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Harper Lee und Truman Capote: Eine Freundschaft

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Man kann es sich ganz einfach machen und „Wer die Nachtigall stört…“ und „Andere Räume, andere Stimmen“ lesen und dieses Buch nicht. Oder man liest dieses beiden Bücher und dieses hier nacheinander und versteht alle Drei auf einmal. Letzteres ist zu empfehlen. Denn die Biografien der beiden Ausnahmeschriftsteller und ihrer ersten (im Fall von Harper Lee einzigen) Meisterwerke gleichen sich nicht nur in einigen Zeilen, sie sind die Basis ihres Erfolges.

Monroeville, Alabama, USA, Ende der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Von wegen Roaring Twenties! Nix mit Perlenketten, Charleston und maßloser Alkoholgenuss. Okay, das Letzte vielleicht, aber König Alkohol soll erst Jahre später eine Rolle im Leben der beiden spielen. Ein blasses Kind prügelt sich, und ein Mädchen sieht nicht zu. Sie ergreift für den blassen Jungen Partei. Das Mädchen ist Nelle Harper Lee und der Junge Truman Capote, damals noch Persons. Beide finden in ihrem Baumhaus das Refugium, das er in einer Geschichte verarbeiten wird und sie als ewige Zuflucht empfinden wird. Hier reift ihr Gedanke gemeinsam berühmt zu werden und als Schriftsteller den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihre Erstlinge werden zu Welterfolgen. „Wer die Nachtigall stört…“ wird der einzige vorzeigbare Beweis der Genialität von Harper Lee bleiben. Auch wenn es mittlerweile einen „Nachfolger“ gibt. Truman Capote steigt mit rasant mit „Andere Räume, andere Stimmen“ in den Olymp der amerikanischen Literatur auf. Dort festigt er seinen Platz mit „Kaltblütig“ und „Frühstück bei Tiffany’s“.

Der Erfolg verändert beide. Capote und Lee beginnen zu trinken, er auch Drogen zu nehmen. Sie entfernen sich zusehends voneinander. In ihren Werken beschreiben sich gegenseitig. Scout und Dill sind Spiegelbilder ihrer selbst. Der blasse Junge und das freche, aufmüpfige Mädchen. Das sind Truman und Nelle als Kinder.

Alexandra Lavizzari gelingt es auf spannende Art beide Lebenswege immer wieder zusammenzuführen und das Auseinanderdriften der beiden elegant zu sezieren. Truman Capote lässt sich von der High society vereinnahmen, wird zum geliebten, gefürchteten und gehassten Bestandteil selbiger, während Harper Lee sich immer mehr zurückzieht und ihr Golf-Handicap verbessert. Capote lästert über und berauscht sich am Being-A-Darling der Oberen zehntausend, Lee wandelt auf den Spuren Salingers und vergräbt sich in der Bedeutungslosigkeit.

Was der eigentliche Grund des Bruches zwischen den beiden war – sofern es ihn je gab – kann niemand sagen. Warum auch?! Eine verschlossene Person und ein extrovertierter, ruhmsüchtiger Mensch – da ist immer viel Platz für Spekulationen. Alexandra Lavizzari zählt lediglich die Fakten auf und hält sich mit Mutmaßungen angenehm vornehm zurück.

Das gemalte Ich

Das gemalte Ich

Seit der Oscarverleihung 2014 gibt es den Begriff der Selfies als Moderatorin Ellen Degeneres sich ins Publikum warf und mit Blockbuster-Garanten sich selbst einem Millionenpublikum näherte. Alle warfen sich wie tollwütig auf den neuen Trend. So was gab’s ja noch nie!

Haha. Hätten man da mal jemanden gefragt, der sich damit auskennt. James Hall zum Beispiel. Er ist Kunsthistoriker und hat unter anderem für den „Guardian“ als Kritiker gearbeitet. Als Mann der Künste hat er sich sicher nicht von der Show der Eitelkeiten verleiten lassen dieses Buch zu schreiben, doch eine gewisse Nähe zum Ausgangspunkt des Hypes ist nicht abzustreiten.

