Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens

Er war Amerikaner, der zu Beginn und am Ende seines Lebens in den USA lebte. Er war Deutscher, der sein Werk in Deutschland vollbrachte. Er war Bauhäusler von Anfang an, bis zum bitteren Ende. Lyonel Feininger. Sein Werk ist vielleicht bekannter als sein Name. Die düsteren, durch geometrische Formen bestimmten Bilder treffen den Betrachter auf Anhieb ins Mark.

Feiningers Leben war wie seine Bilder kantig, geradlinig. Feininger musste nicht darben wie Chaim Soutine. Feininger „erfand“ keine neue Kunstrichtung wie Pablo Picasso. Und doch war er immer präsent. Als Teenager holten ihn seine Eltern nach Deutschland. Er machte eine Banklehre, während Mama und Papa als Musiker durch Europa tourten. Ein Brief seines Chefs – als Loblied auf den Ehrgeiz des Azubis gedacht – versteht der Vater als Fanal für eine allzu zielstrebig ausgelegte Banklaufbahn mit wenig menschlichem Einschlag und holt den Filius zu sich. Musiker solle er werden, in Leipzig. Doch der Lehrer ist noch nicht bereit den jungen Lyonel, damals noch Leonell, zu unterrichten. Der Sprössling wird bei Tante in Hamburg geparkt. Dort entwickelt er eine Leidenschaft fürs Zeichnen. Und er ist erfolgreich, möchte schon bald seine Fähigkeiten im Studium ausbauen. Sein Wille geschehe, wenn er sich reinkniet und erfolgreich ist. Die väterliche Bange und Strenge führen schlussendlich dazu, dass Lyonel Feininger schon bald dies- und jenseits des Atlantiks mit seinen Karikaturen auf finanziell erfolgreich sein wird.

Ein Aufenthalt in Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts formt aus dem Auftragzeichner einen Maler, der einige Zeit selbst Henri Matisse dazu bringt ein eigenes Werk noch einmal zu überdenken, damit er neben dem jungen Deutschen bestehen kann.

Lyonel Feininger gehört – sollte man eine Liste mit Malern der Moderne erstellen – sicher nicht zur ersten Garde, die einem in den Sinn kommen. Zu Unrecht! Aber schon im zweiten Schwung gehört er sicherlich zu den Meistgenannten. Private Rückschläge durchziehen sein Leben wie das eines jeden, der sich der Kunst verschrieben hat. Er sorgte reichlich für Nachwuchs, und seine erste von ihm geschiedene Frau Clara. Mit seiner zweiten Frau Julia Berg war er bis zu seinem Tod zusammen.

Andreas Platthaus erzählt aus dem Leben eines Künstlers, der sich in Deutschland nach Amerika sehnte, der vier Jahre unter der Herrschaft der Nazis litt, weil seine Frau Jüdin war und ihm die Arbeit mehr als erschwert wurde. Aber erzählt auch von einem Mann, der dank seiner Fähigkeiten immer einen Weg fand Nackenschläge als Chance für neue Pfade beschreiten zu können. Ein sich selbst treuer Mann. Das Werk Feiningers ist heute in einem ihm gewidmeten Museum in Quedlinburg zu bestaunen sowie im Schloss Moritzburg in Halle / Saale.

Country place

Lennox, Connecticut, nach dem Krieg, Ende der 40er Jahre. Ein Ort, in dem der Durchschnitt ein Heim gefunden hat. Groß genug, um sich zu verschanzen. Zu klein, um ein Geheimnis zu bewahren. Hierhin kehrt Johnnie zurück. Zurück zu Glory, seiner Frau. Schon im Taxi, bei Wiesel, so heißt der Fahrer, wird ihm bewusst, was er vier Jahre hinter sich ließ: Klatsch und Tratsch sind der Kitt, der die Gemeinschaft – und gemein ist hier im doppelten Sinne zu sehen – zusammenhält. Mutter ist überglücklich ihren Sohn wieder bei und um sich zu haben. Doch Glory macht gleich Nägel mit Köpfen – sie kann es nicht ertragen, wenn Johnnie sie anfasst. So unverändert ihm Lennox im Taxi noch vorkam, so anders ist es nun in den eigenen vier Wänden. Sei es wie es sei. Glory hat er verloren. An Ed. Illusionen konnte er sich nicht hingeben, er konnte nicht erwarten, dass nach vier Jahren in Übersee, im Krieg gegen die Nazis alles nur darauf wartete ihn endlich wieder hier zu haben. Den Krieg als Intermezzo gibt es nicht!

