Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Leinwandgöttinnen

Ikonen_Cover Leinwandgöttinen.indd

Sie sind die einzigen Wesen, an die man glaubt, die man anbetet, die wahrhaftig sind – man sieht sie und wirft jeglichen Atheismus über den Haufen: Leinwandgöttinnen. Oscarprämierte zweidimensionale Geschöpfe, die mit ihrer Kunst und Ausstrahlung selbst einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen können. Schon das Buchformat gibt den Rahmen vor: Groß(artig), ein Taschenbuch könnte nur Fakten aufreihen. Der vergoldete Leineneinband am Buchrücken lässt einen Hauch von Kinoatmosphäre aufkommen.

Auf dem Titel prangt der Inbegriff der Göttin: Audrey Hepburn. Würden Lexika nur aus Bildern bestehen, so würde man ihr Bild unter Anmut finden. Ihre Verkörperung der Holly Golightly ist das perfekte Gegenstück zum Entwurf der Figur (ursprünglich hatte Truman Capote Marilyn Monroe die Rolle auf den üppigen Leib geschrieben), denn allein sie prägte das Bild des leichtlebigen, und dabei nie bewusst verletzenden Freigeistes für Generationen.

Ihre Namensvetterin Katherine hingegen bekam gleich viermal den Oscar. Sie ist die unangefochtene Göttin unter den Göttinnen. Ebenfalls aus eher wohlhabenden Verhältnissen stammend, waren ihr Ehrgeiz und ihre Sturheit ihr Markenzeichen. Sie verwandelte die Leinwand in ein Zelluloidfeuer, das heute nur noch wenige ihrer Nachfolgerinnen im Stande sind nachzuzeichnen. Resolutes Auftreten, die eigene Meinung vehement zu vertreten und die Abneigung sich als Star bezeichnen zu lassen, gaben ihr das Attribut Göttin.

Nur ein Jahr jünger war Bette Davies. Ein Biest, wenn man nur ihre Rollen betrachtet. Und das ist es, was bis heute nachwirkt. Sie war nie das Glamour-Girl, das es durch massenwirksame Äußerlichkeiten in die Klatschspalten brachte. Sie war böse, gemein, hinterhältig … in ihren Rollen. Für Produzenten und Studiobosse ein Albtraum. Doch ihre Baby Jane und ihre Jezebel sind bis heute der Inbegriff der Teufelin.

Den Autoren gelingt es in kurzen Texten die Anbetungswürdigkeit von fünfzehn herausragenden Schauspielerinnen und Oscar-Preisträgerinnen ins rechte Licht zu rücken. In jedem ihrer Sätze spürt man die Leidenschaft, die die beiden Autoren für Film und ihre Akteure entwickelt haben. Der Leser taucht tief ein ins Leben der Diven (im Englischen wirkt diese Formulierung besser (dive=tauchen, Diva=Göttin) und hat augenblicklich das Verlangen unvermittelt sich Klassiker wie „Rat mal, wer zum Essen kommt“, „Bonnie und Clyde“ oder „Still Alice“ als Abendunterhaltung zu wählen. Meryl Streep, Julianne Moore, Sophia Loren, Liz Taylor, Grace Kelly und andere haben sich schon ihren Platz im Kinoolymp erkämpft. Sie thronen über vielen anderen, die sich noch si abrackern können und nie die Meriten ihrer großen Vorbilder erhalten werden. Die Leinwandgöttinnen stachen durch ihr außergewöhnliches Talent, aber auch ihr Engagement außerhalb der Studios hervor. Manche waren politisch aktiv wie Jane Fonda und Susan Sarandon, sahen ihr eigentliches Lebensziel darin mit ihrer Reputation die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Andere hoben ihre Kunst auf eine neue, höhere Stufe. Bloße Effekthascherei schnell durchschaut und führt nur auf den kurzen Weg des Ruhmes. Lang anhaltenden, immer währenden Ruhm erhält nur wer Außergewöhnliches leistet. So wie diese Leinwandgöttinnen.

Schottland

Schottland_Iwanowski

Mythen, Whisky (ohne „e“ vorm „y“!), Golf. This is Scotland! Wenn’s so wäre, wäre dieses Buch nicht in der zehnten Auflage erschienen und nur ein ödes Blatt Papier. Mit ein paar Bildchen, Platz wäre ja noch genug. Wer sich die Zahlen anschaut, erkennt sofort, dass alle, die schon mal in London waren (oder es, aus welchem Grund auch immer, umgehen wollen) und die Insel lieben, als nächstes Ziel Schottland angeben. Und doch ist Schottland nicht überlaufen. Außer in der Saison die eine oder andere Stadt vielleicht.