Künstler haben es seit jeher genossen sich selbst abzubilden. Spiegel und Leinwand aufgestellt, Farben gemischt und sich ins rechte Licht gerückt, damit sich nachfolgende Generationen ein Bild des Künstlers machen können. Das Titelbild zieht den Betrachter schon magisch an. Wilde Farbenspiele, exzentrische Pinselführung, tote, nichtssagende Augen – Vincent van Gogh. Es ist ein Ausschnitt eines – seines – Portraits aus den letzten Jahren des Künstlers. Er hat sich gern und oft gemalt. Wer sich die Bilder in der Reihenfolge ihrer Entstehung anschaut, kann ein wenig in der Biographie des Künstlers lesen. Ein junger frischer Mann mit wachem Blick, der die Welt aus den Angeln hebeln wird. Zum Ende ein gebrochener Künstler, der an seinem Talent und seinem Misserfolg, an persönlichen Schicksalsschlägen zugrunde ging. Das Gesicht als Spiegelbild der Seele. So manch einer fühlt sich in seiner emotionalen Welt zur Wahrheit verpflichtet und trägt sein Inneres nach außen. Bei van Gogh ist es nun einmal so, dass er heute einer der gefeiertsten Künstler ist, dessen Bilder regelmäßig Höchstpreise erzielen. Für ihn zu spät, für die meisten heute unbezahlbar. Aber in Museen immer noch ein Höhepunkt des Besuches.

James Halls Ausführungen beginnen aber nicht beim verzweifelten Genie van Gogh. Bereits im Altertum taten Künstler sich gütlich sich selbst abzubilden. Bis eine eigene Kunstgattung daraus erwuchs. Bücher über Kunstgeschichte lesen sich oft ein bisschen zäh, weil man dem enormen Wissen der Autoren glauben muss. Bei den Selbstportraits kann man auch als Laie ein bisschen mitreden. Denn so ziemlich jeder hat sich schon mal sein Smartphone geschnappt und mehr oder weniger heimlich den Arm ausgestreckt und in die Kamera gelächelt, das Gesicht verzogen und dann das „Meisterwerk“ in die virtuelle Welt hinaus gesandt. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz wird sich wohl Gedanken darum gemacht haben, welch Tradition da wieder belebt wurde. Dank James Hall wird so manches Duckface nun in einem anderen Licht dargestellt – und hoffentlich bald auch wieder verschwinden.

Wer in Zukunft Museen auf der ganzen Welt besucht, wird etwas intensiver in den Gesichtern der Modelle schauen, nach Geheimnissen graben und vielleicht auch so manche Geschichte entdecken. Ganz sicher jedoch wird man sich an das eine oder andere Kapitel aus diesem antiken Buch der Selfies erinnern. Die zahlreichen Abbildungen sind sorgsam ausgewählt und vermitteln eine Kompletteindruck der Physiognomie des menschlichen Antlitzes.

Wien abseits der Pfade, Band II

Wien abseits der Pfade 2

Man hätte es sich ja schon fast denken können. Ein etwas anderer Reiseband durch Wien, der die Wege neben den ausgetretenen Pfaden beschreibt reicht nicht aus. Schnell war die Idee von einem Nachfolgeband geboren und nun ist die Geburt vonstattengegangen, das Neugeborene erfreut sich bester Gesundheit. Jetzt kommen die alle Neugierigen, um das neue Produkt zu begutachten. Doch sie bringen keine Geschenke, sie wollen etwas von dem Neuen. Dann sollen sie es auch bekommen, meint der stolze Vater Georg Renöckl. Aber seien Sie gewarnt: Die Postkarenidylle der Donau-Metropole wird ganz schön ins Wanken geraten!

Stephansdom, das Kunsthistorische, Stadtgarten – alles wunderbare Plätze, an denen es sich aushalten lässt. Keine Frage. Aber das kennt man schon, ist so bekannt, dass man es kaum noch wahrnimmt. Links und rechts schauen, immer mal wieder abbiegen, schnüffeln, stöbern, erkunden – das steht von nun an auf dem Eroberungsplan für Wien.

Auf den ersten Blick klingt es nicht besonders schmeichelhaft, wenn eine Tour durch Wien angeboten wird, die die hässlichsten Orte der Stadt zeigt. Doch Mr. Ugly macht das mit so viel Charme, dass es selbst dem weltberühmten Wiener Schmäh die Schamesröte in die Wangen schießen lässt. Eugene ist Engländer mit irischen Wurzeln und hat nun selbige in Wien geschlagen. Er will nicht den Ruf der Stadt zerstören, sondern eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihren Auswirkungen auf die Zukunft in Gang bringen. Seine Touren sind also keine reinen Touristenangebote. Aber für Besucher sicherlich erkenntnisreicher als so manch andere begleitende Führung.