Und Johnnie ist nun auch keiner, der mit dem Vorschlaghammer mit aller Macht alles einzureißen versucht, um Neues entstehen zu lassen. Einen Sturm entfacht bestimmt nicht er, wenn dieser denn einmal durch die eingelaufenen Pfade wüten sollte…

Mrs. Gramby hingegen ist die Grand Dame des Ortes. Ihre Moralvorstellungen vertritt sie bis ins letzte Glied. Unerwarteter Besuch wird ebenso brüsk angeraunzt wie unliebsame Gäste. Sie weiß, was sie will und was sie darstellt. Auch ihr ist der Mief der Stadt zuwider. Obwohl sie und ihre Ahnen dazu beigetragen haben ihn aufzubauen. So gehrt das Leben in Lennox seinen gewohnten Gang. Der Apotheker, der in „Country place“ als Chronist die Geschichte zum Besten gibt, ist ein gescheiter Beobachter. Oft wird das X, das man sich für ein U vormacht oder vormachen lässt oder es sich vormachen lassen soll, zu einem Fanal für eine kleine … Veränderung. Wie gesagt, kein Sturm. Selbst wenn der einmal durch die Straßen fegt, hat es allenfalls kleinere Veränderungen zur Folge. Das Leben in Lennox wird sich dadurch nur geringfügig ändern. Oder doch nicht?!

Ann Petry hat sich Lennox in Neuengland ausgedacht. Sie lebte hier. Sie wusste wovon sie schreibt. Sie kannte die Eigenheiten der Bewohner. Es dauerte mehr als siebzig Jahre bis ihr 1947 erschienener Roman in deutscher Übersetzung erscheint. Als sie in Harlem lebte, schrieb sie „The street“ über das harte Leben einer (schwarzen) alleinerziehenden Mutter. Nun war sie wieder zurück in ihrer neuenglischen Heimat und schrieb über das, was sie vor ihrer eigenen Haustür vorfand: Rassismus, Hass, Teilnahmslosigkeit. Aber auch vom Glück in einer derartigen Glocke mit eigenen Regeln leben zu können. Diese Regeln zu brechen, ist der einzige Weg eigene Pfade zu befestigen. Mit unverwechselbarer Empathie und einem ausgeklügelten Wortschatz, der in der Übersetzung nichts an Wirkung verliert, strahlt auch dieser Roman wie der hellste Stern am dunklen Firmament.

Das große Fabel-Buch

Fabeln begleiten uns durch das gesamte Leben. Als Kinder kichern wir beglückt über sprechende Tiere und verblüffen die Großen, wenn wir die Moral von der Geschicht’ auf Anhieb verstehen. Im weiteren Verlauf treffen wir hier und da auf eben diese Gestalten und erfreuen uns daran, wenn sich (die) Geschichte wiederholt. Gegen Ende möchten wir dann doch lieber mit den Tieren zu tun haben, denn zum Beispiel aufgeblähte Frösche haben dann doch eben eine begrenzte und vor allem vorhersehbare Lebensdauer…

Jean de la Fontaine hat mit seinen Fabeln die wohl größte Werkschau geschaffen, die immer noch zum Lesen, Nachdenken, Rätseln und Amüsieren einlädt. Immerhin wird im Jahr 2021 sein 400. Geburtstag gefeiert. Schon Voltaire – ob er wohl den hundertsten Geburtstag des Fabeldichters gefeiert hat? – sah in den Werken eine unendliche Geschichte.

Wie feiert man einen runden Geburtstag, wenn der Grund der Party aus verständlichen Gründen nicht anwesend sein kann? Mit einem ausgelassenen Dinner? Nach „Die Taube und die Ameise“ wird wohl kein Täubchen kredenzt. Denn die hat Helfer aus alter Verbundenheit, die sich todesmutig einem potenziellen Angreifer in den Weg schmeißen. Und ein Hühnchen zu bewegen, höchstselbst in den Kochtopf zu hüpfen, gelingt weder im richtigen Leben, noch in der Fabel „Der Hahn und der Fuchs“. Da kann man noch so sehr schmeicheln.

