Fürsten ohne Thron

Was wären wir ohne unsere Adeligen? Es würde doch sicher was fehlen. Zum Einen ist es wohl die einzige Form sich der Vergangenheit zu erinnern, zum Anderen haftet dem Adel, besonders den Königshäusern immer noch etwas Märchenhaftes an. Dass dem seit über hundert Jahren nicht mehr so ist – zumindest das Märchenhafte – ist jedem klar, wenn er Bilder aus dem demokratisch gewählten Parlament sieht.

Doch was ist eigentlich passiert, dass Könige, Fürsten, Herzöge heutzutage zwar mit ihrem Namen hier und da noch Eindruck schinden können, ihr Einfluss jedoch kaum noch spürbar ist? Es war wie sooft in der Geschichte der Krieg, der alle Hoffnungen auf Fortbestand zunichte machte. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges verschwanden die Königreiche und Fürstentümer von der administrativen Landkarte. Nur noch in den Namen der Bundesländer leben ihre Namen weiter.

Frank-Lothar Kroll zeichnet die Lebenswege der Hohenzollern, der Wittelsbacher, derer zu Braunschweig, den Wettinern und anderen exakt nach und gibt Einblicke in ihr Leben nachdem man ihnen den Thron unter ihrem herrschaftlichen Gesäß weggezogen hatte. Einige überlebten, behielten ihre Besitztümer, fanden neue Betätigungsfelder. Ihre Namen öffneten so manche Tür, die den meisten verschlossen geblieben waren.

Auch wenn man nicht die Artikel in den einschlägigen Magazinen verfolgt, so sind den meisten die vorgestellten Männer und Frauen ein Begriff. Nur wenige – wie das Geschlecht der Reuss – sind für den Leser Fremde, deren Hinterlassenschaften hingegen wohlbekannt sein dürften. Bleiben wir bei den Reuss. Hier gab es zwei Linien: Die Ältere und die Jüngere. Letzte war und ist in Teilen im thüringischen Greiz ansässig. Ein Land so klein, dass – wie im Buch dargestellt – es in einer Karte des Deutschen Reiches wie ein Fehler, ein dunkler Fleck im Papier aussieht. Das Gebiet, das die Ältere Linie besaß, war nur unmerklich größer. Gegen Ende ihrer Herrschaft – da wussten die beiden Häuser aber noch nicht, dass das Ende in Sichtweite ist – war Bismarck ihr Lieblingsgegner. Wann immer sich die Möglichkeit bot, bot man ihm die Stirn. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Randnotiz der Familiengeschichte: Jedes der beiden nannte ihre Nachfahren Heinrich, so dass eine erstaunliche Anzahl an X und V und I zusammenkam. Heinrich XLV. Wurde nach dem Krieg ins befreite KZ Buchenwald verschleppt, seitdem fehlt jede Spur von ihm…

Im Gegensatz zum Märchen fehlen fast vollständig die Happy ends in den Lebensläufen der Blaublütigen. Sie wurden Künstler, Mäzene, Unternehmer. Sie blieben Waldbesitzer, Förderer von Kultur, erhielten ihre Besitztümer (manche erst nach der Wende) zurück, engagierten sich in sozialen Bereichen. Auch wenn so mancher Fehltritt bis heute für Schmunzeln oder gar Kopfschütteln sorgt (der kürzlich verstorbene Prinz Foffi und seine Eskapaden die Richtige an seine Seite zu ziehen, war in den 90er Jahren köstliche Lückenfüller im Programm der privaten Fernsehsender), so gehört der Adel zur Geschichte eines jeden Landes. Ob sie nun auf einem prächtigen Sitzmöbel Audienz halten oder im modernen Lehnsessel die Geschicke ihrer Firmen leiten, hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren.

