Es ist kurz vor Ostern 1945. Der Ort: Sankt Margareten im Burgenland, genauer gesagt der Steinbruch. Der Krieg steht kurz vor dem Ende. Alles versinkt im Chaos, schlimmer als zuvor. Die Todesärsche nach Mauthausen, dem Konzentrationslager der braunen „Führungselite“, sind noch nicht lange her. Doch wer braucht noch Zwangsarbeiter, wenn eh alles bald schon vorbei ist?! Und so richten SS und andere willige Werkzeuge aus freien Stücken, aus Überzeugung oder Angst vor Verweigerung ein Massaker an, das bis heute nicht komplett aufgearbeitet ist. Mehrere Dutzend, vielleicht weit über hundert Gefangene, unter ihnen viele Juden und Roma werden in die Tiefen des Steinbruchs gejagt. Mit Steinen erschlagen. Wegen der vorrückenden alliierten Armeen ist keine Registrierung der Opfer mehr möglich- die Täter haben es eilig. Eilig zu entkommen, sich in einer möglichen neuen Ordnung anzubieten.
Das ist der historische Hintergrund, der Bernadette Némeths „Im Schatten der Kraniche“ zugrunde liegt. Sie stieß auf diese widerliche Szenerie bei Recherchen zu einem Reisebuch rund um den Neusiedler See.
Ida ist Schauspielerin. Zu Höherem berufen. Die große Bühne soll, muss, wird es sein. Am besten unter freiem Himmel. Doch ihr Aktionsradius ist – familienbedingt – eingeschränkt. So bleibt es wohl doch bei der versprochenen Rolle im heimatlichen Sankt Margareten. Die Rolle ist ihr quasi sicher. Sie hat die entsprechenden „Kontakte“ schon geknüpft… Künstlerpech oder Wink des Schicksals? Die Stimme versagt. Ihr großer Auftritt, ihr großer Auf- und Durchbruch verschwindet hinter dicken Vorhängen der Ungewissheit.
Éva ist Jüdin, Ungarin, und hat bisher wenig Gutes in ihrem Leben erlebt. Sie ist schwanger – für die meisten ein Grund zur Freude. Nicht für Éva! Sie ist Jüdin und Ungarin. Und muss Zwangsarbeit verrichten. Schwanger! Bernadette Németh beschreibt eindrücklich und unbeirrt über das Leben zweier Frauen, die zu träumen wagen. Doch beiden wird ein Knüppel vor und zwischen die Beine gedroschen, dass ihre Träume wie eine Seifenblase zu zerplatzen drohen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine verpasste Hauptrolle ist mitnichten mit dem Verlust des Lebens zu vergleichen. Doch zwischen Ida und Éva gibt es Gemeinsamkeiten, die es mehr als wert sind ans Tageslicht befördert zu werden …
Hier sind keine Helden am Werk, die männlich strotzend sich gegen das eine Übel oder mehrere Täter stemmen. Hier stehen fest im Glauben an das Bessere Heldinnen (ohne Gendersternchen oder großes I mitten im Wort) im Mittelpunkt, die bei fast jeder Geschichte aus der Geschichte der Mitte des 20. Jahrhunderts leiden, kämpfen, hoffen und das gern mit Lesern teilen. „Im Schatten der Kraniche“ bewegt auf jeder Seite. Und berührt alle, denen jegliche Missachtung von natürlichem Tun ein Dorn im Auge ist.
