Kategoriearchiv: aus-erlesen wissen

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.

Hamburg

In Zeiten von fake news ist das so genannte fact checking von besonderer Bedeutung. Und so kommt’s, dass man bei der dritten Auflage des Hamburg-Reisebandes von Matthias Kröner erst einmal über die Neugestaltung des Buches (und der gesamten MM-City-Reihe) staunt und dann schon vor dem ersten Durchblättern stutzt: „Da ist etwas anders!“. Das ist gut so! Aus Bordeauxrot mach Margenta. Geschmackssache. Und bei Reisebänden spielt die Außenfarbe eh keine Rolle. Wichtig ist, was drin steckt, schließlich steckt die Nase ja andauernd drin, und was rauskommt. Keine Angst! Der Inhalt litt in keiner Weise unter der neuen Farbgebung. Im Gegenteil. Hamburg ging jahrelang schwanger mit einem architektonischen Wunderkind, das einfach nicht ans Licht der Welt wollte. Manche bezeichneten es schon als Rosemarys Baby. Doch als es dann endlich da war, glockenhell sein Erscheinen kundtat, waren alle hellauf begeistert. Die Rede ist von der Elbphilharmonie. Ein guter Grund die dritte Auflage des MM-City-Reisebandes Hamburg in Angriff zu nehmen. Doch nicht der einzige Grund!

Zehn Touren hat sich Matthias Kröner teils noch einmal vorgenommen. Noch einmal Fischbrötchen, noch einmal Reeperbahn, Ritze, Rote Flora. Noch einmal? Nicht ganz. Denn auch an Hamburg nagt der Zahn der Zeit und Veränderungen sind hier nicht weniger willkommen als im Rest der Welt. Der oft als spröde verschriene Charme der Norddeutschen wird in Hamburg auf Hochglanz gebracht. Die Nase immer im Wind und nicht in den Wolken. Das verbindet die Hamburcher mit diesem Buch. Bodenständige Exklusivität, verpackt in einem neuen praktikableren Gewand. Der Zahn der Zeit, wir müssen noch einmal zu ihm zurückkommen, muckerte und muckerte bis der Doktor (also die Macher) den Kreativbohrer ansetzten und den Zahnstein der Gewohnheit entfernten. „In Hamburg sagt man Tschühüss“, auch zu den geliebten gelben Infokästen. Doch nur zum Gelb. Ein zartes Lila bringt nun den geneigten Reisenden dazu sich hier heimisch zu fühlen und Anekdoten wie ein Ureinwohner herausblasen zu können. Passt einfach besser zum Margenta. Inhalt – wie gesagt – immer noch eine Bereicherung jedes Schrittes durch die Hafenmetropole. Und noch eine Neuerung: Die einzelnen Kapitel werden nun in kurzen Worten angeteast, d.h. kurz dass man nun schon vorher ganz genau weiß, wo der Weg lang führt und was einen erwartet. Wer jetzt vorwitzig meint, was mich nicht interessiert, kann ich ja getrost weglassen oder überlesen, irrt. Das wäre so wie wenn man sich an die Elbe stellt, vor dem Millerntor ein Astra trinkt und auf St. Pauli die Damen nett grüßt und meint Hamburg zu kennen. Nee, das is nich so! Wer weiß schon, wo in Hamburg man so richtig leckeres und supergünstiges Kantinenessen gibt. Wer’s nicht weiß, hat ein Brett vorm Kopf. Die, die’s wissen, haben selbige unter den Füßen – Hinweis verstanden? Bretter, die die Welt bedeuten? Alles klar? Ja, das und die Faszination von sieben Knoten, einem Duell, das über dreihundert Jahre zurückliegt oder die besten Plätze für Schiff-Spotting erfährt man nur bei Matthias Kröner und dem Michael-Müller-Verlag.

Für Puristen liegt ein Stadtplan bei, für Modernetiker gibt’s ’ne Web-App. Und wie immer Tipps und Ratschläge wie Sand am Meer. Wenn man nicht so ungeduldig wäre und es kaum erwarten kann, was einem in der vierten Auflage an Neuerungen geboten wird, könnte man nun ganz entspannt nach Hamburg reisen…

I don’t like mondays

Na, kennen Sie auch das Gefühl am Montag einfach nicht aus den Federn zu kommen? Und im Radio dudeln entweder die Bangles mit „Manic Monday“ oder Bob Geldofs Boomtown Rats ihren einzigen Hit „I don’t like Mondays“. Und dann steht im Buchladen dieses Buch mit dem gleichen Titel. Sofort haben Sie die Melodie im Kopf. Nehmen das Buch in die Hand.

