Kathedralen

Kathedralen – so erhaben stehen sie fest im Leben, bieten ihre Pracht feil. Voller Ehrfurcht betritt man sie und staunt über das Übermaß an Eleganz. Auch wer schon längst vom Glauben abgefallen ist, kann sich der Anziehungskraft nicht entziehen. Das muss so sein, denn die Besucherströme in die Gotteshäuser mit Museumscharme reißen nicht ab.

Apropos vom Glauben abgefallen. Lía ist vom Glauben abgefallen. Das gesteht sie sich ein – nicht einfach in einer Familie, in der der Glaube das höchste Gut ist. Ihre Schwester Ana ist vor vielen Jahren ums Leben gekommen. Das ist lange her. Inzwischen ist der Kontakt zur Familie abgerissen. Lía hat ihre Buchhandlung – das ist ihre neue Religion. Bis eines Tages Carmen vor ihr steht. Carmen, ihre Schwester!

Die alten Erinnerungen, der Streit von damals – alles wird wieder ans Tageslicht gespült, in eine Realität, die Lía längst verlassen zu haben glaubte. Der Verlust Anas – damals – und das damit verloren gegangene Vertrauen in Gott haben einen tiefen Graben zwischen den Schwestern entstehen lassen. Und im ersten Moment scheint es so als ob keine der beiden auch nur ansatzweise sich als Brückenbauer betätigen will.

Überhaupt überstrahlt „Kathedralen“ ein immer währender Schein die Szenerie. Denn die ganze Familie schwebt im allgemeinen Kanon der Religiosität auf einer undurchsichtigen Wolke durchs Leben. Nur Lía konnte bisher von dieser Wolke springen.

Dreißig Jahre ist es nun her, dass Ana ihrer Familie entrissen wurde. Jedes Familienmitglied hat seine eigene Sicht auf dieses tragische Ereignis, das nicht einmal Gott verhindern konnte. Claudia Piñeiro pustet noch einmal richtig in die Familiengeschichte rein und entfacht einen Sturm, der allen Beteiligten die Frisur gehörig durcheinanderwirbelt. Denn hier liegt mehr im Argen als man sich selbst eingestehen will. Erst ein Außenstehender, ein unerwartete Gast scheint die Fähigkeit zu besitzen den Sturm zu zähmen. Doch danach sieht es zunächst gar nicht aus…

Einmal mehr setzt die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro einen Meilenstein in die reichhaltige argentinische Literatur. Ein Monument, das unumstößlich ist wie eine Kathedrale. Hier und da blättert der Putz ab, was aber dem Gesamtbild nicht im Geringsten schadet. Oft sieht man in Kathedralen Darstellungen aus der Bibelgeschichte. Nicht selten blutig. In diesem Roman ist verflossenes Blut der Grund allen Übels. Einfach aufwischen ist nicht. Hier muss ein professioneller Tatortreiniger ran! Und das ist Claudia Piñeiro! Und zwar in Höchstform!

Schmales Land

Der Krieg ist seit fünf Jahren vorbei, und schon scharrt die nächste Generation, um einen Stellvertreterkrieg dieses Mal am anderen Ende der Welt zu führen. Der Waise Michael – aus dem zerbombten Deutschland ins gelobte Amerika verbracht worden – steht auf dem Bahnhof. Trotzig wehrt er sich gegen den Plan von Mrs. Aunt, wie er sie nennt, ihn gen Norden zu schicken. Dort soll er sechs – in ihren Augen wundervolle – Wochen verbringen. Bei Bekannten, ihrem Sohn Richie und einem Hund. Ist das nicht toll?! Für den verschlossenen Michael ist es das nicht! Und er wehrt sich tapfer. Doch all das Bocken und Trotzen nützt ihm nichts.

Am Cape Cod – was ist das denn für ein Name, fragt sich Michael – wird er aber bald auftauen. So viel sei schon verraten: Es wird ein Sommer, den er niemals vergessen wird. Das schmale Land wird ihm immer in Erinnerung bleiben. Hier macht es sich bequem, wer es sich leisten kann. Das war schon damals, 1950, so und ist es heut noch vielmehr.

