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Alles Eisen des Eiffelturms

Dieses Buch liest man nicht! Man flaniert durch dieses Buch hindurch. Sind die Füße ermattet, liest man es ein zweites Mal. Werden die Augenlider schwer, träumt man sich in ihm in die Stadt der Liebe, der Künstler, der Flaneure, des Lichts… Und eines Tages trägt am es in der Hand und tut es den Akteuren gleich. Dann, erst dann hat das Buch seinen Zweck mehr als erfüllt. Abgegriffen liegt in den Händen, die die Stadt einfangen wollen. Eselsohren sind die Leitpunkte der zahllosen Spaziergänge durch das Paris, das nicht mehr existiert. Ein Paris, das im Massentrubel ertrunken ist und mit immer wieder neuen erwachenden Angeboten um die Gunst der dürstenden Menge buhlt. Und sich dabei selbst stellenweise aufgibt.

Das Paris dieses Buches ist rund ein Jahrhundert jünger. Walter Benjamin und Marc Bloch. Geistige Väter – für manche Unruhestifter – eines Deutschlands, das in zwölf Jahren den Gegenentwurf zu allem Menschlichen liefert und in Tiefen stürzen wird, aus denen es bis heute nicht vollständig herausgeklettert ist.

Michele Mari ist der Marionettenspieler dieser zwei Köpfe, die in Paris als Passagiere der Verzweiflung gestrandet sind. Mit ihrem Willen gestrandet – ein Widerspruch? Mit Nichtem! Ihre Heimat ist nicht hier. Hier ist lediglich eine erste Endstation. Bis die Braunen und Grauen auch die Farbenpracht der Stadt an der Seine mit ihrem Schlamm bedecken. Es sind sie Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre zuvor. Sie lassen die beiden träumen, ackern, wünschen, hoffen, aber auch verzweifeln, argwohnen, frösteln, trauern. Ihre Bücher sind nur noch Asche. Ihre Namen Schall und Rauch. Doch nicht vergessen.

Sie treffen Menschen, die wir heute als Götter verehren. Namen wie Donnerhall, die in Paris das alte Paris der Künstler suchen, es zum Teil aufbau(t)en, es zu ihrem Paris machten. Und nun? Die Enge der Heimat schnürt Walter Benjamin die Kehle zu. Und bevor dies andere tun, ist er lieber Vertriebener in Paris als getriebener in Berlin. Marc Bloch wird das Versagen der französischen Streitkräfte beim Blitzüberfall der Wehrmacht auch Anfeindungen einbringen.

Michele Mari würfelt Realität und Fiktion derart durcheinander, dass dem Leser schwindelig wird. Hat man erst einmal begriffen, dass es unerheblich ist dies auseinanderhalten zu müssen, ist „Alles Eisen des Eiffelturms“ Pflichtlektüre für den nächsten Trip in die Stadt der Liebe.

Boulevard des Philosophes

Immer ganz nah am Geschehen, nichts hinzugefügt, aber noch weniger etwas ausgelassen. So kann man in zwei Sätzen diesen Rückblick, die Biographie, diese Ehrerbietung vor dem Vater beschreiben. Aber zwei Sätze reichen nun mal nicht aus, um dieses Buch, das vor mehr als einem Jahrhundert erschien – und nun endlich wieder auf Deutsch erhältlich ist – einzuordnen.

Biographen ist es in die Wiege gelegt Daten und Fakten der Reihe nach aufzuzählen. Wer hat wann das erste oder letzte Mal dies oder das getan. Heraus kommt allzu oft eine Tabelle in Prosaform, die sich zwar gut lesen lässt, jedoch das Wesen der beschriebenen Person nicht erfasst. Kaum hat man mal den Olymp der Charts erklommen, stehen schon die ersten Schreiberlinge auf der Matte, die jede Einzelheit aus dessen Leben genauestens kennen und daraus Profit schlagen wollen. Oft klappt das. Doch den Gipfelstürmer kennt man immer noch nicht.

Ganz anders in diesem Buch. Georges Haldas – fast vergessener Schweizer Poet – legt mit diesem Buch nicht nur Zeugnis ab. Er beschreibt seinen Vater als einen gebrochenen Mann. Bis zu seinem neunten Lebensjahr war Kephalonia die Heimat des kleinen Georges. Dann wanderten die Eltern in die Heimat der Mutter, die Schweiz, Westschweiz, aus. Hier begann für den Vater ein Leidensweg, den er zeitlebens nie mehr verließ. Als Buchhalter schlug er sich durch, um die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Als Ausländer war er ständigen Sticheleien ausgesetzt. Als gebildeter Mann war er nicht mehr gefragt. Selbst im eigenen Hause nicht.

