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Kulturschock Italien

Was ist so schön an Klischees? Deren Bestätigung? Sie zu widerlegen? Ihnen tatsächlich zu begegnen? Es ist wahrscheinlich die Mischung daraus. Ein wildes Gestikulieren in einer angeregten Diskussion. Auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, dass durch die Emotionen ein Streitgespräch zu selbigem wird. Oder Pizza und Bier – was kein vino? Und alles spielt sich auf der Straße ab. Wie ist unser Bild von Italien? Wie ist es entstanden? Was ist Klischee, was ist unsere Eigeninterpretation?

Nicht ein Tag vergeht, in dem wir im Fernsehen mit einem vermeintlich wahren Italienklischee konfrontiert werden. Ob nun als übertriebene Liebesromanze in den Kanälen von Venedig, als familientaugliches Beziehungsdrama in den Kulissen der Ewigen Stadt oder als sonnenverwöhntes Urlaubsabenteuer (mit Hund!, warum muss eigentlich immer ein Tier dabei sein?) mit Wandlung zum Helden – deutsches Fernsehen und italienische Kulisse ist immer noch von bella italia der Wirtschaftswunderzeit geprägt.

Und was stimmt davon nun? Eigentlich fast gar nichts mehr. Oder doch? Das Bier zur Pizza wird immer beliebter. Den Kassenzettel sollte man mittlerweile immer bei sich haben, seit dem die Antigeldwäschegesetze in Kraft getreten sind. Übrigens auch, wenn man sich nur ein gelato gönnt. Und wer im Norden vom Süden schwärmt, wird schnell in eine Diskussion hineingezogen, die er nur verlieren kann. Umgekehrt ist es übrigens nicht anders. Aber über Politik im Urlaub zu sprechen, sollte man eh unterlassen.

Ob ein Urlaub in Italien als Kulturschock bezeichnet werden kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer vorbereitet ist, wird den vermeintlichen Schock besser verdauen, als wenn er ihn unverhofft trifft. Und dafür gibt es nur eine Medizin, dieses Buch! Das Alltagsleben, das Flair, die Abläufe, Gepflogenheiten machen einen Urlaub erst zum Erlebnis. Und je besser man sie verinnerlicht hat, desto erlebnisreicher wird die angestrebte Erholung. Auf über 250 Seiten kommt Italien ins Reisegepäck, wird immer wieder in die Hand genommen, sorgt für Erstaunen, ein bestätigendes Lächeln, aber auch für Ahas und Ohos. Das beginnt bei der einfachen Nachfrage, ob man denn eintreten darf, wenn man eingeladen wird. Das ist eine Höflichkeitsformel, die mehr für die Völkerverständigung tut als das opulenteste Geschenk für die Gastgeberin. Welches man nebenbei gesagt trotzdem zur Hand haben sollte.

Ausflüge in die Geschichte, regionale Besonderheiten, die Mafia – um die kommt man von Maran (ladisch für Meran) bis Girgenti (sizilianisch für Agrigent) eh nicht herum – dieser gedruckte Kulturbeutel tut mehr für Erholung und Entspannung als so mancher Reiseband aus dem Wühltisch der Discounter. Alltagssituationen werden entkrampft, die Angst vor dem Neuen wird dem Leser im Handumdrehen genommen, geheimnisvolle Gesten werden ins rechte Licht gerückt – für den wissbegierigen Italienurlauber ist „Kulturschock Italien“ ein bislang unfassbarer Wissensschatz.

So sind sie, die Italiener!

Bei jedem Spiel der squadra azzurra ist es seit einigen Jahren üblich den Spielern beim Mitsingen der Hymne ins Gesicht zu schauen. Voller Inbrunst wird das „fratelli italia“ in die Welt hinausgeschleudert als ginge es darum dem Tod mit Vehemenz entgegenzutreten. Und das ganze Land singt mit, wo andere Nationen nur grölen können. So sind sie, die Italiener, möchte man meinen. Mit dieser Beobachtung im Hinterkopf ist man bestens gerüstet für dieses kleine Büchlein.

