Soutines letzte Fahrt

Soutines letzte Fahrt

Chaim Soutine geht es schlecht. Sehr schlecht. Aus dem Lexikon wissen wird, dass er bald sterben wird. Der Maler, der mit Modigliani eng befreundet war, fährt an diesem Tag, dem 6. August 1943, zusammen mit seiner Ma-Be in einem Leichenwagen durch das besetzte Frankreich. Ihm geht es schlecht. Er muss ins Krankenhaus. Doch als weißrussischer Jude ist in dieser Zeit die Chance im Konzentrationslager zu enden um ein Vielfaches höher als Hilfe angeboten zu bekommen. Deswegen das Versteck …, nein –spiel wäre hier mehr als unangebracht.

Die Schmerzen des Magengeschwürs im Mix mit dem schmerzlindernden Morphium treiben Soutines Gedanken voran und zurück. Er blickt zurück auf ein Leben, das geprägt war von Entbehrungen und großen Glücks. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris, der Welthauptstadt der Malerei ankommt, ist er überglücklich. Doch das harte Brot des Geldverdienen-Müssens zieht ihn teils unter den Boden der Tatsachen hinunter.

Erst die Freundschaft zu Modigliani, der dem desillusionierten Maler seinen Kunsthändler vorstellt, bringt Licht ins Dunkel des Schaffens. Doch Leopold Zborowski ist anfangs so gar nicht begeistert von der Morbidität der Werke. Außerdem ist er mehr als nur der Kunsthändler Modiglianis. Amadeo Modigliani ist die fette Gans, die ihm das Leben ermöglicht – da duldet man selten weiteres Vieh, das eh nur Arbeit macht. Erst ein Milliardär – ein echter self-made-man aus den Staaten – bringt Schwung in Soutines Arbeitsroutine.

Chaim Soutines Werk ist geprägt von den Eindrücken, die der Maler in der Ausübung seines Berufes empfindet. Vor seinen Augen altern seine Modelle – und auch die Leinwand mit den Farbstrichen altert zusehends. Sie wirken auf den ersten Blick verstörend, verzerrend. Genauso so verzerrt ist Soutines Leben im Moment des Erinnerns.

Ralph Dutlis Roman ist eine Mischung aus wahrer Historie und eigener Phantasie. Chaim Soutine existierte wirklich, auch wenn ihn nur Wenig kennen. Ob die letzten Tage wirklich so vergingen, keiner weiß es. Das kann dem Roman in keinster Weise etwas anhaben. Die Geschicklichkeit, mit der Ralph Dutli die Worte wählt – gleich in Zeile neun packt er den Leser mit dem Vergleich eines Kindes, das mitten im August (1943) verschnupft ist, genauso wie das besetzte Land (Frankreich).

An Chaim Soutines Grab in Paris stehen im August 1943 nur fünf Menschen, unter ihnen Pablo Picasso und Jean Cocteau. Die Kunstwelt wird Schlange stehen, um ein Buch über einen fast schon vergessenen Künstler zu ergattern.

Rom – Ein Biografie

Rom - eine Biografie

Biografien werden – zumindest sollte das so sein – erst nach dem Ableben der besprochenen Person veröffentlicht. Sie sollen die besondere Bedeutung desjenigen hervorheben und sein Wirken in Erinnerung behalten. Eine Biografie über eine Stadt – das ist neu. Zumal, wenn sich die Stadt sich einer blendenden Gesundheit erfreuen kann.

Rom ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Ihre heutige Erscheinung verdankt sich brillanten Köpfen, Baumeistern und Politikern, die sich hier ihr Reich schufen und zeitweise die Geschicke der Welt lenkten. Stephan Elbern hat ihre Lebensläufe in direkten Zusammenhang mit der italienischen Hauptstadt gebracht und ein einzigartiges Werk geschaffen.