Eine Großstadt wie Wien bringt man nur schwerlich mit Landwirtschaft in Verbindung. Und mit Schnecken schon gar nicht! Doch sind sie es, die vor den Toren der Stadt zu tausenden wachsen, gedeihen, ja sogar gezüchtet werden. Und zwar vom einzigen Schneckenzüchter Wiens. Zum Abschied gibt es für den neugierigen Leser noch ein Rezept für Schneckenbeuschel, bzw. Altwiener Schneckenragout. Altwien – also keine Erfindung der Moderne wie beruhigend.

Beruhigend kann man nun auch wieder nach Wien reisen. Denn es gibt ein neues Buch, das die (bisher) unbekannten Seiten zeigt. Vorbei die Zeiten, in denen man – wie immer – das ewig Gleiche betrachtet, nur weil man einmal da ist. Die Spannung war irgendwie weg. Jetzt kommt neuer Schwung in die Wien-Besuche. Und dieses Mal lohnt es sich wirklich den reiseband vorher komplett durchzulesen und einzelne Ausflüge zu planen. Am Ende gibt es ausgewählte Tipps für Orte zum Verweilen und Vertiefen.

Bei so viel neuen Orten, die man noch nicht kennt, und die man unbedingt sehen will und muss, stellt sich nur noch eine Frage: Wann kommt Band 3?

Lesereise Baskenland

Lesereise Baskenland

Das wohl schwerste Buch für Georges Hausemer. Auf der einen Seite möchte er gern seine innige Zuneigung zum Baskenland nach außen tragen, auf der anderen Seite weiß er aber auch, dass zu viel Werbung auch zu viel Gleichschaltung, Massentourismus und Identitätsverlust mit sich bringen. Am Ende des Buches drückt er die Daumen, dass Donostia, so der baskische Name von San Sebastian, nicht den Zuschlag für den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ erhält. Nun, der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Zusammen mit dem polnischen Wrocław ist San Sebastian dieses Jahr die Kulturhochburg Europas.

Nichts desto trotz sollte man dieses Buch lesen, wenn man sich entschließt Bilbao, San Sebastian, die baskische Küche, Pelota, Baskenmützen, Guggenheim und so manch anderes typisch Baskisches zu besuchen. Denn Georges Hausemer kennt das Baskenland, nennt Donostia seine Lieblingsstadt und hat hier mehr als einmal die schönste Zeit des Jahres verbracht (und im eigenen Verlag einen Stadtreiseband veröffentlicht).

Bis vor wenigen Jahren war das Baskenland das Stiefkind der iberischen Halbinsel. Es war zwar da, man kannte es, aber besuchen? Nee, da gab es schönere, entwickeltere Orte. Hier rauchten die Schornsteine, regnete es ununterbrochen, alles irgendwie unfreundlich. Das Wetter konnte selbst der Zahn der Zeit nicht ändern, aber den Rest schon. Bilbao war eine der Städte, die man nicht freiwillig besucht hätte. Überall Industrie, nichts Freundliches – um es übertrieben auszudrücken. Dann kam die Idee eines Museums. Nicht irgendeines Museums. Guggenheim wollte hier eine Dependance eröffnen. Und Frank O. Gehry sollte es bauen. Und er tat es. Eine Augenweide, ein Traum aus Betan, Glas, Titan. Aber auch mit Effekt? Jährlich pilgern eine Million Menschen ins Museum, anfangs ging man von knapp der Hälfte aus. Mission erfüllt. Tausende Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen. Die Umgebung angepasst, die Schornsteine erfolgreich zum Rauchverzicht aufgefordert. Bilbao kann sich nun sehen lassen.

Georges Hausemer blüht richtig auf, wenn er von den Männerkochclubs, den

Txokos erzählt. Oder von der friesischen Übernahme einer Insel. Oder von den Spielarten des pelota, des baskischen Nationalsport. Oder, oder, oder. Künstler, Köche, Bauern – die Menschen im Baskenland sind scheu, wenn man neu und neugierig ist. Politik ist kein gutes Thema, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber wenn sie sich einmal öffnen – und Georges Hausemer ist einer der wenigen Privilegierten, den sie sich mitteilen – sprudelt ihr Stolz auf ihre Kultur über. Dem Leser wird das Auge übergehen, wenn er dieses Buch liest. Näher als Andalusien oder Madrid, traditionsbewusst und voller Dinge, die es noch zu erkunden gilt. Aber alles mit Vorsicht! Damit dieses Buch nicht so schnell an Aktualität verliert.