Celibidache: Der Maestro um Spiegel von Zeitzeugen

Es gibt sicher nicht viele, die beim Namen Celibidache in Verzückung geraten. Nicht, weil es nicht so viele Gründe gibt, sondern weil der Name fast schon in Vergessenheit geraten ist. Er war einer der Dirigenten, die dem Status des Stardirigenten – ein heutzutage viel zu inflationär gehandeltes und vor allem verwendetes Wort – fast schon eine neue Dimension verlieh.

1945 lagen Deutschland und Europa in Trümmern. Und das in jeder Hinsicht. Die Kultur musste nach den Jahren des Kampfes gegen Verleumdung, Verschleppung und Missachtung nun immer noch kämpfen. Es war die Zeit, in der die Kultur der Ablenkung diente. Die berühmten Berliner Philharmoniker standen vorerst ohne (Star-)Dirigenten da. Furtwängler, der Mann am Pult, musste sich eingehenden Prüfungen durch die Siegermächte unterziehen. Schließlich dirigierte er unter der braunen Flagge mit mehr als nur Duldung durch die Führungsriege.

Sergiu Celibidache sprang – salopp gesagt – in die drohende Lücke und füllte sie mit einer nie da gewesenen Hingabe. Er sah es nicht als Chance sich selbst zu profilieren – dafür möchte und verehrte er den großen Furtwängler viel zu sehr. Aber er machte sich das Pult zu Eigen. Mit ihm blieben die Philharmoniker nicht nur am Leben, sie alle zusammen unter dem Taktstock des jungen Rumänen legten die Grundlage für eine fortlaufende Karriere. Als Furtwängler starb, stimmte man jedoch für Karajan als neuen Maestro.

Celibidache ging und tingelte durch die Welt. Wo immer er auftrat, feierte man seine Art Musik zu interpretieren. Als er als gereifter Dirigent die Münchner Philharmoniker übernahm, schuf der Großes. Sein Orchester war in aller Munde. Er formte es, und bis heute zehrt es von seiner Strahlkraft.

Kirsten Liese lässt in ihrem Buch, das nicht nur Klassikfans und Orchesterliebhaber begeistern wird, Wegbegleiter zu Wort kommen, die das vielfältige Bild des Dirigenten vervollkommnen. Celi, wie er genannt wurde, wie er sich auch gern nennen ließ, war kein einfach einzuordnender Charakter. Das liegt aber wohl an der Wahl der Profession – wenn es denn so was überhaupt gibt. Despotisch im Sinne von seinen eigenen Vorstellungen vom Musikerlebnis so nah wie möglich zu kommen. Offen und empathisch gegenüber denen, die das gleiche Ziel verfolgten. Musiker und Dirigent auf Augenhöhe, doch niemals die Hackordnung aus den Augen verlieren. Die leidenschaftlichen Interviews mit Musikern, die mit Celi musizierten oder von seinen Erfahrungen anderweitig profitierten, lesen sich wie eine unterhaltsame Biographie, die man nicht so schnell beiseite legen möchte. Wer Celi nur noch als beleibten, im Sitzen dirigierenden, weißhäuptigen Taktgeber kennt, erfährt auf jeder Seite mehr und mehr von einem Mann, der von der Leidenschaft nach dem perfekten Musikerlebnis getrieben war. Dass sich links und rechts des Weges Opfer auftürmen, ist bis heute nicht zu vermeiden. Doch das, was bis heute von Celis Wirken noch erlebbar ist, war ihm ein Graus. So widersprüchlich kann nur ein wahres Genie sein.

Die Süße von Wasser

„The war is over!“, so schön diese Worte klingen mögen, er ist es nicht. Die Nachwehen eines jeden Krieges sind für manche verheerender als der Krieg selbst. Der amerikanische Bürgerkrieg ist aus. Der Norden hat den Süden besiegt, die Sklaverei ist abgeschafft. So das Resultat, wenn man es auf einem Blatt Papier kurz geschrieben liest. Dass das natürlich nicht so ist, beweist Nathan Harris mit seinem Debütroman.

