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Sandokan: Die Tiger von Mompracem

Ein Fernsehabend im letzten Quartal des vergangenen Jahrtausends: Frisch gebadet, voller Spannung sitzen tausende von Kindern vor der Glotze und singen lautstark mit: Sandoka-aa-aan. Ein markerschütterndes Geschrei, gefolgt von einem wilden Sprung von der Sofakante. Auf dem Bildschirm springt ein edler Prinz mit dein m Dolch in der Hand unter einem Tiger hindurch und schlitzt ihm den Bauch auf.

Das sind für Generationen die ersten Berührungen mit Sandokan, dem gefallenen Herrscher aus Malaysia, der auf der Insel Momparcem auf Rache sinnt. Als Pirat ist er gefürchtet, die kolonialen Briten würden viel darum geben ihn in die Finger zu bekommen. Hängen soll er, der Tiger von Malaysia.

Sandokan ist ein wütender Mensch. Ein Pirat. An seiner Seite steht treu sein Kamerad Yanez. Ein Draufgänger, der den Mut für sich gepachtet hat. Sandokan ist bestimmt in dem, was er tut. Eines Tages hört er von einer betörenden Schönheit. Einem Engel mit blauen Augen und goldenem Haar. Sie lebt auf Labuan.

Und genau da liegt das Problem. Die englischen Kolonialherren haben einst Sandokans Familie ermordet. Seitdem sinnt er auf Rache. Und auf Labuan könnte sein Traum Rache nehmen zu können endlich wahr werden. Doch die Engländer sind auf der Hut. Sie kennen den Mut von Sandokan. Und seine Gewitztheit. Einfach mal so an Land gehen, wird nicht möglich sein. Eine List muss her!

Doch die misslingt. Seine treuen Gefolgsleute werden im Schlachtengetümmel aufgerieben. Sandokan kann schwer verletzt entkommen. Rettung naht in Gestalt eines seiner ärgsten Feinde. Er nimmt und richtet den Piraten wieder auf, ohne dessen wahre Identität zu kennen. Ein Prinz in seinen Gemäuern behausen zu können, ist ihm Ehre genug. Doch dann erfährt der Wohltäter die ganze Geschichte. Sandokan ist nicht mehr sicher. Der hat sich in der Zwischenzeit in Marianna verliebt. Und sie sich in ihn. Sie, die Perle von Labuan, der goldene Engel mit den blauen Augen, ist dem mutigen Rächer verfallen. Es scheint keine rosige Zukunft für die beiden Liebenden zu geben. Es sei denn…

Emilio Salgari siedelt seine Abenteuergeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts in Malaysia an. Zu einer Zeit, in der Malaysia gerade von den Briten besetzt wurde und man in Europa dieses Land fast gar nicht kannte. Ein Hauch von Exotik umwehte den Landstrich, der so fern war wie kaum etwas Vergleichbares auf der Welt. Bis heute hat diese Geschichte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Unzählige Generationen ergötzen sich bis heute an den Abenteuern des mutigen Piraten, der edlen Geschlechts war und gegen die Aggressoren mit unerbitterlicher Härte kämpfte.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…

Memoiren eines alten Arschlochs

Wer kennt sie nicht?! Die Alleskönner, die jeden kennen, ihren „Beziehungen spielen lassen“, und das Gefühl vermitteln an der Kasse noch etwas rauszubekommen. Aufschneider könnte man sie nennen. Angeber. Auch Arschloch. Das darf man sagen, schließlich hat Roland Topor die Erlaubnis gegeben.

Sein namenloser Held ist so ein Aufschneider, Angeber, Arschloch. Und er ist sich auch dessen bewusst. Zugeben würde er es natürlich niemals. Er lebt schließlich in seiner eigenen Welt, die ihm nicht erlaubt über die selbst abgesteckten Grenzen zu treten.

