Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Reisen

Bisher verlief alles eigentlich mehr oder weniger normal im Leben des nigerianischen Mannes, dessen Reisen in diesem Buch so wie „das Normalste auf der Welt“ beschrieben werden. Er lebt in den USA, seine Frau ist Künstlerin. Ihn plagen auch keine Sorgen.

Das wird sich ändern als Gina, seine Frau ein begehrtes Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin erhält. Das war im Herbst 2012. Das Jahr, in dem die Welt untergehen sollte … laut den Berechnungen der Mayas. Naja, wenn man es pessimistisch betrachtet…

Schon bald lernt er Mark kennen. Ein Typ, den man sich nicht besser malen kann. Student, keiner Protestaktion abgeneigt, stur, immer mit dem Kopf durch die Wand. Mit einem Augenzwinkern könnte man ihn als Hallodri bezeichnen. Nun sitzt er im Gefängnis. Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dabei kommt heraus, dass seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Zum Glück hat er Freunde wie Ginas Ehemann. Sie, Gina, ist weniger erfreut über die Hilfsbereitschaft ihres Gatten. Denn Mark ist nun gar nicht der, der er vorgibt zu sein…

Eine verrückte Geschichte, die unserem Helden da passiert ist. So etwas schärft die Sinne. So was wird ihm nie wieder passieren! Da mag er recht haben. Doch ihm werden noch ganz andere Dinge passieren. Er verliebt sich neu, reist in die Schweiz, um einen Tod aufzuklären und landet unversehens in einem Flüchtlingstreck. Das „Schokolade, Schokolade“, das ihm Kinder in Berlin kindlich-naiv hinterherrufen, erscheint ihm bald schon als Randnotiz in seinem Leben…

Helon Habila greift ganz tief in die Ironiekiste. Unbeirrt lässt er seinen akademisch ausgebildeten Helden die soziale Leiter hinabsteigen. Doch nicht der Verlust irgendwelcher materiellen Werte lässt ihn verzweifeln, sondern die Hoffnungslosigkeit die ihm, dem Mann, dem bisher alle Türen geöffnet wurden, ohne passenden Schlüssel vor den Toren der Zukunft leiden lassen. Helon Habila hat mit „Öl auf Wasser“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass ihm gesellschaftliche Themen am Herzen liegen. Und dass er sie schwungvoll einem breiten Publikum vermitteln kann. Mit „Reisen“ verfolgt er ganz stringent einen Mann, dem das Leben ins Gesicht spuckt. Zuerst mit kleinen Nickligkeiten. Die nimmt man unüberlegt als gegeben hin. Doch wie unser Held stolpert man als Leser gleichsam in einen Strudel aus Korruption, Vorurteilen und Hoffnungslosigkeit, dem man sich nicht entziehen kann. Wäre es nicht so traurig – wie unsere Welt ist – man könnte stundenlang darüber lachen. Es liegt an einem selbst, wie sehr man dem nachgibt.

Amazonas

Was macht ein Musiker, wenn er mal nicht auf Tournee ist? Er zieht sich in seine Dachstube zurück und schreibt neue Texte, feilt an Formulierungen oder … Oder er macht sich auf in die Wildnis und entdeckt das, was echte Kerle zu tun pflegen. Im Falle von Till Lindemann ist es nicht die Kemenate, sondern der schwer zu durchdringende Dschungel des Amazonas. Zusammen mit Joey Kelly, eben der von der Kelly-Family – also Melodie-Ideen tauschen die beiden garantiert nicht aus – kämpft er sich durch das größte Urwaldgebiet Amerikas.

Allein schon das Cover lässt erahnen, dass die Glamping-Ausrüstung zuhause bleiben muss. Schlammverschmierte Gesichter, die zu müde sind ein Lächeln hervorzuzaubern – Preisfrage: Wer hat Till Lindemann schon mal lächeln sehen?, schon allein Seite 61 wird da zur Offenbarung – und als zartes Band der beiden ungleichen Musiker: Ein Schlange.

Genug der Klischees. Joey Kelly und Till Lindemann müssen niemandem mehr beweisen, dass sie echte Männer sind. Sie treten die Reise ins Länderdreieck Peru, Kolumbien, Brasilien an, um sich an ihre Grenzen zu führen, etwas wirklich Neues zu erleben und um anderen, den Lesern, zu zeigen wie wunderschön unberührte Natur (auch mit Menschen drin) sein kann.

