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Ein Bauch spaziert durch Paris

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Sternekoch, Musiker, Autor … und nun auch noch Reiseleiter in Sachen Kulinarik. Vincent Klink nur als Fernsehkoch zu sehen, wäre schändlich. Denn viele seiner Kollegen haben nicht mal ein Restaurant (was zumeist auf der ersten Silbe betont wird, klingt wahrscheinlich fachmännischer). Schändlich wäre es auch in Paris sich nicht den lukullischen Genüssen hinzugeben. Und so trägt Vincent Klink seinen Bauch vor sich her – der Titel verrät es bereits – und die magenlärmende Sehnsucht im Herzen. Alle Sinne sind geschärft.

Ihm geht es nicht anders wie den meisten von uns. Vor Aufregung kann er die Nacht vor der Abfahrt kaum schlafen, ist überpünktlich am Bahnhof. Mit dem TGV dauert die Fahrt nur rund dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden bis man an der Gare de l’Est endlich Pariser Luft schnuppern kann. Und dann raus in die Stadt der Liebe, in die Stadt des Genusses, auf nach Paris. Würde er in der Gare de Lyon ankommen, würde die Flucht in die Stadt etwas länger dauern. Denn hier gibt’s das eindrucksvollste Restaurant der Pariser Bahnhöfe, das Le Train bleu.

Vincent Klink ist angekommen in Paris. Ein kühles Bier wäre ihm jetzt am liebsten, doch der heißeste Tag des Jahres verbietet dieser Leidenschaft nach zugehen. Ein kühles Blondes und die geballte Wucht der Sonnenstrahlen hätten nur eines zur Folge: Er würde noch mehr schwitzen. So macht er sich auf seinen ersten Erkundungsgang bevor es ins Hotel geht. Und das Rezept für die Jüdische Hühnersuppe liefert der Küchenmeister gleich mit.

„Ein Bauch spaziert durch Paris“ ist mehr als nur eine Reiseschilderung eines neugierigen und hungrigen Chefkochs. Es ist ein Kulturführer der besonderen Art für alle, die die Attraktionen der Stadt an der Seine bereits kennen. Es ist kein reiner Restaurantführer. Wie zufällig nimmt Vincent Klink Platz, studiert die Karte und beobachtet die anderen Gäste. Er formt sich ein Bild von Paris, das jeder nachvollziehen kann, der sich wie der Autor die Zeit nimmt Paris einzuatmen, es zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Immer wieder streut er Rezepte ein, man kann es zu Hause nachkochen oder man fährt selbst nach Paris. Denn auch Restauranttipps gibt der Koch aus Leidenschaft zuhauf.

So hat man Paris noch nie erlesen! Als belesener kulturinteressierter Mensch – seine Geschichten reichen von den Templern und Napoleon III. über Heine und Wagner bis zu den Impressionisten und den französischen Präsidenten – ist Vincent Klink der ideale Reiseleiter. Auch hat er sich seine neugierige Ader bewahrt. Nichts liegt ihm fern als den Leser zu bevormunden. Er gibt Hinweise und Tipps, wo man einkehren kann, und liefert dazu das passende Rahmenprogramm. Zahlreiche Anekdoten sind die Würze während der gastronomischen Ausflüge. Wenn Vincent Klink nicht schon einen Stern hätte, müsste man ihm einen für dieses exzellente Werk einen verleihen.

Dieses Buch genießt man wie ein Sterne-Menü. Jeder Gang, jedes Kapitel ein Genuss für sich. Wer die Zutaten, die Seiten hinunterschlingt, ist zwar satt, aber der Schmerz der Fülle fällt dem Vergessen anheim. Was ein Frevel!

Es ist erstaunlich, dass es immer wieder neue Bücher über Paris gibt. Die Seine-Metropole ist noch nicht satt an guter und bildgewaltiger Literatur. Die einschlägigen Hotspot-Aufzähler weit hinter sich lassend, sind es Bücher wie dieses oder die City impressions Paris, die es dem Leser schwer machen sich von Paris fernzuhalten. Ob nun mit dem geschulten Auge eines Fotografen oder der lukullischen Schnitzeljagd (nur im übertragenen Sinn) eines Sternekochs: Paris erobern ohne diese Bücher vorher gelesen zu haben, wäre wie Paris ohne die Seine. Möglich, aber nur die Hälfte wert.

