Archiv der Kategorie: aus-erlesen bella

Rom

Rom MM City

Auch wer im Geschichtsunterricht sein müdes Haupt auf dem Pult niederlegte weiß: Hier tobte seit jeher das Leben! Rom, Roma, die Ewige Stadt. Reiseanbieter locken mit Angeboten, die nie und nimmer stimmen können. Drei Tage Rom und keine Sehenswürdigkeit verpassen. Von wegen! Das klappt nur, wenn man drei Tage in diesem Buch blättert!

Drei Tage braucht man schon, um die knapp dreihundert Seiten zu durchforsten. Um dann alles zu sehen, braucht man ein Leben lang. Wer nicht so viel Zeit aufwenden kann, braucht – und das ist die logische Konsequenz – einen umfassenden, kompakten, detaillierten, klar gegliederten Reiseband, der alle Sinne anspricht. Das leise Knistern, wenn man das Buch zum ersten Mal öffnet. Der Geruch des frischen Buches steigt in die Nase. Man kann es fühlen, fast schon schmecken und bereits der Einband lässt es erahnen: Hier scheint die Sonne nur für den Besucher.

Sabine Becht hat sich die einfachste und die schwerste Aufgabe gesucht, denn sie hat einen Reiseband über Rom geschrieben, den man benutzen kann. Einfach deshalb, weil Rom voller Geschichte steckt, die erzählt werden muss. Und genau deshalb ist es auch die schwerste Aufgabe. Was ist wichtig, was weniger wichtig. Wichtig und interessant ist hier eh alles! Kaum ein Meter via, der nicht vom Hauch der Vergangenheit gestreift wurde. Kaum eine piazza, über die nicht ein Weltenbeweger geschritten ist. Kaum eine regione, die nicht den Anfang einer noch nicht beendeten Geschichte ist.

Wo also anfangen? Wie weiter? Wo aufhören? Wer Rom besucht, sollte sich einen Plan zurechtlegen. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Und deswegen dauert die Planung eben auch ein bisschen. Drei Tage mindestens…

Der Giro d’Italia 2016 führt an achtzehn Wettkampftagen durch Italien. Und spart Rom aus. Sabine Becht schickt den Leser auf zehn Spaziergängen durch die Stadt am Tiber und spart die Rundfahrt aus. Auch wer Rom schon kennt,  oder zumindest meint es zu kennen, entdeckt hier und da, wenn auch nur andeutungsweise, Neues. Ganz wichtig in Rom: Die Fortbewegung. Alles erlaufen, ist eine ordentliche Aufgabe. Nicht für jedermann zu bewältigen. Angst etwas zu verpassen, wenn man sich motorisiert fortbewegt, muss man nicht haben. Sabine Becht gibt rechtzeitig Bescheid, wenn man an einer Sehenswürdigkeit vorbei zu schlendern droht. Keine Inschrift, kein Denkmal, kein bedeutendes Objekt bleibt unbemerkt. Als lesender Besucher der Stadt muss man immer damit rechnen etwas zu entdecken. Jeder Rundgang ist mit einer exakten Karte ausgestattet, so dass Verlaufen unmöglich wird. Und wenn man doch einmal falsch abgebogen sein sollte, na und. Auch hier gibt’s was zu sehen. Wieder zurück auf die (richtige) Piste, und schon übernimmt Sabine Becht wieder die gedruckte Reiseleitung. Wenn der Magen knurrt, die Füße schmerzen, das Auge sich erholen muss, auch hier weiß der Reiseband wohltuenden Rat. Bei einem gediegenen Glas vino bianco, einer schmackhaften Pizza oder der besten Pasta der Stadt (damit wirbt eh jeder, doch die Autorin weiß, wo es auch wirklich zutrifft), blättert man noch ein wenig im Buch und bekommt sofort einen Eindruck von dem, was noch auf einen zukommt bzw. worauf man zugeht.

Wer Rom besucht, bekommt zwei im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Städte zu sehen: Rom und den Vatikan. Auch hier weiß die Autorin so Manches zu berichten und spornt zu Entdeckungsreisen an.

