Kategoriearchiv: aus-erlesen wissen

Die Gestalt der Ruinen

Verbrannte Erde hinterlassen oder dass nur Sieger die Geschichte schreiben, kann einen schon manchmal in den Wahnsinn treiben. Die Wahrheit über ein Ereignis zu erfahren ist immer mit einem gewissen Beigeschmack gefüllt.

Carlos Carballo will einen Anzug aus einem Museum in Kolumbien stehlen. Für viele Redaktionen nicht mal eine Meldung auf der letzten Seite wert. Doch wenn es sich um ein historisches Zeitdokument handelt, werden viele hellhörig. Am 9. April 1948 wurde der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán ermordet. Er galt vielen als Hoffnungsträger. Sein rhetorisches Geschick war legendär. Der Mörder, Juan Roa Sierra, wurde mehr oder weniger an Ort und Stelle gelyncht. Das ist schon eine Meldung wert. Doch warum wollte Carlos Caballo den Anzug stehlen, den Jorge Eliécer Gaitán am Tage seiner Ermordung trug? Fetisch? Oder wollte er damit etwas beweisen? Gut, dass er bewusst einen weiteren Interessenten mit ins Boot holt: Juan Gabriel Vásquez. Den Autor dieses Buches.

Da wird also der Autor eines Buches in sein eigenes Werk hineingezogen ohne dabei groß die Biographie-Keule zu schwingen. Natürlich hat der Roman weitreichende autobiographische Züge, ist aber im Großen und Ganzen fiktional.

Kolumbien ist das Heimatland des Autors. Erst als er ins Ausland geht, erkennt er tiefer gehende Zusammenhänge. Als Kolumbianer in Bogotá weiß er um die besonderen Verhältnisse in seinem Land, die aus der Ferne jedoch viel stärker hervortreten. Das Land ist nicht erst seit dem hinterhältigen Mord an dem liberalen Politiker Jorge Eliécer Gaitán im Umbruch, in einer verzwickten Lage, sondern eigentlich schon länger. Verschwörungstheoretiker stoßen in dem südamerikanischen Land auf fruchtbaren Boden.

Als in Europa der Große Krieg wütete bzw. seine Schatten auch über die Grenzen des Kontinentes  warf, fiel Rafael Uribe Uribe einem Attentat zum Opfer. Einfacher Mord zweier Fehlgeleiteter oder von langer Hand geplantes Attentat? Franz Ferdinand und der Beginn des Ersten Weltkrieges – hier sind sich aber nun mal alle Historiker einig – das war von langer Hand geplant. Doch welche langfristigen Ziele damit einhergingen, kann bis heute nicht vollständig geklärt werden. Der Anschlag auf Kennedy – hier sind wilden Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Und zwischendrin die nachträglichen – fiktionalen – Ermittlungen zum Tode von Jorge Eliécer Gaitán.

Juan Gabriel Vásquez begegnet den Verschwörungstheorien mit der einzigen Art und Weise, die es gibt: Mit der Macht der Phantasie und der Literatur. Er befeuert keineswegs  neue Theorien oder behauptet neue – wahrhafte – Erkenntnis zu besitzen. Er lässt Zeugen zu Wort kommen und erlaubt ihnen ihren Gedanken nachzuhängen und sie laut zu äußern. Dem Leser wird schon bald klar, dass Juan Gabriel Vásquez nicht allein mit seinem Dilemma steht. Man selbst ist in einer Geschichte gefangen, die man nur schwer einordnen kann. Mit jeder Zeile dringt man weiter in ein Dickicht vor, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Doch Vásquez kennt einen Ausweg…

Pistolen-Franz und Muskel-Adolf

Nostalgie und organisiertes Verbrechen passt nur in Filmen wie „Der Pate“ so richtig zusammen. Da steht jeder für den Anderen ein. Doch wehe, wenn einer mal querschießt! Dann gibt’s was auf die Mütze!

