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1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Frankreich á la carte

Essen wie Gott in Frankreich. Schreiben über das Essen wie Gott in Frankreich. Lesen, um das Leben wie Gott in Frankreich zu fühlen. „Frankreich à la carte“ ist die Spitze dieser Assoziationskette. Autoren wie zum Beispiel Émile Zola, Gustave Flaubert oder Alexandre Dumas haben Romane geschrieben, die ein Spiegelbild ihrer Zeit waren. Und dazu gehört nun mal auch die Nahrungsaufnahme mit Genuss oder als Notwendigkeit.

Das Baguette ist so eng mit Frankreich verbunden wie kaum ein anderes Gericht. Doch das kulinarische savoir-vivre nur mit dem braungebrannten Teigling in Verbindung zu bringen, kommt dem Ruf der Cuisine unseres Nachbarn nur im Ansatz nahe.

Man setzt sich an den Tisch mit Größen der französischen Kultur. Trinkt einen Tropfen Roten. Kommt ins Schwärmen. Seite für Seite wird das Barrett zurechtgerückt und Zeigfinger und Daumen öffnen sich blitzartig, wenn man sie von den Lippen wegstößt. Mmmmh excellent!

Anthologien machen von jeher Appetit auf Weiterlesen. Sie sind die amuse geuele aus der Schreiberwerkstatt, die oftmals zur Küche des guten Geschmacks wird. Madame de Sévigné zum Beispiel berichtet in einem ihrer berühmten Briefe an Madame de Grignan von einem opulenten Mahl. Zugegen war auch der König, Ludwig XIV., der Sonnenkönig. In diesem Brief setzte sie ein weiteres Mal dem Hofhofmeister und Koch, Vatel, ein Denkmal. Leider hatte der an diesem Tag nicht gerade viel Glück. Zu viele Gäste, zu wenig Braten. Vatel war untröstlich. Was heißt untröstlich, gekränkt und enttäuscht von sich selbst, war er. So sehr, dass ihm das Schwert näher war als der Trost der Anwesenden. Es war das letzte Mahl, das er zubereitete.

Je mehr man in dieses Buch vordringt, desto appetitlicher zeigen sich die Seiten. Keine Exkurse in die Exotik der Froschschenkel und Gänsestopfleber, vielmehr eine kulturhistorische Reise, die selbst Jahrhunderte später immer noch für Magenknurren und Kopfzerbrechen sorgt. Kopfzerbrechen, weil die wohl gewählten Worte ihre Wirkung nicht verfehlen. Political correctness und falsch verstandene Zurückhaltung sind ad acta gelegt, es regieren die Genüsse und lassen den Leser mit einem knurrenden Magen zurück.

Hunger und Appetit sind es, die man benötigt, um dieses Buch vollständig aufsaugen zu können. Auch wenn in Frankreich „auch nur mit Wasser gekocht wird“, so sind es die Zutaten eines Marcel Proust oder der Durst eines Guy de Maupassant, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Wie ein elegantes Menü mit mehreren Gängen verführen die Autoren den Leser zum Schmatzen und Schwelgen in den delikatesten Speisen, die je ersonnen wurden. Bon Appetit!

Kriegspilger

Peter Frankopan gelang 2016 der Sachbuch-Coup des Jahres. Die Weltgeschichte aus der Sicht des Ostens gesehen. Mit „Licht aus dem Osten“ unternahm er nicht nur den Versuch Geschichtsschreibung mal aus der Sicht „der Anderen“ zu betreiben, sondern schärfte die Sinne für das Zwischen-Den-Zeilen-Lesen wie kaum jemand zu vor. „Kriegspilger“ folgt diesem Beispiel in nicht verminderter Raffinesse.

Die Kreuzzüge finden in den meisten Gedankengängen derer, die nicht Geschichte als ständig präsenten Zustand empfinden in Kriegsgetümmel und Intrigen statt. Bilder von heroischen, verlustreichen Schlachten bestimmen die Vorstellungen der heiligen Krieger im heiligen Land für die heilige Sache. Eine einseitige und zuweilen falsche Sichtweise. Peter Frankopan wählt den unbequemen, mit enormem Rechercheaufwand behafteten Weg der Wissensvermittlung. Alexios von Konstantinopel ist der Dreh- und Angelpunkt des ersten Kreuzzuges.

