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500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Süße Zitronen und bittere Lieder

Was war das einfach, vor ein paar Jahren. Der EU ging‘s schlecht und Griechenland war schuld. Die Griechen! Und so überschlugen sich die Schlagzeilen-Schreiber auf beiden Seiten mit perfiden Vergleichen, die die ohnehin aufgeheizte Stimmung noch weiter befeuerten. Und die Banken in Griechenland – wem auch immer die gehören – wurden mit Krediten überhäuft. Da sollte helfen. Das ist in etwa so wie es in Filmen oft abläuft: Erst die Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sich auf die scheinbar hoffnungslose Verfolgungsjagd macht. Sieht nett aus, ist aber ohne Wirkung.

Mittlerweile ist die wirtschaftliche Lage nicht minder angespannt, dennoch ist das Bild Griechenlands nicht mehr so präsent. Stamm- und Pausentische diskutieren immer noch unter der Gürtellinie, aber die Touristen kehren wieder zurück an die Sonnenplätze des Mittelmeeres.

Caroline Wenzel hat sich – und das liest man eindeutig aus ihren Zeilen heraus – nie am allgemeinen Griechenland-Bashing beteiligt. Sie sieht Griechenland im Allgemeinen, und die Insel Chios im Speziellen mit anderen Augen. Sie interessiert sich für die Menschen, die nicht davon haben, dass die Banken Milliarden um die Ohren bekommen haben. Sie leben ihr Leben, mit all den Unwegbarkeiten, die das Leben für sie parat hält.

Wie Despina. Sie betreibt eine Taverne. Kochen wie bei Muttern. Sie hängt dieses Attribut allerdings nicht so hoch an, wie manch anderer Landgasthof in finanziell scheinbar sichereren Gefilden. Sie macht es einfach. Obwohl es ihr nicht einfach gemacht wurde. Als sie – eine Frau! – sich anschickt die Taverne zu erwerben, treten sich die Kontrolleure der Behörden gegenseitig auf die Füße. Doch statt Despina von selbigen zu holen, stolpern sie alle. Ja, die Frauen von Mestá sind stärker als der Ruf Griechenlands.

Marianthí ist um einiges älter als Despina. Sie hat mehr gesehen als es für sie gut war. Doch den Blick für das Wesentliche konnten weder Diktaturen noch Behörden verschleiern. Bis ins hohe Alter singt sie immer noch inbrünstig auf dem Markt. Bitter sind die Lieder. Das waren sie schon immer. Doch der süße Geschmack der Zitronen – ja, Zitronen schmecken süß – schlägt so manche Bitterkeit in die Flucht.

„Süße Zitronen und bittere Lieder“ ist das Reisebuch, das einen ereignisreichen Abend in einer Taverne, bei Despina vielleicht?, gedankenverloren ausklingen lassen kann. Die Weinblätter sollen ja außergewöhnlich sein. Caroline Wenzel widmet dieses Buch den Frauen des Dorfes im Südwesten der Insel. Ihr erlaubten die, die immer schon hier lebten, die die Insel formten und prägten den Einblick, der nicht durch eine Sonnenbrille verdunkelt ist.

Lissabon und Costa de Lisboa

Lissabon ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aussteigermetropole am südwestlichen Rand Europas. Auch diese Zeiten sind vorbei. Doch Lissabon hat sich den Charme des Andersseins bewahrt. Ein kleiner Likör um die Ecke ist immer noch drin. Eine Fahrstuhlfahrt von Unterstadt zur Oberstadt ebenso. Macht man automatisch, wenn man in Lissabon ein, zwei Tage oder länger verbringt.

Apropos ein bisschen länger in Lissabon verweilen. Im Gegensatz zu den wuchtigen Hauptstädten Europas wie Paris, London oder Rom ist Portugal Capitole doch recht übersichtlich. Oberflächlich betrachtet tut man sich schwer mehr als eine Woche in der Stadt am Tejo zu verplanen. Wie gesagt, oberflächlich betrachtet. Doch Johannes Beck nimmt sich über fünfhundert Seiten Zeit diese These informativ und detailgenau zu widerlegen. Denn Lissabon ist nicht nur Lissabon, sondern auch der genüssliche Speckgürtel bestehend aus Cascais, Estoril, Sintra, Ericeira, Sesimbra und Setúbal. Noch nie gehört? Dann wird es Zeit diese Orte zu bereisen, zumindest aber in diesem Buch zu blättern, zu planen und vorab schon mal ein wenig zu träumen.

