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Ihr wart doch meine Feinde

Herabfallende Blätter werden leicht zum Spiel des Windes. Entwurzelte Bäume sind ohne Halt. Da ist es leicht sie sich zunutze zu machen. Was so pathetisch klingt, war für Gabi einst Realität. Nun ist sie tot, und sie ihre Weggefährten treffen sich, um Abschied zu nehmen. Doch so einfach ist die Sache dann doch nicht!

Denn nicht jeder kennt den Anderen. Nicht jeder kennt Gabis Geschichte. Sie war so ein loses Blatt, das sich im Spiel sich verfing. Die Stasi nahm das Heimkind unter ihre Fittiche. Und die ist immer noch präsent. Nicht Gabi, die Stasi. Und eine Verlegerin. Aus dem Westen. Untereinander beschnuppert man sich erstmal. Doch schon bald brechen die Dämme.

Hans Gerechter – welch wohl bedachter Name von Roswitha Quadflieg – hat die illustre Runde zusammengetrommelt. Alle, die kommen sollen, kommen. Aber auch ein paar, die nicht eingeladen waren. Hans muss schnell feststellen, dass er seine Gabi nicht so gut kannte wie er dachte. Da reißen alte Wunden auf. Anschuldigungen fliegen durch den Raum. Aber auch Versöhnung liegt in der Luft. Hier, im Goldenen Adler, beim Leichenschmaus wird deutsche Geschichte gelebt. Für manch einen sogar vollendet. Denn als plötzlich das Licht ausgeht, wird es einen von ihnen schwarz vor Augen, für immer!

Nun greift Roswitha Quadflieg zu einem Kniff, der den Leser vollends in die Geschichte hineinzieht. Jeder der Anwesenden wird von der Polizei verhört. Sie lässt großzügig die Fragen weg. Sie lässt die Antworten für sich selbst sprechen. So wandelt sich aus der Trauerfeier, dem Schlagabtausch und der angespannten Situation aus Ossi, Wessi, Damals und Heute urplötzlich eine greifbare Spannung, die weder die Anwesenden noch der Leser so erwarten konnten.

„Ihr wart doch meine Feinde“ reiht sich nicht automatisch in die endlose Folge von Büchern über die DDR, Stasi, Verfolgung, Perfidität und Aufopferung ein. Dieses Buch beginnt eine eigene Bücherreihe. Es sperrt sich gegen jedes Klischee, dass diesem Genre angehangen werden kann. Hier sprechen echte Menschen mit- und gegeneinander. Die Spannung bezieht der Stoff aus dem nebulösen Nichtwissen um die Beweggründe der Anwesenden gerade heute, gerade hier vor Ort zu sein. Unschuldig ist nur die Zeit. Jeder, der sich zwischen Korn und Schnittchen dem Anderen zuwendet, sich von ihm abwendet, hat sein Scherflein zum Misslingen dieses Tages beigetragen. Inklusive der Verursacherin.

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

Harriet Tubman

Ann Petry ist erst seit Kurzem (wieder) einem breiten Publikum in den Fokus gerückt worden. Mit „The Street“ und „Country Place“ rückte sie den bedrückenden Alltag der Schwarzen in den USA in den Vordergrund.

Mit „Harriet Tubman“ gibt sie einer realen Figur die Bühne, die ihr zusteht. Harriet Tubman, die als Araminta geboren wurde, war kein rosiges Leben vorbestimmt. Papa, Mama und ihre Geschwister lebten – wenn man das so nennen kann – als Sklaven auf der Farm von Edward Brodas in Dorchester County, Maryland. Verkäufe der Arbeitskräfte waren an der Tagesordnung. Schläge und Willkür der Aufseher ebenso. Wenn im Herbst die Maisernte eingefahren wurde, lockerte sich die angespannte Lage. Es wurde gesungen. Doch wann immer sich die Möglichkeit bot, floh einer der Sklaven von der Farm.

