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Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

Agata und das zauberhafte Geschenk

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Agata, die tabbacchera und mittlerweile Bürgermeisterin in ihrem kleinen sizilianischen Refugium, ist so gar nicht in Weihnachtsstimmung. Genau jetzt, wenn Tür und Herz geöffnet werden, verschließt sie sich der sie umarmenden Gemeinschaft.

Agata ist traurig, nein, melancholisch. Costanzo, ihr geliebter Ehemann ist tot. Andrea Locatelli, der Maresciallo, den sie ebenso innig zuerst ablehnte, um ihn anschließend nicht minder zu lieben, ist wieder zurück. Aufs Festland. Und Agata ist wieder allein. Mit ihrer Trauer, mit ihren Zweifeln, mit sich selbst. Da hämmert es im Dunkel der Adventszeit an ihre Tür. Flehend bitte Don Bruno um Einlass. Bald schon stürmt er wie der Wind da draußen ins Haus Richtung Bad. Was trägt er da im Arm? Ein Bündel … mit einem bambino. Einem echten Kind, einem Baby, noch teilweise von der Pelle der Geburt verhüllt. Im Nu ist das ganze Dorf, dem Agata rein rechtlich nun vorsteht, auf den Beinen. Wenn das Klischee von sizilianischem Familiensinn zutrifft, dann ja wohl in dieser Situation.

Alsbald sind Mann und Maus auf den Beinen. Mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft kümmert sich jeder mit guten Ratschlägen und helfender Hand um das Neugeborene. So ganz anders als damals Agata in den Witwenstand treten musste. Alle waren hinter ihr her. Die Männer, weil der unfassbaren Schönheit nicht widerstehen konnten. Die Frauen, um sich das Maul über ihre Schönheit zu zerreißen … weil ihre Männer … naja, hinter ihr her waren. Das ist Vergangenheit. Seit Agata den korrupten Bürgermeister aus dem Amt gejagt hat und nun selbst von dessen Sitz aus die Geschicke des Dorfes leitet, wird sie respektiert.

Doch was soll man als Bürgermeisterin im aktuellen Fall tun? Da ist ein Kind ausgesetzt worden. Kurz nach der Geburt. Als Erstes muss ein Name her. Man einigt sich schnell: Luce – Licht. Wenn das mal kein Zeichen ist?! Eine fieberhafte Suche nach der Mutter beginnt. Und damit eine abenteuerliche Reise für eine zufriedene Zukunft der kleinen Luce.

Tea Ranno nimmt den Leser ein weiteres Mal in Haft, zuerst mit ihrem fabelhaften Dorf, nun mit diesem zauberhaften Geschenk. Es sind ganz besondere sizilianische Weihnachten. In jedem Absatz, jedem Wort schwingt die bedingungslose Liebe mit, die alle dem Kind angedeihen lassen. Mit überbordender Fürsorge wickeln alle das Kind in Liebe, und den Leser in eine alles Unheil abwendende Watte. Tea Ranno schafft einmal mehr dem vermuteten Heimat-Alles-Wird-Gut-Vorurteil die bedingungslose Liebe zum Leben mit einer ordentlichen Portion Witz entgegenzusetzen. Ja, das Dorf ist Fiktion, ihre Bewohner sind komplett erfunden. Dennoch nimmt man jedes Wort, jede Tat für bare Münze. Das ist die große Kunst, die Tea Ranno so freizügig dem Leser anbietet. Und das kann doch nicht schlecht sein?!

Eine seltsame Zeit des Wartens

Bevor man über dieses Buch spricht, muss man die Autorin kennen. Iris Origo stammte aus gutem Haus wie man so schön sagt. Geldnöte kannte man nicht. Ihre Familie zog es in die Toskana, wo Iris Origo in geschichtsträchtigen Mauern, denen der Medici, aufwuchs. Sie heiratete in den 20er Jahren einen Unternehmer. Den aufkommenden Faschismus begegnete sie abwartend, doch genau beobachtend.

Die landwirtschaftlichen Aufbauprogramme begrüßte sie, wünschte sich insgeheim jedoch, dass sie auf andere Landesteile ausgeweitet werden sollen. Im März 1939 zittert Europa bereits. Der drohende Krieg könnte alsbald wahr werden. Oder doch nicht. Täglich überschlagen sich die Gedanken, was nun wird. In Italien vertraut man auf den Duce. Mit ausladender Gestik, inbrünstiger Stimme versucht er sein Volk zu besänftigen. Meist klappt das auch. Die Zweifler legen fast schon schicksalsergeben ein Schweigegelübde ab. Dennoch verstummen sie nicht.