Schon bald trifft Michael auf die teils eigenartigen Bewohner dieses Landstriches. Unter anderem auch auf Mrs. Aitch. Sie hat es nicht leicht. Als Künstlerin steht sie im Schatten ihres Gatten Edward. Der kann auch schon mal ordentlich aus der Haut fahren. Dann fliegen Geschirr und die Fetzen. Aber man rauft sich ebenso auch wieder zusammen. Ach ja, dieser Edward heißt mit Familiennamen Hopper.

Ja, genau der Edward Hopper. Eine Ikone der Moderne. Doch das weiß Michael nicht. Ist ihm auch völlig egal. In seinem Ohr klingen immer noch die Worte von Mrs. Aunt. Er solle sich benehmen. Er soll artig und höflich sein. Zeigen, dass er weiß, wie man sich benimmt. Den Schein wahren.

Das Grau und Schwarz seiner ersten Jahre weicht rasch der Farbenpracht an der Ostküste der Staaten. Der Strand ist mit weichem Sand übersät. Die Menschen sind nett und freundlich zu ihm. Hinter vorgehaltener Hand wird zwar das Eine oder Andere gelästert. Aber im Paradies (auch wenn Michael es nicht kennt und nicht richtig einordnen kann, so versteht er doch die Idylle auf seine ihm eigene Art zu genießen) ist eben doch nicht alles paradiesisch. Mrs. Aitch kann davon mehr als nur ein Lied singen…

Christine Dwyer Hickey schafft es mit der Kraft ihrer Phantasie dem Phänomen Edward Hopper auf die Spur zu kommen. Es ist eine Episode aus dem Leben den Künstler verwoben mit dem Schicksal eines Kindes, das Dinge erlebt hat, die man keinem Menschen wünscht. Kleine Splitter aus dem zerrissenen Leben zweier Menschen, die zu einem Puzzle zusammengefügt werden und ein Bild ergeben, das man so schnell nicht vergisst.

Überfluss

Eine nach oben gereckte Hand, im Inhaltsverzeichnis Zahlen mit einem Dollarzeichen dahinter – hier scheint es sich um einen Roman zu handeln, in dem es um das mehr oder weniger vorhandene Geld und den Kampf um selbiges zu handeln. Ja. Ein kämpferisches Buch mit zwei Protagonisten, die nichts anderes kennen als tagein tagaus mit Grips und Tatkraft den Folgetag erleben zu können. Soweit die Fakten.

Jakob Guanzon macht aus diesem wenig liebevollen Zustand eine Geschichte, die den Leser fesselt und nie wieder loslassen wird. Und: Es ist sein Erstlingsroman! Henry und sein Sohn Junior sind unterwegs. Nicht irgendwohin, sondern unterwegs, weil sie nicht anders können. Ihr fahrbarer Untersatz ist mehr als nur das. Es ist ihr Ein und Alles. Das Haus – verloren. Was heißt hier Haus! Selbst aus dem Trailerpark, im Allgemeinen die unterste Stufe der Behausung – sind sie rausgeflogen. Das letzte Mal, dass Henry einen festen (im wahrsten Sinne des Wortes) Wohnsitz hatte, war als er eine Gefängnisstrafe wegen Drogenhandels verbüßen musste. Und nun geht es auf einen Roadtrip ins Nirgendwo. Henry passt ganz genau auf, dass Junior diese Zeit nicht als Zeit des Mangels in Erinnerung behalten wird.

Es klingt paradox, doch das Vater-Sohn-Gespann lebt im Überfluss. Und zwar mittendrin. Aber sie sind nicht Teil des Überflusses. Wie unbeteiligte Zuschauer in einem lahmen Theaterstück, das einzig allein vom Lichterglanz und der unermüdlichen Effekthascherei derer lebt, die den Überfluss genießen können oder – noch schlimmer – inmitten derer, die diesen Überfluss zu verantworten haben. Egal, ob sie dies bewusst tun oder selbst in einer Tretmühle stecken.

In Rückblenden bekommt die Gegenwart eine nachvollziehbare Vergangenheit. Henry ist nicht der typische Verlierer, der durch die Chuzpe anderer in sein Dilemma geraten ist. Ein bisschen Mitschuld trägt er selbst. Umso mehr bemüht er sich – mit mehr oder weniger anhaltendem Erfolg – Junior das gleiche Schicksal zu ersparen.

