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Mystische Orte in München

Mystische Orte in München

Muss eine Stadt wie München noch vorgestellt werden? Braucht die „Mia san mia“-Metropole überhaupt noch Erwähnung in gedruckter Form? Recht das nicht der allmächtige (FC Bayern) aus? Nein! Denn Christopher Weidner schafft es einen neuen Typus von Stadtgeschichte zu kreieren. Ja, im Jahr 2013 ist es noch möglich das Buchangebot zu revolutionieren.

Da tauchen Drachen neben Schlangen und Mönchen auf. Da springen Metzger durch die Nachbarschaft, Löwen thronen erhaben über Toren. München vor einem halben Jahrhundert noch eine Stadt im Tiefschlaf mit grandioser Umgebung, die nicht so recht touristisch genutzt wurde. Mit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele, die 1972 stattfanden und trotz des unsagbaren Terrors als friedliche und fröhliche Spiele in Erinnerung geblieben sind, fand ein einzigartiger Wandel auch im Stadtbild statt. Wenn heute von der nördlichsten italienischen Metropole gesprochen wird, so liegt das nicht nur an den günstigen klimatischen Bedingungen.

Doch zurück zur Mystik der bajuwarischen Kapitole: Oft geht man achtlos an Bauwerken, an Denkmälern, an Brunnen vorbei. Die Schönheit und die Symbolik erschließt sich nicht jedem auf den ersten Blick. Doch Künstler haben nun mal die Angewohnheit ihren Werken eine gewisse Bedeutungsschwere innewohnen zu lassen. Christopher Weidner nimmt diese Schwere auf die leichte Schulter und löst so manches Rätsel über den Köpfen der Betrachter mit seinem enormen Wissensschatz auf.

Zum Beispiel im Hackenviertel, Kreuz-, Josephstital, Brunnen- und Damenstiftstraße. Hier blickt eine Maria mit dem Jesuskind im Arm auf die Passanten herab. Festgehalten von einem Birnenbaum, als Symbol für das Paradies.

Oder das Brautportal der Frauenkirche. Das mit der Sonnenuhr. Was, das kennen Sie nicht, obwohl Sie täglich daran vorbeilaufen? Schauen Sie doch mal vorbei und verweilen eine Zeit. Wem sich die Symbolik nicht erschließt, wird in diesem Buch fündig. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass es Bücher wie “Mystische Orte in München“ gibt. Stadtgeschichten erzählen, ist eine heikle Gradwanderung. Entweder gerät der Stadtrundgang zur trögen Geschichtsstunde mit Unmengen an Jahreszahlen oder über die zahlreichen Anekdoten vergisst man das eigentliche Ziel eine Stadt näher zu bringen. Die Grauzone ist schmal und überschaubar. Christopher Weidner verbreitert diese Grauzone und legt einen Hauch wabernden Wissens darüber. Diesen Schleier weht er umgehend beiseite und erschafft ein wissenswertes und modernes, zeitgemäßes Buch.

Wales

Wales

In den 80er und 90er Jahren erzitterte regelmäßig Fußballdeutschland vor einem vermeintlichen Fußballzwerg. Immer wieder gestaltete sich das Spiel gegen die walisische Nationalmannschaft zu einer Zitterpartie – nicht immer mit befriedigendem Ausgang. Ein paar Jahre war Cardiff Austragungsort des englischen Pokalfinals, weil das Wembley-Stadion „umgebaut“ (lieblos abgerissen und emotionslos wieder aufgebaut träfe es wohl besser) wurde. Snooker-Fans kennen sicherlich Matthew Stevens und Mark Williams, die walisischen Snooker-Asse. Letzterer ist übrigens in Cwm, Ebbw Vale geboren. Somit hätten wir die dritte Assoziation mit Wales, dem Stiefkind der britischen Insel: Eine unaussprechliche Aneinanderreihung von Konsonanten.

Dieser bedauernswerte nicht einmal zum Halbwissen taugende Wissensschatz wird dank Andreas Bechmann in ein Füllhorn an Erfahrungen umgemünzt. Doch zuerst ein Blick auf das Ende des Buches. Das befindet sich eine handliche Karte, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen.

Im Jahr 2013 hat man beim Michael-Müller-Verlag endlich den Autor gefunden, der den letzten weißen Fleck Westeuropas mit strahlenden Farben füllt.