Lesereise Vatikan

Lesereise Vatikan

Er ist das letzte Relikt einer vergangenen Zeit. Auf dem Papier ist der Vatikanstaat das rückschrittlichste Land der Erde. Bei näherem Betrachten ist das kleinste Land aber auch sehr fortschrittlich. Ein absolutistischer Herrscher, die bunteste Armee der Welt, aber auch die niedrigste Scheidungsrate. Der Regierungschef hat einen Migrationshintergrund, so wie eigentlich alle Bewohner. Und obwohl die Nähe zu Italien dagegen sprechen sollte, spielt die Fußball-Nationalmannschaft keine Rolle im Elf-Gegen-Elf-Weltgeschehen. Und noch was: Die Verwaltung des Landes ist der größte Immobilienbesitzer der Welt. Und zum Einkaufen allein fährt man auch nicht an den Petersplatz. Endlose Schlangen vor den Museen sind kein Argument hier ein paar geruhsame Tage zu verbringen. Warum also ist der Vatikan so beliebt bei Touristen, dass beispielsweise in den Heiligen Jahren – 2016 steht übrigens wieder eines ins Haus – mehr als die zwanzigtausendfache Menge der Einwohnerzahl an Touristen verkraftet werden muss.

Christine Höfferers Lesereise erklärt in ihren Reportagen warum es sich hier aushalten lässt und ein Abstecher ins Zentrum Roms mehr als nur lohnenswert ist. Noch einmal zurück zu den Warteschlangen. Wer unvorbereitet die Vatikanischen Museen besuchen will, braucht Stehfleisch. Besser anmelden. Dann klappt’s auch mit dem Reinkommen und man hat sogar Zeit und ein wie auch immer geartetes Lächeln für die Wartenden übrig. Zeitgemäß modern wie die christlich-sozialen Freunde in Bayern meint auch der Chef der Museen, dass hier Kontingente von Nöten seien, zumindest aber hilfreich sein könnten.

Die Schweizer Garde ist die wohl am wenigsten Schaden anrichtende Söldnerarmee der Welt. Wer mitmachen will, muss sich einer strengen Prüfung unterziehen. Wenn Alter, Größe, Herkunft, Konfession, Familienstand stimmen, gibt’s eine schicke Uniform. Und die schneidert Ety Ciccioni. Rund 150 Uniformen schneidert er pro Jahr. Die Farben setzen sich aus den Familienfarben früherer Päpste zusammen, das Blau von den Medicis und das Gelb-Rot aus dem Geschlecht der della Rovere. Wegen des Gehalts nimmt keiner der Gardisten diesen Job an. Tausendvorhundert Euro gibt’s jeden Monat vom Chef.

Die Lesereise Vatikan besticht durch die sorgfältige Auswahl der Themen und die lesenswerte Umsetzung selbiger. Christine Höfferer ist eine echte Kennerin der Geheimnisse des Vatikans. Als Tourist wird man dieses Buch verschlingen. Und immer wieder lesen. Und immer dabei haben. Sei es als Zeitvertreib in der Warteschlange, oder als Nachschlagewerk, wenn man vor Ort ist. Denn hier lauert nicht an jeder Ecke ein Histörchen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes in Schrittlänge.

Das Format ist außergewöhnlich: Passt in jede Tasche, beult nicht aus und der Inhalt der Serie im Allgemeinen und dieses Buches im Speziellen trägt dazu bei den Urlaubsort eingehend zu begreifen.

Wölfe in Genua

Bruno Morchio - Wölfe in Genua

Das ist nicht fair! Montagmorgen. Die Woche beginnt träge. Über den Dächern der Stadt weht leise der Schirokko, dieser unaufhörliche, nicht starke, dennoch immer spürbare Hauch von Nichts. Und Privatdetektiv Bacci Pagano wird von seinem Schöpfer Bruno Morchio schon wieder in die Spur geschickt. Ein alter Mann liegt zerfleischt im Park. Ein Jogger hat ihn entdeckt. Die Versicherungsgesellschaft CarPol in Person von Dott. Gianluca Boero will die genaue Todesursache wissen. Denn Mino Terenzi hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Seine um einiges jüngere Frau hat schon zu Lebzeiten dem Leben die guten Seiten abgerungen. Soll heißen, dass die beiden wohl gehörig über ihre Verhältnisse lebten. Julia Rodriguez Amanzar kam als Illegale aus Panama nach Genua. Eine „Karriere auf dem Strich“ galt wahrscheinlicher als ein bequemes Leben an der Seite eines reichen Sugardaddys. Davon geht die Polizei aus. Trips nach Monte Carlo, ein teures Cabrio waren ihr beschieden. Und nun liegt ihr Gatte mit durchbissener Kehle am Wegesrand. Mehr als nur eine Randnotiz: Genau in der Gegend wurde ein Wolf gesichtet bzw. wurde er gehört. Ein elendes Heulen jede Nacht.

