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Teneriffa

Und immer wieder die Kanaren: Das trubelige Gran Canaria, das verträumte Lanzarote und das stachelige Teneriffa. Das stachelige Teneriffa? Soll das Titelbild dieses Reisebandes etwa ein Hinweis auf die Undurchdringbarkeit der Insel hinweisen? Mitnichten. Denn Irene Börjes schlägt Schneisen ins Dickicht des Unbekannten, das einem die Augen übergehen. Wer sich für Teneriffa entscheidet, tut das in dem Bewusstsein Natur und Mensch sich gleichermaßen anzunähern. Hier steht man sich nicht gegenüber, hier geht man Hand in Hand und erlebt die schönste Zeit des Jahres.

Das kann zum Beispiel beim Lucha Canaria geschehen. Wer sich beim allabendlichen Fernsehen die Sinne schon mal beim Wrestling versengt hat, dem ist Lucha Libre ein Begriff. Die mexikanische Variante des Wrestlings, mit viel Show, Tamtam und bunten Kostümen. Weniger Show, trotzdem viel Tamtam und echter Leidenschaft stehen sich Mann gegen Mann und auch schon mal Frau gegen Frau gegenüber. Man reicht sich die Hand. Brega – es geht los. Wer nun mit einem anderen Körperteil als dem Fuß den Boden berührt, hat verloren. Es gibt sogar eine Liga. Und für die meisten ist erst dann Wochenende, wenn lucha canaria die Menschen zusammenbringt. Ein Spektakel, das man sich als Besucher nicht entgehen lassen sollte.

Teneriffa kann sich außerdem rühmen die höchste Erhebung Spaniens zu besitzen, den Teide. Kann man relativ einfach erklimmen. Aber Vorsicht, hier zieht’s, an den Klamotten, an der Kondition, manchmal auch und gerade deswegen an den Nerven. Wie, wann, von wo man am besten nach Oben kommt – hier steht’s, ab Seite 170, in der zehnten Auflage dieses Reisebandes ohne den man die Insel gar nicht erst zu besuchen braucht. Mehr als in diesem Buch steht, weiß sicherlich auch kein Einheimischer!

Costa del Silencio verspricht schon vom Namen her eintönige Ruhe, die man nicht lange suchen muss. Quirliger, aber nicht abgeschmackt geht es in Los Cristianos zu. Die Beats der Retortenorte Playa de las Américas und Costa Adeje hinter sich lassend, ist man hier noch lange nicht im Nirgendwo. Aber alles ist ein bisschen ruhiger und dennoch städtisch angenehm erschlossen.

Egal, wo man sich auf Teneriffa wie auch immer erholen möchte, die Tipps von Irene Börjes treffen jedes Mal mitten ins Herz des Begehrens. Die farbigen Kästen machen nicht nur das Buch bunter, sondern auch den Aufenthalt. Wie sonst sollte man sonst vom lucha canaria erfahren?!

Lanzarote

Lanzarote ist derart gut erschlossen, dass man eigentlich kein Reisebuch mehr braucht. Das mag stimmen, wenn man den Urlaub in einem Reisebüro planen und sich dann vom Taxi abholen lässt, über den halben Kontinent und einen Teile des Atlantiks fliegt. Sich dann ins Hotel bringen lässt, auspackt und dann zwei Wochen am Pool die Drinks genießt, die man daheim in jeder halbwegs vernünftigen Bar ebenso genießen kann.

Oder man nimmt die Planung selbst in die Hand. Das kann schon mal ein paar Stunden oder Tage dauern. Aber wie beim Warten aufs Christkind ist die Belohnung umso schöner, wenn man dann endlich die Geschenke auspacken darf. Mehr als nur eine hilfreiche Stütze ist bei letzter Planung dieser Reiseband. Reisebuchautor Eberhard Fohrer hat eine persönliche Beziehung zur Insel. Er lebte hier, machte hier unzählige Urlaube und recherchierte hier noch öfter. Zieht man ihn zu Rate, dann erblasst jedes Reisebüro. Und ereignisreicher werden die ein oder zwei oder mehr Wochen ohnehin. Die 416 Seiten dieses Reisebuches sind nicht nur chic anzusehen, sie sind ein El Dorado für alle, die Lanzarote erkunden und im besten Sinne für sich erobern wollen. Ein Appetitmacher, der hält, was er verspricht!