Martin Solly, Engländer, mittlerweile eingeheirateter Italiener, nimmt mit süffisantem Unterton die Italiener unter die Lupe. Ohne ihnen dabei auf die Füße zu treten. Immer mit Respekt und immer mit dem nötigen Abstand kommt er ihnen näher. Und zeigt dem Leser, dass Unterschiede innerhalb des Landes so typisch sind wie die Stadt Rom ewig existieren wird.

Doch Vorsicht! Wenn das Benehmen sich als auch noch so lustig darstellt, so ist es tief im Tun und Denken verwurzelt. Und somit ernst zu nehmen. Steht man im Stau, weil ein paar Reihen sich zwei Autofahrer darüber freuen sich zu sehen, kann man nur die Ruhe bewahren und Zeitung lesen, sich die Haare richten etc. Oder man hupt euphorisch und aufgebracht. Letzteres lässt den Touristen weniger als solchen erscheinen.

Italiener sind stilvoll. Das zeigt sich auch in der Kleidung. Martin Solly beschreibt treffend so: Ein Arzt kleidet sich wie ein Arzt, immer. Und immer bella figura machen. Ohne dabei zu übertreiben. Ganz wichtig! Auch sind die Italiener wahre Improvisationskünstler. Nicht zwingend der Redewendung folgend „Was nicht passend, wird passend gemacht“ und ohne fatalistisches Gejammer, kommt man schließlich immer ans Ziel.

So wie nicht jedem Deutschen Pünktlichkeit und Ordnungssinn allumfassend zugesprochen werden kann, so falsch ist es Italienern Faulheit anzudichten. Eine gewisse Lebensfrohheit, allegria, darf man ihnen allerdings nicht absprechen.

Mit wachsender Begeisterung liest man Seite für Seite in dem Buch. Manchmal findet man seine eigenen Vorurteile bestätigt, und immer findet man auch gleich die Erklärung dafür. Schon nach wenigen Seiten zwinkert man sich selbst zu, wenn ein deftiges Klischee hier unumwunden als Wahrheit deklariert wird. Klischees haben nur zwei Zwecke: Sie zu widerlegen oder sie zu bestätigen. Warum auch nicht?! „So sind sie, die Italiener“ holt jeden Urlauber auf den kulturellen Boden der Tatsachen. Die Leichtigkeit der Worte machen es einem leicht sich der Kultur auf dem Stiefel anzunähern. Und der Urlaub zwischen Alpen und Sizilien, zwischen Adria und Tyrrhenischen Meer wird zum Abenteuer, ohne dabei abenteuerlich zu sein.

Sardinien

Ein beliebter Witz unter Sardinien-Urlaubern: Was ist das wichtigste an Sardinien? Das zweite I! Sonst wäre man in einer von Öl durchdrängten Dose unterwegs, und das ist will wirklich keiner. So was nennt man Schiffsverkehr.

Nachdem die Plattitüden also geklärt sind, kann man sich diesem mehr als brauchbaren Reiseband widmen. Sardinien hat ein nicht ganz greifbares Image. Auf der einen Seite das maßlos überteuerte Costa-Smeralda-Milliardärs-Gehabe, auf der anderen Seite die Ursprünglichkeit einer wahrhaft wilden Landschaft. Hier kommt das Fleisch noch als ganzes Tier auf den Tisch. Hier kann man von karg bewachsenen Hügeln meilenweit bis auf s Meer hinausschauen. Hier kommen erfahrene Autofahrer schon mal an die Grenzen der Mobilität. Ach, und ja, das Wetter ist naturgemäß eine Wucht. Sonne satt, ein laues Lüftchen und oben in den Bergen ab fortgeschrittener Stunde schon mal kühler als man es im Mittelmeerraum vermuten mag. Also alles klar: Auf nach Sardinien.

