Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Die Fahrt der Beagle

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Man stelle sich eine Weltreise vor: Karneval in Rio, Steaks essen in Buenos Aires, Badeurlaub im Pazifik, Whale watching in Kapstadt. Ja, das wär’s! Zumindest in heutiger Zeit. Doch vor knapp zweihundert Jahren waren Reisen auf dem Meer ein echtes Abenteuer. Ob man heil wieder zurückkam, war ungewiss. Die Unbilden des Meeres stellten ein unvorhersehbares Risiko dar und Reiseapotheken waren auch noch nicht so verbreitet. Reiseberichte würden heute in digitaler Form erscheinen. Jeder ist jederzeit live dabei, wenn Berge bezwungen werden, am Strand eine Kokosnuss geöffnet wird oder man vor aufdringlichen Straßenhändlern fliehen muss.

Damals, 1831 bis 1836, war das noch anders. Charles Darwin war gerade zweiundzwanzig und auf dem Weg zu einer Reise, die bis heute für Aufsehen sorgt. Zwei Jahre wollte er um die Welt segeln. Forschen. Es wurden fünf Jahre und er legte den Grundstein für Theorien und wissenschaftliches Arbeiten, auf dem heute noch gebaut werden kann.

Diese reichbebilderte, exzellent illustrierte Neuausgabe des Tagebuchs des großen Forschers fasziniert ab der ersten Seite. Wuchtig liegt es in der Hand. Schwer auszubalancieren, doch die Mühe lohnt sich. Auf seiner zweiten Expedition mit der HMS Beagle führte Charles Darwin pedantisch Tagebuch. Und das erlaubt uns heute schmunzelnd und staunend zugleich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Für damalige Verhältnisse kam das Buch einer Revolution gleich. Die von ihm beschriebenen Tiere waren nur wenigen bekannt. Ganz zu schweigen von den Eigenheiten der Tiere. Wo genau leben sie? Wie werden sie gefangen? Welchen Nutzen haben sie für den Menschen? Selbst heute sind noch viele Fragen offen – oder schon wieder?!

Auch der Kapitän der Beagle hat seine Eindrücke damals in einem Tagebuch festgehalten. Auszüge daraus bereichern die Ausführungen des Evolutionstheoretikers Darwin. Zahlreiche Aufnahmen der besuchten Orte, von Flora und Fauna, Skizzen und authentische Fotografien sind Zeitzeugen, die die Faszination Darwins für seine Arbeit hervorheben.

„Die Fahrt der Beagle“ ist der Beweis, dass Reisereportagen anno dazumal nicht weniger spannend waren als heute. Im Gegenteil. Als Vorbereitung gab’s, wenn man Glück hatte, nur Augenzeugenberichte. Keine Reisebände, keine Reisereportagen. Fast wähnt man sich in Kindertage zurückversetzt, als man bei Oma und Opa auf dem Schoß saß und gebannt den Märchen lauschte. Diese Märchen sind echt. Mit jeder Faser seines Körpers stürzte Darwin sich in die wissenschaftliche Arbeit und nicht minder in die Aufzeichnungen. Die Illustrationen sind nicht als Erläuterung der schwer verständlichen Texte zu verstehen. Darwin besaß außer seinem Forscherdrang auch die Gabe andere mit Worten in seinen Bann zu ziehen. Nein, die Abbildungen sind die Gewürzmischung, die diesem Buch erst den richtigen Geschmack verleihen.

Metropolis – Die Stadt in Karten

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Städtereisen haben als eigenständiges Segment des Tourismus durchgesetzt. Mal eben schnell nach Amsterdam – kein Problem. Ein (verlängertes) Wochenende in Paris gehört schon fast zum Standard. Doch so neu wie immer behauptet wird, sind diese Reisen gar nicht. Schon vor tausenden von Jahren reiste man nach Tenochtitlan, Aden oder Damaskus. Ganz ohne technische Hilfsmittel. Die waren, wenn überhaupt vorhanden, nicht mobil. Die Rede ist von Karten, Stadtplänen.

Jeremy Black reist auch, und zwar durch die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. Seine ersten Ziele stehen heute kaum noch in den Programmen der Reiseveranstalter. Denn die Städte, die er kartographisch bereist, sind versunken. Manche wortwörtlich, manche wurden ausradiert, manche sind nur noch rudimentär wahrnehmbar. Einzig allein Karten zeugen von einstiger Größe – und der Fertigkeit ihrer Erschaffer.