Das beginnt bei der exakten Beschreibung von Festen, die die Inselbewohner und Touristen zusammenbringt und hört bei Restaurantstipps noch lange nicht auf. Ausgedehnte Touren, bei denen man allein oder in Gruppen vieles zu Gesicht bekommt, was anderen verwehrt bleibt. Echte Geheimtipps, die man sich erarbeiten darf und die Erholung und einzigartige Eindrücke garantieren. Schon mal von Jameos del Augua gehört? Ein Höhlensystem, das vor dreitausende Jahren nach dem Ausbruch des Monte Corona entstand. Nun ist der Name Corona mittlerweile in aller Munde. Und durch eben einen solchen steigt man hinab oder hinein in eine neue Welt. So wie schon vor ein paar Jahren. Aber dieses Mal hat alles ein gutes Ende. Und noch nachhaltigere Erinnerungen. Die exakte Beschreibung der Gegebenheiten machen einen die Entscheidung einfach: Ja, ja, ja. Oder Si, si, si. Muss man gesehen haben, wenn es die körperliche Verfassung zulässt. Und Uga ist noch weniger besucht. Und wenn man von hier nach Puerta de Carmen wandert (nur eine von vielen Wanderungen, die im Buch genau beschrieben werden, inkl. GPS-Daten), kann es sein, dass man tatsächlich stundenlang keiner Menschenseele begegnet, obwohl man auf einer Insel ist, die für Touristenströme bekannt ist.

Lanzarote ist und bleibt immer ein Reiseziel, dass besonders zur Weihnachtszeit oder generell in der kälteren Zeit gern als Fluchtpunkt ausgewählt wird. Verständlich, wenn man sich intensiv mit diesem Reiseband auseinandersetzt.

Der letzte Überlebende

Über die Bedeutung von Büchern wie diesem gibt es keine zwei Meinungen. Sie sind wichtig! Und es genauso wichtig, dass sie verlegt und gelesen werden. Was diesem Buch einen zusätzlichen Pluspunkt verleiht, ist die nüchterne Schreibweise einer aufwühlenden Zeit.

Die ersten Erinnerungen an seine Kindheit verbindet Sam Pivnik mit Leckereien in den Sommermonaten. In einer kleinen Stadt im späteren Gau Oberschlesien wächst er mit seinen Geschwistern und seinen Eltern auf. Der Vater ist angesehener Schneider. Doch schon im Jugendalter sind allesamt Fabrikarbeiter. Kriegswichtig. Was zum Einem ein Glücksfall ist, zum Anderen die Perfidität der neuen Herrscher so grausam darstellt. Denn nur wer kriegswichtig ist, darf überleben. Führt man sich dies vor Augen, steigt die Wut automatisch in einem hoch.

Sam Pivnik ereilt dasselbe Schicksal wie die meisten Juden in den Dreißiger- und Vierzigerjahren. Bis er in Auschwitz landet. Er sieht wie mit einem Fingerzeig das Schicksal entschieden wird. Rechts ins Lager, links in die Gaskammer. Binnen Sekunden ist das Leben entschieden, sind Familien zerrissen, beginnt die Hölle aufs Neuerliche. In Będzin, wo er aufwuchs, wo er den Garten Eden erlebte, wie er schreibt, wurde mit der Machtübernahme der Nazis per Aushänge über die Veränderungen informiert. Rechte wurde beschnitten, Verbote übernahmen den Alltag. Doch man lebte. Konnte fast einen Alltag gestalten.

