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Die Legende von Montecassino

Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.

Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.

Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.

Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.

Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.

Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.

Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.

Viva la vida! Frida Kahlo

Wenn eine Künstlerin, ganz ohne Gender-Sternchen, eine Künstlerin, den Stempel Ikone aufgedrückt bekommen darf, dann Frida Kahlo. Ihr Konterfei erkennt jeder, der den Namen schon einmal gehört hat: Die harten Gesichtszüge, der starre Blick und diese aufdringlichen, unübersehbaren Augenbrauen. Und das nicht erst seit der nicht minder ikonisch ausgefallenen Filmbiographie mit Salma Hayek als zerrissene Malerin.

Über ihr Leben war bisher eigentlich vieles bekannt. Der Unfall, der ihr Leben veränderte. Die Beziehung zu Diego Rivera, dem im wahrsten Sinne des Wortes gewaltigen mexikanischen Maler. Und vor allem ihr ausschweifendes Leben. Annette Seemann gibt in ihrer Biographie vielen bekannten Fakten neue Nahrung. Denn sie trägt einiges zusammen, was bisher eher nur Fachleuten bekannt war. Sie sah Briefwechsel ein, studierte Gutachten, und ihr gelang ein weiteres Schlaglicht auf Frida Kahlo zu werfen.

Doch es sind nicht die kleinen Anekdoten, die reichlich aufzählbaren Affären oder die peinigenden Qualen ihrer Krankheitsgeschichte, die dieses Buch mehr als lesenswert machen. Es ist die sagenhafte Geschwindigkeit, in der die Autorin das rasante Leben von Frida Kahlo noch einmal Revue passieren lässt. Seite für Seite öffnet sich der Vorhang erneut für ein weiters Kapitel einer Künstlerin, die anfangs tief im Schatten des großen Rivera stand. Sie war seine Frau, zweimal hat sie Diego geheiratet. Sie war die Frau an seiner Seite, allerdings immer ein wenig im Hintergrund. Erst kurz vor ihrem Tod – auch hierzu gibt es im Buch Erkenntnisse, die so manches Klischee erblassen lassen – rückte sie in Riveras Nähe, um ihn schlussendlich in den Schatten zu stellen. In Mexiko wird er heute noch verehrt – ihr errichtet man immer noch Denkmäler.

Wie die gesamte blue-notes-Reihe räumt auch diese Biographie mit dem ermüdenden Kampf der Geschlechter auf. Letztlich ist es doch egal, ob Frau oder Mann die Bilder schuf. Frida Kahlos Bilder sind für den Betrachter oberflächlich leicht zu erkennen. Sie zu entschlüsseln, dazu bedarf es ein wenig Hintergrundwissen. Und davon gibt es auf den knapp einhundertfünfzig Seiten mehr als genug. Surrealismus, Realismus, Folklore – die Spielarten der Stile waren Frida Kahlo willige Werkzeuge, um sich auszudrücken. Vom ersten Malkasten, den ihr ihr Vater schenkte, bis zu überdimensionalen Werken, die weithin Räume erstrahlen lassen, gibt Annette Seemann die ihnen zustehende Sprache an die Hand.

Die versprengten Deutschen

Zuerst reiste Karl-Markus Gauß in seiner guten Stube herum und erforschte aus der Froschperspektive die Geschichte Europas. Dann zog es ihn in die Metropolen der Welt, in denen er noch mehr Geschichte fand. Es war die große Geschichte Europas, die er fand. Und nun? Nun sucht er nach den Geschichten. Nach der Geschichte der Deutschen, die in der vermeintlichen Fremde ihre deutschen Wurzeln noch pflegen, sie teils sogar suchen, mit ihnen hadern.

Fündig wird er im Baltischen Raum, in Litauen, Memelgebiet, wie es hier und da einmal hieß. Er trifft Luise. Sie hat ihre Muttersprache erst spät wieder erlangt. Jahrzehntelang war sie frei wie ein Vogel im Wind. Ihr Nest war in Litauen. Ihre Wiege stand in Deutschland. Immer wieder wechselten wie bei so vielen die Herren, die die Geschicke des Landes leiteten. Immer mit Repressionen verbunden. Dabei ist es egal, ob es nun Deutsche im Namen eines menschenverachtenden Feldzuges sind oder Russen auf dem Kreuzzug gegen die Besatzer waren. Sie flatterte aufgeregt zwischen den fronten hin und her. Meist aus einem zwang heraus. Was von ihr noch deutsch ist, kann sie kaum noch bezeichnen.