Wortgewaltig und immens gefühlvoll verzaubert Jakob Guanzon fortwährend und gibt Einblicke in eine Welt, die man lieber nur von außen betrachtet. Ein Pickup als small world refugium, die Phantasie als Spielplatz der Möglichkeiten und die Welt da draußen als vermeintliches Ideal, dem man nachhecheln muss. Manchmal ist es so einfach glücklich zu sein. Aber manchmal ist es auch verdammt schwer. Von diesem Widerspruch lebt dieser Roman. Die Intensität schöpft das Werk aus der gefühlvollen Empathie des Autors für seine Figuren. Wer „Überfluss“ liest, erlebt ihn selbst, den Überfluss. Der Überfluss an Gefühlen und Hoffnung.

Aus der Balance

Dara und Marie Durant sind Ballettlehrerinnen. So wie ihre Mutter es einst war. Sie unterrichten noch immer in dem Studio, in dem ihre Mutter Generationen von kleinen Mädchen (mittlerweile kommen auch immer mehr Jungen) zum Träumen anregte, die bis aufs Blut forderte und ganz sicher einen Scherbenhaufen an zerplatzten Bühnenträumen zusammenkehrte. Der Dritte im Bunde, wenn von „WIR“ die Rede ist, ist Charlie. Tanzschüler der Mutter, erkrankt, operiert, zerstörte Träume, Dara, Heirat, kümmert sich ums Geschäftliche. Das leben der Drei plätschert in geplanten Bahnen vor sich hin. Nichts Aufregendes. Die kleinen Sticheleien zwischen den Schwestern, das Herumwuseln der kleinen Ballettschüler vor der großen Aufführung (Nussknacker, was sonst?!) sind nur kleine, fast schon eingeplante Abwechslungen.

Doch eines Tages wird es heiß. Sehr heiß. Das Ballettstudio steht in Flammen. Ist nun alles zu Ende? Nein, natürlich nicht. Wenn Dara und Marie und Charlie etwas gelernt haben von der verstorbenen Madame Durant (der Mutter von Dara und Marie, inzwischen ist Dara Madame und Marie Mademoiselle Durant), dann ist es Schmerz zu ertragen. Und ihn zu bekämpfen.

Derek, der begehrteste … nein, nicht Junggeselle, sondern Bauunternehmer der Stadt, erhält den Zuschlag, das Studio wieder aufzubauen. Es soll größer und schöner werden als zuvor. So schlägt er es vor, so will es vor allem Marie. Dara ist erstaunt über den Aktionismus der Schwester. Charlie bemerkt es sofort: Derek und Marie – das könnte was werden. Doch was wird dann aus dem WIR?

Megan Abbott ist geduldig beim Ausarbeiten der Szenen. Ausdauernd, ohne dabei Langeweile zu verbreiten, baut sie die Beziehung der Schwestern zueinander auf. Charlie ist schon früh mit im Boot. Schon als Teenager gehörte er zur Familie. Nur logisch, dass er und eine der beiden Schwestern einmal ein Paar werden würden. Und die Andere würde im WIR aufgehen müssen.

So reibungslos hier im Tanzstudio – irgendwo in einer Kleinstadt in den USA – alles läuft, so langweilig die Szenerie wirken mag … hier brodelt es gewaltig. Ob es nicht bemerkt wird oder man es nicht bemerken will, lässt Autorin Megan Abbott offen. Als jedoch die Erde zu beben beginnt, ist sie zur Stelle und lässt die Bühne, die die Welt bedeutet unter den Füßen der Beteiligten derart laut zusammenkrachen, dass man vor Schreck sich zwischen den Zeilen verstecken will. Doch da ist kein Platz für Angsthasen und Drückeberger.

„Aus der Balance“ – ein Buch vielleicht für all diejenigen, die bei „Billy Elliott – I Will Dance“ vom Anfang bis fast zum Ende mehr Sympathien für den Vater hegten. Auf alle Fälle aber ein Buch für alle, die sich gern in die Untiefen des Ungewissen ziehen lassen.

Gran Canaria

Wenn es daheim so richtig ungemütlich, kalt und nass ist, möchte man einfach nur raus. Raus in die Welt. Aber bitte nicht allzu weit weg. Aber sonnig sollte s bitte schön sein. Für viele ist Gran Canaria dann die erste Wahl. Während zuhause alle den Kopf in den Nacken ziehen, weil der Wind sonst durch jede Ritze pfeift, genießt man die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres. Und das sogar schon am Strand.