Oft drohte er aufzubrechen, in den norden, nach Spitzbergen. Nur, um Ruhe zu finden. Gen Süden, Griechenland, Kephalonia zog es ihn hingegen nicht. Die Heimat war ihm fremd geworden.

Der kleine Georges sah dem Trauerspiel unverstanden zu. Erst im Alter begriff er den Vater samt Schmerz und Zorn. Daraus erwuchs dieses Buch, das an Intensität kaum zu überbieten ist. Den einen oder anderen großen Knall sieht man als Leser vielleicht kommen. Doch er kommt in Etappen und bröckchenweise. Das macht es sehr angenehm in diesem Buch von einer Kindheit zu lesen, die lange zurückliegt – Georges Haldas wurde 1917 geboren. Immer wieder ertappt man sich dabei diesen einen großen Knall vermeintlich überlesen zu haben. Beim Zurückblättern merkt man einmal mehr, dass dieser nicht vorhanden ist. Das ganze Buch ist dieser ersehnte Knall. Und wenn man ganz leise ist, aufmerksam liest, dann bemerkt man ihn schon während des Lesens.

Spaziergänge durch hundert Jahre Mode. Von der Gründerzeit bis in die Moderne

Es geht immer noch ein bisschen mehr. Oder weniger. Und alles kommt irgendwann wieder zurück – Weisheiten, die in keiner Modesendung fehlen dürfen. Ist es nur der fehlende Einfall zu ganz Neuem oder ist einfach schon alles erzählt worden?

Ob dieses Buch alle Antworten darauf hat, muss man selbst für sich entscheiden. Denn eines steht fest: Geschmack kann man zwar kaufen, aber ob es denn wirklich auch stilsicher ist… Die Frage, ob alles irgendwann mal wieder kommt, ist längst schon beantwortet – ja. Auch Schulterpolster und Neonfarben. Aber wo liegt der Ursprung? Vielleicht war das, was anscheinend wiederkommt zuvor schon einmal da?

Wer weiß (es)? Dieses Buch! Hier stehen die Ursprünge der modernen Mode Seite für Seite hübsch aufgereiht hintereinander.

Doch hier geht es nicht darum einfach nur aufzuzählen, wann welche Mode in Mode kam. Es geht um das, was uns alltäglich umgibt. Denn Mode ist nicht einfach nur ein paar Bahnen Stoff zusammenzuklöppeln, sich ein Image auszudenken und dann die Kasse klingeln zu lassen. Obwohl bei manch einer Shoppingtour dieser Gedanke nicht so abwegig erscheint. Nein, Mode ist harte Arbeit. Arbeit, die man nicht sieht. Wer weiß schon wieviel Vorbereitung nötig ist bis beispielsweise eine Bluse wirklich auf einem Kleiderbügel hängt? Die Geschichte dahinter, die eigentlich die Geschichte davor ist, ist nicht minder spannend.

Schon mal ein Schnittmuster in der Hand gehabt? Das lineare Stück Hochgefühl vermittelt auf den ersten Blick erst einmal keinen Eindruck von dem, was hinterher maschinell zum Leben erweckt wird. Es erinnert eher an Mixtur aus exakter Wissenschaft und einem Bild von Jackson Pollock. Willkür und Planeinhaltung in Einem.

Und so spaziert man stilvoll von den Zwanzigern, in denen eh alles erlaubt war (oder doch nicht), liftet höflich den Zylinder, wenn man an Moderfotografen wie Cecil Beaton und Horst P. Horst vorbeischlendert, taumelt im Irrgarten der Schnittmuster und schaut Modezeitschriftenmachern über die Schulter, wenn Sie Mode erschaffen.

Ein kurzweiliger, sehr lesenswerter Streifzug durch das, was uns anzieht.

Die Leipziger Passagen und Höfe

Wer Gäste hat, die zum ersten Mal Leipzig besuchen – so was soll’s ja tatsächlich noch geben – der zeigt als Erstes die Passagen der Innenstadt, der City, der Stadt wie der Leipziger sagt. Olle Goethe hat im Auerbachs Keller in der Mädlerpassage oft genug gezecht – bestimmt auch so manche zeche geprellt – das muss man zeigen, muss man gesehen haben. Stimmt! Aber, und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben, damit ist die Tour noch nicht einmal annähernd am Anfang einer großartigen Tour durch die Passagen und Höfe der Messestadt.

