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Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman

Es ging ein Aufschrei durch die Kinolandschaft als 1995 endlich zwei Ikonen des method acting endlich in einer gemeinsamen Szene die Leinwand erschütterten. In „Heat“ saßen sich Robert De Niro und Al Pacino in einem Restaurant gegenüber und zollten sich gegenseitig Respekt, nicht ohne dem Andern zu drohen, dass, wenn man ihn fängt das Spiel ein für allemal aus ist.

Zwei Publikumslieblinge im Wechselspiel der Gefühle – das gab es schon immer: Marlon Brando und Martin Sheen in „Apocalypse Now“, Mick Jagger und David Bowie singend beim „Dancing in the street“ und nun das Kribbeln beim Lesen dieses (leider fiktiven) Buches, in dem Friedrich Glauser zusammen mit Georges Simenon einen Kriminalroman schreiben. Nicht DEN Kriminalroman, auch nicht den ultimativen, sondern einfach nur einen Krimi, der dem Wesen des Genres das letzte Geheimnis entlockt. Jeder Gangster, und sei er auch noch so ausgebufft, streckt die Waffen, wenn er als Gegner Inspector Maigret und Wachtmeister Studer im Nacken spürt. Diese beiden Haudegen revolutionierten den Kriminalroman. Sie zogen Millionen (nicht nur ein paar, sondern viele Millionen!) Leser in eine Welt, die so fremd ist, die Spannung erzeugt, die bei aller Ferne so nahbar gezeichnet wurde.

Gleich zu Beginn der Schock. Maigret wird nicht in Erscheinung treten. Er ist in Rente und genießt sie mit seiner Frau. Stattdessen trifft an der Atlantikküste Amélie Morel auf Wachtmeister Studer, der die Berge hinter sich ließ und nun die Weite des Meeres als Horizont begreift. Amélie Morel ist Krankenschwster – solche Fähigkeiten sind unerlässlich, wie Simenon meint. Und Amélie Morel ist unnachgiebig, mit dem Biss eines Terriers.

Simenon und Glauser lernen sich durch Doktor Schöni kennen. Glauser kennt Simenon, Simenon kennt Glauser nicht. Sie sind sich sympathisch. Und ehe sie sich versehen, sind sie mitten im kreativen Schaffungsprozess. Denn – und schon ist man mittendrin – Simenon hat ein Leiche am Strand aufgedeckt. Glauser kramt tief in der Vita des Toten und findet einen Amerikaner, der Schweizer Wurzeln hat. Da muss unbedingt Wachtmeister Studer her. Befehl ist Befehl, und schon ist der störrische Kriminalist, der sich im Leben niemals als solcher bezeichnen würde, vor Ort. Amélie Morel, Krankenschwester mit einem klitzekleinen Vermögen auf Strandurlaub, darf nun dem weltberühmten Maigret vertreten. Bei einem Roman dieser Größenordnung wird nicht weiter auf die Handlung eingegangen, das zerstört die Vorfreude. Nur so viel: Simenon und Glauser oder Glauser und Simenon tüfteln wie überspannte Kinder bei einer Party an ihrer gemeinsamen Geschichte. Was ist Wahrheit? Wie konnte das passieren? Gibt es die einzig wahre Wahrheit? Das sind die Fragen, die sich beiden so unterschiedlichen Männer stellen. Ihre Figuren sind Segen und Fluch gleichermaßen. Sie bieten ihnen Raum sich auszudrücken, andererseits sind die Autoren fest im Korsett der Erwartungen eingeschnürt. Ist dieser gemeinsame Roman der Schlüssel in die schriftstellerische Freiheit?

Glauser und Simenon sind sich nie begegnet. Es hätte aber sein können. Der Eine war schon zu Lebzeiten das Lieblingskind der Leser und der Kritik mit akuter Neigung zum Pfeiferauchen. Der Andere ein verkanntes Genie mit veritablen Drogenproblem. Ursula Hasler darf man als Expertin für beide Romanschreiber bezeichnen. Stil und Vorgehensweise, Denkart und Kombinationsgabe der beiden unterschiedlichen Ermittler sind ihr in Fleisch und Blut – und vor allem in die Schreibfeder – übergegangen, dass man meint hier die Sensation des Krimi-Jahrhunderts vorzufinden. Legt man diesen Roman ohne jegliche Info einem versierten Krimipublikum vor, wüsste die Leserschaft nicht auf Anhieb zu sagen wer den Roman geschrieben hat. Glauser oder Maigret? Und das will doch jeder Krimileser: Selbst recherchieren und dem Täter auf die Spur kommen. Und wer meint nach der Lektüre von Dutzenden von Romanen aus den Federn von Simenon und Glauser zu wissen wie man einen Täter enttarnt und fängt, der wird am Ende eines Besseren belehrt. Versprochen!