Im vom Stacheldraht umzäunten Auschwitz war nichts mehr wie zuvor. Er zerrt Leichen aus den Waggons. Zuvor stiegen Menschen aus Zügen, um anzukommen, oder bestiegen sie beschwingt, um zu verreisen. Sam sieht schreiende Kinder, die ihren Müttern entrissen werden. Zuvor trocknete die Mutter die Tränen ihrer Kleinen. Er verschleppt nun lieber eine Krankheit als Mengele über den Weg zu laufen. Denn Hauptkrankenbau heißt Tod. Zuvor ging man zum Arzt oder verkoch sich unter der Bettdecke und nahm eine Aspirin.

Würde es diese Aufzeichnungen nicht geben, man würde es nicht glauben können, was an Unmöglichem möglich ist. Ein Durchlesen ohne Absetzen ist nicht möglich. Stoisch, unverhohlen, zielstrebig berichtet Sam Pivnik von seinem Leben, besonders des Teils seines Lebens, der ihn und seine Generation prägte. Auschwitz als Hölle auf Erden, der man nur durch unerschütterlichen Hoffnungszwang entgehen kann. Oft, zu oft stand er am Abgrund. Er ließ sich nicht in die Schlucht stürzen, ging niemals zu weit, um allem ein Ende zu machen. Das zu lesen, es lesen zu könne, macht auf eine Art auch wieder Mut. Gerade wenn die Welt sich momentan wieder in eine Richtung zu entwickeln droht, die man schon hinter sich zu lassen geglaubt hatte.

Pura Vida

Wer sich mit Geschichte auseinandersetzte, begegnet auf seiner Reise so manchem Revolutionär. Che Guevara gehört sicher zu den bekanntesten. Tito sagt dem Einen oder Anderen immer noch etwas. Aber William Walker? Who the f*** ist his guy?! Wahrscheinlich liegt es daran, dass in unserem Teil der Welt Lateinamerika nur als letztes Paradies für backpacker gilt und die Geschichte nur in ganz groben Zügen bekannt ist. Verdichtet man sein Blickfeld dann auch noch auf Nicaragua, wird’s eng mit dem Wissen um die Geschichte. So ziemlich die letzten Bilder aus dem Land hat man aus Rückblicken auf das Wendejahr 1989 als im Palast der Republik in Berlin Erich Honecker mit „befreundeten Staatsoberhäuptern“ den 40. Jahrestag der Gründung der DDR feierte. Da saß Daniel Ortega, Präsident Nicaraguas mit am Tisch. Zusammen mit Ceaucescu und anderen … kurzum mehrmals lebenslänglich – wenn man es satirisch betrachten möchte.

Patrick Deville hat sich in „Pura Vida“ nun dieses Land als Tummelplatz für seinen Roman ausgesucht. Als erfahrener, unfassbar umfangreich belesener Historiker ist ihm William Walker nicht unbekannt. Und nach der Lektüre dieses Buch ist er vielen Anderen ein fast schon vertrauter Revolutionär … mit einem fast schon logischen Schicksal.

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und William Walker hat mittlerweile Medizin studiert, lebte in Paris, studierte in Heidelberg. Als Junge aus Nashville/Tennessee wäre hundert Jahre später wahrscheinlich Rockstar geworden. Aber als Junge aus Nashville/Tennessee, der im Frühjahr 1824 das Licht der Welt erblickte, wurde er … Freibeuter. Anwalt war er auch noch. Lateinamerika sollte von weißen Nordamerikanern beherrscht werden. Protektion aus Washington war vorhanden.