So eine Farm war eine richtige kleine Stadt. Mit Herrenhaus, Feldern, Unterkünften für die Sklaven, Geschäften etc. Ein Besuch der Ostküste wird mit solch einer Information sicherlich zu anderen Eindrücken führen… Die kleine Minta, erlebt schon früh, was es heißt Freiheit herbeizusehnen, auch wenn sie gar nicht so recht weiß, was es bedeutet. Sie hat sie nie kennengelernt. Ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei erwähnt, dass Ann Petry es exzellent versteht, emotionale Nähe zuzulassen ohne dabei Klischees die Oberhand gewinnen zu lassen. Klar, jeder Leser fühlt mit dem jungen Mädchen, der jungen Frau, der engagierten Kämpferin. Die historische Einordnung am Ende jedes Kapitels hilft Zusammenhänge zu erkennen und die Zeichen der damaligen Zeit (immerhin ist es über zweihundert Jahre her, dass Minta geboren wurde) einzuordnen. Und dass sie das Sklavensystem anprangert versteht sich von selbst.

Harriet Tubman ist real. Es gab sie wirklich. In Kindertagen musste sie mit ansehen wie ihre Mutter schwer verletzt wurde. Ein Aufseher wollte einen fliehenden Sklaven mit einem Gewicht, das man bei Abwiegen benutzt, aufhalten, verfehlte ihn, traf stattdessen die Mutter von Harriet am Kopf. Als erwachsene Frau hatte sie Kontakt zu einer Untergrundorganisation, die Sklaven bei der Flucht in die Freiheit half, der Underground railroad. Und sie wurde ein reges Mitglied dieser Organisation.

„Harriet Tubman“ war eine mutige Frau, die in der Beengtheit ihres Lebens die Mauern, die sie einschränkten Stück für Stück beiseite schob. Um schlussendlich frei sein zu können. Es ist keine Erfindung der Gegenwart, wenn sich Frauen aus ihren Zwängen befreien. Sklavengeschichte(n) kennen wir schon von „Tom Sawyer“ und „Onkel Toms Hütte“. Von Fluchtgeschichten hören und sehen wir fast täglich in Dokumentationen und Spielfilmen, wenn deutsch-deutsche Geschichte erzählt wird. Dieses Buch ist so klar in seiner Aussage, dass es einen erschreckt wie wenig wir bisher über Sklaverei, Flucht und Freiheit wussten im freiesten Land der Welt wussten.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.

Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood

„Ich geh nach Hollywood“ – heutzutage ein Synonym für „Ich will Karriere machen“. William Selig hat diesen Satz vielleicht nie so gesagt. Karriere machen wollte er unbedingt und unbestritten. Doch als Filmproduzent in Chicago, wo der Regen und die Wolken einfach keine guten Bilder zu produzieren sind. Schließlich wird immer noch ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht. Francis Boggs, Seligs Regisseur muss öfter abbrechen als weiterdrehen. Das ist mehr als hundert Jahre her. Charlie Chaplin spielt immer noch Vaudeville-Theater, Mary Pickford verzückt nur vereinzelte Zuschauer und der Begriff Effekt besteht nur auf dem Papier. Hollywood ist ein Flecken Land, auf dem Landwirtschaft betrieben wird und der Hintergrund aus etwas Echtem besteht.

Hier schient die Sonne. Und wenn es mal bedeckt ist, dann kommt das vom Gemisch aus Ammoniak und Salzsäure. Das kann man sich in den Mund kippen und qualmt aus allen Löchern. Das ist der einzige Effekt, den man dem Publikum anbieten kann.

Christine Wunnicke gibt dem Mythos Hollywood Zucker, in dem sie mit der Kunst der Literatur dem Streben nach Erfolg im Lichtspielgewerbe einen kraftvollen Anstrich verpasst. Sie reiht nicht einfach nur Anekdoten „aus der guten alten Zeit“ aneinander – sie verknüpft das Schicksal der beiden Filmpioniere mit der Suche nach dem idealen Firmenstandort.

Zwei Männer, die davon beseelt sind dem Publikum das zu geben, was es gar nicht zu suchen vermag. Für Schauspieler werden Merkzettel verfasst – nicht direkt in die Kamera schauen, unnötiges Schminken vermeiden, Fluchen (taubstumme können auch im Lichtspieltheater Lippen lesen) und übertriebenes Kämpfen vermeiden – die sie gefälligst einzuhalten haben. Grundregeln. Die bis heute gültig sind.