War das Zentrum der Welt vor vier- bis zweitausend Jahren noch viel weiter im Osten, so verschob sich dieses mit dem römischen Reich nach links (auf den Karten zumindest, jeder Geographielehrer schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: „Das heißt nach Westen!“). Erstaunlich an dieser Aussage ist jedoch, dass es schon so lange Karten gibt. Kunstvoll sind sie, ein wenig unpräzise, aber durchaus brauchbar. Und vor allem hübsch anzusehen. Sizilien als Oval mit Palermo als Kreis in der oberen (nördlichen) Hälfte. Mit so einer Karte könnte man heute nicht mehr viel anfangen. Aber warum auch? GPS im Smartphone, Reisebände in gedruckter oder digitaler Form ersetzen die detaillierten Karten.

Wer sich die Mühe macht und die alten Karten einmal genauer betrachtet, wird überrascht sein, wie viel von damals heute noch zu bestaunen ist. Beziehungsweise wie lange die vorhandenen Strukturen den Veränderungen der Stadtplaner getrotzt haben.

Städte waren seit jeher Sammelpunkte des Fortschritts. Hier wurde Politik gemacht, der Lauf der Welt beeinflusst. Schon lange bevor in Europa der Begriff Zivilisation von Bedeutung war, gab es in China schon Städte mit über eine Million Einwohner. Seite für Seite wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt. Eine Karte prachtvoller als die andere! Die dazugehörigen Texte verwandeln den Betrachter in einen echten Experten für Geschichte und Kartographie. Phantasien und Vision (Fritz Langs „Metropolis“ gehört genauso zum Stoff wie eine ungewöhnliche Karte der siebzehn Provinzen der Niederlande in Form eines Löwen) finden hier ebenso Gehör wie fast schon nostalgisch anmutende Stadtansichten von Florenz.

Die beeindruckenden Abbildungen, gepaart mit den kenntnisreichen Absätzen zu deren Bedeutung machen „Metropolis – Die Stadt in Karten“ zu einem besonderen Band, den man sich gern immer mal wieder aus dem Regal holt. Wer als Kind gern in Opas Schrank herumschnüffelt und auf Karten mögliche Routen mit den Fingern nachzog, wird an diesem Buch seine bislang ungestillte Freude haben.

Nervöser Orient

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Man stelle sich folgendes vor: Da hat man sich mit viel Schweiß und Fleiß ein hübsches Haus gebaut. Alle bewundern es. Man selbst war nicht immer freundlich zu den Nachbarn, regiert oft mit harter Hand. Aber das Haus steht Verkehrsgünstige Lage. Und permanent nistet sich jemand ein, campiert im Garten. Alles ohne einem selbst zur Last zu fallen, wird versichert. Und doch wird die Stube umdekoriert, Fremde tummeln sich in der Küche, das Bad ist andauernd besetzt. Dann wird auch noch die Verwandtschaft der Invasoren eingeladen mal vorbeizuschauen oder den Garten mit besonderem Wegerecht zu nutzen. Und das geschieht nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern in der gesamten Siedlung. Von Ruhe und Entspannung kann da nicht mehr die Rede sein. In einem steigert sich die Wut, oder zumindest die Unruhe. Man ist nur noch nervös…

Zugegeben ein Vergleich, der etwas hinkt, wenn man ihn in Relation zur Situation des Orients setzt. Aber eben auch nicht ganz abwegig. Kersten Knipp beschreibt in seinem Buch „Nervöser Orient“ die verzwickte Situation der arabischen Welt von Napoleons Versuch sich Ägypten einzuverleiben, um Englands Routen Richtung Indien abzuschneiden und somit die Weltmacht der einflussreichsten Insel der Zeit zu torpedieren, bis in die Gegenwart.

Die alten Mächte in Europa stießen an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Neue Märkte mussten dringend erobert werden. Und der Weg übers Mittelmeer war der kürzeste Weg zu eben diesen neuen Märkten. Mit dem Bau des Suezkanals war die vereinzelt noch vorhandene Unabhängigkeit endgültig vorbei. Die Eliten des Landes konnten mit einzelnen Zahlungen noch bei Laune gehalten werden, doch der Rest des Landes war außen vor.

