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Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Die Adern Wiens

Straßen als Adern einer Stadt zu bezeichnen, ist schon seit Jahren in Mode. Wer in Wien während der Rush hour im Stau gestanden hat, könnte leicht das Gefühl bekommen, dass ein verlangsamter Puls nicht zwingend zum Herzstillstand führen muss. Man kann sich links und rechts an der Architektur erfreuen. Nach ein paar Wochen wirkt allerdings auch das nicht mehr.

Norbert Philipp studierte in Wien und schwimmt mit in seinem Buch durch die Arterien und Venen einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die eine oder andere Straße ist so bekannt, dass man meint sie müsse nicht mehr vorgestellt werden. Doch selbst die Kärtner Straße birgt noch Geheimnisse in sich, die man erst durch dieses Buch erkennt. In dem Kapitel über die berühmteste Einkaufsmeile Wiens wartet der Autor gleich mit einem interessanten Fakt auf. Wer Wien allein erleben will, der macht am besten einen großen Bogen um die Kärntner, besonders zwischen halb und um Fünf. Dann ist diese Fußgänger-Straße am belebtesten, am beliebtesten … am vollsten.

Ein sehr langes und abwechslungsreiches Leben hat die Währinger Straße hinter sich und sicher auch noch vor sich. Es geht Auf und Ab. Burgerbuden und Häuser mit Geschichte, dichter Verkehr und lauschige Plätze zum Entspannen bilden auf sowie links und rechts der Währinger Straße ein Netz, das moderne Urbanität stilvoll vorlebt.

Auf seiner inspirierenden Reise auf Wiens Straßen, den Adern der Stadt, trifft Norbert Philipp zwangsläufig auf die ereignisreiche Geschichte der Mariahilfer Straße. Vor nicht allzu langer Zeit war hier das Infarktrisiko am größten. Beginnend am Museumsquartier lieferten sich Autos und Fußgänger ein atemraubendes Rennen. Bis die Stadt beschloss die Bergaufstrecke (vom Museumsquartier kommend) – und natürlich auch die Gegenrichtung – nur noch für Lieferanten zu öffnen. Die anliegenden Geschäfte liefen Sturm. Wie sollen denn jetzt die Kunden in die Geschäfte kommen? Das ist der Untergang! Doch alles kam anders. Heute trollen sich, besonders am Abend Musikanten, Skater und Bummler auf der verkehrsberuhigten Straße und machen sie zu der Straße mit dem ungehindertsten Menschfluss der Stadt.

Eine Stadt muss sich entwickeln, um überleben zu können. Eine Metropole wie Wien immer wieder neu zu erfinden, weiterzuentwickeln, bedarf Mut und Weitsicht. Nicht immer sind die Veränderungen sofort spürbar und noch seltener werden sie umgehend angenommen.

„Die Adern Wiens“ sind besonders strapazierfähige Ströme, die den Besucher aufnehmen und ihn an die unterschiedlichsten Orte führen. Als Bettlektüre ist dieses Buch die ideale Einstimmung auf den folgenden ereignisreichen Tag und eine Ergänzung zu so manchem Reiseband. Wer die beiden Bände „Wien abseits der Pfade“ vom Braumüller-Verlag schon als unerlässlich kennengelernt hat, wird mit diesem Buch eine unkonventionelle Ergänzung mit enormem Hintergrundwissen entdecken.

Glücksmomente am Gardasee

Wer am Gardasee Urlaub macht, hat das Glück an sich schon gepachtet. Strahlend blauer Himmel, kühles Nasse und eine Aussicht, die Ihresgleichen sucht. Und wenn man den Autoren Monika Kellermann und Thilo Weimar glauben darf, findet man zusätzlich zu diesen drei unschlagbaren Erholungsmomenten noch weitere 146 Glücksmomente, die den Urlaub unvergesslich machen. Und jeden Moment ewig währen lassen…

