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Von Pontius zu Pilatus – Redewendungen aus der Bibel

Von Pontius zu Pilatus

Durch das Internet sind viele Behördengänge unnötig geworden. Noch vor zwanzig, dreißig Jahren waren lange Wartezeiten, unkontrolliertes Hin-und-Herlaufen an der Tagesordnung. Wie bei Asterix sagten damals viele. Oder, dass man von Pontius zu Pilatus geschickt wurde. Gott sei Dank hatte dann auch dieser Tag mal ein Ende. Man fühlte sich wie im siebten Himmel, nach dem man mit Engelszungen auf jemanden eingeredet hatte und nicht immer zu allem ja und Amen gesagt hat. Hatte man das gewünschte Formular, hütete man es wie seinen Augapfel, verlor man es, spuckte man Gift und Galle, weil einem alles über den Kopf wuchs und keine Menschenseele einem helfen konnte. Und zu Hause musste man höchstpersönlich die Hiobsbotschaft überbringen. Man kam einfach auf keinen grünen Zweig. Um das Dutzend voll zu machen: Man wurde auf Herz und Nieren geprüft.

Schon in diesen wenigen Sätzen ist ein Dutzend Sätze versteckt, die allesamt auf das Buch der Bücher zurückgehen. Egal, ob man religiös ist oder nicht: Die Bibel hat immer noch einen gehörigen Einfluss auf unser Leben. Niemand kann sagen, dass er seien Hände in Unschuld wäscht, wenn es um Sprachbilder aus der Bibel geht. Sprachbilder machen eine Sprache erst lebendig. Man kommt schon beim bloßen Durchblättern ins Staunen (Da stehen einem die Haare zu Berge), wenn man sieht, wie oft man selbst die Bibel zitiert bzw. auf ihr basierende Redewendungen verwendet.

Man muss deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Man darf ruhig ein Herz und eine Seele mit der Sprache sein. Schlimm wird’s nur, wenn man das gesagte nicht erläutern kann, einfach etwas nachplappert, was andere vorgeben. Zum Abschaum der Menschheit gehört man deswegen noch lange nicht, aber es schadet nicht, wenn man weiß, warum man mit Engelszungen auf jemanden einredet.

Gerhard Wagner hat dem Volk und der Bibel aufs Maul geschaut – nein, das ist keine Redewendung aus der Bibel, nur, wenn er es stopfen würde, dann ja – und eines der interessantesten Sachbücher zum Thema Sprachgebrauch zusammengestellt. Er hat ja auch schon Übung. Aus seiner Feder stammen auch die Bücher „Das geht auf keine Kuhhaut“ und „Also sprach Zeus“, die sich mit Redewendungen aus dem Mittelalter und der Antike beschäftigten.

Sprache ist formbar. Sie unterliegt ständiger Veränderung. Es ist wie immer: Bewährtes, Gutes hält sich. Dieses Buch wird auf lange Sicht ein Klassiker bleiben!

Typisch Kroatien

Typisch Kroatien

Wenn man von der östlichen Adria die Rede ist, meint man Kroatien. Hier wurde schon immer ereignisreiche geurlaubt. Endlose Strände, wenn auch nicht immer der feine Sand. Kultur und Geschichte wohin das Auge reicht. Hier wurden Kaiser geboren, von hier aus regierten sie Reiche. Lukullische Exzesse im besten Sinne gehören zu Kroatien wie die Sonne am Firmament. Friederun Pleterski wirft (nicht nur im Untertitel) einen Blick hinter die Kulissen.

Herauskommt eine Liebeserklärung an das Land der Sonne im Spiegellicht der adriatischen See. Mal melancholisch, mal neugierig, mal sachlich, doch immer voller Vorfreude auf den nächsten Tag verführt die Autorin den Leser zum Verweilen und Träumen. Der nächste Urlaub ist schon so gut wie gebucht! Kroatiens Tourismusminister sollte schon mal einen Orden ordern.

Das Buch ist für alle, die Kroatien schon immer auf der Rechnung hatten, aber es noch nicht schafften, Dubrovnik, Split, Zagreb und Rijeka zu besuchen. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Friederun Pleterski führt gekonnt durch römische Stätten, vorbei an roten Sternen bis in die verstecktesten Ecken Kroatiens.