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Es ist immer wieder schön zu sehen wie „die da oben“ auf die Nase fallen. Doch genauso sicher ist auch, dass „die da oben“ auch wissen wie man da wieder rauskommt. Louis XVI. König von Frankreich heiratete einst Marie Antoinette, die Schwester von Karl Joseph II., Kaiser von Österreich. Sie stand mehr als „normal“ unter dem Einfluss ihrer Mutter Maria Theresia.

Ihr Gegenspieler in dieser Posse, dieser Affäre, diesem Skandal war Kardinal-Erzbischof Louis René Édouard de Rohan. Er stammte aus einer der reichsten und einflussreichsten Familien Frankreichs. Seinen klerikalen Titel hatte er nicht umsonst bekommen… Natürlich suchte er die Nähe der Königin, doch die ließ keine Möglichkeit aus, ihn spüren zu lassen, dass sie ihm in keinster Weise zugetan ist.

Es war ein bisschen wie es heute noch oft der Fall ist: Hinterbänkler sucht mit fragwürdigen Methoden die Aufmerksamkeit der vor ihm Sitzenden zu erhaschen. Meist passiert das heute während der so genannten Saure-Gurken-Zeit, wenn das Parlament in der Sommerpause ist.

In Jeanne de la Motte, einer Adligen, die dank des Ungeschicks ihrer Ahnen nur noch per Namen blauen Geblüts war, bekommt Rohan scheinbar die Möglichkeit sich der Königin zu nähern. Er lässt sich dazu hinreißen ein sündhaft teures Geschmeide, ein Halsband, fertigen zu lassen, welches er der verarmten Jeanne de la Motte, geborene Valois, übergibt. Die denkt nicht daran es der Königin zu überreichen. Sie verduftet. Und der gehörnte Rohan bleibt auf den selbst für ihn enormen Schulden sitzen. Und auch der Juwelier wird nicht bezahlt.

Als Sündenbock wird Rohan ausgemacht. An Mariä Himmelfahrt, dem 15.6.85, 1785, wird er abgeführt. Er hat zwei Möglichkeiten: Die Strafe des Königs, wir sind im Zeitalter des Absolutismus, da hat nur einer recht, und der trägt ’ne Krone, anzunehmen oder sich vor Gericht zerren zu lassen. Dumm nur, dass der König auch gleichzeitig Richter ist. Um die absolutistischen Neigungen zu verschleiern, lässt der König seine Untertanen seine Arbeit verrichten. Der Ausgang des Verfahrens hat keine Sieger. Ein paar Jahre später wird alles Royale einen Kopf kürzer gemacht. Die Intrigantin wird gefoltert, gebrandmarkt und verbannt. Kurze Zeit später kann sie ganz offiziell fliehen, ohne dass die Behörden ihr auf die Pelle rücken werden. Der Klerus insistiert gegen den König. Das Volk wird durch die Veröffentlichung der Prozessakten genau über die Machenschaften ihrer Regenten informiert.

Wer Parallelen zur Gegenwart ziehen will, ist herzlich eingeladen, dies zu tun. Auch 230 Jahre später „die da oben“ immer noch dabei ihr Tun und Handeln zu verschleiern. Ihre Skandale sind heute jedoch in der Mehrzahl Belustigungsobjekt und Teil der Zerstreuungsmaschinerie. Wer letztendlich Täter und wer Opfer war, kann sich nur schwer sagen lassen. Beide Lager haben ihren Beitrag geleistet. Es gibt keine Nur-Täter und keine Nur-Opfer.

Sich an das zu erinnern, was vor einem Jahr war, fällt schwer. Was vor zehn Jahren passierte, dafür braucht man meist schon Hilfe von der Familie und Freunden. Aber vor 230 Jahren: Dafür braucht man Bücher. Bücher wie dieses. Ein Ereignis, in dem sich die Mächtigen eines Landes des Verrates an selbigem strafbar machen, ein Buch zu widmen, macht Geschichte erlebbar. Nun sind es nicht mehr nur (Jahres-)Zahlen, die man für eine eventuelle Prüfung benötigt, es sind Menschen, echte Ereignisse und Skandale, die dem oft ungeliebten Fachgebiet Geschichte ihren Reiz verleihen. Vor allem, wenn sie so ansprechend formuliert und so detailreich beschrieben sind.