Entgegen alle Informationssendungen im Fernsehen hatte auch der Orient gewaltig und mindestens genauso nachhaltig wie Europa unter dem Ersten Weltkrieg zu leiden. Bündnisse zwischen bisher verfeindeten Regierungen dienten nur einem Zweck: Des Feindes Freunde unter dem Deckel zu halten. Hier entstanden Vorurteile und Feindschaften, mit denen wir heute – auf beiden Seiten – immer noch zu kämpfen haben. Krieg und Elend, Ausbeutung von Bodenschätzen, Massaker brannten sich tief ins kollektive Gewissen.

Kersten Knipp legt über diese Geschichte nicht den Mantel des Schweigens. Für ihn ist es der Brückenschlag zum aktuellen Weltgeschehen. Diktatoren wie Saddam Hussein, einst protegiert, dann verteufelt (und zwar von denselben Personen), Länder wie Ägypten, die von jeher als Spielball von Regierungen des Okzidents missbraucht wurden bis hin zu Al-Qaida und dem IS: Alles hat seine Wurzeln. Irgendwo. Und dieses Irgendwo holt der Autor ans Tageslicht. Was nicht heißt, dass er die Taten hüben wie drüben gutheißt. Er zeigt lediglich auf, dass das Newtonsche Gesetz „actio=reactio“ losgelöst von religiösem Wahn existiert und stets nachweisbar ist. Sein Buch hilft Hintergründe zu sehen und zu verstehen. Die daraus folgenden Taten sind nun nicht mehr kryptische Fakten, die – ja länger man mit ihnen konfrontiert wird – schnell an Reiz verlieren.

Licht aus dem Osten

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Dass Naturwissenschaften ständigen Veränderungen unterliegen, leuchtet jedem ein. Neue Forschungserkenntnisse erleichtern unseren Alltag. In den Geisteswissenschaften ist ein Fortschritt nicht sofort greifbar. Es gibt Schriften, Bauten oder andere Zeugnisse der Vergangenheit, die „man nur noch entschlüsseln muss“. Aber ansonsten ist doch alles klar. Sollte man meinen. Doch warum gibt es dann so viele Sichtweisen auf das, was war?

Die Welt kann in so viele Kategorien eingeteilt werden, wie es Wissenschaftler gibt. Orient und Okzident. Gut und Böse, Arm und Reich, Ost und West, Modern und Unmodern etc. Moment! Ost und West? Wer zieht denn die Grenze? Wo beginnt der Osten, wo der Westen? Und wieso zieht man diese Grenze überhaupt? Und die alles entscheidende Frage: Wer hat recht?

Auch Peter Frankopan kann diese Frage nicht beantworten. So viel steht fest. Aber, was er kann und vor allem auch tut, ist die Sichtweise auf unsere Geschichte, unser Weltbild zu erweitern. Denn so schmerzlich diese Erfahrung für so manchen Krakeeler auch sein mag: Auch im Osten wurde Geschichte geschrieben. Noch lange bevor der Westen (in letzter Zeit wird ja gern der Zusatz „so genannt“ wieder verwendet, so wie es mal die „so genannte DDR“ gab…) sich mit Ruhm bekleckern konnte, wurde im Osten schon geklotzt. Das Persische Reich sicherte sich seinen Einfluss in dem es sich den eroberten Gebieten in gewissen Teilen des kulturellen Lebens anpasste. Die Perser gingen nicht automatisch davon aus, dass ihre Weltanschauung die einzig Wahre ist. Multikulti ist eben doch keine Erfindung aus dem Kreuzberg der 70er und 80er Jahre. Und schon gar keine aus dem (so genannten) Westen.

Es ist erstaunlich wie viele Ahas schon nach nicht einmal zehn Prozent des Buches aufpoppen. Wie selbstverständlich pflügt der Autor durch die Jahrhunderte ohne dabei den Leser von der Hand zu lassen. Dynastien, Religionswechsel, Herrschernamen, verschwundene Reiche – alles fügt sich zu einem großen Ganzen zusammen. Wie eine bewegliche Grafik in den so genannten (und hier ist der Zusatz angebracht) wissenschaftlichen Sendungen im Vorabendprogramm.

Zitate und Schriften von Gelehrten von Hier und Da bereichern die Argumentation Peter Frankopans. Ins Stocken gerät nur der Leser. Im Angesicht der aktuellen Diskussion, ob der tolerante Westen den intoleranten Osten auf- oder wenigstens annehmen könnte, wird durch die Eroberungspolitik der Perser vor tausenden von Jahren obsolet. Die verstanden die eroberten Gebiete als fruchtbaren Boden ihre eigene Kultur anzureichern. Das Neue wurde erstmal beäugt, auf Brauchbarkeit untersucht und oft (öfter als heutzutage – egal welche Sichtweise man bevorzugt) integriert. Ein stetiger Lernprozess war die Folge.