Sieben – fünf – drei – Rom schlüpft aus dem Ei. Netter Spruch. Aber er hat so seine Tücken. Für Schulkinder eine ideale Eselsbrücke. Für Wissenschaftler Humbug. Sei es wie es sei: Die Geschichte Roms – von seiner Entstehung und der damit verbundenen Legende von Remus und Romulus bis hin zur Gegenwart – lässt immer wieder aufhorchen. Als gewaltige Republik gescheitert, als Kaiserreich zu neuer Größe erblüht. In der Spätantike zur Kleinstadt verkümmert (von einst 800.000 Einwohnern waren im 14. Jahrhundert lediglich 20.000 Bürger übrig), erlebte die Stadt während Renaissance selbiges. Die prachtvollen Bauten, vor denen so mancher Tourist heute staunend die Gesichtsmuskulatur erstarren lässt, künden vom einstigen Ruhm, der bis heute anhält. Noch immer sind Plätze wie Pizza Navona oder das Kolosseum Magnete für Millionen Neugieriger. Doch wie sind sie entstanden? Wer hat sie in Auftrag gegeben?

Eine Stadt wird durch ihre Bürger und deren Führung geprägt. Den römischen Kaisern war besonders daran gelegen, der Nachwelt Beeindruckende zu hinterlassen. Wer Rom besucht, kommt um Jahrtausende alte Geschichte nicht herum. Stephan Elbern bietet sich mit seinem Buch als unterhaltsamer Cityguide an, der geschickt und umfassend die Ewige Stadt erklärt, ihre Denker und Lenker hervorhebt und ihre Würde und Anmut erstrahlen lässt.

Bleibt zu hoffen, dass „Rom – ein Biografie“ sich alsbald zu einer erfolgreichen Buchreihe im Nünnerich-Asmus-Verlag entwickelt. Städte wie Istanbul, Damaskus, Paris, London, Marseille, Persepolis … tragen die Geschichte ja schon fast wie einen Bauchladen vor sich her. Selbstbedienung erwünscht.

Thermen der Römer

Die Thermen der Römer

Den Tag mit einem heißen Bad ausklingen lassen – ach wie herrlich. Die Anspannung fällt von einem ab, heiße Dämpfe lassen den Abend einläuten. Im alten Rom sah man das etwas praktischer. Nicht jeder hatte ein Bad zuhause. Sich reinigen, im öffentlichen Raum – ein Muss.

Ernst Künzl nimmt den Leser mit auf eine Planschgreise ins Alte Rom. Und das reichte zeitweise von Britannien bis an den Nil, vom Rhein bis nach Nordafrika. Ein großes Gebiet, um Baden zu gehen. Die Reise macht Halt in den Barbarathermen in Trier, den Überresten der Stabianer-Thermen in Pompeji oder auch im englischen Bath. Der Name scheint Programm zu sein.

Die großzügig verteilten und prächtig in Szene gesetzten rund einhundert Abbildungen versetzen den Leser in die Lage, die Bedeutung der antiken Spa-Landschaften einzuordnen. Klar waren die Kaiserthermen prunkvoller als die Waschanstalten des gemeinen Volkes. Doch auch deren Bäder waren und sind es wert besucht zu werden. Ihre Architektur und das technische Know-How – irgendwie musste ja Wasser in die Bassins, ein ausgeklügeltes Wassersystem wie wir es heute haben, gab es damals nur in spärlicher Anzahl – faszinieren Autor und Leserschaft gleichermaßen.

Über das Alte Rom wurde schon Vieles (auch Unnützes) niedergeschrieben. Dieser Band gehört in die Reihe „besonders wertvoll“, weil er den Alltag so darstellt wie er wirklich war. Säulen, Tempel, Straßen – alles interessant. Aber es sind „nur stumme Zeugen der Geschichte“. Wer sich für die Antike begeistert, stößt oft schnell an die Grenzen des Verständlichen. Eine Stadt muss leben. Und sie lebt nur durch die Menschen, die darin arbeiten, sie gestalten und, die darin eben auch baden (gehen).

Am interessantesten sind die Anekdoten, die der ehemalige Direktor der römischen Abteilung am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zu berichten weiß. Privatsphäre, zum Beispiel, gab es nicht. Einfach die Toilettentür hinter sich schließen – unmöglich. Gerüchteweise wurde in Nebenräumen der Thermen sogar operiert.