Kulturschock Italien

Was ist so schön an Klischees? Deren Bestätigung? Sie zu widerlegen? Ihnen tatsächlich zu begegnen? Es ist wahrscheinlich die Mischung daraus. Ein wildes Gestikulieren in einer angeregten Diskussion. Auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, dass durch die Emotionen ein Streitgespräch zu selbigem wird. Oder Pizza und Bier – was kein vino? Und alles spielt sich auf der Straße ab. Wie ist unser Bild von Italien? Wie ist es entstanden? Was ist Klischee, was ist unsere Eigeninterpretation?

Nicht ein Tag vergeht, in dem wir im Fernsehen mit einem vermeintlich wahren Italienklischee konfrontiert werden. Ob nun als übertriebene Liebesromanze in den Kanälen von Venedig, als familientaugliches Beziehungsdrama in den Kulissen der Ewigen Stadt oder als sonnenverwöhntes Urlaubsabenteuer (mit Hund!, warum muss eigentlich immer ein Tier dabei sein?) mit Wandlung zum Helden – deutsches Fernsehen und italienische Kulisse ist immer noch von bella italia der Wirtschaftswunderzeit geprägt.

Und was stimmt davon nun? Eigentlich fast gar nichts mehr. Oder doch? Das Bier zur Pizza wird immer beliebter. Den Kassenzettel sollte man mittlerweile immer bei sich haben, seit dem die Antigeldwäschegesetze in Kraft getreten sind. Übrigens auch, wenn man sich nur ein gelato gönnt. Und wer im Norden vom Süden schwärmt, wird schnell in eine Diskussion hineingezogen, die er nur verlieren kann. Umgekehrt ist es übrigens nicht anders. Aber über Politik im Urlaub zu sprechen, sollte man eh unterlassen.

Ob ein Urlaub in Italien als Kulturschock bezeichnet werden kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer vorbereitet ist, wird den vermeintlichen Schock besser verdauen, als wenn er ihn unverhofft trifft. Und dafür gibt es nur eine Medizin, dieses Buch! Das Alltagsleben, das Flair, die Abläufe, Gepflogenheiten machen einen Urlaub erst zum Erlebnis. Und je besser man sie verinnerlicht hat, desto erlebnisreicher wird die angestrebte Erholung. Auf über 250 Seiten kommt Italien ins Reisegepäck, wird immer wieder in die Hand genommen, sorgt für Erstaunen, ein bestätigendes Lächeln, aber auch für Ahas und Ohos. Das beginnt bei der einfachen Nachfrage, ob man denn eintreten darf, wenn man eingeladen wird. Das ist eine Höflichkeitsformel, die mehr für die Völkerverständigung tut als das opulenteste Geschenk für die Gastgeberin. Welches man nebenbei gesagt trotzdem zur Hand haben sollte.

Ausflüge in die Geschichte, regionale Besonderheiten, die Mafia – um die kommt man von Maran (ladisch für Meran) bis Girgenti (sizilianisch für Agrigent) eh nicht herum – dieser gedruckte Kulturbeutel tut mehr für Erholung und Entspannung als so mancher Reiseband aus dem Wühltisch der Discounter. Alltagssituationen werden entkrampft, die Angst vor dem Neuen wird dem Leser im Handumdrehen genommen, geheimnisvolle Gesten werden ins rechte Licht gerückt – für den wissbegierigen Italienurlauber ist „Kulturschock Italien“ ein bislang unfassbarer Wissensschatz.

So sind sie, die Italiener!

Bei jedem Spiel der squadra azzurra ist es seit einigen Jahren üblich den Spielern beim Mitsingen der Hymne ins Gesicht zu schauen. Voller Inbrunst wird das „fratelli italia“ in die Welt hinausgeschleudert als ginge es darum dem Tod mit Vehemenz entgegenzutreten. Und das ganze Land singt mit, wo andere Nationen nur grölen können. So sind sie, die Italiener, möchte man meinen. Mit dieser Beobachtung im Hinterkopf ist man bestens gerüstet für dieses kleine Büchlein.