Wer bei Abenteuer Tom Sawyer und Huckleberry Finn im Kopf hat, startet beim Lesen von einer gesunden Basis. Till Lindemann mit Schlange (zwei, drei Meter wird sie sicher lang sein), Joey Kelly mit Blasrohr (ein bisschen kürzer, ganz sicher): Zwei Bilder, die mehr Symbolkraft haben als man gemeinhin zugeben möchte. Martialische Pose auf der einen, fokussiertes Engagement auf der anderen Seite. Und zwischendrin einzigartige Einblicke in ein Leben von Menschen, die fern der so genannten Zivilisation dem trotzen, was dem Großteil der Leser schon bei der Vorstellung daran pflaumengroße Schwerperlen aus den Poren drückt. Till Lindemann gibt zu, dass die Luftfeuchtigkeit ihm zu schaffen macht. Die Hitze – daran gewöhnt man sich schneller als man denkt.

Das Zusammenspiel von Reiseimpressionen mehrerer National-Geographic-Autoren und den bei jedem Umblättern faszinierenden Bildern lassen Abenteuerpläne in der Glut der Sehnsucht Gestalt annehmen. Ein Kinderlachen inmitten notdürftiger Behausungen, Joey Kelly auf dem Rücken von Till Lindemann durch den Fluss watend, die Farbenpracht eines Papageien, unerhört beruhigte Landschaften – wo andere nur stumm abbilden, erzählen die Bilder (doppelseitig im Breitbandformat – mehr geht nicht!), kontert dieser Bildband mit einer plappernden Bildsprache, die jeden Zweifler erstummen lässt. Für Rammsteinfans? Ja! Für Kelly-Family-Fans? Ja! Für Abenteurer, für Fotoenthusiasten, für Amazonas-Begeisterte? Auf alle Fälle!

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Deutschland leuchtet

Alfred Hitchcock benutzte die Vogelperspektive, um dem Mörder eine Drohung „von Oben“ zu schicken. So als ob Gott mit dem erhobenen Zeigefinger dem Delinquenten klarmacht, dass er gegen das fünfte Gebot (sofern er Katholik ist, ansonsten gegen das sechste) verstößt bzw. verstoßen hat. Der Einblick ist allumfassend. Seit dem die Technik, sprich Drohnen, so weit fortgeschritten ist, dass ein ebenso umfassender Blick eine ganze Szene erfasst, gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Fotos „von Oben“ ermöglichen Sichtweisen, die man bisher nicht kannte. Der Fotograf Robert Grahn hat diesem Genre nun die Krone aufgesetzt. Deutschland von Oben. Deutschland in der Nacht. Deutschland leuchtet!

Er zeigt mit seinen teils ganzseitigen Fotos wie agil das Land bei natürlicher Dunkelheit ist, und wie farbenfroh es des Nachts im künstlichen Licht erstrahlen kann. Wenn die Nacht über den Ku’damm Einzug hält, springen die Lichter der Großstadt und verzögern die hereinziehende Lähmung. Ein Lichtband durchzieht den Prachtboulevard, Häuserblöcke trotzen der fruchteinflößenden Lichtstille. Von Unten kennt man die Schaufenster der Passagen und Ladengeschäfte. Scheinwerfer, die einem ins Gesicht scheinen, sind niemandem fremd. Doch aus einer Höhe von mehr als dem höchsten Punkt rund um die Flaniermeile, sieht man erst das ganze Ausmaß des nächtlichen Funkenspiels: Vom Tauentzien bis zum Maison de France, Gedächtniskirche und Europacenter – bekannt bei Tag, ein optischer Leckerbissen bei Nacht. Aus der Vogelperspektive fast noch als Neuland zu bezeichnen.

Doch nicht nur die Metropole Berlin fasziniert in diesem prachtvollen, außergewöhnlichen Bildband. Schon der Einband mit der Dresdner Frauenkirche zieht den Betrachter in seinen Bann. Die exakt gestaltete Parkanlage inkl. Schloss Sanssouci in Potsdam, die Jerusalembrücke in Magdeburg oder der Marktplatz in Halle an der Saale, hier kann man sich sehr lang darin verlieren, das am Tag Gesehene in einer Nachtaufnahme nachzuerforschen.