Schnell die Fakten: Zwölf Touren, vierzehn Wanderungen, sechzig Karten und Pläne. Und schon kann man eintauchen in die Welt von Lissabon und der sie umgebenden Costa de Lisboa. Am besten beginnt man am Ende des Buches. Ein kleiner Einführungskurs ins Portugiesische. Denn die Sprache erstmal gewöhnungsbedürftig. Wer ein paar kleine Grundlagen beherrscht, liest das Buch mit ganz anderen Augen. Der Klang der Vokale und Konsonanten wirkt Wunder bei Unentschlossenen.

Ein Vierteljahrhundert Erfahrung und Zuneigung fasst Johannes Beck in diesem Reiseband zusammen. Die achte Auflage wirkt wie eine Frischzellenkur. Jedes Kapitel wurde noch einmal überarbeitet und um nützliche Tipps ergänzt, bzw. wurden diese aktualisiert. Jede Tour wird mit einem Appetizer angekündigt, der das Verlangen nach den folgenden Seiten steigert. So weiß man gleich, was einen erwartet. Die kurzen Abschnitte erlauben dem Leser sich einen Überblick zu verschaffen und mindern nicht im Geringsten die Lust das Gelesene selbst zu erforschen. Auch wenn es mal komplizierter werden sollte. Wer die Halbinsel Setúbal im Süden besuchen will, muss sich erstmal durch den Tarifdschungel der öffentlichen Verkehrsmittel kämpfen. Johannes Beck schlägt schon mal die ersten Schneisen ins Dickicht der weißen und grünen Karten, mal wiederaufladbar, mehrmals aktivierbar oder nicht. Solche Tipps sind die wahren Fundgruben eines Reisebandes wie diesem. Denn dann kann man sich auf das konzentrieren, was wirklich sehenswert ist. Alcochete, ein Paradies, um Vögel zu beobachten. Oder Almada mit der weithin sichtbaren Christusstaute. Oder einem erholsamen Strandtag an der Costa da Caparica, wo ca. dreißig saubere Sandstrände auf Erholungssuchende warten. Oder im Westen Lissabons das kleine Örtchen Caxais (wie das ausgesprochen wird, weiß man ja schon, wenn man das Buch am Ende begonnen hat), das mit zahlreichen hübschen Gärten verzaubern wird.

Man kann das Buch drehen und wenden wie man will, es wird immer ein brauchbarer Tipp herauspurzeln. Kleine Anekdoten oder fundiertes Hintergrundwissen auf gelbem Grund weist den Besucher der Region um Lissabon bald schon als Kenner aus. Die beiliegende Karte der Region inkl. Stadtplan Lissabons sind dann noch die einzigen Erkennungsmerkmale, die den Leser als Besucher kenntlich machen.

Das Zimmermädchen

Lynn ist ein kleiner Putzteufel! In dem Hotel, in dem sie arbeitet, sind sogar die nicht benutzten Zimmer nicht vor ihr sicher. Sie kann sich hier so richtig austoben. Allein sein, nichts tun – das ist für sie der Horror. Sie fürchtet sich auch nur eine Minute nichts tun zu müssen. Denn dann … dann würde was Schreckliches passieren. Sie würde in alte Muster zurückfallen. Und das wäre nicht gut. Das weiß sie auch. Und das nicht nur, weil ihr Therapeut das sagte.

Und so ist sie glücklich endlich im Hotel eine Anstellung gefunden zu haben. Doch Glück, was ist das? Sie kann es nicht fühlen. Nicht einfangen. Nicht bewahren.

Die Tage und Wochen plätschern so dahin. Spiegel putzen, Staub wischen, selbst unter den Betten die Lattenroste vom Staub befreien. Zwanghaft? Sicherlich, doch stellt es keine Belastung für die junge Frau dar. Sie ist allein. Geht in ihrer Abreit auf. Alles geregelt. Jeder Tag hat eine Farbe, ein festes Ritual. Die Schemata zu durchbrechen, kommt ihr nicht in den Sinn.

Doch aus dem Zwang wird Neugier. Immer öfter steigt in ihr die Neugier auf. Sie will, sie muss wissen, wer sich da im Hotel eingenistet hat. Sie schnuppert an den Sachen der Gäste, stellt sich vor, wer in sie hineinschlüpft. Bis … eines Tages, das Pyjama-Oberteil des Gastes noch über der Uniform tragend, der Zimmerschlüssel im Schloss rumgedreht wird. Der Gast kommt unverhofft in sein Zimmer. Doch er wird Lynn nicht entdecken. Gedankenschnell gleitet sie unters Bett. Was ein Kick!