Wie ein Wirbelwind fegt die Autorin durch die Geschichte, von der es weniger Aufzeichnungen gibt als man vermutet. Inklusive Mord und Mordversuchen. Denn das Geschäft ist hart umkämpft. Thomas Alva Edison versucht mit aller Macht seine Erfindungen, die meist auch auf Erkenntnissen anderer fußten, vor dem kostenfreien Zugriff Anderer zu bewahren.

Spannend wie ein Krimi, (er-)kenntnisreich wie ein Sachbuch und wunderbar in Szene gesetzt – so stellt sich Christine Wunnickes Erfindung von Hollywood dar. Es gibt keinen Zweifel: Ohne dieses Buch wäre Hollywood ein viel größerer Mythos als es ohnehin schon ist. Sie sägt nicht am Thron. Sie rückt ihn lediglich ins rechte Licht.

München – Was nicht im Baedeker steht

Wie sich die Zeiten ändern. Wer heute eine Reise plant, sucht sich bei Instagram Hotspots, die er dann besucht und ins rechte Licht rückt. Manch einer greift zum Reisebuch, um sich ereignisreiche Touren zusammenzustellen. Das war vor einhundert Jahren schon so. Also, das mit dem Reisebuch. „Der Baedeker“ war ein geflügeltes Wort. Doch schon damals gab es findige Schreiber, die dem Baedeker Konkurrenz machten. Denn selbst in der Bibel der Reiselustigen konnte bei Weitem nicht alles aufgeführt werden, was die Stadt zu bieten hatte.

Peter Scher und Hermann Sinsheimer machten es sich zur Aufgabe dem Besucher die Seele Stadt anzudienen. Das beginnt beim Franziskaner und hört bei der Weißwurst noch lange nicht auf. Ringelnatz und Valentin gehören ebenso dazu wie Thomas Mann. Dabei vermeiden sie es geschickt den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, wo man die Größen der Stadt antreffen kann. Soweit wollte man dann doch nicht gehen. Man stelle sich vor, dass sie detailliert beschrieben hätten, wann und wo man der Prominenz auflauern kann. Das wäre schon damals – vor fast hundert Jahren – ein Skandal gewesen. Nein, es geht ihnen darum zu zeigen, dass München ohne ihre Charaktere eben nur eine durchaus vorzeigbare Stadt mit mittlerem Charakter ist. Dass dem nicht so ist, davon kann man sich auf den 150 Seiten dieses Büchleins selbst überzeugen.

Ganz wichtig: Wie verhält es sich und man selbst mit dem Eingeborenen? Allein schon die Fragestellung deutet darauf hin, dass es bei diesem Buch keineswegs um einen bierernsten Reiseführer handelt, in dem man die wichtigsten Plätze und Sehenswürdigkeiten abarbeitet wie eine Matheprüfung. Zwischen den Zeilen lesen. Sich nicht zwangsläufig als unbedarfter Neuling zu erkennen geben. Im Strom mitschwimmen können. Darum geht es den beiden Autoren. Doch Vorsicht, München ist eine Stadt im Aufbruch. Vielerlei ungute Gesellen tummeln sich des Nachts in den Bierkellern und auf den Straßen. Ein paar Jahre zuvor, zettelte ein Postkartenmaler aus dem benachbarten Österreich einen Aufstand an, bei dem Tote gab. Dass ausgerechnet der einmal Weltgeschichte schreiben soll, konnte man 1928 noch nicht ahnen. Das allerdings hätte millionenfaches Leid verhindert.

Natürlich ist dieses Buch kein Reiseband, den man an der roten Fußgängerampel schnell mal rausholt, um sich des Weges zum nächsten Stop zu versichern. Es ist ein vergnüglicher Ausflug in die bayrische Landeshauptstadt, die immer noch einen Besuch wert ist. Und vielleicht entdeckt man sogar noch Parallelen von Damals und Heute. Wer genau liest, wird sie finden…