Europa war vor über neunhundert Jahren ein fragiles Gebilde. Rom, das Römische Reich, war in einen Ost- und einen Westteil zerfallen. Ein geschwächtes Reich, das Anfeindungen fast aussichtslos ausgeliefert schien. Innerhalb der einzelnen Reiche wurde um jeden Zentimeter Macht mit erbitterter Grobheit gekämpft. Horrende Steuern, Zügellosigkeit und Machthunger zerfraßen den letzten Rest Würde. Den mächtigen Nachbarstaaten entging diese Entwicklung nicht, und immer wieder ware4n Attacken von außen abzuwehren.

In einer Zeit, in der – wieder einmal oder immer noch? – Religion zur Machtdemonstration missbraucht wird, sind historische Ereignisse ein gern genommenes Propagandamittel. Was damals nicht zu Ende gebracht wurde, muss nun endlich mal ein Ende finden, so die gängige Meinung. Alles Quatsch! Wenn dem so wäre, würden Lebenseinstellungen ganzer Völker im Boden versinken und Chaos die Regentschaft übernehmen.

Peter Frankopan schafft es mit Leichtigkeit die den Kreuzzügen vorangehenden Überlegungen und die daraus resultierenden Umsetzungen dem Leser nahe zu bringen und den Kreuzzügen die Wissenslücken zu entreißen. Ja, die Schlachten waren verlustreich. Ja, es gab edle Herren unter den Kriegern. Ja, Jerusalem war das Ziel der Armeen. Doch ist damit die Geschichte schon erzählt? Bei Weitem nicht! Hat man sich an die ungewöhnlichen Jahreszahlen gewöhnt, die 1080er Jahre, 1090er Jahre sind nicht unbedingt die Jahreszahlen, mit denen man täglich jongliert, liest sich „Kriegspilger“ wie ein spannender Agententhriller, der einzig allein nur ein Ziel hat: Geschichte greifbar zu machen.

Dear Germany

Deutschland muss eine führende Rolle in Europa übernehmen. Gerade wegen seiner Geschichte, und besonders wegen der Verarbeitung dieser Geschichte. Der erste Teil dieser These ruft sicherlich die falschen Krakeeler auf den Plan. Die Erweiterung der These regt durchaus zum Nachdenken an. Und jetzt kommt’s: Die These kommt nicht etwa aus einem Hinterzimmer reaktionärer Sturköpfe, sondern von Lord Stephen Green. Er war von 2011 bis 2013 Handelsminister unter James Cameron und heute Politikberater, Zuvor war er Vorstandsvorsitzender bei HSBC, der größten Privatbank der Welt.

Lord Green liebt Deutschland, seine Sprache und seine Musik. Ein wenig gebauchpinselt kommt man sich vor, wenn man die ersten Seiten liest. Er führt dem Leser die Vorzüge der eigenen Kultur vor Augen – was man selbst als selbstverständlich hinnimmt, ist in seinen Augen das Besondere. In einem Land, das weniger demokratisch gefestigt ist, würden seine Thesen verbannt oder gar verbrannt werden. Der Autor wäre Anfeindungen ausgesetzt sein.

Margret Thatcher war es, die in den (deutschen) Wendejahren vor einem wiedererstarkten Deutschland warnte. Ihr war es suspekt und fremd, dass Deutschland wieder als eine Nation auftritt. Das Gleichgewicht, dass knapp ein halbes Jahrhundert die Geschicke in den Händen hielt (das Dreigestirn aus London, Paris und Bonn) hatte seine Aufgaben noch nicht vollends erledigt und nun sollte Deutschland nicht mehr nur eine Eckpunkt sein, sondern Eckpfeiler, um den sich Vieles drehen sollte und wird.

Lord Stephen Green macht dem – typisch deutschen – Zögerern Mut aus der Deckung zu kommen. Seit reichlich zehn Jahren, seit der Fußball-WM in Deutschland, ist es wieder en vogue stolz auf Deutschland zu sein. Das Stigma des falsch gelebten Nationalismus war auf einmal wie weggeblasen. Man schwenkte voller Freude wieder Schwarz-Rot-Gold, malte sich das freudestrahlende Gesicht in diesen Farben dicht und rief zaghaft, aber unüberhörbar den Namen des eigenen Landes. In Großbritannien ist der Union Jack mittlerweile zur Modemarke, zum unerlässlichen Accessoire geworden. Kaum eine Marke kommt ohne die Mixtur aus Georgs- und Andreaskreuz aus. Nun auch die deutsche Nation – Lord Green fasst den Begriff Nation weiter als die bloße geografische Ausdehnung Deutschlands. Doch blieb immer noch ein bitterer Beigeschmack bei dem Begriff Stolz. Zu viel Porzellan wurde in der Vergangenheit in Bezug auf den Stolz zerschlagen.