Peter Falk oder Die Kunst, Columbo zu sein

Die Kunst Columbo zu sein

Peter Falk war ein Schauspieler, der unersetzlich war. Las und liest man in der Fernsehzeitschrift, dass ein Film mit ihm läuft, kann man ruhigen Gewissens einschalten. Sein Columbo läuft bis heute noch im deutschen Fernsehen. Auch wer alle Folgen schon einmal gesehen hat, schaut sie sich immer wieder gern an. Kein anderer hätte den zähen, enervierenden Ermittler spielen können. Doch Peter Falk war mehr als Columbo.

Bevor er am 20. Februar 1968 das erste Mal Columbo verkörpert, hat er schon zwei Oscar-Nominierungen und einen Emmy-Award erhalten. Gern wird er als Bösewicht – wohl auch wegen seines Glasauges, das er mit drei Jahren bekommen hat – besetzt. Doch das reicht ihm nicht. Er hat sich noch nie und wird sich nur einmal in eine Rolle zwängen lassen. Und ist und bleibt Columbo.

Den Mantel hat er übrigens selbst eingeführt. Die Schuhe auch. Der Erfolg von Columbo überrascht alle. Die Einschaltquoten steigen von Folge zu Folge. Columbo / Peter Falk wird zu einer Institution. Er kassiert eine großartige Gage, die selbst die der Gaststars übersteigt. Größen wie John Cassavetes, Ray Milland oder Leonard Nimoy geben sich die Klinke in die Hand, um sich von Columbo überführen zu lassen.

Zwischen den Drehs – acht Folgen gehören zu einer Staffel – ist Peter Falk nicht tatenlos. Er dreht Filme, die er als Columbo niemals drehen könnte. Die Figuren und auch die Machart der Filme stärken seinen Ruf als eigenwilligen und zielstrebigen Filmmenschen.

Uwe Killing hat sich als Thema einen dankbaren und umfangreichen Schauspieler ausgesucht. Die Sympathiewerte eines Peter Falk werden nur von wenigen Berühmtheiten annähernd erreicht. Die unglaubliche Fülle an Anekdoten, die der Autor in diesem Buch zusammengetragen hat, erfreut das Herz eines jeden Columbo-Fans. Er verzichtet wohlwollend auf das bloße Aufzählen der Filme. Vielmehr schafft er es nur durch Erwähnen der Titel und Schauspieler und Regisseure die Ehrfurcht vor dem großen Peter Falk zu verstärken. Wer Peter Falk bisher nur als Columbo kannte (welch Frevel), ist von nun an eine Fan des gesamten Lebenswerkes sein, das in der Rolle des Applebaum in „Checking out“ fulminant Parallelen zwischen Schauspieler und Charakter aufweist.

Das unbekannte Leben des kunstinnigen Peter Falk spielt in diesem Buch die gleiche Rolle wie das Öffentliche, auf der Leinwand Ausgelebte. Dieses Buch gehört zur Pflichtlektüre für alle diejenigen, die Film als mehr als nur Berieselung ansehen. Anfangs war Peter Falk ein Schauspieler, der mit jemandem spielen durfte. Mit Columbo war er es, mit dem sich die Kollegen brüsteten spielen zu dürfen.

Stern von Algier

Stern von Algier

Die Zukunft sieht nicht rosig aus, die Gegenwart ist trist. Doch Moussa lässt sich nicht beirren. Er wird der neue Michael Jackson. In einem Land wie Algerien, irgendwann in den 90er Jahren, ein schönes Ziel. Eine Notwendigkeit. Denn ohne Ziel ist man in diesem Land verlassen.

Kablyischer Chanson nennt sich die Musikrichtung, benannt nach der Gegend, aus der er kommt. An der Wand das große Idol, in der Tasche der Walkman. Sind die Batterien leer, verzichtet Moussa auf vieles. Hauptsache das teil dudelt. Auf dem Schwarzmarkt kosten Batterien oft das Zehnfache des normalen Preises. Aber es gibt dort welche. Musik ist sein Leben, sein Traum.