Die große Stunde schlug 1855/56 als in Nicaragua Bürgerkrieg herrschte. Kriegs- und Herrschererfahrung hatte Walker da schon zur Genüge gesammelt. Mit einem Mal war William Walker, der Junge aus Nashville/Tennessee Präsident von Nicaragua. Doch der Ruhm stieg ihm zu Kopf. Die Widrigkeiten – in Form von in seinen Augen unerfüllbaren Forderungen seiner einstigen Beschützer aus Washington – machten ihm das Leben schwer. Die Regierung zerbrach – Walker war Freiwild. Honduras war sein Schicksal, dessen Regierung Vollstrecker. Walker wurde hingerichtet. Zugegeben eine sehr verknappte Zusammenfassung dieses einzigartigen Buches. Patrick Deville nimmt sich auf über dreihundert Seiten Zeit eine Sinfonie aus Hoffnung, Tatendrang und Illusion zu erschaffen. Ab der ersten Seite wähnt man sich am Ort des Geschehens. Deville zweifelt nicht – er gibt der Geschichte den Spielraum, den sie benötigt. Wo Fakten fehlen, spekuliert er nicht wahllos, sondern lässt die Umstände eine Welt erschaffen, die genau so gewesen sein muss. So wie das echte leben!

Jean Sbogar

Was macht man als gescheiterter Herrscher über ein Riesenreich, wenn man von Gefolgsleuten und Gegnern ans andere Ende der Welt verbannt wurde? Sinniert man über das Leben? Schmiedet man Pläne für eine (neuerliche) Flucht und einen Angriffsplan zur (neuerlichen) Machtergreifung? Schleicht man herum und ergötzt man sich an den Naturschönheiten? Wahrscheinlich.

Doch wahrscheinlicher ist es, dass man sich der Literatur hingibt – Zeit hat man schließlich genug. Und dann fällt einem ein Werk in die einst lenkenden Hände, dass man einfach nicht mehr beiseitelegen kann. Ein Tag – ein Buch. Fertig ist die Legende. Wenn man Napoleon heißt. Und auf St. Helena die letzte Zeit seines Lebens verbringt.

Ist es ein Zufall, dass dem einstigen Herrscher Europas genau dieses Buch in die Hände fiel? Vielleicht. Dass es ihn in seinen Bann gezogen hat, ist dagegen kein Wunder. Eine Frau, ein Mann verlieben sich ineinander. Sie, Antonia, aus reichem Haus und er, Lithargo, ein wenig geheimnisvoll. Er macht wenig Worte. Doch, wenn er was sagt, dann das Richtige. Und trotzdem schweben zwischen den Beiden die Wolken des Zweifels. Denn Lithargo ist nicht nur Lithargo. Er ist auch Jean, Jean Sbogar. Von Beruf: Räuberhauptmann. Will der vielleicht nur an die Mitgift der zarten Antonia? Oder hat er ehrbare Gefühle für sie? Vollzieht er gar die Wandlung vom Saulus zum Paulus?

Charles Nodier gehört neben Victor Hugo und Honore de Balzac zu den Vätern der französischen Romantik. In „Jean Sbogar“ zog er einst Napoleon und bis heute – seit zweihundert Jahren begeistert er seine Leser – jeden, der das Buch in die Hand nimmt und erst nach der letzten Seite wieder ablegen kann. Pure Fiktion. So wunderschön gefühlvoll, kraftvoll und von bemerkenswerter Eleganz. Triest und Venedig sind allein schon wegen ihres Rufes prädestiniert für eine romantische Handlung. Doch Charles Nodier setzt dem Ganzen die Krone auf. Wer auf spannende Abenteuer mit mehr als einer Nuance Romantik steht, wird mit „Jean Sbogar“ ein wahres Inferno der besten Sorte erleben.

Endstation Hoffnung

Eines steht von vorn herein fest: Das Cover und schon beim ersten Überfliegen des Kapitelverzeichnisses gibt es keinen Zweifel mehr, dass einem beim Lesen ab und an, hier und da der Atem stocken wird. Leb wohl, du trautes Heim – Im Viehwagen – Endstation Auschwitz. Der Untertitel „Der ultimative Roman über den Holocaust“ ist nicht nur der reißerische Aufrüttler, es wird grausam, es wird schonungslos – aber auch hoffnungsvoll.