Die Brüder Prentiss und Landry sind auf der Suche nach ihrer Mutter. Sie wurde als Sklavin verkauft. Jetzt, da die Kanonen schweigen, ist es in ihrem kurzen Leben wohl die beste Zeit sich auf die Suche zu machen. On Old Ox, Georgia (Südstaaten!) verdienen sie sich ein paar Münzen, um ihren Weg alsbald fortsetzen zu können. Die Besitzer der Farm, George und Isabelle, sind ebenso vom Krieg betroffen gewesen. Ihr Sohn starb in diesem unsäglichen Krieg. Insgeheim hoffen sie auf Linderung in ihrer Trauer als das Brüderpaar sich bei ihnen vorstellt. Es entwickelt sich sogar eine richtige Freundschaft zwischen den beiden Paaren. Nun liegt Old Ox in Georgia – Sklaverei war hier seit Ewigkeiten Normalzustand. Eine Freundschaft zwischen einem Farmerpaar, das aufgrund ihrer Besitzverhältnisse eine andere Hautfarbe hat als die des Bruderpaares, das sich hier etwas dazuverdienen will, um die beschwerliche Reise ohne konkretes, geographisch zu verortendes Ziel, weiterzuführen, stößt in Old Ox nicht gerade auf jubelnde Mengen. Vielmehr sind es anfangs tuschelnde, später keifende Schreie, die der Idylle allzu schnell ein Ende setzen.

Das alles ist schon Stoff genug für ein beeindruckendes Buch über die Umwälzungen in den Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg. Doch Buch und Autor standen nicht umsonst auf der Longlist des renommierten Booker-Prize. Nathan Harris fügt seiner Geschichte noch ein drittes Paar hinzu. Zwei Soldaten, die den Krieg hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen wollen. Und das NEU in neues Leben ist wirklich neu! Für die Einwohner von Old Ox. Das Rumoren im Ort wird lauter und lauter und entlädt sich in einem gigantischen Knall. Ein Mord bricht die Idylle und noch vorherrschende Ruhe auf brüchigem Boden. Ein Boden, der alsbald von Vorurteilen und Rückwärtsgewandtheit erste Risse bekommt. Die Lava des Hasses und aufgestauter Wut tritt unter die sengende Sonne des Südens. Ehe sich alle Beteiligten versehen, beherrschen alte Denkmuster die Szenerie.

Ein Krieg kennt keine Gewinner, zumindest keine Allesgewinner. Jeder muss Abstriche machen. Die Errungenschaften der Sieger werden nicht von allen akzeptiert. Und wenn sich die Gelegenheit bietet alte Strukturen wieder herzustellen, nutzen die Ewiggestrigen jede sich ihnen bietende Chance, um die „guten, alten Zeiten“ wieder aufleben zu lassen. Das kann kein gutes Ende nehmen…

Kennst Du den Berg

Fassen wir kurz zusammen: Galsan Tschinag wurde 1943 in der Mongolei in die Familie der Stammeshäupter der Tuwa geboren. Als junger Mann ging zum Studium in die DDR, nach Leipzig. Aus dem Jungen der Steppe wurde der aufgeweckte, aufgeschlossene junge Mann, der nun – darum geht es nach „Kennst Du das Land“ im zweiten Teil seiner Biographie – wieder in sein Geburtsland zurückkehrt. Ende der Sechziger Jahre. Im Westen fliegen Steine, im Osten verfestigt sich der Sozialismus, wenn auch teils mit Gewalt. Und um es offen auszusprechen: Die Mongolei war damals wie heute für die meisten ein Land, das man eigentlich gar nicht kennt.

Aus dem unerfahrenen jungen Mann ist ein gereifter junger Mann geworden. Er ist glücklich behaupten zu können, dass er in beiden Ländern eine Heimat gefunden hat. Doch beide sind ihm nah und fremd zugleich. Ein Zweispalt, der nur schwer nachzuvollziehen ist, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Oder: Die Biographie von Galsan Tschinag gelesen hat.