So auch Iris Origo. Sie trifft viele Menschen, die der Situation im Stundentakt Neues abgewinnen können. Doch eine echte Meinung kann sich einfach nicht herauskristallisieren. Diese Ungewissheit ist lähmend und fordernd zugleich.

Im Spätsommer verstummt der Duce fast gänzlich, die Zeitungen berichten nur noch einseitig über die fälligen Krieg. Die Sympathie für die Deutschen nimmt zu. Etwas, was bisher so nicht bekannt war. Des Duces Worte waren die einzige Informationsquelle, der man permanent begegnete, und die man als Leitmeinung vernahm. Iris Origo, ihre Familie, ihr Freundeskreis traute ihm nicht vollends. Dass etwas passiert, schien unausweichlich. Nur was, und wann – da war man sich uneins. Und diese Ungewissheit lähmt den Geist.

Und dann doch! Der Krieg ist da. Zuvor war der Duce – krankheitsbedingt, wie es offiziell heißt – verstummt. Manche unterstellten ihm, dass er sich nach England abgesetzt habe. Nun doch. Die Reservisten werden eingezogen und kämpfen und sterben nicht immer für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Propagandamaschine läuft jetzt noch schneller als zuvor. Das Warten ist zwar zu Ende – aber das wollte nun wirklich niemand.

Normalität in außergewöhnlichen Zeiten zu erlangen, ist unmöglich. Der verzweifelte Versuch ausländische Radiosender zu empfangen, ausländische Zeitungen zu lesen, um sich ein umfassenderes Bild machen zu können, Gespräche mit Freunden, Vertrauten, ja sogar aus dem Umfeld Mussolinis – Iris Origo hat bedeutend mehr Zugang zu Informationen als der grossteil der Bevölkerung. Dennoch ist diese „seltsame Zeit des Wartens“ nervenaufreibend.

In ihrem Tagebuch erfasst sie mit spielerischer Leichtigkeit eine Zeit, ein Land und seine Bewohner, dass man das Gefühl bekommt mittendrin zu sein. Voller Neugier, angepasster Distanz, mit Vorsicht, mit Zuversicht erklärt sie unweigerlich die Situation der Jahre 1939/40 in Italien. Die Faschisten rudern wie wild am Steuerrad der Macht, doch das Volk können sie nicht komplett auf Kurs bringen. Unsicherheit ist oft schwerer zu ertragen als ein feststehendes Ergebnis. Das lehrt uns dieses eindrückliche Tagebuch.

Die Legende von Montecassino

Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.

Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.

Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.

Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.

Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.

Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Sizilien

Da soll es doch tatsächlich Reisende geben, die meinen, dass sie Sizilien in zwei Wochen komplett erleben können. Dann haben die ihren Reiseband (sehr schmal) wohl aus dem Wühltisch eines Discounters gefischt. Zwei Wochen – so lang benötigt man, um dieses Buch eingehend zu lesen. Notizen machen – das kann man vergessen. Dieses Buch ist der Notizblock für alle folgenden Sizilien-Aufenthalte! Wer keinen Schimmer hat, wo er seine Sizilien-Erkundungen starten, seine erholsamen Tage verbringen, unzählige Abenteuer erleben kann, hat nur eine Wahl: Dieses Buch von Seite Eins bis Seite sechshundertsechsunddreißig durchzulesen. Klingt viel, ist aber jede Leseminute wert.

Ob nun das quirlige Palermo mit seiner facettenreichen Architektur und den überbordenden Märkten oder eine Reise vom antiken Siracusa (Heureka!) ins barocke Ragusa, bei der man auch das rosarote Noto nicht „einfach mal so eben mitnimmt“ – die Autoren sind keine Faktenschreiber, sie sind Verführer. Zugegeben, die Landschaft macht es ihnen auch leicht, Sehnsüchte zu wecken.

Oder wie wäre es mit dem hitzerekordhaltenden Catania? Mit Blick auf den – und schon sind wir wieder bei hohen Temperaturen – Ätna. Dass hier ab und zu mal der Boden nicht den sichersten Halt gibt, nimmt man bei derartigen Aussichten gern in Kauf. Natürlich immer unter dem Aspekt sich nicht selbst absichtlich in Gefahr zu begeben.

Geschichte bis zum Abwinken findet man im Süden. Agrigent und das Tal der Tempel gehört für jeden Reisenden, jeden Sizilianer, selbst für Norditaliener (aus „Kulturschock Italien“ wissen wir, dass es zwischen dem Norden und dem Süden gewisse Animositäten gibt) zum festen Kulturprogramm.