Wales steckt voller Geschichte. Kaum ein Landstrich, der nicht mit einer geschichtsträchtigen Burg aufwarten kann. Saftige Weiden und Weiten, schroffe Küstenformationen und ein schwer zu knackender, aber unglaublich liebenswerter Menschenschlag – das ist Wales. Zehn Wanderungen durch den westlichen Zipfel der britischen Insel hat Andreas Bechmann zusammengestellt, der den Besucher die gesamte Bandbreite dieses abwechslungsreichen Landes näher bringt. Zahlreiche Karten und Pläne erleichtern die Orientierung vor Ort. Farbig unterlegte Kästen unterbrechen auf unterhaltsame Weise den Lesefluss, und schon nach wenigen Seiten hat man das Gefühl Wales schon viel länger zu kennen, obwohl man noch nie dort war.

Wales ist kein Urlaubsziel für jedermann. Ein ordentliches Maß an Neugier und ein gewisse Ausdauer sollte man schon mitbringen. Hier erwarten den Besucher keine hochmotivierten Animateure auf den Straßen, die einem mit „Super-Angeboten“ in einen Klub oder eine Mall zerren wollen. Hier regiert die gegenläufige Zeit im Gleichschritt mit dem Fortschritt. Wales ohne Andreas Bechmanns Wales-Reiseführer? Möglich. Aber bei Weitem nicht so anregend und wissenswert.

Caracalla – Kaiser, Tyrann, Feldherr

Caracalla

Im Jahr 211 betrat ein römischer Kaiser die Weltbühne, dessen Geschichte sich von der seiner Vorgänger in erheblichem Maße unterschied: Marcus Aurelius Antoninus. Bekannt wurde er unter seinem bereits zu Lebzeiten geläufigen Namen Caracalla. Heute würde man ihn als Regierungschef mit Migrationshintergrund bezeichnen, seine Eltern stammen aus Nordafrika und Arabien. Sein feistes Gesicht erinnert heute vielleicht an einen Filmstar, der in historischen Filmen die Heldenrolle übernimmt.

Mutig war er, Caracalla. Um die Macht zu erringen und zu erhalten, schreckte er auch vor Mord in der eigenen Familie nicht zurück. Sein Bruder Geta, dem eine ähnlich glorreiche politische Laufbahn bevorstand, segnete vorzeitig und unfreiwillig das Zeitliche.

Auch als Feldherr tat sich Caracalla hervor. Germanien war der Lieblingsfeind der römische Imperatoren und Feldherren. Hier bissen sie sich jahrhundertelang die Zähne aus. Taktiken wurden ersonnen, Schlachtpläne wieder verworfen – bis ins Jahr 213 (also vor 1.800 Jahren – welch ein Jubiläum). Da betrat Caracalla bei Aalen germanischen Boden. Grund genug eine Ausstellung über den nicht gerade bekannten Kaiser zu organisieren. Bis zum 3. November 2013 steht das Limesmuseum Aalen ganz im Zeichen des Kaisers, Tyrannen und Feldherren.

Der Begleitband gibt mehr als nur einen Überblick über das Leben und Wirken des Caracalla. Vielmehr ist es das erste Buch, das die ganze Person Marcus Aurelius Antoninus beleuchtet.

Jeder, der in Rom lebte, durfte sich unter der Regentschaft Caracallas als Römer fühlen, durfte seine Bürgerrechte wahrnehmen. Ein Verdienst des Mannes mit dem feisten, kriegerischen Gesicht.

Verschiedene Autoren, alle Koryphäen auf ihrem Gebiet, lassen in ihren Artikeln die Zeit und die Person Caracalla auferstehen. Mit der nötigen Distanz und dem Wissen der vergangenen fast zwei Jahrtausende entsteht so ein Bild eines Imperators, wie es selten zu vor geschehen ist. Über 150 Abbildungen bereichern die Texte und bringen dem Leser so eine historische Gestalt näher, ganz ohne Schnickschnack, doch mit aller gebührender Würde und nötigem Respekt. Der Name Caracalla wird in Zukunft in einem Atemzug mit Julius Caesar, Justinian und Konstantin genannt werden. Große Männer geraten schlussendlich niemals in Vergessenheit.

Habemus pasta

Habemus Pasta

Für die einen ist sie unerlässlicher Energielieferant, um Höchstleistungen vollbringen zu können. Für andere eine Delikatesse, die den Sinnen Höchstleistungen abverlangt. Dritte vollbringen Höchstleistungen, um diese Höchstleistungen gebührend in Szene zu setzen. Was für eine Leistung?!