Mit einer selten dagewesenen Klarheit und Reinheit der Sprache – Tschinag schreibt auf Deutsch, niemand muss also seine Gedanken interpretieren und möglichst gefühlsnah übersetzen, was allein schon eine Meisterleistung ist. Wenn aber Worte wie Bangigkeit auf das störrische Parteiphlegma (Dogma trifft es nicht minder exakt) treffen, erholt sich der Leser im Nu vom etwaigen Kulturschock. Wie im Vorübergehen schafft es der Autor beide Länder nicht nur zu vergleichen, sondern sogar Brücken zu bauen.

Eben noch in einer Unterkunft der Karl-Marx-Universität in einer bis heute sehr lebenswerten Umgebung, und schon eine Seite weiter findet man sich in einer Landschaft wieder, die dem Begriff Unendlichkeit eine weitere Dimension hinzufügt. Eben noch das unendliche Wissen der Bibliothek genossen, und schon stehen die Genossen neben einem und fordern zur Agitation auf.

Galsan Tschinag half damals, hilft bis heute die ihm eigene innere Ruhe. Er analysiert im Stillen und schreibt sich anschließend seine Erkenntnisse von der Seele. Als Leser bleibt einem nichts anderes übrig als um Gleichschritt umzublättern. Seite für Seite wird der Autor eine treuer Begleiter, den man immer besser kennenlernt. Renitenz ist ihm fremd. Doch dem unvermeidlichen Schicksal mit einem geschickten Schritt zur Seite aus dem Weg zu gehen, hat mehr Reiz als man vermuten mag. Immer wieder lässt Tschinag seine Brillanz aufblitzen, wenn es darum geht sich selbst treu zu bleiben. Und ein ums andere Mal ertappt man sich beim Lesen dabei, dass man innerlich eine Siegerfaust ballt. Unerlässlich für alle, die schon den ersten Teile gelesen haben, eine Appetitmacher für alle, denen der erste Teil entgangen sein sollte. Und man darf sich jetzt schon auf die Fortsetzung freuen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass ausgerechnet die nicht in einer Reihe mit den ersten beiden Bänden stehen soll.

Verrisse

Wie kann man sich einem Thema heutzutage allgemeinverständlich nähern, dessen Wurzeln weit zurückliegen, das heute noch Früchte trägt – aber eben nur bei einer bestimmten Klientel? Es geht um die Klassik, die klassische Musik. Einem Großteil der Bevölkerung ein Buch mit sieben Siegeln. Der Rest ist entweder borniert und lässt nichts, was danach kam, gelten oder lässt sich von den Popmelodien von anno dazumal in der Werbung dazu hinreißen sich als gebildet, weil Klassikmusik hörend, zu bezeichnen. Denn damals … ja, damals war alles noch handgemacht, echte Musik eben. Aber bei Weitem nicht von jedermann geliebt oder gar geachtet. Vielmehr wurden Beethoven, Schönberg, Brahms, Bruckner, Verdi, Wagner, Mahler und Strauss, der Richard, geächtet. Und wenn nicht sie persönlich, dann ihre Werke.