Und nun kommt ein Brite daher und sagt den Deutschen, dass Stolz nicht unbedingt mit Ablehnung und Hass gleichzusetzen ist, sondern wie jede Medaille zwei Seiten hat. Fahne hissen ist das Eine. Verantwortung zu übernehmen das Andere. Zu oft hören die falschen Leute auf die falschen Propheten – im Wahlkampf tönen die Fanfaren des Angriffs oft lauter als die der Veränderer. „Dear Germany“ ist ein Buch, das ernst genommen werden muss. Es einfach zu überfliegen und nur die die Parolen fehlzuinterpretieren, wäre Öl ins Feuer der alternativlosen Kritiker zu gießen. Und es wäre ein Affront gegen Lord Green und seine Ideen. Hat sich das Staunen über diese Gedanken eines Engländers über die Rolle Deutschlands in Europa erst einmal gelegt, ist der Weg frei diese Gedanken zu überdenken. Manches muss man mehrmals lesen, um den wahren Beweggrund zu erkennen. Doch wie so oft im Leben, lohnt sich die Wiederholung, denn nicht alles ist beim ersten Mal offensichtlich. Nur eines darf man nicht: Dieses Buch ins Gegenteil verkehren. „Dear Germany“ ist keine Nationalismusfibel, die gegen etwas ist. Dieses Buch regt zum Nachdenken an.

Die Rache der Mercedes Lima

Ist sie es? Ja, sie ist es! Sie. Mercedes Lima. Vor gefühlten Ewigkeiten lebte sie in seinem Haus. Als Vater noch lebte. Alberto traut seinen Augen nicht als er im Supermarkt Mercedes Lima wiedererkennt. Sie hat sich kaum verändert. Auch sie erkennt ihn wieder. Doch Albertos Freude kann sie nicht teilen. Im Gegenteil: Sie rennt davon, bezahlt so schnell wie möglich und ist ebenso schnell verschwunden wie sie wieder in Albertos Leben getreten ist.

Die Schatten der Vergangenheit treten wieder klarer hervor, klarer als je zuvor. Daniel Rodríguez Mena war Albertos Vater. War. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Guatemala fest im Griff einer Junta, die Widerworte mit dem Widerhall von Gewehrsalven erwiderte. Eine gefährliche Zeit. Eine widerliche Zeit. Eine Zeit, in der Albertos Vater an der Uni dozierte und sein Zuhörerkreis regelmäßig ausgedünnt wurde. Ihm warf man vor, dass er zu wenig tue. Gar nichts tue.

Erst Ana Mercedes Lima weckt in dem bisher ruhigen Daniel Rodríguez Mena den Drang einzuschreiten. Aus Liebe zu Mercedes? Auch, aber vielmehr, weil er in ihr eine zu Schützende sieht. Sie ist fleißig und begabt. Ja, und gut aussehend auch. Und schwanger, was in ihr den Gedanken reifen lässt, das Studium abzubrechen. Daniel Rodríguez Mena will sie unbedingt davon abbringen und erfährt Dinge, die besser niemals an sein Ohr gedrungen werden. Er bietet ihr zu allem Überfluss auch noch Asyl an. Und dann eines Tages kommt er blutüberströmt nach Hause. Der kleine Alberto, gerade mal neun Jahre alt, sieht die Explosion von Blut, wie es in seinen Augen erscheint. Er hörte die Schreie der Mutter, die den Vater nicht mehr versteht und ihn zu seiner „Hure“ wünscht. Am nächsten Tag ist Daniel Rodríguez Mena tot.

Seitdem ist viel passiert. Albertos kleiner Bruder, Daniel, der damals die Blutspuren nicht sah, ist weit weg. Alberto arbeitet als Fotograf und ist verheiratet mit Luisa, die sich immer mehr in Luft auflöst. Guatemalas Junta ist nicht mehr. Doch ihre Krakenarme sind noch spürbar.