Jeder Stadtobere Leipzigs hält etwas auf die Messetradition in der Stadt. Hier wurden schon vor Jahrhunderten Salz, Gewürze, Felle … eigentlich alles, womit sich der Geldbeutel füllen lässt, Märkte und Messen abgehalten. Das erwirtschaftete Geld floss zu einem gewissen Prozentsatz auch ins Stadtsäckl. Und nach und nach wuchs die Stadt, zeigte, was man sich leisten konnte und ließ Marktplätze (überdacht) entstehen, die bis heute zum Bummeln einladen. Von der Luxusuhr bis zum handgebastelten Mitbringsel im Pop-Up-Store fand man schon immer alles innerhalb des Stadtkerns. Und nach der Wende erstrahlten die alten Handelsplätze, auch dank einiger (zu vieler) unseriöser Geschäftspraktiken im neuen Glanz. Die Geschädigten können dem sicher nur wenig abgewinnen. Besucher hingegen werden noch Wochen nach de Besuch von der Eleganz schwärmen.

Wolfgang Hocquél setzt dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt Leipzig ein neuerliches Denkmal. So schmal das Buch auf den ersten Blick aussehen mag, so prall gefüllt sind seine fotografischen Schätze. Das Füllhorn an Bling-Bling ist endlos. Als ob extra für das Fotoshooting jede einzelne Scheibe noch einmal auf Hochglanz poliert wurde. Kenner wissen, dass es hier immer so aussieht. Man zeigt, was man hat und schmückt sich gern damit.

Selbst Leipzig-Kenner werden hier und da in Staunen geraten. Die großen Passagen sind jedermann bekannt. Speck’s Hof, die bereits erwähnte Mädlerpassage und sicher auch Oelßner’s Hof lassen aufhorchen. Aber Jägerhof und Kretschmanns Hof – da muss man schon nachdenken. Obwohl man bei jedem Spaziergang durch die City daran vorbeiläuft. Ab sofort hält man kurz inne.

Auch Leipzig lässt den Fortschritt nicht spurlos an sich vorbeiziehen. Die neu geschaffenen Höfe am Brühl haben in diesem Buch ebenso ihre Daseinsberechtigung (der Mix aus neuerem Bestand und totalem Neubau war anfangs umstritten, mittlerweile nimmt man es in Leipzig als gegeben hin), wie die verschwundenen und versteckten architektonischen Perlen links und rechts von Brühl, Katharinenstraße und Marktplatz. Einfach nur Durchblättern ist bei diesem Buch nicht möglich. Lesen, Staunen, Stehenbleiben und nochmals Staunen – anders geht’s halt doch nicht.

Du existierst nicht

Das ist doch mal ein Titel! Da springt einem der pure Hass entgegen. Du bist nichts. Nicht einmal „ein Nichts“. Einfach nur nichts, nicht existent. Ein Thriller, ein Krimi, eine actiongeladene Story? Nein, es ist die Wahrheit. Slowenien, Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Balkanstaat Jugoslawien verfällt seit geraumer Zeit in seine Bestandteile seit dem Tito, der unumschränkte Herrscher der östlichen Adria das Zeitliche segnete. Das Machtvakuum, das er hinterließ, wird von allerlei Nationalisten mit Gier und Machtspielchen zu füllen versucht. Das Ende kommt mit Bombenhagel, Konzentrationslagern und ethnischen Säuberungen. Und das nach fast einem halben Jahrhundert nach der dunkelsten Zeit Europas. Eine Zeit, in der vieles aufgearbeitet und viel über Unrecht und Widerwärtigkeit berichtet wurde. So entstand 1991 auch der Staat Slowenien. Europa jubelte, die gesamte Bevölkerung (rund zwei Millionen) sah einer sicheren Zukunft entgegen. Die gesamte Bevölkerung? Nicht ganz. Ein reichliches Prozent von ihnen wusste noch nicht einmal etwas darüber, dass die vermeintliche Sicherheit – in „Rest-Jugoslawien“ krachten immer noch Bomben, zogen Nebelschwaden aus Häusergerippen, wurden Menschen wegen ihrer Herkunft gefoltert und ermordet – bald schon unverhofft ein kurzes Ende haben wird.

