Kategoriearchiv: aus-erlesen ungewöhnlich

Kritzeln, krakeln, schreiben

Kritzeln krakeln schreiben

Jetzt wird in die Hände gespuckt und dem Kind das Schreiben beigebracht! Da hat es in der Schule gleich mal einen Vorsprung. Ja, wenn das mal so einfach wäre! Kinder lassen sich nicht zwingen. Sie haben ihren eigenen Kopf, der uns Großen immer wieder zum Schmunzeln bringt und in Erstaunen versetzt. Aber es gibt Methoden die Kleinen ganz sanft und nachhaltig an das wohl wichtigste Lernziel ihres Lebens heranzuführen. Claudia Huboi und Susanne Nöllgen haben für dieses Buch (und natürlich auch die Kinder) Methoden entwickelt das Thema Schreiben lernen kindgerecht zu erfassen. Auf 160 Seiten werden erst einmal die Grundlagen gelegt. Was kann man alles mit einem Stift anstellen? Wie erkenne ich Buchstaben? Oder wie male ich Buchstabentiere? Und das Beste ist, dass man in diesem Buch sogar herumkrakeln kann. Selbst erfahrene Schreibkönner lernen hier noch dazu. Uns Großen ist das Schreiben in Fleisch und Blut übergegangen. Aber wie es dahin gekommen ist, weiß kaum einer mehr. Selbst Emoticons – die lustigen Zeichen, die uns heute das Ausdrücken von (standardisierten) Gefühlen erleichtern – werden in diesem Buch erwähnt. :-0. Und auch die gebräuchlichsten SMS-Abkürzungen wie lol, N8 und rofl. Dieses Buch wird einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen … bei Groß und Klein.

Der letzte große Schrecken

Der letzte große Schrecken

Warner Williams ist ein momentan ziemlich erfolgloser Journalist. Wie gemacht für ihn, kommt da der Auftrag reingeflattert einen Artikel über Simon Moro zu schreiben. Der hat seine besten Zeiten als Darsteller in Horrorfilmen auch schon längst hinter sich. Dennoch umweht ihn eine geheimnisvolle Aura, der Ruf eines Mysteriums eilt ihm voraus.

Einst gefeierter Stummfilmstar, überlebte er den Sprung ins Tonfilmzeitalter. Dank seiner Fähigkeit Tierstimmen (natürlich die von angsteinflößenden, gefährlichen Tieren) reiht Simon Moro eine Schar von Jüngern um sich. Doch auch diese Schar wird immer kleiner.

Williams sieht eine Chance für sich und seine „Karriere“ darin, dem Mythos Simon Moro auf die Schliche zu kommen. Die Dreharbeiten zu „Der Rabe“ nach Edgar Allan Poe beginnen. Auch für Regisseur Terry Cowan ist dieser Film ebenfalls so etwas wie eine letzte Chance. Um seine Reputation ist es nicht gerade gut bestellt. Er braucht einen Erfolg, einen Kracher. Es treffen also drei Menschen aufeinander, für die „Der Rabe“ einen Neuanfang bzw. eine letzte Chance bedeutet. Und alle haben ihre eigenen Vorstellungen wie sie ihr Ziel erreichen…

Hollywood meets Horror – eine Verbindung, die nichts Ungewöhnliches in sich birgt. Dennoch gelingt es dem Autor dem Thema eine besondere Note zu verleihen. Klatsch und Tratsch, Zwist hinter den Kulissen, krude Denkstrukturen, Missgunst: Das ist der Stoff aus dem Klassiker geboren werden.

Brock Brower – ein Name wie eine Naturgewalt, als Pseudonym für einen Horrordarsteller wie gemalt – schuf „Der letzte große Schrecken“ schon vor langer Zeit. Zweiundvierzig Jahre dauerte es bis dieses Meisterwerk nun endlich auf Deutsch erscheint. Die Faszination am Grauen, am Schocken, am Blut-In-Den-Adern-Gefrieren-Lassen ist noch lange nicht verflogen. Ein Muss für alle Schocker-Fans, und alle, die die Humor und Horror als innige Verbindung ansehen.