Martin Solly, Engländer, mittlerweile eingeheirateter Italiener, nimmt mit süffisantem Unterton die Italiener unter die Lupe. Ohne ihnen dabei auf die Füße zu treten. Immer mit Respekt und immer mit dem nötigen Abstand kommt er ihnen näher. Und zeigt dem Leser, dass Unterschiede innerhalb des Landes so typisch sind wie die Stadt Rom ewig existieren wird.

Doch Vorsicht! Wenn das Benehmen sich als auch noch so lustig darstellt, so ist es tief im Tun und Denken verwurzelt. Und somit ernst zu nehmen. Steht man im Stau, weil ein paar Reihen sich zwei Autofahrer darüber freuen sich zu sehen, kann man nur die Ruhe bewahren und Zeitung lesen, sich die Haare richten etc. Oder man hupt euphorisch und aufgebracht. Letzteres lässt den Touristen weniger als solchen erscheinen.

Italiener sind stilvoll. Das zeigt sich auch in der Kleidung. Martin Solly beschreibt treffend so: Ein Arzt kleidet sich wie ein Arzt, immer. Und immer bella figura machen. Ohne dabei zu übertreiben. Ganz wichtig! Auch sind die Italiener wahre Improvisationskünstler. Nicht zwingend der Redewendung folgend „Was nicht passend, wird passend gemacht“ und ohne fatalistisches Gejammer, kommt man schließlich immer ans Ziel.

So wie nicht jedem Deutschen Pünktlichkeit und Ordnungssinn allumfassend zugesprochen werden kann, so falsch ist es Italienern Faulheit anzudichten. Eine gewisse Lebensfrohheit, allegria, darf man ihnen allerdings nicht absprechen.

Mit wachsender Begeisterung liest man Seite für Seite in dem Buch. Manchmal findet man seine eigenen Vorurteile bestätigt, und immer findet man auch gleich die Erklärung dafür. Schon nach wenigen Seiten zwinkert man sich selbst zu, wenn ein deftiges Klischee hier unumwunden als Wahrheit deklariert wird. Klischees haben nur zwei Zwecke: Sie zu widerlegen oder sie zu bestätigen. Warum auch nicht?! „So sind sie, die Italiener“ holt jeden Urlauber auf den kulturellen Boden der Tatsachen. Die Leichtigkeit der Worte machen es einem leicht sich der Kultur auf dem Stiefel anzunähern. Und der Urlaub zwischen Alpen und Sizilien, zwischen Adria und Tyrrhenischen Meer wird zum Abenteuer, ohne dabei abenteuerlich zu sein.

Anna Seghers im Garten von Jorge Amado

Da sitzt sie nun umgeben von prächtigen Blüten. Die Hitze umarmt sie wie ein liebevoller Partner. In Gedanken ist sie in der Heimat. Dort ist es kalt, sprich- und wortwörtlich gleichermaßen. Sie, das ist Anna Seghers. Die Schriftstellerin. Autorin des überragenden Siebten Kreuzes, das auch verfilmt wurde. Mit Spencer Tracy, dem Womanizer wider Willen, der seiner großen Liebe Catherine Hepburn niemals die Hand reichen wollte.

Der Garten gehört Jorge Amado. Ebenso Schriftsteller. Kommunist. Mitarbeiter an der Verfassung Brasiliens. Beide verbindet der Drang Gerechtigkeit und die Suche nach einer besseren Welt. Anna Seghers hat Deutschland noch verlassen können. Damals, als der braune Terror jedes zarte Pflänzchen von Humanität mit Stiefeln zertrat.

Dieses Bild existiert. Und Robert Cohen, Schriftsteller („Exil der frechen Frauen“) und Literaturwissenschaftler, hat es inspiriert eine Geschichte herum zu schreiben. Es kann sich alles genauso zugetragen haben. Dass alles komplett seiner Phantasie entsprang, ist unwahrscheinlich. Zu genau ist sein Fachwissen. Zu präzise die Analysen. Zu detailreich die Ansammlung von Fakten.