Hätte Zala das alles gewusst – Zala ist ein fiktive Figur, ihr Schicksal steht aber symbolisch für das vieler Frauen in dieser Zeit in diesem Land – sie hätte wohl anders entschieden. Sie ist schwanger. Das Kind wird bald kommen. Im Krankenhaus wird man ihr helfen, weiß sie, denkt sie, hofft sie. Doch sie existiert nicht. Sloweniens Regierung hat qua Gesetz alle nicht Slowenen – ohne direkte Ankündigung – aus den Melderegistern entfernt, gelöscht. Einfach gelöscht.

Zalas Eltern wurden von den Nazis aus Slowenien nach Serbien vertrieben. Nach dem Sieg von Titos Partisanen kehrten sie wieder nach Slowenien zurück, behielten aber ihre Identitäten. Wer nicht in Slowenien geboren wurde, ist kein Slowene. Hat somit keine Rechte, existiert schlicht und ergreifend nicht. Und hat somit keinen Anspruch auf medizinische Unterstützung. Da kann man bluten wie man will. Zala ist dem Zynismus der Empfangsdame im Krankenhaus ausgeliefert. Und es kommt noch schlimmer. Was passiert mit Illegalen? Sie werden abgeschoben. Und der Nachwuchs? Der ist doch per Geburtsort Slowene? Richtig! Der hat dann eben keine Mama und keinen Papa zu dem er gehen kann, wenn er etwas braucht. Ganz einfach! In den Augen der Bürokraten ist das so. Humanismus der einfachsten Art sieht anders aus.

Miha Mazzini greift in seinem Roman ein tiefschwarzes Kapitel Sloweniens auf. Denn hier wurden Menschen – bis vor einigen Jahren der Europäische Gerichtshof die Sachlage korrigierte – nur aufgrund ihres Geburtsortes als Illegale deklariert. Und die darf man abschieben. Sie ihrer Wurzeln berauben. Familien zerreißen. Die faschistischen Methoden wurden über ein Jahrzehnt knallhart durchgezogen. Ein einfacher Arztbesuch reichte, um das gesamte Leben umzustülpen. Eine Ausweiskontrolle – falscher Geburtsort – „Da ist die Tür!“ Den Ausweis verlängern – welchen Ausweis? Unvorstellbar. Aber wahr. Dieser Roman rüttelt auf und an den Gleichmachversuchen einer schwachen Regierung.

Reparationen – Im Dreieck Algerien, Frankreich, Deutschland

Algerien ist seit der Abspaltung des Südsudan das größte Land Afrikas. Die Fußballnationalmannschaft ist immer mal wieder ein unangenehmer Gegner bei Meisterschaften. Und die grüne Revolution hat hier viel Blut hinterlassen. Und wer schon mal Camus’ „Die Pest“ gelesen hat, dem ist Algerien nicht ganz fremd. Und weiter? Was wissen wir über das Land, das Europa geographisch so nah ist? Was wissen wir über das Land, das so fern erscheint? Die Antwort dürfet bei dem überwiegenden Teil der Befragten ziemlich spärlich ausfallen.

Wer jedoch das Programm des Verlages Donata Kinzelbach kennt, weiß, dass es ein Land voller kultureller Blüten steckt. Blüten, die lange ihren Reiz zeigen, die Tiefe der Geschichte nicht als Absturz begreifen, sondern als Vollbad der Erinnerungen. Und da verwundert es nicht, dass dieses Buch des Politologen Claus Leggewie hier verlegt wird. Hier ist die Heimat all derer, die Algerien in all seiner Pracht, inklusive der Schattenseiten, darstellen möchten.

„Im Dreieck Algerien, Frankreich, Deutschland“ lautet der Untertitel des Buches. Die Verbindung Algerien – Frankreich ist allgemein bekannt und logisch nachzuvollziehen. Der Unabhängigkeitskrieg Mitte des vergangenen Jahrhunderts wirkt bis heute nach. Doch Deutschland – Algerien? Nur als Spielansetzung bei der WM 1982 und 2014 noch immer präsent. Aber sonst? Auf über dreihundert Seiten kommen Antworten auf den Tisch, die verblüffen und zum Nachdenken anregen.