Wer „Der letzte große Schrecken“ nicht gelesen hat, dem entgeht ein Stück Hollywood-Geschichte und ein großartiges Stück Literatur. Bissig und launig zugleich. Eine Brise Sarkasmus, abgeschmeckt mit Lebenstragödien, auf der großen Flamme der Neugier gekocht und blutig serviert. Guten Appetit!

Barcelona – Metro zum Strand oder die vermessene Stadt

Barcelona

Sie wollen nach Barcelona? Und das schon seit dem Sommer 1992, als die Olympischen Sommerspiele den gesamten Erdball in Verzückung geraten ließen. Nur leider wissen Sie nicht viel von der Mittelmeermetropole. Hier nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Jetzt gibt es diejenigen, die sich stundenlang in einem unbequemen Bus in die pulsierende Metropole karren lassen, um dann von einem „hochmotivierten“ Guide sich erzählen zu lassen, dass die halbfertige Kirche die Sagrada Familia ist, und anschließend bei Tapas den Tag ausklingen zu lassen. Das kann man mit der Bildergalerie bei google und einem Einkauf während der spanischen Wochen beim Diskounter um die Ecke billiger haben.

Oder Sie besorgen sich einen Reiseführer und dieses Buch. Markus Jakob lebt in Barcelona. Er kennt die Stadt und ihre Menschen. Und er kann sie einschätzen, ihr Lebensgefühl ausdrücken. Er kann … die Stadt Barcelona erklären. Jetzt erst wird es doch interessant!

Eine Stadt wie Barcelona will erobert werden. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erblühte die Stadt, fristete bis zum Ende der Franco-Diktatur ein Mauerblümchendasein mit unterdrücktem Nationalstolz, und sie erblühte mit der Vergabe der Sommerspiele der 25. Olympiade zu einer herzerfrischenden Metropole, ohne die unserem Erdball echt was fehlen würde.

Ein Reiseführer verrät, was man sehen muss, wann es sich lohnt sich aufzumachen, Markus Jakob erläutert das Warum. Das wirklich Angenehme an diesem Buch ist die Tatsache, dass Markus Jakob Barcelona nicht am Beispiel von zwei oder drei durchgeknallten Existenzkünstlern erklärt, sondern die Stadt in „ihrer Dichte und Kompaktheit“ sich selbst erklären lässt. Barcelona abseits der Designerbars und der hippen Restaurants. Barcelona ist mitten im Leben angekommen und dennoch permanent auf der Suche nach Veränderung … und sich selbst. Da ist jeder Tourist bei der Schnitzeljagd willkommen. Mit diesem Buch hat man schon mal mehr als einen Schritt Vorsprung.

Das Luxemburger Tagebuch

Das Luxemburger Tagebuch

Es gibt schon seltsame Jubiläen. Und noch seltsame sind die Rituale diese zu feiern. Im Frühjahr 1983 verkündete das Magazin „Der Stern“ die Tagebücher von Adolf Hitler entdeckt zu haben. Ein Scoop, wie es im Fachjargon heißt. Ein echter Knüller! Die Geschichte lehrte uns etwas anderes: Alles Lug und Trug!

Der Verlag Capybarabooks aus Luxemburg feiert dieses eigenartige Jubiläum – 30 Jahre Hitlertagebücher – mit schwarzer Satire. Denn erst kürzlich ist das Tagebuch von Eva Braun aufgetaucht. Das, das über ihre kurze Zeit in „Lützelburg“ Aufschluss gibt.

Im Hochsommer 1942 ist Eva Braun langweilig, so langweilig. Boah, wat is ihr langweilig! ER verspätet sich, wie so oft. Sie will verreisen. Paris soll es sein, doch Albert (Speer) rät ihr davon ab. Nicht, weil man dort nicht mit Reichsmark bezahlen kann, wie sie vermutet, sondern weil man dort den Deutschen nicht so unbedingt folgen will, wie ER es gern möchte. Das Gau Moselland wäre ja auch ganz hübsch. Und Lützelburg liegt gleich um die Ecke. Dort habe man sehr viel französisches, obwohl die Sprache dort verboten sei, seitdem Lützelburg heim ins Reich geholt worden sei.

