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Visionäre Afrikas

Visionäre Afrikas

Die Sehnsucht nach Afrika brennt in jedem von uns. Hier ist die Wiege der Menschheit. Afrika ist aber auch Sinnbild für die systematische und bestialische Ausbeutung des Menschen. Von jeher mussten sich die Menschen Afrikas gegen die Knute der Unterdrückung widersetzen. Einigen der hervorstechendsten Führer dieses Kampfes wird in diesem Buch ein Denkmal errichtet. Denkmal im wahrsten Wortsinne. Denn wer kennt schon noch Angeline S. Kamba, Sarraounia oder John Baloyi? Wohl kaum jemand, der sich nicht tagtäglich mit ihnen auseinandersetzt.

Die berühmtesten Namen in diesem Buch sind wohl Steve Bantu Biko, der durch den Film „Biko“ (und den einprägsamen Titelsong von Peter Gabriel) berühmt wurde.

Oder Ken Saro-Wiwa, den nigerianischen Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten, der in der Lindenstraße über mehrere Monate durch die Figur Mary in den Fokus der Nachrichten rückte.

Patrice Lumumba ist nicht der Erfinder des gleichnamigen Longdrinks. Er ist eng mit der kongolesischen Tragödie verbunden.

Die in diesem Buch versammelten Autoren schreiben von Menschen mit enormem Mut. Sie kämpften mit dem Herzen und dem Verstand gegen Unterdrückung durch Machthaber, Kolonialisten und Industriegiganten. Nicht vielen war ein gütiges Ende beschert. Viele ließen ihr Leben im Kampf für Gerechtigkeit und ein Mindestmaß an Menschenwürde. Peter Gabriel brachte es in seinem Lied „Biko“ auf den Punkt: „Man kann zwar eine Kerze ausblasen, aber niemals das Feuer“.

So ist auch dieses Buch ein Feuer. Einzelne Kapitel liest man und ist schockiert wogegen gekämpft wurde. Dass so was heute noch möglich ist, denkt man. Dass ein Kampf gegen diese Missstände noch geführt werden muss. Es ist sicherlich keine Anleitung zum Kampf, zur Auflehnung gegen bestehende Verhältnisse. Aber dieses Buch hält die Erinnerung an ungewöhnliche Menschen wach. Und es schärft die Sinne für unsere Umwelt.

Süßes aus der Kräuterküche

Süßes aus der Kräuterküche

Nach dem Essen ein Orangen-Thymian-Trüffel. Oder ein Salbei-Daquoise mit Himbeeren und Lindenhonig. Oder Zitronen-Basilikum-Marshmellows. Na, klingt das nicht verlockend. Beim zweiten Hinsehen erkennt man die Raffinesse. Kräuter im Dessert? Mh, muss man sich dran gewöhnen. Auf alle Fälle muss man es ausprobieren!

Florian Löwer schaute gern der Oma beim Backen zu – eine Kindheitserinnerung, die so manchem im Kopf und im Magen hängengeblieben ist. Doch er nutzte sein Wissen, um daraus eine Leidenschaft zu intensivieren. Er wurde Konditor und nahm 2006 als einziger deutscher Teilnehmer bei der Konditoren-Weltmeisterschaft teil. Und: Er erreichte einen ruhmvollen dritten Platz.

Heute ist er Konditor mit Filialen in Franken. Und Buchautor. In seinem Buch gibt er nicht nur seine Rezepte preis, er gibt auch Tipps wie die Rezepte noch besser gelingen, auch mit handelsüblichen Zutaten mit und in handelsüblichen Gerätschaften.

Schon mal Kräutermacarons probiert? Köstlich, wenn die Hülle knackt und der Duft von Minze langsam aufsteigt, den Mundraum in Beschlag nimmt und die Geschmacksnerven Samba tanzen. Ganz eigenwillig: Bananen-Petersilien-Macarons. Wenn sich das Kräftige der Petersilie mit der sanften Süße der Banane vereinigt, wird von nun an nur noch aus diesem Buch gebacken!

Die Bilder von Matthias Neubauer verzaubern ab der Umschlagseite. Sie regen den Appetit an und verführen zum sofortigen Nachbacken.

Wappen im Mittelalter

Wappen im Mittelalter

Die ersten Begegnungen mit der Geschichte machen die meisten mit Ivanhoe, Robin Hood und edlen Rittern in ihren hübsch herausgeputzten Rüstungen. Oft erkennt man seinen Turnierfavoriten nur durch das Wappen auf seinem Schild. Doch warum hat er sich genau für dieses Symbol entschieden? Welche Geschichte steckt hinter dem Tier, der Anordnung der Symbole auf dem Schild?