Gut gerüstet ist man auf alle Fälle mit diesem Buch. Fast siebenhundert Seiten. Wer da nichts findet, der wird Sardinien auch nicht erkunden wollen. Wer sich aber für Sardinien entschieden hat, aber noch nicht weiß, wo er sich für die Urlaubszeit ansiedeln möchte, was er alles erleben kann, dem sei empfohlen einfach mal im Buch nachzublättern. Irgendeine Seite aufschlagen. So liest man dann wahrscheinlich zum allerersten Mal von Castelsardo. Schon beim Namen weiß man genau, wo man ist und was es wohl zu sehen gibt. Und ohne den Begriff Folklore episch zu dehnen, gibt’s obendrauf gleich noch das, was man unbedingt sehen muss. Und vielleicht auch gleich eine Anregung für ein unvergleichliches Souvenir. Ein Korbflechter zeigt geduldig sein Geschick. Doch zurück zum Ort Castelsardo. Auf der Karte auf der letzten Umschlagseite sieht man die Nähe zum Meer im Norden der Insel. Die Genueser Familie Doria baute hier eine Festung, die später von den Spaniern genutzt wurde. Wer Geschichte sucht, kann schon mal das Häkchen an der richtigen Stelle machen. Kein Strand und trotzdem Meer – kein Widerspruch und schon gar nicht ein Grund dem Sechstausend-Seelen-Örtchen den Besuch zu verweigern. Der bevorstehende beginnt schon mit dem zweiten Absatz des Kapitels. In dem wird glasklar beschrieben wie man sich dem Ort nähert und wo man – wenn nötig – sein Auto parkt. Denn das centro storico, die Altstadt, ist autorfrei. So muss Urlaub sein! Oder?! Wenn man frei in der Wahl der Urlaubszeit ist, empfiehlt sich ein Besuch des Ortes vom Montag vor Ostern. Festa Lu Lunissanti heißt das Spektakel. Eine Prozession mit einem Christuskreuz (Cristu Nieddu – schwarzer Christus), dem ältesten der Insel, das binnen einer Stunde an den Stadtrand getragen wird. Und das unter mittelalterlichen Gesängen und in Gewändern, die einem schon mal das Blut in den Adern gefrieren lassen können.

Wenn allein schon derart viel Detailverliebtheit zu einem vergleichsweise kleinen Ort begegnet, kann man sich leicht ausrechnen, was Peter Höh, dem Autor dieses Reisebandes in Orten wie Cagliari, der Hauptstadt der Insel, begegnet ist. Ein schier unergründlicher Wissensschatz, der einen Zwei-Wochen-Urlaub wie im Flug vergehen lässt. Jeder Ausflug ist so exakt beschrieben, dass man sich gar nicht verlaufen kann. Und wenn doch, dann genießt man einfach die Eindrücke. Man wird schon wieder auf den rechten Pfad zurückkehren und dann ist man einmal mehr mit diesem Buch bestens ausgestattet. Von versteckten Stränden (gibt’s wirklich) über frei zugängliche Grotten bis hin den Orten, die man einfach gesehen haben muss, versammelt sich der gesamte Schatz der Insel in diesem Buch. Man muss nur aufpassen, dass man vor lauter Staunen beim Lesen nicht das echte Sardinien verpasst. Es wäre eine Schande das leckerste Kaninchen der Welt zu verpassen, auch wegen der besonderen Zubereitungs- und Darbietungsweise.

Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Was wollen wir heute essen? Spaghetti!, tönt es keine Sekunde abwartend aus Dutzenden von Kindermündern. Das kennt wohl jeder. Steht irgendwie im Widerspruch zum Klappentext dieses Buches, in dem Autor Dieter Richter ein anderes Bild vom Image der italienischen Küche zeichnet. Ungenießbar. Gesundheitsschädlich. Diese Aussagen hat er sich nicht ausgedacht. Und schon gar nicht meint er sie ernst. Es gab tatsächlich mal eine Zeit – und das ist wirklich gar nicht so lange her – in der Pasta und Pizza als Reaktion auf „Was essen wir heute?“ Stirnrunzeln und verzogene Mundwinkel hervorrief. Das war die Zeit, in der man im Goggomobil oder Käfer nach Bella italia fuhr, um in der unerträglichen Hitze ein Eisbein zu bestellen. Zu viel Neues (des Guten) war dann eben doch zu viel.

Die Zeiten haben sich geändert. Pizza ist das Fastfood numero uno, weltweit! Und Pasta … ja, Pasta führt zu schon zu einem Aufschrei, wenn in der Fertigpackung klammheimlich der Parmesan aus der Packung entfernt wird.