Auf Anna Seghers’ Schoß liegt ein Notizbuch. Darin vielleicht die Liste, die sie anfertigte. Sie ist inzwischen mexikanische Staatsbürgerin. Deutschland liegt in Trümmern. Auf der einen Seite krempeln die Besatzer die Ärmel hoch und verheißen eine rosige Zukunft. Auf der anderen Seite wird Ideologie gepredigt, die eine noch rosigere Zukunft und somit ein weiteres Mal den Endsieg verspricht. Zurück nach Deutschland – die Frage stellt sich für Anna Seghers nicht. Sie wird zurückkehren. Doch wohin? In ihre Heimatstadt Mainz? Oder in die verheißungsvolle östliche Hälfte, in den Staat, in dem was Neues erstehen soll? Vor- und Nachteil, links und rechts, pro und contra. Sie erinnert sich an die verlorenen Freunde, Weggefährten und Mitstreiter.

Ihr Name hat einen Klang wie kaum ein anderer. Die berührende Geschichte des Georg Heisler, der aus dem KZ flüchtet, bewegt bis heute die Leser und Zuschauer. In der DDR wird Anna Seghers Präsidentin des Schriftstellerverbandes, dem sie ein Vierteljahrhundert vorsteht. Sie bescheinigt Christa Wolf eine blühende Zukunft, das legt ihr Robert Cohen in den Mund. Die Wirklichkeit gab beiden – Seghers und Cohen – Recht. Dieses wunderschön gestaltete und inhaltlich berührende Büchlein befördert den Leser in die Welt einer Kämpferin, die sich niemals eine kämpferische Attitüde anheftete. Zerrissen zwischen mehreren Welten muss sie sich im scheinbaren Paradies (Jorge Amado weiß genau, dass das Paradies nicht in seiner Heimat Brasilien zuhause ist) entscheiden, ob sie weiter kämpfen wird und kann. Der Entschluss ist bekannt. Der Weg dorthin ist es erst durch Robert Cohens Buch.

Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Was wollen wir heute essen? Spaghetti!, tönt es keine Sekunde abwartend aus Dutzenden von Kindermündern. Das kennt wohl jeder. Steht irgendwie im Widerspruch zum Klappentext dieses Buches, in dem Autor Dieter Richter ein anderes Bild vom Image der italienischen Küche zeichnet. Ungenießbar. Gesundheitsschädlich. Diese Aussagen hat er sich nicht ausgedacht. Und schon gar nicht meint er sie ernst. Es gab tatsächlich mal eine Zeit – und das ist wirklich gar nicht so lange her – in der Pasta und Pizza als Reaktion auf „Was essen wir heute?“ Stirnrunzeln und verzogene Mundwinkel hervorrief. Das war die Zeit, in der man im Goggomobil oder Käfer nach Bella italia fuhr, um in der unerträglichen Hitze ein Eisbein zu bestellen. Zu viel Neues (des Guten) war dann eben doch zu viel.

Die Zeiten haben sich geändert. Pizza ist das Fastfood numero uno, weltweit! Und Pasta … ja, Pasta führt zu schon zu einem Aufschrei, wenn in der Fertigpackung klammheimlich der Parmesan aus der Packung entfernt wird.

Dieter Richter erzählt uns, den Lesern warum wir Italien so lieben. Denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Mit den Gastarbeitern kamen die Nudeln und die Teigtaschen über die Alpen. Erste trattorien entstanden. Und im Handumdrehen waren Braten und Klöße als Festschmaus von Spaghetti, Maccaroni und Pizza salame Verkaufsschlager und das Lieblingsessen freudig strahlender Gesichter jeden Alters. Bald schon hatte man seinen Lieblingsitaliener, den man duzte, der einem respektvoll mit dottore anredete.

Die Kolonisierung der Welt basiert auf der einfachen Küche. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete in der neuen Welt die erste Pizzeria. Durch die Lieferdienste wurde die Eroberung der kulinarischen Welt manifestiert.

Mit Anekdoten und belegbaren wissenschaftlichen Thesen rückt Dieter Richter dem Mythos der cuicna italiana auf den Pelz. Tiefgründig erörtert er, warum wir so hoffnungslos Italien verfallen sind. Dabei bleibt er nüchtern, fast schon teilnahmslos, um jede Skepsis an seiner Analyse im Öl der Erkenntnis zu ertränken.