Auch wäre es falsch zu behaupten, dass Glasgow und Edinburgh (wobei das „burgh“ nicht wie in Burger mit einem „ö“ ausgesprochen wird, sondern eher einem „boro“ wie in der Zigarettenmarke) die eigentlichen Höhepunkte der Schottlandreise sein werden. Klar, Edinburgh Castle ist sehenswert. Aber andere Mütter haben auch hübsche Töchter.

Für Royalisten ist Schloss Balmoral eine Stippvisite wert. Hier verbringt die Queen ihre Sommerferien. Und gleich in der Nähe gibt es das, was auf alle Fälle, aber nicht sofort mit einem Schottlandurlaub in Verbindung bringt. Wer am ersten Septembersamstag das Örtchen Braemar besucht, wird es nie wieder so stimmungs- und voll erleben. Denn dann finden hier das Braemar Royal Highland Gathering statt. Highland Games. Mit allem, was dazu gehört, zusätzlich dem, was bei allen anderen Nachahmer-Veranstaltungen fehlt. Zum Beispiel spielen Dudelsack-Kapellen … um die Wette, um die Ehre und um einen begehrten Preis.

Gut betuchte Besucher – und das Wort „betucht“ muss dieses Mal wortwörtlich genommen werden – suchen die natürliche Ruhe der Highlands und der Lowlands. Schottland bietet Wanderern, Klettermaxen und Naturliebhabern ein wahres Füllhorn an Betätigungsmöglichkeiten. Munros nennt man die knapp eintausend Meter hohen Berge. Fast dreihundert sind es und mittlerweile ist es zu einer Art Sport geworden sie alle zu besteigen. Rekorde in Schnelligkeit und Anzahl und Wiederholung sind die Antriebsfeder.

Nur diese paar kleinen Auszüge beweisen, dass Schottland eben mehr als nur der ewige Kampf von Celtic gegen die Rangers im Fußball ist, übrigens sind ab der Saison 2016/17 wieder traditionelle Old Firm Derbies an der Tagesordnung. Die zehnte Auflage des Reisebandes für Individualisten ist das Verbindungsglied zwischen Wunsch und Realität. Der Stadtplan Edinburghs auf der letzten Umschlagseite, die herausnehmbare Karte (alle Karten sind außerdem online abrufbar), die farbigen Seiten mit praktischen Reiseratschlägen, Verhaltenshinweisen, die immer wieder eingestreuten Einkehr- und Unterkunftstipps. Der Reiseband geizt nicht mit handfesten Tatsachen, die es jedem Urlauber, Wanderer, Reisenden, Besucher leichtmachen sich in rauen Schottland heimisch zu fühlen und möglichen Touri-Fallen aus dem Weg zu gehen. Auch wenn die Frage, was der Schotte unterm Kilt nicht endgültig gelöst wird (niemand kann das!), so weiß man doch, was der Schottlandbesucher im Gepäck hat: Diesen Reiseband!

Mailand – Eine literarische Einladung

Mailand - Eine literarische Einladung

Eine Stadt in Worte fassen? Wie soll das gehen? Noch dazu eine Metropole, die einzige Metropole Italiens, wie Herausgeber Henning Klüver meint. Schwierig, schwierig. Sollte man meinen! Denn oft beliebt es doch bei einem „wunderbar, schön, beeindruckend“. Beim Wagenbach-Verlag schlägt man da einfach einen Salto (so nennt sich die Buchreihe mit Büchern, die diesem Vorurteil beeindruckend – da ist es wieder! – entgegenstellen) und beweist auf 144 Seiten das Gegenteil. Knallrot, nicht vor Scham, sondern aus Gründen der Aufmerksamkeit, marktschreien die Autoren der Stadt dem Leser ihre Sichtweise auf ihr Milano um die Augen. Ein Fest für die Phantasie, eine Lehrstunde für Besucher, der Beweis, dass man Städte sehr wohl in lose Korsett der Wörter fassen kann.