Allmählich wird Lynns Routine immer häufiger unterbrochen. Die Auszeit unter den Betten wird zur liebgewordenen Angewohnheit. Lynn wird zum Familienmitglied der Hotelgäste. Bis eines Tages Chiara in ihr Leben tritt. Ein Gast hat Chiara zu sich gerufen. Chiara ist charmant, aufmerksam, folgsam, herrisch, devot – ganz wie der Gast es von ihr verlangt.

Lynn, ganz im Wahn ihres neuen Lebens, notiert sich Chiaras Nummer von der Karte, die Chiara für den Gast hinterließ. Das ist die Chance auf ein neues Leben. Fernab von wöchentlichen Anrufen bei der Mutter, Therapiegesprächen, freien Tagen. Sie ruft Chiara an, bucht sie. Will sie in ihrer Nähe haben.

Markus Orths gibt Lynn die Freiheit sich ihrer Fesseln zu entledigen. Doch diese Fesseln sind das einzige, was Lynn noch antreibt. Die Zeit unter den Hotelbetten, das Hineinkriechen in das Leben fremder Personen, die Zweisamkeit mit dem Callgirl Chiara sind nichts anderes als weitere Fesseln, die Lynn verharren lassen. Der Name des Hotels, Eden, klingt wie ein Hohn. Lynn ist vom Paradies weit entfernt. Wer auf ein happy end hofft, muss seine Phantasie anstrengen. Auf den ersten Blick ist Lynn eine Gefangene, aber eine Gefangene, die sich selbst die Fesseln anlegt, sie aber lockern kann, wann immer sie will.

101 Kopenhagen

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kopenhagen schickt sich an ein Reise-Hot-Spot erster Klasse zu werden. Immer mehr Artikel in Magazinen, Fernsehbeiträge und Reisebücher beschäftigen sich mit der dänischen Hauptstadt. Und dass immer noch, immer wieder die Filme der Olsenbande gezeigt werden, trägt sicherlich auch dazu bei die Stadt am Øresund begehrenswerter zu machen. Schon seit Jahren gelten die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Welt. Wie man das exakt messen will, bleibt schleierhaft. Doch zufrieden sind die Dänen. Und diese entspannte Atmosphäre, die nur jemand ausstrahlen kann, der wirklich zufrieden ist, spürt man in der ganzen Stadt.

Zufrieden wird auch der Leser dieses Buches sein. Einhundertundeins Sehenswürdigkeiten, Plätze zum Entspannen und Staunen … es sind weitaus mehr als die angeführten einhundertundeins. Es sind einhundertundeins Ausgangspunkte, um Kopenhagen tiefgreifend zu erkunden. Beginnt man das Buch von hinten, schwelgt man schon beim Stichwortverzeichnis in Erinnerungen, die man nach der Reise pflegen wird. Cafés und die Carlsberg-Brauerei, Roskilde, das bei Festivalfans besondere Erinnerungen hervorrufen wird, und Rundetårn, Smørrebrød und Den Blå Planet lassen einen ganz „hyggelig“ werden. Hyggelig bezeichnet dieses spezielle Zufriedenheitsgefühl der Dänen, das sich so schwer übersetzen lässt. Einfach hinfahren, es sich anschauen und einen großen Teil mit nach Hause nehmen.

Kopenhagen ist von Deutschland aus nun wirklich sehr leicht und vor allem schnell zu erreichen. Für einen Kurztrip wie gemacht. Hat man sich das Buch schon vorher einmal durchgelesen, wird man aber rasch zu der Erkenntnis kommen, dass ein Kurztrip genau das Falsche ist, um Kopenhagen zu entdecken. Die Zeit ist einfach zu kurz! Also mehrmals hierher kommen!

Ulrich Quack und Dirk Kruse-Etzbach haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, sinnbildlich, um dem Leser eine Stadt näherzubringen, die bisher in einem Dornröschenschlaf verfallen schien. Ja, die Meerjungfrau kennt jeder – sollte man auch mindestens einmal im Leben gesehen haben. Aber dann geht es auch schon los, das andere, vielleicht noch unbekannte Kopenhagen unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Rad ein besonderes Erlebnis. Besonders fahrradfreundlich, besonders aber fahrradfahrerfreundlich ist die Stadt. Seit über einem halben Jahrhundert gehören Radwege zum Verkehrskonzept der Stadtplaner. Die Massen an Pedalrittern fallen schon gar nicht mehr auf. Kødbyen ist ein Stadtteil, der erst in der jüngeren Vergangenheit sich zu einem lebenswerten Flecken aufgeschwungen hat. Restaurants locken heute mit moderner Küche wo einst das Vieh seinem jähen Ende entgegensehen musste. Und wer im Sommer in der Stadt weilt, wird auf dem Streetfoodmarket auf dem Flæsketorvet erleben können, was Fingerfood im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet. Auch einen kleinen Stadtrundgang auf den Spuren skandinavischen Designs halten die beiden Autoren parat. Nach so vielen Eindrücken und leckerem Essen, empfiehlt sich eine ruhigere Alternative. Vielleicht mit einem Besuch bei Hans Christian Andersen oder Asta Nielsen? Die Friedhöfe der Stadt sind eine willkommene Abwechslung.