Er – der Namenlose – ist schon früh von der Kunst beseelt. Dann, als Jugendlicher, junger Mann, bringt er die Kunstwelt zum Kochen. Picasso läuft ihm hinterher wie ein läufiger Hund. Breton wird durch ihn zu seinem surrealistischen Manifeste du Surréalisme animiert. Er zockt Einstein beim Poker ab. Und mit Grock, dem Clown, verbrachte er Nächte hinter den Kulissen eines Tanztheaters auf den Hügeln von Paris. Welches er selbstredend erfunden hatte.

Ja, er ist ein Aufschneider, als größenwahnsinnig kann und muss man ihn beschreiben. Solange er einem nicht auf die Pelle rückt, ist es zu ertragen. Aber wehe, wenn er vor einem steht und man die offensichtlich erfundenen Geschichten über sich ergehen lassen muss. Zum Glück ist alles nur Fiktion. Übertrieben, überbordend vor Lebenslust, überquellender Drang sich in den Vordergrund zu spielen. Und zum Glück (nur) als Buch erhältlich.

Denn so kann man, wenn es zu viel wird, die Seiten schließen und sich selbst ein wenig Ruhe gönnen. Doch die Sucht hat schon vom Leser Besitz ergriffen. Nun will – man muss – einfach mehr erfahren. Will wissen, was er sich als nächstes ausgedacht hat, wen er zum Handeln angetrieben hat. Das wie und warum ist nebensächlich. Ihm geht es einzig allein nur um eine Sache: So schnell wie möglich das Natürlichste von der Welt selbiger kundzutun. Er ist die Triebfeder des Fortschritts. Ohne ihn wäre die Kunst nur Beiwerk des Teufels. Er allein hat die Moderne angeregt, ins Rollen gebracht. Ihren Fortgang kann er nicht mehr beeinflussen- er hat Besseres zu tun.

Der Titel macht auf sich aufmerksam wie selten ein Buch zu vor. Darf man das A-Wort sagen, es sogar auf den Titel drucken? Ja, natürlich. Die Selbstverständlichkeit des fiktiven Ichs fordert die Nennung geradezu heraus. Die Zeilen lassen kein Auge trocken sein. Wer auch nur ansatzweise ein wenig (Kunst-)Verstand besitzt, kommt dem Lügengemäuer schnell auf die Spur. Na und?! Ist doch alles nur ein Spaß.

Für Roland Topor muss es ein Vergnügen gewesen sein. Er selbst war ein Tausendsassa. Bühnenbilder und Prosa, Filmrollen und Bücherillustrationen bestimmten sein Lebenswerk. Regisseure wie Fellini waren von ihm beeindruckt. Polanski gab seinem „Mieter“ das darstellende Pendant zur Schrift. Ob Er nun wirklich ein Arschloch war, muss der Leser entscheiden. Die Stories sind teils so hanebüchen, dass man ihn eher bedauert – auf alle Fälle sich aber köstlich amüsiert.

Imani

Imani ist eine privilegierte junge Frau. Sie spricht Portugiesisch. Ein Vorteil, den Imani zu nutzen weiß. Die Fronten zwischen VaChopi, ihrem Volk und den VaNguni, dem Volk des Königs Ngungunyane und der Besatzungsmacht Portugal sind verhärtet. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und so sind die VaChopi den Besatzern halbwegs wohlgesonnen im Mosambik am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Reich Gaza im Süden des Landes gehört zu dieser Zeit zu den größten des Kontinents. Wer nun eine exakte Abhandlung über die kriegerischen Auseinandersetzungen der verfeindeten Truppen erwartet, muss ganz genau zwischen den Zeilen lesen können.

Denn in erster Linie ist Mia Coutos Buch eine Liebeserklärung an die Geschichte seines Heimatlandes. Imani ist höflich, gebildet, zuvorkommend, aber niemals unterwürfig oder aufmüpfig. Und sie kann im Handumdrehen das Herz des Portugiesen Germano erobern. Der kann diese Liebe aber niemals zugeben oder gar öffentlich machen. Nur in Briefen an sein Hauptquartier schwingt mehr als nur ein wenig Bewunderung für Imani mit.