Und es scheint auch wirklich voranzugehen. Er hat Auftritte, bekommt Zeit in einem Aufnahmestudio, Plakate für Konzerte werden gedruckt. Aber es gibt auch die Schattenseiten. Seine Freundin verlässt ihn, seine Freunde sind ihm fremd geworden. Alles ist ihm fremd. Islamisten stehen an allen Ecken. Das Land steckt in einer Krise. Korruption und Machtverlust bestimmen die Gazetten.

Der große Traum rückt immer weiter in den Hintergrund – Moussa wird immer unzufriedener. Die Aufnahmen geraten nicht so wie er dachte. Als sein Lied im Radio gespielt wird – gebannt hockt er sich vor den Empfänger – erkennt er sein eigenes Lied nicht wieder. Völlig entstellt! Er stellt die Verantwortlichen zu Rede, sie ihn im Regen stehen. Die Wut kocht in ihm hoch. Bis… , ja bis es eskaliert!

Aziz Chouaki schreibt in „Stern von Algier“ von einem Mann, der sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Doch auf dem nach oben, in ein besseres, hoffnungsvolles Leben, muss er steinige Treppen überwinden. Immer wieder stolpert er von einem Reinfall in den nächsten. Der trostlose Alltag ist noch zu stemmen. Genug Übung hat Moussa schließlich. Doch, wenn es um seine Träume geht, entwickelt er ungeahnte Kräfte. Leider nicht immer zu seinem Besten. Gitarren statt Knarren könnte der Untertitel sein. Ein frommer Wunsch, der dem Schicksal des jungen Musikers als Leitbild dient, und schlussendlich nicht als Enttäuschung für ihn parat hält.

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Zürich, die elegante Stadt an der Limmat, am idyllischen See. Wer dort weilt, holt sich was weg. Und zwar eine geballte Ladung Eindrücke und Geschichte. Bei so viel Finanzgebaren vergisst man schnell, dass schon vor Jahrtauenden hier die ersten Siedler ihre Zelte aufstellten, die Kelten und die Römer Kastelle errichteten und die Stadt zu einem wichtigen Handelsort machten.

Thomas Lau gibt in seiner „Kleinen Geschichte Zürichs“ mehr als einen kleinen Einblick in die Vergangenheit der Stadt. Wer Zürich außerhalb von Reiseführern erkunden will, findet in diesem Buch den idealen Reiseguide, der kenntnis- und detailreich zu berichten weiß.

Immer wieder lockern kleine Anekdoten das Geschichtsbuch auf, um den Leser nicht mit Zahlen und Ereignissen zu überfrachten. Das Buch liest man nicht in einem Ritt durch. Auch zweihundert Seiten können eine Unmenge an Fakten aufweisen. Stück für Stück, Jahrhundert für Jahrhundert, nähert man sich dem Zürich wie man es heute kennt. Auf den Spuren von Dichtern und Gelehrten wandelt der Leser durch die heimliche Hauptstadt der Schweiz. Vorbei an historischen Gebäuden, die noch immer ihre Wirkung nach außen tragen. Hier wurde Dada „erfunden“, Revolutionen ersonnen, Nobelpreisträger geformt.

Dieses Buch ist eine echte Bereicherung für jedes Reisegepäck. Thomas Lau lässt die Persönlichkeiten, die diese Stadt prägten zu Wort kommen und gibt ihnen den Freiraum Andere (Leser) in ihren Bann zu ziehen. Einst galt sie als Hauptstadt des Exils: Lenin, die Manns, James Joyce (der hier auch begraben ist, auf dem Friedhof Fluntern) lebten und wirkten hier.

Wer Zürich schon kennt, wird es nie leid es zu besuchen. Doch so, wie in diesem Buch beschrieben, hat man Zürich noch nicht gesehen. Der Begriff Historie wird mit diesem Buch im Speziellen und der Reihe im Allgemeinen auf eine höhere Stufe gehoben. Man muss ja nicht gleich den gesamten Urlaub auf den Spuren der Vergangenheit verbringen. Aber ein Tag, ein paar Stunden, dafür allemal Zeit und die Stadt gibt es auch her. Stadtrundgänge wird man vergebens suchen. So viel Individualismus muss sein, das erhöht den Forscherdrang. Auch wenn das Ergebnis dank des Buches schon feststeht, wird man jeden Schritt, den man diesem Buch folgt genießen und keinen einzigen bereuen.

Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger zu fassen, ist leicht. Seine Bücher verkaufen sich noch immer, wurden in dutzende Sprachen übersetzt. Er selbst sah sich nicht im Zwiespalt zwischen religiösen Traditionen und Weltoffenheit. Genau das war sein Antrieb. Wer die Werke Lion Feuchtwangers liest, bekommt einen Einblick in sein Leben und den Lauf er Welt.

Er war streitbar – etwa als er eine Lobeshymne auf das stalinistische System schrieb – doch immer annehmbar. Jüdische Geschichte ohne Dogmen nahezubringen – sein eigenes Leben war immer Bestandteil seiner Romane. Lion Feuchtwangers Vater war streng gläubiger Jude. Ein breites bairisch gehörte aber genauso zum guten Ton wie die Einhaltung der Regeln. Schon früh lernte der junge Lion, dass Tradition und Fortschritt einhergehen. Schulisch tat er sich besonders durch seine poetische Ader hervor. Die Abkapselung vom Elternhaus war schwierig und langwierig. Er wohnte bei seinen Eltern um die Ecke und nahm vor allem seine Mahlzeiten bei ihnen ein.

Die aufkommende Naziherrschaft zwingt auch ihn zu flüchten. Da ist er schon ein erfolgreicher Autor, der vielen Revanchisten und Rassisten ein Dorn im Auge ist. Er flieht dorthin, wo es viele seiner Leidensgenossen zog: An die Riviera und später, als auch im sonnigen Süden nicht mehr sicher war, nach Kalifornien. Bert Brecht, Heinrich und Thomas Mann gehörten zum Kreis der Exilanten, die sich regelmäßig trafen und über das Schicksal ihrer Heimat diskutierten.

Wilhelm von Sternburg hat mit seiner Biographie das Leben und Werk Lion Feuchtwangers wieder ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt. Im Sog von allerlei seichter Literatur, die es zugegeben immer gab, aber nur selten zuvor so offen propagiert wurde, erscheint Feuchtwangers Werk wie ein Strahl in dunkler Nacht. Die große Geschichte, die von großen Männern gemacht werden, lernt man aus Geschichtsbüchern. Die wahre Geschichte lernt man von denen, die sie erlebten und „im Kleinen“ gestalteten. Lion Feuchtwanger hat ihnen eine Stimme und Wilhelm von Sternburg hat diesen Stimmen ein Gesicht gegeben. Lion Feuchtwanger hat die Geschichte erlebbar gemacht, in dem er historische Fakten wortgewandt aufs Papier brachte. Sein Biograf bedient sich desselben Stilmittels. Immer wieder lässt er Zitate aus Büchern einfließen, die es dem Leser erlauben Werk und Leben in einzigartiger Form wieder und wieder zu erleben. Eine Weltreise durch die Vergangenheit!

Norderney

Norderney

Es klingt fast schon wie eine Verneinung des Urlaubsziels: Der Norden, nee! Alles, nur das nicht! Norder-Jaa muss es eigentlich heißen! Und Dieter Katz liefert auf einhundertsechzig Seiten immer wieder Argumente die Insel zu besuchen. Ob nun als Pauschalbesucher für zwei Wochen und Immer-Wieder-Gast für ein paar Tage, der auf eigene Faust das Inselleben hautnah spüren will. Alle vereint der Gedanke sich hier zu erholen, Einzigartiges zu erleben und die Leserecherche mit diesem Buch.

Nicht einmal sechstausend Einwohner auf knapp 26 Quadratkilometer. Klingt nicht groß, ist es auch nicht. Klingt nicht so, als ob man hier wochenlang immer wieder etwas Spannendes erleben kann. Falsch! Es geht ja schon auf der Umschlagseite los. „Wussten Sie schon…“ nennt sich die Rubrik, die jedes Buch des Michael-Müller-Verlages stimmungsvoll einläutet. Von Seehunden und Kegelrobben ist da die Rede, Bienenbelegstellen und vom Tee-Pro-Kopf-Verbrauch der Ostfriesen.

Noch nicht abwechslungsreich genug? Wellness (unter anderem gibt es auf Norderney Thalasso-Kurwege), Strandsauna und eine Trinkkurhalle laden zum Verweilen und Erholen ein genauso wie Minigolf, Angeln oder über vierzehn Kilometer feinster Sandstrand. Als Mitbringsel eignen sich zahlreiche Artikel aus dem orangen Gold der Insel, dem Sanddorn. Ob nun als Marmelade oder Likör, als Tee oder Fruchtsaft – wer mit Sanddorn zuhause seine Lieben beglückt, wird Beifall ernten.