Arnold Pöschl setzt die Erkundungen der Autorin ins rechte Licht, seine Bilder wecken Fernweh.

Tiere im Zoo

Tiere im Zoo

Zoobesuche sind für kleine Menschen meist die erste Berührung mit der großen weiten Welt. Da sieht man Tiere, die man sonst niemals auf der Straße sehen würde. Maximal noch im Zirkus. Aber da muss mal still sitzen. Im Zoo ist man frei. Man kann herumtollen, Eis schlecken, oft wird man sogar herumgefahren. Und Mama und Papa haben den gleichen verzückten Blick drauf wie man selbst.

Die Verzückung wird noch gesteigert, wenn man Suri als Reisebegleiter hat. Suri, das ist die Abkürzung für Suricata suricatta. Auf deutsch: Ein Erdmännchen. (Randnotiz: Lieber Tom Cruise, bist Du sicher, dass Du bei der Namenswahl Deines letzten Kindes richtig lagst?) Suri ist ein vorwitziges Erdmännchen, das sich bestens im Zoo auskennt. Es kann zum Beispiel am Rüssel der Elefanten erkennen, woher sie stammen. Aus Afrika oder Asien. Piranhas, Orang-Utans oder Panther – sie alle sind Suris Freunde.

Mit Leichtigkeit erklärt Suri die Eigenarten der Nachbarn im Zoo. Zwischendrin kann man selbst etwas malen oder eigene Ideen aufschreiben. Ja, man darf im Buch herumkakreln. Am Ende wartet ein Quiz auf den Leser. Egal, ob Groß oder Klein.

Resteküche

Resteküche

Das überflüssigste Buch überhaupt! Denn wer Ingrid Pernkopf kennt, wer ihre Kochbücher kennt, wer ihre Kochkunst kennt, weiß: Hier bleibt nichts übrig! Alles Teller blitzeblank geleckt. Das ist kein Rest mehr da. Fertig! Geschirr abwaschen, abtrocknen, ab in den Schrank mit Teller und Besteck. Und doch gibt es dieses Buch. Über dreihundert Seiten.

Schon das Titelbild lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. So gelb kann ein Eidotter sein. Ein wahrhaft glückliches Huhn, das uns da beschenkte. Und die Champignons sind ja gar nicht glitschig. In welcher Dose werden die denn angebaut?

Um es vorweg zu nehmen: Ingrid Pernkopf kocht frisch. Dabei fällt immer mal wieder was an, das der Hund oder die Katze nicht so schnell stibitzen können. Und daraus wird dann was Leckeres gekocht. Oder man hat sich schon seit Tagen die Wampe vollgeschlagen (alles, was sich reim ist gut), und jetzt gibt es noch einmal einen leckeren Nachschlag aus der Küche Pernkopf. Da kommt man ins Schwitzen. Es passt einfach nichts mehr rein. „Kein Problem“, sagt Ingrid Pernkopf. Dann machen wir aus den Resten eben morgen was Nahrhaftes. Und was? Für die Neugier reicht es gerade noch: Kokosbusserl aus gehackten getrockneten Ananasstücken, Datteln und Feigen. Die sind immer im Haus, wenn man bäckt oder kocht. Und wer schafft schon (ohne Probleme!) eine ganze Packung Datteln zu verputzen?

Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt die Autorin einen kurzen Überblick darüber, was auf den nächsten Seiten aufgetischt wird. Schon mal eine Nudelette probiert? Nudeln schnippeln, Gemüse druntermischen. Anbraten, Parmesan drüber – fertig. Geht schnell, schmeckt köstlich. Nur der Biotonne knurrt nun der Magen.

Smoothies sind die It-Girls der Resteküche. Einfach ein paar nicht mehr ganz so ansehnliche Früchte (auch die kann man immer noch essen, sie gewinnen halt nur keinen Schönheitspreis mehr) zerkleinern und vermengen. Vitaminreich sind sie allemal noch.

Und hinterher einen Eier… na was kommt jetzt? … nee, kein –likör. Ein Eiercognac. Der Rest bei diesem Rezept bezieht sich auf Eier, nicht das geistreiche Gesöff.