Ein Wappen auf einem Schild oder einer Flagge war und ist der Identifikationspunkt unter dem man sich vereinigt (fühlt). Eine stilisierte Lilie weckt in einem Franzosen immer noch andere Gefühle als in einem Norweger, beispielsweise. Georg Scheibelreiter geht in seinem prachtvoll gestalteten Werk diesen Ursprüngen auf den Grund. Er sieht sein Buch nicht als Einführung in die geheimnisvolle Welt der Wappen und Symbole. Vielmehr ist es ein lesenswertes Nachschlagewerk für alle Geschichts- und Kulturinteressierten.

Im Mittelalter begann die Geschichte der Wappen sich zu einem festen Bestandteil des Lebens auszuweiten. Noch heute können wir in Museen farbenfrohe Abbildungen von Schlachten und Alltagsszenen bestaunen. Ohne das Wissen um Wappen und deren Bedeutung wären es nur vermummte Krieger auf Pferden in Kampfesposen. Die Wappen verraten uns die Zugehörigkeit zu einem Land, Staat oder Fürstentum. Auf die Schildformen sind unterschiedlich. Da gibt es Tartschen, Rautenschilde und Dreiecksschilde in verschiedenen Ausführungen. Ebenso die Helme.

Wer also Ritterfilme in Zukunft mit einem wissenden Auge sehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. So ganz nebenbei wird der Blick für die Geschichte geschärft. Die bereits erwähnten farbenfrohen Abbildungen sind eine echte Augenweide. Sie erzählen nun genauer die Geschichte des Bildes. Wer wirbt da um Wen? Oder um welche Schlacht handelt es sich bei diesem Bild? Fragen, die in Zukunft einfacher zu beantworten sind. Für jedermann!

Der Suppenfisch

Der Suppenfisch

Es gibt Titel, da weiß man sofort worum es geht. Dann gibt es Titel, da meint man zu wissen, wovon das Buch handelt. „Der Suppenfisch“ – klar, da geht es um einen Fisch, der gekocht werden soll. Als schmackhafte Suppe die hungrigen Mäuler stopfen. Doch da liegt man falsch.

Hätte man aber auch ahnen können, denn Georges Hausemer ist nicht dafür bekannt, dass er in seinen Geschichten das Offensichtliche in den Vordergrund stellt.

Ein Mann liegt – wie es Georges Hausemer so poetisch beschreibt – in den letzten Kurven seines Lebens. Er lässt sein Leben noch einmal Revue passieren. Denkt an den Krieg, an Reisen in ferne Länder, an Geschmäcker, die er vergessen zu haben schien. Sein Leben war und ist dreidimensional. Es geht Auf, und es geht ab. Mal ein Schwenker nach links, mal einer nach rechts. Und manchmal geht es schräg nach rechts hoch, um anschließend nach links unten seine Fortsetzung zu finden. Der Mann, der hier erzählt, weiß anfangs noch nicht, dass er sein Leben erzählt. Ein Abschlussbericht. Vielmehr hat er nun, da er seinen Alltag im liegen verbringt, viel Zeit, um zu erzählen.

Beim Lesen kommt man automatisch ins Grübeln, was ist echt, was erfunden. Spielt das Gehirn dem Erzähler einen Streich, wenn er von Fußballstadien, Flugzeugabstürzen und anderen Katastrophen erzählt? Oder erinnert er sich nur an die Busby Babes? 1958 kam bei einer Flugzeugkatastrophe die Mannschaft von Manchester United ums Leben. Georges Hausemer lässt vieles offen – gut für den Leser. Der kann so raten, mitfühlen, sich für das eigene Ende wappnen. Das Wort Tod zu vermeiden wird hier zur Kunstform erhoben. Dass es bald zu Ende belibt niemanden verborgen.

Und der Suppenfisch? Der schwimmt munter und froh zwischen den Zeilen herum. Immer wieder reißt er sich von der Leine der Erinnerung los, verschwindet im Dickicht der Phantasie. Dann taucht er keck wieder auf. Dreht dem Angler ‘ne Nase.