Quirlig und zurückgenommen zeigt sich die dänische Hauptstadt. Großstädtisch, ohne großspurig zu sein ist sie das ideale Reiseziel für ein paar Tage oder einen kompletten Urlaub mit Familie oder allein. Auf alle Fälle bietet dieses Buch den kompletten Service, den man braucht, um Kopenhagen erkunden zu können.

Mörder Opfer Kommissare

„… dann wurde es mir in Berlin zu klein, so zog ich in Europa ein“ … wer sich für Verbrechen und Verbrecher in Berlin interessiert, kennt sicher Regina Stürickow. Ihre Bücher lassen den Leser an Orte reisen, die niemand freiwillig zur Tatzeit hätte betreten wollen.

In ihrem neuen Buch „Mörder, Opfer, Kommissare“ übertritt sie die Stadtgrenze der deutschen Hauptstadt und nimmt den deutschsprachigen in den Fokus ihrer Ermittlungen. Und dazu gleich noch das ganze 20. Jahrhundert.

Alles beginnt Mitte März des Jahres 1900. Tatort das westpreußische Konitz, heute das polnische Chojnice. Ein Mann entdeckt am Ufer Leichenteile. Was an sich schon schaurig genug ist, muss für den Mann die Qual seines Lebens noch erheblich verschlimmert haben. Denn die Leichenteile gehören seinem seit Wochen verschollenen Sohn. Die fachmännische Zerstückelung deutet auf einen Fachmann hin, einen Metzger beispielsweise. Doch ein Zeuge will einen jüdischen Lumpenhändler gesehen haben, der ein großes Stück Stoff bei sich hatte. War es es? Waren Leichenteile in dem Stoffsack? Oder war es doch der Metzger? Ganz sicher, denn der ist auch ein Jude – und schon beginnt die blinde Hatz auf alles Jüdische. Kommissare beißen sich an diesem Fall die Zähne aus. Selbst aus dem fernen Berlin kommen Ermittler. Allessamt erfolglos. Nach zwölf Jahren wird die Akte geschlossen. Ohne Ergebnis. Aber mit einem gewaltigen Schandfleck.

Die Bestie vom Falkenhagener See, der Werwolf von Hannover, der Mord vom Lainzer Tiergarten sind sicher nicht mehr in aller Munde wie einst der Würger von Wien, Jack Unterweger, dem die High Society der Donaumetropole zu Füßen lag. Oder auch die Ermordung des Krawatten-(Märchen-Königs Rudolf Moshammer, dessen Extravaganzen ihn stetig in den Klatschspalten der Zeitungen hielten.

Für Regina Stürickow sind die Opfer und die Täter, aber auch die Kommissare alle gleich wichtig. Dieses Buch als Sammelsurium der Schrecklichkeiten zu bezeichnen, würde auch nur annähernd dessen Wirkung einfangen können. Vom Hochglanz-Verbrechen, das im Film noch einmal Karriere machte (Vera Brühne, Rosemarie Nitribitt), über Promis, die schon bekannt waren, bevor sie Verbrecher wurden wie Boxweltmeister Bubi Scholz bis zu denen, die tief im kriminalistischen Gewissen des Landes verankert sind wie Fritz Haarmann und Jürgen Bartsch.

Dieses Buch hat wahre Krimis zum Vorbild, nichts ist erfunden, alles echt. Und deswegen so faszinierend zu lesen…

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.

Geschichtenjäger

Soll es das wirklich schon gewesen sein? Das letzte Werk von Eduardo Galeano. Ja, leider. Doch trauern wir nicht um ihn, sondern feiern wir seine letzten Kurzgeschichten und freuen uns darauf, dass sie endlich auf Deutsch erschienen sind.

Wer sich auf dieses Buch einlässt – und schon nach wenigen Zeilen und

Seiten ist man ein Gefangener der Sprachlust Eduardo Galeanos – wird so schnell nicht mehr loskommen. Das ist keine Warnung, es ist ein Versprechen! Es sind kurze Geschichten, manche nur wenige Zeilen lang, die so intensiv ihre Moral versprühen, dass man sie als Sinnsprüche ausschneiden und an die Wand kleben möchte.