Wurde in der Geschichte noch blumig von Mailand geredet, so sind es Dichter wie Dario Fo, immerhin Literatur-Nobelpreisträger, die mit Anekdoten ihrer Stadt ein Denkmal setzen. Er war Teil einer Gruppe, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Stadt narrten, in dem sie das Gerücht in die Welt setzten Picasso würde nach Mailand kommen. Doch der kam nicht, hatte das auch gar nicht vor. Kurzerhand wurde ein Double engagiert. Helle Aufregung allenthalben. Selbst die Polizei, die die Menschenansammlung auflösen will, gerät in Verzückung als sie vom bevorstehenden Ereignis hört…

Natürlich ist Mailand eine Stadt, die man gesehen haben muss. Auch, weil sie eine Stadt für Flaneure ist. Der, der das behauptet ist Maurizio Cucchi, Mailänder Autor. Er meint, dass sich die Stadt niemandem aufdrängt. Und doch immer präsent ist. Wem sie nicht gefällt, kann das ja gern so halten. Kritik wird hier eh mit einem Schulterzucken hingenommen. Mehr Reaktion sollte man nicht erwarten.

Die in diesem Buch versammelten Autoren vermeiden es wohlwollend die Hotspots der Stadt in den Himmel zu loben. Kommen auch sie nicht ohne Dom und Scala aus, so doch eher im Unterbewusstsein. Das macht wahrscheinlich auch den Charme der Stadt aus: Sie gräbt sich ohne Wunden zu hinterlassen ins Gedächtnis ein. Wie ein Roman, der unauffällig Seite für Seite verschlungen wird, und am Ende wundert man sich, dass man ihn schon ausgelesen hat. Die „Literarische Einladung Mailand“ sollte man nicht ausschlagen. Denn sie ist eine Einladung zum Bummeln, Lernen, Staunen, eine Reisevorbereitung auf höchstem Niveau, Sehnsuchtsauslöser, Träumerei, unterhaltsamer Wegbereiter und –begleiter und ein Erreger persönlichen Jagdtriebes.

Neuseeland live

Neuseeland live

Auf der Liste der beliebtesten Fern- und sogar Auswandererziele landet garantiert immer ein Land: Neuseeland. In der Mitte getrennt durch wildes Wasser, und doch nur im Doppelpack das volle Erlebnis. Schon die Anreise erfüllt alle Merkmale eines Tagesausfluges. Und wenn man endlich am anderen Ende der Welt gelandet ist, will man so viel wie möglich erleben. Wer weiß, wann man mal wieder hierher kommt?! Für die meisten ein einmaliger Urlaub. Und dafür braucht man einen einmaligen Reiseband. Am besten einen, der den Kauf von weiterer Literatur überflüssig macht. Oft durchstöbern Neuseelandreisende schon Monate vorher die Bücherregale und decken sich ein mit entsprechenden Büchern, um ja nichts zu verpassen: Bildbände, Reisebände, Kartenmaterial, Reiseberichte. Nicht nur, dass sich dann im wahrsten Sinne die Balken biegen – die des Bücherregals – sondern auch der Berg an Seiten und Information lassen die Vorfreude etwas verfliegen.

Und dabei ist es doch so einfach. Ein Buch reicht! Dieses Buch. Reichlich vierhundert Seiten, über fünfhundert Bilder, und – das ist der Clou – das Ganze reisegepäckfreundlich auch in digitaler Form. Denn das ComboBook „Neuseeland live“ wird mit eine 8GB MicroSD-Karte angeboten, die den Zugriff auf alles aus dem Buch erlaubt. Als Zusatz gibt es im Buch keine Landkarte zum Herausnehmen, sondern ein Handbuch. Die digitalisierten Infos laufen auf dem PC/Notebook, Android- und iOS-Geräten, existieren als Hörbuch, E-Book und bieten umfangreiches Navigationsmaterial. Und natürlich auch als gedrucktes Buch. Die mitgelieferten SD-und USB-Adapter lassen mögliche Schwierigkeiten ins Reich der Phantasie verschwinden.

Kleiner Tipp: Beginnen Sie mit den Videodateien. Überwältigende Filmaufnahmen in nicht minder exzellenter Auflösung lassen das Herz höherschlagen. Wäre die Landschaft nicht so eindrucksvoll, könnte man fast zu dem Entschluss kommen, dass man gar nicht mehr nach Neuseeland reisen muss…