Das macht den Tag nicht einfacher. Aber die Sichtweise auf Montage wird radikal verändert – garantiert! Denn Bob Geldof beschwert sich in diesem Song nicht einfach nur darüber, dass es schon wieder Montag und der ganze Trott von vorn beginnt. Es geht um eine mehr als desillusionierte Teenagerin. Schon wieder Montag, schon wieder Schule, eine Woche lang und immer wieder das Gleiche: Krieg, Tod, Hass. Ihr reicht’s. Im realen Leben ging es Brenda Ann Spencer am 29. Januar 1979 so. Im Gegensatz zum Liedtext zog sie die (falschen) Konsequenzen und schoss auf ihre Mitschüler, Lehrer und den Hausmeister. Der Schulleiter und der Hausmeister überlebten die Verzweiflungstat nicht. Acht Schülerinnen und Schüler wurden verletzt. Und Bob Geldof setzte ihnen ein musikalisches Denkmal. Aber ein unerkanntes Denkmal.

Michael Behrendt will mit seinem Buch die Irrungen und Wirrungen der Popgeschichte benennen, aufklären und den Beweggründen ihrer Macher eine Plattform bieten.

Und wie aktuell die teilweise mehrere Jahrzehnte alten Popdiamanten sind, zeigt unter anderem „Killing an arab“ von The Cure. 1978 kam die Single raus. Kaum ein Jahrzehnt später erinnerten sich amerikanische DJs an den Song – sie kannten weder die Hintergründe des Songs, noch dieses Buch, was dieses Buch umso bedeutender macht – und unterstützten so „Ihre Jungs“, die während des Iran-Irak-Krieges kuwaitische Öltanker eskortierten. Die Message war klar (muss man nicht wiederholen, Kriegspropaganda hat zum Glück eine gewisse Halbwertzeit). Und Robert Smith, Gesicht und Kopf von The Cure, wurde nicht müde zu bekunden, dass Rassismus, Menschenverachtung und Mordaufruf nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Tja, hätten die Regler-Hoch-Und-Runter-Schieber mal vorher gelesen. Albert Camus zum Beispiel, „Der Fremde“. Lesen bildet im Zweifelsfall, aber hundertprozentig hilft es unzählige Fehlgeleitete („Killing an arab“ hielt auch Einzug an die heiß und innig diskutierenden Stammtische dies- und jenseits des Atlantiks) vor noch mehr Dummheiten zu bewahren.

„I don’t like Mondays“ liest sich für alle Musikfans wie ein Hintergrundbericht zu dem, was uns zu dem machte, was wir sind, welche Musik uns prägte und formte. Von Madonna bis Falco, von CCR zu France Gall, von den Rolling Stones bis zu den Toten Hosen… Songschreiber haben nach der Veröffentlichung keinen Einfluss mehr, was aus ihren Werken gemacht wird. Alle in diesem Buch beschriebenen Songs teilen ein Schicksal: So mancher (nicht nur durch Pegida-Aktivisten oder Parteifeierbiester) muss damit leben, dass Unwissende ihre Werke umdeuten oder gar überhaupt nicht richtig einordnen und als Einheizrhythmus benutzen. Michael Behrendt sorgt hoffentlich mit diesem Buch dafür, dass in der Zukunft eben nicht mehr, dass bei jeder Griechenland-Meldung nach den Nachrichten Udo Jürgens erschallt.

Thüringen

„Thühühühüringen – Das Land ohne Prominente …“ dichtete Rainald Grebe. Stimmt natürlich nicht, und selbst wenn … jetzt hat das Bundesland seinen eigenen nach ihm benannten Reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag. Und somit einen entscheidenden Vorteil gegenüber ähnlich gut besuchten Gegenden in Deutschland. Und auf Anhieb hat Autorin Heidi Schmitt – scheinbar mühelos – über vierhundert Seiten gefüllt.

Diese umfassen das komplette Spannungsfeld des Freistaates. Und das reicht von der Skatstadt Altenburg im Osten, über Goethes (der darf natürlich nicht fehlen) zweite Heimat Weimar, bis zum im Reformationsjahr besonders herausgeputzten Eisenach im Westen, das Wintersportdomizil Oberhof und die nie und nimmer zu vergessenden Gedenkstätten in Buchenwald und Mittelbau-Dora. Auf den ersten Blick fallen einem Städte wie Erfurt, Jena oder der Kyffhäuser ein. Thüringen mag also eine spärliche Promidichte haben. Wenn man so durch den Thüringer Wald, den Rennsteig oder die Hainleite wandert, stolpert man über so manchen Hingucker.

