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Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…

Atlas der verlorenen Städte

Es gibt Orte, die gibt es gar nicht (mehr). Und es gibt Orte, die darf es eigentlich gar nicht geben. Und es gibt Leute, die behaupten beispielsweise sich in Centralia, Pennsylvania erkältet zu haben, weil dort permanent niedrige Temperaturen herrschen. Glauben Sie letzteren niemals. Denn Centralia ist ein ziemlich warmer Ort. Hier brennt die Erde seit über einem halben Jahrhundert. Zu Ehren des Memorial Days wurde ein Feuer entzündet. Dumm nur, dass dicht unter der Erdoberfläche der Reichtum der Stadt lag: Kohlevorkommen. Und das Feuer züngelte nun nicht nur gen Himmel, sondern auch gen Hölle. Selbige brach alsbald auch aus. Der Boden hob sich und als er sich Jahre später auftat, beschloss man den Ort zu evakuieren. Ein paar Widerständler leben tatsächlich noch in Centralia. Doch selbst die Post kann hier – offiziell – kaum noch etwas zustellen. Dem Ort fehlt schlichtweg die Postleitzahl. Centralia ist ein Ort, den also gar nicht mehr geben dürfte.

Karthago hatte ein ähnliches Schicksal. Heute ist von der einstigen Perle am Mittelmeer nicht mehr viel übrig. Die Hauptstadt Tunis verdeckt den Blick und hat sich Teile Karthagos einverleibt. Oder Kolmanskop in Namibia. Als hier Diamanten entdeckt wurden, brach ein unerwarteter Boom los. Der verebbte als in der Umgebung weitere Diamantenfunde auftraten. Kolmanskop versandete im Spiegel der Geschichte. Heute ist es eine Touristenattraktion, die teuer erkauft werden muss und dem Besucher nicht viel mehr als Requisiten bietet.

Aude de Tocquevilles „Atlas der verlorenen Städte“ ist ein Ausflug in längst vergangene Tage, an Orte, die dem Begriff Ödnis frisches Blut liefern oder einfach nur die Phantasie beflügeln. Alle Städte haben einmal existiert. Ihre Bewohner konnten sich glücklich schätzen sich als Einwohner bezeichnen zu dürfen. Doch der Zahn der Zeit, Katastrophen, Plagen etc. machten sie zu Legenden. Afrika, Amerika, Europa, Asien – jeder Kontinent ist durch die gemeinsamen Schicksale seiner Städte miteinander verbunden. Das mystische Babylon ist, das gigantische Prora, das verschlafene Balestrino – Orte des Handels, der Protzerei und der Angst. Verlassen wegen Krieg, wegen des Images oder aus Vorsicht. Jedes einzelne Kapitel, jeder einzelne Ort füllt die Geschichtsbücher dieser Welt mit Legenden und Erzählungen. Manche sind wahr, viele überzogen. Wer heute noch echte Abenteuer erleben will, beginnt seine Reise am besten auf Seite Eins dieses Buches!

Alberts Verlust

Ein zarter Film überzog die Straße, machte sie glänzend, rutschig. Und gefährlich. Wie in einem Film nimmt Albert noch einmal alles um ihn herum wahr. Der Wagen ist Schrott, genauso wie sein Leben. Nichts mehr da! Alles weg. Durch Schläuche mit dem Leben verbunden, harrt er im Krankenbett der Dinge, die noch kommen.

Gerda, seine Frau versteht die Welt nicht mehr. So hat sie ihren Albert noch nie gesehen. Sie berührt ihn, streichelt ihn, entdeckt nach all den Jahren sogar Neues an ihm. Es ist wie eine Analogie für das, was auf Albert und Gerda noch zukommen wird. Denn Albert und Gerda müssen erst wieder zueinanderfinden. Alberts Gedächtnis reicht nur noch wenige Stunden zurück. Gerda erkennt er nicht. Momentan, kurz nach dem Aufwachen hat er ein drängenderes Problem. Weiter unten, so ziemlich in der Mitte seines Körpers…

Dr. Beck sieht den Patienten Albert mit nüchternem Blick. Dass das Gedächtnis nach so einem schweren Unfall nicht mehr richtig funktioniert, ist nichts Besonderes. Gerda gefriert bei solch faktenorientierter Beschreibung das Blut in den Adern. Albert ist doch ihr Mann! Er gehört zu ihr! Sie und Albert, das ist doch eine Einheit! Albert bekommt alles um ihn herum mit. Doch die Frau an seinem Bett ist ihm fremd. Der Mann neben seinem Bett wohl ein Arzt. Albert ist der personifizierte Y2K. Zur Jahrtausendwende 1999 / 2000 befürchtete man ja auch einen weltweiten Absturz aller Computersysteme durch die Umstellung der ersten Ziffer der Jahreszahl von Eins auf Zwei. Der blieb aus. Albert muss nun mit den persönlichen Umständen seines Milleniumbugs umzugehen lernen.