Dieter Richter erzählt uns, den Lesern warum wir Italien so lieben. Denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Mit den Gastarbeitern kamen die Nudeln und die Teigtaschen über die Alpen. Erste trattorien entstanden. Und im Handumdrehen waren Braten und Klöße als Festschmaus von Spaghetti, Maccaroni und Pizza salame Verkaufsschlager und das Lieblingsessen freudig strahlender Gesichter jeden Alters. Bald schon hatte man seinen Lieblingsitaliener, den man duzte, der einem respektvoll mit dottore anredete.

Die Kolonisierung der Welt basiert auf der einfachen Küche. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete in der neuen Welt die erste Pizzeria. Durch die Lieferdienste wurde die Eroberung der kulinarischen Welt manifestiert.

Mit Anekdoten und belegbaren wissenschaftlichen Thesen rückt Dieter Richter dem Mythos der cuicna italiana auf den Pelz. Tiefgründig erörtert er, warum wir so hoffnungslos Italien verfallen sind. Dabei bleibt er nüchtern, fast schon teilnahmslos, um jede Skepsis an seiner Analyse im Öl der Erkenntnis zu ertränken.

Treten Sie ein, der beste Platz im ristorante der Kulinarik ist bereits reserviert für den kundigen, neugierigen Italienliebhaber. Ein opulentes Wissensmahl wartet bereits. Das verträgt sich gut mit der dieta mediterranea, der bekömmlichsten aller Diäten.

Lost & Dark Places Berlin

Eine Brotfabrik, ein Funkhaus und ein legendärer Flughafen – komm, lass uns Urlaub machen! Die in diesem Buch vorgestellten Ausflugsziele stehen nicht auf allzu vielen Wunschzetteln für einen erholsamen Urlaub. Was aber auf alle Fälle feststeht, ist, dass diese Expeditionen jedem Hobbyforscher einen Denkzettel verpassen. Corinna Urbach und Christine Volpert haben dreiunddreißig Orte in und um Berlin gefunden, die ihr Leben gelebt haben, die mittlerweile nicht nur sprichwörtlich ihr Dasein im Schatten fristen. Lost places, dark places nennt man solche verlassenen Orte, die ihre Pracht, ihren Sinn im Laufe der Jahre verloren haben. Hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Hier benimmt man sich wie es sich gehört: Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Geschichte stehen an oberster Stelle. Dafür wird man aber auch außergewöhnlich belohnt.

Der Zahn der Zeit, das Vergessen, der Unwillen zur Erhaltung oder ungeklärte Besitzverhältnisse haben so manchem Ort ein Schicksal in den eigenen Mauern beschieden. Oft sind diese Orte abgesperrt, weil die Holzböden morsch sind, die Statik nicht mehr überprüft wird und somit akute Einsturzgefahr besteht.

Auf der anderen Seite gibt es Orte, die eine dunkle Vergangenheit haben und nun als Mahnmal, niemals zu vergessender Ort der Nachwelt ihre Geschichte erzählen. So wie das Geheimobjekt 05/206. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Doch der nichtssagende Name in Märkisch Oderland ist nicht mehr und nicht weniger als der Atombunker, der im Ernstfall einmal als Organisations- und Rechenzentrum für die Nationale Volksarmee hätte dienen sollen. Von außen eher unscheinbar, so sollte es ja auch sein, von innen immer noch in erstaunlich gutem Zustand. So dass heutzutage eineinhalbstündige Führungen stattfinden.

Die NS-Zeit ist zum Glück vorüber, die Folgen sind bis heute sichtbar. Aber nicht alles ist noch zu besichtigen. Dank dieses Buches und den darin enthaltenen Abbildungen kann man allerdings einen Blick darauf werfen. So wie in die Siedlung der SS-Leitung des KZ Ravensbrück. Nach dem Krieg eroberten die Sowjets das Gebiet und machten sich bis zu ihrem Abzug Anfang der 90er Jahre sich hier breit. Seit rund einem Jahrzehnt kann man in einzelnen Gebäuden wieder Ausstellungen zur besonderen Geschichte besichtigen.