Wenn am Samstagabend die Glotze stundenlang das dillethantische „Bühnentun“ durch ein einziges Talent-Highlight Vergessen gemacht wird, steigen die Zuschauerquoten und jeder Zuseher wird zum Kunstexperten, weil er der Expertenmeinung das „mega“ unreflektiert abnimmt und nachplappert. Doch wie war das denn vor zweihundert oder hundert Jahren? Ein Skandal wurde tatsächlich auf der Bühne dargeboten, von Künstlern erbracht, die wahrhaft Neues wagten. Der Beweggrund stand im Vordergrund. Nichts liegt Thomas Leibnitz, dem Autor dieses Buches, ferner als Skandale und Verrisse an den Bühnenrand zu treiben, um dem Treiben von damals einmal mehr Feuer zu geben. Die, die sich ohnehin für Klassik interessieren, liefert er faktenreich und ausführlich Hintergrundwissen. Diejenigen, die sich noch nie für Klassik interessierten, ködert er mit dem Titel – vielleicht kommt der Eine oder Andere doch noch zu dem Entschluss, dass Klassik doch nicht so „old school“ ist wie vermutet. Wer jedoch irgendwie noch zwischen „Ach nee“ und „irgendwie bin ich schon daran interessiert, aber…“ schwankt, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Denn Thomas Leibnitz lässt nicht die Fachleute mit all ihrer Eloquenz und ihrem Fachwissen auftreten, sondern verleiht der zuweilen Schwere die gewisse Eleganz und Leichtigkeit, die der Klassik durchaus zu Eigen gemacht werden kann. Es müssen nicht immer blitzende Nippel sein, um Aufmerksamkeit zu erregen…

„Viel Geschrei, wenig Wolle“ – so wurde Verdis „Sizilianische Vesper“ verrissen. Öd und dürr und wahrhaft trostlos urteilte man über Brahms. Und Beethovens Spätwerk war in den Augen bzw. Ohren (was bei Beethoven nicht eines gewissen Witzes entbehrt) von Ernst Woldemar „abschreckend, geschmacklos und entsetzlich“. Ob es damals schon so was wie einen Shitstorm gegeben hat? Heute würden postwendend tausend Beethoven-Follower dem Kritiker die Klinge an den Hals drücken – verbal und anonym, natürlich.

„Verrisse“ lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Musik und Geschmack oft eine unheilige Allianz eingehen. Das war so, das ist so und wird es auch immer bleiben. Die Macht des Wortes ist bis heute ungebrochen. Und genau so sollte man auch dieses Buch annehmen. Acht Musiker – die eingangs Erwähnten – waren Geachtete und Geächtete in einer Person. Wer sich von harter Kritik treffen ließ, in dem zerbrach etwas. Wer unbeeindruckt die Kritiker machen ließ, musste sich nicht minder um den Verlust der Zuhörer sorgen. Was das Buch heute noch interessant und lesbar macht, ist die uneitle Sichtweise des Autors zu den teils heftigen Verrissen der damaligen Zeit. Starke Worte verlieren niemals ihre Wirkung.

Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Ein Tag wird kommen

Ja, es wird der Tag kommen, an dem … ja was? Das Glück an die Tür klopft? Die Regeln der Vergangenheit gebrochen werden? Alle wieder versöhnt sind? Giulia Caminito verwebt in unnachahmlicher Weise die Geschichte ihre Ahnen mit der ihr eigenen Phantasie.

Es ist die Geschichte ihres Urgroßvaters Nicola und seines Bruders, Lupo. Der Wolf. In den Marken, in einem Dorf, das scheinbar fernab von allen Problemen der Zeit und der Welt dem Lauf des Lebens eine Heimat bietet. In der Familie wurde niemand alt. Alle starben früh. In dem Ort verging die Zeit ohne dass jemand groß Notiz davon nahm. Man lebte vor sich hin, nebeneinander her, miteinander – so wie Leben nun einmal ist.

Lupo und Nicola teilen alles: Haus, Bett, Tisch. Nur nicht die Ansichten wie man leben sollte.

Parallel dazu wird die Geschichte von Sour Carla erzählt. Und die Geschichte einer Entführung. Und von der Macht, inklusive Machenschaften der Kirche. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. „Ein Tag wird kommen“ lebt von unerwarteten Wendungen.

