Die stumme Herzogin

Marianna Ucrìa ist mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im mund geboren. Sie ist Herzogin, lebt in einem palazzo. Sie ist taub, ein Teenager und muss heiraten. So wird aus dem goldenen Löffel schnell der nicht minder goldene Käfig. Zumal der Gemahl drei Jahrzehnte älter und ihr Onkel ist. So viel zu „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Und so viel sei schon mal verraten: Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Die Ehe ist kein Traum. Nicht einmal eine Traumhochzeit wurde der tauben Herzogin gegönnt. Ihr Vater ist es, der ein wenig Licht ins Leben von Marianna brachte und bringt. Ihm verdankt sie Bildung – im 18. Jahrhundert in Sizilien war es eine Seltenheit, dass Mädchen lesen und schreiben beigebracht wurde. Sie liest, saugt Bücher bergeweise in sich auf. Bücher sind ihre Zuflucht. Nicht nur vor der Einöde und der Enge der Ehe, sondern auch vor der Gewalt des Gatten, ihrem Onkel. Man kann es nicht oft genug betonen…

Der enorme Altersunterschied bringt es aber auch mit sich, dass das Ende dieser arrangierten Ehe ein absehbares Ende haben muss. Ein Lichtblick am Ende des Tunnels, in dem nicht mal Leidensgenossinnen ihr zur Seite stehen. A), weil sie nicht wollen und B), weil sie nicht können.

Der Tag der Erlösung ist gekommen. Marianna trägt nun schwarz. Wie man es von ihr als Witwe erwartet. Selbst in der Befreiung ist sie noch im Korsett der Tradition gefangen. Wie sehr, das erfährt sie alsbald. Denn die sie allzeit umgebende Stille hat einen Grund!

Dacia Maraini lässt den Leser selbst urteilen, wie er das Schicksal der stummen Herzogin einordnet. Einer Frau, der sie (die Autorin) selbst keine Stimme geben kann. Ihre Wahrnehmungen, Empfindungen und Interpretationen kann sie niederschreiben, in Briefen, in Notizen. Doch die Linderungen des Leids sind nur von kurzer Dauer. Die Schmach des Alleinseins – niemand kann mit Marianna kommunizieren – drückt erheblich aufs Herz.

Die Befreiung daraus kommt mit der bittersten Erkenntnis ans Licht, die Marianna erleben kann. Die eine Fessel gelöst, und schon kommt der nächste Knoten, und schnürt ihr die Kehle zu. Im Auf und Ab der Gefühle schaukelt man als Leser zufrieden und sicher gewogen in den Armen einer Autorin, deren Werk Sizilien so nahbar macht wie kaum ein anderes. Hier wird Feminismus nicht zur wild geschwungenen Axt in der Hand einer kampfbereiten Masse. Hier piekst die scharfe Feder, und die Unauslöschbarkeit der Tinte sorgt für bleibende Mahle.

Endlich ein historischer Roman, der diesen Namen verdient und mit kulturellem Tiefgang erzählt, einfängt, aufwühlt, zur Tränen rührt, Hoffnung gibt…