Meine Skandale

Meine Skandale

Wenn man den Namen Gabriel Astruc auf der deutsche Seite von Wikipedia eingibt, sieht man den Namen rot unterlegt. Kein Artikel. Eine kurze Nennung, mehr nicht. Er erbaute das Théâtre des Champs Èlyssée, das 2013 in Paris sein hundertjähriges Bestehen feiern konnte – der Name erinnert an den ursprünglich gedachten Platz. Fast vier Jahre dauerte der Bau des imposanten Gebäudes, von der Genehmigung bis zur Eröffnung, das vom ersten Tag an Erfolge feierte bzw. Skandale produzierte wie kaum ein anders Haus.

Claude Debussy und  Richard Strauss dirigierten hier ihre Werke. Das Ballett Russes wurde frenetisch bejubelt. Es waren die letzten Jahre der Belle Epoque. Paris war auf dem Höhepunkt der künstlerischen Schaffenskraft. Die Impressionisten waren anerkannt, der Kubismus und Expressionismus waren auf dem Sprung. In den Cafés traf man Künstler, deren Namen heute zu Synonymen geworden sind. Dennoch war es eine traditionelle Zeit. Man konnte sich nicht alles erlauben. Das musste auch Gabriel Astruc schmerzvoll lernen. Der zeitgenössischen Musik galt sein Herz, was ihm doch sehr schnell gebrochen wurde.

Zur Eröffnung des Tempels der Moderne wagte er das Risiko und hob „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz auf den Premierenspielplan. Ein Stück, das bei der Uraufführung schon für Furore sorgte und dem keine lange Spielzeit vergönnt war.

Das Théâtre des Champs Èlyssée war zwei Monate geöffnet. Claude Debussys „Jeux“ sorgte nicht gerade für Begeisterungsstürme, um es milde auszudrücken. Ende Mai 1913 sollte Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ uraufgeführt werden. Im Publikum saßen Picasso und Chanel. Auf der Bühne wirbelten die Tänzer zur Choreographie von Vaslav Nijinsky. Im Foyer, nach der Vorstellung, tobte das Publikum. Eine Fraktion war begeistert, und sah sich den Anfeindungen der Gegner ausgesetzt.

Gabriel Astruc hatte bereits Jahre zuvor im Théâtre du Châtelet einige Skandale auszuhalten. Er war sich seiner Sache immer sicher, weswegen auch kaum schnöde Beschimpfungen seiner Kritiker in seinen Memoiren zu lesen sind. Die Zeit gab ihm recht. Er hatte ein glückliches Händchen für Skandale. Für sich selbst übersetzt er Skandal mit Stolperstein.

Seine Biographie „Meine Skandale“ ist kein Handbuch des Scheiterns. Es ist vielmehr die Bibel des Mutes. Man konnte ihn beschimpfen, anfeinden, sich über ihn beschweren. Doch Kleinkriegen ließ er sich nicht. Das ist sein Vermächtnis.

Montparnasse und Montmartre

Montparnasse und Montmartre

Für viele ist Paris mit Montmartre oder Montparnasse gleichgesetzt. Und tatsächlich sind die beiden Hügel nicht aus dem Stadtleben wegzudenken. Anfang des 20. Jahrhunderts bebte hier das künstlerische Herz Frankreichs, Europas, wenn nicht sogar der Welt. Wer sich hier die Klinke in die Hand gab, dessen Name hallt bis heute nach. Picasso, Satie, Proust, Cocteau sind nur ein geringer Teil derer, die Paris fast allein nur durch ihre Präsenz zum künstlerischen Epizentrum der Welt krönten. Dan Franck bringt Licht ins mittlerweile verblasste Paris des Post-Fin-de-Siècle. Wer heute durch Paris schlendert, muss schon ganz genau wissen wonach er sucht. Dieses Buch ist der Reiseführer für Erwachsene, die Paris poetisch, impressionistisch, expressionistisch, kubistisch, intellektuell, aufrührerisch, avantgardistisch erleben wollen.

Nicht jede Stadt auf der Welt kann sich rühmen derart geballt so viele führende Köpfe einer Epoche und so vieler Genres einmal beherbergt zu haben. Sie lebten, litten und wirkten auf einem Areal, das flächenmäßig kaum erwähnenswert ist. Mit kindlicher Freude schreibt der Autor vom Leben wie es kaum woanders möglich war. Hier war Paris am französischsten, aber auch multikulturell. Keine explosive Mischung, eher eine befruchtende. Man half sich untereinander aus. Agenten, Galeristen und Kunstsammler halfen so manchem Künstler über eine Durststrecke hinweg.