Und das Buch lebt von der ungeheuren Wortwucht der Autorin. Ihre Protagonisten sind einfache Leute. Ihnen ist es nicht in die Wiege gelegt worden blumig ihrem Frust Luft zu machen. Ihre Worte gehen direkt ins Herz. Rau, roh, unumwunden macht man sich im Ort klar, was Sache ist. Giulia Caminito lässt keinen Zweifel daran, dass sie alle ihre Figuren innig liebt. Jeder hat seine Macken – wie im richtigen Leben! Die Spuren des harten Lebens sind weithin sichtbar und lassen den Leser nicht mehr los.

Sätze wie Donnerhall, die keine zwei Meinungen zulassen, sind nicht nur das Salz in der Suppe, sie sind alle Zutaten zu gleichen Teilen.

An keiner Stelle des Buches vermutet man ein happy end, auf das man sich über zweihundertfünfzig Seiten lang freuen kann. Dennoch liest man Seite für Seite mit einem freudigen Gefühl, weil man weiß, dass hier echte Gefühle die Handlung vorantreiben. Manchmal schmerzt es der Familie tatenlos zusehen zu müssen, wenn ihnen das Schicksal wieder einmal einen fetten Strich durch die Rechnung macht. Im Gegenzug weiß man aber nur zu genau, dass jeder der Beteiligten aus den ihm zugeworfenen Zitronen Limonade machen wird.

Dieser Roman ist es wert immer wieder entdeckt zu werden. Still und Lärm, Liebe und Verachtung gehen in nie gekannter Einigkeit über die Grenzen von Erwartungen hinweg.

Principessa Mafalda – Biografie eines Transatlantikdampfers

Es waren einmal zwei Schwestern. Hübsch anzusehen, präsentabel herausgeputzt und elegant – so wie es sich für Königskinder gehört. Als die erste ihre ersten Schritte ins Leben wagte, kam sie ins Wanken, kippte links zur Seite und versank im Meer. Die zweite folgte ihr Monate später. Ihr glückte, was ihrer älteren Schwester nicht gelang. Unter dem Jubel der Zuschauer glitt sie ins Leben…

Ja, wenn die Geschichte der Schifffahrt ein Märchen wäre, so hätte sie an dieser Stelle ein Happy end. Der Stapellauf der Principessa Mafalda, benannt nach der Tochter des italienischen Königs lief im Oktober 1908 in Genua vom Stapel. Ein Jahr zuvor sank ihr Schwesterschiff Jolanda – auch nach einer Tochter von Vittorio Emmanuele III. benannt – gleich beim Eintauchen ins Mittelmeer. Mit der Principessa Mafalda sollte es möglich sein in reichlich zwei Wochen von Genua nach Buenos Aires fahren zu können. Das wollte sich kaum jemand entgehen lassen.

Während in der ersten Klasse die Überfahrt zu einer Dauerparty verkam, darbten die Massen auf den unteren Decks. Mitgebrachtes Essen wurde sparsam rationiert, während oben an Deck die Prosecco-Korken knallten. Die enorme Recherchearbeit von Stefan Ineichen führt dazu, dass man im Nu sich an Bord dieses Dampfers versetzt fühlt. Die zahlreichen Abbildungen untermalen das von ihm Geschilderte, und machen jede Seite zu einem Reiseerlebnis, das ebenso luxuriös ist wie es damals – vor hundert Jahren – gewesen sein muss.

Eine Reise über den Atlantik endet nicht mit der Ankunft im Zielhafen. Auch hier hält Stefan Ineichen so manche Anekdote parat. Wenn beispielsweise der sizilianische Autor Luigi Pirandello auf den damals unumstrittenen Star des Tangos Carlos Gardel trifft, dann vibriert die Luft im Künstlercafé der argentinischen Metropole.

Oft bleibt von den großen Schiffen der Vergangenheit nur der bittere Nachgeschmack der Katastrophe im Gedächtnis. So ist es leider auch in diesem Fall. Die Mafalda glitt nur zwei Jahrzehnte über die Wellen der Meere. Die letzte Fahrt endete abrupt vor der Küste Brasiliens. Eine Welle hatte sich selbständig gemacht und den Rumpf des Stolzes der italienischen Dampfschifffahrt beschädigt. Nur wenige Stunden nachdem der Schaden bemerkt wurde, sank das Schiff am Abend des 25. Oktober 1927 und riss mehr als tausend Passagiere und Crew in die Tiefen.