Die Liebe in groben Zügen

Die Liebe in groben Zügen

Vila und Renz sind ein Ehepaar, das sich schon seit Jahren kennt. Im Beruf ist die Zeit absehbar, die sie noch bestreiten müssen. Ihnen geht es gut, mit Haus und Ferienhaus in Italien. Eigentlich wenig Stoff für Konflikte. Konflikt ist vielleicht auch der falsche Ausdruck – klingt so nach Kampf, Geschrei, offener Auseinandersetzung.

Die beiden schippern so durchs Leben. Ohne große Anstrengung. Klingt irgendwie nach Langeweile, nach eingefahrenen Strukturen. Die Bahnen, in denen sich Vila und Renz bewegen sind vorhanden. Dafür haben sie lange und hart gearbeitet. Doch sie waren und sind clever genug, um sich Abzweigungen einzubauen. Wie auf ihrem Boot geht es auch mal nach unten, genauso oft aber auch nach oben. Selbstaufgabe war nie ihr Ding. Sie haben immer alles gemeinsam gemacht.

Dennoch kennen sie sich gegenseitig nicht in- und auswendig. Das ist gut so – so halten sie immer noch Überraschungen für den Anderen parat. Dass Vila ihren Geliebten im gemeinsamen Ferienhaus einquartiert, ist allerdings eine neue Stufe ihrer Beziehung.

Bodo Kirchhoff zeichnet den Weg eines Paares nach, der vielen Paaren vorgezeichnet sein kann. Kann! Wäre der Roman ein Film, für die ganze Familie, am Freitagabend, dann würden hier so richtig die Tassen fliegen. In „scripted-reality“-Manier würden Sprachfähigkeiten und die Regeln des guten Benehmens außer Kraft gesetzt werden. Bodo Kirchhoff setzt auf die Magie der Worte. Er lässt seine Protagonisten überlegen, manchmal im Dunkeln tappen, doch nie so richtig aus der Haut fahren. Geschliffene Sprache ist immer noch das beste Argument gegen scheinbare Ungerechtigkeit. Die Feder als Triebkraft für den Fortschritt.

Vila und Renz merken, dass sie in ihrer (heilen – so viel Polemik muss jetzt auch mal sein) Welt sich zwar sicher bewegten, doch dass diese Sicherheit trügen kann. Kann!

Bodo Kirchhoffs Roman „Die Liebe in groben Zügen“ stand 2012 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zurecht. Mal philosophisch, mal grüblerisch, mal farbenfroh, mal wolkenverhangen präsentiert sich sein Mammutwerk dem Leser. Ein Buch für Leute im besten Alter. Ein Buch für Leute, die sich im besten Wortsinne für sich und den Anderen interessieren ohne dabei endlos auf Fehlersuche zu sein. Fast siebenhundert Seiten emotionale Entdeckungsreise.

Leben in West-Berlin

Leben in West-Berlin

Das musste ja so kommen! Nachdem vor einiger Zeit der Prachtband „Leben in Ost-Berlin“ die Bildbühne betrat, ist es nur logisch, das jetzt mit „Leben in West-Berlin“ der Nachfolger für Furore sorgen wird. Tauend Bilder aus dem Archiv von picture alliance wurden für dieses Buch, … nein für dieses Mammutprojekt zusammengetragen. Sie zeigen den Alltag in ungeschminkter Schönheit der eingekesselten Stadt.

Die Bilder stammen aus den Jahren 1945 bis in die Gegenwart. Dem Mauerfall wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn das war der Wendepunkt, an dem sich Berlin wieder entfalten konnte. War es vorher immer die bedauernswerte Metropole, der Trotzposten im Feindesland, ging es jetzt steil bergauf. Künstler, Industrielle, Menschen aller Couleur strömten an die Spree. Hier wurde nicht nur Geschichte geschrieben, wird sie wieder gemacht.

Günther Nessel gibt buchstäblich den Rahmen für die außerordentlichen Fotos und Fotogeschichten vor. Wer Berlin bisher oder in der Vergangenheit nur von einer Seite der Mauer kannte, erlebt nun endlich die andere (für viele die „bessere“ Seite) kennen. Legt man die sich ergänzenden Teile „Leben in Ost-Berlin“ und „Leben in West-Berlin“ nebeneinander, entdeckt man viele Parallelen, aber auch so manche Unterschiede. Die Unterschiede sind offensichtlich: Kleidung, Fortschritte beim Aufbau – alles nur äußerlich. Tief drinnen waren die Berliner immer eins. Auf beiden Seiten der Stadt mussten die Menschen arbeiten gehen. Das, was sie sich mit ihrem verdienten Geld anschafften, unterschied sich hier und da der Mauer.