Die „Resteküche“ ist kein Etepetete-Kochbuch. Hier wird ehrlich auf den Küchentisch gehauen und gegessen, was auf selbigem steht. Und zwar bis zum Tellergrund. Aber vor allem lecker!

Verschwundene Reiche – Die Geschichte des vergessenen Europas

Verschwundene ReichePuh! Knapp tausend Seiten Geschichte von Ländern, die es nicht mehr gibt. Ist bestimmt staubtrocken. So ein dicker Wälzer kann doch gar nicht spannend sein. Wie will man denn so lange die Spannung hochhalten? Ganz einfach: Wenn man Norman Davies heißt, ausgemachter Experte für Geschichte ist, jahrelange Erfahrung im Vorträge halten vor wissbegierigen Studenten ist – und die dabei mühelose bei Laune hält – ist das nun wirklich kein Problem!

Norman Davies schafft es durch die Jahrhunderte zu pflügen ohne dabei auch nur einen Grashalm zu beschädigen. Reichlich anderthalb Jahrtausende fasst er auf knapp tausend Seiten zusammen. So manches Reich kennt man. Burgund – man denke nur an das Nibelungenlied. Oder Etrurien, die „französische Schlange im toskanischen Gras“ wie es der Autor nennt. Aber auch die Eintagesrepublik Ruthenien in der heutigen Ostukraine (wie aktuell) und Westslowakei, die sich im März 1939 in den Wirren des heraufziehenden Unglücks bildete.

Das Buch macht Einigen wegen seines Ausmaßes ein kleines bisschen Angst. Doch keine Bange, das Buch liest sich wie ein spannender Roman. Geschichtliche Hintergründe werden mundegerecht aufgearbeitet. Figuren bekommen die passende Garderobe (im übertragenen Sinne). Allianzen werden dargestellt, Befindlichkeiten erläutert.

Wer im Geschichtsunterricht immer nur Entspannung fand, weil der Kopf stets in der Waagerechten sich befand, wird hier eine neue Art Geschichtsunterricht kennenlernen dürfen. Ganz ohne Morgenappell. Ganz ohne ideologischen Schnickschnack. Aber dafür mit ausholender Leidenschaft, die jeden packt, der auch nur einen Hauch Interesse an Vergangenem sein eigen nennt.

Zahlreiche, wahrhaftige Zeugnisse und Abbildungen bereichern das Buch. Zeit- und Ahnentafeln helfen beim Verständnis. Norman Davies bedient sich der alten Kunst Geschichte zu erzählen. Er benutzt Sprachbilder, die wie ein Film während des Lesens vor dem Auge des Lesers ablaufen. Norman Davies kommt ohne den Videobeweis aus. Denn er verfügt über die Macht der Worte. Fast wähnt man sich unter den Kriegern Borussias. Oder den Strippenziehern der Häuser Hannover und Wettin.

Ach Geschichte kann so anschaulich spannend sein. Nach diesen knapp eintausend Seiten will man mehr Vergangenheit atmen.

Die 40 bekanntesten historischen und archäologischen Stätten in Istrien

Die 40 bekanntesten historischen und archäologischen Stätten in Istrien

Es sind Bücher wie dieses, die einen Urlaub zu einer unvergessenen Zeit(reise) machen. Istrien, die Halbinsel, die sich Italien, Slowenien und Kroatien teilen, war schon in der Antike besiedelt. Schatzsucher können sich hier und da noch richtig austoben. Wolfram Letzner hat sich ausgetobt. Und er hat noch nicht genug. Vierzig Stätten, die exemplarisch für die Entwicklung Istriens (und längst verschwundener Reiche) stehen, hat er besucht und für den Leser seziert.

Bis in die Ur- und Frühgeschichte reichen die Fundorte. Monkodonja wird die Mykene Istriens genannt. Wer sich auch nur ein bisschen anstrengt, kann sich die Siedlung vor dreitausend Jahren vorstellen. Ein grandioser Ausblick bis zur Küste der Adria hin. Sehr gut erhaltene Mauerreste zeugen noch heute von der Geschicklichkeit der Handwerker.

Oder Milje, italienisch Muggia. Waffenschmiede einst, heute ein idyllisches Örtchen mit einer interessanten Geschichte. Die liest man aber lieber nach oder besucht Muggia selbst.