Der Westen als Nabel der Welt, ist nur eine Sichtweise auf unsere Wurzeln. Wenn man im Westen aufgewachsen ist, ein verständlicher Standpunkt. Doch der weitaus größere Teil der Menschheit ist eben nicht mit den Errungenschaften von Otto I, Leonardo da Vinci, James Watt und Gustave Eiffel (zugegeben eine mehr als willkürliche Aufzählung) aufgewachsen. Sind diese Menschen nun dazu verdonnert sich anzupassen oder sollten man ihren Wurzeln auch Gehör schenken? Das ist keine Frage, die mit Ja oder Nein beantwortet werden soll. Es ist eine rhetorische Frage. Natürlich sollte – man muss, schließlich hat man eine aufgeklärte, humanistische Erziehung genossen – sie anhören und Schnittpunkte finden.

Geschichte ist niemals abgeschlossen. Jede Zeit hat ihre Interpretatoren der Vergangenheit. Das ist hier wie da der Lauf der Zeit – schon mal eine erste Gemeinsamkeit. Und nur weil andernorts die Kultur rein äußerlich anders gelebt und gesehen wird, ist sie nicht gleichzeitig zu verteufeln. Was im Urlaub als Folklore gesehen wird, ist doch zuhause nichts Schlechtes, oder?! Peter Frankopan gelingt es mit einfachen Worten Zusammenhänge darzustellen, eigene Sichtweisen zu ergänzen oder im Einzelfall zu kippen, und den Blick wieder einmal gen Osten zu richten. Doch dieses Mal nicht aus folkloristischen Gründen. Er ist der Geschichtslehrer, den man sich nicht geträumt hat zu ergattern. Denn er schafft es, ohne den Nabel der Erkenntnis zu verschieben, neue Denkweisen anzuregen.

Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Hölle und Paradies

Keine Biographie über einen Autor, keine Abhandlung über ein bestimmtes Werk – nein, eine Biographie über einen ganzen Verlag. Man fängt am besten am Ende des Buches an, um dieses Buch zu verstehen. Denn dort stehen die Werke des Querido-Verlages Amsterdam, der so bedeutend ist für die deutsche Literaturszene wie kaum ein anderer. Lion Feuchtwanger, Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Albert Einstein, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Anna Seghers, Bruno Frank, Romain Rolland, um nur einige zu nennen, die in den Jahren 1933 bis 1950 hier verlegt wurden. Anhand der Jahreszahlen ist es offensichtlich, warum. Sie waren in ihrer Heimat verboten, wurden verfolgt, ihre Bücher öffentlich(!) verbrannt. Exil war die einige Möglichkeit zu überleben. Ihr Brot verdienten sie ebenso dort, im Exil, der Querido-Verlag war ihre nicht verborgene Geldquelle.

Emanuel Querido ist der Kopf hinter dem Verlag, Fritz Landshoff der geschickte Strippenzieher, der von Emanuel Querido von Kiepenheuer in Berlin nach Amsterdam gelockt wird. Hier soll deutsche Literatur ein neues Zuhause bekommen. In Deutschland wurde ihnen der Boden unter den Füßen entrissen. Mit zunehmender Repression werden ihre Schriften politischer.

Klaus Mann will mit seiner Zeitschrift „Die Sammlung“ über den Querido-Verlag den zu Verstummenden eine Stimme geben. Das Projekt ist ehrgeizig, doch schwer realisierbar.

Als 1940 auch die Niederlande, trotz Neutralitätsbekundungen, annektiert werden, steht es schlecht um den Verlag von Joseph Roth, Vicki Baum und Erich Maria Remarque. Emanuel Querido schafft es nicht den Nazischergen zu entkommen. Er wird ins KZ Sobibor gebracht, wo er wahrscheinlich – genaue Aufzeichnungen gibt es nicht (mehr) – am gleichen Tag mit seiner Frau ermordet wurde.

