die Horde zieht weiter, Iris genießt noch ein wenig die Sommerfrische. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nannte man das noch so.

Triest soll ihr nächstes Ziel sein. Im Zug macht sie die Bekanntschaft einer Dame. Ebenfalls Engländerin – die beiden verstehen sich nicht nur wegen der nicht vorhandenen Sprachbarriere blendend. Die Aufregung der vergangenen Tage und überhaupt … lassen Iris in ein Nickerchen versinken. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nach dem Aufwachen die nette Dame nicht verschwunden wäre. Iris sucht sie, findet ihre ehemalige Arbeitgeberin. Und jetzt kommt der Hammer! Auch die weiß nichts von der netten Dame, mit der sich Iris so angeregt unterhalten hatte. Niemand hat die Frau im Zug gesehen. Iris zweifelt an ihrem Verstand. Sie hat doch … stundenlang … angeregt … sie ist doch nicht … verrückt. Was’n hier los?!

Ethel Lina White beschreibt die Metamorphose einer sorglosen jungen Frau zu einer unerbitterlichen Suchenden mit viel Empathie und Wortwitz, dem man sich nicht entziehen kann. Für diejenigen, die den Film kennen – und das dürften nicht wenige sein – ergibt sich die Spannung aus der Neugier inwieweit Film und Buch auseinanderliegen. Wer den Film noch nicht kennt, und als Neuling ins …-Genre gilt, der wird hier gleich mit einem Meisterwerk konfrontiert. Hier wird Spannung aufgebaut, ohne groß Ankündigungsfahnen zu schwenken. Alles passiert als ob es das Natürlichste von der Welt sei. Und das ist die große Kunst die Ethel Lina White mit Bravour beherrscht.

Whisky, Lords und Dudelsack

Wir schreiben das Jahr 1960. Frühjahr. Der Journalist Gregor von Rezzori bereist Schottland. Im Sommer / Herbst des gleichen Jahres wird er seine Eindrücke in fünf Radioreportagen den Hörern seines Senders (Norddeutscher Rundfunk) kurz vor dem Mittagessen näher bringen. Jeweils eine Dreiviertelstunde! Kurzer Abstecher in die Gegenwart: Man stelle sich vor, dass einer der unzähligen Podcaster eine Dreiviertelstunde lang über seine Reiseerlebnisse erzählt. „Wow, echt krasse Berge hier!“ . mehr würde doch bei den meisten nicht rauskommen.

Vor 66 Jahren konnte man davon ausgehen, dass man – Radio war, ist und bleibt Kino im Kopf – bleibende Eindrücke zurückblieben. Schottland war schon damals ganz gut besucht. Engländer, Amerikaner, Kanadier kamen, um ihre Wurzeln zu suchen. So mancher suchte anhand eines Tartanmusters vielleicht sogar seinen Clan. Den Zahn kann von Rezzori den meisten gleich ziehen. Denn die urtypischen Schottenkaros sind gar nicht so alt wie man landläufig vermutet. Sie kamen erst im victorianischen Zeitalter auf. Das ist ’ne Sensation! Und für viele eine herbe Ernüchterung.

Zusammen mit Jürgen Schüddekopf war er wochenlang in Schottland unterwegs. In einem Jaguar Mark IX. Komfortabel reisen war unerlässlich, um einem – damals schon – Sehnsuchtsland auf die Pelle zu rücken. Es blieb nicht dabei. Beide tauchten tief in die Geschichte des Landes ein. Auch dem Nationalinstrument, dem Dudelsack, entlockten die Töne, die für viele neu waren. Wie niederschmetternd muss es für viele Stammtischexperten gewesen sein zu hören, dass der Dudelsack wahrlich keine Erfindung der Schotten ist. Aber wenigstens der Whisky – der muss doch schottisch sein?! Isser. Das beruhigt das geschundene Herz.

In den Archiven des Radiosenders schlummerten seit Jahrzehnten die Manuskripte der Sendung. Ebenso die Sendebänder. Nun wurden sie herausgekramt und in diesem einzigartigen Buch veröffentlicht. Radio zum Nachlesen. Und mit Bildern! Das spart zwar nicht das Mitdenken beim Lesen, vermittelt aber ein abschließendes Bild dieser Reise, die man so nie wieder machen kann. Heute ist Schottland in der Hauptsaison übersät von Individualtouristen, die entgegen ihrer Natur alles plattwalzen, was ihnen vor die Wanderschuhe kommt. Andere ergießen sich Wunderworte, wenn sie echten schottischen Whisky probieren (und wieder ausspucken, weil man das halt so macht…). Pubfolklore inklusive.