Wer Kunst sammelte, für den lag hier der heilige Gral. Für ein paar Francs konnte man Kunstwerke erwerben, deren Wert sich bis heute millionenfach auszahlt. Ein France entspricht heute ca. sechs Euro. Kaum zu glauben, dass ein Pablo Picasso für einen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen(Franc-)Betrag Auftragsarbeiten erledigte.

Detailreich und ungeheuer aufwendig recherchiert nimmt dieses Buch den erfahrenen Parisbesucher mit auf eine Reise durch das Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die zahllosen Anekdoten machen dieses über fünfhundert Seiten starke Buch zu einem Juwel unter den besonderen Parisgeschichten. Die Preisverhandlungen mit Clovis Sagot sprechen Bände. Anfangs bot er Picasso 700 Francs. Der Maler zögerte und verkaufte ein Bild schlussendlich für weniger als die Hälfte.

Ein weiterer ausgefuchster Kunsthändler war Ambroise Vollard. Eines Tages spazierte Gertrude Stein in sein Geschäft. Wie er der später bekanntesten Kunstsammlerin gekonnt die Franc aus der Tasche zog, bringt den Leser mehr als nur zum Schmunzeln. Doch keine Angst, die resolute Dame hat auch ihren Schnitt gemacht.

Wer Paris als riesige Einkaufsmeile betrachtet, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Wer die Hotspots von Paris wie seine Nachbarschaft kennt, wird hier ein wahres Wunder erleben. Mit genauen Adressangaben kann man anhand dieses Buches durch Paris flanieren, den Hauch der Kunst-Geschichte atmen und sich darüber freuen, dass La Butte („das Hügelchen“, so nennen die Parisienne Montmartre) und Montparnasse sicherlich als Sinnbild für ganz Paris herhalten, aber man nun ganz genau weiß warum. Über zweihundert Abbildungen unterstreichen den von der ersten Seite an exzellenten Eindruck.

1965 – Rue de Grenelle

1965 - Rue de Grenelle

Rue de Grenelle, Paris. Beste Wohnlage. Hier wird sich Steffen im Oktober 1965 auf seine Aufnahmeprüfung an einer Eliteschule vorbereiten und ein paar schöne Tage bei seinem Freund André verbringen. Lang haben sie sich nicht gesehen und sicherlich viel zu erzählen.

Doch es kommt ganz anders. Die unbekümmerte Vertrautheit der Vergangenheit ist geschäftigem Treiben gewichen. André ist schwer beschäftigt. Zusammen mit Anderen arbeitet er an einer Karte des Pariser Untergrundes. Vor zwanzig Jahren waren die Katakomben unter der Stadt Zufluchtsort für alle, die dem Naziterror entkommen konnten. André ist zeitweise richtig abweisend zu Steffen. Und über die überaus spannende Arbeit will er auch nicht reden.

Bei einem Konzert von Chet Baker lernt Steffen Sarah kennen. Auch sie scheint in Eile zu sein. Als Steffen eine unbedachte Äußerung macht, ist sie weg, bevor er sich für seine Torheit entschuldigen kann. Die Gelegenheit zur Entschuldigung kommt für ihn früher als er denkt. Sie ist Jüdin und fand seinen lockeren Spruch über Chet Bakers Aussehen, das er mit dem von KZ-Überlebenden verglich mehr als unpassend. Trotz seiner Naivität fühlt sich Sarah zu ihm hingezogen. Sie arbeite an einem Dokumentarfilm, erzählt sie ihm freimütig. Steffen beginnt sich für die Schönheit, die ihm doch nicht so viel von sich erzählt wie er anfangs meint, zu interessieren.

Andrés Art verstört Steffen zusehends. André, der weltoffene Freigeist, der dem deutschen Nachkriegskind die Vorzüge der französischen Kultur näherbrachte, wirkt ruppig, ja fast schon ablehnend. Steffen scheint André irgendwie zu stören bei dem, womit André sein Geld verdient.

Die Aufnahmeprüfung ist durch, die Heimreise steht bevor. Doch Sarah geht Steffen nicht aus dem Kopf. Viele raten ihm von der Beziehung ab. Aaron, der Steffen als Sarahs Vater vorgestellt wurde, mag Steffen nicht. Als Auschwitz-Überlebender hat er mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Die zwielichtigen Genossen, mit denen Aaron und Sarah öfter zusammenhängen erregen Steffens Aufmerksamkeit. Und er ihre! Grob und bestimmt bitten sie ihn seine Spionagetätigkeit einzustellen. Spionage? Was soll das jetzt? Als er André darauf anspricht, reagiert er wortkarg.