ER kümmert sich um den Osten, Eva Braun zieht es nach Westen.

Am 23. Juli 1942 kommt sie am Hauptbahnhof in Luxemburg, wie es die Einheimischen nennen an. Ein Riesenradau ist da auf der Straße. Alle schreien „Wolle“. Eva Braun ist verwirrt – das scheint sich den Zeilen nach durch ihr gesamtes Leben zu ziehen. Albert hatte doch gemeint, dass man hier deutsch sprechen würde. Vielleicht ein Dialekt? Nee, nee, die Luxemburger wollen nur bleiben, was sie sind.

Des Weiteren lernt Eva Braun nicht nur den Schriftsteller Norbert Jacques, einem breiten Publikum als der Erschaffer des Dr. Mabuse bekannt und den Mercier-Champagne kennen, und letzteren sogar lieben. Und so viele hübsche Straßen gibt es hier in Lützelburg. Die meisten heißen wie ER.

„Das Luxemburger Tagebuch“ ist satirischer Geschichtsunterricht auf ganz hohem Niveau. Die Welt drehte sich auch in der düstersten Periode Europas und Luxemburgs weiter. Seitenhiebe auf Bücherverbrennung, Görings Körperumfang und Blondi (SEIN Schäferhund), das depperte Viech, gepaart mit bitterbösem, schwarzen Humor, verleihen diesem Buch das Prädikat „Besonders wertvoll“. Kein Schenkelklopfer, vielmehr ein hintersinniger – und zudem gelungener – Versuch ein dunkles Kapitel der Landesgeschichte mit einer lachenden Träne im Knopfloch zu begreifen.

Wir müssen die Welt verändern

Wir müssen die Welt verändern

„Wir müssen die Welt verändern“ – na dann mal los! Attacke. Oscar Niemeyer kennt man meist „nur“ als genialen Architekten, der eine ganze Hauptstadt dem Dschungel Brasiliens abtrotzte und ihre mit seinen Visionen seinen Stempel aufdrückte. Als er im Jahr 2012, nur zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag (!) starb, hinterließ er auch eine Reihe von Interviews mit Alberto Riva. Diese, zusammen mit der abschließenden Betrachtung Niemeyers über sein eigenes Leben und Empfinden, geraten in diesem Buch zu der Erkenntnis, die gleichzeitig den Titel des Buches trägt. Stillstand ist immer Rückschritt. Oscar Niemeyer war Kommunist, tief im Inneren. Genauso wie Idealist. Und Künstler. Als Handwerker sah er sich weniger. Ihn verband eine herzliche und dauerhafte Freundschaft mit Sartre und Castro. Er fühlte sich mit Che Guevara verbunden wie mit Albert Camus. Ähnlich wie Stéphane Hessels „Indignez-vous!“ (Empört Euch!), jedoch nicht ganz so kämpferisch, rüttelt er auf. Schon allein das handliche Format wird dazu beitragen, dass dieses kleine Büchlein den Siegeszug durch die Seitentaschen von Weltenbummlern antreten wird. Es immer mal wieder rausholen, darin blättern, sich der gegenwärtigen Situation bewusst werden – dafür ist dieses Buch gemacht. Jedes Jahrzehnt hat „sein kleines Büchlein“. Das Bolivianische Tagebuch in den 60ern, die Mao-Bibel in den 70ern … nur dieses Jahrzehnt hat schon zwei. Eben das von Hessel und nun Niemeyers „Wir müssen die Welt verändern“. Lesen, verstehen, handeln.

Das Halsband der Tauben

Das Halsband der Tauben

Mekka, Vielkopfgasse, Gegenwart. Der Name der Straße, der Gasse ist Programm. Einst wurden hier die losen Häupter von vier Männer gefunden: Einem Juden, einem Christen, einem Pseudopropheten und einem Feueranbeter. Schon diese Tatsachen allein genügten sie der Götzendienerei anzuklagen, was dann mit dem Abschlagen des Kopfes endete.