Es geht um Nudeln, um eine hart gewordene Mixtur aus Mehl und Eiern, die dank einer erhitzten Wasser- und Sauerstoffvermengung eine verzehrbare Form annimmt. Klingt wissenschaftlich und so gar nicht zum Buch dazugehörig.

Pasta ist ein Gottesgeschenk. Wie Engelshaar gleich hängt es dem Verzehrer entgegenhächelnd auf den Zinken der Gabel. Ein apokalyptischer Geschmacksritt durch den Höllenschlund endet in einem grummelnden Aufschlagen im Magen.

Auch so kommt man dem Buch nicht auf die Schliche. Ein amuse gueulle, ein Gruß aus der Küche für Genießer und Mampfer zugleich. Denn Pasta-Kochbuch ist nicht gleich Pasta-Kochbuch. Die Rezepte stammen von Manuel Weyer, Leiter der Kochschule von seiner Eminenz Johann Lafer persönlich. Skeptiker könnten nun meinen: „Der kocht auch nur mit Wasser.“ Stimmt, aber bei ihm steigt nicht einfach nur Wasserdampf aus dem Topf hoch. Es ist weißer Rauch.

Wozu ein Kochbuch für ein Gericht, dass jeder alleingelassene Teenager in Windeseile zubereiten kann? Leonard Cohen gibt unfreiwillig in seinem „Hallelujah“ die Antwort, wenn er in seinen Konzerten singt: „Baby, ich war schon mal hier. Ich kenne dieses Zimmer, ich bin schon auf diesem Fussboden gelaufen. Ich habe immer allein gelebt, bis ich dich kennenlernte.“

„Habemus pasta“ wird die Sicht auf die Nudel verändern. Die Kapitel verheißen den Sündenfall. Lasst und kneten, das jüngste Gericht, Wer kaut wird selig. Und dazu der kardinalspurpurne Einschlag des Buches. Nudeln werden nie mehr einfach nur Nudeln sein. Die Regentschaft von Parmegiano XVI. hat begonnen ebenso wie von nun an immer ein Aspargus nostra vor der Mahlzeit zelebriert wird.

Dieses Buch ist einzigartig im Überschwall der Kochbücher, denn es zeigt, dass Pasta als ernsthafte Zutat eines Menüs mit Spaß zubereitet werden kann. Nicht einfach mal nur so schnell zwischendurch ein paar Nudeln in den Topf geben. Andächtig werden lange, dünne, dicke, gedrehte Naturprodukte nun dargereicht. Dieses Buch darf man nicht einfach nur ins Regal zu den anderen Kochbüchern stellen. Für „Habemus pasta“ braucht man einen Altar!

Geographie in der antiken Welt

Geographie in der Antike

Das Fach Geografie wurde in der Schule entweder geliebt oder gehasst. Es gab kein Dazwischen, keine Grauzone. In der Antike war Geographie (bewusst mit „ph“ geschrieben) eine neue Wissenschaft, eher ein Handwerk. Mal schnell das Navi einschalten, um zu sehen, welcher Weg der schnellste zur nächsten Schlacht ist, ging nicht. Oder noch schnell vor dem nächsten Feldzug zu Karstadt einen neuen, aktuellen Atlas kaufen – unmöglich. Jeder, der sich nur ein paar Tagesmärsche von der Heimat entfernte, wurde zum Entdecker, zum Aufzeichnenden, zum Geographen. Karten waren höchstes Kulturgut.

Selbst in der Prosa wurden Hinweise zur Geländegängigkeit und zu Erhebungen und Flussläufen mitgeliefert. Was die Ansiedlung der Geschichte(n) für Historiker heute erleichtert. Die „Odyssee“ kann man getrost als einen der ersten Atlanten bezeichnen.

Daniela Dueck begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Sie fand geographische Hinweise auf Gefäßen und Bronzetafeln, und sie durchforstete alte Schriften nach Hinweisen für die Existenz der geographischen Wissenschaft.

„Geographie in der Antike“ ist eine Lesereise in längst vergangene Zeiten. Der Leser schippert nicht einfach nur so an den Ufern bekanntes und weniger bekannter Küsten entlang. Die Entdecker der antiken Welt sind die Reiseführer dieses Sachbuches, das durch seine Vehemenz und klare Gliederung hervorsticht. Die spannende Art zu schreiben, verleiht dem Buch die nötige Würze.