Neuseeland ist ein Land, das sich sehr gut auf eigene Faust bzw. auf eigenen Füßen erkunden lässt. Ob man nun beispielsweise den Abel Tasman Coast Track sich vorher als pdf-Datei mit Kartenmaterial und zahlreichen Bildern im Vorfeld anschaut, sich mit dem Hörbuch in Urlaubsstimmung versetzen lässt oder das Video wieder und wieder anschaut, die Begeisterung – in erster Linie für die richtige Wahl des Urlaubsgebietes, aber auch für dieses Buch, Hörbuch, E-Book, … – wird nicht nachlassen. Schon seit Jahren versuchen immer wieder Verlage das digitale Segment zu erobern. Nun sind Navigationshilfen, E-Books etc. nichts Neues. Aber die geballte Kraft eines All-in-all-inclusive-Paketes beeindruckt schon lange vor der Abreise. Und die Anreise nach Neuseeland erlaubt das ganze Buch noch einmal zu durchforsten, die Videos noch einmal zu genießen und sich mit dem Hörbuch die volle Dröhnung Neuseeland zu geben. Ein Überraschungsei hat nur drei Dinge auf einmal, „Neuseeland live“ ein unendliche Zahl an Möglichkeiten.

Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen

Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen

Hätte er/sie mal jemand gefragt, der sich damit auskennt! Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll mit Ratschlägen und vor allem Ratgebern zu allem möglichen Unrat. „Modellieren mit Kartoffelsalat“, „50 Kilo abnehmen im Schlaf“, „Wie kriege ich ihn / sie rum in 90 Sekunden“. Alles Quatsch und so nötig wie ein Geschwür. Hilft eh nicht und macht nur dumm. Doch der Ansatz sich zu belesen, um Fragen auf das eine oderandere Problem zu erhalten, ist nicht verkehrt. Es ist nur die falsche Lektüre!

Wer Jane Austens Werke abschätzig als Mädchen- oder Frauenliteratur bezeichnet, tut nicht nur der Autorin, sondern vielen Lesern unrecht, die regelrecht in die Bücher vernarrt sind. Nur ein echter Kerl liest Jane Austen! Man wird sicher kein Frauenversteher, wenn man sich Emmas Schicksal widmet. Doch die Lektüre öffnet den Weg zu so manchem Herzen…

Natürlich hatte Jane Austen nie im Sinn Ratgeber für den Alltag zu schreiben. Das war eher ein Zufallsprodukt, dennoch kann so manche Zeile als Hilfestellung angesehen werden. Man muss nur die Gegebenheiten verändern. Schon das Titelbild weist vielsagend den Weg: Ein moderne Frau des frühen 19. Jahrhunderts mit einem Tablet. Nein, nicht Tablett, auf dem für den Gatten eine Tasse Tee steht. Sondern ein Tablet-Computer. Selbst Miss Austen konnte diese Entwicklung nicht voraussehen.

Rebecca Smith hat sich als „writer in residence“ in „Jane Austen’s House Museum“ intensiv mit der Schriftstellerin beschäftigt, ihre Schriften studiert und auf Brauchbarkeit in der Gegenwart untersucht. Die Parallelen sind frappierend! So modern die Bücher damals waren, so unverhohlen aktuell sind sie bis heute. Stress mit den Eltern oder dem Angebeteten? Das kann auch die Zeit nicht heilen! Jane Austen ist auch zweihundert Jahre nach ihrem Ableben 1817 (Achtung, Jubiläum im Jahr 2017!) immer noch ein gefragte Ratgeberin.

Rebecca Smith ist regelrecht in Jane Austen vernarrt. Kein Wunder, denn schließlich ist sie die Ururururgroßnichte (viermal „ur“) der viel zu früh gestorbenen Schriftstellerin. Liebe und Beziehung, Freunde und Familie, Arbeit und Karriere, Mode und Stil, Heim und Garten sowie Freizeit und Reisen – in diese Kapitel ist das Buch unterteilt. Eigentlich das ganze Leben! Manchmal muss man schmunzeln, oft jedoch nickt man freudig den beiden Autorinnen zu. Fast zwei Jahrhunderte trennen Austen und Smith. Zwei Jahrhunderte, in denen sich die Welt gravierend verändert hat. Umso erfreulicher ist es, dass es so manches gibt, dass sie hartnäckig weigert zu verschwinden. Und dass es immer noch Interesse gibt diese Probleme auf „altmodische Weise“ zu lösen.

Mit Fug und Recht kann man nach der Lektüre von sich behaupten, dass man ab sofort mit Stolz und vielleicht ohne Vorurteil als Emma, oder wie auch immer man nun heißen mag, durch Mansfield Park oder gleich durch das gesamte Leben schreiten kann. Die gute Jane Austen wusste vielleicht nicht alles, aber bei Weitem oft einiges besser als die heutigen Pseudo-Lebensberater, die ihre Zeile nur allzu gern in den bunten Blättern wiederfinden wollen.