Treten Sie ein, der beste Platz im ristorante der Kulinarik ist bereits reserviert für den kundigen, neugierigen Italienliebhaber. Ein opulentes Wissensmahl wartet bereits. Das verträgt sich gut mit der dieta mediterranea, der bekömmlichsten aller Diäten.

Lost & Dark Places Berlin

Eine Brotfabrik, ein Funkhaus und ein legendärer Flughafen – komm, lass uns Urlaub machen! Die in diesem Buch vorgestellten Ausflugsziele stehen nicht auf allzu vielen Wunschzetteln für einen erholsamen Urlaub. Was aber auf alle Fälle feststeht, ist, dass diese Expeditionen jedem Hobbyforscher einen Denkzettel verpassen. Corinna Urbach und Christine Volpert haben dreiunddreißig Orte in und um Berlin gefunden, die ihr Leben gelebt haben, die mittlerweile nicht nur sprichwörtlich ihr Dasein im Schatten fristen. Lost places, dark places nennt man solche verlassenen Orte, die ihre Pracht, ihren Sinn im Laufe der Jahre verloren haben. Hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Hier benimmt man sich wie es sich gehört: Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Geschichte stehen an oberster Stelle. Dafür wird man aber auch außergewöhnlich belohnt.

Der Zahn der Zeit, das Vergessen, der Unwillen zur Erhaltung oder ungeklärte Besitzverhältnisse haben so manchem Ort ein Schicksal in den eigenen Mauern beschieden. Oft sind diese Orte abgesperrt, weil die Holzböden morsch sind, die Statik nicht mehr überprüft wird und somit akute Einsturzgefahr besteht.

Auf der anderen Seite gibt es Orte, die eine dunkle Vergangenheit haben und nun als Mahnmal, niemals zu vergessender Ort der Nachwelt ihre Geschichte erzählen. So wie das Geheimobjekt 05/206. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Doch der nichtssagende Name in Märkisch Oderland ist nicht mehr und nicht weniger als der Atombunker, der im Ernstfall einmal als Organisations- und Rechenzentrum für die Nationale Volksarmee hätte dienen sollen. Von außen eher unscheinbar, so sollte es ja auch sein, von innen immer noch in erstaunlich gutem Zustand. So dass heutzutage eineinhalbstündige Führungen stattfinden.

Die NS-Zeit ist zum Glück vorüber, die Folgen sind bis heute sichtbar. Aber nicht alles ist noch zu besichtigen. Dank dieses Buches und den darin enthaltenen Abbildungen kann man allerdings einen Blick darauf werfen. So wie in die Siedlung der SS-Leitung des KZ Ravensbrück. Nach dem Krieg eroberten die Sowjets das Gebiet und machten sich bis zu ihrem Abzug Anfang der 90er Jahre sich hier breit. Seit rund einem Jahrzehnt kann man in einzelnen Gebäuden wieder Ausstellungen zur besonderen Geschichte besichtigen.

Auf eigene Faust in abbruchreife Häuser einsteigen, ist ein wahrlich gruseliges Abenteuer. Sollte man unterlassen, da man sich mindestens des Landfriedensbruchs strafbar machen kann. Wer sich dabei die Taschen füllt, ist ein Dieb. Ganz davon abgesehen, dass man sich selbst in Gefahr bringt. Die beiden Autorinnen stellen Orte vor, die Geschichte machten, die man besichtigen darf, aber auch Orte, die der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Nichts desto trotz machen diese Orte Lust auf erlebbare Geschichte. Und dort, wo man nicht rein darf, ist dieses Buch mehr als ein Trostpflaster. Was immer noch besser ist als ein echtes Pflaster auf blutigem Körper…

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Trügerisches Licht

Fábbio Cássio gehört zu der Sorte Fernsehstars, die so von sich überzeugt sind, dass sie es ein Leben lang nicht schaffen aus ihrem Kokon auszubrechen. Sie ergehen sich in schwülstigen Verbalergüssen und merken nicht wie sie sich selbst widersprechen. Ihre Sucht nach Anerkennung ist krankhaft. Jede Chance nach Anerkennung wird wahrgenommen. Fábbio steht nun endlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch die Kritiker sind sich einig: Es ist ein sehr wackliges Boot, auf dem der Serienstar hier agiert. Das Stück kommt beim Publikum gut an. Sie sehen in ihm immer noch den Star aus der Telenovela, schmachten ihn an, gieren nach seiner Aufmerksamkeit. Das Stück endet mit dem Rücken zum Publikum. Der Hauptdarsteller hält sich eine Pistole an die Schläfe. Peng, Vorhang, Applaus. So wie heute. Peng, Vorhang, Applaus … Blut, Hirnstückchen verteilt in den ersten Reihen wie Souvenirs an das gierige Volk. Jetzt ist Fábbio Cássio wirklich berühmt!