Ernst Künzl erhebt nicht den Anspruch alles über die Thermen zu wissen. Was im Verborgenen liegt, wird mit Niederschriften dargelegt – der Leser kann sich, sofern er das will, ein eigenes Bild der Thermen der Römer machen. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das der Sparte Sachbuch die nötige Ernsthaftigkeit lässt, aber um die Nuance Unterhaltung mehr als bereichert.

In diesem Sommer

In diesem Sommer

In diesem Sommer wird “In diesem Sommer“ ein viel gelesenes Buch. Denn es vermengt auf wunderbare Weise Spannung, Familienzerwürfnisse, die Leichtigkeit eines Wochenendes mit der Sprachgewalt Véronique Olmis.

Delphine und Denis sind schon lange ein Paar. Und schon lange veranstalten sie das Vierzehnterjuli-Wochenende in ihrem Sommerhaus in Coutainville in der Normandie. Doch die Idylle trügt. Delphines und Denis‘ Ehe ist am Ende. Es offen auszusprechen, ist der letzte Schritt hin zur Trennung. Zu diesem Wochenende stoßen später noch Tochter Jeanne und Sohn Alex hinzu. Und Nicolas und seine Frau Marie. Und Lola mit ihrem neuen Freund Samuel.

Und Dimitri. Der war gar nicht vorgesehen in der illustren Runde. Plötzlich war er da. Erzählte da ein wenig, unterhielt sich dort ein bisschen. Und immer hatte er eine andere Geschichte parat. Unheimlich. So geheimnisvoll. Und keiner weiß so recht, warum der jetzt gerade hier und nicht woanders ist. Nur Jeanne kann dem geheimnisvollen Fremden etwas abgewinnen. Ihre Eltern lassen ihrer Tochter – wohl auch durch den Druck der Freunde – ihre Freiheit tun zu lassen, was sie will. Und sie will … mit eben diesem Dimitri die Zeit verbringen.

Währenddessen sehnt die Clique dem großen Feuerwerk zu Ehren der Grand Nation entgegen. Wie jedes Jahr spielt man Tennis im Club, geht reiten und unterhält sich angeregt, diskutiert mit gleicher Leidenschaft das Weltgeschehen wie den neuen Freund von Lola. Der Altersunterschied ist kein Grund zum Diskutieren. Vielmehr die Frage, ob er bleibt oder nicht. Es entspinnt sich ein kleiner Wettkampf um die beste Vorhersage.

Würde der Roman in Amerika spielen, würden Wetten abgeschlossen. Aber „In diesem Sommer“ spielt nunmal im Norden Frankreichs. Und er wurde von einer erfolgreichen französischen Schriftstellerin geschrieben. Wer auf einen krachenden Showdown wartet, muss sich gedulden – vielleicht im nächsten Roman. Hier brodelt es unter der Oberfläche. Viel Raum zur Interpretation. Die Autorin macht gibt einige Vorlagen. Die Geschichte auszumalen, überlässt sie dem Leser. Die Warterei auf das große Feuerwerk schmückt sie mit Neckereien bis hin zu perfiden Gewaltphantasien. Sie garniert ihre Zeilen treffsicher mit der Analyse der menschlichen Seele. Das ideale Strandbuch!