Das Volk der VaChopi ist, wenn man es mit anderen Völkern vergleicht und den Maßstäben unserer Zivilisation misst, ein fortschrittliches Volk. Frauen und Männer arbeiten gleichsam auf den Feldern, obgleich mit Vehemenz das Patriarchat gepflegt wird. Doch insgeheim sind die Frauen die heimlichen Herrscher.

Ihr Dorf minimiert den großen aufopferungsvollen Kampf auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Die Familie kämpft auf beiden Seiten des Krieges, und innerhalb der Familie sind sich die Brüder – Vater und Onkel von Imani – nicht grün.

Mia Coutos Heldin Imani ist hin und hergerissen zwischen Achtung den Familienoberhäuptern gegenüber – wie gesagt, es gibt nicht nur einen Mann, der hier bestimmt, sondern eben auch die Frauen, die auf ihre eigene Art wissen wie man Einfluss nimmt – und der Pflichterfüllung als Übersetzerin / Vermittlerin zwischen den Kriegsparteien. Am Ende weicht die Unbekümmertheit der Jugend der nüchternen Realität.

„Imani“ ist der Auftakt einer Trilogie, die von den letzten Tagen des Gaza-Reiches in Mosambik erzählt. Hier treffen Poesie und historische Fakten in nie zuvor gekannter Symbiose aufeinander und verzaubern aber der ersten Zeile.

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.

In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

City Maps – Die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen

Es gibt Dekogegenstände, die muss man sorgsam aussuchen. Denn sie begleiten einen das ganze Jahr hindurch. Sie sollen im Winter wie im Sommer Freude bringen. Die Suche kann anstrengend sein. Aber wenn man dann das Richtige gefunden hat, ist die Freude umso größer und anhaltender. Drei Viertel unserer Lebenszeit soll diese Freude dreihundertfünfundsechzig Tage andauern. So ist es zum Beispiel bei einem Kalender. Die Tage soll er anzeigen. Diese Funktion haben nunmal Kalender. Wandkalender sollen hingegen noch ein bisschen mehr. Sie sollen so richtig was hermachen. Ausdrucksstarke Bilder sollen Sehnsüchte wecken, motivieren, vielleicht sogar ein (Reise-)Ziel schmackhaft machen.

Landkarten und Stadtpläne sind seit der digitalen Revolution zu blassen Linienformationen in einfachen Farben geworden. Sie sollen einen ans Ziel bringen mehr nicht. Es gab Zeiten, da waren Karten wahre Kunstwerke. Eben echte Handarbeit von echten Künstlern. Achtung Phrase: So was gibt’s heute nicht mehr!

Doch! Und zwar das ganze Jahr über. „City Maps – die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen“ nennt sich ein Kalender, der großformatig (50 mal 66 Zentimeter) das historische Auge schult. Wer weiß schon wie Sydney im 19. Jahrhundert aussah. Kleiner Tipp: Wer die Oper sucht, tut dies vergeblich. Als die Karte, die den Mai 2018 ziert, erstellt wurde, war Jørn Utzon, der Architekt der Oper, noch nicht einmal geboren, auch Harbor Bridge sucht man vergebens. Dafür findet man im März ganz leicht die Verbotene Stadt in Peking oder im April die Tower Bridge und Tate Gallery.

Das Großformat erlaubt es die Karten durchaus als naturgegeben anzusehen. Einzelne Spazierfahrten und –gänge können teils noch einmal mit dem Finger abgegangen werden. Von schachbrettartigen Stadtplanungen wie New York oder Mexico-City über dreidimensionale Abbildungen von Los Angeles bis hin zum königlichen Oslo und dem habsburgischen Wien legen die Städte ihre geheimsten Wege frei.

Die zarten Farben machen den Kalender passend für jeden Wohnungstyp, von antik über rustikal bis zur modernen Wohnungseinrichtung: Dieser Kalender ist eine Zier für jeden Haushalt. Wer reist, braucht Orientierung. Wer außerdem noch geschmackvolle Erinnerungsstücke sein eigen nennt, wird an diesem Kalender seine helle Freude haben.