Und Julia Amanzar hatte einen Lover, Manuel, Chilene, Besitzer einer Hundezucht. Doch das weiß nur Bacci Pagano. Julia hatte Angst diese Information an die Behörden weiterzugeben. Klar! Eine hohe Lebensversicherung, eine (lebenslustige) junge Witwe, ein Hunde züchtender Lover und die Wolfshaarspuren unter den Fingernägeln des Opfers. Da kommt man schnell auf den Gedanken, dass Manuel und Julia gemeinsame Sache gemacht hätten. Doch Julia überzeugt die Spürnase Pagano, dass ihr Gatte Manuel kannte und von der Liaison wusste. Geliebt hatte Julia nur ihren Mino.

Mino ist allerdings auch nicht der trottelige Alte, der sich von einer heißblütigen Latina das Leben aussaugen ließ. Er ist bzw. war ein gewiefter (und vor allem zäher) Kredithai, der im Dunkeln seinen Geschäften nachging. Und er hatte eine Tochter, die auf Julia überhaupt nicht gut zu sprechen ist. Was so fade, so tröge begonnen hat, entwickelt sich zu einem verzweigten und verzwickten Fall für Bacci Pagano.

Bruno Morchio gewährt einen weiteren Blick tief in die Seele der ligurischen Metropole Genua. Auch Pagano bekommt in seinem zweiten Fall mehr Profil. Ein Treffen mit seiner Ex-Frau, die Beziehung zu seiner Tochter Aglaja thematisiert der Schriftsteller. Leider sind die folgenden drei Romane über den Mozart liebenden Ermittler bisher nur auf Italienisch erschienen. Ende offen.

Kalter Wind in Genua

Kalter Wind in Genua

Bacci Pagano ist Privatdetektiv in Genua, einer Stadt, die in Krimidingen in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle spielt. Noch! Denn der nüchtern kalkulierende und sich durch nichts aus der Ruhe bzw. seinem Denkschema bringen lassende Ermittler ist eine literarische Wohltat.

Denn Bacci Pagano ist ein echter Kerl – wer ihm dumm kommt, bekommt es auch mit ihm zu tun. Eigentlich arbeitet Pagano im Moment für eine Industriedynastie. Ein einfacher Job. Dabei entdeckt er, dass der Erbe, der bald heiraten soll, von seiner Verlobten ziemlich hinters Licht geführt wird. Sie ist ein ganz schön durchtriebenes Luder.

Mitten in den Ermittlungen wird Pagano von einem Freund um Hilfe gebeten. Dessen Radiosender ist Vielen ein Dorn im Auge. Zu links. Zu offen. Zu gefährlich. Genua rückte 2001 in den Fokus der Öffentlichkeit, als es hier zum ersten Mal in der Geschichte der G8-Gipfel zu immensen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam. Aktionen, die heute zum Alltag bei den Gipfeltreffen gehören. Radio Baba Yaga berichtet immer wieder kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen von Missständen und Schiebereien.

In die Büroräume des Senders wurde eingebrochen. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht ein Gewehr gestohlen worden wäre. Die Polizei und Pagano nehmen, teils unabhängig voneinander, die Spur auf. Mal liegt die Mordkommission vorn, meist jedoch Pagano.

Ein verzwicktes Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge. Mal hat Pagano den Täter schon am Schlafittchen, schon ist er ihm wiederentwischt. Die Hintermänner tauchen vor den Schleier des Vergessens und schon sind sie wieder verschwunden. Zwei Fälle muss Pagano lösen. Zweimal Lug und Trug, zweimal Heuchelei und Prügelei. Und zweimal hat die Lösung zwei Seiten.