Doch Gran Canaria ist mehr als die Bettenburg Mitteleuropas tief im Süden. Irene Börjes hat nicht einfach nur einen Reiseband geschrieben, der mittlerweile sich der neunten Auflage erfreuen darf, in dem so allerlei geschrieben steht, was man sich anschauen kann (und muss), sondern einen Reiseband dem Frischlingsgast (aber auch dem erfahrenen Kenner der Insel) ein Reiseprogramm in die Hand gibt, dass nur einen Schluss zulässt: Langweilig wird’s hier bestimmt nicht!

Jedes Kapitel wird zunächst einmal kurz umrissen. Knackige Highlights machen Appetit darauf, das Buch intensiver zu studieren. Wie ein Reiseguide, der ohne den Erkennungs-Regenschirm in den Himmel zu recken und ohne Zeitdruck aufzubauen, weist sie ohne große Gesten auf das nicht zu Verpassende hin. Die farbig unterlegten Kästen sind dabei einmal mehr die Füllhörner der Neugier. Einzigartige Landschaften wie die Projektgemeinschaft Paisaje cultural de Risco Caido y Las Montanas Sagradas. Hier treffen weitreichend zurückliegende Geschichte, frühere Geschichte auf Gegenwart und Zukunft. Auf exzellent erschlossenen Wanderrouten kann man vorbei an Ausgrabungsstätten, in Freilandmuseen das Leben vor vielen Jahrhunderten nachvollziehen.

Sportlich ist Gran Canaria auch. Mit dem Rad querfeldein, ohne dabei Flora und Fauna ins Leben zu pfuschen – kein Problem. Auch hier hat die Autorin (sogar preiswerte) Tipps im Angebot.

Immer wieder kommt man ins Staunen wie viel die Insel zu bieten hat, und dass man tatsächlich alles in diesem Buch finden kann. Hier bekommt das Wort Kompaktheit eine neue Bedeutung.

Dieser Reiseband beweist eindrücklich, dass Gran Canaria nicht das eine Reiseziel ist, das man erwählt, wenn einem überhaupt nichts mehr einfällt, wo man den nächsten Urlaub verbringen kann. Auch wenn die Insel von Touristenmassen überrannt zu werden scheint, so gibt es noch immer unzählige Orte, die noch nie von Tennissocken in Sandalen platt gedrückt wurden. Gran Canaria mit Irene Börjes in der Hand wird so garantiert zu einem Erlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird.

Wem die Stunde schlägt

Spanien im Mai – die Sonne wärmt schon das Gemüt, die Natur schlägt Purzelbäume. Spanien Ende Mai 1937 – die Kanonen donnern, eine Zeit der Angst und des Grauens. Generalissimo Franco legt das Land mit Hilfe anderer Diktatoren in Schutt und Asche. Auf der Gegenseite stehen die Internationalen Brigaden, furchtlose, zum Kampf bereite, freiheitsliebende Menschen, denen jedes Mittel recht ist, den perfiden Faschisten das Handwerk zu legen. Robert Jordan ist einer von ihnen. Amerikaner, der eine Brücke sprengen soll. Siebzig Stunden, zusammengefasst auf über 600 Seiten. Soweit ganz kurz die Rahmenhandlung.

Wie würde man heutzutage den Stoff umreißen? Ausländische Fachkraft mit militärischem Background soll einheimischer Widerstandsgruppe seine Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Das geplante Ziel birgt aber das Risiko erheblicher Kollateralschäden in sich. Außerdem knistert es zwischen der Frau des einheimischen Helfers und dem Sprengstoffexperten mit Migrationshintergrund. So was will doch aber kleiner lesen!

Es sei denn Ernest Hemingway hat seinen Griffel im Spiel. Es ist das umfangreichste Werk des Nobelpreisträgers und seit über achtzig Jahren in immer neuen Übersetzungen ein Dauerbrenner auf den Gabentischen. Verfilmt mit Gary Cooper und Ingrid Bergman.