Isaia Maylaender als blauäugig zu betiteln träfe nicht einmal ansatzweise den Kern. Seine Eltern werden als Juden nach Auschwitz deportiert. Anfangs begegnet der Vater allem noch mit einem gewissen Spott – seine Scherze lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Isaia, Professor für Geschichte in Italien, ist da – in seinen Augen – realistischer. Er weiß, dass die SS Arbeiter braucht. Er als junger Mann eine Arbeitskraft darstellt, die unbedingt erhalten werden muss. Ein Kollege spricht ihn an. Kurz ist der Plausch über die „guten, alten Zeiten als…“, denn die Realität ist unerbitterlich. Professor Bergamo hat einen Weg gefunden hier zu leben, nicht nur zu überleben, wie er sagt. Er hat sich mit den Gegebenheiten ab-und für sich einen Weg gefunden, die Zeit zu überstehen … meint er.

Das ist Isaias Ausgangspunkt für eine hoffnungsvolle Zukunft. Er hat schon fast aufgegeben seine Eltern noch einmal zu sehen. Auch seine Liebe wird er wohl nicht noch einmal sehen. So wie sich Isaia das Lagerleben vorgestellt hat, scheint es auch zu werden. Ein perfider, fast schon perverser Funken Hoffnung. Der sich bald schon in ein loderndes Feuer verwandeln soll. Und zwar in dem Moment als man ihm anträgt die Biographie eines Hauptsturmführers zu schreiben. Natürlich soll es ein heroisches Werk werden. Isaia macht sich an die Arbeit. Ablenkung in positiver wie negativer Hinsicht verschafft ihm die Frau des „Helden seiner Arbeit“. Die hat ein Auge auf den willfährigen Professor geworfen. Doch auch sie verfolgt eigene Ziele.

Isaia sieht wie Menschen gebrochen werden wie sie sich verwandeln ohne dabei Schuld auf sich zu laden. Er sieht Lebewesen, die sich verwandeln und dabei unendlich viel Schuld auf sich laden. Er sieht wie roh Menschen gemacht werden. Er sieht wie roh sich Menschen verhalten, wenn man sie lässt. Er selbst kämpft jeden Tag, jede Stunde sich selbst treu bleiben zu können. Ein Kampf, der täglich schwerer wird…

Andrea Frediani lässt Isaia Maylaender am schlimmsten Ort der Welt eine Bibliothek errichten. Dort, wo Überleben wie eine Seifenblase der einzige Regenbogen im düstersten Grau der Hoffnungslosigkeit schwach schimmert. Wie soll man Hoffnung am hoffnungslosesten Ort der Welt in Worte fassen? Die Antwort liefert eindrucksvoll Andreas Frediani. Schlicht, stringent und nicht verhandelbar schafft er Raum für einen Helden, der diese Rolle niemals für sich in Anspruch nehmen würde. Aber er weiß auch, dass er in seiner prädestinierten Position mehr bewirken kann als die meisten in Auschwitz. Dieses Bewusstsein lässt ihn sich selbst fast verleugnen.

Man kann die Liebe nicht stärker erleben

War es’s nun oder war er’s nicht?! Diese Frage schwebt wie eine Nebelwolke über dem Leben von Thomas Mann. Andeutungen gibt es wie Sand am Meer. Viele sind sich sicher, dass er’s war. Andere geben die Großfamilie als Zweifelszutat zu bedenken.

Der Paul wird das vielleicht anders sehen. Paul. Paul Ehrenberg. Student der Tiermalerei – so was gab’s tatsächlich einmal. Das Jahrhundert hat zum letzten Mal vor der Jahrtausendwende einen Sprung gemacht. Da trifft in München der junge Redakteur des „Simplicissimus“ Tommy den Maler Paul. Tommy ist sofort hin und weg. Paul sieht in ihm einen Gleichgesinnten. Sie feiern zusammen. Verbringen viel Zeit miteinander. Tommy schreibt Gedichte, über Paul und das, was er für ihn empfindet. Doch für Paul ist Tommy nicht mehr als ein Freund – und das ist schon mehr als widerspenstige Reaktionäre sehen wollen – mit dem man einfach eine gute Zeit hat. Oder doch nicht?