Auf eigene Faust in abbruchreife Häuser einsteigen, ist ein wahrlich gruseliges Abenteuer. Sollte man unterlassen, da man sich mindestens des Landfriedensbruchs strafbar machen kann. Wer sich dabei die Taschen füllt, ist ein Dieb. Ganz davon abgesehen, dass man sich selbst in Gefahr bringt. Die beiden Autorinnen stellen Orte vor, die Geschichte machten, die man besichtigen darf, aber auch Orte, die der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Nichts desto trotz machen diese Orte Lust auf erlebbare Geschichte. Und dort, wo man nicht rein darf, ist dieses Buch mehr als ein Trostpflaster. Was immer noch besser ist als ein echtes Pflaster auf blutigem Körper…

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Erfurt

Es wäre fatal Erfurt nur mit einer Attraktion in Verbindung zu bringen. Paris besteht schließlich auch nicht nur aus dem Eiffelturm und London nur aus der Tower Bridge. Und entgegen der derzeit fast vorherrschenden Meinung, dass Erfurt nur aus Bundesgartenschau und Krämerbrücke besteht, muss man diesen Reiseband lesen.

Ja, die Krämerbrücke, die seit Jahrhunderten mit ihren originellen (einst lebenswichtigen) Geschäften allen Suchen nach der gleichbleibenden Shopping-Experience in global agierenden Filialen eine Absage erteilt, muss man besuchen. Auch das ehemalige IGA-Gelände (Gartenschau, die in der DDR „bewies“, dass es hier sehr wohl alles zu kaufen gibt – was natürlich Nicht stimmte), welches momentan einen Teil der Bundesgartenschau 2021 beheimatet, ist mehr als nur einen Abstecher wert. Erfurt kann man auch als eine Stadt der Wunder umschreiben. Ein Blick auf das Titelbild zeigt … das ist doch … nee … das muss doch eine Fotomontage sein. Zwei Kirchen auf einem Platz? Direkt nebeneinander. In Italien ist das okay, aber Thüringen? Ja, ist aber so. Domplatz mit der beeindruckenden Treppe, die an erhellenden Sommertagen als Theaterkulisse trägt. Domkirche und St. Severi scheinen im Abendlicht miteinander zu schmusen, und die Domtreppe scheint zu verdecken, was im Verborgenen bleiben soll.

Verstecken, sich gar verbergen, muss sich Thüringens Hauptstadt nicht. Auch wenn der Liedermacher Rainald Grebe Thüringen als „Land ohne Prominente“ satirisch verarbeitete (von wegen: Max Weber wurde hier geboren, Luther zerbrach sich hier sein Hirn über Gott und die Kirche und Adam Ries verbrachte hier die erkenntnisreichsten vier Jahre seines Lebens), so kann man hier – mit diesem Buch in der Hand – erstaunliche Stunden, sogar Tage verbringen. Da man um die Krämerbrücke eh nicht herumkommt, beginnt man am besten auch hier seine Erkundungstour. Am Ufer der Gera – ja Erfurts Stadtfluss teilt sich den Namen mit der gleichnamigen ehemaligen Bezirksstadt der DDR – steht ein Metallobjekt. Muss man gesehen haben, da es auf Bildern ein wenig deplatziert wirkt. Es handelt sich hierbei um eine Mikwe, ein jüdisches Tauchbad, und es wurde bis Mitte des 15. Jahrhunderts auch als solches genutzt. Allein daran erkennt man schon, dass Erfurt viel Geschichte zu bieten hat. Bei einer Führung zur jüdischen Geschichte erfährt man einiges, was sich hier zugetragen hat. Vom Pogrom im Jahr 1349 bis zum UNESCO-Welterbe.

In der jüngeren Vergangenheit ist auch außerhalb der Stadt- und Landesgrenzen wieder das Erfurter Blau in den Fokus gerückt (worden). Schon zu Beginn des letzten Jahrtausends (!) begann man mit technischen Verfahren Kleidung zu färben. Für den Anbau des Färberwaides opferte man Getreidefelder und machte mit dem komplizierten Verfahren Erfurt weithin sichtbar bekannt. Auch heute noch gibt es kleinere Betriebe, in denen man sich sein eigenes Textil gestalten kann (mit einer Art Batiktechnik). Der Prozess dauert aber einige Tage, so dass man sich sein Einzelstück entweder nach dem Urlaub zuschicken lässt oder die Zwischenzeit nutzt, um alle BUGA-Stellen zu besichtigen.