Was diesen Krimi so besonders macht, ist die liebevolle Huldigung an Genua. Jede Ecke, jede Gasse, jede Bar wird mit so viel Detail beschrieben, dass man fast keinen Stadtführer mehr braucht. Anders als Brunetti in Venedig oder Guarnaccia in Florenz ist Bacci Pagano ein handfester Kerl, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Obwohl er lieber mit Worten als mit Fäusten kämpft. Aber, wenn’s gar nicht anders geht…

Mit seiner amaranten Vespa jagt er Verbrecher durch die Carruggi, die engen Gassen Genuas. Wer aufmerksam liest, kann in der ligurischen Metropole selbst auf Verbrecherjagd gehen.

Spaziergänge in Verona

Spaziergänge in Verona

Städtereisen haben ihren eigenen Reiz. In relativ kurzer Zeit so viel wie möglich erleben. Auf engstem Raum, relativ gesehen. In New York ist man als Fashion-Victim bestens aufgehoben. London ist ob der schieren Vielfalt fast gar nicht mehr zu fassen. Und durch Verona schlendert man beschwingt wie zu einer Mozart-Melodie. Auch dieser Stadt machte das Wunderkind einst seine Aufwartung.

Ulrike Rauh umgeht das Vorurteil, das, wer Verona besucht, nur auf den Spuren von Romeo und Julia, der Montagues und der Capulets wandern will. Wer die Stadt nur auf die beiden – fiktiven – Figuren beschränkt, wird den größten Teil der Stadt verpassen. Auch wenn sich die Stadt scheinbar nur auf ihre beiden – fiktiven – Helden zu verlassen scheint.

Ulrike Rauh genießt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in der Stadt an der Etsch. Mit wachem Auge, offenem Geist und gezücktem Stift streift sie durch das Verona der Vergangenheit und betrachtet es aus der Gegenwart. Nur ein wenig größer als Nürnberg, aber nur halb so viele Einwohner (was durch den Besucheransturm aber wieder ausgeglichen wird). Verona erläuft man sich, atmet die Atmosphäre der über zweieinthalbtausend Jahre alten Stadt ein.

Ulrike Rauh setzt sich nieder, wenn es ihr sinnvoll erscheint, genießt einen Cappuccino und lässt ihren Blick schweifen. Als Leser wird dabei ebenso der Wissensdurst gestillt wie der  der Autorin sich in die Stadt zu vertiefen. Immer wieder glänzt sie mit Fachwissen, das dem hastigen Reisenden verborgen bleibt.

Wer Verona bereist, sollte die „Spaziergänge in Verona“ stets zur Hand haben. Sich niederlassen, einen kleinen Snack zu sich nehmen und wenig im Buch blättern. Wer geschickt plant, hat mit diesem Buch einen idealen Reiseguide, der die Steine zum Sprechen bringt.

Und sie trifft sogar einen Nachfahren eines der berühmtesten Söhne der Stadt: Dante. Seit zwanzig Generationen gehört die Familie Alighieri zu Verona wie die Etsch und Romeo und Julia. Er staunt über das Programm, das die Autorin noch vor sich hat und gibt Ihr Ratschläge, was sie noch sehen muss. Dem Leser soll’s recht sein: Echte Tipps von einem, der’s wissen muss.

Auch Ulrike Rauh kann sich der Anziehungskraft des Romeo-Und-Julia-Kultes nicht verschließen. Trotz all des Kommerzes ist und bleibt die Stadt ewig mit den sich innig Liebenden verbunden. Sie machte einen großen Bogen um die Touristentrauben, die mehr oder weniger versierten Guides an den Lippen hängen und verführt den Leser dazu der wahren Geschichte der beiden, sofern es sie gibt, zu folgen.

In jeder Zeile, in jedem Wort, jeder Silbe spürt der Leser die Zuneigung der Autorin zu Verona. Fast meint man, dass ein Besuch nicht lohnt, weil man alles hautnah im Buch schon erlebt hat. Das ist ein Kompliment für die Ulrike Rauh, doch würde man Verona keinen Gefallen tun und sich selbst betrügen. Die im Buch abgebildeten Bilder stammen wie die Zeilen von Ulrike Rauh. Um Souvenirs muss man sich also schon mal nicht kümmern, wenn Verona auf dem Reiseplan steht…

Aussetzer

camilleri_40616-9_vorschau.indd

Die Krise mal anders. Mauro ist CEO eines großen italienischen Unternehmens. Einer seiner Stellvertreter ist der Sohn des Chefs und hat auch genau nur aus diesem Grund diese Position inne. Eine große Übernahme steht an. So weit so gut. Doch die Zeit will es, dass sich die Übernahme nicht als das größte Übel im Leben Mauros herausstellt. Denn seine Frau ist weg. Alles klar, Andrea Camilleri hat wieder einen großen Krimi über das organisierte Verbrechen geschrieben. Mit der Entführung soll der Chef zum Einlenken gezwungen werden. Weit gefehlt!