Apropos Beifall. Ab und zu muss man das Buch doch beiseitelegen. Immer dann, wenn man innerlich in die Hände klatscht und sich freut, dass man dieses Buch gefunden hat. Es ist erstaunlich, dass so eine klein Insel nicht in Füllhorn der Abwechslung umbenannt wird. Und Dieter Katz kann sich feiern lassen, jedes einzelne Element, jeden Diamanten der Erholung und Entspannung gefunden, detailliert niedergeschrieben und handhabbar veröffentlicht zu haben.

Wer Norderney bisher noch nicht kannte, bekommt in diesem Buch mehr als nur einen groben Überblick über die Insel. Es ist schon fast so informativ und erkenntnisreich wie vor Ort zu sein. Wer Norderney schon einmal besucht, wird sich wundern, was alles verpasst hat. Denn wenn das geflügelte Wort vom Geheimtipp auf einen Inselreiseband zutrifft, dann hier.

Als Zugabe zum Buch bzw. als hervorhebenswertes Extra gibt es zwölf Seiten „Norderney mit Kindern“. Und dann wird aus dem stillen Norder-Nee ein fröhlich schallendes Norder-Jaaaaaa…..

Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien

Gebrauchsanweisung für Prag

Oh Du wunderbares Prag! Deine Architektur, Deine Gassen, Deine Boulevards … Deine Touri-Fallen. Prag steckt voller Überraschungen. Wer’s nicht kennt, wird’s nicht glauben. Prag gehört zu den europäischen Hauptstädten, die man nie vergessen wird und immer wieder besucht. Weltoffenheit und längst vergessener Charme treffen hier auf kalkulierte Gastfreundschaft und echte Lebenslust.

Martin Beckers erster Besuch in der Goldenen Stadt wird ihm ewig in Erinnerung bleiben, seine Liebe zu Land und Leuten wird in diesem Buch nur allzu deutlich und beim Leser lange anhalten. Denn seit dem sinngebenden ersten Besuch, der, der so lange in Erinnerung bleibt, dass er das erste Kapitel bestimmt, ist Prag im Speziellen und Tschechien in Allgemeinen zu einer zweiten Heimat geworden. Er bezeichnet sich zwar als ungeprüften Touristenführer, doch die Prüfung zu Selbigem würde er mit Bravour bestehen. Nicht nur weil er sich exzellent auskennt, sondern weil er es versteht die Menschen zu charakterisieren und sich bei seinen Beschreibungen der Stadt und des Landes nicht nur auf die Aneinanderreihung der zahlreichen Sehenswürdigkeiten beschränkt.

Ebenso hat er wenig Berührungsängste mit den geltenden Klischees: Seine Ausführungen zum Bierkonsum und der ausgeprägten Kneipenkultur gehören zum Ehrlichsten und Offensten in Sachen geselligem Beisammenseins. Wer in Zukunft über tschechische Braukunst, Verzehrlust und Gerstensaftkommunardentum schreiben will, muss sich mit Martin Becker messen lassen.

Was viele Leser nicht unbedingt auf dem Schirm haben, ist die Tatsache, dass auch Tschechien ein Staat ist, der aus drei Nationalitäten zusammengesetzt wurde: Böhmen, Mähren und Schlesier. Die Sticheleien – und mehr sind es letztendlich glücklicherweise nicht – zeigen sich vor allem, wenn Böhmen und Mähren aufeinandertreffen bzw. wie es einmal Martin Becker ging, man meint, dass es gar keine Unterschiede gibt. In Brno (Mähren) eckte er ziemlich an als er die Sehnsucht der Brünner nach Prag mit denen der Leipziger nach Berlin verglich. Schlussendlich ging alles gut und der Applaus nach der Lesung war ihm sicher. Doch diese kleine Anekdote zeigt deutlich die Befindlichkeiten im Land.

Tschechien und Prag sind immer eine Reise wert. So phrasenhaft dieser Ausspruch klingt, so wahr ist er und so sehr zeigt er die Notwendigkeit nach einem Buch wie diesem. Als Zusatzlektüre zu einem Reiseband gehört die „Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien“ ebenso ins Reisegepäck wie Neugier und Weltoffenheit.