Die BUGA 2021 gibt dem prall gefüllten Reisebuch den aktuellen Anstrich. Denn die Bundesgartenschau erstreckt sich nicht nur auf dem ursprünglich für eine Gartenschau erschlossenen Gelände, sondern verleiht beispielsweise dem Areal vor der Zitadelle Petersberg ein duftendes Œuvre. Weimar, Jena, Gotha, Sangerhausen, Bad Liebenstein sind Orte, die mit ihrem Einfallsreichtum der BUGA ein umfassendes Bild einer von Menschenhand entworfenen Natur verleihen. Auch dazu bietet das Buch eine reichhaltige Auswahl an Ausflügen.

Erfurt hat noch nicht jeder, der in eingeschränkten Reisezeiten mit Ab- und Anstand reisen möchte, auf dem Plan. Zu Unrecht. Auf 270 Seiten wird einem eine Stadt schmackhaft gemacht, die langsam aus ihrem Dämmerschlaf erwacht.

Venedig

Bei so viel Sehnsuchtsziel könnte man fast auf die Idee kommen, Winston Churchill hätte bei seiner berühmten Victory-Geste Werbung für die Lagunenstadt machen wollen. V für Venedig, das passt! Kaum eine andere Stadt kann auf so viele verträumte Gäste hoffen, wie die schwimmende Stadt, die auf Pfählen gebaut wurde, deren Ende öfter prophezeit wurde als das Ende der Pandemie, die sich allen Unkenrufen zum Trotz lebhafter Besucherströme gleichzeitig erfreut und zur Wehr setzt.

Venedig ist ein gespaltenes Verhältnis zu seiner eigenen Pracht. Ja, die Architektur und die Einzigartigkeit seiner Lage machen Venedig zu einem Juwel unter den Städten, weltweit. Andererseits möchte man angesichts der Unmengen an Besuchern und der gigantischen schwimmenden Hotels und ihrer alles bedrohenden Bugwellen in der Lagune sich fast schon wieder von dem Gedanken verabschieden die Stadt in Augenschein zu nehmen. Wer sich entscheidet die Stadt „sozialverträglich“ zu erkunden, hat mit den Reisebuchautoren Sabine Becht und Sven Talaron die einzige – beste – Wahl für das getroffen, was man machen muss, was man kann und – in Venedig gaaaanz wichtig – was man tunlichst unterlassen sollte. Wo in Deutschland die „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität für Schmunzeln sorgt, herrscht in Venedig die „Draußen-Nur-Scheine“-Doktrin. Wer im Café draußen sitzt, kann das Kleingeld da lassen, wo es war, im Portemonnaie. Wer dagegen – wie es Commissario Brunetti immer wieder vorlebt seinen Koffeinschuss an der Bar einnimmt, kommt mit ein paar wenigen Münzen zurecht. Die Stadt erkundet man schließlich nicht im Sitzen, obwohl eine Gondelfahrt fast schon das komplette Venedig-Klischee erfüllt. Man erkundet sie zu Fuß, mit diesem Buch in der Hand.

Es hat bis zum Jahr 2021 gedauert bis es zur ersten Ausgabe des Reisebandes kam. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt willentlich Attraktionen in Superlativen zu bieten hat. Das muss man erst einmal zusammentragen und dann den Reiseband auch noch handlich gestalten. Entweder lässt man etwas weg oder kreiert ein Buch, das eher an eine goldverzierte mittelalterliche Bibel erinnert. Der goldene Mittelweg ist den Machern mit diesem Buch gelungen. Handlich, handhabbar und voller Überraschungen. Zwischen den bereits erwähnten Gondelfahrten (teuer und oft nicht besonders einfallsreich) bis hin zu Fingerzeigen, die man wirklich braucht, wenn man das erste Mal in Venedig ist. Beispiel gefällig? Wer aufmerksam die Stadt auf sich wirken lässt, erkennt oft kleine hölzerne Terrassen auf den Dächern der Stadt. Na klar, hier trocknet der Lagunenbewohner seine Wäsche, ist doch klar. Doch was haben diese mit dem Biondo veneziano zu tun? Nur ein Histörchen, das man den zahlreichen farbig unterlegten Kästen entnehmen kann, die einen Venedig-Aufenthalt nicht nur einzigartig, sondern nachhaltig machen.