Das Verschwinden von Marisa hat auch was mit Guido zu tun. Der wiederum ist der zweite Stellvertreter von Mauro, Personalchef. Marisa und Guido sind ein Paar, oder zumindest haben sie eine Affäre. Doch das Kräfteverhältnis in dieser Beziehung schlägt stärker zu Marisas Seite aus. Sie ist gelangweilt von ihrem Gatten und ihrem Leben. Ob Guido der Richtige ist?

Mauro der Gehörnte? Mitnichten! Denn auch er hat seine Angel bereits ausgeworfen. Einen Blick riskiert. Licia heißt das Objekt seiner Begierde. Und die ist ausgerechnet die Enkelin des Chefs von dem Unternehmen, das Mauro schlucken will.

Doch es heißt auch die Übersicht zu bewahren. Bei der Jonglage mit dreistelligen Millionenbeträgen Vorsicht das oberste Gebot. Da darf man sich keinen Aussetzer erlauben. Zu viele, die einem ans Leder wollen. Zu viele, die den kleinsten Ausrutscher für sich zu nutzen wissen. Wohl dosierte Informationspolitik nach innen und nach außen.

Nicht jeder, der die Fäden in der Hand hält, ist ein Strippenzieher. Das müssen alle Handelnden mehr oder weniger schmerzvoll erfahren. Das Bällezuspielen bleibt bis zur letzten Zeile spannend. Aus einem Wirtschaftskrimi wird eine Liebesgeschichte wird ein Wirtschaftskrimi wird eine menschliche Tragödie.

Andrea Camilleri macht es einen Riesenspaß den Leser mit den zahlreichen Beteiligten an seinem „Aussetzer“ zu beteiligen. Immer tiefer dringt man in die Seilschaften der Macht ein. Wer mit wem? Wer gegen wen? Und warum? – ein köstliches Vergnügen den Zeilen des Großmeisters des stilvollen Wortes zu folgen. Jede Zeile ein Gedicht – übrigens lässt sich Marisa gern mit ebensolchen Gedichten von Guido verführen. Jede Zeile eine Warnung. Übrigens soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, denn die Bekanntgabe „zu vieler Teile aus dem Buch könnte den Leser um den Genuss bringen“.

City impressions Rom

City Impressions Rom

Wer Rom verschläft, hat die Welt nicht gesehen. Jahrein, jahraus reisen, ja pilgern Millionen von augendurstigen Touristen in die Ewige Stadt. Und alle sind mit Kameras – teils – bewaffnet. Und alle machen das Bild ihres Lebens! Doch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz kann seine gepixelten Ergebnisse hinterher auch wirklich vorzeigen. Und noch weniger als Buch drucken lassen. Und zu denen gehört Bernd Rücker.

Selbst in einer Reihe wie City impressions von vagabond books sticht der Band über Rom nicht durch Quantität, sondern durch Qualität heraus. Sicher hätte Bernd Rücker auch ein Werk mit eintausend Seiten machen können. Doch er entschied sich für die „schmale Variante“ von dreihundert. Wie immer darf der Leser schon auf Anhieb einen Schlüssellochblick durch den Einband werfen. Die Silhouette der Stadt gibt den Blick frei auf ein Abenteuer.

Ein Bildband über Rom ist eine Herzensangelegenheit. Jede Sparte der Buchkunst kann mit einem Bildband aufwarten. Von der Archäologie über die Kunst bis hin zu Reiseführern – Rombücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Und ab und zu finden sich auch wahre Kleinode unter den Neuerscheinungen. Dieses Buch gehört nicht dazu, es ist ein Großod – wenn es denn dieses Wort überhaupt gibt. Mächtig die Ausmaße (325 mal 300 mm), beeindruckendes Gewicht (ca. drei Kilo) – doch das sind nur die oberflächlichen Merkmale. Wie in einer guten Beziehung geht es um die inneren Werte. Hier gibt es kein Gut oder Böse, kein Schwarz oder Weiß. Dieses Buch ist einzigartig (gut) in all seinen Schattierungen. Der Hell-Dunkel-Kontrast als Symbol des Unverfälschten. Keine Bonbonfarben, die den Blick trüben und die Konturen verwischen lassen. Licht und Schatten als Denkschrift des Details.