Seine Frau Cayanne will noch berühmt werden. Sie sucht ihr Glück in einer abgeschmackten Realityshow. Dass sie und Fábbio schon länger kein Paar sind, ist bisher – wie durch ein Wunder – den sensationslüsternen Journalisten entgangen. Aber sie hat Fábbio in der Hand. Sie weiß Dinge, die ihm das Genick brechen könnten. Zumindest bis jetzt. Jetzt ist Fábbio tot. Selbstmord. Oder doch nicht?

Azucena leitet die kriminaltechnischen Untersuchungen im Theater. Eigentlich hat sie genug damit zu tun ihren Vater zu pflegen, ihre Schwester wieder in die Spur zu bringen (sie lässt ihr Studium schleifen), und außerdem hat sie gerade die Trennung von ihrem Mann hinter sich gebracht. Ganz ohne Rosenkrieg. Der Selbstmord war technisch gesehen einer. Aber was, wenn der Täter nicht wusste, was er tut?

Die Gewinner des dramatischen Abgangs von Fábbio sind seine Frau Cayanne, die als die trauernde Witwe nun zum Star wird und seine Mutter. Die stand schon immer genauso gern und oft im Rampenlicht wie ihr Bubi. Sie verzieh ihm alles, puschte ihn, beschützte ihn. Und dann sind da noch die Aasgeier der Regenbogenpresse. Ein gefundenes Fressen für die lauernde Meute. Doch der Platz an der Tafel der Geschmacklosigkeiten ist zeitlich begrenzt.

Patrícia Melo gibt ihren Protagonisten nur einen Weg vor, den direkten. Eine Ermittlerin, die strikte ihren eigenen Weg geht. Auch wenn das heißt, dass sie der Familie vor den Kopf stößt. Ein Toter, der zuvor für sich entschieden hat in einer Traumwelt zu leben. Eine Witwe, die die Gier aus jeder Pore rausschwitzt. Polizisten, die ihr mageres Gehalt mit Nebeneinkünften aufbessern und dadurch sich selbst in Gefahr bringen. Die Geier von der Presse, die nur den nächsten Scoop im Blick haben. In diesem Netz aus Gier und Lügen muss jeder zusehen, dass er im Dickicht Sao Paolos nicht kleben bleibt.

Sag dass Du mich liebst, Junie Moon

Ob das gutgehen kann? Diese schräge Truppe, ganz allein, nur auf sich allein gestellt. Im Krankenhaus ergibt es sich, dass Junie Moon, Arthur und Warren zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen. Im geeinten Kampf gegen die weißen Kittel, die Schwesternschaft und überhaupt den Rest der Welt. Wenn die Ärzte bei der Visite ans Bett treten, gibt man Contra. Wenn die Schwestern schon beim Füttern überfordert sind, erschwert man ihnen zusätzlich das Leben. Junie Moon, Arthur und Warren halten zusammen. Und Warren ist es auch, der vorschlägt nach der Entlassung zusammenzuziehen. Und wie durch ein Wunder (dem man ja immer nachhelfen muss…) klappt es sogar, dass die Drei am gleichen Tag entlassen werden.

Junie Moon war noch nie eine besondere Schönheit. Sie hat sich damit abgefunden. Jetzt wird sie an ihrem Aussehen erst recht nichts mehr ändern können. Aus verletztem Stolz, mangelndem Selbstbewusstsein und nicht zu bändigender Wut (allein jedes für sich schon kein Grund Gnade walten zu lassen), verprügelte ein Verehrer sie und übergoss sie mit Säure.

Arthur ist in jeder Hinsicht ein Nervenwrack. Er hat ein progressives Nervenleiden, was dazu führt, dass er ständig mit seinen Armen und Händen in und vor seinem Gesicht fuchtelt. Seine gesamte Motorik ist sehr auffällig.