In der Reihe „Europa erlesen“ nimmt dieses Buch nicht wegen des Formates einen besonderen Platz ein. Es ist der Mut ein Buch auf den Markt zu bringen, das aufgrund seiner nicht vorhandenen Aktualität einen ganz speziellen Leserkreis anspricht. Wer Schottland außerhalb von „nur“ grünen Wiesen und „nur“ alten Schlössern besuchen will, der braucht Einblicke in die Zeit als Sehnsüchte noch Jahre brauchten bis sie sich in Wirklichkeit verwandeln konnten.

Miss Betony in Gefahr

Das ist doch nett: Eine ehemalige Schülerin bittet ihre ehemalige Lehrerin bei ihr – im Internat – zu wohnen und ihren Lebensabend anständig und wie es sich gehört zu genießen. Oberflächlich eine wirklich noble Geste. Doch wie so oft im Leben, hat alles einen Haken.

Emma Betony ist eine ehemalige Hauslehrerin Emma Betony, die sich sehr darum bemühte ihren Ruhestand in einer Seniorenresidenz genießen zu können. Das „Aufnahmeritual“ gestaltet sich schwierig, da ihre Herkunft nicht ganz dem Standard entspricht, den sich das Haus wünscht. England und Standesdünkel – eine ganz eigene Welt…

Die Einladende ist Grace Aram, mittlerweile selbst Leiterin eines Internats, in dem auch ein Pflegeheim untergebracht ist. Für Miss Betony – Emma – verlockend, aber auch nicht besonders erstrebenswert zugleich. Denn Kinder waren für sie nie (wirklich nie!) erstrebenswerte Wesen, die sie gern um sich hatte. Sie zu formen, war okay. Aber sie stets um sich herum zu haben – no, thanks. Und außerdem hat Emma nun doch die Zusage für Toplady bekommen, der Seniorenresidenz, für die sie sich beworben hat. Doch Grace`Angebot ist dann doch verlockender. Schließlich ist sie die einzige ehemalige Schülerin der Gouvernante, mit der sie noch regelmäßig in Kontakt steht. Man konnte es schon fast Freundschaft nennen.

Grace hat einen konkreten Anlass Emma zu bitten zu ihr zu kommen. In dem Pflegeheim, das unterm gleichen Dach wie ihr Internat ist, wird – aller Wahrscheinlichkeit nach – ein perfides Spiel getrieben. Eine Bewohnerin wird sukzessive … vergiftet. Ja, so ist das in englischen Pflegeheimen! Emma hat nun die Wahl: Entweder so den Lebensabend beschließen wie geplant oder doch der vermeintlichen Freundin zur Seite stehen und ein bisschen Nervenkitzel zu erleben. Emma entscheidet sich für Letztes.

In dem Internat, das Grace leitet, ist alles seltsam. Nettigkeiten weichen Ränkelspielen, Lehrkörper und Schüler sind im ständigen Wettkampf. Emma, Miss Betony, muss sich erstmal eingewöhnen. Dabei hilft ihr ihre über Jahrzehnte gepflegte Distanz. Erst als der mysteriöse Ambrosio auf der Bühne der Unannehmlichkeiten erscheint, verliert Emmy Betony ihre Distanziertheit. Doch da ist es schon fast zu spät, und schon ist „Miss Betony in Gefahr“.

Dorothy Bowers gehört zu erweiterten Kreis englischer Ladies, die mit ihren Krimis die Welt eroberten. Während Dorothy L. Sayers und Agatha Christie nie auch nur eine Silbe ihres Ruhmes verloren gaben, wird Dorothy Bowers immer wieder neu entdeckt. Dieses Buch wird jetzt, 2026, zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, 85 Jahre NACH Erscheinen. Gift, Intrigen, destinguished people – alles, was das british-crime-heart begehrt wird hier vollends bedient, ohne dabei auch nur ansatzweise im Klischee-Morast zu versinken.

Götter und Tiere

Wenn jemand im strömenden Regen auf der Bordsteinkante sitzt, muss ihm etwas widerfahren sein, das ihn das Drumherum derart egal erscheinen und Anderen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Glasgow im Regen ist wahrlich kein Platz zum Ausruhen. Martin heißt der Mann, im Arm – genauer gesagt an seine Brust geklammert – ein kleiner Junge. Regungslos lassen ihn seine spärlichen Kräfte an Martin festhalten. Mehr Halt gibt es für ihn in diesem Moment nicht. Und Martin sinniert über das, was soeben passiert ist.