Wie ein Omen künden die ersten Seiten dieses ungewöhnlichen Krimis von dem, was da noch kommen wird. Und siehe da: Schon liegt eine Frauenleiche in der Gasse. Ob es eine „schöne Leich“ ist, kann man nicht sagen. Denn der verdrehte Körper ist außerdem extrem entstellt. Nun beginnt das Rätselraten, wer denn da im Staub der Vielkopfgasse liegt. Antwort kann nur der Erzähler geben. Und der ist … die Gasse selbst. Ja, die Vielkopfgasse erzählt vom Unheil, das auf ihrem Grund und Boden passiert ist. Doch dann wäre ja die Arbeit von Inspektor Nassir vergebens. So lässt uns Leser die Gasse im Dunklen tappen. Gerüchte machen die Runde. Vermutungen und Mutmaßungen übertreffen sich gegenseitig. Und der Täter? Da hat Nassir schon eine Ahnung. Doch die Spürnase arbeitet gewissenhaft. In dieser Gasse wurde schon einmal – vor Jahrhunderten – vorschnell gehandelt. Nicht noch einmal. Nicht durch ihn.

Immer wieder Andeutungen, Gleichnisse, Geheimniskrämerei – der Leser wird – auf angenehme Art und Weise – bis auf Messer gereizt. Die Spannung ist kaum noch zu ertragen. Und immer noch so viele Seiten bis zur Lösung des Falles.

Ein Roman über eine Frauenleiche in Saudi-Arabien, im heiligsten Mekka, geschrieben von einer viel geehrten Frau. Das klingt für unsere westlichen Ohren, für unser von Vorurteilen gegenüber der arabischen Kultur geprägtes Wissen, nach einem unwahrscheinlichen Fall. Raja Alem beweist mit diesem nicht nur dicken, sondern dicht gestricktem Krimi das Gegenteil. Die besondere Erzählweise verführt uns in die Gassen Mekkas, wo gleich um die Ecke die Kaaba, der heilige Ort von Abraham persönlich errichtet wurde, und der jährlich von Millionen Gläubigen (effektvoll vom Fernsehen in Szene gesetzt) umrundet wird. Hier liegt also eine Leiche. Hier beginnen die Ermittlungen, die hier genauso ablaufen wie man sie aus englischen, französischen, italienischen oder amerikanischen Krimis kennt. In „Das Halsband der Tauben“ (wie lyrisch für solch ein abscheuliches Verbrechen) treffen westliche Lesegewohnheiten auf arabische Traditionen, gepaart mit einem Schuss Spannung und Verwirrung.

Zugegeben, man muss sich auf diesen Roman einlassen können. Doch mit jeder gelesenen Seite füllt sich das Herz mit Befriedigung sich diesem fremdartigen Stoff gestellt zu haben.

Baby, You can drive my car

Baby, You can drive my car

„Komm, hüpf rein! Ich zeige Dir eine neue Welt.“ Ja der Mann auf dem Cover sagt etwas. Der Betrachter selbst fügt den Text hinzu. Ist SIE glücklich wegen dem, was da noch kommen mag. Oder will sie lieber so schnell wie möglich raus aus dem Auto, weg von dem Irren, der wie ein Wahnsinniger durch die Nacht rast? Roy Lichtenstein zeichnet für das Coverbild dieses kleinen, und doch so inhaltsreichen Buches verantwortlich. Kaum eine andere technische Errungenschaft der vergangenen 130 Jahre hat Künstler von San Francisco bis Tokio, von Hammerfest bis Buenos Aires so beschäftigt wie das Automobil. Jeder hat ein Lieblingsmodell, jeder ist schon mal in einem gefahren (die meisten selbst).

Künstlerikonen wie Andy Warhol erhoben die Blechkolosse durch ihre Arbeiten in den Adelsstand. H.A. Schult stellte sie sogar auf eine Säule. Und brachte Flügel an. Chromblitzende Radkappen und stilvoll geschwungene Formen wie beim Käfer lechzen geradezu nach einer künstlerischen Umsetzung.