Man kann – man wird – den Geburtstag mit diesem Buch auf dem Schoß feiern. Laut lachend, sinnierend, nachdenklich ergötzt man sich an der Universalität der Worte. Und jeder, der den Versen lauscht, bleibt still, geht in sich und macht sich noch lange nicht auf die Fersen, um das Weite zu suchen. Denn das Gute liegt ja bekanntlich so nah. Es ist ein besonderer Genuss bekannte und unbekannte Fabeln (noch einmal) zu lesen. Man schwelgt in Erinnerungen, findet auf Anhieb Parallelen zum eigenen Leben und ist sich das eine oder andere Mal pikiert, wenn man sich selbst in den Reimen wieder findet.

Diese elegante Ausgabe im edlen Pappschuber setzt dem Wortgenuss von Jean de la Fontaine den Augenschmaus von Jan Peter Tripp an die Seite. Er flankiert ganz im Sinne des Autors den Band mit eindrucksvollen Bildern. Rätselhafte gestalten, bei denen man nicht weiß, ob sie menschliche Tiere oder tierische Menschen abbilden. Hier verschwimmen die Grenzen spielerisch. Wie in einem Stummfilm, untermalen hier zwei Kunstarten die jeweils andere.

Solneman der Unsichtbare

Es ist schon kurios, was sich da in einer deutschen Kleinstadt etwas mehr als einhundert Jahren abspielt. Rein fiktiv – natürlich. Da kommt ein Mann ins Rathaus und unterbreitet dem Oberbürgermeister das Angebot den Stadtpark zu kaufen. Lachhaft! Der Amtsträger lehnt ab. Bis der geheimnisvolle Mann ihm eröffnet, dass er bar zahle. Und zwar dreiundsiebzig Millionen. Das wären heute irgendwas um die 300 Millionen Euro. Die Skepsis weicht aus dem Gesicht des Oberbürgermeister und macht einem breiten Grinsen Platz. Hciebel Solneman – so nennt sich der Mann mit dem unausschlagbaren Angebot und dem durchaus auffälligem Äußeren (mit ein bisschen Grips errät man, was gemeint ist – stellt nur noch ein paar Forderungen: Er will eine dreißig Meter hohe Mauer um – dann – sein Anwesen bauen, Überflugverbot unter tausend Meter und man solle ihn doch bitte nicht belästigen. Man einigt sich! So viel Geld im Säckel, wessen auch immer, ist einfach zu verlockend. In Windeseile steht die Mauer. Ein paar umliegende Häuser reißt sich Solneman auch noch unter den Nagel. Sonst könnte ja jemand mit dem Fernglas über die Mauer lugen.

Was hat er eigentlich erwartet? Dass man ihm mirnichtsdirnichts das Grundstück überlässt, und alles ist gut? Dass Spekulationen mit dem Rascheln der Geldbündel ad acta gelegt wird? Bestimmt nicht! Denn Solneman tritt selbstischer und weltgewandt auf. Und er ist ob seiner Art über jeden Verdacht erhaben. Na gut, fast jeden Verdacht. Genauso schnell wie Mauer hochgezogen wurde, keimen die ersten Gerüchte. Da war doch mal was in Belgien. Eine Frau wurde ermordet als der Zirkus in der Stadt war. Zirkus – Solneman – Mord … könnte passen. Schon allein deshalb, weil ihn kaum jemand zu Gesicht bekommen hat. Oder ist er ein Varieté-Künstler? Oder Ingenieur? Bei dem, was da alles in sein Anwesen gebracht wird – die Lieferwagen hat Solneman gleich mitgekauft. Oder ist er gar ein Misanthrop? Reich ist er. Er gibt gern und viel für die Stadt.

Das gemeine Volk zerreißt sich das Maul. Die Oberen wollen sein Nähe suchen, dürfen es aber nicht. Solnemans Nähe verspricht Ruhm und Ehre und … vielleicht den einen oder anderen Taler. Ach, es ist zum Verzweifeln! Was treibt dieser unsichtbare Mann mit dem rätselhaften Namen hinter den sich nur selten öffnenden Mauern?

Alexander Moritz Frey treibt den Leser in den Wahnsinn. Was hat dieser Typ da vor? Nur eines steht fest: Wer das Buch vor dem letzten Punkt beiseite legt, hat verloren. Frey war ein Freund Thomas Manns und wurde im Kriegsdienst von einem Gefreiten drangsaliert dessen Ideologie zu Papier zu bringen. Frey lehnte ab. Er wusste, dass er vielleicht nicht, dass mit dem Teufel einen Bund eingehen würde, aber dieser Wichtigtuer war ihm zutiefst zuwider. Dieser Wichtigtuer wird nicht einmal zwanzig Jahre später unter anderem dafür verantwortlich sein, dass die Werke Alexander Moritz Freys dem Feuer übergeben werden. Aus dem Schweizer Exil kehrte der Autor nie mehr nach Deutschland zurück.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.

