Trio

Ein Dreieck ist die stabilste Verbindung. Daran ist nicht zu rütteln, weil Mathematik und Physik es beweisen. Das gilt für Materie – tot wie lebendig. Auch Agata und Annuzza sind eine stabile Verbindung eingegangen. Während im Jahr 1743 in Messina die Pest ganze Landstriche im Elend versinken lässt. Im Kloster hatten die beiden Unzertrennlichen Sticken gelernt. Bei Schwester Mendola.

Die Pest schreitet immer weiter voran. Macht auch vor Kostermauern nicht halt. Und so werden Agata und Annuzza zum ersten Mal ohne ihr Zutun, ohne ihr Einverständnis voneinander getrennt. Für Annuzza bedeutet die Flucht aufs Land aber auch eine Trennung von ihrem Geliebten. Dem Mann, dem ihr Herz gehört. Mit Agata schreibt sie Briefe. Viele, lange Briefe. Mit Girolamo kann sie keine Briefe austauschen. Zu gefährlich. Denn Girolamo ist Agatas Mann.

Genug Zündstoff für eine klischeebehaftete Fehde zwischen zwei Frauen, die um ein und denselben Mann kämpfen. Bei zirka 99 Prozent der Autoren kommen da sicherlich exakte diese Gedanken auf. Doch das eine Prozent an Autoren und Autorinnen entscheidet über Sieg oder Niederlage beim Publikum. Dacia Maraini ist die Anführerin dieser Ein-Prozent. Sie macht es sich nicht einfach und lässt die beiden Frauen wie Furien aufeinander losgehen. Hallo Klischee: Sizilien – Kränkung – Ehre – Rache. Im Nu sind tausend Seiten voller Blut und Blutschwüre geschrieben, so dass jeder „Pate-Jünger“ vor Freude in die Hände klatscht. Doch das Leben, auch und vor allem im Sizilien in der Mitte des 18. Jahrhunderts, sieht manchmal eben auch anders aus.

Agata und Annuzza sind seit Ewigkeiten Freunde (ganz ohne Genderkennzeichnungen, weil Freundschaft nun mal keine Grenzen kennt!). Kein Mann kann sie trennen, auch wenn augenscheinlich die Eine der Anderen den Einen abspenstig machen will. Dieses „Trio“ ist wirklich die stabilste Verbindung in der Literatur.

Dacia Maraini macht es sich nicht leicht beim Entwickeln der Geschichte. Schließlich schießen einem beim bloßen Überfliegen der Geschichte tausend Ideen durch den Kopf. Und alle haben mit Rache zu tun, oder?! Die Fülle an Empathie und Sorgfalt in der wortgewaltigen Abgeschlossenheit der Geschichte lassen die reichlich einhundert Seiten wie einen fetten Historienschinken erscheinen, den man tagelang in sich aufsaugt.