Sarah und Steffen finden zueinander, verbringen eine wunderbare Zeit. So hatte sich Steffen seinen Aufenthalt hier vorgestellt. Laissez-faire, une affaire, tres bien.

Sarah ist irgendwie in irgendwas verstrickt. Als Jurastudent, der sich mit der Schuldfrage seiner Generation nicht nur aus Studienzwecken beschäftigt, reimt sich Steffen einiges zusammen. Nicht immer zu seinem Vorteil. Die Einschläge der Gewissheit werden immer heftiger und kommen öfter…

JR Bechtle verwebt eine rührende Liebegeschichte im Dickicht der Ober- und Unterwelt der Stadt der Liebe mit einem waschechten Politthriller. Mehdi Ben Barka war einst Präsident Marokkos bevor er das Land verlassen musste. Ende Oktober 1965 wird er in Paris entführt und ermordet. Die Mörder wurden gefasst und verurteilt, die Hintermänner halten sich bis heute bedeckt.

Die Jüdin Sarah reist im Roman öfter zu Ben Barka nach Genf. Ihre Rolle in dem Drama ist schwer zu durchschauen, sowohl für Steffen als auch für den Leser. Selten zuvor wurden recherchierte Fakten derart gelungen in einem Roman miteinander verbunden. Dieses Buch ist eine Neuentdeckung, selbst für Paris-Kenner. Die Unterwelt als erlebbares Highlight heute nur nach Voranmeldung erlebbar, wird durch dunkle Gestalten und geheimnisvolle Bewohner der Stadt nachvollziehbar.

Paris als Tummelplatz für Künstler und Agenten – „1965 – Rue de Grenelle“ zieht unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Steffen ist kein Agent, kein neugieriger Junge, der auf Tom Sawyers Pfaden wandelt. Dennoch lässt er sich unmerklich in den Strudel aus politischer Intrige und gefühlvoller Romanze hineinziehen. Den Leser im Schlepptau. Immer tiefer, immer weiter in den Untergrund von Paris. So hat man Paris noch nie gesehen.

Für die Oberfläche empfiehlt sich der Band „Impressions of Paris“ aus der City Impressions Reihe von Vagabond books. Beide Bücher beeindrucken durch ihren Detailreichtum über die Stadt an der Seine. Beide sind auf ihre Art Schwergewichte für jeden, der Paris ober- und unterhalb von Tour Eiffel und Arc de Triomphe kennenlernen möchte. Das Licht des Alltags erstrahlt derart intensiv, dass das Ungewöhnliche als normal erscheint.

City impressions – Paris

Paris City Impressions

Eine Stadt sieht man zuerst immer durch ein Zugfenster, ein Guckloch im Flieger oder durch die Autoscheibe. Dieses Paris sieht man zuerst durch Paris. Klingt unlogisch? Wie alle Bücher der beeindruckenden Reihe City Impressions ist der Einband mit dem Umriss der Stadt durchbrochen und gibt den Blick auf die ersten optischen Leckerbissen preis. Im Gegensatz zu anderen Bildbänden wird in diesem Band das Niveau auf ganz hoher Linie gehalten.

Bernd Rücker fotografiert Einzigartiges, Momentaufnahmen, die nie wiederkommen. Er setzt Paris so gekonnt in Szene, dass einem beispielsweise die Glaspyramide des Louvre so neu vorkommt, dass man daran zweifelt jemals dort gewesen zu sein. Alltagsposen werden auf ein Podest gehoben, das man als Tourist niemals als solches wahrnehmen würde.

Paris kennt man, entweder war man schon mal dort oder hat eine der zahlreichen Reportagen im Fernsehen mit Interesse verfolgt. Die Seine und der Triumphbogen taugen schon lange nicht mehr als Quizfragen. Auch, dass das Original der Freiheitsstatue in der Seine auf Entdecker wartet ist ein Mythos. Das weiß jeder. Und jeder hat dies alles schon mal fotografiert, um zu beweisen, dass man auch zu den jährlich über fünfzehn Millionen ausländischen Besuchern der Stadt der Liebe zählt. Doch was kommt nach dem Urlaub, dem Citytrip? Alltag. Trist und grau. Das Eis bei Berthillon auf der Île de la Cité – vergessen. Der vin rouge im Pigalle – ein fader Nachgeschmack, mehr nicht.