Der König von Rom

Der König von Rom

Sie sind gefährlich, die Straßen von Rom. Im Jahr 1976 beginnt der Aufstieg des Libanesen, eines Kriminellen, der ganz nach oben will. Er will der König von Rom werden. Doch ohne das nötige Kleingeld kommt er nicht weit. Außerdem sitzt er mal wieder im Knast. Eine ausweglose Situation. Nicht für den Libanesen (er ist eigentlich gar kein Libanese, er stammt aus Trastevere, einem Stadtteil Roms). Wie es das Schicksal will, hilft er einem Mitinsassen bei einer rüden Keilerei. Er rettet ihm das Leben. Das sieht auch ´o Miracolo so, der Onkel des Geretteten und nebenbei ein führender Mafiaboss der Ewigen Stadt.
Das Abenteuer beginnt. Das Angebot sich in einen Drogendeal einzukaufen, 300.000.000 Lire sind fällig, ist einfach zu verlockend, um dem Ziel – König von Rom zu werden – einen gehörigen Schritt näher zu kommen. Der Mafia Boss und der gerissene Emporkömmling sind sich auf den ersten Blick sympathisch. Doch Libanese muss irgendwie das Geld beschaffen, um im Geschäft zu bleiben.
Giancarlo de Cataldo weiß wovon er schreibt. Als junger Mann von Apulien in die Hauptstadt gekommen, um Regisseur zu werden, studiert er aus der Not heraus Jura. Die Studienplätze in Rom waren schon vergeben. Und er ist gut in seinem Job. Er wird Richter. So kommt er auch in Berührung mit der Maglianabade, einer berüchtigten Horde gut organisierter Kriminelle, die Rom fest im Würgegriff hält. Es gelingt ihm die Band hinter Schloss und Riegel zu bringen. Gleichzeitig und nachfolgende wird er mit seinen berühmten Romanen „Romanzo Criminale“ (läuft derzeit als Serie im TV), „Schmutzige Hände“ und „Zeit der Wut“ zu einem geachteten und erfolgreichen Schriftsteller, der der Mafia Rom ordentlich zu setzt.
„Der König von Rom“ ist zwar das zuletzt erschienene Buch de Cataldos, chronologisch ist es aber das erste Buch der Tetralogie. Hier beginnt der Aufstieg der Maglianabande. Alle handelnden Personen haben ein historisches Vorbild. Die Buchreihe umfasst die Geschichte Roms und ihrer ungekrönten Herrscher über 40 Jahre, von 1970 bis in die Gegenwart. Rom leuchtet in diesem Licht diffus und klar zugleich. Giancarlo de Cataldo verzichtet auf überflüssige Formulierungen ohne dabei polemisch zu wirken. Ebenso verzichtet er auf eine romantisierende Darstellung der Akteure. „Der König von Rom“ beschönigt nichts, lässt aber auch dramatisierenden Schnickschnack weg. Der ideale Einstieg in die Mafialiteratur Italiens.

Bolero mortale mit Pastis

Bolero Mortale mit Pastis

Was tun, wenn das ganze Leben – immerhin die vergangenen dreizehn Jahre – sich in einen Scherbenhaufen zu verwandeln drohen? Was tun, wenn der Mann, dem man so sehr vertraute sich als Doppeltlebender entpuppt? Den Kopf in den Sand stecken? Das ganze Leben umkrempeln und von vorn beginnen? Oder: Rache üben. Valmira aus Tübingen und Claire aus Südfrankreich entscheiden sich für Letzteres. Denn beide leben mit ein und demselben Mann zusammen, vertrauen ihm. Und er? Er wird zum Spielball der Racheplänen und – phantasien zweier Frauen, die er beide gleichermaßen verehrte und denen er – seiner Meinung nach – nie etwas hätte antun können.

Elli Sand lässt in ihrem humorvollen Thriller zwei Frauen aufeinandertreffen, die bis vor Kurzem noch nichts voneinander wussten, geschweige denn ahnten, dass es DIE ANDERE überhaupt gibt. Und sie lässt die beiden in einer der schönsten Landschaften Frankreichs aufeinander treffen. Im Languedoc, hier, wo der liebe Gott das savoir-vivre erfunden zu haben schien, schmieden die beiden gehörnten Ehefrauen ihren Racheplan.

Der Leser wird Zeuge wie stark Frauen werden können, wenn sie gefordert werden. Mit Grazie und Zielstrebigkeit planen Valmira und Claire ihren Feldzug. War ihr Leben bisher von Routine mit einzelnen Abwechslungen geprägt, so blühen die beiden jetzt richtig auf. Elli Sand macht es einen unendlichen Spaß dem Untreuen die Gehörnten auf den Hals zu hetzen, ohne dass der etwas merkt. Und als er die Situation realisiert, merkt er ebenso wenig, dass er schon mitten in der selbst verursachten Misere steckt, wie die Tatsache, dass es kein Entrinnen gibt.