Die zahlreichen Abbildungen verstärken die Sehnsucht Istrien fernab vom Touristenmob zu erkunden. Wunderschöne Landschaften mit Resten von Tempeln, Festungsanlagen und noch intakten Gebäuden laden zum Verweilen und zu eigenen Nachforschungen ein. Wie ein kleiner Junge hüpft man von Mauerrest zu Mauerrest, stellt sich die Welt vor Jahrhunderten und Jahrtausenden vor. Aktivurlaub mal anders.

Die zahlreichen Übersichtskarten dienen als Landkarte durch die Vergangenheit und Wegweiser durch die Gegenwart. Und das Beste: Man lernt so ganz nebenbei noch was. Nach dem Urlaub, in geselliger Runde, kann man mit echtem Fachwissen glänzen. Während Andere sich an Souvenirständen mit allerlei Folklore eindecken, hat man selbst Folklore am eigenen Leib erfahren und erkundet. Der flexible, robuste Einband nimmt keinerlei Schaden, wenn man immer wieder drin blättert. Ein echter Reiseführer durch die Geschichte, vom Alten Rom bis in unsere Zeit.

Kopenhagen – Eine Biografie

Kopenhagen - Ein Biografie

Die dänische Hauptstadt Kopenhagen ist eng mit einer Märchenfigur verbunden, der kleinen Meerjungfrau. Sie verließ ihr angestammtes Terrain, um mit einem Prinzen an Land zusammen sein zu können. Der jedoch nahm eine andere. Die Meerjungfrau stürzte sich in die Fluten und schwebte nur als Geist über dem Land. Vor über hundert Jahren wurde eine Statue im Hafen Kopenhagens errichtet. Der Körper ist der Ehefrau des Bildhauers Edvard Eriksen nachempfunden. Das Gesicht der Primaballerina Ellen Price, die in dem gleichnamigen Ballett mit so viel Grazie die Meerjungfrau verkörperte. Das Wahrzeichen der Stadt – obwohl nur etwas mehr als einen Meter hoch – war des Öfteren Ziel vereinzelter Anschläge. Die Meerjungfrau, die heute Touristen als Fotomotiv gilt, ist also die Kopie der Kopie der Kopie …

„Kopenhagen – Ein Biografie“ ist Stadtgeschichte zum Anfassen. Zweiundvierzig Portraits von Künstlern, Denkern und Lenkern der Stadt Kopenhagen und des Königreiches Dänemark laden nicht nur zum Lesen ein. Die kurzweiligen Kapitel verführen geradezu zum Verreisen.

Auf den ersten Blick ist Kopenhagen nicht das Reiseziel Nummer Eins unter Europas Metropolen. Aber nur auf den ersten Blick. Denn Kopenhagen ist voller Geschichte und Geschichten. Berühmte Forscher lebten und wirkten hier, Niels Bohr zum Beispiel. Weltverzaubernde Dichter nisteten sich hier ein, Hans-Christian Andersen, um nur einen zu nennen.

Ihre Hinterlassenschaften bilden den Rahmen für ausgedehnte Spaziergänge durch die idyllische Stadt am Øresund. In seiner 800jährigen Geschichte hat Kopenhagen viel erlebt. Und Matthias Bath hat die Interessantesten in diesem Buch zusammengetragen. Ohne viel Tamtam entwirft er in kurzen Kapiteln das Portrait einer Stadt, die es wert ausgiebig erkundet zu werden. Kenntnisreich und wortgewandt ist dieses Buch der ideale Reiseleiter durch Kopenhagens Historie.

Astrid Lindgren – Eine lebenslange Kindheit

Astrid Lindgren

Astrid Lindgrens Bücher gehören in einen Bücherschrank wie die Butter aufs Brot. Millionenfach verkauft und milliardenfach begeisternd. Ihr Michel, ihre Ronja, und natürlich ihre Pippi sind unsere Michel, unsere Ronja und unsere Pippi. Kaum ein Kind, das sich nicht in die Geschichten der heldenhaften Kinder vertieft hat.