Kurze Erinnerungen an scheinbar törichte Handlungen geben sich die Klinke in die Hand mit Geschichten über Kriege und Diktatoren. Naturphänomene wie der ersten Flöte Amerikas stehen im Wechselspiel mit Gedanken über die Zahl Null.

Eduardo Galeano war ein Schreibbessener. Die Wucht und Präzision seiner Worte überragen noch lange Zeit den literarischen Himmel Südamerikas. Während der Militärdiktatur in Uruguay fand er Asyl in Spanien. Mitte der 80er Jahre konnte er in sein Heimatland zurückkehren.

Die Erinnerungen an Entwurzelung, aber auch die Kindheit tragen seine Geschichten. Egal in welcher Länge. Man schwimmt in einem Strom aus Buchstaben, Silben, Wörtern und Neuschöpfungen und versucht erst gar nicht dem Ertrinken die Stirn zu bieten. Lieber in den Zeilen Galeanos den Tod finden als niemals auch nur eine Zeile dieses Geschichtenjägers gelesen zu haben.

Monstern zieht er behände den unheilvollen Zahn. Mit Poesie kreiert er Wesen, die im Meer notwendige Abrieten verrichten, ohne zu klagen. Selbst so profane Ereignisse wie Fußballspiele bekommen bei Galeano eine besondere, neue Dimension.

„Geschichtenerzähler“ wird durch die allerletzten Texte Galeanos, die nie veröffentlicht wurden, ergänzt. Kritzeleien sollten sie heißen. Doch die letzten Zeilen sind die Quintessenz eines viel zu kurzen Schriftstellerlebens. Es war die Neugier, die ihn antrieb. Die Neugier nach dem, was noch kommt, und die Neugier auf das, was war. Es niederzuschreiben, für die Nachwelt zu erhalten, war nur die logische Konsequenz.

Buch

Manche Erinnerungen verblassen rascher, manche später, andere wiederum gar nicht. Mikołaj Łoziński will die beiden ersten Varianten gar nicht erst zulassen und macht sich an die Arbeit Letztem die Ehre zu erweisen. Und herausgekommen ist ein Buch, das den Namen Buch verdient: „Buch“.

Man kann so herrliche Wortspielchen mit dem Titel des Buches machen, und der Autor tut es auch. Er lässt gekonnt Wahrheit und Fiktion miteinander verschmelzen. Fast wie in „Pulp fiction“ setzt man als Leser jedes Puzzleteil an das vorangegangene Teilchen und hofft, dass es passt.

Mikołaj Łoziński stammt aus einer jüdischen Familie. Über Generationen hinweg war man privilegiert. Politiker, Diplomaten, Redakteure gehörten zum Familienverbund. Genauso wie Ehebrecher, Parteigänger und Schreiber. Es ist nicht ganz einfach dem Treiben im Buch zu folgen. Immer wieder – hervorgehoben durch einen grauen Untergrund – blitzen kurze Dialoge mit dem Autor auf. Warnungen, Bitten, Wünsche. Tu dies nicht! Lass das weg! Was schreibst Du über mich? Namenlose Familienmitglieder – so lässt sich die Erinnerung am besten bewältigen – schwirren um den Autor wie Motten ums Licht. Bloß nicht zu viel preisgeben! Um Himmels Willen nur kein Skandal!

Doch Mikołaj Łoziński hat niemals die Absicht seine Ahnen bloßzustellen. Wie Bruchstücke der Geschichte trägt er zusammen, was er noch weiß und was andere ihm erzählten. Polens Geschichte herunter gebrochen auf das Schicksal einer, seiner Familie. Frisch und fröhlich fliegen die Augen über die Zeilen und so manches Mal muss man einfach absetzen und leise in sich hineingrinsen.

Ein Familienroman soll es sein. Da denkt man erst einmal, dass dieses Buch von Generation zu Generation weitergegeben wird. Schau mal, was ich gerade gelesen habe. Lies mal! Der größte Dank an einen Autor, den es geben kann. Doch es ist natürlich ein Roman über eine Familie. Der größte Dank eines Autors an seine Familie. Dass sie ihn teilhaben ließen an einem Leben, das er nicht kannte.

Wer sich die Mühe machen, und die Geschichten zu einem Gesamtbild zusammenfügen möchte, ist sicher herzlich eingeladen dies zu tun. Doch viel vergnüglicher ist es dieses Buch ein-, zwei,- mehrmals zu lesen. Man wird immer wieder Neues entdecken. Und die namenlose Familie wird einem immer vertrauter.