Die „Principessa Mafalda“ war als große Hoffnung für alle Beteiligten ins Leben gestartet. Für die meisten versprach das Ziel ihrer Reise ein besseres Leben. Für die Betreiber war es ein Vorzeigeobjekt. Dass dieser Ruhm nur eine kurze Zeit halten würde, war nicht beabsichtigt, vielmehr war der Fortschritt Antriebsmotor für weitere Dampfschiffe. Die Mafalda war kurze Zeit nach ihrem Stapellauf nur eines von mehreren Schiffen, die der Mafalda in Sachen Eleganz und Ruhm allerdings nicht das Wasser reichen konnten. Ob die Mafalda ohne ihr ungeheuerliches Ende noch heute so dermaßen die Gemüter bewegen würde, kann man nicht sagen. Was aber auf alle Fälle stimmt, ist die Tatsache, dass durch Bücher wie dieses die Legende niemals untergehen wird.

Die Gärten von Bomarzo

Schon nach ca. zweieinhalb Seiten ist man selbst dem Drang verfallen diese Gärten einmal zu besuchen. Die Gärten von Bomarzo – nie gehört? Is nicht schlimm! Wenn man neugierig und offen bleibt, erschließen sich Faszination und Rätselraten rund um dieses Phänomen von ganz allein. Sucht man bei Google diese Gärten, findet man die Gärten der Ungeheuer. Nördlich von Rom, eine reichliche Stunde von der Ewigen Stadt entfernt. Steinskulpturen, die jeden noch so gut durchdachten Halloweenstreich wie ein leichtes Kitzeln von hinten erscheinen lassen. Man kann in Schlunde hineingehen, gigantischen Monstern die Stirn bieten, ihnen direkt ins Auge schauen. Schaurig? Un’po, ein bisschen. Beeindruckend? Si! Certo!

Also, wie begegnet man den Gärten, und wie begegnet man diesem Buch? Ins Regal greifen. Zur Kasse gehen. Und schon bei Rausgehen darin blättern. Stolpern, weil man sofort ins Buch vertieft ist, ist erlaubt, wenn nicht sogar notwendig. Und dann taucht man ein in eine Welt, die sich bis heute niemandem vollständig erschlossen hat.

Gärten sind einfach da. Schon seit … ja, seit wann eigentlich? Und warum? Was soll das alles? Allesamt Fragen, die in den Hintergrund treten, folgt man Hella S. Haasse, der „Grote Dame“ der niederländischen Literatur. In ihrem Schaffen drang Italien zur Zeit der Renaissance in ihr Berufsleben. Sie hörte von den geheimnisvollen Gärten. Wollte mehr wissen. Doch es gab kaum Bücher und Schriften dazu. Als Berufsneugierige machte sie sich selbst auf Spurensuche. Fand und las alles dazu. Und machte sich ihren eigenen Reim auf das, was im Wege steht, ihre Wege kreuzt und nur darauf zu warten schien endlich einen Wegbereiter gefunden zu haben.

Die geheimnisvollen Skulpturen wirken in erster Linie einschüchternd. Doch ihre Starre nimmt ihnen den Schreckensreiz. Hella S. Haasse kann sich einfach nicht satt sehen. Und sie wird auch nicht müde jede noch so kleine historische Begebenheit in ihr Nachforschen einfließen zu lassen. Da kommen mehr oder weniger berühmte Familien wie die Orsini ins Spiel, die sich ihr Refugium errichteten. Schlussendlich kann auch die Autorin nicht jedes Mysterium, das diesen eindrucksvollen Platz umgibt, lösen. Darin liegt sicher auch die Stärke ihrer Ausführungen. Jetzt ist man selbst gefordert. Im dichten Wald einmal selbst dem Schrecken ins Gesicht schauen. Mit dem Hintergrundwissen aus diesem Buch – mehr als nur eine Zusammenfassung von dem, was es schon einmal gab – wird jeder vorsichtige Schritt zwischen Höllenhunden und Höllenschlunden zu einem Abenteuer, bei dem sogar Indiana Jones resigniert das Handtuch werfen würde.