„Reparationen“ – dieses Wort lässt jeden, der es hört erstmal in Habacht-Stellung gehen. Der, der es ausspricht, weiß um die Macht des Wortes. Da hält jemand die Hand auf, die der Andere zu füllen hat. Doch Claus Leggewie ist weder Moderator zwischen Gebendem und Nehmenden. Er ist der Wegweiser aus der Vergangenheit und Animateur für alle, die sich unschlüssig sind, diesen Weg weiterzugehen. Ausschweifend, ohne den Spannungsbogen abfallen zu lassen, lässt er die Geschichte des nordafrikanischen Landes vor dem Auge des Lesers paradieren.

Dieses Buch ist sicher keine Lektüre, um sich mal schnell ein bisschen Wissen über ein Land anzueignen. Der Autor legt Schicht für Schicht der Geschichte frei, um alsbald der Gegenwart die Ehre zu erweisen und der Zukunft den roten Teppich auszurollen. Wer Algerien als Kulturkreis verstehen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Mord, Mystery & History

Da steigt man nichts ahnend in die Pariser Metro und … da liegt eine Frau. Nicht einfach so! Sondern tot. Geschehen am 16. Mai 1937. In ihrem Nacken steckt ein ziemlich langes Messer. Und der Täter! Fort. Hinweg. Verschwunden. Einfach so. Die Ermittlungen – ergebnislos. Zumindest offiziell. Denn die Akten darf niemand sehen. Sind unter Verschluss. Bis 2038, also einhunderteins Jahre nach dem Verbrechen. Denn die Dame – sehr gut aussehend, man wird nicht müde es zu betonen – spielte ein doppeltes Spielchen. Zum Einen das nimmermüde Partygirl, zum Anderen Spionin für die französischen Behörden im Kampf gegen die extreme (und einflussreiche) Rechte. Die Tatwaffe deutet jedoch auf Italiens Machthaber Mussolini bzw. seine willfährigen Helfer. War es vielleicht sogar ein doppeltes Doppelspiel. Ein paar Jahre müssen wir noch warten, dann werden die Akten geöffnet.

Wie wäre es damit? Man selbst ist ein gefürchteter Schlächter. Horden von Mannen stehen unter seinem Befehl. Gilt es jemanden, der der Mafia gefährlich werden könnte, aus dem Weg zu räumen, gibt es nur eine Adresse: Albert Anastasia. Circa tausend Opferkerben zieren seinen Opferstock. Heute steht wieder ein Barbierbesuch auf dem Plan. Es wird der Letzte sein. Gewehrsalven und der finale Kopfschuss bereiten dem Chef der „Murder inc.“ ein jähes Ende. Wer war’s? Mh, keiner weiß es. Vielleicht hätte Albert Anastasia sich mehr an die Gepflogenheiten und Regeln seiner Auftragsgeber halten sollen.

Mit diesen zwei Geschichten beginnt eines der spannendsten true-crime-Bücher. Alle Fälle sind echt. Genauso passiert, oder zumindest annähernd und allesamt tragen das Gütesiegel „Der perfekte Mord“. Einen Mord durchführen ist das Eine. Damit davonzukommen das Andere.

Journalist Ingo Gentner geht den Stories hinter aufsehenerregenden Schlagzeilen auf den Grund. Auch er vermag es nicht die wahren Mörder auf- und anzuzeigen. Doch das bisher Ermittelte ist allein schon Stoff genug für Schauergeschichten, oftmals sogar filmreif. Und so liest man sich durch die kurzen Kapitel und fragt sich selbst, wie es die Täter immer wieder schaffen ungeschoren davonzukommen.

Vielleicht sind sie es aber auch nicht, und ein weiterer Täter, der wiederum ungeschoren davongekommen zu sein scheint, hat Rache genommen … ein Teufelskreis. Doch das ist nur die eine Seite des Buches. Es kommen auch wahre Wunder ans Tageslicht. Wie der Überlebenskampf eines Polizisten aus Arizona. An einer Ampel crasht mit unvorstellbarer Wucht ein Auto ins seinen Streifenwagen. Der Unfallfahrer hatte einen Anfall und war nicht mehr Herr über seinen Körper. Zweieinhalb Monate liegt das Opfer im Koma. Dann kämpfte er sich zurück ins Leben. Sein Gesicht ist bis heute entstellt. Dennoch oder vielleicht deswegen bezeichnet er sich als glücklichen Menschen. Das sind die mysteriösen Seiten des Buches.