Dr. Beck sieht in Albert eine Chance für einen wissenschaftlichen Erfolg. Gerda sieht in Albert eine Chance ein neues „Albert und Gerda“ zu schaffen. Und Albert? Der will einfach nur wieder Albert sein…

Das Gezerre um Alberts Gedächtnis wird von Urs Zürcher wie ein zartes Pflänzchen dargelegt. Ruhig und mit breiter Wortvielfalt begegnet er Albert auf Augenhöhe. Kein Vorwurf, keine Anklage, nur der Mensch als Opfer seiner Erinnerungen. Doch ist man denn ein Opfer, wenn die Erinnerungen gelöscht sind? Kann man noch einmal neu beginnen, ein neues Leben der Vergangenheit führen? So leise die Töne in diesem Buch, so ungeduldig liest man Seite für Seite in diesem Buch.

Die Rache

Da sitzt er nun der arme Tropf. Iwata betrinkt sich hoffnungslos. Sein Vater wurde ermordet. Wie sinnlos! Vor allem, wenn man bedenkt, wie er ums Leben kam – durch das Schwert. Und warum? Weil er, der Koch, einem Schwertmeister, dem Meister aller Meister, heimtückisch überfallen hat, um Miyamoto Musashi, dem Samurai, auf die Probe zu stellen. Keine gute Idee, kein gutes Ende.

Das Trinkgelage bleibt nicht unentdeckt. Die Familie verstößt den zweiten Sohn des Kochs. Er sei nicht mehr wert als ein Bettler. Ein Bettler, denkt sich Suzuki Iwata, so sein vollständiger Name, keine schlechte Idee. Dann werde ich eben Bettler. Was auf den ersten Blick wie die Reaktion eines trotzigen Kindes wirkt, verwandelt sich bald schon in eine ernste Sache. Denn Bettlern, gerade, wenn sie in Sichtweite eines herrschaftlichen Hauses ihrer erbärmliche Hütte aufgeschlagen haben, wohnt der Geschmack der Rache bei. Und so kommen nicht nur Schaulustige an der Helmhütte von Iwata vorbei, sondern auch viele, die ihm wirklich helfen wollen. Ihre Beweggründe liegen im Dunkeln. Doch Iwata stört das nicht. Vielmehr ist er verwundert. Verwundert über die reichen Gaben, die ihm in schöner Regelmäßigkeit dargeboten werden. Bald schon hat er einen beträchtlichen Schatz angehäuft. Ausgaben hat er ja so gut wie keine…

Doch die Sonnenseite des Bettlerdaseins hat auch Schattenseiten. In Iwatas Kopf hämmert es gewaltig. Was, wenn Miyamoto Musashi Wind von der Hütte, dem Bettler und den Gerüchten bekommt? Was, wenn Miyamoto Musashi der vermeintlichen Rache zuvorkommen will? Upps, der Plan hat aber einige Fehler! Und schon steht der stolze Samurai eines Tages vor der Hütte…

„Die Rache“ spielt im Jahr 1645 in Japan. Samurai sind die Herren über Land und Leute. Der oft falsch verstandene Standesdünkel Japans wird in dieser Geschichte mit der Kehrseite der Medaille konfrontiert. Denn auch in Japan galten und gelten die Gesetze der Physik: Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Das wusste schon Isaac Newton (-San). Die Parallelen zur Gegenwart ist nur allzu offensichtlich, wenn man sich jede der hochwertig gestalteten Seiten durchliest. Die eigene Meinung, die ganz persönlichen Beweggründe etwas zu tun, stehen niemals ganz allein im Raum. Sobald man zum Anschauungsobjekt wird, entsteht zwangsläufig eine zweite, dritte … Meinung. Und die kann, je nach Lautstärke das eigene Tun derart in den Hintergrund rücken, dass man sich sofort in der Defensive befindet und man sich ganz schwer wieder an die Spitze kämpfen kann.

Menschen, Tiere und andere Dramen

Es hätte schlimmer kommen können für den Biologen und Kolumnisten Peter Iwaniewicz. Tote Wale sezieren, Stoffwechselendproduktanalyst von allerlei Viechern, doch es kam anders.