Und Details findet man bei jedem Durchblättern immer wieder aufs Neue. Ein Kinderlachen, graziler Alltag, pures Leben, eine Mauerspalte. Und auf jeder Seite die Aufforderung die kleinen grauen Zellen anzustrengen und sich selbst eine Geschichte auszudenken. Bernd Rücker tut dies auch und liefert wie beiläufig eine Geschichte gleich mit.

Zwei Männer – der Eine hätte sich nie zu träumen gewagt diese Stadt, Rom, je besuchen zu können. Der Andere will eigentlich weg, aus familiären Gründen, doch kann sich nicht lösen. Ihre Geschichten bilden den Rahmen um die oft doppelseitigen Bilder. Keine Stadtrundfahrt mit „Schauen Sie links, rechts sehen Sie …“ – nein es sind Spaziergänge, die den Alltag bestimmen und erst bei genauerem Hinsehen diesen zu einem Höhepunkt machen. So wie einst Tom Ripley als er in Rom den Halt suchte, den er brauchte, um sich seinen Häschern stellen zu können. Er durchstreifte schon nach wenigen Tagen die Stadt wie ein alter Hase. So ergeht es auch dem Betrachter dieses Buches.

Wer zum ersten Mal Rom besucht, findet kaum die Zeit den Alltag der Metropole einzufangen. Zu groß das Angebot an Geschichte – jede Ecke erzählt vom einstigen Ruhm des allmächtigen Römischen Reiches. Wer zum zweiten Mal nach Rom reist, holt nach, was er beim ersten Mal verpasst hat. Die ersten Eindrücke Roms bekommen langsam Konturen. Die City impressions Rom vermitteln sofort den Eindruck als kenne man die Stadt am Tiber schon seit Ewigkeiten. Gelato in historischer Kulisse. Espresso vorm Palazzo. Siesta dort, wo es sich einst der Adel gutgehen ließ. Grandezza auf höchstem Niveau für nicht minder höchste Ansprüche.

Bleibt noch die Frage offen, für wen dieses Buch gemacht ist. Für alle, denen Formensprache und Ästhetik nicht einerlei sind. Für alle, die Rom ins Herz geschlossen haben. Für alle, die Rom noch einmal – auch anders – erleben wollen. Für alle, die feststellen mussten, dass Rom doch mehr als Pantheon, Colosseum und Petersplatz ist. Für alle, die Rom nicht nur als Reiseziel betrachten, sondern als Fest für alle Sinne. Die City impressions Rom sind Augenschmaus und Herzschmerz zugleich. Das Auge erfreut sich aufregenden Perspektiven, expressionistischen Einstellungen und grandiosen Bildkompositionen. Das Herz blutet, weil der nächste Flieger gen Roma ohne es abhebt. Wenn es heißt, dass in Rom Licht und Schatten oft eng beieinanderliegen, so hat sich Bernd Rücker dies zu Herzen genommen. Er passt genau den Augenblick ab, in dem das Gut-Und-Böse-Spiel von Hell und Dunkel zur vollen Entfaltung kommt. Das ist der Augenblick, in dem er abdrückt und das Drama seinen Lauf nimmt… Der Leser darf dieses Drama beobachten. Ein Auf und Ab der Gefühle gibt es bei ihm nicht. Es dominiert das Auf.

Dieses Buch einfach nur anzuschauen, ist ein Fest. Doch es reicht nicht. Man muss Rom nun endlich selbst sehen, es schmecken, es in sich aufsaugen. Als Urlaubslektüre empfiehlt sich „Der talentierte Mr. Ripley“. Wer genau liest, erkennt den einen oder anderen Ort aus den City impressions wieder…

Wie immer sind die Bücher in zwei Sprachausgaben erhältlich – deutsch/englisch und französisch/spanisch. Auf der Suche nach dem besonderen Geschenk kommt man nur schwer an diesem Bildband vorbei.