Gauß reist weiter. Quer durch Europa. Bis ans schwarze Meer. Bis an den südlichen Zipfel Europas. In die Berge, ans Meer. Doch immer in die Seelen der Menschen. Er ist wahrhaft kein Seelenfänger im bösartigen Sinn. Schon gar niemand, der das Deutschtum vergöttert, es in etwas verwandelt, was einen bitteren Beigeschmack mit sich führt. Gauß sucht, Gauß findet, Gauß hört zu, Gauß schreibt nieder. Die von ihm gesuchten, gefundenen, niedergeschriebenen Geschichten sind eindrucksvolle Einblicke, die man ohne ihn niemals gelesen hätte.

Wenn heutzutage von Assimilation, Eingewöhnung gesprochen wird, ist es immer mit einer Forderung verbunden, sich gefälligst unterzuordnen und sich selbst aufzugeben (was natürlich niemand so meint, wie er es sagt…). Das ist kein Phänomen der Gegenwart. Wer die Heimat verlässt, geht ein Wagnis ein. Das Wort Abenteuer hat im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und hat was von einem Erlebnisparkbesuch, der mit Einbruch der Dunkelheit endet, weswegen Wagnis hier wohl angebracht erscheint. Dieses Wagnis mündet in eine Neuentdeckung der eigenen Wurzeln. Neues kommt hinzu, Altes tritt vereinzelt in den Hintergrund.

Gauß staunt selbst über die Vielfältigkeit des Deutschseins. Und lässt den Leser mit seinem Staunen nicht allein. Immer weiter treibt es ihn in Gemeinschaften, in Landstriche, die mehr deutsche Prägung haben als an der Oberfläche zu sein vermag. Diese europäische Deutschlandreise ist ein intelligenter Streifzug durch Europa zu deutschen Wurzeln, tiefer in die Kultur als so manches von Oben gewünschte Verhalten.

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Franken Quiz

Rätsel, Rätsel, Rätsel. Über Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ rästelt man bis heute. Bei dem Gedanken an die epische Produktionszeit von „Apocalypse Now“ schaudert es jeden Filmproduzenten. Rätsel zu lösen, sind eine Leidenschaft, die mehr als nur einen Fernseh(vor)abend dauert. Welch Arbeit dahinter steckt, bleibt für alle – bis auf die Beteiligten – ein … na was schon … ein Rätsel.

In der Pandemie haben wir Tag für Tag Künstler und Freischaffende kennengelernt, die sich lautstark über die mangelnde Unterstützung beklagten. Das ist das harte Los der Selbstständigen.

Matthias Kröner – selbstständiger Autor und mittlerweile Quizentwickler – hat die erzwungene fast schon als freie Zeit zu bezeichnenden vergangenen Monate genutzt, um dem Rätsel wie es weitergehen soll sein kreatives Potential an den Kopf zu schmettern. Als eingefleischter Franke im Ostsee-Exil war es mehr als nur ein Zeitvertreib dieses Franken-Quiz zu auszuarbeiten.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt der Fragen – womit nicht die Anzahl gemeint ist. Sondern vielmehr die gut sortierte Auswahl an Themengebieten. Von Politik und Theaterszene (ausnahmsweise nicht im Zusammenspiel) über Geographie und Sport bis hin zu speziellem Fachwissen. Wer weiß schon, wo vor fast siebzig Jahren die erste Pizzeria eröffnet wurde? In Würzburg sicher mehr Leute als anderswo … upps, Spoileralarm.

Als passionierter Reisebuchexperte und Franke mit Herz, Seele und Zungenschlag, konnte er schon mehreren Geheimnissen in seiner fränkischen Heimat auf den Grund gehen als die Mehrheit seiner Landsleute. Dieses Spezialwissen merkt man den Fragen des Quiz an. Schon mal was vom Frankenrechen gehört? Wo ist die Chance am größten Süßkirschen – nicht unbedingt in Nachbars Garten – stibitzen? Und für alle, die dem Fränkischen Zungenschlag nicht ganz abgeneigt sind: Was ist ein „oozuulds Buddlersbaa“?

Wenn andernorts, zur Unzeit der eigene Nationalstolz wie eine Kriegstrophäe vor sich hergetragen wird, kommt dieses Franken-Quiz wie ein lehrreicher und vor allem unterhaltsamer Regionalspaß auf den Spieletisch.

Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Sizilien

Da soll es doch tatsächlich Reisende geben, die meinen, dass sie Sizilien in zwei Wochen komplett erleben können. Dann haben die ihren Reiseband (sehr schmal) wohl aus dem Wühltisch eines Discounters gefischt. Zwei Wochen – so lang benötigt man, um dieses Buch eingehend zu lesen. Notizen machen – das kann man vergessen. Dieses Buch ist der Notizblock für alle folgenden Sizilien-Aufenthalte! Wer keinen Schimmer hat, wo er seine Sizilien-Erkundungen starten, seine erholsamen Tage verbringen, unzählige Abenteuer erleben kann, hat nur eine Wahl: Dieses Buch von Seite Eins bis Seite sechshundertsechsunddreißig durchzulesen. Klingt viel, ist aber jede Leseminute wert.