Regina Stürickow kennt sich mit der Berliner Unterwelt vergangener Zeiten bestens aus. Ihre Bücher über Täter und Jäger sind ein Füllhorn an Anekdoten und Fakten. Was bisher in ihren Büchern nur anklang, wird in „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ genauer unter die Lupe genommen: Die Ringvereine. Ursprünglich und vor allem nach außen waren sie gemeinnützige Vereine, die es entlassenen Strafgefangenen erlaubten die erste Zeit nach dem Knast zu überstehen. Doch im Inneren waren sie straff organisierte Verbrecherorganisationen. Sogar mit Satzung, Strafenkatalog und eigener Gerichtsbarkeit. Sie sorgten in ihrem Kiez für Ordnung. Wer also meinte sich illegal in deren Umgebung eine goldene Nase verdienen zu können, endete oft mit einer blutigen Nase auf dem harten Pflaster der Hauptstadt. Zehn Ringvereine bildeten den Großen Berliner Ring. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie „Immertreu“, „Vergnügungsverein Glaube, Liebe, Hoffnung“ oder der „Spar- und Geselligkeitsverein Libelle“. Letzterer trat besonders durch Einbrüche hervor. Die Beute wurde dann gewinnbringend zum Schleuderpreis weiterverkauft. Wodurch die Kasse des Vereins prall gefüllt wurde.

Und wenn die Kasse mal leer war, wurden Sammelrunden veranstaltet. Wie 1930. Der Geselligkeitsverein Friedrichstraße wollte nach Tirol in die Ferien fahren. Schatzmeister Goldzahn-Bruno (das waren noch Spitznamen!) besorgte die Tickets und … verschwand mit der restlichen Kohle. Dreizehntausend Mark. Mehr als nur eine Stange Geld. Er war sich seiner Sache so sicher, dass er damit durchkommen würde, dass er es nicht für nötig hielt die Stadt zu verlassen. Und es kam wie s kommen musste. Man fand ihn, verfolgte ihn, schnappte ihn und führte ihn seiner „gerechten Strafe“ zu.

Die Nazis schoben den Ringvereinen einen Riegel vor. Viele Ringvereinsmitglieder, Ringer war kaum einer von ihnen, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Erst nach dem Krieg sollten ihre Geschäfte kurzzeitig wieder aufblühen.

Es war ein deutsches Phänomen, dass sich Gangster und Ganoven so strukturiert organisierten. Berlin, Dresden, Hamburg – überall gab es diese Vereine. Doch Berlin war die Hochburg. Wurde ein Verein verboten oder verschwand aus welchen Gründen auch immer von der Bildfläche, war schon für Nachrücker gesorgt. „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ erzählt nicht von der guten, alten Zeit. Es ist ein Archiv dessen, was unter der Oberfläche gärte und gedieh. Regina Stürickow gebührt das Lob sich unbeirrbar Archive zu durchforsten und diesen Wirrwarr an Verflechtungen ans Tageslicht zu holen. Angereichert mit allerlei Geschichtchen ist so ein Buch entstanden, das als Reiseband in eine vergangene Zeit in eine immer noch (oder wieder) spannende Stadt angesehen werden kann. Denn die angegebenen Adressen wurden von der Autorin aktualisiert (nicht jede Straße Berlins hat die Wandlungen ohne Namensänderung überstanden). Die zahlreichen abgebildeten Belege und die heutzutage fast schon zum Schmunzeln anregenden Vereinsbilder runden das Bild des kompletten Kriminalbandes ab.

Die Allee der Zähne

Ihm geht es wie vielen, die dieses Land besuchen: Alle sind fasziniert von der Gastfreundlichkeit und den Geheimnissen des Handelns. Und wenn ein Händler beispielsweise Tomaten als Geschenk anbietet, dafür aber ein Gedicht als Gegenleistung fordert, sagt man brav seine Verse auf. Phantastisch! Aber leider die falsche Sprache, die der Händler nicht versteht. So muss man bezahlen. Lokalkolorit nennt man das dann wohl. Ihm, das ist Guy Helminger, und dieses Land ist der Iran, wohin Helminger 2007 reiste.