Bettina Baltschev begibt sich auf Spurensuche nach Hinterlassenschaften eines der wichtigsten Verlage deutscher Literatur und Geschichte. Sie wird findet in Amsterdam noch Bücher des Querido-Verlages, der 2015 sein hundertstes Jubiläum feierte. In kleinen Antiquariaten kommen ihr Kleinode unter, die teilweise eine echte Weltreise unternommen haben. Bis heute zählen die Bücher der im Querido-Verlag betreuten Schriftsteller zu den meistgelesenen Werken überhaupt. Es ist das Vermächtnis zweier Männer, die unerschrocken der Kunst eine Bühne boten. Fritz Landshoff überlebte die Nazizeit. Seine Aufzeichnungen, Interviews sind die Basis für dieses Buch, das so eindrücklich Zeugnis ablegt, dass die Feder oft schärfer ist als das Schwert.

Es sind Bücher wie diese, deren Autoren sich vermeintlich kleine Aspekte der Geschichte herauspicken und in einem großen Zusammenhang stellen. Mutige Menschen wie Emanuel Querido, Fritz Landshoff und ihre „Klienten“ wird in diesem Buch ein leicht zu lesendes Denkmal gesetzt.

Aufs Korn genommen

Aufs Korn genommen

Viele waren schon mal in einer Situation, in der sie richtig geladen waren, fast schon die Flinte ins Korn geworfen hätten, weil sie jemand auf Korn genommen hatte, sie ins Kreuzfeuer geraten waren und deswegen schwere Geschütze auffahren mussten. Immer dieses „Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Da muss man was auf Lager haben und sich immer wieder auf Vordermann bringen, um nicht aus dem Tritt zu geraten. Ansonsten fahren die anderen mit einem Schlitten, mag gerät aus dem Tritt.  Denn andere springen wohl kaum für einen in die Bresche.

Selbst als überzeugter Pazifist und Waffenablehner kommt man nicht umhin sich der Militärsprache zu bedienen. Manche Redewendungen sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie schon gar nicht mehr als Stechschritt-Phrasen wahrnehmen. Es besteht nun bei Weitem nicht Gefahr in Verzug, wenn man sich hier und da dieser exakten Sprache bedient. Man kann ja trotzdem noch dem Frieden trauen. Und alle alten Zöpfe abschneiden, würde einem Bildersturm gleichkommen, womit mit der Pazifismus mit wehenden Fahnen dem Untergang geweiht wäre.

Autor H. Dieter Neumann war selbst beim Militär, berufsmäßig. Ob er so manchem den Marsch geblasen hat? Kohldampf hat er auf alle Fälle, denn nun hat er sich dem Schreiben verpflichtet. Der Leser geht mit dem Autor auf Tuchfühlung mit alten Schweden, und zwar ab durch die Mitte. Voll wie eien Strandhaubitze ist man allerdings nur, wenn man dieses Buch hintereinander durchliest. Über einhundert Redewendungen aus dem Kampfgetümmel der Sprache nimmt er unter die Lupe. Kein 08/15-Gerede, sondern fundiertes Wissen aus der ersten Linie. Wer dann noch dumm aus der Wäsche schaut, muss nicht gleich die weiße Flagge schwenken. Er schreibt sich einfach auf die Fahne es noch einmal Kapitel für Kapitel durchzulesen.

Sprache als vorrangiges Kulturgut sollte sorgsam benutzt werden. Worte können verletzen, das weiß nicht nur Lisa Simpson, wenn sie wieder einmal von ihrem rabiaten Bruder Bart eine Breitseite bekommt. Wer sich darauf versteht, Sprache gezielt und gekonnt einzusetzen, ist auf der Gewinnerstraße. Die Buchreihe aus dem Konrad-Theiss-Verlag mit Redewendungen aus allen Gesellschaftsschichten und Zeiten ist ein Paradebeispiel für den korrekten Umgang mit Sprache. Oft werden Phrasen benutzt, um der eigenen Meinung Nachhall zu verleihen. Doch meist falsch! So entstehen Missverständnisse. Und die Wirkung verpufft wie Schwarzpulver, das nicht richtig gezündet wurde.

Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

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Na, auch schon mal zum Fest der Liebe selbiges ad absurdum geführt? Oder Jesus’ Geburt gefeiert? Einer Frau Parfüm oder / und einem Mann Technik geschenkt, weil man das halt so macht? Oder ungesundes Weihnachtsgebäck geschlemmt? Ja, Weihnachten ist ein tolles fest: Es gibt Geschenke, die Familie sitzt friedlich und komplett beieinander und alle haben sich lieb.