Alles ist nichts gegen Rom

Alles ist nichts gegen Rom

Bücher über Rom gibt es wie Sand am Meer. Man meint fast, es wäre alles gesagt und geschrieben worden über die Ewige Stadt. Doch dann kommt so ein kleines unscheinbares Buch daher und belehrt einem eines Besseren. Der nüchterne Untertitel „Ein Fotobuch“ verschleiert die wahre Identität.

Evelyn Fertl fotografiert nicht einfach fürs Familienalbum. Ihr Motive sind für jeden sichtbar, oft nur aus dem Augenwinkel doch da. Sie rückt sie in den Mittelpunkt. Flüchtige Momentaufnahmen und festverwurzelte Monumente im Ringelreih Großstadt. Sie die jetzt (2007 bis 2014) vor Ort ist, in der Hand ihre Kamera. Analog. Schwarz-weiß-Film eingelegt. Dadurch gewinnen die Aufnahmen an Schärfe und Intensität. Farbig kann jeder. So kontrastreich die Stadt, so auch Ihre Eindrücke.

Wie als Bestätigung setzt sie neben ihre mehr als sehenswerten Abbildungen Texte, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Und das obwohl sie schon bis zu über zweihundert Jahre auf dem Buckel haben. Wie einst Udo Struutz im Trabi mit Goethe Italienreise im Gepäck durchschreitet Evelyn Fertl die Metropole am Tiber. Sie fliegt hochmodern mit einer Drohne – sie bleibt auf dem Boden. Sie verfälscht nicht ihre Eindrücke, um selbige zu schinden – Ihre Bilder sind echt.

Alltagsszenen, Touristenmagnete, Panorama- und Detailaufnahmen – alles ganz speziell und einzigartig. Museen, öffentliche Plätze, Geschäfte, Ruinen: Rom wie man es kennt und doch wieder nicht.

Dieses Buch nimmt man mehrmals in die Hand. Immer wieder schlägt man es auf, schlägt nach, schaut, was man selbst gesehen hat oder noch unbedingt sehen muss. Ein kurzweiliger Bildertrip durch eine der spannendsten Städte der Welt. Attenzione impressione, um es mit den Worten von Gianna Nannini zu sagen. Achtung Eindruck. Und das auf jeder der über einhundert Seiten.

 

Puntarelle & Pomodori

Puntarelle und Pomodori

Puntarelle e Pomodori – klingt nach Lausbubengeschichten aus Italien. Der kleine Puntarelle und sein Freund Pomodori machen es den Händlern in der Straße um die Piazza del Popolo nicht leicht sie zu mögen. Laut lärmend machen sie ihr Viertel unsicher, immer irgendeinen Schabernack ausheckend fallen sie über Gemüsestände, prall gefüllte Obstauslagen und die Süßigkeiten her.

So weit gefehlt, ist es dann doch nicht. Puntarelle ist auch als Vulkanspargel bekannt und Pomodori sind Tomaten. Und um die geht es bei Luciano Valabrega. Vor allem um deren Zubereitung. Ein Kochbuch also?! – Auch! Vor allem aber ein Buch zum Schwelgen, lesen, Lippen lecken und nachkochen. Luciano Valabrega beschreibt sein Leben, vor allem aus kulinarischer Sicht. Als Kind jüdischer Eltern gab es auch für ihn eine Zeit, in der Schweigen mehrzählte als ein gefüllter Magen. Die Händler des Viertels in Rom, in dem die Familie lebte versorgten ihn und seine Familie mit allerlei Lebensmitteln. Nachdem die Faschisten mit eingekniffenem Schwanz die Regierungsbank und die Straßen räumten, begann für sie alle ein neues Leben. Doch die Verbindungen von einst hielten und halten bis heute.

Die Obstlerin Trieste hatte immer die besten Früchte, Arnaldo das feinste Fleisch und Feinkosthändler Ruggero sorgt für den Rest des gedeckten Tisches.

Zu dieser Zeit begann Luciano Valabrega die Ereignisse zu Tisch niederzuschreiben. Nun lässt er den Leser an der gedeckten Tafel platznehmen. Das Aufgetischte ist so typisch italienisch, dass es einem schon beim bloßen Lesen der Gerichte das acqua im bocca zusammenlaufen lässt.