Ein nächtlicher Streifzug durch Leipzig lohnt sich immer. Ein Blick, ein Appetitmacher darauf liefert Robert Grahn auf einer Doppelseite. Sie macht Lust die Stadt zwischen Alt und Neu zu erkunden. Selbst Leipziger entdecken hier ihre Stadt noch einmal neu!

„Deutschland leuchtet“ ist mehr als nur eine Alternative im Lockdown (der ist irgendwann vorbei, das Buch bleibt für immer) sich eine aussichtsreiche Zukunft auszumalen. Man wird immer wieder zu diesem Buch greifen, um den Blick von Unten, den man tagein tagaus hat, mit den Ansichten von Oben in Einklang zu bringen.

Maria in der Hafenkneipe

Wenn man in einer Stadt wohnt, die von vielen besucht wird, passiert es schon mal, dass man nach dem Weg gefragt wird. Man hilft gern aus, zeigt den Weg, erste rechts, zweite links usw. Sprachbarrieren sollten da keine Rolle spielen. Wozu hat man Hände und Füße?! Die Technik auf den Smartphones macht solche Begegnungen aber immer seltener.

Antwerpen im Jahr 1938 – da hilft keine satellitengesteuerte Navigation. Da muss man fragen, wenn man das Gesuchte nicht sofort verorten kann. Und passiert es, dass einem Mann, Frans Laamans, drei Männer – wie sich später herausstellt aus Afghanistan – ansprechen. Sie sollen zu Maria. Sie kam an Bord ihres Schiffes, um Säcke zu flicken. So hilfsbereit, diese Maria. Man redet ein bisschen miteinander, trank Tee, rauchte. Und verabredete sich für den Abend. Am Boden einer Zigarettenschachtel hat sie ihre Adresse geschrieben.

Nun sind diese Drei auf dem Weg zu Maria. Doch wie hinkommen? Drei Männer, die zu einer Maria wollen? Da war doch was! Das gab’s schon einmal. Laamans hilft gern. Eigentlich wollte er nach Hause, zu Frau und Kindern. Sich hinter der Zeitung verkriechen und den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Nun stapft er mit den drei Fremden durch Antwerpen.

Da er selbst den Weg nicht kennt, dennoch ihn Maria mehr als brennend interessiert- die Drei haben ihn mächtig angefixt – fragen sie unterwegs, ob denn nicht jemand diese eine spezielle Maria kennt. Es gibt Ecken in Antwerpen, auch heute noch, da könnte das für Missverständnisse sorgen. Gar nicht weit vom Museum aan de Stroom findet man Damen, die sich gern als Maria vorstellen… Doch dort wird das Quartett ihre Maria nicht finden. Auch wenn Laamans inzwischen den routinemäßigen Kneipenbesuch schon ad acta gelegt zu haben scheint.

Willem Elsschot erzählt eine der ältesten Geschichten neu. Die drei Afghanen haben zu viel Ähnlichkeit mit Caspar, Melchior und Balthasar. Sie folgen keinem Stern, sie folgen Laamans. Doch auch der kennt den Weg nicht, hilft aber, wo er nur kann. Sie kommen sie ins Gespräch. Über Gott und die Welt. Und das nicht nur sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ein Buch das Attribut „Weihnachtsbuch“ im Jahr 2020 verdient hat dann dieses Buch! Die elegante Aufmachung – wer bei diesem Rot nicht sofort an Weihnachtsplätzchen und Geschenke denkt, ist ein Weihnachtsmuffel – und die zum Nachdenken einladende Kurzgeschichte unterhalten und hinterlassen besinnliche Gedanken. Kann man immer wieder lesen und sich amüsieren.