Tommy ist wie im Rausch. Seine Poesie ist getragen von der Sehnsucht nach dem, was eigentlich nicht sein darf. Schert es ihn? Jaaaneeein – Jein! Ein entschiedenes Jein! Kann nur die Antwort sein. Und Paul? Der will nur malen, Spaß haben, erfolgreich werden. Und sicher bald auch schon eine Familie gründen. Eine Familie wie man sie sich damals (und heute auch noch) vorstellt.

Oliver Fischers Buch über die Verbindung von Thomas Mann und Paul Ehrenberg prescht in den Stapel der Bücher zum hundertsten Jubiläum des Zauberberges und schafft Platz für Räume, die schon immer da waren, aber mit dem Zweifel und der Angst der Gralshüter Thomas Manns Erbe gefüllt wurden. Nun gibt es kein Zurück mehr. Unverhohlen gibt Oliver Fischer den Spekulationen um Thomas Mann so viel Futter, dass man gar nicht mehr umhinkommt als ihm Glauben zu schenken. Alles bleibt unausgesprochen bis die Indizien die Waage in Wanken bringen.

Magisch, bis ins kleinste Detail recherchiert, poetisch – in Mann’scher Manier nimmt Oliver Fischer den Leser mit auf eine Reise der unerfüllten Erfüllung. Geht das überhaupt? Anscheinend schon. Es muss nicht immer alles ausgesprochen werden, um wahr zu sein. Doch nicht alles Unausgesprochene ist wahr … oder unwahr. Belassen wir es bei der Illusion, vertiefen wie uns in ein vollgestopftes Leben der Lebenswucht und der Lebensdisziplin. Das ist möglich. Wer sich dem Werk Thomas Manns über dieses Buch nähert, wird es sicher anders wahrnehmen, als diejenigen, denen dieses Buch jetzt – nach der Lektüre unzähliger Episoden aus dem Leben Thomas Manns – in die Hände fällt. Auch das ist ein Verdienst.

Auschwitz Häftling Nr. 2

Im Zuge der mittlerweile über Hand nehmenden True-Crime-Welle passiert es immer wieder, dass man für den einen oder anderen Verbrecher eine gewisse Art Sympathie entwickelt. So wie in den späten Achtzigern/Beginn der Neunziger der Kaufhaus-Erpresser Dagobert zum kleinen Helden aufstieg, der die Polizei ums andere mal foppte. Ein zweifelhafter Ruhm.

Im Falle des Berufsverbrechers (den Titel bekam er in den 30er Jahren, also Achtung! nazideutsch) Otto Küsel ist die Wandlung zum Helden allerdings nachvollziehbar. Drei Jahre saß er bereits im Konzentrationslager Sachsenhausen ein als er im mai 1940 nach Auschwitz deportiert wurde. Mit einem grünen Dreieck gekennzeichnet, das ihn als Berufsverbrecher kennzeichnete. Er war die Nummer Zwei. Was nicht auf seine Stellung hinwies, sondern lediglich die Reihenfolge der Erfassung betitelt. Er war ein so genannter Kapo. Er teilte Gefangene zum „Dienst“ ein. Er entschied, wer welche Arbeiten zu verrichten hatte. Gefangene, die über Gefangene entscheiden, wer zur Arbeit noch taugt und wer … naja, man weiß um die „Alternative“…

Doch Otto Küsel war schon immer ein widerspenstiger Zeitgenosse. Politik interessierte ihn nicht besonders. Der eigene Vorteil war ihm näher. Das und die realistische Einschätzung der allgemeinen Lage war für viele seiner Mithäftlinge ein Segen. Denn Otto Küsel durfte entscheiden, wer arbeitet, und wer davon verschont wurde. Ja, verschont, denn Arbeit in Auschwitz waren mit Qualen, Pein, Prügel und dem sicheren Tod durch ein weithin sichtbares Band verbunden.