Klar, dass es bei den zahlreichen Biografien der berühmtesten Schwedin auch zu Verwaschungen kommt. Birgit Dankert räumt mit so manchem Vorurteil auf und nähert sich sachlich-nüchtern der großen Schriftstellerin. Ihr Urteil, das sie im Untertitel fällt, ist „eine lebenslange Kindheit“.

Nun war Astrid Lindgren natürlich keine Träumerin, die den ganzen Tag nur Unsinn anstellte. So jemand kann gar nicht so nachhaltig schreiben und wirken. Doch die Liebe zu Kindern, ihr Kampf für deren Rechte waren beseelt von der eigenen Kindheit.

Als zweites von vier Kindern wuchs Astrid Ericsson auf dem Hof der Eltern auf. Die Natur gehörte zum Alltag wie der König zu den Schweden – ihre Eltern waren überzeugte Royalisten. Die Zuneigung zum Vater spiegelt sich auch in ihren Werken wider. Oft gab es einen harten Kampf mit ihrem großen Bruder Gunnar, wer denn nun beim Vater schlafen darf. Dass sie sich um die beiden „Kleinen“ sorgsam kümmerte, bezweifelt Birgit Dankert. Es war zwar die Aufgabe der Großen sich um die Kleinen zu kümmern, doch so besorgt wie man vermuten könnte, war das Mädchen Astrid wohl nicht.

Eine Lehrerin in der „Folkskolan“ weckt das Interesse für Bücher in Astrid. Jules Vernes Phantasien, Dumas Graf von Montecristo und Twains Tom Sawyer wurden ihre ersten geistigen Flüchte. Die übrigens auch heute noch keine schlechten Einsteiger sind… Die Bibliothek ist teilweise heute noch zu besichtigen.

Astrid Lindgren ist auch heute noch eine Institution, wenn es um die ersten Leseerfahrungen geht. Doch ihr Werk birgt mehr als nur bloße Kindergeschichten. Wer ihre Biographie kennt – und mit diesem Buch ist dies kein Problem mehr – wird in so mancher Geschichte Parallelen feststellen können.

Land unter dem Nordlicht

Land unter dem Nordlicht

Unser Wissen über Finnland hält sich in Grenzen. Ein paar Sportler huschen jeden Winter über unsere Bildschirme, die Sprache stellt ein nie enden wollendes Konsonantenrätsel dar, und die finnischen Ein-, Zwei, und Fünf-Cent-Münzen besitzen Sammlerwert, da sie in ihrem Heimatland kaum benutzt werden. Musikfans erfreuen sich an den Kompositionen von Jean Sibelius über HIM bis zu Sunrise Avenue. Sportfans schwärmen von Paavo Nurmi, Matti Nykänen und Kaisa Mäkäräinen.

Nicht viel für ein Land, dass zur EU gehört, den Euro benutzt und dessen Technologie in einem Großteil der Haushalte vorhanden ist. „Land unter dem Nordlicht“ ist das erste einbändige Buch, das die Kulturgeschichte Finnlands auf verständliche Art und Weise darlegt. Gleich zu Beginn kommt man ins Staunen. Denn am Bottnischen Meerbusen wächst das Land immer noch. Und zwar um fast einen Zentimeter pro Jahr. In die Höhe. Wenn man also von einer durchschnittlichen Lebensdauer von achtzig Jahren ausgeht, kann man seinen Ausguck um über 60 Zentimeter erhöhen. Das ist es vielleicht auch, was die Finnen so besonders macht. Immer neue Horizonte suchen.

Die Besiedlung Finnlands ist so alt wie unsere Zeitrechnung. Also ungefähr. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte Finnland zu Schweden, danach richtete man den Fokus gen Osten. Bis 1917 war Finnland Teil des Russischen Zarenreiches. Obacht – Jubiläum!

Machen wir einen Sprung in die Gegenwart und jüngere Geschichte. Finnland unterscheidet sich in einem weiteren Punkt erheblich vom Rest Europas. Das Bildungssystem wird regelmäßig bei PISA-Studien lobend erwähnt. Seit den 50er Jahren wurden systematisch in allen Landesteilen Universitäten und Fachhochschulen gegründet. Ganztagsschulen sind in Finnland nicht Bestandteil der Leitkulturdiskussion, sie sind Realität. Und das ganz ohne Gezeter. Zwanzigtausend neue Studenten jährlich an den Unis, dreiunddreißigtausend Studenten jährlich an Fachhochschulen – beachtliche Zahlen bei einer Einwohnerzahl von fünfeinhalb Millionen.