So einer ist zum Beispiel das Vessertal. Der Ort Vesser selbst gehört seit einigen Jahren zu Suhl, der ehemaligen Bezirkshauptstadt und ist übersichtlich. Bereits Ende der 70er Jahre wurde das Biosphärenreservat Vessertal von der UNESCO als schützenwert erachtet. Der schwarz-gelb gefärbte Feuersalamander zeigt sich zwar nicht jedem Wandersmann, doch wer die Augen aufhält und sich ganz vorsichtig bewegt, kann ihn zwischen Besucherbergwerk Schwarzer Crux und Wolfsgarten entdecken.

Vorsichtig sollte man auch in Lauscha sein. Denn immer noch schlägt jedes Herz höher, wenn die grazilen Glaskunstwerke, die hier an zahlreichen Standorten kunstvoll hergestellt werden, die Auslagen verschönern. Oder man den Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen kann.

Ebenso vorsichtig vermaß man 1990 den neuen Mittelpunkt Deutschlands – da man nun damit aber auch Touristen anlockt und Geld verdienen kann, gibt es mehrere Mittelpunkte Deutschlands – und der (erste) bei 51“08‘ nördlicher Breite und 10“25‘ östlicher Länge, im thüringischen Niederdorla.

So was erfährt man nur hier: Die gelben Infoästen bieten dem Leser das, was sonst nur im Kleingedruckten steht. Kurze Sie sind die Gimmicks, die Giveaways, die einen Urlaub oder Ausflug erst interessant machen. Ob per Rad, Auto, zu Fuß oder auf Skiern – wer Thüringen bereist, wird nicht enttäuscht. Und schon gar nicht, wenn die Erstauflage von Heidi Schmitts Reiseband nicht nur schonend im Reisegepäck lagert, sondern eifrig zur Hand genommen wird.

Sollte es immer noch jemanden geben, der Ressentiments gegen den Dialekt der Thüringer hegt (es gibt keinen einheitlichen Thüringer Dialekt!), dem sei die Infotafel auf Seite 373 empfohlen. Stichwort Duden!

Diese verdammte Hand

Groß ist die Freude, aber auch die Ernüchterung als der anonyme Erzähler seinen nicht minder anonymen Freund X nach fünfzehn Jahren besucht. Der hat sich in die Berge zurückgezogen, um Inspiration zu finden. Doch stattdessen wurde er einsam, ein gebeugter Mann, der krampfhaft Anschluss sucht. Und Inspiration. Der Erzähler will der Verzweiflung des Freundes auf den Grund gehen und … erhält dessen Tagebuch.

In irgendeinem kleinen französischen Dorf wächst der kleine Georges (X) auf. Schon früh merken er und die anderen, dass an ihm so einiges anders ist. Oft geistig abwesend, schlendert er durch seine Kindheit. Man ist ihm zugetan, doch auch auf der Hut. Denn Georges ist irgendwie anders, sonderbar, zum Glück aber nicht gefährlich. Erst Jahre später soll er begreifen, was mit ihm los ist. Er trifft Lucien, einen Maler. Und der klärt ihn im Handumdrehen auf: Georges ist ein Künstler! Durch und durch Künstler. Für den jungen Mann, der Lucien nach Paris folgt eine Offenbarung.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Klar, die gerngesehene Vorderseite, die glänzt, Bewunderung erntet. Aber auch die Rückseite, die, die niemand sieht. Niemand sehen will. Die schmutzige, die dunkle Seite, gespickt mit Selbstzweifel und unbändiger Wut. Wut darüber, dass Kopf und Körper nicht immer eine Einheit bilden.

Lucien und Georges, der Maler und der Schriftsteller gehen eine Symbiose ein, die zum Scheitern verurteilt ist. Denn Künstler müssen losgelöst von Konventionen und Abhängigkeiten wirken können. Als Lucien Georges für eine gewisse Zeit verlässt, wird Georges wieder in Kindertage zurückgeschleudert. Wohin mit sich und seiner Kreativität? Was anfangen mit den Tagen voller Öde und Leere? Doch Lucien ist bald zurück. Doch die Zeit verlangt ihre Opfer…

Octave Mirbeau ist dieser Georges. Kreativ ist er zweifelsohne. Doch er braucht den Anstoß, den ihn im richtigen Leben seine Frau geben musste. Die ihn aber auch unglücklich machte. Und Lucien? Wer ist dieser an sich selbst zerbrechende Mann, der dem jungen Georges so viel Enthusiasmus gab? Die Antwort liegt nahe: Vincent van Gogh.