Er belässt es aber nicht bei einer schnöden Essenseinladung. Schwungvoll – wir sind schließlich in Italien! – gibt er noch die eine oder andere Anekdote zum Besten. Und gibt Ratschläge, wo in Rom man am besten welche Zutat einkauft. Rogen zum Beispiel für die Bottarga: In den Feinkostläden im Zentrum, beim Sarden, in der Nähe der Synagoge. Beim nächsten Rom-Besuch sollte man mal schauen, ob das stimmt.

Was wäre Italien, Rom ohne Pasta? Wie Hamburg ohne Fischbrötchen, London ohne Fish ‘n Chips, Wien ohne Schnitzel – nur die Hälfte, wenn überhaupt. Die Hingabe, mit der Luciano Valabrega Puttanesca, Amatriciana, Carbonara und Arrabiata bzw. deren Zubereitung beschreibt, macht die Menüwahl für die kommenden Tage zu einer leichten Aufgabe. „Puntarelle & Pomodori“ ist ein Appetitmacher. Ein Appetitmacher auf leckeres Essen, auf Italienurlaub, auf einen Rom-Trip, den man so wahrscheinlich nie machen würde.

Gebrauchsanweisung für Rom

Gebrauchsanweisung Rom

Gleich zu Beginn fühlt die Autorin Birgit Schönau den Leser auf dem Zahn. Das Buch ist gar keine Gebrauchsanweisung! Wie soll man denn eine Stadt gebrauchen? Schon kurze Zeit später wird klar, dass sie den Römer Humor schon ganz und gar verinnerlicht hat. Ja, den gibt es wirklich, den Römer Humor. Erzählen wird sie ihn das gesamte Buch hindurch und darüber hinaus. Wer meint Rom zu kennen scheint, es immer wieder mit seiner Anwesenheit beehrt hat, die unzähligen, kleinen, versteckten Geheimtipps kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Denn Birgit Schönau ist Römerin, zugereist, aber dennoch Römerin. Sie kennt Rom so, wie nur die paar Millionen, die darin wohnen. Doch selbst unter ihnen sticht die Autorin noch heraus. Eine Wanderung durch die Stadt mit den vielen Beinamen führt mit ihr zu einem echten Wissensrausch.

Sie beginnt ihre Rundgänge an Orten, die man erstmal auf sich wirken lassen muss. Auf den Piazze wie der Piazza Navona, Piazza San Pietro oder Piazza Venezia. Vor dem geistigen Auge lässt man sie Revue passieren, verharrt in Erinnerungen. Dann beginnt das, was sich viele nicht trauen: Hinter die Kulissen zu schauen. Hinein in die guten Stuben, die Hinterhöfe betreten, die Geschichte(n) aus der Versenkung holen.

Birgit Schönau ist keine Reiseleiterin, die zum Zeichen des Erkennens einen Schirm hochhält, damit die tumbe Traube von Menschen ihr folgen kann und sie ihren Lehrstoff stumpf herunterbetet. Birgit Schönau ist die Geschichtenerzählerin, die zufällig auch Wissen vermittelt. Nur Wenige hatten das Glück so einen Lehrer zu haben. Mit grandezza und passione weht die Autorin durch die Gassen und Jahrtausende und lässt keinen Besucher / Leser zurück. Jedes Kapitel ist ein Füllhorn an Kurzweil und brisanten Histörchen. Päpste und arbeitsunwillige Nachbarn erhalten die gleiche Aufmerksamkeit wie die Trattoria um die Ecke oder der Messerschleifer.

Und – liebe Männer, aufgepasst! – sie spricht über Fußball. Nicht weil, sieSchulball von Fußball unterscheiden kann und deswegen meint Sportjournalistin zu sein, sondern weil sie sich wirklich auskennt. Mehr als so mancher, der bei AS Roma wie in Trance die Spieler anfeuert. Sie kennt das ganze Drumherum wie nur Wenige. Zum Beispiel weiß sie, wann das pane e porchetta am besten schmeckt…

Wer Rom besucht, braucht Hilfe. Die Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen sonst. Kurze Momente der Ruhe werden mit diesem Buch mit Lokalkolorit aus erster Hand bereichert. Erst wer die Menschen der Stadt versteht, ihre Macken kennt, den Rhythmus verinnerlicht hat, wird Rom wirklich kennen. Birgit Schönau ist die Art von Reiseleiterin, der man am liebsten nicht von der Seite weichen möchte. Voller Elan führt sie den Leser durch die Ewige Stadt ohne hektisch zu werden.