Oder auch nicht. Denn die Trennungsraten sind an Weihnachten höher als sonst. Allerdings werden zu dieser Zeit bedeutend mehr Kinder gezeugt. Das zeigen die Geburtenraten im September. Der Weihnachtsspeck hält sich auch eine Weile. Weihnachten darf man mal kulinarisch über die Stränge hauen. Auch wenn’s ungesund ist,… es schmeckt halt einfach. Dabei übersieht man dabei – Achtung, jetzt kommt eine Ausrede, die man guten Gewissens benutzen kann! – dass doch viele Weihnachtspezialitäten sehr gesunde Zutaten enthalten. Man denke nur an Früchtebrot. Oder die außergewöhnliche Vielfalt, die überall kredenzt wird. Ach ja, Frauen und Parfüm und Männer und Technik – das muss nicht immer stimmen. Meistens stimmt’s nicht! Aber dafür gibt es auch in diesem Buch keine allgemeingültige Regel.

Aber ansonsten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für unser „profundes Wissen“ über die geistreichste, liebenswerteste, besinnlichste Zeit des Jahres.

Es ist erstaunlich wie viel wir über Weihnachten NICHT wissen. Beziehungsweise wie viel Falsches wir über Weihnachten wissen. Es beginnt schon bei der Ortsbestimmung. Lag Jesus in Bethlehem oder doch in Nazareth? Tourismusmanager aus Bethlehem schwitzen jedes Jahr, wenn die vermeintlichen Wissenschaftsmagazine im TV wieder ihre Praktikanten ausschwärmen lassen, um den „Großen Mythen Weihnachtens“ auf den Grund zu gehen. Aber ist es nicht eigentlich egal? Nein! Wenn man schon feiert, dann sollte man schon wissen warum.

Das Titelbild macht es schon deutlich: Weihnachten ist zum Konsumfest verkommen. Es deswegen verteufeln oder gar abschaffen – es gibt ja immer wieder mal ein paar Querköpfe, parlamentarische Hinterbänkler oder Landesfürsten, die sich mit kruden Aufforderungen in die erste Reihe katapultieren wollen – wäre der falsche Weg. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung. Und mal ehrlich: An Weihnachten zu Hause sitzen, keine Geschenke auspacken, keine lukullischen Sünden begehen, wäre auch nicht das Wahre. Einziger Vorteil (vielleicht) wäre vielleicht ein annehmbareres Fernsehprogramm.

Claudia Weingartner hat – das wird einem sofort klar, wenn man nur ein paar Seiten gelesen hat – Dutzende von Büchern gewälzt, Statistiken ausgewertet und Vorurteile gesammelt. So überrascht manch einer unterm Weihnachtsbaum schaut, so verblüffend ist die Vielfalt an Mythen ums Fest. Mit erstaunlicher Akribie seziert sie jeden einzelnen Mythos, entkräftet ihn oder stellt fest, dass an jeder Legende etwas Wahres hängen kann. Es liegt am Leser wie viel Mythos er (v)erträgt. Fakt ist, dass dieses Buch Weihnachten in diesem Jahr in einem gänzlich anderen Licht erstrahlen lässt. Naja, so lange das Licht strahlt und nicht glimmt…

Die Alhambra

Die Alhambra

So was wird ja heutzutage überhaupt nicht mehr gebaut! Richtig! Und das ist auch gut so. Denn Exklusivität hebt das Ansehen. Die Alhambra hat dies allerdings nicht nötig. Eine Burganlage, die fast tausend Jahre auf den Mauern hat und seitdem immer wieder erweitert, verändert und verschönert wurde. Das, was wir heute als Alhambra millionenfach besuchen können, ist knapp achthundert Jahre alt. Der Zahn der Zeit nagt zwar an dem einen oder anderen Bereich, doch vom satten Teller-Bei-Seite-Schieben-Und-Zufrieden ist dieses UNESCO-Weltkulturerbe weit entfernt.

Schatten spendende Alleen, erhabene Säulengänge, wuchtige Türme, gigantische Höfe, filigrane Muster, ach die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Sie in Worte zu fassen, ihr gebührend Respekt zu erweisen, ist schwer.

Sabine Lata wählt einen einfachen und sehr beeindruckenden Weg die Alhambra greifbar zu machen. Auge und Mund sind ihre Werkzeuge. Sie fixiert einen Punkt im Raum, richtet ihre Kamera aus und, klick, ist der Moment als Foto festgehalten. Doch dabei belässt sie es nicht. Kenntnis- und detailreich schildert sie die Besonderheiten der Alhambra. Die, oft doppelseitigen, Bilder vermitteln eine unverhoffte Nähe. Man steht umgeben von grazilen Säulen, vor von Löwen umrankten Wasserbecken, unter im höchsten Maße kunstvoll gearbeiteten Bögen oder in verzauberten Gärten. Von draußen drängt kraftvoll das Sonnenlicht durch Fensteröffnungen, offene Dächer und durch geheimnisvolle Ornamente.