Die Paris-Ausgabe der City Impressions von Vagabond-books lässt die Erinnerungen wieder hochleben und vieles, das man so im Vorbeigehen mitgenommen hat in einem völlig neuen Licht erstrahlen. Close ups, die das augenblickliche Paris für immer festhalten und die Sehnsucht nach baldiger Wiederkehr schüren.

Irgendwo zwischen „das kenn ich doch“ und „kommt mir irgendwie bekannt vor“ blättert man sich sorgsam Seite für Seite durch das opulente Schwergewicht. Wie in Paris gibt es immer was Neues zu entdecken.

Und wer noch niemals in Paris war, der erlebt ein bildgewaltiges Wunder. Doch er wird mit dem Gesehenen nicht allein gelassen. Ein weiteres Markenzeichen der City Impressions sind die kleinen Geschichten. Florence, die Ausreißerin, die die Stadt mit den Augen (in diesem Falle) einer Unschuldigen sieht. Adrien, der Straßenmusiker, der nur hier die Musik atmen und sich ihr ganz und gar hingeben kann. Paris als Stadt der Träume und der Musik, aber vor allem der Liebe. Die kurzen Abschnitte gönnen den Augen die nötige Ruhe, um nach ein paar Minuten wieder in den Bilderrausch eintauchen zu können.

Auch „Paris – Eindrücke aus Paris / impressions of Paris“ ist in zwei Varianten erhältlich: Deutsch / Englisch und Französisch / Spanisch. Bei einer Grüße von 32 mal 30 Zentimetern und einem Gewicht, das man schon in Kilogramm misst, sicherlich kein Buch, dass man in Paris ständig unterm Arm trägt. Aber hinterher – also nach dem Urlaub – immer wieder hervorkramen wird.

Das private Leben der Impressionisten

Das private Leben der Impressionisten

Unvorstellbar! Paris ein stinkendes Loch, keine Boulevards, keine Prachtbauten. Und zwischendrin Maler, die für ein paar Francs Monatsgebühr malten und malten und malten, nur um des Malens willen. Das Erscheinungsbild hat sich gewandelt: Paris ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Und die Bilder von Claude Monet, Camille Pissaro und Paul Cezanne erzielen regelmäßig schwindelerregende Preise. Dieses Bild ist gerade mal reichlich anderthalb Jahrhunderte her. Monet malte Karikaturen und konnte schon gut davon leben. Cezannes Aktbilder erregten damals schon Aufsehen, öffentlich, weil die Damen nackt waren, bei Kollegen wegen des groben Stils. Hier im Atelier von Pere Suisse begann das, was alsbald als Impressionismus die Welt veränderte.

Sue Roe unternimmt mit dem Leser einen umfassenden bild- und wortgewaltigen Rundgang durch das Leben der Impressionisten. Sie führt an Orte, die vielfach auf Gemälden festgehalten wurden. Sie malt buchstäblich Bilder vom Schicksal einer Gruppe Künstler, die erst zweieinhalb Jahrzehnte später mit einer Ausstellung in Amerika den Ruhm zugesprochen bekam, der ihr zustand.

Cezannes Ankunft in Paris blieb Monet verborgen, er musste seinen Militärdienst in Algerien leisten. Nach seiner Rückkehr an die Seine besuchte er die Schule von Charles Gleyre. Dort studierten zu der Zeit auch Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley. Das halbfertige Paris und die halbfertigen Impressionisten – eine brodelnde Zeit. Alle Künstler hatten sich bei ihren Studien kennengelernt. Edouard Manet hingegen stieß durch den von Napoleon III. angeregten Salon des Refusés der illustren Truppe. Hier wurden alle von der Akademie abgelehnten Bilder ausgestellt. Galeristen und Agenten gab es damals kaum bis gar nicht. Edouard Manet brachte Edgar Degas in die Gruppe ein. Die war nun fast komplett…

Paris als Lehrstätte war gerade gut genug. Ihrer Kunst gingen die Künstler vor den Toren der Stadt nach. Hier tummelten sie sich unter den Vergnügungssüchtigen der Stadt. Nach und nach bekommen ihre Bilder Struktur, werden durch Zolas Artikel einem breiteren Publikum zugängig. Anerkennung von der Akademie? Fehlanzeige! Werden zu Beginn des Buches die Grundlagen für den Leser gelegt, damit er Impressionismus, die Zeit, die Moralvorstellung erkennt, nimmt das Buch ab dem zweiten Viertel richtig Fahrt auf. Kleinere Streitereien – Degas liebt es Manet zu foppen, der wiederum ist genervt, das Monet von dessen Ruf zu profitieren scheint – bringen Schwung in die immer noch starre Gruppe.