Es gibt Reisebücher zu Ländern, zu Regionen, zu Städten und Landstrichen. Aber ein Kulturreiseband über einen Park in dieser Stärke – buchstäblich wie im übertragenen Sinne – sucht man vergebens. Hella S. Haasse stößt nicht nur eine Nische auf, sie füllt sie bis zum letzten Buchstaben.

Das Land am anderen Ende des Meeres

Oft hört man Schauergeschichten wie in vergangenen Zeiten Männern eines über den Schädel gezogen wurde, und sie sich dann später mit Schmerzen im Oberstübchen auf hoher See wiederfanden. Sie waren Matrosen wider Willen. Hans, ein Junge Papenburg soll auch mal zur See fahren. So will es die Mutter. Er soll mal Kapitän werden. Nicht Fabrikarbeiter wie der Vater. Alt genug ist er nun – ein Teenager, aber zu Beginn des vorigen Jahrhunderts durchaus üblich. Doch der Lütte ist zu klein. Ein paar Zentimeterchen fehlen. Trotzdem muss der Junge was zum Unterhalt beisteuern – darin sind sich Vater und Mutter einig.

Kurze Zeit später ist es dann soweit. Die weite Welt wartet auf Hans. Er wird auf große fahrt gehen, wird Länder sehen, die seine Eltern, seine Nachbarschaft, der Großteil der Menschheit niemals im Leben sehen wird. Doch was heißt hier Leben?

Als seine Eltern beschlossen, dass der Bengel arbeiten muss (bis ihn die Seefahrt für sich entdeckt), schuftet er auf der Werft. Nieten fangen. Glühend heiße Eisenteile. Dass einem derart unerfahrenen Menschen dabei Fehler passieren, ist vorhersehbar. Doch es härtet ihn ab. Auch wenn er das erst viel später merken wird.

Nun ist er von Gischt umgeben, schindet sich, wird geschunden. Von der Schönheit der Welt kann er kaum etwas wahrnehmen. Und Hans wird viel sehen. Die Kontinente, die Länder, die Häfen werden zu seinem Zuhause. Nicht immer die wohnlichste Stube, niemals das bequemste Bett und schon gar nicht das Glück der Familie. Bis zu dem Tag als er Alicia trifft.

Zum ersten Mal in seinem Leben hat er einen Hafen angelaufen, der wirklich Heimat bedeuten könnte. Doch wie heißt es so schön: „Deine Heimat sind die Meere“. Eine Liebe, die zum Scheitern verurteilt ist?

Jürgen Rath hatte vor Jahren einen alten Seebären interviewt. Nicht lange, nicht ausgiebig. Dennoch genug Stoff für den Historiker mit Kapitänspatent, um nun endlich diesen Roman mit biographischem Hintergrund fertig zu stellen.

Von Anfang an faszinieren die detailreichen Darstellungen, die gar keinen anderen Schluss zulassen, dass hier ein echter Kenner der Materie seine Finger im Spiel hat. Und man merkt sofort, dass Kapitän i.R. Rath wohl keiner der Menschenschinder war, denen so manches Abenteuer zugrunde liegt. Ein echter Seefahrerroman mit einem ganz dicken Anstrich Menschlichkeit. Und wem das Fernweh nicht ganz fremd ist, wird sich von Seite zu Seite durch dieses Leben fressen als wenn es kein Morgen gibt!