Typisch Welt

Typisch Welt

Siebenundsiebzig Länder gleich einhundertelf Geschichten. Endlich trifft die Phrase „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ zu. Martin Amanshauser reist. Und er erzählt. Er ist der Vorreiter für alle unentschlossenen Touristen. Er kennt die Welt, weiß sie zu verstehen. Und seinen Ratschlägen kann man folgen, seine Geschichten glauben. Und man kann sich königlich mit seinen Kurzgeschichten amüsieren, egal ob zu Hause oder in der Ferne. Noch eine Urlaubslektüre, die diesen Namen verdient, gefällig? Bitte sehr! Hier ist sie.

Schon beim ersten Aufschlagen des Buches sieht man das, was uns in Bewegung hält oder zumindest in Bewegung geraten lässt: Die Welt. Mit kleinen Sommersprossen der guten Laune! Typisch Amanshauser! Er reist, wir bleiben dahoam, und Amanshauser erzählt. Gespannt hängen wir an seinen Lippen und lauschen dem Komischen, dem Tragischen, dem Zufälligen, dem Hintersinnigen – einfach seinen Erlebnissen.

Martin Amanshauser ist kein Tourist. Er ist es schon, aber dann schreibt er nur in den seltensten Fällen. Wenn er schreibt, dann im Auftrag seiner Redaktion (unter anderem die der „Süddeutschen Zeitung“), und dann reist er auch. Auf Einladung. Immer jedoch mit offenem Auge und spitzer Feder. Wenn er in der Runde sitzt und seine Erlebnisse zum Besten gibt, wird keine hinterher sagen können: „Kenn ich! Is mir auch schon passiert!“ Und dabei ist es völlig unerheblich, ob Amanshauser zuhause in Österreich oder in Australien unterwegs war. Er zieht das Ungewöhnlich förmlich an.

Sicher kann so manche Begebenheit jedem passieren. Aber nicht jeder kann es so gekonnt aufschreiben!

Beispiel gefällig? Seit Jahren zermartern sich Redakteure auf der ganzen Welt wie sie den eventuellen Ernstfall des Todes von Fidel Castro schon einmal textsicher vorbereiten können. Seit seiner Abdankung als Kubas Lenker lagern schon Dutzende Nachrufe in den Schubladen der Redaktionen. Und insgeheim hoffte auch Amanshauser – bitte nicht falsch verstehen, der Autor ist nun mal Journalist, und als solcher lässt man sich nur ungern einen Scoop entgehen – dass dieser vielleicht auch während seines Aufenthaltes auf der Karibikinsel … naja wie soll man es ausdrücken ohne dabei respektlos zu erscheinen? … die Macht in der Familie endgültig an seinen jüngeren Bruder abgibt. Passierte aber nicht! Doch er fand im Fernsehen die Geschichte, die mehr über das Land erzählt als die Ernstfall-Schon-Vorbereiteten-Nachrufe es jemals tun können.

Auf den über zweihundert Seiten wird das (an)gesammelte Tun undWissen der Welt in ansprechenden Worten zusammengefasst. Ein Handbuch für global player, die nicht als Globetrottel von Land zu Land hüpfen, sondern als Globetrotter die Welt erkunden wollen.

Wer nun meint, diese Geschichtensammlung ebenso verfassen zu können – bitteschön. Martin Amanshauser ist da ganz uneitel. Er gibt sogar Ratschläge wo das alles passiert ist und vielleicht sogar wieder passieren kann.

Doc Alex‘ wunderbare Welt der Zähne

Doc Alex wunderbare Welt der Zähne

Zähne sind wie das Wetter: Jeder kann was dazu sagen. Meist beschränkt sich die Konversation eher auf ein „Können wir das Thema wechseln?“, dennoch hat jeder eine besondere Beziehung zu den Nahrungszerteilern in seinem Mund.

Doc Alex, der eigentlich Dr. Alexander Lehnartz heißt und – was Wunder – im wahren Leben Zahnarzt ist – legt ab den ersten Seiten so richtig los. Siebzig Kilogramm pro Quadratmillimeter (!) kann ein Zahn aushalten. Das ist das Härteste, was der menschliche Körper hervorbringen kann! Wenn das nächste Mal eine Ausfallerscheinung Gestalt annimmt, kann man ja mal die Oberfläche messen und beim Discounter um die Ecke nachfragen, ob der nächste Lieferant mal mit seinem LKW drüber fahren kann. Der Zahn wird gewinnen!