Seine Tagebuchaufzeichnungen sind in diesem Buch zu einer Reiseimpression verschmolzen, die Geheimnisse aufdeckt, zum Schmunzeln anregt und vor allem Appetit auf mehr machen. Der Iran des Jahres 2007 ist nicht der Iran der Gegenwart. Es regierte zu dieser Zeit Mahmud Ahmadineschād, ein Präsident, der den Iran wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, dabei aber leider ein vollkommen verzerrtes Bild zeichnete. Ein Bild von einem rückschrittlichen Land, das jedweden Fortschritt westlicher Lesart verteufelte, das eigene Volk knechtete und die Errungenschaften der Geschichte auf ganz eigene Art interpretierte. Der Iran von heute ist weltoffener, doch nicht minder traditionsbewusst.

Guy Helminger erzählt von einem Land, das sich in seiner Gegensätzlichkeit von den meisten absetzt. Auf der einen Seite strenge Revolutionsgardisten, die sich im Glanze ihrer Macht sonnen. Auf der anderen Seite Jugendliche, die mit Religion nicht so viel am Hut haben wie allgemein angenommen. Revolution allerorten. Es sind die täglichen Begegnungen mit echten Menschen, die ihm – und somit auch dem Leser – den Iran näherbringen. Näher als es reisebände vermögen, intensiver als jeder Fernsehbericht von zehn Minuten Länge. Immer wieder lacht man mit dem Autor über die Sprachbarrieren und deren unvermeidliche Irritationen.

In „Die Allee der Zähne“ erzählt Guy Helminger keine erfundenen Geschichten. Alles echt, alles genau so passiert. Und deswegen gehört dieses Büchlein zur Pflichtlektüre für alle, die den Iran besuchen wollen. Schreckensszenarien wie die von seinem Rückflug, als er erfährt, dass sein Sitzplatz bereits wieder vergeben wurde, da er sich nicht rechtzeitig (was auch immer rechtzeitig bedeuten soll) gemeldet hat, sind nur Randnotizen privater Natur (schlussendlich ging aber alles gut). Teheran und Isfahan standen auf dem Reiseplan des Autors sowie ein Abstecher in ein Dorf, das sich einer Besonderheit rühmen darf. Besteigt man eines der Minarette der Moschee und bringt sie leicht zum Schwanken, wackelt auch der Geschwisterturm. Mittlerweile gibt es dort auch Souvenirminiaturen dieser Besonderheit. So unaufgeregt dieses Buch geschrieben ist, so unaufgeregt sollte man auch die News über Iran annehmen.

Gewisse Momente

Die Vierzigerjahre waren für Andrea Camilleri schmerzvolle Jahre. Nicht nur wegen des Krieges, auch wegen der Tritte in den Unterleib. Erst der Minister für Volkskultur, Allessandro Pavolini und später als die Alliierten das Heft in der Hand hielten, ein amerikanischer Offizier.

Mit Pier Paolo Pasolini konnte Camilleri nicht so recht warm werden. Pasolinis und Camilleris Vorstellungen über die Besetzung eines Stückes von Pasolini passten Camilleris nicht ins Konzept. Pasolini wollte Laien von der Straße, Camilleris ausgebildete Sprecher, die man auch in der letzten Reihe noch hört. Man einigte sich auf ein letztes – klärendes – Gespräch. Was nie stattfand. Pasolini wurde ermordet.

Dem Patriarch von Venedig allerdings bot Camilleri eine anders Vorstellung. Eine Gruppe von Geistlichen wohnte einer Probe bei, die Camilleri leitete. Es lief nicht alles wie geplant und so wurde der Autor zuerst ungeduldig und dann laut. Am nächsten Tag wollte er sich bei dem Patriarchen entschuldigen. Mit zitternden Knien schritt er zu Kreuze, doch der Patriarch zeigte Verständnis. Wenige Tage später wurde aus dem Patriarchen von Venedig Papst Johannes XXIII.