Wer sich in wahre Fälle eingraben kann, in ihnen aufgeht, wird dieses Buch lieben. Für alle anderen bleibt die unstillbare Neugier nach dem Unfassbaren, dem Grauenhaften, dem immer noch eine Faszination anhängt.

Nazi-Führer sehen dich an: 33 Biographien aus dem Dritten Reich

In einem Land, in dem Bücher verbrannt werden, wird man niemals das Erinnern auslöschen. In einem Land, in dem Hassschriften verbreitet werden, wird es immer Bücher geben, die dagegenhalten können. Als 1933 das perfide Machwerk „Juden sehen Dich an“ dauerte es fünf Jahre bis das gewiefte Buch „Naziführer sehen Dich an“ veröffentlicht wurde. Anonym, versteht sich. Walter Mehring portraitiert darin 33 Nazigrößen – ob die 33 mutwillig gewählt wurde oder Zufall ist? – die man kennen, um deren Tun man wissen und die man verteufeln muss.

Er kategorisiert diese Bekanntheiten – typisch deutsch – und klassifiziert sie nach Göttern, Halbgöttern, Provinzgötter (die dürfte dieses Buch wohl am stärksten persönlich getroffen haben), Heroen, betrogene Betrüger und Drahtzieher. Letztere Namen klingen bis heute nach … Thyssen. Hjalmar Schacht war in den 60ern Berater von verschiedenen Regierungen, die sich sein Wissen und seiner Ansichten zur Finanzpolitik gern annahmen.

Das Buch hat bis heute nichts an Tragweite verloren. Einzig die Tatsache, dass es im Präsens geschrieben ist, verwirrt anfangs. Schließlich ist es fast neunzig Jahre alt und ist in dieser Ausgabe dahingehend nicht verändert worden.

Man muss an dieser Stelle nicht auf jeden einzelnen eingehen. Das wäre zu viele der Ehre für die Schlächter von Millionen von Menschen und Brunnenvergifter ganzer Generationen. Aber es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es dieses Buch immer noch und wieder gibt.

Der anonyme Mehring geht in seinem Buch auf die Werdegänge der kleinen und größeren Führer ein. Er zeigt ihren Werdegang auf und mit welch drastischen Mitteln sie ihren Aufstieg ebneten. Von Erpressung bis Mord ist da alles dabei, was eigentlich auch im Dunkeldeutschland der Zeit von 33 bis 45 justiziabel gewesen war. Aber manche waren eben doch gleicher als andere…

Es sind vor allem die vermeintlich Unbekannten bzw. nur einem kleineren Kreis bekannten Machthaber, die dieses Buch immer noch so lesenswert machen. Über die Götter weiß man mittlerweile schon so viel, aber wer kennt schon Scheppmann noch? Oder Edmund Heines, Paul Hinkler und Martin Mutschmann? Nicht weniger bedeutend als die Lamettahengste der ersten Garde. Und bei Weitem nicht minder schuldig. Ein Lesebuch, das zusammen mit Klemperers LTI niemals an Aktualität verlieren wird.

Nur einmal mit den Vögeln ziehn

Siv, Aki, Anna Maria, Jens und Ivo – eine verschworene Gemeinschaft. Eine Bande, die zusammenhält und davon träumt, was nie passieren wird. Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden. Ihre Herkunft ist so verschieden wie es nur im richtigen Leben sein kann. Mutter Alki, Onkel Pastor, beide Eltern Zahnärzte, Rebellin, Zweifler, Künstler, Träumer und alle zusammen: Kämpfer.

Das Autorenpaar Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, kurz Sylvia Frank, beschreiben lebensecht eine Jugend in der DDR. Ohne „früher war alles besser“, was es definitiv nicht war, dafür aber mit grandiosem Feingefühl. Das alles umgebende Grau ist der Spielplatz der Jugendlichen, die für das Klettergerüst zu groß und für die Samstagabend-Disco zu jung sind.

Dreizehn Jahre umreißt der Roman, von 1977 bis zum Schicksalsjahr 1990. In diesem Jahr brechen die alten Träume, die bisher nie oder selten ernsthaft ausgesprochen wurden aus der Gruppe heraus und brechen die Gruppe entzwei. Neue Träume entstehen, das War wird barsch in die Ecke gestellt und das Wird übernimmt die Führung. Noch immer nicht ganz erwachsen stellen sich fünf junge Menschen der Herausforderung nun doch „mit den Vögeln ziehn“ zu können.