Die Nasriden hatten sich hier niedergelassen und wurden erst vor reichlich fünfhundert Jahren wieder vertrieben. Eine Trutzburg sollte hier entstehen. Ist es auch. Bei so viel Glanz und Gloria mag man als Besucher sich nicht die sicherlich oft blutigen Schlachten vorstellen. Denkt man sich die Touristenströme weg – auf den Bildern im Buch klappt das einwandfrei, es ist keine einzige weiße Tennissocke in Sandalen zu sehen – ist hier ein Ort der Ruhe. Und dieses Buch liefert den gedruckten Soundtrack zum Staunen. Wer noch nie die Alhambra besucht hat, könnte fast an seiner Urlaubsplanung zweifeln. Ist ja alles im Buch! Muss man nicht mehr sehen! Stimmt nur zur Hälfte. Denn das Buch liefert Unmengen an Eindrücken, erspart aber nicht die steigende Reisefieberkurve, vielmehr wird das Fernweh noch verstärkt.

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus

Wer wird denn gleich abhauen, wenn man Kritik einstecken muss? Niemand. Aber wenn die Kritik in offenen Hass, Behinderung der Entfaltung und Beeinträchtigung der Kreativität gelichzusetzen ist, keimen Gedanken vom Kofferpacken schneller und reifen früher als bei anderen. So müssen sich viele Architekten des Bauhauses gefühlt haben. Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie waren die Ersten, die sich den Bedürfnissen der Zeit in ihrer Arbeit annahmen. Wohnraum, ansprechender Wohnraum für alle. Kunst am Bau nicht um der Kunst Willen, sondern den Bedingungen angepasst. Ansonsten war Anpassung nicht ihr Metier.

Viele Bauhäusler wie Ernst May und Bruno Taut folgten den Verlockungen aus dem zu dieser Zeit verpönten Osten. Die Sowjetunion war mittlerweile eine feste Größe im Ränkespiel der Mächtigen geworden. Mit aller Macht versuchten die Oberen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ihr in ihren Augen fortschrittliches Gedankengut nach außen zu tragen. Die Elektrifizierung des Landes als elementarer Bestandteil des Kommunismus ging einher mit der Industrialisierung. Und wo gearbeitet wird, muss auch Wohnraum für die Arbeiter, die ja nunmal in ihrer eigenen Diktatur lebten, geschaffen werden.

Hier sollte nun das neue Paradies für neue Ideen entstehen. Die Bezahlung war außerordentlich gut. In harter Währung wurden sie bezahlt. Auf dem Papier hatte unter anderem die Bauhaus-Brigade Rot Front das, wovon sie immer träumten: Freiheit in jedweder Hinsicht, finanzielle Absicherung und Schutz vor Repressalien. Denn in Deutschland keimten die antisemitischen Parolen und die antikommunistischen Hassprediger aus allen Ritzen.

Doch die Ernüchterung ist groß. Misswirtschaft, Inkompetenz bis hin zu Lebensmittelknappheit sind an der Tagesordnung. Wer irgendwie rauskommen kann, geht. Doch wohin? Nach Deutschland? Niemals. Hier sind inzwischen die Nazis so gut wie bzw. schon an der Macht. Viele der roten Bauhäusler stehen auf der schwarzen Liste der Nazis. Nur wenige treten die Heimreise an, aber nur, um versteckt zu rasten, denn der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Weitere Exile sollen folgen. Die Alternative lautet Sowjetbürger zu werden. Aber eine echte Alternative ist das nicht. Denn auch der Verschlossenste merkt, dass in diesem Staat kein Staat zu machen ist. Einmischung in Pläne, Vorgesetzte und Planer, die von vielem Ahnung haben, aber eben nicht von Architektur und Bauen, bringen die überzeugten Kommunisten des Bauhauses an die Grenzen der Belastbarkeit.

Ursula Muscheler setzt der vermeintlich zweiten Reihe des Bauhauses – ihre Namen klingen nicht so erhellend wie Gropius, Le Corbusier oder Mies van der Rohe – ein Denkmal, dass zum Nachdenken anregt. Ideen sind gut, notwendig, erforderlich, um vorwärts zu kommen. Doch ohne entsprechende Durchsetzung der selbigen bleiben sie das, was sie sind: Ideen. Oft ernüchternd berichtet sie vom Kampf wackerer Männer für ihre Ziele, von der Resignation vor der fatalistischen Kultur der Planwirtschaft und den zerbrochenen Träumen einer ganzen Generation von Architekten, deren Bewegung bis heute ob der Strahlkraft große Schatten wirft.