Dieses Buch setzt den Blechgiganten wie auch den Besitzern der künstlerischen Augen ein Denkmal. Das Auto als Mittelpunkt der menschlichen Existenz? Man könnte es fast glauben, wenn man so manchen Putzteufel sein halbes Wochenende bei der Pflege seines Vehikels zuschaut. Festgehalten als Siebdruck, als Gemälde oder als Kreidelithografie. Oder eingestrickt wie bei Agata Oleksiak. Die hat die Häkelmütze aus der Hutablage als Vorwand genommen, um ihren Morris Minor ein warmes Jäckchen zu verpassen.

Erwin Wurm hat für eine Werbekampagne einen Wagen sich vollfressen lassen. Ein bisschen verquollen steht er nun da. Vor lauter Fett kann er kaum noch die Augen öffnen.

Rosemarie Trockel verpasst ihrem Modell eine Schrubbkur. Das komplette Auto ist in Bürsten gekleidet.

Dieses Büchlein ist für Auto- und Kunstliebhaber das ideale Geschenk. Dieses Buch kann man außerdem auch mal außer der Reihe verschenken. Klein und handlich vermittelt es einen großartigen Überblick wie sehr ein Gebrauchsgegenstand Einzug in die höheren Sphären der Kunst gehalten hat.

Süßes für Dich

Süßes für Dich

Es gibt Bücher, denen man einfach nicht widerstehen kann. „Süßes für Dich“ ist definitiv eines davon. Mmmh Lecker Lakritz und anderes Naschwerk auf dem Cover. Zum Reinbeißen! Dickmacher in ihrer literarisch reinsten Form. Garantiert kein Hüftgold. Gefühlsplatin oder Herzsilber.

Dieses Geschenkbüchlein hat es in sich. Grandiose Bilder von leckerem Süßwerk bilden mit Zitaten von berühmten Köpfen eine Einheit, die sich nicht auf die Hüften, sondern im Herzen und im Kopf einnisten. Wenn Oscar Wilde meint, dass man Versuchungen nachgeben muss, weil man nie weiß, ob sie wiederkommen, und daneben zwei Schokokugeln dekorativ auf ihr Rendezvous mit den Geschmacksknospen warten, dann kann einem ja nur das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wer durch Köln läuft und an der Neumarkt Galerie vorüberschreitet, findet dort an einer Ecke Pop Art für Jedermann. Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen haben sich dort verewigt. Denn auf dem Gebäude steht eine Eistüte. Auf dem Kopf. Zwölf Meter hoch. Ein Eisladen ist dort so etwas wie ein Selbstläufer.

Werbeplakate oder einfach nur eine Pralinenschachtel – jedes Naschwerk kann zur Kunst werden. Und Forrest Gump hat es mit seinem Filmzitat sogar den Sprung in den Alltag geschafft: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt.“

Bei diesem Buch bekommt man die geballte Ladung Romantik, Kunstverständnis und ein Geschenk, das garantiert beim Beschenkten ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Was will man mehr?

Komisch, kauzig und kurios

Komisch, kauzig und kurios

Den Deutschen wird nicht unbedingt ein besonderer Sinn für Humor nachgesagt. Nüchtern und korrekt sind eher typisch deutsche Eigenschaften. Sich an ein Werk wie „Komisch, kauzig und kurios – Ein Sammelsurium deutscher Sehenswürdigkeiten“ heranzuwagen, scheint da eine heikle Unternehmung zu sein. Doch schon beim Vorwort wird klar: Deutschland ist immer eine Reise wert. Und oft auch mit einem Lächeln im Gesicht. Es gibt genügend „Verrückte“, die eine ungewöhnliche Leidenschaft pflegen und diese gern auch präsentieren. Maike Hettinger hat 36 komische, kauzige und kurios in diesem Buch verewigt.

Um einen schiefen Turm besichtigen zu können, kann man sich elend lang in einen Bus setzen und in die Toskana fahren. Pisa – ein Moloch der kitschigen Touristenandenken. Auch wenn dort der einzigartige schiefe Turm steht. Falsch. Einzigartig ist der bestimmt nicht. Oberkirchgasse in 06567 Bad Frankenhausen. Hier wurde 1382 die Basilika im gotischen Stil fertiggestellt, nur zweihundert Jahre nach dem in Pisa. 1920 wurde bereits eine Abweichung des Turms in der Senkrechten von 2,21 m festgestellt. 2013 waren es schon 4,6 m.