Auch wer sich in Pennälerzeiten schwer tat an Schwarzkarten die Heimatstadt einzuordnen, wird sich in einen wahren Leserausch versetzen. Denn die antiken Vorfahren hatten noch weniger Material zur Hand und entdeckten so viele Orte, die wir heute als Traumziele bezeichnen. Verneigen wir uns vor ihrer Leistung und danken Daniela Dueck für ihren Beitrag zum Verständnis der Geografie, mit „f“.

Slowakei

Slowakei

Zwanzig Jahre ist es her, dass sich die Tschechoslowakei in Tschechien und Slowakei auseinander dividierte. Tschechien wuchert mit der weltbekannten Metropole Prag, die Slowakei führt mit Košice in ihren Reihen dieses Jahr die Kulturhauptstadt Europas.

Da wird es Zeit dieses Land, das seit 2009 auch den Euro als Währung angenommen hat, genauer unter die Lupe zu nehmen. Roland Schönfeld legt mit diesem Buch einen allumfassenden, faktenreichen und zugleich unterhaltsamen Abriss der Geschichte der Slowakei vor.

Zuerst stark von den Ungarn geprägt – schließlich wurde man ein ganzes Jahrtausend von den Magyaren beherrscht – entwickelte sich erst in der jüngeren Geschichte ein Nationalgefühl, das auch ausgelebt werden konnte. Viele Völker nennen das Gebiet der Slowakei ihre Heimat. Die Politik hat alle Hände voll zu tun alle Ethnien unter einen Hut zu bekommen. Das gelingt wie überall auf der Welt mal besser, mal weniger gut.

Für Touristen ist die Hauptstadt Bratislava erster Anlaufpunkt, ist Ausgangsort für Erkundungen in die Umgebung (mit nicht einmal 50.000 km² ist die Slowakei relativ übersichtlich zu bereisen). Die Lage im äußersten Osten der Eurozone – und Europas, so wie es die meisten verstehen – bergen Menschen und Orte ein Füllhorn an Überraschungen und längst vergessenen Traditionen. Deren Ursprünge werden in diesem Band aufs Ausführlichste beschrieben.

Als Zusatzlektüre zu einem Reiseband ist „Slowakei“ von Roland Schönfeld die ideale Ergänzung für Individualtouristen, die ihrer Art des Reisens die Stange halten. Hier treffen erstklassig erhaltene Bauten auf ursprüngliche Natur. Hier wird Geschichte noch erlebbar.

Wer Europa mal von einer anderen Seite erleben will, ist in der Slowakei bestens aufgehoben. Wer die Geschichte der Slowakei erleben will, ist mit diesem Buch auf der sicheren Seite.

Ein Fachbuch – sicherlich. Aber eines mit hohem Nährwert für den Touristen wie den Hobby-Geschichtsforscher.

Košice – Eine kleine Stadtgeschichte

Kosice

Einmal der Mittelpunkt der Welt sein! So oder so ähnlich fühlten sich die Organisatoren, als bekannt gegeben wurde, dass Košice im Jahr 2013 (zusammen mit Marseille) sich als Kulturhauptstadt Europas präsentieren darf.

Košice? Wo ist das denn? Viele Fragezeichen über den Köpfen von Millionen Touristen überall auf der Welt.

Košice ist die zweitgrößte Stadt der Slowakei. Und sie existiert bereits seit dem ersten Jahrtausend. Zu erstem Ruhm gelangte die Stadt 1312 als Karl I. Robert ein ungarisches Heer vor den Toren der Stadt besiegte. Im Laufe der Zeit hinterließen immer wieder neue Herrscher ihre Spuren: Ungarn, Deutsche, Juden, Ruthenen und Roma. Die ostslowakische Stadt ging mit den Hinterlassenschaften sorgsam um, und so kam es, dass im 20. Jahr der Unabhängigkeit die Slowakei und somit Košice den Zuschlag bekam sich Kulturhauptstadt Europas nennen zu dürfen.

Der verheerende Stadtbrand von 1556, der große Teile der Elisabethkirche, Klöster und Türme in seinen Flammen verschlang, wurde durch umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen bald vergessen gemacht. Heute erstrahlt die historische Altstadt im alten Glanz und verzaubert Gäste aus aller Herren Länder. Wenn man so durch die Stadt schlendert, vorbei an den erhabenen Bauten links und rechts des Weges, erkennt man die Parallelen zu Metropolen wie Wien und Budapest. Dies ist der Hinwendung zu den großen Habsburger Städten zu verdanken.