Dieses Buch widmet er der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Im Fernsehen gibt es seit Jahren eine Invasion von Tierverstehern und Tiertrainern, die sich nur allzu gern mit einem schelmigen Lächeln als Menschentrainer bezeichnen. Denn nicht das Tier ist die Wurzel des Übels, sondern der Mensch. Ist ja klar, wie soll man messen, dass man mit einem Hund reden kann?

Es ist erstaunlich, was Peter Iwaniewicz alles zusammengetragen hat. Im ersten Moment hat man Katzen und Hunde im Blick. Die sind niedlich, lassen sich streicheln, sie beruhigen, sind manchmal wild … und im Zweifelsfall kann mit Videos von ihnen sogar Geld verdienen. Tiere haben den Menschen von jeher fasziniert. Sie sind stark wie ein Bulle, zickig oder störrische Esel. Sie sind gefährlich, weil sie beißen oder alles verschlingen, was ihnen vors Maul kommt. Oder einfach nur ekelig. Die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen ist sicherlich das meist gekannte Fremdwort für viele, die sonst mit Fremdwörtern nicht viel anfangen können.

Die tiefgreifende animalische Bilderschau führt den Leser in eine Welt, die er jeden Tag vor Augen hat. Ein kläffender Köter, der die Wochenendruhe zu ersticken droht. Kühe, die bei Mozart mehr Milch geben (bei den Wildecker Herzbuben schnürt es dem Nutzvieh allerdings die Euter zu – das nennt man dann wohl Qualitätsanspruch), Welse die kleinere Haustiere im Ganzen verschlingen.

Wer nun meint, dass dieses Buch ein Kompendium der versauten Anekdoten ist, und es nichts mehr als eine pure Ansammlung von Hiobsbotschaften darstellt, irrt. „Menschen, Tiere und andere Dramen“ ist das geballte Wissen der Biologie unter dem Brennglas des Gemeinschaftswesens. Der Autor öffnet mit Wissbegier und Fachwissen die Augen des Lesers für Fakten und alternative Fakten. Sicher ist der Mensch mehr als nur einmal die Wurzel allen Übels, Stichwort Problembär. Vor allem das Nichtwissen über das Fremde führt oft zu Irritationen, Furcht und Angst. Das lässt sich bedauerlicherweise auch auf das Zusammenleben von Mensch und Mensch anwenden.

Es ist heißer Ritt auf einem gezähmten Tier, das hier dem Leser präsentiert wird. Es ist alles nur halb so wild, wie man allgemeinhin annimmt. Wer Tiere wirklich mag, sich für sie interessiert und nicht permanent behauptet Tierfreund zu sein und keinerlei Angst (nur Respekt) vor ihnen zu haben, kommt Seite für Seite immer mehr auf Touren. Rasant und informativ reisen Autor und Leser gemeinsam in eine Welt, die so viel Missverständnisse in sich birgt, dass es Zeit wurde ein Buch wie dieses zu veröffentlichen.

Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Die Frau in den Dünen

Das kann doch alles nur ein Traum sein! Ein wilder Traum. Ein rauer Traum. Ein Albtraum. Überall nur Sand, Sand, Sand. Oben? Sand! Unter ihm? Sand! Ringsherum nur Sand.

Was ist geschehen? Jumpei Niki frönt einem außergewöhnlichen Hobby. Der Lehrer sammelt Insekten. Sein höchstes Glück wäre es eine kleine Insektenart zu entdecken, die dann seinen Namen tragen wird. Im Hochsommer nimmt Jumpei Niki den Zug an die Küste. Bewaffnet mit einer Holzkiste für die zu erwartenden Schätze und einem Netz stapft er durch die Natur. Mit einem Mal steht er mitten in den Dünen. Die Suche kann beginnen. Er ist so sehr mit der verheißungsvollen Suche beschäftigt, dass er zu spät bemerkt, dass bereits die Nacht über ihn hereinbricht. Doch wo soll er in dieser gottverlassenen Gegend eine Heimstätte finden?

Pech bei der Insektensuche, Glück bei der Bettensuche. Gar nicht weit von seinem Suchgebiet erscheint vor ihm ein Dorf. Alle sind recht freundlich zu ihm und haben eine – wenn auch ungewöhnliche – Schlafstätte für ihn. Diese liegt in einem Sandloch. Ein Haus mit Wänden, ein Bett und eine rechtschaffende Wirtin – was will man mehr? Die Frau, der das Haus gehört, ist sehr fleißig. Das wird ihm sofort klar. Permanent schaufelt sie Sand aus dem Haus, der dann mit Eimer an Seilen aus dem Sandloch geholt wird. Jumpei Niki ist zu kaputt, um noch einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können.