Japan

Eine ordentliche Vorbereitung ist die halbe Miete, sagt man. Und da ist es egal, ob es sich um einen Sportler handelt, der sich auf den Wettkampf seines Lebens vorbereitet, eine Geisha, die sich für ihr Engagement vorbereitet oder man selbst sich Gedanken macht, was man den Lieben an Weihnachten schenkt. Und schon sind wir beim Thema. Japan. Im Sommer 2020 sollten zum zweiten Mal in der Millionenmetropole Olympische Sommerspiel stattfinden. Die ganze Welt wurde in den Jahren seit Bekanntgabe des Austragungsortes vom Japanfieber infiziert. Und dann kam so ein kleines, fieses Virus und alles war dahin. Alles? Nein, nicht alles! Es gibt ja noch Weihnachten und die ewiges Frage: Was schenke ich?

Ein Buch geht immer. Doch dieser Bildband sagt unzweifelhaft, dass man sich Gedanken gemacht hat und dass der Beschenkte einem etwas bedeutet. Ein echtes Schwergewicht – der Titel Sumo ist sein Helmut Newtons Meisterwerk leider schon besetzt – unter den Bildbänden über Japan! Riesige Abmaße. Und der Inhalt begeistert ohne dass man das Buch aufschlagen muss. Eine exzellent vorbereitete Geisha in einem farbenprächtigen Kostüm. Die Rückansicht ist so geheimnisvoll wie das Land rätselhaft.

Einmal Auge in Auge einem Kendo-Kämpfer gegenüberstehen. Einmal inmitten einer schier unendlichen Menschenmenge in Japans Hauptstadt stehen und dem Lichterreigen begeistert zusehen. Über den Wolkenkratzern schweben. Und dann wieder einem Ikebana-Kunstwerk so nahe kommen, wie man es nicht erwartet. Solch einen Urlaub wünscht man sich. Für die meisten bleibt es eben doch nur ein Traum.

Dieser Prachtband macht jede vergossene Träne über einen nicht stattfindenden Urlaub vergessen. Denn Japan ist hier so vielschichtig dargestellt, dass wirklich nur noch eine Reise ins Land der aufgehenden Sonne es toppen kann!

Die gigantischen Maße des Buches erlauben es nur ausgewählten Muskelmännern, das Buch wie einen Schmöker auf der Couch zu verschlingen. Die Mehrheit legt es sich auf den Lesetisch oder auf den Schoß und blättert mit wachsender Begeisterung darin. Viele Abbildungen erstrecken sich über eine Doppelseite, so dass es nicht viel Vorstellungskraft bedarf das wahre Japan zu erkennen.

Ein Bildband zum Verlieben! In Japan, in das Auge des Fotografen, in die Detailverliebtheit, die jedes Bild ausstrahlt und zum Verweilen nicht nur einlädt, sondern geradezu auffordert. Dieser Bildband ist etwas für Kenner und Genießer. Kein kleiner Appetitmacher, den man in der Gesäßtasche verschwinden lässt, sondern ein besonderes Ausstellungsstück, das man gern immer wieder aus dem Schrank holt und an dem man sich einfach nicht sattsehen kann.

Atlas der verlorenen Sprachen

Im Urlaub steht man oft auf verlorenem Posten, wenn man mit einer Sprache konfrontiert wird, die rein gar nichts mit der eigenen Muttersprache zu tun hat. Wenn dann auch die Schriftzeichen an Kinderkritzeleien erinnern als an das in der Schule erlernte ABC, ist der Ofen aus. Nun gibt es aber auch Sprachen, die selbst den Einheimischen ein Fragezeichen über den Kopf malen. Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie nur noch von ein paar hundert Auserwählten verstanden und gesprochen wird. Archäologen und Historiker sehen darin eine Herausforderung. Für den Normalsterblichen sind das dann im besten Fall Bücher mit sieben Siegeln.

Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ vom Duden-Verlag – von wem sonst – gibt diesen Sprachen eine Stimme. Rund um den Globus gibt es tatsächlich noch Sprachen, für die es bei der UNO keinen einzigen Übersetzer gibt. Die Völker stehen nicht nur im Abseits, sie sind gezwungen eine allgemeinverständliche Sprache zu sprechen, die jedermann versteht, und die eigene Sprache als Relikt von anno dazumal als folkloristisches Schmankerl hinter dem Ofen zu verstecken.