Ein Raubüberfall. In der Postfiliale. AK 47. Der Großvater des Jungen erhebt sich mit einem Mal und … steht nicht minder überraschend auf einmal auf der Seite … ja, auf welcher Seite eigentlich? Der, der AK 47? Des Räubers mit der weltbekannten Knarre? Es bekommt ihm nicht. Der Opa ist tot. Der kleine Junge sitzt wenig vor dem Regen beschützt auf dem Bordstein, klammert sich an Martin. So düster die Szenerie, so undurchsichtig das, was vor wenigen Minuten passiert ist.

Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner Detective Constable Harris stehen vor einem Haufen voller Scherben, in denen so manches fehlgeleitete Licht Ecken Glasgows erleuchtet, die vor Düsternis nur so strotzen.

Denise Mina zeigt die dunkle Fratze Glasgows in ihrer perfidesten Form. Politiker, die sich an keinerlei Spielregeln halten. Gangster, die sich von Berufs wegen nicht an Regeln halten (können, wollen, sollen, dürfen). Und zwischendrin die Polizisten, die tagein, tagaus ihren Kopf hinhalten, damit das alles auch schön so bleibt.

DS Morrow und DC Harris kennen diese Spielchen. Sie kennen auch so manchen Hitzkopf und machen sich dessen Wissen zunutze. Genug, um voranzukommen, nicht  zu viel, um sich abhängig zu machen. Es ist ein steter Kampf um Loyalität und Erfolg.

„Götter und Tiere“ reißt den Leser aus dem Anfangseinlesen mit expliziten Beschreibungen wie hart das Leben ist, kennt man keine Regeln. Denise Mina schafft trotzdem eine angenehme, fast schon wohlige Atmosphäre, in der man sich sicher fühlt. Mitgefühl und knallharte Faktenlage verwebt sie derart gekonnt, dass man gar nicht merkt wie tief man selbst im Dickicht der Fälle gefangen ist. So muss ein Krimi sein!

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Der Schneeball

Es ist wie im Märchen. Ein zauberhafter Ball soll es sein. Anne und Anne, die sich um Verwechslungen zu vermeiden zu gern als Anna (Anna K.) zu erkennen gibt, beobachten das Treiben in diesem weitläufigen Palast. Es ist der Jahreswechsel, irgendwann, irgendwo in London. Es rauscht auf dem Ball. An den Wänden, die Kleider  der gut betuchten (und teils betagten) Damen, im Gebälk – ach was, ein rauschendes Fest ist es in jeder Hinsicht. Anne und Anna lästern. Die beobachten gaaaaanz genau wer mit wem was wann und vor allem wie macht, wer tuschelt, wer tanzt mit wem.

Auch der gerade alt genug für den Ball zu seienden Ruth fällt dieser Ball wie ein Schneekristall ins Auge. Sie ist ganz aufgeregt. Dass ihre Eltern dabei sind, schert sie wenig. Sie ist die Chronistin – wenn auch nicht in offizieller Funktion, denn das wäre fatal, da sie sonst einiges verpassen würde. Ruth schreibt brav Tagebuch. Ein Partycrasher eigentlich. Denn wer will im wildesten Partytreiben schon jemanden sehen wie er etwas in ein Tagebuch notiert – Instagram vor ewigen Zeiten, sozusagen.

Der Schnee fällt. Alle freuen sich wie kleine Kinder darüber. Es werden Küsse ausgetauscht. Manche hinter Masken. Nicht jeder weiß von er oder sie gerade geküsst wurde. Anna K. auch nicht. Don Giovanni war es. Mehr weiß sie nicht. Dieses Mal ist es ein Er, der die Party überstürzt verlässt. Allerdings mit beiden Schuhen an den Füßen. Nichts mit Aschenputtel reloaded.