„Wem die Stunde schlägt“ ist zweifelsohne ein Klassiker. Und dennoch soll es Bücherregale geben, in denen das Buch keinen Platz hat. Hemingway zu lesen, ist wie eine Reise, die niemals enden soll. Er packt einen da, wo keine Hand hinkommt – tief im Inneren. Die Parallelen zur Gegenwart sind nahbar und offensichtlich. Jedes Tun fordert regelgerecht eine Gegenreaktion heraus. Je schwieriger die Situation, desto unabdinglicher ist das sorgsame Abwägen. Und genau deswegen sollte man „Wem die Stunde schlägt“ immer in Griffweite haben.

Die Neuübersetzung von Werner Schmitz lässt dem Werk seine eigene Sprache und transformiert das Werk in unsere Zeit, ohne den Geist der Vergangenheit in Unruhe zu versetzen. Klare Gedanken erfordern eine klare Sprache. Dies gelingt hier ohne Abstriche. Hat man dieses Werk einmal in den Händen klebt es wie Honig zwischen den Fingern. Auch wenn man sich Seite für Seite die Finger danach leckt, geht die Anziehungskraft nicht verloren.

Selten zuvor hat der Titel eines Buches auf den Leser abgefärbt. Denn wem die Stunde schlägt, der hat „Wem die Stunde Schlägt“ gelesen. Und ihm er wird die Stunden nicht vergessen, in dem er dieses Buch las.

Cinema speculation

Listen – die Ausflüchte des kleinen Mannes (oder der kleinen Frau) in die Phantasie. Jeder hat mindestens eine Liste, zumindest im Kopf, andere vielleicht sogar ausgedruckt und in Folie verschweißt stets bei sich tragend. Die Rede ist nicht von Einkaufslisten. Sondern Listen wie „Der beste Film aller Zeiten“ oder das „beste Musikalbum ever“. Alles bullshit … wenn man nicht ein „für mich“ vor den Superlativ setzt. Filmakademien bringen sich ins kollektive Gedächtnis mit Listen der besten Filme. Und jeder kennt die Filme, mindestens beim Namen. An „Der Pate“, „Citizen Kane“ oder „Der dritte Mann“ kommt man da nur schwerlich vorbei. Und während man die Liste erstellt, kommen immer mehr Titel und Namen von Regisseuren und Schauspielern einen in die Quere, um die Liste komplett zu machen.

Es hielt sich jahrelang das Gerücht, dass Quentin Tarantino – als er in einer Videothek jobbte – sich unentwegt Film reinzog. Und daraus entstand der Drang selbst Filme zu machen. Kritiker bemängelt seine fehlende Kreativität und unterstellten ihm bloßes Kopieren eben dieser Filme, die der junge Quentin sich da einverleibte. Uma Thurman in gelbem Dress von unten gefilmt – das hat er doch von Hitch (The lodger) geklaut. Ist nun jeder Film schlecht, der eine Szene hat, die von unten gefilmt wird? Wohl kaum. Bei „True Romance“ ist das musikalische Leitmotiv aus „Badlands“, ein hierzulande eher unbekannter Film mit dem jungen Martin Sheen entlehnt. Klingt für die meisten nachhallender als das Original.

Quentin Tarantino hat auch eine Liste mit Filmen, die für ihn – jeder auf eine andere Weise – bedeutsam sind. Ohne Nummerierung. Zum Glück. „Bullitt“ – damit fängt der Reigen des Staunens und Ah-Rufens an. Klar, Steve McQueen gehört einfach in einer Aufreihung bedeutender Filme. Keiner war so cool wie er, gepaart mit Talent und ausgestattet mit dem Ehrgeiz einer Kobra, die das nächste Opfer im Visier hat. Da klar ist, dass man „Bullitt“ niemandem mehr erklären muss, verzichtet Tarantino darauf den Film noch einmal bis ins Kleinste zu erzählen. Er kommt der Faszination des Films und seines Stars auf die Spur, in dem er sich mit Neile Adams, McQueens Ehefrau unterhält. Sie war es schließlich, die die Rollen für ihren Gatten aussuchte.

Auch der zweite Film im Buch passt ins Klischee von erratbaren Filmen, die Tarantino prägten (nach Bambi und einigen ausgewählten Blaxploitation-Movies): Dirty Harry“. Wieder ein knallharter Kerl – Clint Eastwood, wieder Rasanz so dass das Blut brodelt. Ein bisschen hinter den Vorhang schauen, ein bisschen Fantum, und jede Menge Hintergrundwissen und cineastische Betrachtung. Tarantino schaut nicht einfach nur Filme. Er atmet sie ein und spuckt im Gegenzug eine gewaltige Version dessen wieder heraus.