Apropos Nahrung. Der Impressionist Auguste Renoir sagte einmal, dass die besten Beefsteaks kommen, wenn man keine Zähne mehr hat… So viel zum Thema Zahnpflege und LKW-Ladungen voller Nahrung. Überhaupt ist dieses Buch ein Füllhorn an Wissen, dem sich die meisten hartnäckig widersetzen. Denn ein Zahnarztbesuch taugt auch zum Pausenthema unter Kollegen. Tage- manchmal sogar wochenlang rennen Freunde, Bekannte, Kollegen mit dicker Backe rum. Jammern, wimmern vor sich hin. Wer noch kraftvoll in einen Apfel beißt, dem fällt es leicht zu sagen „Geh doch zum Doc!“. Wer den Schmerz hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und dann? Aua, autsch, nervöses Hinwegducken vor den Gerätschaften des Fleischermeisters. Aber, wenn der Schmerz nachlässt, ist der Zahnarzt der liebste Freund. Am besten vorher noch eine Narkose. Selbst Spritzenphobiker geraten da in Verzückung.

Doc Alex schafft es mit einfachen Worten den Leser für das Thema Dentalhygiene der Beißerchen zu begeistern. Sie sind ein wahres Wunderwerk im System menschlicher Körper. Sie sind nicht einfach nur da, um Fleisch, Gemüse und Sättigungsbeilagen zu zerkleinern. Sie sind wichtiger Bestandteil der Maschinerie Mensch. So stehen beispielsweise die Schneidezähne – oben wie unten – im direkten Zusammenhang mit Blase und Nieren, aber auch den Geschlechtsorganen. Wer gern mal einen über den Durst trinkt, sollte besonderes Augenmerk auf die unteren Backenzähne legen. Was nicht heißen soll, dass übergründliches Putzen selbiger einen erhöhten Alkoholkonsum legitimiert.

Es ist eine wahre Freude in diesem Buch zu schmökern. All die bunten Prospekte in den Praxen der mehr oder (meist) weniger geliebten Dentalhandwerker sind wichtig, doch dieses Buch ist das Vererbstück des Dentalwissens. Nicht nur ein Aha-Erlebnis pro Kapitel, sondern gleich mehrere Augen-Auf-Fakten pro Seite! Da bekommt man richtig Lust zum Zahnarzt zu gehen…

Zum Schluss noch eine gute Nachricht von Doc Alex: Es gibt immer weniger Menschen, bei denen sich die Weisheitszähne ihren Weg schmerzvoll ans Licht bahnen. Sonnige Aussichten für alle Angsthasen!

Mit dem Zeppelin nach New York

U_5884_1A_ZEPPELIN.IND11

Ein beliebtes Spiel ist Entfernungen oder Volumen zu schätzen. Klar, einen Liter kann jeder anzeigen. Eine Milchtüte bzw. Tetra-Pack kennt schließlich jeder. Aber wie sieht es mit 200.000 Kubikmetern aus? Schwer anzuzeigen und noch schwerer sich vorzustellen. Das ist das Volumen, das der Zeppelin Hindenburg als Gasreservoir mit sich führte. Zweihundertfünfzig Meter lang und Durchmesser von einundvierzig Komma zwei Meter. Das sind Dimensionen, die man Kilometer entfernt schon wahrnimmt.

So in etwa ergeht es auch dem 14jährigen Werner Franz als er als Schiffsjunge auf dem Riesenflieger 1936 anheuert. Nach Rio soll es gehen. Und die Überfahrt dauert fast zwei Wochen. Aktuell werden deutsche Olympioniken mit dem Flugzeug nur ca. einen halben Tag unterwegs sein. Soviel zum Abschätzen.

Mit großen Augen erkundet er die fliegende Zigarre. Brücke, Kombüse, Aufenthaltsräume – Rauchsalon, so was gibt’s heute auch nicht mehr – erforscht er mit kindlicher Neugier. Höhepunkt der Reise ist die Vorüberfahrt der Graf Zeppelin, einem weiteren Luftschiff, das in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist. Das Treffen über dem offenen Meer erfolgt so nah, dass sich die Gäste zuwinken können. Dann kommt der Mai 1937. Deutschland ächzt unter dem Joch der Nazis. Die Hindenburg macht sich bereit für die große Überfahrt nach New York. Schneller als ein Schiff zu sein gilt es. Alles muss reibungslos ablaufen. Nur so wird das Unternehmen wasserstoffgefüllte Luftschiffe auch in Zukunft erfolgreich sein. Auf der anderen Seite des Atlantiks erwartet man gespannt die Ankunft des Zeppelins. Unter anderem ist Reporter Herbert Morrison dabei, der mit seiner flehenden Stimme bis heute, knapp achtzig Jahre später, immer noch Gänsehaut hervorruft. Werner kann sich in letzter Sekunde retten.