„Bolero Mortale mit Pastis“ ist auf den ersten Blick ein Frauenroman. Ein Frauenroman über zwei Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich die unfreiwillig aufgesetzten Hörner abstoßen. Doch der Roman ist auch eine Liebeserklärung an die schroffe und doch so einladende Landschaft im Südwesten Frankreichs.

Wen es also in diese Region verschlägt, und wer noch keine passende Reiselektüre gefunden hat, dem sei dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Selten zuvor trafen eine spannende Geschichte und Landschaftsbeschreibung so energisch aufeinander.

Liebesmaschine N.Y.C.

Liebesmaschine NYC

Für New York gibt es zahlreiche Synonyme: Big Apple, Hauptstadt der Welt etc. Jetzt kommt noch ein weiterer Name hinzu: Liebesmaschine. Das bedeutet nicht, dass hier ein wahres El Dorado für Singles ist. Nein vielmehr ist „Liebesmaschine N.Y.C.“ eine Liebeserklärung der gebürtigen Österreicherin Andrea Gill. Die ist im tiefsten Herzen New Yorkerin.

Und sie ist Exhibitionistin, denn sie lässt jeden daran teilhaben. In neunzehn Geschichten gesteht sie ihre Liebe zu New York und den Menschen, die darin leben, die New York für sie – und in der Endkonsequenz auch für den Leser – so erlebenswert macht.

Das Buch in Worte zu fassen, ist schwierig. Denn es sind ausnahmslos sehr persönliche Eindrücke und Erfahrungen, die den Leser erst verstören und dann nach und nach in Beschlag nehmen.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist kein Reisebuch. Man kann die Erlebnisse nicht nachstellen. Die Weg ablaufen ist ebenso unmöglich wie die Erfahrungen der Autorin noch einmal auf sich wirken lassen. Jeder muss New York selbst erobern. Andrea Grill gibt in diesem kleinen, edlen Buch „nur“ wieder.

Ein Urteil muss sich der Leser selber bilden. Andrea Grill urteilt nicht, für sie ist New York Heimat. Ein Heimat, die so anders ist als das beschauliche Österreich. Hier auf dem Granitfelsen zerschleißt man schnell mal in ein paar Tagen seine neuen Schuhe. Den Laufschritt gibt ein unsichtbares und doch immer verfügbares Metronom vor. Ein Schmerz, mal wohltuend, mal ganz er selbst.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Die 130 Seiten stecken voller Geheimnisse, genau wie New York. Sie zu entdecken, ist der eigentliche Auftrag einer Reise. Denn nur so kommt man seiner Sehnsucht nahe. Andrea Grill hat ihre Sehnsucht gestillt. Sie ist angekommen im Big Apple. Wie eine lose Reihe von Episoden beschreibt sie die Faszination der Stadt und wie sie auf sie wirkt. Eine Reise, de süchtig macht. Süchtig nach mehr New York. Süchtig nach mehr Impressionen aus der Feder einer gewissenhaften Aufsaugerin.

High heels mit acht, Diät mit neun?

High heels mit acht

„Die Medien sind schuld! Die leben uns etwas vor, was falsch ist.“ – Ein viel zitiertes Vorurteil und gern genommene Ausrede, wenn der eigene Nachwuchs sich lieber an Heidi Klum und Konsorten, statt an den vorgelebten Werten orientiert. Ist das Kind erstmal in den Brunnen gefallen, ist das Geschrei groß.

Natürlich werden wir tagtäglich mit perfekt inszenierten optischen Reizen konfrontiert. Und natürlich auch noch niemals zuvor ins solch einer Konzentration. Aber Einflüsse von außerhalb gab es schon immer und wird es auch immer geben. Sie in Maßen aufzunehmen und den Verlockungen zu widerstehen, darin liegt eine der Hauptaufgabe der Kindererziehung.