Ein Tatsachenroman ist „Diese verdammte Hand“ bei Weitem nicht. Aber der Abriss eines Lebens. Das eines Künstlers, der an sich selber zerbrochen ist. Und zwar aus der Sicht eines Leidensgenossen. Wer schon immer mal tief in die verborgene Welt eines Künstlers eintauchen wollte, bisher aber nur an der Oberfläche gekratzt hat, erreicht mit „Dans le ciel“ wie der Roman im Original heißt, eine neue Ebene des Verständnisses. Ein anonymer Erzähler, von dem man annimmt, dass er der Autor ist, trifft einen Autor, der wiederum die Aufzeichnungen eines Künstlers hütet. Drei Ebenen, drei Menschen, eine Geschichte.

Holland, Belgien, Frankreich waren drei Stationen im Leben des zu Lebzeiten verkannten Malergenies Vincent van Gogh. Heute sind seine Werke unbezahlbar. Wer dennoch in der Lage ist eines zu ersteigern, reißt ein gewaltiges Loch in die Portokasse. Da ist es doch einfacher (und vor allem preiswerter) einen Tag oder gleich ein paar Tage auf den Spuren des Künstlers zu wandeln und zu reisen. Sei es nun ein Tag im Van Gogh Museum in Amsterdam oder einer Tour durch Brabant, seine Heimat oder nach Mons (Europas Kulturhauptstadt 2015), wo er zum ersten Mal sich ausschließlich der Malerei widmete. Wer sich damit nicht zufrieden geben kann, wird mit einer Tour von Amsterdam über Otterlo, Paris bis zum Beispiel nach Auvers-Sur-Oise oder Arles geradezu überschüttet mit Eindrücken, die van Gogh zu seinen Werken inspirierten. Auf www.RouteVanGoghEurope.com wird jeder fündig, dem die Sonnenblumen mehr geben als nur bloße Dekoration einer Küchenwand oder die neuesten Zahlen aus dem Hause Sotherby’s, wenn wieder mal ein van Gogh Höchstpreise erzielt hat. Sechs länderübergreifende Touren wurden zusammengestellt, neun Standorte vervollständigen das Bild des Malers Vincent van Gogh und laden ein ihn zu Hause zu erleben und ihm über die Schulter zu schauen.

Der Fürstentrust

Selten zuvor lagen „Faites vos jeux“ und „Rien ne va plus“ so eng beieinander wie vor einem Jahrhundert und einem Jahrzehnt. Und zwar in Europa, verantwortet von deutschen Adelshäusern. Nämlich dem zu Hohenlohe-Öhringen und dem Hause Fürstenberg. Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen und Max Egon II. zu Fürstenberg waren die Häupter ihres Geschlechts und Geschäftsmänner, die mit allen Wassern gewaschen waren.

Schon einmal waren sie aktiv geworden, als sie Geld rochen. Viel Geld! Schnelles Geld! Auf Madeira. Hier sollte der Luxus-Tourismus Welnnes-Urlaubern die Taler, Kronen, Pfund, Mark und so noch was aus den Taschen ziehen. Man drohte sogar Portugal mit Krieg, wenn man sich nicht nachgiebig zeigen würde. Klappte nicht. Fünf Mios in den Sand gesetzt! Ärgerlich, doch nicht ganz hoffnungslos die Lage. Man verbuchte den Verlust als Lehrgeld.

Die beiden Cousins – die Familien Hohenlohe und Fürstenberg standen sich sehr nah – gründen einen Trust. Eine Art Gegenbewegung zum Großbankenkapital.

Die beiden Köpfe der Herrschaftshäuser waren von jeher vermögend. Bis heute zählen sie zu den größten Waldbesitzern Deutschlands. Aber auch immense Immobilienbestände nannten sie ihr Eigen sowie einige Konzerne. Zusammen mit anderen Industriekapitänen gründeten sie den so genannten Fürstentrust. Die Mitgliedernamen sind heute noch in aller Munde. Max Egon II. zu Fürstenberg hatte zudem das unverschämte Glück zum engsten Vertrauten des Kaisers zu gehören. Eine unermesslich wertvolle Freundschaft, die den Trust zwar nicht vor dem Ende, jedoch vor einem für alle Beteiligten bitteren Ende bewahren sollte.