Auch wenn Košice nicht dem Ruf Wiens oder Budapests nachhängt, so muss sie sich nicht hinter den großen Siedlungen an der Donau verstecken.

Nach 1945 wuchs Košice zu einer Industriestadt mit intellektuellem Charme heran. Hochschulen entstanden, die Künste wurden gefördert. 1966 wurde der urbanturm durch einen Brand arg in Mitleidenschaft gezogen. In den Folgejahren wurde er wieder aufgebaut. In dieser Zeit verdoppelte sich auch die Einwohnerzahl. Das zweitgrößte Wohnungsbauprogramm – nach Prag – beschied Košice einen Bauboom enormen Ausmaßes.

Ein Besuch der Stadt lohnt sich nicht nur, weil hier gerade an allen Ecken und Enden Kunst verschiedenster Couleur geboten wird, sondern auch weil die Slowakei im Euro-Raum ein Mauerblümchendasein fristet. Entdecker werden – auch und gerade mit diesem Buch im Gepäck – ein frisches, aufstrebendes Land und eine quicklebendige Stadt vorfinden, die darauf wartet erkundet zu werden.

Kleine Geschichte Stockholms

Kleine Geschichte Stockholms

Unter den Hauptstädten Europas gehört Schwedens Kapitale nicht zu den Städten, die man sofort mit einer speziellen Sehenswürdigkeit in Verbindung bringt. Kein Tower, kein Eiffelturm, kein Colosseum, keine unvollendete Kirche oder eine besondere Ausgrabungsstätte. Stockholm ist einfach nur Stockholm. Zeit, um sich genauer mit der Geschichte dieser Stadt zu beschäftigen, die – wenn man den Fernsehbildern und Klatschpostillen glauben darf – nur aus dem Königspalast und ein paar Schären besteht.

Seit mehr als 750 Jahren dürfen sich Schweden Stockholmer nennen. Ein idealer Handels- und Verteidigungsplatz war der Fleck, den wir heute als Stockholm kennen. Der Name Stockholm lässt sich auf die Begriffe Stock für Pfahl oder Stamm und Holm für kleine Insel zurückführen. Wie Venedig und Amsterdam wurde die Stadt auf Pfählen errichtet.

Autorin Ingrid Bohn weiß so manche Anekdote aus den Archiven zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, warum die Stadt in einem strahlenden Gelb erscheint. Das kommt von … das muss man schon selber nachlesen. Denn dieser Ausflug in die Geschichte macht Spaß. Kein Lehrer, der mit erhobenem Finger Aufmerksamkeit einfordert. Hier sitzen die Schüler / Leser brav und still da und lauschen den Ausführungen. Wer Stockholm mehr als nur ein Wochenendausflugsziel anerkennt, und mehr als nur die Touri-Tour machen will, kommt an diesem knackig geschriebenen Band nicht vorbei. So manche, was links und rechts des Wegesrandes steht, bekommt eine neue Bedeutung. Fassaden lösen sich aus ihrer Starre und werden lebendige Figuren im Spiel der Jahrhunderte. So macht Geschichte Spaß.

Und heute? Trendhauptstadt Europas in Sachen Mode – wird sie von Modeexperten genannt. Ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt auf vierzehn Inseln versprechen Abwechslung und entspannte Atmosphäre. Die Geschichte ist präsent, aber nicht aufdringlich. Jetzt, da der Leser mehr über diese außergewöhnliche Stadt weiß, gibt es keine Alternativen mehr: Koffer packen und die gelesene Geschichte erleben und aufsaugen!

Mein Nachrichtendienst

Mein Nachrichtendienst

Auch in der Fremde der Heimat verbunden sein – für Thomas Mann und seine Familie war ein (über-)lebenswichtiges Elixier. Der Zaubertrank waren die Briefe von Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia, Ehefrau und Rückstärkung des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dreihundertfünfundsiebzig Briefe schrieb sie von 1933 bis 1941 an ihre Tochter. Bis 1939 hielt sie es in Deutschland aus, emigrierte aber nach Enteignung und unerträglichen Demütigungen in die Schweiz, wo sie 1942 starb.

Als junge Frau eroberte sie die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre allseits beliebte Eloquenz bescherte ihr den Ruf einer exzellenten Gastgeberin und Rednerin. Diese Eigenschaft macht diesen fast zweitausend Seiten starken Doppelband zu einem Leseereignis, das seinesgleichen sucht. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten bereits 1933 Deutschland verlassen müssen, um dem Naziterror „abroad“ sich entgegenzustellen.