Ab hier kommt der Autor Tarantino so richtig in Fahrt. Er zieht Vergleiche mit Filmen, die man nicht zwingend gesehen haben muss, um zu verstehen wie sie den Regisseur Tarantino beeindruckten. Doch ein gewisses Maß an Filmverständnis und einem breiten Spektrum an Interesse sollte man als Leser mitbringen. Ansonsten erliegt man der Versuchung die genannten Titel einfach zu überlesen. Dann fehlt einem doch ein gehöriges Stück vom Kino-Wissens-Kuchen, den QT einem da serviert. „The Getaway“ – wieder Steve McQueen, dieses Mal mit Ali MacGraw, geohrfeigt vor laufender Kamera, dass es jedem Zuschauer den Atem verschlägt – da tat vor und hinter der Kamera weh, ist nur der Anfang für QT, um den für Hollywood wichtigen Jahrzehnt der 70er nahezukommen. Hier ist Tarantino zuhause.

Was nun folgt ist eine wilder Ritt durch die Filmlandschaft Amerikas. Ohne dabei cineastischen Highway zu verlassen, prügelt QT den Leser durch Filmplots, trifft Stars und ihre Hinterleute, lässt andere daran teilhaben Geheimnissen der Leinwand auf die Schliche zu kommen. Ein Festessen für Filmliebhaber, die James Monaco in- und auswendig kennen, die Truffauts Analysen nicht minder aussagekräftig finden. Wohlgemerkt, es sind fast ausschließlich amerikanische Produktionen, die Tarantino erwähnt.

Wer Kino mag, liebt Tarantino nicht zwangsläufig. Wer ihn liebt, wird mit diesem Buch unterm Kopfkissen zahllose unruhige Nächte voller Ungeduld verbringen. Oft ertappt man sich dabei, dass man den einen oder andere Film bzw. Sequenzen schon ad acta gelegt hat. Hier liegt die Stärke des Buches: Das Vergessene immer ans Licht zu holen und zu honorieren.

Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Was ein Titel! „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ – wer da an Roman Polanskis Film „Der Gott des Gemetzels“ denkt, ist schon fast auf dem richtigen Weg. Denn auch der ist sicherlich keine Massenware, die Fans von seichten Stories mit prall gefüllter Action hinter dem Ofen lockt. Auch Nick Cave liegt es fern mit einem Buch neue Fangemeinden zu generieren. Seine Anhänger sind ihm treu. Und sie wissen, was sie an ihm haben.

Mehrere Male hat der Journalist Seán O’Hagan Nick Cave interviewt. Es handelt sich dabei mehr um Gespräche zwischen zwei Menschen, die es geschafft haben ohne viel Tamtam eine gemeinsame Ebene zu finden. Denn Interviews gibt Nick Cave nur sehr ungern. Quatschen, reden, ein echtes Gespräch führen – ja, das mag er. Und das kann er auch! Und wie!

Und ja, das einzigartige Thema der Gegenwart – Corona – spielt natürlich eine gewichtige Rolle in den Gesprächen. Die Zeit des Lockdowns war für jeden eine ungewöhnliche Periode. Es ist zu einfach gedacht, dass Künstler, die andauernd on tour sind, diese Zeit paradiesisch hätte sein müssen. Endlich hat man mal Zeit sich intensiv um neue Texte und Melodien zu kümmern. Wenn das mal so einfach wäre. Denn Erstens entstehen Melodien, Texte und somit Stücke und Alben nicht auf Knopfdruck (und wenn doch, dann sind sie von vornherein mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen) und Zweitens ist Zwang Gift für jeden Freigeist. Wie aus dem Nichts (die Erklärung, dass es dann doch nicht „wie aus dem Nichts“ geschah schiebt Nick Cave gleich nach) schickt Nick Cave Seán O’Hagan sogar einen Songtext zu. Aus einem Guss geschrieben, also ganz anders als er sonst textet, und durch den Interviewer O’Hagan inspiriert. Auch hier wieder: Kein Anbiedern seitens des Fragenstellers, sondern sofortiger Einstieg in den Diskurs.