Otto Küsel gelang so gar die Flucht aus dem Massenvernichtungslager. Durch Verrat kamen ihm die Häscher jedoch wieder auf die Spur und abermals lautete die Adresse Auschwitz. Block Elf. Der berüchtigte Todesblock. Durch Amnestie des neuen Lagerleiters entging er dem sicheren Tod. Letzte Station seiner körperlichen Leidensgeschichte war Flossenbürg in der Oberpfalz. Auf dem Todesmarsch kamen die Alliierten noch rechtzeitig, um ihn vor dem geplanten Tod zu retten. Er blieb in der Gegend, nach heimatliche Berlin hatte für ihn jeglichen Reiz verloren, heiratete und gründete eine Familie. Mit denjenigen, die ihm ihr Leben verdankten, stand er bis ins hohe Alter in Kontakt. Er wurde von ihnen nicht vergessen. Dennoch ist seine Geschichte in Deutschland kaum bis gar nicht bekannt.

Sebastian Christ folgte jahrelang den Spuren des hierzulande unbekannten Helden von Auschwitz. Diese Biographie ist ein Mahnmal gegen das Vergessen. Immer wieder wurde angeregt sein Leben und das von vielen Anderen nicht auf dem noch zu erledigenden Aktenberg abzulegen. Der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski erwähnte ihn in seinen Erinnerungen an seine Zeit in Auschwitz. Von deutscher Seite kam nichts. Nur wer intensiv recherchiert, stößt irgendwann unweigerlich auf seinen Namen. Ab sofort ist Otto Küsel nicht mehr nur Auschwitz Häftling Nr. 2!

Der Zauber des Berges

Der Titel ist zweifellos keine weitere Schnulze, die mit zweitklassigen Schauspielerin vor romantischer Kulisse irgendwann einmal verfilmt wird. Wobei die Romantik die Triebfeder dieses Buches, dieser Geschichte ist. Es ist die Geschichte von Willem Jan Holsboer. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war er Kaufmann in London. Erfolgreicher Banker. Mit einem ausgeprägten Sinn für Problemlösungen. Seine Frau Margaret wurde zur Kur in die Schweiz geschickt. Die Reisestrapazen waren derart anstrengend, dass Willem stündlich mit einer Verschlechterung ihrer Situation rechnen musste. Dieser verdammte Berg. Da, in Davos. Mit der Kutsche hier her zu fahren – das ist doch nicht normal! Wie sollen die Patienten so gesunden?! Irgendwann würde er eine Eisenbahnlinie hier bauen lassen – das Geld hatte er ja. Nun … es blieb nicht bei der Eisenbahn. Es kam noch ein Sanatorium hinzu. Und so wie damals, wenige Jahre zuvor, er das Textilgeschäft ankurbeln wollte, indem er Schauspieler eines renommierten Londoner Theaters mit seinen – feinsten – Stoffen ausstaffieren wollte, sollte ein weiteres Stück Kultur seinen Ruhm mehren.

Das klappte nicht ganz. Der Berg, um den es geht, liegt schon wegen des Titels auf der Hand: Der Zauberberg. Es ist sozusagen das Prequel, die Vorgeschichte zu einem der berühmtesten Romane. Thomas Mann kurbelte unbewusst den Kurtourismus in dem kleinen Bergdorf Davos, auf der Schatzalp, in den Bergen an. Und Willem Jan Holsboer bereitete ihm wahrhaft den Weg. Ob Thomas Mann den geschäftstüchtigen Finanzier kannte?

Daniela Holboer – ihr Mann ist der Urenkel eben dieses Visionärs – ist Literaturwissenschaftlerin. Als sie die Geschichte von Willem Jan Holsboer hörte, wusste sie zwei Dinge. Der Mann, der ihr diese Geschichte erzählt, ist ihr Mann. Und Zweitens muss sie die Geschichte von Willem erzählen. „Der Zauber des Berges“ ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen.