Wie aufgeladen wird auch Ruth die Party, den Ball verlassen. Zwischenzeitlich musste sie ihr Tagebuch beiseitelegen. Im Bentley von Papa war die Premierenstimmung einfach zu aufregend, um mit Stift und Feder weiter zu hantieren…

Teeangerkomödie, noblesse oblige, Screwball comedy, Drama und ein Hauch Märchen – Brigid Brophy lädt zum Ball, der für jeden etwas parat hält. Als „plus 1“ darf man bei den Gemeinheiten zeuge sein, bei so mancher Zickerei Pate stehen oder einfach nur vergnügter Zuschauer sein. Und das alles in einem Meer aus Worten, die einzeln betrachtet keine Alternative erlauben. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Buchstabe am richtigen Ort. Schnell, manchmal viel zu schnell wühlt man sich durch die Betrachtungen von Menschen, die hier ihr eigenes Süppchen kochen. Und dennoch amüsiert man sich hier prächtig, wenn man von einer scheinbar harmlosen Beobachtung sehenden Auges auf etwas zuschlittert, das auch gern als Katastrophe kleineren Ausmaßes betrachtet werden kann. Der Begriff Schneeballeffekt bekommt hier eine ganz andere Bedeutung.

Shakespeare – Der Mann, der die Rechnung zahlt

Eine Frau wie Judi Dench zu interviewen, ist sicher kein leichtes Unterfangen. Nicht, weil sie als Zicke oder Diva verschrien ist … nein … ganz im Gegenteil. Man muss sich höllisch in Acht nehmen nicht einem ihrer Witze, Streiche, Schelmereien auf den Leim zu gehen. Bei aller Strenge in ihren Rollen – allen voran sicherlich die als M in den James-Bond-Filmen mit Daniel Craig – so blitzt parallel dazu auch immer ein Augenlächeln hervor. Ist das das Geheimnis ihres Erfolges?

William Shakespeare war und ist der treue Begleiter im Leben von Dame Judi Dench. Bei der Royal Shakespeare Company spielte sie so ziemlich jede Rolle des Dichtergottes. Seit Jahrzehnten steht sie auf der Bühne. Und seit Jahrzehnten ist er – Shakespeare – der Mann, der die Miete zahlt. Schon allein darin erkennt man den ungeheuren Witz, den Judi Dench pflegt. Aus der Pflicht heraus wurde Liebe? Nein, aus der Liebe zu Shakespeare wurde eine angenehme Pflicht, die anderen Pflichten erfüllte (die Miete zu zahlen) und daraus erstarkte die grundlegende Liebe zu Shakespeare. Eine Kreislauf, eine Win-Win-Situation – alles in einem.

Ihr Schauspielkollege Brendan O’Hea hat sich über mehrere Jahre immer wieder mit Judi Dench über ihre Arbeit und vor allem über Shakespeare unterhalten. Es waren anfangs Plaudereien über ihren gemeinsamen „Freund Shakespeare“. Schnell wurde daraus eine Obsession, Später wurden es regelmäßige Interviews. Bis der Gedanke daraus ein Buch zu machen gestalt annahm.

Und was für ein Buch! Shakespeare-Bio, Dench-Lobhudelei im besten Sinne, Ehrerbietung für Autor und Darsteller – das große Rundum-Sorglos-Paket für alle, die Shakespeare kennen, ihnen kennenlernen wollen und für all diejenigen, die der kleinen Frau mit der burschikosen Friseur schon immer zugetan waren.

Jedes Kapitel widmen die beiden einem Stück von William Shakespeare. Denchs phänomenales Gedächtnis überragt das ganze Buch. Sie ist in der Lage sich sofort zu erinnern, Schwierigkeiten exakt und wahrheitsgetreu wiedergeben zu können und den Leser auf eine Reise mitzunehmen, die bitteschön niemals enden sollte. Ihr Erinnerungsvermögen an Kollegen wie Vanessa Redgrave, die mit ihr zur gleichen Zeit die gleiche Schauspielschule besuchte, sind ebenso präsent wie Querelen bei der Besetzung des Regisseurs oder Reisen nach Westafrika.

Wer Shakespeare bisher nur dem Namen nach kannte, wird im Handumdrehen zum Fan. Dench schafft es Begeisterung hervorzurufen, die man nie erwartet hätte. Für immer und alle Zeit wird Shakespeare nun mit dem Namen Judi Dench verbunden sein. Das soll ihr erstmal jemand nachmachen!

Eingeschneit mit einem Mörder

Angus Stuart ist der glücklichste Mensch der Welt. Sein Kontostand ist auf lange Sicht hin prall gefüllt. Er hat einen Bestseller geschrieben. Das Wetter ist so wie es sich am Ende des Jahres gehört – verschneit. Und der Urlaub an der Südküste Englands ist zum Greifen nah. Was soll da schon passieren?! Nun ja, der Titel nimmt es in gewisser Art vorweg: Konto voll, Seele glücklich, doch der Urlaub rückt in immer weitere Ferne. Denn das Auto kommt einfach nicht mehr vorwärts. Zu viel Schnee – da helfen auch die Penunzen nichts. Ein Gasthof mit Vermietung ist die Rettung. Weitere Gäste treffen ein und müssen wohl oder übel hier die Nacht (eventuell auch mehrere) gemeinsam verbringen.