Tanith Carey will mit ihrem Buch vor den Gefahren von Castingshows und ihren einhergehenden Auswüchsen schützen. Sie verteufelt die Medien nicht, die sind ein Bestandteil des heutigen Lebens geworden. Der viel zitierte Sozialdarwinismus, wie der gern von Bohlen und anderen modernen Kunstegomanen ins Lächerliche verkehrt wird, hinterlässt Spuren bei den Zuschauern. Einige können damit umgehen, andere stürzen in eine tiefe Krise. Die Auswirkungen von falschen Idolen und Vorbildern treten heutzutage häufiger und intensiver zutage.

Eltern sind stolz auf ihren Nachwuchs. So soll es sein – darin gibt es nichts zu rütteln. Die Kleine hübsch rauszuputzen – auch normal. Doch dieses Herausputzen birgt Tücken, ja sogar sehr gefährliche Fallen. Mit Klamotten und Make up kann man körperliche Makel übermalen. Die Industrie gibt jede Menge Tipps an die Hand. Die Realität wird mit Stoff und Stöffchen karikiert und in den Hintergrund gedrängt. Die äußere Hülle zählt. Der Mensch darin kommt sowieso irgendwann zum Vorschein. Da hat man aber sein Ziel schon erreicht. Erst einmal mit dem Äußeren glänzen, der Rest kommt von ganz allein.

Es gab Zeiten, da musste man erst einmal überzeugen bevor man sich „herausputzen“ konnte. Die Reihenfolge des Erfolges hat sich gewandelt. Wie also schützt man seinen Nachwuchs vor diesem Wandel? Radikalkur oder aufmerksames Beobachten und Handeln? Soziale Kompetenzen stärken und den eigenen Stil fördern – das sind nur zwei wichtige Aspekte die die Autorin Tanith Carey ins Schlachtfeld der Erziehung führt.

„High heels mit acht, Diät mit neun?“ ist ein informativer und hilfreicher Ratgeber, der mit seinen schlichten Argumenten die Augen öffnet und falschen Propheten das Handwerk legt.

Suche auf See

Suche auf See

Der Franzose Leo Lang ist verschwunden. Verschwunden auf hoher See. Nur sein Boot, die „Vent de sable“, ist von ihm übrig. Ruhig und verlassen treibt sie im Mittelmeer vor sich hin. Fischer haben das Boot aufgetan. Doch von Leo Lang keine Spur. Anzeichen eines Kampfes gibt es sehr wohl. Das ganze Boo wurde gründlich auf den Kopf gestellt. Aber keinerlei Anzeichen von Gewalt gegenüber Leo.

Das nennt man gute und schlechte Nachrichten. Shamsa, Leos Ehefrau, obliegt es nun den Ehemann zu suchen. Seine Eltern, vermögend und bescheiden, schließen zum ersten Mal die leidende Ehefrau in die Arme. Von ihrer Schwiegermutter wird sie in dieser Zeit zum ersten Mal „Tochter“ genannt. Harte Zeiten schweißen zusammen. Die Suche beginnt. Zu Land und auf dem Wasser. Shamsa schnappt sich die „Vent de sable“ und segelt den Weg ihres Gatten ab. Dank Logbuch kann sie die Route leicht nachvollziehen.

Auf See beginnt sie über ihr Leben nachzudenken. Als Waise, vor den religiösen Fanatikern beschützt, in der algerischen Wüste ausgesetzt, wurde sie von Nonnen großgezogen. Sie ermöglichten ihr eine erstklassige Ausbildung und eine zufriedene Kindheit. Aus deswegen kann Shamsa heute in Frankreich beruhigt ihrem Beruf als Journalistin und Übersetzerin nachgehen. Es gutes Leben. Ein erfülltes Leben. Leo, der Mann an ihrer Seite, ist es wirklich: Der Mann, der sie beschützt, aber nicht einengt. Er gibt ihr die Freiheit, die so vielen ihrer Landsfrauen für immer verwehrt bleiben wird.