Noch nicht kurios genug? Dann müssen Sie erstmal das Buch auf den Kopf stellen. Die Besucher von Trassenheide, Gettorf, Bispingen, Putbus oder Leuna tun dies auch. Denn stehen die Häuser auf dem Kopf. Ist schon ziemlich verzwickt an der Decke herumzuspazieren. Aber so kann man wenigstens auf Fotos mal einen Handstand auf einem Finger machen.

Ganz aktuell: Das Hamburger Zusatzstoffmuseum in der Banksstraße. Immer wieder warnen Ernährungswissenschaftler vor den Gefahren der E-Stoffe im Essen. Hier wird der Besucher aufgeklärt, was gut ist, was weniger.

Mit wenig gibt sich Halberstadt nicht zufrieden. Denn hier läuft das längste Konzert der Welt. 639 … nach Minuten, Stunden … was soll es sein? Nein Jahre. 639 Jahre soll das Stück laufen. John Cage hat es komponiert. Ein Tonwechsel dauert da schon mal mehrere Jahre. Der nächste am 5. Oktober 2013, dann wieder am 5. September 2020 usw.

Da kann zwischendurch eine kleine Weltreise machen. Zum Beispiel nach Hof in den Fernwehpark.

Der ungewöhnliche Reiseband gibt Anregungen für Ausflüge und Urlaube in Deutschland. Langweilig wird es garantiert niemals. Denn Deutschland hat Komik, Kauzigkeit und Kuriosität.

Das Herbarium der Entdecker

UG_Thinard_Herbarium_wie_franz_Version.indd

So mancher, der seinen Dachboden aufräumt, findet unter verstaubten Ordnern die eine oder andere Erinnerung an die Schulzeit. Die erste Fibel, die erste Mathearbeit oder auch ein Herbarium. Was für eine Arbeit! Repräsentative Pflanzen suchen, sie behutsam ihrer angestammten Umgebung entreißen, säubern und dann pressen. Ein Wahnsinnsaufwand nur für eine gute Note. Damals Qual oder Initial für Spürnasen – heute eine liebgewordene Erinnerung.

Ein Zündfunke war es bestimmt für Forscher wie Darwin und Humboldt. Auf ihren Reisen sammelten sie Pflanzen, die noch keiner ihrer Spielkameraden und Kollegen je zuvor gesehen hatte. Sie zeichneten, kartographierten und pressten ihre entdeckten Schätze. Heute ein Reichtum, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Ein Glück für den Leser, dass Florence Thinard sich diesen Exponaten angenommen hat und der Haupt-Verlag die Ergebnisse in diesem Prachtband zusammengefasst hat. Sagenhafte 38,5 x 24,5 cm misst dieses Forschungswerk der Geschichte.

Achtzig Pflanzenfunde von Livingstone über von Linné bis zu Cunningham. Vom Orinoco über den Nil bis ins australische Outback. Die Augen werden übergehen beim Anblick der Exponate. Sie zeigen die gesamte Blattgröße einnehmend Gewürze, Blumen und Blätter in einer Form wie sie selbst erfahrene Weltenbummler nur nach tagelangem Suchen entdecken.

Die beistehenden Texte entführen den Leser in ein Zeitalter der Entdecker, Forschungsreisenden und wahrer Abenteurer. Piraten, Botaniker und Georgrahen waren die Väter der Exponate und Behüter des Wissens. Ihr Streben nach Fortschritt bescherte uns einen riesigen Wissensschatz, der in diesem Band einer breiten Öffentlichkeit vom Lesesessel aus zugängig gemacht wird. Reisen wir also mit den Spürnasen der Geschichte Jahrhunderte zurück und erfreuen uns an der akribischen Aufarbeitung der Sammlungen. Der Dank gehört den Forschern, der Wiederentdeckerin Florence Thinard und dem Haupt-Verlag dafür, dass fremde Länder nur auf dem Papier fremde Länder bleiben. Ihre Kultur und ihre einzigartige Flora sind von nun an ein offenes Buch, das seine sieben Siegel bereitwillig öffnet.