Neben zehn Badestränden, die nicht nur die Top Ten bilden, sondern von Natur aus (und das ist hier wortwörtlich zu nehmen) langanhaltende Glücksmomente bescheren, sind es so genannte Highlights, die man vor Ort als gegeben hinnimmt. Wie zum Beispiel San Zeno, das Maroni-Paradies. Zur Monatswende Oktober / November werden die Früchte geerntet. Wer zu dieser Zeit am Lago di Garda urlaubt, darf dieses Ereignis nicht verpassen. In der Taverna Kus kann man es sich gut gehen lassen. Und Maroni in allen Variationen genießen. Die Autoren können allerdings noch einen drauf setzen. Nach dem Weinkeller fragen, soll ihrer Meinung nach den Genussmoment noch verstärken und verlängern.

Desenzano ist ein Paradies für Modebewusste. Tessilandia heißt das Zauberwort – Stoffe und Muster, dass einem das Auge übergeht. Je nach Muße kann auch dieser Glücksmoment länger dauern als so manche Eiskreation am Wegesrand. Die verschafft ja auch oft – nur leider auch zu oft zu kurz – einen Glücksmoment.

Dieser kleine Reiseband verspricht nicht reißerisch Highlights und versteckte Kleinode, er präsentiert sie kurz und prägnant. Vor allem aber übersichtlich und leicht nachvollziehbar. Das praktische Format lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen, ob man nun noch ein Reisebuch über den Gardasee einpacken soll oder nicht. Dieses Buch gehört mit auf Reisen, auf jedem Spaziergang, zu jeder noch so kurzen Erkundungstour. Auch wenn man schon das eine oder andere Mal am Gardasee die schönste Zeit verbracht hat. Selbst Experten werden überrascht sein, was ihnen bisher entgangen ist.

Tierische Jobs

Wenn dieses Buch Schule macht, sind die Warteschlangen in Zoohandlungen bald länger als die in den Praxen der Fachärzte. Denn Tauben können Tumore besser erkennen als so mancher Spezialist, wenn man sie trainiert Röntgenbilder zu betrachten. Und Ratten sind um ein Vielfaches schneller als der Mensch bei der Tuberkuloseerkennung. Nicht alle Ratten, sondern nur die Gambia-Riesenhamsterratte. Und wer kennt nicht die spanische Fliege? Natürlich nur vom Hörensagen. Ein kleiner Käfer, also keine Fliege, der Cantharidin enthält. Das hilft einigen Menschen nicht sich zu entspannen, sondern genau das Gegenteil in bestimmten Körperregionen zu fördern. Blöd nur, dass die Menge, die dafür benötigt wird, nur geringfügig geringer ist als die tödliche Menge dieser Substanz. Spricht man deshalb in Frankreich auch vom kleinen Tod …?

Es gibt halt Arbeiten, die will man einfach nicht verrichten. Sehr zuvorkommend von den Tieren, sich anzubieten dieses Jobs zu verrichten. Kapuzineraffen sind – vorrangig in den USA, da sind die Tierschutzgesetze nicht so streng wie anderswo – für Behinderte oft Haushaltshilfen par excellence. Vom Müll rausbringen, über Brille aufsetzen bis hin zum Kratzen an Stellen, die man selbst nicht erreichen kann, sind sie unersetzlich. Und – an diesem Thema kommt niemand mehr vorbei – sie kosten nichts. Für die Ausbildung werden 40.000 Dollar veranschlagt, doch das Tierchen kann nach bestandener Prüfung und Eingewöhnungszeit zwei bis drei Jahrzehnte „arbeiten“. Der Schimpanse, der dem Menschen so ähnlich ist, bekommt das nicht hin. Wenn er geschlechtsreif ist, stellt er für den Menschen immer öfter eine Bedrohung dar.

40.000 Euro hingegen muss man heutzutage für ein Kilo Sommergras-Winterwurm hinblättern. Ein seltenes Wesen, das nur in den Höhen des Himalaya-Gebirges vorkommt. Die Geistermotte legt ihre Eier ab. Daraus entwickeln sich Raupen. Diese werden von den Sporen des Raupenkeulenpilzes befallen. Nach und nach wächst ein Pilzfruchtkörper heran, der in China als Universalheilmittel gilt. Und es ist ein … man kann es sich schon denken … Potenzmittel.