Eine Biographie über einen Künstler zu schreiben, ist eine Aufgabe, die man nicht eben so erledigt. Archive müssen gewälzt, Experten befragt werden. Bei einer Biographie einer ganzen Künstlergruppe gibt es zwei Möglichkeiten: Man schreibt zu jedem der Mitglieder eine Biographie und versucht dann Parallelen und Schnittpunkte zu finden oder man macht es wie Sue Roe. Sie lässt das Leben der Mitglieder Revue passieren. Oft sind sie gemeinsame Wege gegangen, haben in den gleichen Cafés das Leben beobachtet und gemalt, diskutiert, später ihre Kunst hinterfragt und ihren eigenen Weg beschritten.

„Das private Leben der Impressionisten“ ist keine Aufzählung markanter Ereignisse im Leben einer Gruppe von Künstlern, die unverstanden erst spät in den Fokus der Öffentlichkeit traten. Sie waren zu Lebzeiten bekannte Künstler, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Anerkannt bzw. bekannt waren sie allemal. Was dieses Buch von allen anderen derart hervorstechen lässt, ist die genüssliche und faktenreiche Erzählweise. Wie in einem fortschreitenden Roman treten reale Personen auf, die wie Du und Ich ihrer Leidenschaft frönten. Alle Anekdoten sind belegt, ihre Intensionen nachvollziehbar. Wer, wann, warum welchen Weg einschlug, bebildert Sue Roe mit Worten, die sich nicht hinter den Werken der Protagonisten verstecken müssen.

Mein Paris

Mein Paris

Einmal Paris so richtig genießen, ganz tief eintauchen, es so sehen wie kein Anderer. Das wär’s! Für die meisten reicht es dann für Eiffelturm (meist dann auch noch nur mit einem F), Champs Elysees und vielleicht noch Sacre Cœur. Den Rest kennt man von der Schlussetappe der Tour de France. Doch wenn man schon mal da ist, in Paris, dann wäre es doch schön einen Reiseführer zu haben, der eben mehr als nur die Touristenhighlights zu bieten hat. Am besten Einen, der sich hier auskennt, hier geboren ist, hier lebte, und am besten Deutscher ist. Denn die Unterschiede sind trotz aller Nähe immer noch da – was allsonntägig auf arte in der Sendung „Karambolage“ zu erfahren ist. Verdichtet man seinen Wunsch derartig, bleibt nur einer übrig: Ulrich Wickert.

Beschwingt wie ein Chanson der jungen Françoise Hardy schlendert der Journalist durch Paris. Faktenreich, exakt und zackig wie ein Militärmarsch parliert er in Geschichte. Einzelne Kapitel sind zweigeteilt: Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit. Erst ein Spaziergang, dann die historischen Exkurse.

Und so schlendert man lesend durch die Stadt der Liebe. Vorbei und mittenrein. Notre Dame, Arc de Triomphe, Champs Elysees, Place de la Concorde – alles bekannte Namen. Und doch zeigen sich beim Lesen Wissenslücken auf. Die schließt Ulrich Wickert gekonnt. Wie kaum ein anderer Schreiber versteht er es sein enormes Wissen ohne den Zeigefinger zu heben dies zu vermitteln. So wird ein Stadtbummel en passant zu einer Lektion in Geschichte, Geographie und französischer Kultur. Paris wird nie mehr nur ein Reiseziel sein. Paris ist von nun an Liebe.

Die Boulevards, übrigens ein Wort deutschen Ursprungs, einst Bollwerke, werden zu Flaniermeilen der Liebe. Die Wasserspeier an Notre Dame sind nun mehr als nur eine Zierde. Der Arc de Triomphe erstrahlt in neuem Lichte. Alles, weil man die Geschichten herum nun kennt.