Doch man muss dieses Buch sich selber anschauen – jeder wird was finden, was er kennt, womit er eigen Erlebtes verbindet. Sei es nun Klaus Kinski motzend auf der Bühne oder das schelmige Lächeln von Paulchen Kuhn. Oder die Gründungsversammlung der Freien Universität im Titania-Palast 1948. Oder 1971 die ersten Politessen der Stadt. Oder oder oder!

Tausend Bilder sagen mehr als tausend Worte!

Besonders im letzten Kapitel „Leben mit der Mauer“. Mauerspechte reißen ein, was Jahrzehnte zuvor „ohne Absicht“ aufgebaut wurde. Die Mauer war das Wahrzeichen der Stadt. Ungewollt. Heute spazieren Menschen aus aller Welt auf dem ehemaligen Todesstreifen. Hüpfen symbolisch von Ost nach West. Keine Hinweisschilder, dass man nun von einem Sektor in den anderen kommt – nur noch zu Erinnerungszwecken. Kein Winken über die Mauer zu den Verwandten auf der anderen Seite. Die Friedrichstraße ist wieder das, was sie einmal war: Konsummeile mit Blickfang.

„Leben in West-Berlin“ holt die Zeiten zurück, die man schon vergessen glaubte, gute wie schlechte. Ein grandioses Zeitdokument, das schwer wiegt.

Amerikaner schießen nicht auf Golfer

Amerikaner schießen nicht auf Golfer

Golf – welch ein Sport. Man kann es allein spielen, gegen sein eigenes Handicap. Oder zu zweit, und dabei schwatzen, tratschen, Geschäfte machen. Oder in der Gruppe. Golf hat hierzulande einen zweischneidigen Stellenwert. Zum Einen der klischeebehaftete Yuppie-Porsche-Zahnarzt-Sport für Leute mit zu viel Geld. Meist verwäscht der Geldadel auch die traditionellen Regeln – jeder Platzbetreiber will ja schließlich auch zur High Society gehören.

Zum Anderen ist es der Sport, der den ganzen Körper beansprucht. Wer schon einmal versucht hat den kleinen Ball mit einem Schläger in die Lüfte zu befördern, weiß am nächsten Tag noch ganz genau woher sich jeder einzelne Muskel sein Stigma abgeholt hat.

Achtzehn Kapitel – genauso viele Löcher hat ein Golfplatz. Und jede Runde hat ihre eigene Geschichte. Luzi und Jevi spielen im Nirgendwo Golf. Niemand würde hier, in der Ödnis einen Golfplatz vermuten. Und ihr Einsatz ist nicht von dieser Welt. Ja, er könnte den gesamten Weltenlauf auf den Kopf stellen. Doch es gibt einen, der noch besser ist: Abdul. Er kennt den Platz wie kein Anderer.

In Beuersberg in Deutschland sind die Befindlichkeiten der Spieler andere. Ines und Gisela (die sich außerdem in Italien auf einem Golfplatz herumtreibt) sind auf der Suche nach Anschluss. Kurz bevor es zu spät ist. Sie sind auf Männerjagd. Darüber geraten sie in Streit. Denn statt der üblichen fünf Euro Einsatz pro Loch, ist Heini der Gewinn. Zahnarzt. Anfang 50.

Im schottischen St. Andrews – dem traditionsreichsten Club der Welt – zwingt ein libanesischer Waffenhändler gekonnt seinen Schwiegersohn die Trennung einzuleiten, weil Tochter und Vater unzufrieden sind. Taktik im Spiel – Taktik im Leben. Golf ist universell.

Die eben angesprochene Gisela tröstet sich derweil mit Dante in Italien. Der weiß ganz genau wie man Frauen verführt, wie sie sein Leben finanzieren. Doch Gisela ist gewiefter als all die anderen Betthäschen zuvor. Sie durchschaut sein Spiel. Am Ende gewinnen beide. Patt.

Christine Gräns Golfgeschichten sind Alltag und Sonderbarkeiten zugleich. Genauso stellt man sich Golfer vor. Immer ein wenig drüber. Überkandidelt. Einsätze, die jedes Maß sprengen. Zuerst die Show, dann der Sport. Und die Einkehr am neunzehnten Loch. Im Gegensatz zu den meisten Fernsehübertragungen wird es hier niemals langweilig. Ihre Protagonisten sind einzigartig, und doch austauschbar. Ein Reise über die Greens der Welt.