Ob nun das quirlige Palermo mit seiner facettenreichen Architektur und den überbordenden Märkten oder eine Reise vom antiken Siracusa (Heureka!) ins barocke Ragusa, bei der man auch das rosarote Noto nicht „einfach mal so eben mitnimmt“ – die Autoren sind keine Faktenschreiber, sie sind Verführer. Zugegeben, die Landschaft macht es ihnen auch leicht, Sehnsüchte zu wecken.

Oder wie wäre es mit dem hitzerekordhaltenden Catania? Mit Blick auf den – und schon sind wir wieder bei hohen Temperaturen – Ätna. Dass hier ab und zu mal der Boden nicht den sichersten Halt gibt, nimmt man bei derartigen Aussichten gern in Kauf. Natürlich immer unter dem Aspekt sich nicht selbst absichtlich in Gefahr zu begeben.

Geschichte bis zum Abwinken findet man im Süden. Agrigent und das Tal der Tempel gehört für jeden Reisenden, jeden Sizilianer, selbst für Norditaliener (aus „Kulturschock Italien“ wissen wir, dass es zwischen dem Norden und dem Süden gewisse Animositäten gibt) zum festen Kulturprogramm.

Klare Strukturen zeichnen jedes Kapitel – jede kleine Reise – aus. Zuerst wird man umfassend in die Geschichte eingeführt. Gefolgt vom Wasser-Im-Munde-Zusammenlaufen, wenn es darum geht, die Schönheit eines Wortes, einer Landschaft, eines Viertels hervorzuheben. Da will man sofort die Koffer packen und jedes Kapitel vor Ort erleben.

Als reichhaltiges Dessert (Cannoli sind doch nicht das Nonplusultra der Nachspeise) werden die Sizilien umliegenden Inseln ausführlich nähergebracht. Und das sind nicht nur die Liparischen Inseln Lipari, Stromboli, Vulcano etc, sondern die im Westen gelegenen Egadischen Inseln sowie die pelagischen Inseln im Süden. Kleine Eilande, die teils nur von wenigen Einwohnern als Heimat bezeichnet werden. Wem die Strände auf der Hauptinsel zu voll sind, der wird auf Favignana (Egadische Insel) feinsten Sand, glasklares Wasser und unberührte Vegetation fast für sich allein haben.

Als Zusatzlektüre empfiehlt sich der kleine Sprachführer „Sizilianisch Wort für Wort“. Denn wie überall auf der Welt freuen sich Einheimische darüber, dass der geneigte Gast versucht sich zumindest sprachlich anzupassen.

Kulturschock Italien

Was ist so schön an Klischees? Deren Bestätigung? Sie zu widerlegen? Ihnen tatsächlich zu begegnen? Es ist wahrscheinlich die Mischung daraus. Ein wildes Gestikulieren in einer angeregten Diskussion. Auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, dass durch die Emotionen ein Streitgespräch zu selbigem wird. Oder Pizza und Bier – was kein vino? Und alles spielt sich auf der Straße ab. Wie ist unser Bild von Italien? Wie ist es entstanden? Was ist Klischee, was ist unsere Eigeninterpretation?

Nicht ein Tag vergeht, in dem wir im Fernsehen mit einem vermeintlich wahren Italienklischee konfrontiert werden. Ob nun als übertriebene Liebesromanze in den Kanälen von Venedig, als familientaugliches Beziehungsdrama in den Kulissen der Ewigen Stadt oder als sonnenverwöhntes Urlaubsabenteuer (mit Hund!, warum muss eigentlich immer ein Tier dabei sein?) mit Wandlung zum Helden – deutsches Fernsehen und italienische Kulisse ist immer noch von bella italia der Wirtschaftswunderzeit geprägt.

Und was stimmt davon nun? Eigentlich fast gar nichts mehr. Oder doch? Das Bier zur Pizza wird immer beliebter. Den Kassenzettel sollte man mittlerweile immer bei sich haben, seit dem die Antigeldwäschegesetze in Kraft getreten sind. Übrigens auch, wenn man sich nur ein gelato gönnt. Und wer im Norden vom Süden schwärmt, wird schnell in eine Diskussion hineingezogen, die er nur verlieren kann. Umgekehrt ist es übrigens nicht anders. Aber über Politik im Urlaub zu sprechen, sollte man eh unterlassen.