Acht Touren haben die reisebucherfahrenen Autoren zusammengestellt. Immer mit Bedacht, ohne dabei die essenziellen Höhepunkte auszusparen. Und wenn es was zu sparen gibt, dann lassen die beiden den Leser gern daran teilhaben. Was genau? Steht alles im Buch, lässt sich auch dank der einleuchtenden Übersichtlichkeit leicht finden.

Kurzum: Venedig besuchen – ja. Venedig auf eigene Faust erkunden – ja. Venedig ohne dieses Buch entdecken – möglich, aber nur der halbe Spaß zum doppelten Preis.

Barnim und Uckermark

Die Entscheidung den Urlaub in Brandenburg zu verbringen, ist eine bewusste Entscheidung. Das Image der Region ist im Allgemeinen … nicht vorhanden. Und wenn man dann noch behauptet im Nordosten des Landes zu urlauben, erntet man erst einmal Fragezeichen. Was ist denn daran so besonders? Prenzlau, Templin, Angermünde – noch nie gehört. Für viele ist das schon ein Grund dorthin zu fahren. Bei Wandlitz spitzen manche dann doch die Ohren. Da war doch … die Genossen … ach, vor dreißig Jahren die Heimstätte der Partei- und Staatsführung. Honecker und seine Riege wohnten hier.

Doch der Nordosten Brandenburgs hat mehr zu bieten als unbekannte Orte und die spießig eingerichteten Wohnungen der Lenker eines untergegangenen Landes. Technikfans kommt das Schiffhebewerk in Eberswalde in den Sinn. Ein kolossales Technikmuseum, das heute noch in Betrieb ist und mit seiner Einfachheit immer noch für Erstaunen sorgt. Sechsunddreißig Meter überwindet das Technikwunder, ohne dass dabei endlose Rußwolken in den Himmel geschossen werden müssen.

Wer hier urlaub macht, sucht nur Eines: Ruhe. Und er findet sie. Endlose Naturparks, die so unberührt sind, dass man sich wie ein Entdecker fühlt. Wer früh am Morgen die ersten Sonnenstrahlen nicht als Weckruf, sondern Begleiter sieht, kann Vögeln und anderen Tieren beim Erwachen unter die Bettdecke schauen. Die Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit haben eine wasserreiche Landschaft hinterlassen, die jede Scheu vor dem Wasser vergessen lässt. Kanufahrten durch die urwüchsige Natur lassen das Summen im Kopf, sofern vorhanden, schnell verstummen.

Und dann ist da Uckermark. Jetzt weiß jeder, wo man ist. Kanzlerinnenland. Ja, Angela Merkel ist hier aufgewachsen und ab und zu noch in der Gegend. Doch das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist hier – einmal mehr – die Ruhe, die einen schnell ergreift, lässt man sie gewähren. Kleine Dörfer mit Namen, die an Großstadt erinnern, die Lichter der selbigen jedoch erblassen lassen: Wilmersdorf, Prenzlau, Hindenburg. Det jehört doch nach Berlin! Nee, ist Brandenburg. Angermünde trägt wie ein Sportchampion seine Trophäen vor sich her. Stilvolle restauriertes Fachwerk so weit das Auge reicht. Das Barnimer Land ist weitläufig. Und immer wieder entdeckt man schon beim losen Durchblättern des Reisebandes Kleinode, die das Auge erfreuen. Landhäuser, Schlösser, kleine Kirchen – ein bisschen Abenteuergeist muss man schon mitbringen. Den Rest erledigt die Region.

Es ist erstaunlich, dass diese wenig in Erscheinung tretende Region ein Füllhorn an Ruhe und Forschergeist wie selbstverständlich in sich vereint. Autorin Kristine Jaath macht es einem nicht leicht nicht alles auf einmal sehen zu wollen. Sie füllt tatsächlich über zweihundert Seiten mit Dingen, die man tun kann und auf gar keinen Fall verpassen darf. Ausführliche Wegbeschreibungen sorgen dafür, dass man nichts verpasst und so manches kleine Histörchen nie mehr vergisst. Die farbig unterlegten Seiten sind kleine Wissensraketen, die sofort ins Hirn schießen. Genau so wie ein Urlaub in Barnim und der Uckermark eine bewusste Entscheidung ist, sollte der dauernde Blick in diesen nützlichen Reisebegleiter sein.