Das ändert sich am nächsten Tag mit einem Schlag. Mit Sand in den Augen – nicht nur sinnbildlich – reckt er sich dem Sonnenlicht entgegen. Die Dame des Hauses reckt sich ihm auch entgegen. Unfreiwillig. Nur mit einem Tuch über dem Gesicht prankt ihr nackter Körper vor Jumpei Niki. Verstört, peinlich berührt, sucht er nach einem Ausweg. Doch die Leiter, die ihm am Vortag noch in den Schlund hinabklettern ließ, ist weg! Auch die inzwischen aufgewachte Frau ist ihm keine Hilfe. Sie lebt schon lange hier unten. Sand schaufeln, das ist ihr Lebenselixier. Ihre Arbeit. Ihre Strafe? Wofür?

Jumpei Niki hegt nur noch Fluchtgedanken. Raus aus der Sandhölle. Doch wie? Raufklettern und die Beine in die Hand nehmen? Viel später wird ihm klar, dass die Flucht mit dem Entkommen aus dem Loch noch lange nicht zu Ende ist…

Kobo Abe lässt Jumpei Niki am Ende des Buches für verschollen erklären. Er entwurzelt ihn auf jede erdenkliche Weise. Was einmal wichtig war, scheint im Sand, in der feuchten Luft des Sandloches irrelevant. Was macht Einsamkeit aus einem Menschen? Wird er zum Tier oder zum Gespött? Jumpei Niki erfährt die Hölle auf Erden (beinahe unter der Erde) und wird nicht müde zu kämpfen. Nur das Ziel hat sich verändert…

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt

Wow, wie muss man sich fühlen, wenn man eine Stadt wie Istanbul in einer Biographie vorstellen will? Hat man sich zu viel vorgenommen? Wird man den Erwartungen der Leser gerecht? Wo anfangen, wo aufhören? Um es gleich vorwegzunehmen: Bettany Hughes schafft es mit unfassbarer Leichtigkeit der Millionenmetropole Istanbul ein würdiges Denkmal zu setzen!

Fünfzehn Millionen Menschen leben derzeit in der Stadt am Bosporus. Knapp eintausend Seiten zeigen auf unvergleichliche Art ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Dieser liegt rund sechstausend Jahre zurück. Doch Bettany Hughes beginnt noch früher. Ca. 800.000 bis 5500 vor unserer Zeitrechnung. Schon die Argonauten beschrieben ihre Fahrt durch den Bosporus – das war vor rund 2300 Jahren. Und schon damals siedelten hier Menschen.

So farbenfroh der Einband des Buches, so farbenfroh auch die Geschichte der Stadt. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – drei klangvolle Namen, die zu ihrer Zeit stets mit Sehnsüchten gefüllt wurden. Das ist der rote Faden der Stadt, und das ist auch der Leitfaden dieses Buches. Diese Stadt wird geliebt und gehasst. Es gibt kein Dazwischen!

Am besten beginnt man dieses Buch am Ende. Nicht um das Ende schon vorwegzunehmen, das wird noch lange nicht geschrieben werden. Nein, am Ende befindet eine über dreißig Seiten lange Zeittafel. So kann man sich schon mal an die Hauptakteure des Buches gewöhnen. Wie üblich gründet der Sage nach Byzas Byzantion am Westufer des Bosporus. Der entstand irgendwann zwischen 7.400 und 5.500 vor unserer Zeit als das Schwarze Meer geflutet wurde. Es folgten zahlreiche Reiche. Die Achämeniden, Alexander der Große, die Kreuzzüge – sie alle hinterließen etwas, das bis heute mehr oder weniger offen zu Tage tritt.

Jeder Besuch Istanbuls wird ab sofort in einem neuen Licht gesehen – das ist garantiert! Die keine Widerworte duldende Detailversessenheit der Autorin lässt den Leser mit staunenden Augen und einem brummenden Hirn zurück. Darf man dieses Buch in einem Ritt durchlesen? Die Frage stellt sich nicht. Denn wer einmal angefangen hat, kann es nicht mehr so schnell beiseitelegen. Ob man den Istanbul-Besuch mit Lesen verbringen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man könnte, nein man wird auf alle Fälle, etwas verpassen! Denn Istanbul lebt, verändert sich stetig. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis weitere Kapitel in dieses Buch Einzug halten werden.