Das Verständnis von Kultur, zumindest das erweiterte Grundwissen stellen eine elementare Grundlage des Zusammenlebens dar. Dieses Buch trägt einen gehörigen Anteil dazu bei, dass Finnland in unseren Augen nicht mehr nur das Land der hochkonzentriert dreinschauenden Skispringer ist. Der nostalgisch anmutende Titel ist bewusst gewählt. Die Finnen sind ein oft melancholisches Volk. Aber von Trübsinn sind sie weit entfernt. Finnland ist die etwas andere Oase im Gewühl Europas. Und jetzt verstehen wir sie ein bisschen besser.

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie – hätte es ihn nicht gegeben, man müsste ihn erfinden. Kurz nach Kriegsschluss landet Edward Kraj, den die Nazis den Namen Kray gegeben haben, im Rheinland. Der Schwarzmarkt blüht. Ein Pelzmantel wechselt für drei Stangen Zigaretten den Besitzer. An guten Tagen gibt Eddie auch schon mal vier Stangen. Er hat connections zu den neuen Besatzern, amerikanischen britischen Soldaten und Offizieren. Die sind immer an einem guten Geschäft interessiert. Eddie auch. So mancher Bruch bleibt nicht unerkannt, doch ungesühnt. Eddie wird zu einer festen Größe im „Handel“.

Doch hat Eddie auch eine Geschichte, eine traurige, tragische. Er ist gerade mal 15 Jahre alt der Krieg beginnt, und er sich als Waise durchschlagen muss. Die Gestapo nimmt ihn in Gewahrsam und schickt ihn nach Köthen, wo er in einer Kistenfabrik schuften muss. Die Arbeit stellt für Edward keine Gefahr dar. Vielmehr die Wärter, Aufseher und Vorgesetzten. Schachspielen mit Freunden wird zu seiner Flucht. Wenn abends die Knochen schmerzen sind es die strategischen Finessen, die so manche Pein verblassen lassen.

Ihm gelingt die Flucht aus dem Arbeitslager. Er schlägt sich bis Minden durch, wo er abermals gefasst wird. Im neuen Lager herrscht die Hölle auf Erden. Die Aufseher machen sich einen Heidenspaß daraus die Gefangenen zu drangsalieren, wann immer es geht. Scheinhinrichtungen zehren an den Nerven, auch von Edward.

Sabine Kray hat jahrelang recherchiert, um die Lebensgeschichte von Eddie Kray aufzuschreiben. Sie hatte einen guten Grund: Eddie Kray war ihr Opa. Ihr Vater Achim erfuhr im Teenageralter von den Geschäften seines Vaters. Wuchs er zuerst ohne den nötigen Vater auf, so beängstigte ihn nun die Vorstellung den Rest des Lebens wieder ohne Vater da zu stehen. Die Besuche des Bökelbergs, als die Borussia aus Mönchengladbach zu den bestimmenden Fußballclubs in Europa gehörte, waren die Höhepunkte der gemeinsamen Zeit. Da hatte der Vater aber schon zwei Haftstrafen hinter sich. Und nicht den Willen sich zu bessern.

Sabine Krays Buch beginnt mit Kapiteln voller Verluste. Erst Diamanten in der Disco, dann die Eltern, die Todesanzeige einer Freundin, und der Verlust der Freiheit durch die Gestapo. Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Immer wieder springt sie zwischen der Nazizeit und den 70er und 80er Jahren. Die Entwicklungen Edwards und Eddies tragen gemeinsame Züge. Immer wieder plagen Eddie Erinnerungen an Edwards Schicksalstage in Schlamm und Elend. „Diamanten Eddie“ ist keine bloße Aufzählung der Streifzüge eines galanten, eloquenten Gauners, der die Frauen liebte, dennoch keinen echten Familiensinn erleben konnte. Es ist eine Denkschrift an Millionen Strafarbeiter und das eines einzelnen, der später mit aller Macht sein Glück suchte. Es leider nur kurzzeitig fand.