Wer in der DDR ebenso wie die Fünf groß geworden ist, wird immer wieder auf Eigenerlebtes gestoßen. Wer es nicht kennt, ist baff erstaunt, dass hier nicht schon früher alles umgekehrt wurde. Verständnis für die Fünf wird Hüben wie Drüben aufkeimen, wenn gesponnen, unbeschwert in den Tag hinein gelebt und den Widrigkeiten eine Nase gedreht wird. Beispielsweise wenn auch bei der Asche (so wurde die Nationale Volksarmee genannt, die jeder junge Mann achtzehn Monate aktiv unterstützen musste) Hanf angebaut wird. Oder mit dem Saxophon in eine Welt eingetaucht wird, die universell funktioniert.

Der titelgebende Soundtrack stammt von Tamara Danz, charismatische Frontfrau der Band Silly. Sie schriebe dieses Zeilen als der Krebs von ihr Besitz ergriffen und ihr jede weitere Chance schon genommen hatte. Der Tod als endgültiges Momentum, dem man nur mit einem Lied auf den Lippen begegnen kann.

Der Mann, der die Frauen-Europameisterschaft gewann

Achtung, das ist ein Roman! Geschrieben in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts, angesiedelt Ende der Dreißigerjahre des vergangenen. Schon allein die zeitliche Einordnung macht das Thema – und erst recht der Titel – zu einem spannenden Kapitel.

Wer heute die Ergebnislisten von Sportereignissen sich anschaut, wird mit ein paar Klicks die Brisanz der Story erkennen. Wien 1938. Im Hochsprung triumphiert die Ungarin Ibolya Csák mit übersprungenen 1 Meter 64. Doch im Stadion darf sie noch nicht jubeln. Denn jemand anderes ist sechs Zentimeter höher gesprungen: Dora Ratjen. Weltrekord zur damaligen Zeit.

Zeitsprung. Zwanzig Jahre zuvor ist sich Heinrich Ratjen nicht sicher, ob er sich über einen Jungen oder eine Tochter freuen soll. Denn die äußeren Geschlechtsmerkmale sind nicht eindeutig zuzuordnen. Die Hebamme meint aber es sei ein Mädchen. So ist es protokolliert. Und so wächst Dora wie ein Mädchen auf, wird genauso wie zu dieser zeit üblich als Mädchen erzogen.

Wieder ein Zeitsprung zurück ins Jahr 1938. Im Zug gen Norden sitzt eine Person. Die Medaille aus Wien um den Hals gehangen. Weltrekord. Gold bei den Europameisterschaften der Frauen gewonnen. Doch ein mulmiges Gefühl umgibt sie. Viele Passagiere gaffen sie an. So richtig wissen viele nicht warum. Sie müssen einfach gaffen.

Passkontrolle. Die Frau mit der Medaille wird aus dem Abteil geführt. Hier stimmt was nicht. Das haben die Passagiere schon gewusst. Auch die Frau wusste es. Nur anders.

Petr Manteuffel beschränkt sich nicht auf die Faktenwiedergabe. Die ist so spärlich, dass ein Sachbuch mehr einem Heftchen denn einem Buch ähneln würde. Er webt ein dichtes Netz aus falschem Nationalstolz, Verweigerung, Verschwörung, blindem Gehorsam und Ränkespielen. Bekannte Namen treten auf wie Reinhard Heydrich, Statthalter von Prag und prominentes Opfer der Nazis in den eigenen Reihen, selbst Mitglied der Fechtermannschaft. Aber auch involvierte Ärzte – Hitlers Leibarzt, der selbst nicht frei von den Verlockungen der chemischen Industrie war – kommen zu Wort und schreiten zur Tat.

In diesem Netz ist der Leser gefangen. So unrealistisch alles klingen mag, so real war die Geschichte, die schlussendlich kaum wahre Sieger kennt. Was steckte hinter dem ganzen Theater um Dora Ratjen? Nur ein geheimer Plan, um mit aller Macht Gold zu erringen? Ein Sportwettkampf als Experimentierfeld für kommende Ereignisse? Der Roman kann keine Fragen beantworten. Aber er kann Fragen stellen. Und die sind es, die das Weiterlesen derart vorantreiben, dass man nach 160 Seiten erst einmal kräftig durchatmen muss.