Auf ihrer Suche auf See findet sie nur Gutes über ihren Leo zu berichten. Nur seine Geschäftspartner sind ihr nicht geheuer. An Land gehen die Ermittlungen weiter. Auch die Polizei ist von Leos Geschäftspartnern gar nicht so angetan.

„Suche auf See“ vereint mehrere Genres auf 180 Seiten. Zum einen Spannung bis zur letzten Seite. Zum zweiten: Algerien im Fokus der Autorin. Was wissen wir schon über das größte Land Afrikas? Nichts. Der arabische Frühling ging so schnell wie er kam. Seitdem? Nichts, Algerien findet in der täglichen Berichterstattung kaum noch statt. Shamsa berichtet wie Algerien war und welch teilweise zerstörerische Kräfte hier am Wirken sind. Zum dritten: Eine Reisebeschreibung von Griechenland über das Tyrrhenische Meer über Sizilien und die Liparischen Inseln bis hin nach Korsika und Sardinien, um schlussendlich in Südfrankreich zu landen.

Schon während des Lesens wird einem klar, dass es vollkommen unerheblich ist wie das Buch ausgeht. Ein Happyend ist immer etwas Schönes. Aber die einfachen, einfühlsamen, verheißungsvollen Worte von Malika Mokeddem lassen in einem den Wunsch aufkeimen, dass dieses Buch nie zuende gehen möchte. Leider tut es das aber, das ist der einzige Makel des Buches.

Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Der Mapocho ist ein Fluss der quer durch Chiles Hauptstadt Santiago fließt. Ein unbedeutender Fluss, setzt man ihn in Relation zur Themse, zur Seine oder dem Hudson River. Innerhalb der Grenzen der Stadt wird sein Wasser immer trüber und trüber und trüber …

Indio und Rucia sind Geschwister, mehr noch – das darf aber nicht ausgesprochen werden. Das darf einfach nicht sein. Deswegen sind sie auch getrennt. Bis ein Anruf Rucia ereilt. Sie solle Indio besuchen. Doch der ist nicht da. Die Zeit des Suchens nutzt Rucia auch zur Aufarbeitung ihrer Geschichte.

Nona Fernández gelingt mit „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ ein unaufgeregter Metropolenroman, der sich schlecht in eine Schublade stecken lässt. Krimi, Folklore, Zeitgeschichte, Lateinamerika – alles Abteilungen in Buchläden, in denen man dieses Buch finden könnte. Auch unter preisgekrönt könnte man suchen. 2003 erhielt Nona Fernández für diesen Roman den „Premio Municipal de Literatura“. Und dennoch findet sich kein Artikel im deutschsprachigen Wikipedia. Liebe Spanisch-Studenten! Übersetzt bitte den spanischen Artikel, damit diese Frau auch hier eine gebührende Ehrung erfahren kann. Ein Preisträger ohne Wikipediaeintrag – so was ist heute nicht mehr möglich.

Wer diesen Roman einfach nur so runterliest, wird schnell ins Stocken geraten. Die doch fremde Kultur Lateinamerikas lässt auch das geschulte Auge oft innehealten. Andeutungen und Zeitebenenwechsel erlauben es dem Leser seiner eigenen Phantasie die Sporne zu geben. Die Suche nach dem verschwundenen Vater, die Darstellung wie die Junta einst wütete und das schwer gehütete Familiengeheimnis machen „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ zu einem ganz besonderen Roman. Der Übersetzerin Christine Barnaházi ist es zu verdanken, dass Nona Fernández und der Septime-Verlag zueinanderfanden. Anders als das Geschwisterpaar Rucia und Indio eine nutzvolle und dankbare Verbindung.

Die Frage für dieses Buch bestimmt sein könnte, ist schwer zu beantworten. Auf alle Fälle werden alle Lateinamerikafans hier auf ein Füllhorn voller Seele und Hingabe treffen. Krimifans und Humanisten kommen gleichermaßen auf ihre Kosten.