Es ist eine Wonne das Buch von Mario Ludwig zu lesen. Von Drogenspürhunden hat man schon gelesen. Auch von widerwärtigen tierischen Einsätzen in Kriegsfällen. Doch diese Ansammlung an teils mehr als außergewöhnlichen Einsatzgebieten von Tieren in menschlicher Umgebung, lässt aufhorchen. Kröten als Schwangerschaftstest sind da nur die originelle Spitze eines Eisberges, den kaum ein Wissensreisender je gesehen hat.

Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Ungeteerte Straßen

Ein bisschen holprig ist es schon auf der Straße des Lebens. Und wenn der glatte Asphalt erdigem Boden weicht, wird die Fahrt auch nicht angenehmer. Pascal wuchs nicht gerade mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund auf. Geld war Luxus, Liebe auch, aber diesen Luxus gönnte sich seine Eltern selbst und ihren beiden Kindern Pascal und Marie-Louise.

Da musste auch schon mal das letzte Geschenk der Oma herhalten, damit die karge Wohnung mit einer behaglichen Temperatur gesegnet werden konnte. Apropos Segen. Die Kirche war in Mamas Augen Pflicht. Papa kam sie ihm nur entgegen, wenn die Kosten überschaubar blieben. Was in seinen Augen kostenlos hieß. Für Pascal war es der verheißungsvolle Moment Claudine zu sehen.

Das Glück kann man nicht in Zahlen ausmachen. Boden unter den Füßen, ein Dach über dem Kopf und im Herzen rein. So war die Kindheit in Frankreich als Pascal aufwuchs.

Gérard Scappinis Gedichte sind von besonderer Leichtigkeit, auch die Worte nach Schicksal schreien. Mit besonderer Freude blickt man in kecke Kinderaugen, und der dazugehörige vorurteilsfreie Kindermund tut sein Übriges, um jedem Leser ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Teer würde so vieles unter sich begraben, dass man es schon bald wieder vergessen hätte. Die Straßen, die Pascal beschreitet sind nicht nur hart und uneben, sondern auch echte und wahrhafte Teppiche des Glücks. Beispielsweise, wenn Papa ein Marionettentheater improvisiert oder Mama Apfeltorte bäckt.

Wer sich bisher sträubte Gedichte zu lesen, wird in diesem Buch einen wahren Schatz finden. Klar und direkt wird Pascals Kindheit in liebevollen, fast schon kindlichen Zeilen dargeboten. Man muss nur zugreifen und sich der Zeilen annehmen. So als ob Tom Sawyer nicht in epischer Breite einen Lausbubenstreich nach dem anderen spielt, sondern wie eine gelungene Sinfonie der Sinne auf zartem Papier, das nicht beschädigt werden darf.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Spiel des Lebens

Der Mensch als Krone der Schöpfung. Dieses geflügelte Wort kennt jeder. Doch wie jeder (okay, fast jeder), der eine Führungsposition inne hat, braucht er Helfer. Deren fleißige Hände dienten ihm zum Aufstieg und dienen ihm diese Position halten zu können.

War der Mensch anfangs (also vor Tausenden von Jahren) von der Natur derart abhängig, dass sie den Ton angab, so haben sich die Machtverhältnisse im Laufe der Zeit gedreht. Der Mensch beherrscht die Natur. Dass ihr das ab und zu nicht passt und deswegen ein wenig trotzt, muss der Mensch aushalten. Was ist schon ein Tsunami im Vergleich zu überdimensionalen Reisfeldern, die Millionen Menschen weltweit den Magen füllen? Zynisch? Jawohl, aber …

Alice Roberts, Paläopathologin, Medizinerin in Birmingham hat sich den Menschen in seiner heutigen Form genauer betrachtet. Interaktion, dieses scheinbar so ferne Wort ist der Schlüssel zu unserer Welt. Das Spiel zwischen Mensch und Apfel, Reis oder Kartoffeln, zwischen Mensch und Hund. Rind oder Huhn ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen (vielleicht schon zu sehr und zu wortwörtlich), dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Es war wie bei Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen. Mutter Natur gibt gern und viel, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Seit Jahrzehnten unkt man immer wieder, dass dieser Punkt erreicht sei. Und immer wieder gibt es neuere Forschungen, die uns fortschrittsgemäß vom Aufschub dieser Thesen unterrichten und überzeugen wollen. Ein gefundenes Fressen(!) für Verschwörungstheoretiker.