Genauso wie die Erinnerung an die schrecklichen Stunden als der Vater blutete und dann verschwand wie so viel in dieser Zeit. Mercedes, kann sicher Licht in dieses schwarze Familienkapitel bringen. Alberto stößt mit seiner Verfolgung von Mercedes Lima Türen auf, die Licht in seine eigene Geschichte bringen, doch neue Schatten erzeugen, die er nie mehr loswerden wird. Denn Mercedes trägt mehr als ein dunkles Geheimnis mit sich. Und das schon seit einem Vierteljahrhundert…

Arnoldo Gálvez Suárez stößt mit „Die Rache der Mercedes Lima“ ebenfalls mehr als eine Tür auf. Türen, die ein Land portraitieren, das maximal eingefleischten Atlaslesern bekannt ist. Guatemala gehört fast noch zu den weißen Flecken auf der Landkarte der Literatur. Mehrere Jahrzehnte stöhnte das Volk unter einem Bürgerkrieg, der hierzulande kaum größere Beachtung fand. Erst Mitte der 80er Jahre wurde ein Friedensvertrag geschlossen. Eine echte Aufarbeitung Juntazeit hat aber nie stattgefunden. Und so lauern immer noch zahlreiche Geschichten unter der demokratischen Decke in dem lateinamerikanischen Land. Die Geschichte von Mercedes Lima steht symbolisch für das ganze Land. Wem kann man trauen, wem nicht? Wer spielt welche Rolle? Alberto will nur wissen, wer seinen Vater auf dem Gewissen hat. War es die Junta, war es ein Eifersuchtsdrama? Oder spielen noch weitaus mehr Faktoren eine Rolle, um die Schatten endgültig im Lichte des Wissens auszulöschen?

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

Es ist schon fast ein Markenzeichen von Genies oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Oft wurden ihre Ideen und Theorien verlacht, hinweg gewischt oder gar verteufelt. Die Inquisition und die 30er, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stechen dabei besonders hervor. Und je fortschrittlicher die Gelehrten desto früher erkannten sie die Dringlichkeit der Abwanderung. Der Exodus an genialen Köpfen während der Nazizeit wirkt bis heute nach. Eine Stadt wie Princeton hätte sicherlich immer noch eine Universität, aber der Ausstoß an Uni-Devotionalien wäre heutzutage niemals so groß ohne beispielsweise Albert Einsteins Wirken vor Ort.

Apropos Albert Einstein. Er gehört unbestritten zu denen, die man als Erstes nennt, wenn man eine Liste mit Wissenschaftlern erstellen sollte. Max Planck gehört noch dazu. Werner Heisenberg, Marie Curie und vielleicht noch Stephen Hawking. Aber wer kennt schon David Hilbert? Der lehrte in Göttingen Mathematik. Mathe – oh je! Das meist gehasste Fach im Schulunterricht. Und doch ist die Mathematik die Grundlage für Physik und Chemie. Er war sozusagen das Rückgrat von Einstein. Beide rechneten. Dabei ging es nicht um Summen, vielmehr um Differenzen. Ohne Hilbert wäre Einstein nur einer von vielen gewesen.

Georg von Wallwitz setzt der Unkenntnis von David Hilbert ein Ende. Und was für eines. Voller Wortwitz, Detailverliebtheit, Tiefgang und Verständnis für Hilbert (aber auch für den Leser, denn Hilberts Wissen ist bis heute für die meisten eine Tür, die ewig verschlossen bleibt) setzt er ihn auf eine Stufe mit Größen, die auf anderen Gebieten zur ersten Garde gehörten. David Hilbert war – um den heute gängigen Sprachgefühl ein wenig Tribut zu zollen – der Mathematiker der Stars.

Einstein hatte schon seine Gravitationstheorie formuliert, musste sie aber noch beweisen. Hilbert bemängelte schon Jahre zuvor, dass die Mathematik schon seit Jahrhunderten ohne echte Beweise auskomme. Jedoch mussten Einstein wie Hilbert erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Jeder war ein Genie auf seinem Gebiet, das eigene Wissen mit anderen zu Teilen scheiterte – wie bei so vielen in dieser Zeit – an der Basis.