Und doch eine Begegnung ist Camilleri in Erinnerung geblieben, und sie wird dem Leser nicht minder eindrucksvoll zurücklassen. Die Federala war ein faschistische Institution, eine Person, die Königsgleich die Geschicke einer Region in der Hand hielt und leitete. Sie war es, die Camilleri, der damals schon gegen die Faschisten schrieb, ein Buch in die Hand gab, das es gar nicht geben durfte…

Es sind diese gewissen Momente, die einen Menschen formen. Kleine Geschichten, plötzliche Begegnungen, unverhofft, selten geplant – doch sie brennen sich ins Gedächtnis ein ohne Narben zu hinterlassen. Die Taubheit der Narben weicht tief sitzenden Erinnerungen. Sie sind das Salz in der Biographie eines jeden. Andrea Camilleri hat das Glück all diese Erinnerungen noch präsent zu haben. Und der Leser strahlt, dass er sie niedergeschrieben hat.

„Gewisse Momente“ ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Es sind Bruchstücke im Leben eines Mannes, der dem Leben verpflichtet ist ohne dies als Verpflichtung anzusehen. In jeder dieser kurzen Kapitel gibt er ein bisschen von sich preis. Wer wissen will, wie manche Geschichten aus der Feder Camilleris entstanden sind, warum er immer noch Scharen von Lesern mit einem Handstreich verzaubern kann, wird in diesem Buch eine Ahnung erhaschen können warum dem so ist.

Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Geschichte Belgiens

Wenn die Tage kürzer und die Abende kälter werden, bleibt Zeit schon mal die nächste Reise im Kopf zu planen. Schließlich will man vorbereitet, und in der schönsten Zeit des Jahres nichts verpassen. Und wer weiß, vielleicht kommt dem Einen oder Anderen dabei noch eine Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

Die „Geschichte Belgiens“ ist auf den ersten Blick erstmal kein Buch, das unterm Weihnachtsbaum für große Augen sorgt. Sollte man meinen, diese Meinung ist aber falsch und wird durch eben diesen Titel von Christoph Driessen umgehend, umfänglich und vor allem ab der ersten Seite widerlegt. Denn Geschichte kann spannend sein, auch ohne schreckenshafte Bilder vor den Augen. Es dauert nur noch ein reichliches Jahrzehnt bis Belgien seinen 200. Geburtstag feiern kann. Und jeder, der bis Seite einhundertdrei dieses Buches gekommen ist, kennt jetzt schon einen Programmpunkt der Feierlichkeiten. Wenn dann zum Beispiel die Oper „Der Stumme von Portici“ aufgeführt wird, werden Erinnerungen wachgerufen an die erste belgische Flagge und die Bedeutung ihrer Farben.

Das Bemerkenswerte an diesem Buch mit dem unscheinbaren Titel „Geschichte Belgiens“ ist die verständliche Sprache des Autors. Prägnant trifft in jedem Satz den richtigen Ton ohne den Zeigefinger zu heben. Kein wilder Ritt durch ein Wirrwarr an Jahreszahlen, die selbst Belgier kaum im Kopf haben, sondern ein angenehmer Flug durch die wilde Geschichte eines Landes, das seit ein paar Jahren erst wieder beispielsweise im Sport wieder für Furore sorgt und dessen Geschicke jahrelang führungslos geleitet wurden.

Da sitzt man nun und fragt sich insgeheim, was man über Belgien weiß. Da Land liegt nicht tausende Kilometer entfernt in einer anderen Zeitzone. Es liegt gleich nebenan. Und welche Antworten muss man sich selber geben? Tim und Struppi, Pommes frites und Schokolade. Manch einem fällt vielleicht noch der koloniale Wahnsinn im Herzen Afrikas ein. Ein Skandal hier, eine Affäre da – aber ansonsten sieht es so aus wie das linke Drittel der Fahne: Ziemlich düster bis schwarz.

Diese Geschichte liest sich wie ein Krimi. Immer wieder unerwartete Wendungen, die Christoph Driessen mit einer Selbstverständlichkeit erklärt, dass sie dem Leser wie der natürliche Fortgang der Geschichte erscheinen. Kein Wort zu viel, kein Ereignis, das ausgespart wird. Und wer für den nächsten Frage-und-Antwort-Spieleabend noch ein paar Anregungen braucht, bekommt gleich noch eine Portion Promiflüstern beigelegt. Man kann ja schon mal anfangen: Wie viele (fiktionale wie reale) Belgier kennt man selbst? Poirot, Brel, Wilmots …

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.