Die liest unter anderem am 19. September bei den Freunden der Staatsbibliothek in Berlin, am 23. Oktober beim Göttinger Bücherherbst und am 25. November in der Buchhandlung Bücherfass in Schaffhausen.

Albert Einstein & Elisabeth von Belgien – Eine Freundschaft in bewegter Zeit

Albert Einstein und Elisabeth von Belgien

Da ist man doch geneigt zu sagen, dass alles, aber auch wirklich alles, über Albert Einstein gesagt ist. In Bern ziert das Einstein-Museum ein prachtvolles Gebäude, man in seiner bescheidenen Wohnung flanieren wie in der Obstabteilung eines Supermarktes. Und Bücher von und über ihn gibt es wie Sand am Meer. Und nun das! Er, der hochgebildete, engagierte Humanist, der Zeit seines Lebens Konventionen als bekämpfenswert erachtete und Sie, die Adelige des Hauses Wittelsbach am belgischen Hofe, Elisabeth? Dass Einstein sich einen gewissen Ruf als Schwerenöter „erarbeitet“ hatte, ist bekannt. Doch mit einer Adeligen? Nein, dieses Buch ist kein Pamphlet über die amourösen Abenteuer eines Genies und eines Freigeistes. Es ist die Reminiszenz an eine respektvolle Beziehung zweier Menschen, die nur auf den ersten Blick so unvereinbar wie Feuer und Wasser waren.

Elisabeth Gabriele wuchs wohlbehütet am Westufer des Starnberger Sees auf. Adel verpflichtet! Goldene Bälle und extrovertiertes Verhalten waren verpönt. Albert Einstein wurde zwar nicht mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, doch darben musste er auch nicht. Kämpfen sehr wohl. Um die Gunst der Eltern wie auch um die Anerkennung an Lehranstalten. Seine – heute würde man sagen „große Klappe“ – waren ihm öfter im Wege als dass sie ihm half.

1911 reiste er nach Brüssel. Hier traf sich – von nun ab in regelmäßigen Abständen – die wissenschaftliche Elite der Welt. Marie Curie war unter anderem Stammgast bei der Veranstaltung, die vom Sodakönig Ernest Solvay abgehalten wurde. Zu dieser Zeit war Einsteins Relativitätstheorie in aller Munde, er ein gern gesehener Gast und anerkannter Wissenschaftler. Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Jahre Königin von Belgien. Auch sie musste um Anerkennung kämpfen, denn ihr Schwiegervater war wenig begeistert von der schwächlichen Wittelsbacherin.

Albert Einstein ist öfter mal „bei Königs“ eingeladen. Die Chemie stimmt zwischen dem Physiker und dem Königshaus. Daran können auch Krieg und Wirtschaftskrise nichts ändern. Als die Nazis immer präsenter werden, ihre Terrorherrschaft in Deutschland jeden spüren lassen, findet Einstein in Belgien eine erste neue Heimat. Bis es ihm auch hier zu heiß wird. Überall auf in Europa werden Gleichgesinnte ermordet. Einstein flieht in die USA.

Der Briefkontakt bleibt, man schickt sich regelmäßig Bilder. Erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kann man sich wieder in die Arme nehmen. In Briefform. Elisabeth ist da schon Witwe. Ihr Gatte, der belgische König kam schon vor Jahren bei einem Unfall ums Leben. Die „Liebe Königin“ soll auch ihren „lieben Professor“ überleben.

Rosine de Dijns Buch über eine echte, weil Jahrzehnte, alle Irrungen und Wirrungen überdauernde, Freundschaft zeugt vom Respekt der Autorin ihren Helden gegenüber als auch von humanistischen Gedanken der Beiden, die sich ihrer herausragenden Rolle bewusst waren, jedoch nie einen Gedanken daran verschwendeten ihre Stellung schamlos auszunutzen. Beide waren künstlerisch begabt und musizierten so oft es ging gemeinsam. Die tiefe Zuneigung kommt in den zahlreichen Briefen an den jeweils anderen so schnörkellos daher, dass beide Größen ihrer Zeit so nahbar sind wie selten zuvor.