Sein Urenkel findet eines Tages die Mütze des Uropas auf dem Speicher des Großvaters und fragt ihn aus. Der hatte die Mütze schon längst vergessen, nicht jedoch die Geschichte seines eigenen Vaters.

Die verheerende Katastrophe vom 6. Mai 1937 in Lakehurst beendete mit einem zweiunddreißigsekündigen Feuerball die Ära der Zeppeline. Ein echtes Abenteuer, das man so heute nicht mehr erleben kann. Dieses Buch ist in Zusammenarbeit mit dem Zeppelin Museum Friedrichshafen entstanden, wo die Geschichte der Luftschiffe immer noch lebendig gehalten wird. Dieses Buch ist der richtige Appetitmacher auf solch einen Ausflug. Technische Details werden in kleine Infokästen erläutert, Skizzen und Zeichnungen zeigen die unglaublichen Ausmaße der Zeppeline deutlich auf. Das Buch ist vor allem für Kinder und Jugendliche gedacht, doch auch so mancher Erwachsener wird fasziniert sein. Entweder, weil er die Zeppeline noch nie live gesehen hat oder weil er zu den Wenigen gehört, die sie noch fliegen sahen.

Rost

Rost - Guy Helminger

Effehzweiodrei! Nochmal? Eff Eh Zwei O Drei. Oder einfach nur Rost. Es dauert eine Weile um aus Eisen und Sauerstoff eben diesen Rost herzustellen. Ein spannender Prozess .. für Chemiker … und alle, die genug Zeit haben dies zu beobachten. Da kann so einiges passieren.

Im Gegensatz zum chemischen Prozess der Transformation, ist der Weg der Protagonisten dieser Kurzgeschichten allerdings um einiges spannender! Zum Beispiel ein Junge, der kühn und keck behauptet eine Berühmtheit zu sein. Alle sind verwundert. Nehmen ihn auf den Arm. Der und berühmt. Sie fühlen sich sicher, ihres Sieges sicher. Bis er seine Behauptung effektvoll untermauern kann.

Oder: Stellen Sie sich vor, Sie liegen im Gras. Lauschen dem Wachsen der Grashalme. Eine weitere Person ist für Sie sichtbar. Alles ist weiterhin ruhig – Achtung Spoiler-Alarm! Es bleibt auch ruhig! Doch dann kommt irgendwie der Surrealist in dem Fremden durch. Buñuel und Dalì lassen grüßen!

Guy Helminger lässt den Leser zappeln. Und als versierter Preise-Angler lässt er ihn auch nicht mehr vom Haken. Für die Geschichtensammlung „Rost“ erhielt Guy Helminger unter anderem den Prix Servais, den Förderpreis des Landes Baden-Württemberg.

Wenn einem das Schicksal ereilt, muss man sich ihm stellen. Guy Helminger lässt dem Leser viel Spielraum für das, was dem Schock, dem Unerwarteten, dem Bösen folgen kann. Ihm geht es um das davor. Menschen sehen es auf sich zukommen, nehmen es wahr. Doch die Verarbeitung dessen, was da anrollt, dauert. Zu lange! Alles ist so ungewöhnlich, dass man es gar nicht in seiner Gesamtheit erfassen kann. Abwehrmechanismen greifen nicht, da alles so neu ist. Und es kommt wie es kommen muss: Aus, futsch, vorbei! Das Leben hat eine Kehrtwende gemacht und sich das eine oder andere Mal aus dem Staub gemacht.