Ob ein Urlaub in Italien als Kulturschock bezeichnet werden kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer vorbereitet ist, wird den vermeintlichen Schock besser verdauen, als wenn er ihn unverhofft trifft. Und dafür gibt es nur eine Medizin, dieses Buch! Das Alltagsleben, das Flair, die Abläufe, Gepflogenheiten machen einen Urlaub erst zum Erlebnis. Und je besser man sie verinnerlicht hat, desto erlebnisreicher wird die angestrebte Erholung. Auf über 250 Seiten kommt Italien ins Reisegepäck, wird immer wieder in die Hand genommen, sorgt für Erstaunen, ein bestätigendes Lächeln, aber auch für Ahas und Ohos. Das beginnt bei der einfachen Nachfrage, ob man denn eintreten darf, wenn man eingeladen wird. Das ist eine Höflichkeitsformel, die mehr für die Völkerverständigung tut als das opulenteste Geschenk für die Gastgeberin. Welches man nebenbei gesagt trotzdem zur Hand haben sollte.

Ausflüge in die Geschichte, regionale Besonderheiten, die Mafia – um die kommt man von Maran (ladisch für Meran) bis Girgenti (sizilianisch für Agrigent) eh nicht herum – dieser gedruckte Kulturbeutel tut mehr für Erholung und Entspannung als so mancher Reiseband aus dem Wühltisch der Discounter. Alltagssituationen werden entkrampft, die Angst vor dem Neuen wird dem Leser im Handumdrehen genommen, geheimnisvolle Gesten werden ins rechte Licht gerückt – für den wissbegierigen Italienurlauber ist „Kulturschock Italien“ ein bislang unfassbarer Wissensschatz.

So sind sie, die Italiener!

Bei jedem Spiel der squadra azzurra ist es seit einigen Jahren üblich den Spielern beim Mitsingen der Hymne ins Gesicht zu schauen. Voller Inbrunst wird das „fratelli italia“ in die Welt hinausgeschleudert als ginge es darum dem Tod mit Vehemenz entgegenzutreten. Und das ganze Land singt mit, wo andere Nationen nur grölen können. So sind sie, die Italiener, möchte man meinen. Mit dieser Beobachtung im Hinterkopf ist man bestens gerüstet für dieses kleine Büchlein.

Martin Solly, Engländer, mittlerweile eingeheirateter Italiener, nimmt mit süffisantem Unterton die Italiener unter die Lupe. Ohne ihnen dabei auf die Füße zu treten. Immer mit Respekt und immer mit dem nötigen Abstand kommt er ihnen näher. Und zeigt dem Leser, dass Unterschiede innerhalb des Landes so typisch sind wie die Stadt Rom ewig existieren wird.

Doch Vorsicht! Wenn das Benehmen sich als auch noch so lustig darstellt, so ist es tief im Tun und Denken verwurzelt. Und somit ernst zu nehmen. Steht man im Stau, weil ein paar Reihen sich zwei Autofahrer darüber freuen sich zu sehen, kann man nur die Ruhe bewahren und Zeitung lesen, sich die Haare richten etc. Oder man hupt euphorisch und aufgebracht. Letzteres lässt den Touristen weniger als solchen erscheinen.

Italiener sind stilvoll. Das zeigt sich auch in der Kleidung. Martin Solly beschreibt treffend so: Ein Arzt kleidet sich wie ein Arzt, immer. Und immer bella figura machen. Ohne dabei zu übertreiben. Ganz wichtig! Auch sind die Italiener wahre Improvisationskünstler. Nicht zwingend der Redewendung folgend „Was nicht passend, wird passend gemacht“ und ohne fatalistisches Gejammer, kommt man schließlich immer ans Ziel.

So wie nicht jedem Deutschen Pünktlichkeit und Ordnungssinn allumfassend zugesprochen werden kann, so falsch ist es Italienern Faulheit anzudichten. Eine gewisse Lebensfrohheit, allegria, darf man ihnen allerdings nicht absprechen.

Mit wachsender Begeisterung liest man Seite für Seite in dem Buch. Manchmal findet man seine eigenen Vorurteile bestätigt, und immer findet man auch gleich die Erklärung dafür. Schon nach wenigen Seiten zwinkert man sich selbst zu, wenn ein deftiges Klischee hier unumwunden als Wahrheit deklariert wird. Klischees haben nur zwei Zwecke: Sie zu widerlegen oder sie zu bestätigen. Warum auch nicht?! „So sind sie, die Italiener“ holt jeden Urlauber auf den kulturellen Boden der Tatsachen. Die Leichtigkeit der Worte machen es einem leicht sich der Kultur auf dem Stiefel anzunähern. Und der Urlaub zwischen Alpen und Sizilien, zwischen Adria und Tyrrhenischen Meer wird zum Abenteuer, ohne dabei abenteuerlich zu sein.