Orientreisen

Annemarie Schwarzenbach wuchs nicht mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund auf. Sie hatte einen ganzen Besteckkasten, ihre Familie zählte zu den reichsten der Schweiz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählte sie nicht nur aufgrund dessen zu einer auserlesenen Elite, sondern einzig allein durch ihre Reisen und ihre darüber veröffentlichten Reportagen. Schon früh zog es die freiheitsliebende (und bei ihr ist es wirklich angebracht von Freiheit zu sprechen) in die Ferne. Mit der Familie gebrochen, sich offen zu ihrer Sexualität zu bekennen, sich gegen die Faschisten und ihre Ideologie zu stellen und die arabische, afrikanische, persische Welt zu erkunden.

Vieles, was sie in ihren Reportagen beschrieb, ist heute so nicht mehr zu erleben. Man stelle sich vor – welch wunderbare Vorstellung! – die Buddha-Statuen von Bamiyan würden noch stehen. Oder mit einem Kleinflugzeug über die syrische Wüste zu fliegen und die Schakale aufzuscheuchen. Und das zu einer Zeit, in der Frauen als Alleinreisende in einem kaum erschlossenen Gebiet mehr Mut brauchten als heutzutage kurzgeschorene Europa am Hindukusch verteidigende Goldgräber.

Es sind über 80 Jahre vergangen seit dem Annemarie Schwarzenbach ihre Reisen gen Osten unternahm. Vieles ist nicht mehr zu sehen. Sei es durch Zerstörung, sei es durch Bebauung, sei es durch den Zahn der Zeit. Doch sich ein stilles Plätzchen zu suchen, die Luft tief einzuatmen und diese Reiseimpressionen auf sich wirken zu lassen, hat einen höheren Lerneffekt als beim Discounter gebuchte Reisen in die Shoppingparadiese der glitzernden Malls zwischen Wüste und Golf.

Mit einfachen Worten und bildhafter Sprache zieht Annemarie Schwarzenbach den Leser in eine Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. Die Türkei zum Beispiel befindet sich seit ein paar Jahren im größten Umbruch, den man sich vorstellen kann. Schrift und Sprache werden einer Radikalkur unterzogen. Dennoch gibt es vieles, was heute noch zu besichtigen ist und mit den Worten der Autorin im Hinterkopf, erkennt man vielleicht manches, was einem sonst verborgen geblieben wäre. Isfahan im Iran mit seinem markanten Meidān-e Naqsch-e Dschahān fasziniert sie damals und wirkt bis heute auf den Betrachter wie ein unwirklicher Traum.

Annemarie Schwarzenbach trieb es in Ferne, nicht um anderen etwas zu beweisen. Sie wollte selbst die Welt entdecken und erleben. Unabhängig sein und die Welt an ihren Abenteuern teilhaben lassen. Ihr gelang es mit Bravour, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist. Leider war ihr Leben nach zu kurzer Zeit zu Ende. Sie starb im Alter von 34 Jahren nach einem Unfall und den Folgen einer falschen Behandlung.

Monster Berlin

Es ist nicht einfach die NS-Zeit mit Kultur in Verbindung zu bringen. Staat und Partei sind verschmolzen – ein sicheres Zeichen für Diktaturen. Die Kulturszene muss sich dem Diktat der Partei, und somit des Staates beugen. In Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 kein leichtes Unterfangen. Entartete Kunst, Bücherverbrennung, Hetze, Vertreibung, Folter – Künstler hatten es schwer ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Die Verlustmasse der Geflohenen ist bis heute nicht aufgearbeitet. Während Filmschaffende Hollywood zu heutigen Ruhm verhalfen – ohne sie wäre der Flecken Erde in den Hügeln bei Los Angeles nicht weiter als ein Gewerbegebiet mittleren Ausmaßes für Filmschaffende – arrangierten sich manche mit dem Regime, manche biederten sich an, manche lavierten sich geschickt durch die Zeit.