Da sind zum Beispiel die beiden Misses Adderly, Amy und Connie. Betagte Damen, die Angus bereitwillig aus der schneebedingten Misere in die heimelige Unterkunft mitzunehmen wagte.

Luke Constantine, Dr. Luke Constantine, Schachspieler. Destinguiert. Ganz nach Angus’ Geschmack. In der oberen Etage hat sich eine weitere Familie einquartiert, die allerdings nicht mit anderen Gästen in Kontakt kommt, oder kommen möchte. Major Carew ist eine Nummer für sich. Laut, gesprächig, aber erstmal nicht weiter von Belang bis … ja, bis seien Leiche gefunden wird. Und Juwelen werden auch noch gestohlen. Und der Dorfpolizist … na ja, too much trouble. Das ist der gute Mann nicht gewöhnt. Schnee, so viele Gäste und dann gleich zwei Verbrechen auf einmal. Dr. Constantine, Angus und ein weiterer Gast sind die perfekten Ermittler in einem Fall, in dem die Zahl der Verdächtigen aufgrund der beengten Lage eigentlich überschaubar ist. Doch wer hatte ein Motiv und die Möglichkeit?

Ein englischer Krimi in bester Manier. Lange bevor Agatha Christie den Olymp des Genres enterte war Molly Thynne schon da und pferchte eine illustre Gesellschaft zusammen, reduzierte die Zahl der Spieler und gab einen von ihnen oder mehreren das Heft des Handelns in die Hand. Ach wie schön ist die Weihnachtszeit doch, wenn es draußen schneit, das Holz im Kamin knackt, das Licht spärlich auf die Seiten fällt, die Augenlider sich der Schwerkraft ergeben wollen, doch die Neugier die Kontrolle über die Finger übernimmt, die betulich Seite für Seite umblättern und dem Leser die menschlichen Abgründe vorführen!

So muss ein Krimi sein! Ohne dabei jedes Klischee zu bedienen. Geschliffene Sprache, gewitzte Gedanken und Dialoge würzen die Geschichte und halten die Mitmach-Gedanken wach. Hier stimmt alles, von der ersten bis zur letzten Seite.

Die Oxford-Tragödie

Da sitzen sie nun, alles schlaue Köpfe und reden sich den College-Frust, der sie umgibt von der Seele. Ein Dutzend Professoren und eine Anwalt und Hobby-Detektiv aus Wien, Ernst Brendel. Der Erzähler der Geschichte ist Francis Wheatley Winn, Vizepräsident und Seniortutor am St.-Thomas-College in Oxford. Die Rauchschwaden wabern durch die Luft, so mnach einer genießt den Likör, ein Dessert oder einen Kaffee. Winn hat sich mittlerweile eine diebische Freude an diesen Tagesausklängen angewöhnt. Doch heute ist alles anders. Hargreaves, der Dekan stürzt ins Zimmer. Shirley ist tot. Erschossen. In Hargreaves’ Zimmer. Es ist nur ein kleines Loch an der rechten Schläfe. Doch ausreichend, um ihn ins Jenseits zu befördern. Aus kurzer Entfernung.

Und schon stehen die Polizisten auf der Matte. Auch Scotland Yard. Doch so recht wollen die Ermittlungen nicht in Gang kommen. Brendel und Winn sind anscheinend die Einzigen, die für diesen Fall brennen. Zumal Brendel schon erwähnt hat, dass ihn echte Verbrechen brennend interessieren.

Ein Krimi am College – am besten noch im ehrwürdigen Oxford – alles schon mal gehört, gelesen. Doch hier liegt der Fall anders. Denn hier, in diesem Fall, in „Die Oxford-Tragödie“ nahm alles seinen Lauf…

Brendel und Winn sind kein eingespieltes Team, das sich die blindlings zuschießt und die Sätze des Anderen beendet. Hier ermittelt ein Duo, das sich nur zu einem Zweck zusammengetan hat: Den Mord an einem Kollegen aufzuklären. Shirley war ein Wissenschaftler, der sich gern in sein Labor zurückzog. An diesem Abend wollte er mit dem Dekan den Bibliotheksplan noch einmal besprechen. Langweiliger geht’s wohl kaum, möchte man meinen. Doch Langeweile ist in diesem Krimi nicht zu entdecken.