Autor Christian Bommarius gibt im Vorwort zu, dass die Geschichte an sich keine leichte Kost ist – die Panama-Papers sind dagegen ein offenes Buch. Ab und zu muss man kurz absetzen und ein wenig die Fäden wider zusammenklöppeln. Nichts desto trotz liest sich dieses Buch wie ein Wirtschaftskrimi durchaus mit erkennbaren Parallelen zur Gegenwart.

Die Geschichte, die Christian Bommarius in seinem Buch „Der Fürstentrust“ erzählt ist echt, steht aber in keinem Geschichtsbuch. Selbst ausgefuchste Historiker haben maximal davon gehört. Belege? Mangelware. Denn die Nachkommen der herrschaftlichen Häuser – heute sind sie Society-Ladies und Charity-Damen erster Kajüte – hocken wie die Glucken auf den spärlich vorhandenen Aufzeichnungen. Die meisten Papiere wurden „Opfer des Feuers“.

Christian Bommarius ist Jurist und Journalist und widmet sich mit Hingabe der deutschen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bereits mit „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun“ zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf jenen Teil der deutschen Geschichte, der im Verborgenen gehalten wurde und bis heute kaum Aufmerksamkeit erregt.

Luxemburg – Das einzigartigste Großherzogtum der Welt

Kennen Sie Luxemburg? Ja, das ist das kleine Land im Westen, das von Frankreich und Belgien an Deutschland gedrängt ist. Geographisch gesehen ist nichts einzuwenden. Doch die Frage war ja nicht wo liegt Luxemburg, sondern, ob Sie es kennen? Also nein! Gut. Aber schon mal davon gehört?! Klar, immer wenn es in den Nachrichten um Europa geht. Gähnende Langeweile, dieses Europa. Urlaub ohne Geldtauschen – mehr fällt einem dazu nicht ein. Und zu Luxemburg? Ähm, … die Hauptstadt heißt wie das ganze Land. So wie in Mexiko. Dort ist es toll. Und warm. Und das Essen ist scharf. Stop! Wir schweifen ab. Ja Luxemburgs Hauptstadt heißt Luxemburg. Und weiter! Nichts!

Okay, etwas übertrieben! Ein Mauerblümchendasein fristet das 83 mal 57 Kilometer große Luxemburg ist sehr wohl im Bewusstsein der Europäer angekommen. Schon länger. Aber so richtig viel weiß man trotzdem nicht. Auch gibt es exzellente Literatur über unseren „kleinen Nachbarn“. Jeder ein Kleinod für sich. Doch Land und Leute lernt man nicht in einem Bildband kennen. Die Sehenswürdigkeiten werden in Reisebänden nur gestreift.

Hier kommt Abhilfe: „Luxemburg das einzigartigste Großherzogtum der Welt“. Klingt mutig. Zumal es von dieser Art nicht viele gibt. Genau genommen gibt es nur ein Großherzogtum. Platz Eins ist insofern schon mal sicher!

Auch dieses Buch kann sich berechtigte Hoffnungen machen die Charts der Luxemburgensia zu erklimmen! Ein buntes Potpourri an schrägen Geschichten, echten Hinguckern und messerscharf beobachteten Eigenheiten des Landes wurde hier von den Autoren zwischen zwei Buchrücken, nicht gepresst, sondern verführerisch dargeboten. Wehrhafte Burgen werden hier gleichermaßen angepriesen wie kleine Dörfer, deren Einwohnerzahl locker an einer Hand abzuzählen ist. Die Einzigartigkeit eines Zoos ist mindestens genauso wichtig wie ein Interview mit Désirée Nosbusch, dem charmanten Exportschlager aus der einflussreichen Medienszene. Apropos Zoo. Der Verlag capybara books, der dieses Buch komplett verantwortet, hat hier zwar nicht seinen Ursprung, dennoch ein ganz enge Verbindung zu einigen Bewohnern.