Klare Strukturen zeichnen jedes Kapitel – jede kleine Reise – aus. Zuerst wird man umfassend in die Geschichte eingeführt. Gefolgt vom Wasser-Im-Munde-Zusammenlaufen, wenn es darum geht, die Schönheit eines Wortes, einer Landschaft, eines Viertels hervorzuheben. Da will man sofort die Koffer packen und jedes Kapitel vor Ort erleben.

Als reichhaltiges Dessert (Cannoli sind doch nicht das Nonplusultra der Nachspeise) werden die Sizilien umliegenden Inseln ausführlich nähergebracht. Und das sind nicht nur die Liparischen Inseln Lipari, Stromboli, Vulcano etc, sondern die im Westen gelegenen Egadischen Inseln sowie die pelagischen Inseln im Süden. Kleine Eilande, die teils nur von wenigen Einwohnern als Heimat bezeichnet werden. Wem die Strände auf der Hauptinsel zu voll sind, der wird auf Favignana (Egadische Insel) feinsten Sand, glasklares Wasser und unberührte Vegetation fast für sich allein haben.

Als Zusatzlektüre empfiehlt sich der kleine Sprachführer „Sizilianisch Wort für Wort“. Denn wie überall auf der Welt freuen sich Einheimische darüber, dass der geneigte Gast versucht sich zumindest sprachlich anzupassen.

Kulturschock Italien

Was ist so schön an Klischees? Deren Bestätigung? Sie zu widerlegen? Ihnen tatsächlich zu begegnen? Es ist wahrscheinlich die Mischung daraus. Ein wildes Gestikulieren in einer angeregten Diskussion. Auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, dass durch die Emotionen ein Streitgespräch zu selbigem wird. Oder Pizza und Bier – was kein vino? Und alles spielt sich auf der Straße ab. Wie ist unser Bild von Italien? Wie ist es entstanden? Was ist Klischee, was ist unsere Eigeninterpretation?

Nicht ein Tag vergeht, in dem wir im Fernsehen mit einem vermeintlich wahren Italienklischee konfrontiert werden. Ob nun als übertriebene Liebesromanze in den Kanälen von Venedig, als familientaugliches Beziehungsdrama in den Kulissen der Ewigen Stadt oder als sonnenverwöhntes Urlaubsabenteuer (mit Hund!, warum muss eigentlich immer ein Tier dabei sein?) mit Wandlung zum Helden – deutsches Fernsehen und italienische Kulisse ist immer noch von bella italia der Wirtschaftswunderzeit geprägt.

Und was stimmt davon nun? Eigentlich fast gar nichts mehr. Oder doch? Das Bier zur Pizza wird immer beliebter. Den Kassenzettel sollte man mittlerweile immer bei sich haben, seit dem die Antigeldwäschegesetze in Kraft getreten sind. Übrigens auch, wenn man sich nur ein gelato gönnt. Und wer im Norden vom Süden schwärmt, wird schnell in eine Diskussion hineingezogen, die er nur verlieren kann. Umgekehrt ist es übrigens nicht anders. Aber über Politik im Urlaub zu sprechen, sollte man eh unterlassen.

Ob ein Urlaub in Italien als Kulturschock bezeichnet werden kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer vorbereitet ist, wird den vermeintlichen Schock besser verdauen, als wenn er ihn unverhofft trifft. Und dafür gibt es nur eine Medizin, dieses Buch! Das Alltagsleben, das Flair, die Abläufe, Gepflogenheiten machen einen Urlaub erst zum Erlebnis. Und je besser man sie verinnerlicht hat, desto erlebnisreicher wird die angestrebte Erholung. Auf über 250 Seiten kommt Italien ins Reisegepäck, wird immer wieder in die Hand genommen, sorgt für Erstaunen, ein bestätigendes Lächeln, aber auch für Ahas und Ohos. Das beginnt bei der einfachen Nachfrage, ob man denn eintreten darf, wenn man eingeladen wird. Das ist eine Höflichkeitsformel, die mehr für die Völkerverständigung tut als das opulenteste Geschenk für die Gastgeberin. Welches man nebenbei gesagt trotzdem zur Hand haben sollte.

Ausflüge in die Geschichte, regionale Besonderheiten, die Mafia – um die kommt man von Maran (ladisch für Meran) bis Girgenti (sizilianisch für Agrigent) eh nicht herum – dieser gedruckte Kulturbeutel tut mehr für Erholung und Entspannung als so mancher Reiseband aus dem Wühltisch der Discounter. Alltagssituationen werden entkrampft, die Angst vor dem Neuen wird dem Leser im Handumdrehen genommen, geheimnisvolle Gesten werden ins rechte Licht gerückt – für den wissbegierigen Italienurlauber ist „Kulturschock Italien“ ein bislang unfassbarer Wissensschatz.