Der Effekt steht am Ende des Umwandlungsprozesses. Die Zuspitzung des Konflikts ist das fortwährende Spannungsmoment. Ganz im Sinne der asiatischen Weisheit „Der Weg ist das Ziel“. „Rost“ ist der Weg ins Ungewisse, Guy Helminger ist der Wegbereiter, der Leser ist der nicht immer still bleibende Beobachter. Da werden selbst glücksselige Wasserschweine aus ihrer Lethargie gebracht…

Fußball in Berlin

Fußball in BerlinIch bin ein Fan von Hertha! Is erstmal ‘n Statement. Aber welche Hertha? Literatur-Nobelpreisträgerin Hertha Müller? Politik-Dauer-Nörglerin Hertha Däubler-Gmelin? Oder doch Hertha Suurbier, die mit der eigenen Fahne…

Dann doch lieber Hertha BSC. Als Fußballfan eines Hauptstadtvereins hat man in England die Qual der Wahl – Chelsea, Arsenal, Tottenham ganz oben mit dabei, West Ham, Crystal Palace, Fulham eher Kellerkinder. In Frankreich ist es der Hauptstadtclub PSG, der seit einiger Zeit den Ton angibt – und wie! Italiens römische Vereine sticheln gern und oft, aber Meister kommen dann doch von „weiter oben“. Und in Deutschland? Von den 54 Vereinen, die jemals in der Bundesliga gespielt haben – ja, auch vorher wurde schon Fußball gespielt, aber … – hat sich der Hauptstadtclub auf Platz Zwölf der ewigen Bundesligatabelle eingerichtet. Nicht schlecht! Aber ohne Titel eben. Die letzte Meisterfeier stammt aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Ostteil der einst geteilten Stadt wurde dagegen regelmäßig der Meistertitel gefeiert. Allerdings hatten da höhere Mächtige ihre Hände im Spiel, echte Menschenfreunde wie sie meinten…

Noch einmal zur Ewigen Tabelle. Ein Berliner Verein führt diese an – allerdings nur, wenn man sie auf den Kopf stellt: Der SC Tasmania 1900 Berlin. Acht kümmerliche Punkte nach der Dreipunktregel. Zur aktiven Zeit  der Verein ist mittlerweile Pleite – waren es sogar nur sechs Punkte. Zwei Siege, zwei Unentschieden. Und sagenhafte einhundertacht Gegentore. Das ist Fußball in Berlin! Nicht ganz. Meint zumindest Henry Werner, Autor des Buches „Fußball in Berlin“. Und er hat recht!

In Berlin wurde 1897 der erste Fußballverband gegründet, im „Dustren Keller“ in der Bergmannstraße 107, unweit des Flughafens Tempelhof. Das Buch ist mehr als ein Almanach der Punkteverteilung. Historische Plakate wie dem von den Internationalen Fußball-Wettspielen, fotografischen Zeugnissen u.a. von Viktoria Berlin und den Gründungsvätern des BFV oder auch athletischen Momentaufnahmen des Weltsports Fußball. Die Texte strotzen nur so von Fachwissen.

Über einhundert Jahre Fußballgeschichte aus und in einer der bedeutendsten Städte der Welt, deren Veränderungen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte bewegten und immer noch bewegen. Auch wer kein Fußballfan eines Berliner Vereins ist – und Vereine gibt es hier mehr als Baustellen – wird sich an diesem Buch erfreuen können. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, die man einfach nicht kennen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie die der „Spartaner“. Ernst Fuhry gründete diese sektenartige Mannschaft in der dunkelsten Zeit Deutschlands. Nationalsozialistische Ideologien paarten sich mit kruden Idealen, die den Spielern wirklich jeden Spaß am Leben verdarben. Doch ihr Spielstil war einzigartig: Fair, ritterlich, aufopferungsvoll und ohne Fouls und Tacklings. Das war selbst den Machthabern suspekt. Fuhry selbst wurde denunziert, verfolgte aber – ganz Sportsmann – stur seine Linie. Die Spartaner wurden dem Post-SV untergeordnet, das war das Ende der Spartaner. Dennoch wurden sie in der Saison 1937/38 ungeschlagen Berliner Meister. In 27 Spielen kassierten sie lediglich 17 Gegentore.

Bildband oder Nachschlagewerk? Das ist hier nicht die Frage! Fußballfieber zwischen zwei Buchdeckeln trifft es eher. Das Großformat trägt der Bedeutung der Stadt als Fußball-Dauerbrenner Rechnung. Wer Berlin besucht, kommt irgendwann auch am Olympiastadion vorbei – auf der letzten Umschlagseite mit der „Berliner Fußball-Karte“ übrigens als Standort „3:10“ gekennzeichnet. Spätestens hier wird auch der neutrale Beobachter vom Fußballfieber gepackt. Für echte Fans müssen nicht immer die Alte Försterei oder der Jahnsportpark sein…