Wer sich selbst ein Bild machen will, ohne Einflüsse von außen, kommt an den Grundlagen nicht vorbei. Und die liefert – eindrücklich, besonnen, großartig ausformuliert – Alice Roberts. Ihren Erkenntnissen folgt man ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es liegt alles auf der Hand.

Mit zahlreichen Anekdoten – zum Beispiel, dass der Neandertaler eigentlich homo var. calpicus heißen müsste – wird dieses Sachbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, dessen Ende der Leser zwar nicht allein, aber in der Gesamtheit in den Händen hält. Das Leben ist mehr als ein Spiel. Und dieses Buch mehr als „nur“ ein Buch!

Secret Citys Europa

Paris, London, Rom – ohne Zweifel lohnenswerte Reiseziele für jedermann, die keine Wünsche offen lassen. Aber bei Weitem sind diese Städte nicht das Nonplusultra unter den Städtedestinationen Europas. Allein die geographischen Abmessungen sind ein Garant dafür, dass man sich keine Minute langweilen muss. Bei der Planung eines Städtetrips fallen Städte wie Stralsund, Lodz oder Aarhus aus dem Sichtfenster. Zu Unrecht!

Wer ein bisschen Trubel abseits der großen Metropolen sucht, bekommt rechtzeitig vor der Urlaubssaison mit diesem Buch gleich siebzig neue Vorschläge – das sollte erstmal für einige Jahre reichen!

Wie wäre es mit Augsburg mit seiner Fuggerei und der Puppenkiste? Oder dem schweizerischen Basel? Oder dem steierischen Graz, das sich neben dem Titel Genusshauptstadt Österreichs auch zu einer erstklassigen Kunstmetropole entwickelt?

Auch Hauptstädte wie das elegante Ljubljana in Slowenien oder das slowakische Bratislava (nicht verwechseln!) oder das litauische Vilnius bereichern mit ihren Silhouetten und exzellent in Szene gesetzten Schätzen diesen Prachtband.

Wer seine Sinne schärft, wird überall auf der Welt zuhause sein. Dieser Band ist der Schärfstein für die Sinne. Prächtige Abbildungen, farbenfrohe Impressionen und eingehende Texte stellen Städte vor, die sich nicht hinter den Metropolen ihres Landes verstecken müssen. Kleinode wie Česky Krumlov, Cork oder Groningen buhlen mit feinster Architektur, ideenschwangeren  Events und köstlichen Leckereien um die Gunst des Besuchers.

Allein schon beim oberflächlichen ersten Durchblättern markiert man sich im Stillen den einen oder anderen Ort, den man in der Zukunft mit Sicherheit besuchen wird. Ob Ost, West, Nord oder Süd – das viel beschworene Potpourri Europas wird auf jeder Seite erlebbar. Jedes Kapitel macht nicht nur süchtig, sondern gleich noch Weblinks zur Vertiefung dieser Sucht mit auf den Reiseweg. Prächtiges Flandern in Gent, und gleich um die Ecke diskreter Charme in Malmedy. Die wohl abwechslungsreichste Stadt Frankreichs Lille zusammen mit dem prickelnden Reims. Auch oder gerade paarweise machen die Städteportraits Lust Europa neu zu erkunden.

Ein Buch zum Verlieben, das Appetit macht sich den Magen so richtig vollzuschlagen mit den Schätzen Europas, ohne dabei je an Völlegefühl leiden zu müssen.