Warren sitzt im Rollstuhl seit dem ihn „ein Freund“ in den Rücken geschossen hat. Das ist lange her. Groll und Wut sind nur noch rudimentär vorhanden. Und diese Drei gründen also nun eine WG, in einem Haus, das von Pflanzen überwuchert ist, einen Feigenbaum im Garten stehen hat, in dem eine Ohreneule wohnt. Und die Nachbarn … ja, die sind natürlich nicht entzückt von den eigenartigen neuen Bewohnern. Einer versucht alles unmenschlich Mögliche zu tun den Drei das Leben zur Hölle zu machen. Es klappt nicht! So viel sei schon mal verraten. Denn die drei haben eine Geheimwaffe, die ihnen die Angst nimmt und sie zusammenschweißt: Schoko-Brownies und Limonade trinken.

Doch der Alltag holt auch die Drei ruckzuck ein. Freunde zu finden, ist nicht einfach. Auch wenn hier und da kleine Lichter am Horizont aufflackern. Es sind und bleiben drei Menschen, die sich sicher nicht gesucht haben, dennoch zueinanderfanden und nun die Chance bekommen, jeder für sich und alle gemeinsam das meistern, was sich Leben nennt. Ob das gutgehen kann?

Marjorie Kellogg lässt keine Möglichkeit aus ihren Helden das Leben schmackhaft zu machen, sie aber auch mit den Schattenseiten des selbigen vertraut zu machen. Immer eine kleine Träne der Rührung im Knopfloch liest man von drei Mutigen, die immer kurz vor dem Scheitern stehen und immer wieder einen Weg finden weiterzugehen.

Sanfte Debakel

Sanfte Debakel – so poetisch, so grausam. Port-au-Prince, die Hauptstadt Haïtis trägt diesen Beinamen nicht zu unrecht. Das weiß jeder (!), der hier lebt. Korruption und Gewalt, aber auch Lebensfreude und der Drang sich diese zu bewahren.

Wer sich der Wirklichkeit nicht verschließt, die Gegebenheiten nicht einfach so hinnimmt, macht sich verdächtig und Feinde. So wie Raymond Berthier, ein Richter. Nun ist er tot. Seine Frau hat den Tod noch nicht verwunden. Sie versucht sich an dem zu erfreuen, was Schönes um sie herum ist. Und sie will ihre Tochter Brune vor schlechten Erinnerungen bewahren. Brune flüchtet sich in die Musik. Doch das reicht nicht. Eine zeitlang war sie mit Cyprien zusammen. Der junge Anwalt war gefesselt von der Schönheit der betörenden jungen Frau. Sie schaffte es durch ihre pure Anwesenheit alles vergessne zu machen. Doch nun ist ihr Vater tot, die Täter noch auf freiem Fuß. Raymond Berthier war einem Täter auf der Spur, der Fahrerflucht begangen hat. Im Juristenjargon klingt das so nüchtern. Doch es gibt mehr als nur ein Opfer zu beklagen. Die Angehörigen müssen mit der Erkenntnis leben, dass Justitia nicht nur blind ist, sondern ihr auch noch die Hände gebunden sind.

Der Bruder des Ermordeten, Pierre lässt seine Verbindungen spielen, um Einsicht in die Ermittlungsakten zu bekommen. In Auszügen liest er, was vorgefallen ist, welche Erkenntnisse es bereits gibt. Und er weiß, dass das, was er in den Händen hält nicht ausreicht, um Raymonds Mörder ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Und außerdem braucht es noch einen Mann, einen Richter, der den Mut hat bis zur Urteilsverkündung mitzuziehen.

Yanick Lahens zeichnet ein buntes Bild einer bunten Gesellschaft, die in ihrer eigenen – selbst geschaffenen – Blase lebt. Die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Der Tod ist ständiger Begleiter. Einschüchterungen jedweder Art zwingen die Aufrichtigen nicht selten zur Aufgabe. Den Mutigen gehört dennoch die Zukunft. Zwischen Gewaltverzicht, schlitzohriger Raffinesse und Ohnmacht blitzt immer wieder ein Funken auf. Der Funke der Hoffnung. Für Raymond Berthier wird dieser Funke niemals ein Feuer entfachen können.