Achja, Luzi und Jevi sind der Teufel und Gott, die um die Seele spielen. Und das tun sie in Kabul. Man könnte fast meinen, dass hier die Redewendung „natürlich gewachsener Bunker“ ernst zu nehmen sei…

Resteküche

Resteküche

Das überflüssigste Buch überhaupt! Denn wer Ingrid Pernkopf kennt, wer ihre Kochbücher kennt, wer ihre Kochkunst kennt, weiß: Hier bleibt nichts übrig! Alles Teller blitzeblank geleckt. Das ist kein Rest mehr da. Fertig! Geschirr abwaschen, abtrocknen, ab in den Schrank mit Teller und Besteck. Und doch gibt es dieses Buch. Über dreihundert Seiten.

Schon das Titelbild lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. So gelb kann ein Eidotter sein. Ein wahrhaft glückliches Huhn, das uns da beschenkte. Und die Champignons sind ja gar nicht glitschig. In welcher Dose werden die denn angebaut?

Um es vorweg zu nehmen: Ingrid Pernkopf kocht frisch. Dabei fällt immer mal wieder was an, das der Hund oder die Katze nicht so schnell stibitzen können. Und daraus wird dann was Leckeres gekocht. Oder man hat sich schon seit Tagen die Wampe vollgeschlagen (alles, was sich reim ist gut), und jetzt gibt es noch einmal einen leckeren Nachschlag aus der Küche Pernkopf. Da kommt man ins Schwitzen. Es passt einfach nichts mehr rein. „Kein Problem“, sagt Ingrid Pernkopf. Dann machen wir aus den Resten eben morgen was Nahrhaftes. Und was? Für die Neugier reicht es gerade noch: Kokosbusserl aus gehackten getrockneten Ananasstücken, Datteln und Feigen. Die sind immer im Haus, wenn man bäckt oder kocht. Und wer schafft schon (ohne Probleme!) eine ganze Packung Datteln zu verputzen?

Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt die Autorin einen kurzen Überblick darüber, was auf den nächsten Seiten aufgetischt wird. Schon mal eine Nudelette probiert? Nudeln schnippeln, Gemüse druntermischen. Anbraten, Parmesan drüber – fertig. Geht schnell, schmeckt köstlich. Nur der Biotonne knurrt nun der Magen.

Smoothies sind die It-Girls der Resteküche. Einfach ein paar nicht mehr ganz so ansehnliche Früchte (auch die kann man immer noch essen, sie gewinnen halt nur keinen Schönheitspreis mehr) zerkleinern und vermengen. Vitaminreich sind sie allemal noch.

Und hinterher einen Eier… na was kommt jetzt? … nee, kein –likör. Ein Eiercognac. Der Rest bei diesem Rezept bezieht sich auf Eier, nicht das geistreiche Gesöff.

Die „Resteküche“ ist kein Etepetete-Kochbuch. Hier wird ehrlich auf den Küchentisch gehauen und gegessen, was auf selbigem steht. Und zwar bis zum Tellergrund. Aber vor allem lecker!

Verschwundene Reiche – Die Geschichte des vergessenen Europas

Verschwundene ReichePuh! Knapp tausend Seiten Geschichte von Ländern, die es nicht mehr gibt. Ist bestimmt staubtrocken. So ein dicker Wälzer kann doch gar nicht spannend sein. Wie will man denn so lange die Spannung hochhalten? Ganz einfach: Wenn man Norman Davies heißt, ausgemachter Experte für Geschichte ist, jahrelange Erfahrung im Vorträge halten vor wissbegierigen Studenten ist – und die dabei mühelose bei Laune hält – ist das nun wirklich kein Problem!

Norman Davies schafft es durch die Jahrhunderte zu pflügen ohne dabei auch nur einen Grashalm zu beschädigen. Reichlich anderthalb Jahrtausende fasst er auf knapp tausend Seiten zusammen. So manches Reich kennt man. Burgund – man denke nur an das Nibelungenlied. Oder Etrurien, die „französische Schlange im toskanischen Gras“ wie es der Autor nennt. Aber auch die Eintagesrepublik Ruthenien in der heutigen Ostukraine (wie aktuell) und Westslowakei, die sich im März 1939 in den Wirren des heraufziehenden Unglücks bildete.

Das Buch macht Einigen wegen seines Ausmaßes ein kleines bisschen Angst. Doch keine Bange, das Buch liest sich wie ein spannender Roman. Geschichtliche Hintergründe werden mundegerecht aufgearbeitet. Figuren bekommen die passende Garderobe (im übertragenen Sinne). Allianzen werden dargestellt, Befindlichkeiten erläutert.