Der Atlas zählt nicht nur Sprachen auf, die nur noch von ganz wenigen gesprochen werden oder gänzlich verschwunden sind. Es ist erstaunlich wie viel trotz aller Widrigkeiten noch über diese Sprachen bekannt ist. Welche Besonderheiten besaßen diese Sprachen? Welche Struktur wiesen sie auf? Und es gibt Wortbeispiele, die man im Bedarfsfall sogar anwenden kann. Beispielsweise, wenn man in Litauen unterwegs ist, und man einen der noch rund achtzig SprecherInnen antrifft, die Karaimisch sprechen. Die sprechen natürlich auch litauisch, doch wer spricht schon litauisch? Ein paar Brocken zieht man sich aus dem Reiseband. Aber ein richtiges Gespräch kann man damit immer noch nicht führen. Karaimisch ist eine so genannte Turksprache, eine Sprachgruppe, die man gemeinhin südlicher erwartet. Der Atlas gibt nicht nur ein paar Wörter preis, die auf alle Fälle als Start in ein Gespräch nutzbar sind, sondern gibt nachvollziehbar preis, wie die Sprache aufgebaut ist.

Von Alaska bis in die Anden, vom südlichen Afrika über die Savannen bis in den hohen Norden Europas und die entlegensten Insel der Südsee spricht oder sprach man Sprachen, die schon in Vergessenheit geraten sind, bevor die Worte Gentrifizierung und Globalisierung aufs Tapet gelangten. Sprache als Kulturmerkmal Nummer Eins einmal anders. Das Faszinosum des Verschwundenen und des Verschwindens beflügelt unsere Phantasie (wobei auch hier sicher bald das Ph verschwindet, um dem F Platz machen muss – so viel zum Verschwinden von Sprache und wie es geschieht).

Wundholz

Södelstetten. Hier ist die Welt in Ordnung, wenn … ja wenn doch nicht alle nur um des lieben Friedens Willen irgendwie ordentlich einen an der Klatsche hätten! Irmgard Brandl hat man als den Ursprung allen Übels ausgemacht. Sobald es einen Grund zur Aufruhr gibt, ist sie dabei. Meistens ist sie jedoch sogar dessen Ausgangspunkt. Lautstark, renitent, streit- und vor allem angriffslustig. Charaktereigenschaften, die man in sein Profil auf einer Dating-App schreiben würde. Doch der Rest der Dorfgemeinschaft ist auch nicht viel besser. Wenn es nach dem Willen des Bürgermeisters ginge, würde jedes Vergehen gegen den Dorfahorn, der mittlerweile sogar ins Dorfwappen Einzug gehalten hat, mit biblischen Strafen belegt werden. Und dabei ist es egal welcher Spezies man angehört. Mensch, Idiot, Hund – gleiches Recht für alle.

Hier in Södelstetten ist die Welt ganz und gar nicht in Ordnung. Die einstige Dorfschönheit, die schon im Kindergarten mit ihren Reizen bekam, was andere nicht wollten, die die Bühnen der Welt erobern wollte, ist heute eine in sich gekehrte Frau, die an den Herd der Dorfgemeinschaft gefesselt ist. Lethargisch geht sie dem Tageswerk nach.

Der Bürgermeister sieht nur noch Gefahren von allen Seiten auf sich zukommen. Stammtischparolen bestimmen die Lage der Bewohner. Pferde werden ohne ersichtlichen Grund gemeuchelt. Die heile weiß-blaue Welt hat Konturen angenommen, die dem Außenstehenden einen Schauer über den Rücken jagen. Fast schon asiatisch wirkt dieses „Bloß-Nicht-Das-Gesicht-Verlieren“. Aber Asiatisches hat in Södelstetten nichts zu suchen. Selbst der Teufel macht um das Nest im Bayrischen einen Bogen. Hier hat er keine Macht mehr. Das besorgen die Einwohner schon selbst.

Anja Di Bortolomeo beschreibt mit spitzer Feder einen Flecken Erde, den man besser unter der Decke hält. In naturparadiesischer Umgebung gönnt man dem Anderen nicht das Schwarze unterm Fingernagel. Es werden Allianzen geschmiedet, nur um den eigenen Willen durchzusetzen und eine Haltung zu wahren, die derart perfide ist, dass alles Menschliche in den Seelen der Bewohner freiwillig Reißaus nimmt. Hier möchte man nicht tot überm Zaun hängen. Geht ja auch gar nicht, alle Zaunlatten sind bereits besetzt.