Riga Tallinn Vilnius

Drei Länder, drei Hauptstädte – im Fall von Riga (Lettland), Tallinn (Estland), Vilnius (Litauen) für die meisten eine Reise. Und wer clever ist, braucht auch nur einen einzigen Reiseband. Die drei Städte stehen stellvertretend für das Baltikum, ein Reiseziel, das immer noch so viele Geheimnisse in sich birgt. Seit drei Jahrzehnten sind die baltischen Staaten unabhängig und erleben seitdem einen Aufschwung, den man weltweit nur selten findet. Und dennoch sind die Länder mit ihren Hauptstädten fast noch so was wie Geheimtipps. Das ändert sich mit der fünften Auflage des Reisebandes von Volker Hagemann.

In die über vierhundertfünfzig Seiten packt er alles, was man gesehen haben muss. Und er ordnet es ein. Oftmals ist es so, dass man von einem Ort begeistert ist, aber ihn nicht so richtig einordnen kann. Manches kommt einem bekannt vor, manches stellt sich als Premiere dem Betrachter vor.

Die drei Städte sind allesamt keine Riesenmetropolen. Zusammen haben sie ungefähr so viele Einwohner wie Hamburg. Und da sind wir schon bei den offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Tallinn und Riga spiegeln in ihren Fassaden den hanseatischen Baustil wider. Trotzdem, und das beweisen die zahlreichen Fotos im Buch, fühlt man sich nicht wie in jeder anderen Hansestadt, sondern empfindet das Flair als einzigartig. Vilnius hingegen protzt dagegen mit ein wenig mehr Barock, wie man ihn beispielsweise aus polnischen Städten kennt.

Was schon beim ersten Durchblättern des Reisebandes auffällt, sind die klaren Strukturen. Hier muss man nicht ewig suchen, bis man den Ausflug wieder findet, den man beim vorherigen Blättern kurz entdeckt hat. Farbig unterlegte Kästen laden zum ausführlichen Lesen ein, weil hier kleine Histörchen und Hintergründe dargestellt werden, die man sonst – wenn überhaupt – nur bei einem gut zu bezahlenden Guide erfährt.

Die Stadtrundgänge, aber auch die Ausflüge in die Umgebung sind durch die Bank weg kleine Erlebnisreisen, die mit dem ersten Satz des Kapitels beginnen. Die sind hier erstaunlich ausführlich beschrieben. Volker Hagemann nimmt sich Zeit, um dem Leser den Mund wässrig zu machen, was für ihn einmal tägliche Recherche war. Sich mit dem Buch in der Hand zu verlaufen, ist so gut wie unmöglich. Den Blick vom Buch lösen, wird ausdrücklich empfohlen.

So unterschiedlich sich die drei Städte präsentieren, eines haben sie gemeinsam: Wer dem Buch folgt, sich ein bisschen treiben lässt, erlebt Riga, Tallinn und Vilnius auf unbeschreiblich einzigartige Weise. Abwechslungsreiche Stadtrundgänge, die in längst vergangene Zeiten führen, die jüngere Geschichte nicht vergessen lassen und der Zukunft jetzt schon feste Konturen verleihen, gehören ebenso zum Erlebnis wie deren ausführliche Erläuterungen.

Die Ausflüge in die Umgebung – Litauen / Vilnius ohne einmal Ostseeluft geschnuppert zu haben, am besten in Nida, wo einst Thomas Mann sich die Brise um die Nase wehen ließ – sind für all diejenigen der dank dieses Buches bekannte Höhepunkt der Reise.

Ob sich das ewige Rätsel welche Stadt denn nun zu welchem baltischen Staat gehört mit diesem Buch lösen lässt, bleibt jedem selbstüberlassen. Und wenn das nicht klappt, so weiß man wenigstens, was einem in dem Land erwartet. Das beginnt beim Tipp für den schmalen Geldbeutel (immer wieder gibt es Hinweise, wo man sparen kann und wo Fallen lauern) und endet noch lange nicht beim Übernachtungstipp.