Im Jahr 2024 feiert man auch mit zahlreichen Büchern das hundertste Jubiläum des „Zauberberges“ von Thomas Mann. Neue Erkenntnisse, Dachbodenfunde, neue Sichtweisen und –achsen sollen neue Schlaglichter auf den Jahrhundertroman werfen. Und meistens gelingt das auch. Daniela Holsboer gelingt es den Startschuss des Zauberberg-Universums um einige Jahre, Jahrzehnte auf der Zeitachse nach vor zu verlegen. Weniger nachdenklich, weniger überbordend, weniger Kommas als bei Thomas Mann. Doch mit akribischer Detailversessenheit schafft sie einen neuen Anfang des echten Zauberbergs.

Die Nacht der Physiker

Wenn im Herbst eines jeden Jahres die Nobelpreise vergeben werden, sorgt das immer (noch) für Aufsehen. Und das obwohl kaum jemand die Preisträger und ihre Verdienste kennt, geschweige denn versteht.

Man könnte sich diesem Buch auch mit der Diskussion um die Erbschaftssteuer in Deutschland nähern. Ein zähes Ringen um Deutungshoheit und Schutz der eigenen Wählerschaft machen es unmöglich etwas Substanzielles zu erkennen. Doch diese Diskussion tritt im Zusammenhang mit diesem Buch in den Hintergrund.

Die Namen von Weizsäcker, Hahn, Heisenberg sind vielen sicher geläufig. Auch dass sie mit der schrecklichsten Waffe, die man Menschen in die Hand geben kann in einem Atemzug genannt werden, ist hinlänglich bekannt. Ebenso die Tatsache, dass diese Namen sich der Tragweite ihrer Entdeckungen ab einem gewissen Zeitpunkt durchaus bewusst waren.

Richard von Schirach – und hier kommt unterbewusst die Erbschaftssteuer im übertragenen Sinne ins Spiel – ist die Zerrissenheit zwischen Tun und Verantwortung wohl bekannt. Sein Vater war Reichsjugendführer.

Die alliierten Amerikaner nehmen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die Elite der deutschen Atomphysiker fest und verhören sie präzise dokumentiert auf einem englischen Landsitz. Das dauert nicht nur ein paar Stunden oder Tage. Es dauert Wochen, Monate.

Die Angeklagten – auch wenn es rechtlich zuerst einmal Zeugen und wissenschaftlich und kriegsbedeutend vor allem wichtige Informationsbringer sind – stehen vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Es sind schlaue Leute. Sie sind wissbegierig. Die meisten erfolgreich. Sie sitzen auf dem Thron der Wissenschaft, weil man ihren Ideen Glauben schenkte. Und ein perfides System nutzte diese wissenschaftliche Energie aus, und staffierte sie mit Privilegien aus, von denen sie nie zu träumen wagten. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Für die einen nicht schnell und effektiv genug – Diktatoren und ihre Handlanger sind niemals geduldig. Für die Anderen, die Mahner ist das Tempo immer noch zu hoch. Was, wenn Nazideutschland tatsächlich zuerst der Bau einer Atombombe gelänge? Nicht auszudenken welch unermessliches Leid hereinbrechen würde.

Andere machen das Spiel und erbringen schlussendlich den Beweis wie verheerend ein Atombombenabwurf sein kann. Und welche lang sichtbaren Folgen das hat. Hier kommt ein weiteres Mal das Erbe ins Spiel. „Die Nacht der Physiker“ ist im Regal der Sachbücher das Thriller-Non-Plus-Ultra. Von Schirach muss keine Biographien kunstvoll miteinander verweben. Sie sind es bereits. Aber es geling ihm Zerrissenheit, taktisches Kalkül, Forscherdrang, Menschlichkeit und Reue in Einklang zu bringen, so dass man sich wünscht, dass dieses Buch niemals enden würde.