Aktuelle Geschehnisse, Unkenrufe und Horrormeldungen aus und über Istanbul soll man nicht ausblenden, wenn man sich entschließt diese –Eintausend-Seiten-Reise anzutreten. Doch die Störfeuer sollten keine einzelne Zeile trüben. Vielmehr sollte dieses Buch als Grundlage genommen werden eine Stadt genau zu betrachten und sich dann mit dem neu gewonnen enormen Wissen selbst ein Bild zu machen. Am besten in Istanbul!

Mutter und Tochter

Da staunt Homer Wycherly nicht schlecht. Der Ölmagnat hat sich gerade eine zweiwöchige Kreuzfahrt durch die Südsee gegönnt. Mal abschalten. Von alle dem Stress, von der Arbeit. Und vor allem von seiner Ex-Frau Catherine. Die hat ihm noch bei seiner Abreise eine furiose Szene gemacht und den Reisenden ein ordentliches Spektakel geboten. Und nun, endlich wieder daheim, da, wo er sich am wohlsten und sichersten fühlt, fehlt von seinem Schatz, seiner Tochter Phoebe jede Spur.

Phoebe ist so ein liebes Ding. Immer höflich, tut, was man ihr sagt. Der Abgang vom College in Stanford war zwar ein herber Rückschlag für den stolzen Vater, doch das College in Boulder Beach ist auch nicht zu verachten. Doch Phoebe ist weg. Ihre Mitbewohnerin Dolly Lang (toller Name, der passt auch so herrlich zu der leicht als einfältig zu beschreibenden Zimmergenossin) weiß, dass Phoebe zurückkommen wird. Schließlich hat sie ihr das ja gesagt. Kein Grund zum Zweifeln. Phoebes Freund Bobby hat dagegen eine harte Zeit hinter sich. Er vermisst Phoebe schmerzhaft. Eine Erklärung kann er Lew Archer auch nicht geben.

Lew Archer wurde von Homer Wycherly damit beauftragt das flügge gewordene Früchtchen aufzuspüren. Archer würde gern mit der Mutter, der so verhassten Catherine sprechen. Doch Homer Wycherly hält das für keine gute Idee. Vielmehr verbietet er es sogar der Spürnase. Der gute Ruf der Familie stünde auf dem Spiel. Wie soll man da ermitteln, wenn die wohl wichtigste Person – nach der Vermissten, natürlich – nicht involviert werden soll?

Klinken putzen heißt es für den feinsinnigen Schnüffler. Je mehr er fragt, desto verworrener wird der ganze Fall. Ein zwielichtiger Immobilienhai hat offenbar seine gierigen Finger im Spiel. Und so unschuldig wie Phoebe dem Vater vorkommt, ist die Kleine gar nicht. Ein bisschen zu sehr zugeknöpft, dann wieder überbordend tatkräftig. Depressionen? Mmmh, vielleicht. Beim Psychodoc war sie jedenfalls. Aber nur ein paar Mal. So viel weiß Dolly Lang. Doch Lew Archer weiß immer noch nicht mehr. Geschweige denn, wo er den nächsten Hebel ansetzen soll.

Und so reist er von Motel zu Hotel, quer durch Kalifornien, nur um schlussendlich festzustellen, dass es nur einen Ort gibt, an dem die Lösung sich zeigen wird. Doch ihr Aussehen ist erschreckend. Die Lügen sind bis ins Innerste der Familie Wycherly vorgedrungen und haben ihre Unheil bringenden Wurzeln tief ins Fleisch von Homer, Catherine, Phoebe sowie auch Trevor und Helen, Homers Schwager und Schwester, geschlagen.

Jede Aktion zieht eine entsprechende Reaktion nach sich. Das hat bereits vor mehreren Hundert Jahren Isaac Newton formuliert. Doch das, was Ross Macdonald seinen Helden angedeihen lässt, ist finsterste Bigotterie und ein feistes Lügengebilde. Zum Glück alles nur Fiktion. Mit geschmeidiger Sprache und zielstrebiger Eloquenz stolpert Lew Archer nicht einen Moment. Jeder Ansatz von Hindernissen wird als Sprungbrett für weitere Erkenntnisse geschickt ausgenutzt. Die Vergangenheit wird niemals ruhen so lange Männer wie Lew Archer ihre Aufträge ernst nehmen.