Dieser Erstling besticht durch die Geradlinigkeit der scharfen Zunge. So einen Ort gibt es nicht! Giftspritzen und Wadenbeißer sind das Salz in der Suppe, an der man sich die Lachmuskeln verbrennt. „Wundholz“ reißt keine Wunden auf, man reibt sich an ihm und wartet auf den Moment, wenn der Lachschmerz nachlässt.

Von B nach B. Begegnungen auf dem Radweg Deutsche Einheit

Alljährliche Herbstroutine im offiziellen Berlin: Anfang Oktober wird staatsragend der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Alle klopfen sich huldvoll auf die Schulter. Das ist im angemessenen Maßstab auch angebracht. Doch die Vereinigung eines Volkes, eines Landes, das vier Jahrzehnte in entgegengesetzte Richtungen marschiert ist bzw. marschiert wurde, passiert nicht von Heute auf Morgen. Und wer vor ’89 keine Beziehungen nach Drüben hatte, der hat auch heute noch sicher seine Schwierigkeiten damit.

Mina Esfandiari lebt in Berlin. Sie interessiert diese Vereinigung im besonderen Maße. Doch sie will nicht einfach nur wissen, wie man innerhalb von dreißig Jahren die Strecke von A nach B zurückgelegt hat, sie will wissen, was passiert ist in dieser Zeit … auf der Strecke von B nach B. Gemeint ist natürlich der politisch vorgeschriebene Weg von Bonn nach Berlin. Von der alten Bundeshauptstadt in die Neue, in die wieder erwachte Weltstadt Berlin. Zunächst muss sie aber die Zugstrecke in umgekehrter Richtung nehmen, die zufällig auch von B nach B führt.

In Bonn angekommen, nimmt sie ihr erstes Quartier in Besitz. Immer bei Menschen, die ihr für eine Nacht gern ein Couch zur Verfügung stellen. Immer am Puls der Zeit. Da kann es schon mal passieren, dass eine Gruppe aus Spanien und ein Weißrusse zur selben Zeit vor dem Bad stehen. Was aber viel faszinierender ist, sind die Begegnungen mit Menschen, die man so niemals bei der Google-Suche nach Deutscher Einheit finden würde. Sie haben ihre ureigene Sicht auf die Dinge und ihre Stadt. Kein glatt gebügeltes Eventprogramm, das findige Tourismus-Experten ausarbeiten ließen. Ein echtes Leben sucht Mina Esfandiari … und sie findet es dreißigfach. Denn ihre Reise hat dreißig Etappen. Mehr als die Tour de France. Und die sind auch „nur“ auf dem Fahrrad unterwegs.

So wie die Autorin und Fotografin. Marburg, Bad Hersfeld (hier musste man immer den Pass vorzeigen), Kassel, Einbeck, Quedlinburg, Dessau, Beelitz sind nur ein paar der Orte ihrer 1.280 Kilometer langen Tour von West nach Ost, von Damals ins Heute, oder einfach nur von B nach B.

Wer ihr auf Instagram folgt, hat schon so manches miterleben dürfen. Kleine Grüße aus der Proviantküche. Das Hauptmenü folgt nun in diesem exzellent gestalteten Buch, das – oh Wunder – nicht in Deutschland verlegt wurde, sondern im benachbarten Luxemburg! Die grafische Gestaltung und die mehr als aussagekräftigen Fotografien, die fast ausschließlich von Mina Esfandiari stammen, ergeben ein Zeitdokument, das noch lange Bestand haben wird. Keine rührseligen Geschichten von Trennung und Schmerz, sondern echtes Erstaunen darüber, was tatsächlich geschafft wurde. Offen gesagte Meinungen über das, was noch zu schaffen sein muss. Und vor allem echte Erlebnisse, die so nur einmal erlebt werden können. Den Radweg Deutsche Einheit wurde zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ins Leben gerufen. Er verbindet bereits vorhandene Radwege und ermöglicht auf seinem Weg sieben Bundesländer zu entdecken. Und – Mina Esfandiari kann ein Buch darüber schreiben – man hat die Möglichkeit unendliche viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen.

An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.