Sportlich ist Luxemburg nur selten, in jüngster Vergangenheit eher zweifelhaft in Erscheinung getreten. Man denke nur an die Vöckler-Pedalritter. Im Fußball ist Jeunesse Esch eifrigen Ergebnis-Fetischisten ein Begriff. Willkommener Erstrundengegner, denn der Seriensieger in Luxemburg spielt international eine eher untergeordnete Rolle. Aber ein schickes Stadion haben sie hier, um das sie so mancher beneidet. Die Bergarbeiter bestimmten von jeher hier das Bild. Trist kam dieser Landstrich daher. Heute, die Bergwerke haben noch historischen Wert, abgebaut wird hier schon lange nichts mehr – außer ein paar Pfunden beim Bocciaspielen – ja heute, ist es hier bunt und lebendig. Fast schon südländisch. Die Italiener haben hier ihren Einfluss geltend gemacht. Bis hin zum Wappen des Fußballvereins Jeunesse. Schwarz und Weiß – wie Juventus Turin.

Man kann es Mulitkulti nennen. Oder den gelebten europäischen Gedanken. Wer Luxemburg als langweilig bezeichnet, kennt weder Land noch dieses Buch. Über 250 Seiten Appetitmacher auf ein Land, das sich immer noch schwertut eine eigene Identität zu definieren, aber so unglaublich abwechslungsreich ist, dass die geringe geographische Größe dem staunenden Auge ein Schnippchen schlägt.

Und wenn man das Buch mehrmals gelesen hat, kann man die Eingangsfrage auch ganz leicht beantworten: „Ja, ich bin ein Zapper!“ Was das ist? Schauen Sie ins Buch!

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Aus Liebe zu den Pflanzen

Fast scheint es unter Künstlern und vor allem Wissenschaftlern zum Standard zu gehören: Je höher der Wert der Erkenntnis desto niedriger der Bekanntheitsgrad. Van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkauft. Und wer kennt heutzutage noch Wissenschaftler? Einstein, ja, der ist bekannt. Aber wer kann seine Relativitätstheorie kurz erklären? Der Raum ist krumm, und wer schneller als das Licht reist, wird jünger – das soll alles sein, was von ihm und seiner Theorie bleibt?

Stefano Mancuso ist selbst Biologe, forscht in Italien. In „Aus Liebe zu den Pflanzen“ setzt er den vergessenen Genies der Biologie ein Denkmal. Ein Dutzend Forscher stellt er vor, von denen gerade mal ein Viertel der Mehrheit bekannt sein dürfte: Da Vinci, Mendel, Darwin und Goethe. Schon, wenn man die Vornamen der Genannten weiß, würde man in einer Quizshow einen vierstelligen Betrag erhalten können. So unbekannt sind sie immer (noch).

George Washington Carver – kein Verwandter des ersten Präsidenten der USA, sondern ein Biologe, dessen Forschungen bis heute die amerikanische Kultur prägen. Salopp gesagt: Ohne ihn hätten Millionen von Kindern in den USA keinen Brotaufstrich. Ihm ist die Erdnussbutter zu verdanken. Unter anderem. Da könnte man meinen, dass ein solcher Erfinder im Reichtum gelebt hat. Nein, ganz im Gegenteil. Als Sohn von Sklaven in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ihm nicht mal ansatzweise eine Art von Karriere vergönnt. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz (und davon gab es immer wieder welche – schließlich hatte er als Schwarzer in den USA keinerlei Rechte) – schaffte er es dennoch seine Ziele durchzusetzen.

Ganz im Gegensatz zu Charles Darwin. Seine Familie war und ist bis heute eng mit der Wissenschaft, besonders mit der Botanik verbunden. Darben musste er nie. Auch der Ruhm wurde ihm schon zu Lebzeiten zuteil. So bildet er eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen in diesem Buch.

Ja, auch „olle Goethe“ steckte schon während seines Studiums der Rechtswissenschaft seine Nase nicht nur in juristische Fachbücher, sondern auch in Seminare der Naturwissenschaftler. Die Botanik war mehr als nur eine Zeitvertreib oder willkommene Abwechslung vom stringenten Schriftenwälzen.

Von der Erdnuss über Weinbau, von Pflanzenkreuzungen bis hin zu Wechselwirkungen in der Natur haben alle in diesem Buch beschriebenen Wissenschaftler eines gemeinsam: Verdiente Ehre für die geleistete Arbeit mussten sie sich schwer erarbeiten. Wenige hatten Glück, viele fristen bis heute ein Mauerblümchendasein. Stefano Mancuso wirkt dieser Gedankenlosigkeit mit Verve entgegen. Seine Zuneigung für seine geistigen Väter ähnelt der Liebe derer zu den Pflanzen.