Ulrich Wickert nimmt sich zuerst die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt vor, um dann den Leser auf eine Kulturreise ins Herz der Franzosen mitzunehmen. „Essen als schöne Kunst betrachtet“ nennt er das beeindruckendste Kapitel. Wer zu diesem Abschnitt vorgedrungen ist, hat schon viel über Paris gelernt. Aber alles Bisherige war zum Greifen nah. Konnte man betrachten, erklimmen, berühren. Doch Frankreich, Paris ohne die cuisine ist eben nicht mehr als eine Reportage: Schön anzusehen, appetitanregend, doch immer sehnsuchtsvoll. Weil nicht erlebt. Mit einem Feinschmecker wie Wickert sich durch Paris zu fressen, ein formidables Erlebnis. Als amuse-gueule serviert Ulrich Wickert immer wieder kleine Anekdoten, wie die von der Fotografin Gisèle Freund, der sogar Francois Mitterand gehorchte. Oder von Restaurantbesitzer Rene Lafon, der Hemingway und Dali, Sartre und Picasso zu seinen Gästen zählte.

Nach so viel Wissen, so eloquent dargebracht, fehlt nur noch eine entscheidende Reiseinfo: Das Wetter.

Hôtel du Nord

Hotel du Nord

Das Hôtel du Nord gab es wirklich. In Paris. Am Quai de Jemmapes. X. Arrondissement. Am Canal Saint-Martin. Gar nicht so weit vom Friedhof Père-Lachaise entfernt, auf dem so viele Berühmtheiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Promis verirrten sich nur selten ins Hôtel du Nord in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Emile und Louise Lecouvreur das Wohnhotel übernehmen.

Renée ist die erste Angestellte der Lecouvreurs. Eigentlich wohnt sie hier, zusammen mit Pierre. Das naive Landei und der zupackende Arbeiter. Als die Liebe verfolgen ist, drängt er sie zur Arbeitssuche. Louise gibt ihr ihren ersten Job. Hilfe haben die neuen Pächter dringend nötig, denn das Hotel ist in einem nicht gerade gastfreundlichen Zustand. Die Vorgänger hatten mehr Spaß daran mit der Nachbarschaft zu feiern als das Haus auf Vordermann zu bringen.

Das Geschäft läuft gut, Renovierungen können ins Auge gefasst werden. Die Kundschaft aus Müllleuten, Gepäckträgern und Arbeiterinnen der Lederfabrik ist nicht vermögend, doch trinkfest. Ein bisschen grob, zu grob für Emile. Aber der Kunde ist König. Selbst, wenn die betrunkene Gästeschar zu unchristlichen Zeiten Einlass begehrt, murrt Emile nur leise vor sich hin. Nur gelegentlich bekommt ein Säufer seinen Unmut zu spüren.

Die Tage, Monate und Jahre gehen dahin. Gäste kommen, Gäste gehen. Mal sind sie ideale Gäste, ruhig, zuvorkommend, zurückhaltend. Mal sind sie Aufrührer, Stänkerer und Prostituierte. Die Lecouvreurs bereuen ihre mutige Entscheidung das Hôtel du Nord gepachtet zu haben nicht.

Die Geschichten der Bewohner des Hotels sind mitten aus dem Leben gegriffen. Es sind keine Schicksale, die die Seiten der Regenbogenpresse füllen, dennoch sind sie nicht alltäglich. Die Besonderheit liegt in der Tatsache, dass sie jedem hätten passieren können, aber nur im Hôtel du Nord erstrahlen sie in einem besonderen Glanz.

Der Autor Eugène Dabit kennt das Hotel genau. 1923 haben es seine Eltern übernommen. Ab und zu arbeitete er dort. Als Nachtwächter hatte er viel Zeit die Menschen im Hotel zu beobachten. 1929 erschien „Hôtel du Nord“ zum ersten Mal und wurde auf Anhieb ein Erfolg (wie der Film neun Jahre später). Nun ist es in der Neuübersetzung von Julia Schoch noch einmal veröffentlicht worden, und es hat nichts von seiner Strahlkraft verloren.

Das Hôtel du Nord ist heute noch an gleicher Stelle, allerdings als Cafè und Restaurant.

Paris Skyline in 3D

ParisAnderthalb Meter Paris – wie soll das denn gehen? Ganz einfach. Vorsichtig das Leporello (upps, jetzt ist es raus – das Geheimnis und auch das Leporello). Aufklappen und noch einmal die schönste Zeit des Jahres Revue passieren lassen. Noch einmal in 3D am Eiffelturm, an Notre Dame, dem Musée d’Orsay vorbeischlendern und das Erlebte noch einmal erleben. „Weißt Du noch?“ wird zur häufig gestellten Frage. Nicht antworten! Schauen, gucken, betrachten, schwelgen, erinnern.