Wer im Geschichtsunterricht immer nur Entspannung fand, weil der Kopf stets in der Waagerechten sich befand, wird hier eine neue Art Geschichtsunterricht kennenlernen dürfen. Ganz ohne Morgenappell. Ganz ohne ideologischen Schnickschnack. Aber dafür mit ausholender Leidenschaft, die jeden packt, der auch nur einen Hauch Interesse an Vergangenem sein eigen nennt.

Zahlreiche, wahrhaftige Zeugnisse und Abbildungen bereichern das Buch. Zeit- und Ahnentafeln helfen beim Verständnis. Norman Davies bedient sich der alten Kunst Geschichte zu erzählen. Er benutzt Sprachbilder, die wie ein Film während des Lesens vor dem Auge des Lesers ablaufen. Norman Davies kommt ohne den Videobeweis aus. Denn er verfügt über die Macht der Worte. Fast wähnt man sich unter den Kriegern Borussias. Oder den Strippenziehern der Häuser Hannover und Wettin.

Ach Geschichte kann so anschaulich spannend sein. Nach diesen knapp eintausend Seiten will man mehr Vergangenheit atmen.

Jeden Abend Captain’s Dinner

Jeden Abend Captain's Dinner

Eine Kreuzfahrt steht auf so ziemlich jedem Wunschzettel eines Reisenden. Durch den gigantischen Anstieg an Angeboten, ist der Reiz des Exklusiven, des Unverwechselbaren fast schon verflogen. Neue Ideen müssen her. Zum Beispiel mal mit einem Frachtschiff Nord- und Ostsee bereisen. Brigitte Karin Becker ist diesen Weg gegangen. Und sie hat es nicht bereut.

Obwohl sie sich erst einmal in die raue Welt der noch raueren Seebären eingewöhnen muss, verliebt sie sich prompt in diese Art zu reisen. Von Hamburg nach Göteborg nach Helsinki nach Rotterdam nach Felixstowe in England – das sind ihre Sehnsuchtsrouten. Da sie immer wieder auf den gleichen Schiffen „anheuert“ bzw. mitreist, kennt sie inzwischen die Crew. Und ihre Marotten. Sie lernt schnell, dass man sich den Respekt der Besatzung zwar nur schwer aber dennoch erarbeiten kann.

Hier begrüßt sie keine schön geföhnter Sascha Hehn, hier stemmen sich kantige Kerle in den Wind und ihr in den Weg. Hier wird nicht von elegantem Villeroy-Und-Boch-Porzellan mit blitzeblankem WMF-Besteck gespeist, hier sieht man noch Wochen später, was es vor einigen Monaten zu essen gab. Und wenn das Geschirr einen Sprung hat … na und. So lange der Kaffee noch im Becher bleibt, geht’s.

Doch es sind auch nicht die harten Sitten eines Kapitän Blighs, der grundlos mal einen Matrosen Kiel holen ließ. Die Zeiten sind vorbei. Heute bestimmt babylonisches Sprachengewirr den Alltag an Bord. Unfälle und kleinere Reibereien gehören zur Tagesordnung wie die eintönigen Routen übers Meer.

Hier ist kein Platz für Romantik, dafür sind die Kerle auch nicht gemacht – dann hätten die auch einen anderen Beruf. Abwechslung bietet sich nur in Häfen. Doch die und die Sehenswürdigkeiten der Hafenstädte sind den hart arbeitenden Kerls an Bord genauso fremd wie allgemein gültige Verhaltensregeln.

Brigitte Karin Becker nimmt diese scheinbaren Strapazen gern auf sich. Genau beobachtet sie, sie urteilt nicht. Dass sie eine gewisse Zuneigung bzw. Verständnis für den einen oder andere Seebären entwickelt, stört die Reportagen in keinster Weise. Harte Kerle, raue See und Sehnsüchte schließen sich hierbei keineswegs aus. Die Autorin versteht es auf die einzelnen Charaktere, seien sie auch noch so einzigartig einzugehen. „Jeden Abend Captain’s Dinner“ ist eine Liebeserklärung an die raue See und die Männer, die dort tagtäglich ihrer harten Arbeit nachgehen. Reisen auf Frachtschiffen ist eine echte Alternative zur 24-Stunden-Bespaßungsmaschinerie der Neuzeit. Der Weg ist das Ziel. Und dieses Buch macht Lust auf Abenteuer, die es schon fast vergessen schien.