Nick Cave ist nicht derjenige, der sich hinsetzt und dem Fragensteller seine Arbeit tun lässt und sich dann in endlosen Phrasen über Teamgeist oder was gerade angesagt ist, ergeht. Er ist der Boss seiner Band, ohne dabei die Anderen in den Hintergrund zu stellen. Klar ist Teamwork in einer Band unerlässlich. Doch den Ton gibt nur einer an.

Je mehr man in dieses Buch eintaucht, je mehr man Seite für Seite verschlingt, desto klarer scheint das künstlerische Tun sich herauszuschälen. Komplette Wahrheiten gibt es nicht, schon gar nicht in der Kunst. Und Nick Cave ist Künstler. Durch und durch.

Um es noch einmal klarzustellen. Hier liegt keine Selbstentblößung vor, um Fans zu gewinnen. Der Maestro entblättert sich auch nicht vollends vor dem geneigten Leser. Vielmehr ist „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ eine geschickte gesetzte Nadel, die dem Spender keine Schmerzen zufügt. Dennoch quillt das Eine oder Andere aus ihm heraus, so dass es jeder sehen kann. Was der Leser aus diesem Buch für sich selber mitnimmt, entscheidet nur er selbst. Und genau deswegen muss man dieses Buch lesen. Denn jeder nimmt etwas mit, was auf diesen Seiten geschrieben steht.

Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin

Es gibt einfacheres als eine Biographie über Leni Riefenstahl zu schreiben und ihr vollkommen gerecht zu werden. Überhaupt ist das Wort gerecht im Zusammenhang mit der Regisseurin und Schauspielerin ein schwieriges Unterfangen.

Kurz die Fakten: 1902 geborgen und reichlich zwei Wochen nach ihrem 101. (!) Geburtstag gestorben. Schauspielerin und Regisseurin von Filmen, die bis heute wegen ihrer monumentalen Einstellungen bekannt sind. Die bekanntesten Filme sind allerdings berüchtigt – nicht wegen ihrer Opulenz und Monumentalität, sondern wegen ihres politischen Zusammenhanges.

Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Problem: Brillante Künstlerin, aber auch politischer Trottel. So nannte man sie, um die Schmach ihrer Rolle in Deutschlands dunkelster Zeit zu umschreiben. Oberflächlich liegt man da sicherlich gar nicht so falsch. Aber unter der Oberfläche brodelte es fortwährend. Und das tut es bis heute.

Als die Karriere von Leni Riefenstahl begann waren Frauen nicht unbedingt mit allumfassenden Rechten ausgestattet. Das Wahlrecht für sie war noch recht frisch. Karriere machen war nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Und Leni Riefenstahl war mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein versehen worden.

Zeitsprung: Als sie mit den Dreharbeiten für die beiden Olympiafilme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ begann, konnte sie auf ein Budget zugreifen, dass alle Dimensionen sprengte. Dieser beruhte auf der Dankbarkeit von ganz oben, weil der Reichsparteitagfilm „Triumph des Willens“ so gut bei den Auftraggebern ankam. Später, als sie „Tiefland“ drehte, war es für sie ein Leichtes entsprechende Komparsen für den Film zu bekommen. Sie sollten dem gängigen Klischee entsprechen. Denn der Film gilt neben „Der ewige Jude“ und Jud Süß“ als perfides Beispiel für Judenhasse und Propaganda übelster Sorte. Bis zu ihrem Ende bestritt Riefenstahl den Film nachträglich bearbeitet zu haben, um einer sicheren Bestrafung zu entgehen. Sie hat nachweislich den Film umgeschnitten – unter anderem wurden Naheinstellungen entfernt, die Darsteller identifizierbar zu machen.