Die Zeiten, in denen aufm Ku’damm in den Cafés heiter diskutiert wurde, Weltliteratur geschrieben wurde, die Kunstszene zu explodieren drohte, waren endgültig vorbei als der Fackelzug der SA durchs Brandenburger Tor zog. Und Max Liebermann bei diesem Anblick die packende Zusammenfassung zum Besten gab: „Ick kann jar nich soville fressen wie ick kotzen möchte.“

Im Süden Frankreichs, in Sanary sur Mer bildete sich zwischenzeitlich eine deutsche Literatenkolonie, die jedem Bücherliebhaber ein Schauern über den Rück laufen lässt. Und in Berlin? Monströse Pläne für eine Welthauptstadt. Die Welt zu Gast bei Mördern. Gleichschritt nicht nur als Tagesparole, sondern bildhafter Alltag. Die Filmbranche blühte auf unter der Fuchtel von Joseph Goebbels, der nebenbei auch oberster Herr der Stadt Berlin war.

Berlins Künstler waren zu dieser Zeit nicht minder kreativ als in den Jahren zu vor. Sie waren vor allem politischer, einige politiksicher. Wer Geld verdienen wollte, weil er es musste (der schnöde Mammon nimmt keine Rücksicht auf Diktaturen), passte sich an, wenn er keine Möglichkeit hatte zu fließen. Oder er versank für alle Zeiten in der Bedeutungslosigkeit.

Als der „Vulkan Berlin“ ausbrach, stieg aus ihm das „Monster Berlin“ – so beschreibt es Autor Kai-Uwe Merz. Was nichts anderes besagt als dass der erste Satz dieses Buches geschrieben wurde als der Vorgängerband („Vulkan Berlin“) erschien. Beide Bücher rücken die Metropole Berlin ins Rampenlicht und leuchten sie detailreich aus, so dass selbst in den dunkelsten Ecken sich keiner mehr verstecken kann. Zweieinhalb Jahrzehnte, die Zwanziger, die Dreißiger und die erste Hälfte der Vierziger reichten aus, um den Olymp zu erklimmen und in die Tiefen der Hölle zu stürzen. So wie George Grosz es zeichnete. Hitler vor dem Leichnam seines Bruders auf dem Knochenhaufen der Opfer. Ein Sinnbild, das bei seiner Entstehung eine dunkle Zukunft darstellte und nur wenige Jahre später bittere Realität war. Um die Pauken und Trompeten dieser Zeit richtig zu verstehen, braucht man Bücher wie diese!

Der langsame Tod der Luciana B.

Wenn man sich zehn Jahre nicht gesehen hat, freut man sich auf das Wiedersehen, wenn man sich so gemocht hat wie der Erzähler in diesem Buch und seine ehemalige Assistentin Luciana. Sie half ihm als er wegen einer Handverletzung nicht selbst schreiben konnte. Der damals schon erfolgreiche Autor Kloster war verreist, und so hatte Luciana bei ihm einen Überbrückungsjob bis Kloster aus dem Urlaub zurückkehrte. Doch was nun in seiner Tür steht hat nichts mehr mit der Luciana von vor zehn Jahren zu tun. Die Lebensfreude ist nicht nur aus ihrem Gesicht, sondern aus ihrem gesamten Körper gewichen. Das hat einen Grund: Kloster!

Er hat ihr Leben zerstört und macht sich nun daran Luciana B. endgültig zu töten. Was war geschehen? Als Kloster aus dem Urlaub mit Frau und Tochter zurückkehrte, machte er ihr mehr als nur Avancen. Er bedrängte sie. Sie wies ihn ab. Verklagte ihn. Bekam Recht und eine „Entschädigung“. Zwischenzeitlich war Pauli, Klosters Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er war ein gebrochener Mann. Doch erfolgreich wie nie zuvor. Er stand auf einmal in der Öffentlichkeit, genoss es scheinbar im Rampenlicht zu stehen. So kannte ihn Luciana nicht. Und weiter? Lucianas Freund – ertrunken. Während des Urlaubs am Meer. Dort hat sie auch Kloster wieder gesehen. Zufall? Lucianas Eltern – an einer Pilzvergiftung gestorben. Sie waren erfahrene Pilzsammler. Dass ausgerechnet ihnen ein Grüner Knollenblätterpilz ins Essen gerät, war eher unwahrscheinlich. Am Tag der Beerdigung sah Luciana ihn – Kloster –  wieder. Wahrscheinlich hat er nur das Grab seiner Tochter besucht.