Natürlich konnte Hedwig von Pringsheim nicht alles so schreiben wie sie es gern wollte. Sie wählte Vergleiche aus Literatur und Musik, um die emigrierte Familie „aus dem Laufenden zu halten“. Nicht alle dieser Codes erschließen sich dem Leser auf den ersten Blick. Herausgeber Dirk Heißerer gibt im hinteren Teil jedes der Bände eine Verständnishilfe und knackt die wohl formulierten Gleichnisse.

So entsteht beim Lesen ein exaktes Abbild der Verhältnisse im Deutschland unter der Knute der Nazis und ihrer Schergen. Das jüdische Großbürgertum war durch – in einigen Teilen der Welt, aktuell im sich erschreckend rasant sich zum Schlechten entwickelnden Ungarn, weit verbreitete Vorurteile – besonders unter Beschuss geraten. Materiell litt die einstige wirtschaftliche und intellektuelle Elite besonders unter den Repressalien.

„Mein Nachrichtendienst“ ist eine Biographie einer Familie im dunkelsten  Deutschland, aber gleichsam eine Leidens- und Lebensgeschichte eines Landes, das so stolz auf seine Dichter und Denker, seine Errungenschaften und seinen Ruf als Land der Forscher war und es auch durfte. Dass die Nazis den Subtext nicht erkannten, liegt an ihrer Engstirnigkeit und Inflexibilität, aber vor allem an der geschickten Handhabung der Sprache durch Hedwig von Pringsheim. Der Doppelband ist sicherlich kein Buch, das man nebenbei liest. Der Stoff ist ein harter, teils amüsanter, weil er durchgegangen ist. Vor allem aber authentisch. Denn die Verfasserin der Briefe bot lang dem Regime die Stirn. Ihre Eigensinn und ihr scharfer Verstand erlaubte es ihr Einblicke zu geben, die so manchem „Weggucker“ verborgen blieb. Nun sind diese Briefe in einem eleganten Schmuckschuber in zwei Bänden erhältlich und definieren die literarische Aufarbeitung des zwölfjährigen Reiches neu.

Kerfe des Waldes

Kerfe des Waldes

Kerfe sind den meisten unter dem Begriff Insekten bekannt. Diese kleinen Biester, die im Sommer über der leckeren Torte herumschwirren. Aber auch dieselben kleinen Biester, die dafür sorgen, dass die Blumenpracht auch eine Pracht bleibt.

Hier ist nun das Standradwerk zur Bestimmung der Kerfe des Waldes. Alle „kleinen Biester“ werden hier in Originalgröße – das unverwechselbare Merkmal der Buchreihe – abgebildet. Aber nicht einfach nur so. Nein, feingliedrige Zeichnungen, die wirklich jedes Detail abbilden, verzaubern den Leser ab dem ersten Umblättern.

Vom Hirschhornkäfer haben viele schon einmal gehört. Wie er aussieht – davon haben noch weniger eine Ahnung. Und da Weibchen und Männchen unterschiedlich aussehen, werden auch beide abgebildet. Schmetterlinge faszinieren den Betrachter wegen ihrer Flugeleganz. Aber wer hat schon mal die Möglichkeit einen Schmetterling aus der Nähe in aller Ruhe zu beobachten? Meist sind die flinken Leichtgewichte sofort wieder weg. Dank der Abbildungen im Buch erfährt man, dass ein Zitronenfalter nicht nur komplett gelb ist, er hat vier kaum wahrnehmbare rote Punkte.

Prof. Dr. Gottfried Amann – der Autor – beschränkt sich allerdings nicht nur auf die bloße Abbildung der Kerfe des Waldes, Vielmehr erläutert er wissenschaftlich und zugleich leicht verständlich die Eigenschaften der vorgestellten Tiere.

Im Bilderteil legt er sein Hauptaugenmerk auf die Darstellung der Kerfe, aber nicht nur darauf allein. Eier, Larven und Puppen sowie die Fraßbilder werden genauso dargestellt. Wer also bei seinem nächsten Waldbesuch an einer angeknabberten Pflanze vorbeischaut, kann nun genau bestimmen, welches gefräßigeTier sich hier zu schaffen gemacht hat.

Die unglaubliche Vielfalt der Kerfe in unseren Wäldern erstaunt immer wieder. Und genauso erstaunt es den Leser, welch Aufwand die Macher des Buches betrieben, um wirklich jedes Insekt abzubilden.