Nina Gladitz, selbst preisgekrönte Dokumentarfilmerin, kann aufgrund ihrer Kenntnisse des Genres Film Lügen der Riefenstahl aufdecken und das wohl im Rahmen aller Möglichkeiten exakte Abbild der Regisseurin entwerfen. Die Ästhetik ihrer Arbeiten ist unbestritten und anzuerkennen. Wenn der Weg das Ziel ist, so muss man Riefenstahl in einem Atemzug mit den widerwärtigsten Verbrechern der Nazi-Ära gleichsetzen. Je mehr man sich von dieser Zeit entfernt, je weniger Zeitzeugen diese Zeit aus eigenem Erleben darstellen können, desto schwieriger wird es von der damaligen Realität, gepaart mit den Erfahrungen, die man bis heute gemacht hat, ein heute verständliches Bild zeichnen zu können. Den politischen Aspekt darf man bei Riefenstahls Werken nicht außer Acht lassen. Niemals! Und dennoch faszinieren uns die Farbgestaltung, die Kameraperspektiven, die Geschwindigkeit, die Totaleinstellung (hach, das ist es wieder das „total“, hätte man auch früher schon drauf kommen können…). Auch und gerade durch dieses Buch wird es unmöglich sein Leni Riefenstahl ein kraftvolles „Aber“ hinten anzustellen, wenn man von ihr spricht. Und so verkehrt ist das gar nicht…

Wir, die Anderen

Jeder kennt einen, der irgendwie – liebenswert – aus der Art geschlagen ist. Ein Spinner, den man nicht immer ernst nehmen kann, dennoch aber gern um sich haben will. Träumer, keine Schaumschläger. Denn Träumer haben das recht auf ihrer Seite.

Und solche wundersamen Leute hat Oliver Wunderlich zusammengetrommelt, um sie kompakt dem Leser vorzustellen. „Wir, die Anderen“ sind keine Clique von verschrobenen Typen, die es immer irgendwie schaffen davonzukommen. Nein, hier stehen sie in Reih und Glied, zeigen sich von ihrer besten Seite. Es ist erstaunlich spannend zu sehen wie zwei Männer dem Traum vom großen Geld hinterherjagen, und sich dabei für nichts zu schade sind. Die Currywurstbude soll den Batzen Geld in einen Mount Everest der finanziellen Sorglosigkeit verwandeln. Als quasi um die Ecke ein Schnellrestaurant von Weltformat eröffnet, scheint der Gipfel unerreichbar. Doch Narren haben einen Vorteil gegenüber durchgestylten Apparatschicks: Sie haben Träume, und keine Tabellen. Die Currywurstolympiade soll den Bekanntheitsgrad steigern und Kunden binden. So würde es der Wirtschaftsriese von „um die Ecke“ nennen. Die Würste brutzeln, die Sonne brennt, der Schweiß läuft. Das Ende vom Lied: Eine Gewinnerin, die sich seitdem nie wieder eine Currywurst einverleibt hat. Alles halb so schlimm. Es war die Tochter eines der Veranstalter.

Ein anderer Anderer ist Tom Quinn. Bobby, Polizist, Parkknöllchenverteiler in der Bridge Street in Manchester. In den 80ern nicht der Place to be, wenn man sich die Musik von Joy Division und The Smiths anhört. Margret Thatchers Politik scheint die Stadt weiter in en Abgrund zu treiben. Da schlendert der niemals schlecht gelaunte Tom Quinn durch die Straße und verteilt Tickets an die Parksünder. Immer, wenn Not am Mann ist, ist er zu Stelle. Ja, auch das ist Tom Quinn. Ein Fahrrad ist zu reparieren – Tom ist da. Falschparker auf dem Gehweg – Tom ist da. Jemandem über die Straße zu helfen, den Weg zu erklären – Tom, Tom, Tom. Einem Journalisten fällt dieser Mann schon länger auf. Niemals hat er Streitigkeiten mit Tom gesehen, erlebt oder irgendwie wahrgenommen. Da muss was dahinter stecken, das wert ist herausgefunden zu werden. Doch nix, nada, niente. Tom ist einfach nur Tom. Als er eines Tages nicht zur Arbeit erscheint – das erste Mal – schauen die Kollegen bei ihm zu Hause vorbei. Tot. Tom Quinn, der Mann der Knöllchen, Heiliger der Parksünder, unscheinbarer Nachbar ist nicht mehr. Seitdem regnet es unaufhörlich. Die Straßen sind voller Traubendrecke, Fahrräder rosten vor sich hin. Und sein Geheimnis? Nicht mehr und nichts weniger als das – eben ein Geheimnis.

Alltagsgeschichten haben oft den Beigeschmack des Banalen. Fad und nach der zweiten Wiederholung rauschen die Worte wie ein Zug durch den Kopf. Oliver Wunderlich lässt die Anderen in einem Licht erstrahlen, das durch die stechende Präzision nicht so schnell erlischt.