Bis hierhin ist alles klar. Kloster hat irgendwie seine Finger im Spiel. Auch an dem Mord an Lucianas Bruder, der von einem geflohenen Lebenslänglichen bestialisch der Garaus gemacht wurde. Luciana bittet nun ihren alten Freund, den Schriftstellerkollegen des so berühmten Klosters, dem Erzähler ihr zu helfen. Das tut er gern. Offen und ehrlich tritt er Kloster gegenüber. Auffallend gut informiert ist dieser Kloster, muss er zugeben. Er durchschaut das Spiel. Und er hat seine eigene Version darüber, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist …

Was sich anfänglich nach einem glasklaren Fall anlässt, wandelt sich abrupt zu einem Vexierspiel, in dem der Leser aufpassen muss nicht dem Falschen auf den Leim zu gehen.  Nach und nach – ganz langsam, so wie es der Titel verspricht – wird jeder der beteiligten unweigerlich zum Verdächtigen. Jedes Wort wird als Ausrede wahrgenommen, so dass man schließlich kaum noch jemandem etwas glauben kann. Und genau das will Guillermo Martinéz! Und ganz ehrlich: So will es auch der Leser!

Lieblingsstädte

Mal schnell raus. Mal schnell weg. Mal schnell die Welt entdecken. Waren Städte einmal die höchste Entwicklungsstufe, die man sich vorstellen konnte, sind sie als eigenständiges Segment auf dem Reisemarkt nicht mehr wegzudenken. City Trips, Städtereisen – wie auch immer man es nennt: Städte entdecken ist spannend, erholsam und abenteuerlich in Einem. Achtundzwanzig Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sich in diesem Reiseband von ihren schönsten Seiten.

Das beschauliche Bern hat man bei dem Gedanken an die Schweiz nicht unbedingt auf der ersten Seite der zu besuchenden Orte. Schneevergnügen steht da sicher weiter oben auf der Liste. Doch die Stadt hat mitunter mehr zu bieten als man sich oberflächlich vorstellen kann. Wie zum Beispiel die wohl ungewöhnlichste Stadtrund-„Fahrt“, die man sich vorstellen kann. Vom Wasser aus kann man viele Städte besichtigen. Auch von einem Fluss aus. Aber als eigener Kapitän? Einfach in die Aare springen – das geht an vielen Orten in Bern problemlos. Und sich dann von der Strömung mitreißen lassen. Aber Vorsicht! An einigen Stellen versperren Wehre das Weiterschwimmen. Kurz aus dem kühlen Nasse hüfen und ein paar Meter weiter wieder in die Aare hüpfen, kein Problem. Zur Belohnung gibt’s dann Rösti und ein Eis an einem der zahlreichen wunderschön gestalteten Brunnen.

Goethe, Napoleon, Bach – wo kann man das schon erleben? In Leipzig. Und noch mehr, wenn man die Augen offen hält … oder in diesem Buch blättert. Ganz aktuell mit dem Tipp zum letzten architektonischen Coup von Oscar Niemeyer, einer futuristischen Kugel. Sie ist im alten Industriegebiet der Stadt, das heute zum größten Teil als Ort für Künstler dient, als Kantine einer der wenigen verbliebenen Fabriken. Und sie ist besuchbar. Street art mit ältesten noch erhaltenen Kunstwerk dieser Stilrichtung, Speisen wie im bekanntesten Buch deutscher Sprache („Faust“) oder das größte Gothic-Festival der Welt – Leipzig ist eben nicht nur Messestadt und einer der am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland (was ja irgendwie auch mit dem Angebot an Zerstreuung zu tun haben muss, oder?!).

Linz steht in Österreich in keinerlei Wettstreit mit anderen Städten wie Wien oder Salzburg. Die haben ihre Fans. Linz kommt langsam, aber stetig an die Oberfläche und wartet Höhenrausch und Unterwelten gleichermaßen auf. Und als Wegzehrung immer eine Linzer Torte.

Jedes Kapitel beginnt mit dem „perfekten Tag“, gefolgt von zahlreichen Tipps, was man noch sehen muss. Das Buch ist alphabetisch geordnet, was dazu führt, dass man es automatisch bei jedem Trip durch eines der drei Länder in die Hand nimmt. Denn so kompakt und informativ für den kleinen Abstecher zwischendurch wurde man selten verführt. Das Offensichtliche und das Verborgene gehen in diesem Buch eine zufriedenstellende Symbiose sein.