Wie kommt man aber nun dazu ein Buch über einen der hellsten Köpfe der Wissenschaft mit einem so scheinbar banalen Titel zu krönen? Der Titel weckt Interesse, so viel steht fest. Der Inhalt ist sicherlich keine leichte Kost, die FfF – Fußnoten für Fortgeschrittene – sind Knobeleien auf hohem Niveau. Doch Hilbert sah sich nie als abgehobenen Star, der über allen schwebt, er war ein bodenständiger Mann, und wohl auch deswegen auch so angesehen. Der Titel ist ein Zitat Hilberts. Nur einmal fuhr Hilbert aus seiner Haut. Gegenüber den Philologen in Göttingen, die unbedingt verhindern wollten (und es auch schafften), dass Emmy Noether, eine brillante Theoretikerin, von Hilbert gestützt, eine Professorenstelle erhalte. Denn eine Badeanstalt, wie es damals noch hieß, war streng nach Geschlechtern geordnet. Die einzige Ordnung, die Hilbert anprangerte…

Es ist auch für Mathe-Verweigerer ein Genuss dieses Buch zu lesen. Das liegt zum einen am untersuchten Objekt, genauso aber auch am Untersuchenden selbst. Die vermeintlich „zweite Reihe“ steht viel zu oft eben da. Georg von Wallwitz holt mit Eleganz und einem umwerfende Verständnis für Vorurteile gegenüber der Mathematik einen dieser Hinterbänkler an die Tafel. Ein spannender Vortrag, der an so manchem Vorurteil zweifeln lässt.

Pest & Cholera

Eine Biographie über Alexandre Yersin ist ein Selbstmordkommando. Der Mann war ja ständig unterwegs! Für ihn gab es seit frühester Kindheit kein Halten. Bei Louis Pasteur war er angestellt. Zu dieser Zeit finanziell eine Gelddruckmaschine, aus wissenschaftlicher Sicht ein Sechser im Lotto. Und was macht Yersin? Er will weg. Reisen. Forschen. China, und Vietnam waren seine Ziele. Hier erforschte er den Pestvirus. Und fand ein Gegenmittel. Immer mit besonderer Beachtung seines großen Gönners Louis Pasteur.

Die Art und Weise wie Patrick Deville dem verkannten Genie ein Denkmal setzt, versetzt den Leser in schiere Sprachlosigkeit. Wie ein Getriebener hetzt er dem nicht minder getriebenen Yersin hinterher. Ein knappes Mal umsteigen, um endlich in Asien anzukommen? Kein Problem! Yersin hat überall Spuren hinterlassen. Mal eben Hitler und Göring als Kunstsammler zu bezeichnen – Sarkasmus lag sicher auch dem Erfinder eines köstlichen Limonadengetränkes, das er besser mal zum Patent angemeldet hätte. Dann wäre Yersin heute noch buchstäblich in aller Munde.

Wissenschaftler zu portraitieren ist kein leichtes Unterfangen. Ihre Ausführungen ist mit Schulwissen kaum zu folgen. Und von Spannung sind die Forscher meilenweit entfernt. Patrick Deville kommt nicht einmal annähernd in den Verdacht Langeweile zu produzieren. Wie in einem Fortsetzungsroman reiht er das ereignisreiche Leben des Schweizer Forscher Alexandre Yersin an einer Perlenschnur auf. Man muss das Buch nicht an den Zähnen reiben, um festzustellen, ob die Perle echt ist. Sie ist es!

Paris, der Kanton Waadt in der Westschweiz oder fernes Asien – die Schauplätze sind echte Sehnsuchtsorte für Reisende. Für Yersin waren sie Mittel zum Zweck. Er steckte seine Nase in alles, was nach Forschung roch. Die Pest zu besiegen war eher Zufall für ihn. Die Ehrungen nahm er nicht entgegen. Denn ein Tag ohne Arbeit war ein verschenkter Tag. Selbst im hohen Alter war er nicht zu müde noch Neue zu entdecken. Altgriechisch und Latein wurden seine letzten Leidenschaften.

Heute findet man überall auf der Welt Hinweise auf sein Leben und Wirken. Eine Büste in Hongkong, eine Vogelart in Vietnam trägt seinen Namen, um nur zwei zu nennen. Nach der Lektüre fragt man sich, was wäre geschehen, wenn Alexandre Yersin die Pest in Europa in den Griff bekommen hätte? Oder wenn er die Limo zum Patent angemeldet hätte? Man würde ihn besser kennen. Hätte Yersin das gefallen? Nur, wenn man ihn weiter in Ruhe hätte arbeiten lassen. Er starb zufrieden fast achtzigjährig in Vietnam.