Vielmehr sind die verschlungenen Hallen der nicht minder ehrwürdigen Gebäude ein Synonym für die verschlungenen Gedanken und Machenschaften hinter den dicken Mauern. Und gemauert wird weiterhin. Kein Wunder, dass Scotland Yard hier nicht weiterkommen kann. Nur wer sich hier bestens auskennt, findet den rechten Pfad. Und genau dafür braucht man auch Hilfe, am besten von außerhalb. Ergo sind Winn und Brendel das ideale Paar, um derart schwierige Fälle zu lösen.

Fast neunzig Jahre ist es her, dass der Roman veröffentlicht wurde. Nun auch auf Deutsch. Eine zu lange Wartezeit, das steht fest, sobald man sich in ihn vertieft hat. Was nur ein paar Seiten braucht. Wortspitzen, ausgeklügelte Denkschemata und eine wohlwollende Liebe zu den Akteuren machen „Die Oxford-Tragödie“ zu einem Fest!

Reise mit einer Eselin durch die Cevennen

Guck mal, ein Esel. Ach wie niedlich, die Augen, die Ohren. Ach wie süß! Nachdem die unweigerliche Verzückung vorüber ist, richtet sich das Augenmerk des Lesers auf die folgenden beschriebenen Seiten dieses Reiseberichtes von Robert Louis Stevenson. Genau der Robert Louis Stevenson, der mit der Schatzinsel. Im Herbst 1878 macht er sich auf über 200 Kilometer durch und über die Cevennen zu wandern. Zwölf Tage für 200 Kilometer – sportlich. Und jetzt versetzen wir uns in die Gegenwart. Wir wollen wie Stevenson durchs Gebirge wandern und Ruhe und Einsamkeit finden. Und finden was? Endlose Schlangen von Wohnmobilen, deren Fahrer fast schon pastoral von Freiheit murmeln und die sich ebenso endlos statt um das Leeren ihrer Chemikalientanks kümmern lieber mit einem Wagenrad über dem Abgrund erst einmal erleichtern statt die Aussicht zu genießen. Navi mit emotionsloser Stimme weisen den Weg. Und hoffentlich gibt’s auf dem nächsten Campingplatz ein vernünftiges WLAN, dass man bloß nicht das eigene Datenvolumen verbrauchen muss. Und hoffentlich spricht man die eigene Sprache dort. Und bitte, lieber Fahrergott, lass es sauber sein! Das sind Sorgen?!

Stevenson hat sich wie so viele das Reiseziel bzw. die Reiseroute sorgsam ausgewählt. Er lässt sich sogar einen Schlafsacke nähen. Auf ihn zugeschnitten und nicht aus einem Material, dass vor ein oder zwei Leben noch eine Getränkeflasche war. Alles aus natürlichen Materialien. Gab ja nichts anderes!

Stevensons Reisemobil (eigentlich nur der Kofferraum oder die Gepäckablage) ist Modestine. Eine Eselin. Weiblich. Esel. Alles klar?! Störrisch, eigenwillig. Und dennoch ist Stevenson dem Begriff der Freiheit, der Definition von Freisein näher als alles Vierradmobilisten, die meinen ihren ökologischen Fußabdruck allein nur durch das Vermeiden von Flugmeilen im erträglichen Rahmen halten zu können. Denn Stevenson trifft hier kaum Menschen. Er kann unbeachtet wild campen. Dreimal tut er dies. Einmal nächtigt er im Kloster. Schweigegelübde inklusive. Schwer für einen, der als brillanter Geschichtenerzähler gilt. Und immer dabei, wenn auch nicht immer erwähnt: Modestine.

„Reise mit einer Eselin durch die Cevennen“ ist der vergnüglichste Reisebericht des Jahres. Wenn auch schon etwas in die Jahre gekommen, so ist es ein unerbitterliches Vergnügen einem gewieften Fahrten(be)schreiber durch den Süden Frankreichs zu folgen. Amüsant, lehrreich, hilfreich, aber vor allem unterhaltsam. Ganz ohne Powerbank, Social media account, Sattelitenunterstützung, Vorausbuchung und sonstigem Schnickschnack, der der Freiheit das Ureigenste nimmt: Sich selbst. Immer wider, immer noch lesbar und fast schon unverzichtbar in einer Zeit, in der man sich gern jeder Last entledigen möchte, weil man meint es genau so tun zu müssen.