Karibik ohne Kannibalen

Na das will man doch hoffen, Karibik ohne Kannibalen, bitte sehr. Das tut doch weh! Wenn man dann das Inhaltsverzeichnis liest – man ist zwar schon vorbereitet, dass hier jemand über seine Eindrücke in der Karibik schrieben wird – kann man sich eines gewissen Anflugs von Neid nicht verwehren. Antigua, Barbados, St. Lucia, Guadeloupe … das sind Reiseziele! Nein, es sind Sehnsuchtsziele! Zwei Reisen unternahm Walter Laufenberg in die Karibik und nun hat er sein Erinnerungsarchiv für alle neugierigen Leser geöffnet. Treten Sie ein ins Paradies!

1971 stach Walter Laufenberg das erste Mal in See, um Kurs auf die Karibik zu nehmen. Damals noch mehr ein Abenteuer als heute, in einer Zeit, in der einem auch noch der letzte Krümel vom Croissant postwendend vom Revers gebürstet wird. Auf Einladung von Neckermann Reisen und auf einem sowjetischen Schiff. Auf einem echten RGW-Produkt (RGW=Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, dem Ost-Pendant zur EWG): Gebaut in Wismar fuhren auf ihm russische bzw. sowjetische Angestellte im NSW (nicht sozialistischen Währungssystem) zur See, um dem Klassenfeind die schönste Zeit des Jahres zu bescheren. Die Welt war damals schon verrückt!

Der erste Stopp war in Puerto Rico – die Verrücktheit geht weiter – einem Land, das eigenständig sein wollte, dessen Bewohner sich aber an die USA heranschubberten wie kaum andere.

Bei all der Faszination für das Neue, Andere, Fremde ist sein journalistisch geübtes Auge nicht getrübt. Neben der prachtvollen Natur, den lukullischen Neueindrücken und den teils rasanten Fahrten durch über die Inseln bleiben ihm Armut und Verzweiflung nicht verborgen. Einige der besuchten Länder haben erst vor wenigen Jahren ihre Unabhängigkeit erreicht und die Euphorie darüber ist kargem Alltag gewichen. Nichtsdestotrotz ist Walter Laufenberg immer noch ein Fan der Karibik.

Und wohl auch deshalb wagt er vierundvierzig Jahre später und weiser noch einmal einen Urlaub mit Hintergedanken (nämlich dem noch einmal alles niederzuschreiben) in der Karibik. Wo einst 350 Angestellte sich ums Wohl sorgten, schwirren nun ganze Armeen von fleißigen Helfern um ihn und die den Rest der Vergnügungssüchtigen herum. Die Zahl der Passagiere hat sich ebenso vervielfacht. Nur die Anziehungskraft der Eilande in karibischen Gewässern ist immer noch ungebrochen. Babylonische Sprachgewirr herrscht weiterhin an Bord, dennoch sprechen die meisten nun doch zumindest Englisch.

Zwei reisen zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Lebensabschnitten. Walter Laufenberg prahlt nicht mit dem, was ihm widerfährt. ER ist der Chronist der leichten Brise, dort, wo das Wasser oft wärmer als die Luft ist, der Duft der weiten Welt scheinbar zuhause ist und ein exzellenter Erzähler, der den Leser an die Hand nimmt und ihm erlaubt zu träumen. Die Sprachbilder in seinen kurzen Erzählungen stecken voller Energie, und zwar bei beiden Reisen. Er selbst hat sich verändert. Die Zeit zwischen den Schiffspassagen hat er genutzt um zu lernen, mehr zu erfahren. Das schlägt sich in den Berichten der zweiten Reise nieder. Kindlicher Eifer, Erstaunen darüber, was außerhalb der eigenen vier Wände, der Heimatstadt und des europäischen Kontinents möglich ist, weicht dem analysierenden und trotzdem sich an einfachen Dingen erfreuenden Auge. Dieses Buch ist die ausgleichende Alternative zu allen, die Kreuzfahrtgeschichten nur deshalb schreiben, um das Cruise-Business ins Lächerliche zu ziehen. Walter Laufenberg macht Appetit darauf die Welt noch einmal und immer wieder zu entdecken!

Hamburg

In Zeiten von fake news ist das so genannte fact checking von besonderer Bedeutung. Und so kommt’s, dass man bei der dritten Auflage des Hamburg-Reisebandes von Matthias Kröner erst einmal über die Neugestaltung des Buches (und der gesamten MM-City-Reihe) staunt und dann schon vor dem ersten Durchblättern stutzt: „Da ist etwas anders!“. Das ist gut so! Aus Bordeauxrot mach Margenta. Geschmackssache. Und bei Reisebänden spielt die Außenfarbe eh keine Rolle. Wichtig ist, was drin steckt, schließlich steckt die Nase ja andauernd drin, und was rauskommt. Keine Angst! Der Inhalt litt in keiner Weise unter der neuen Farbgebung. Im Gegenteil. Hamburg ging jahrelang schwanger mit einem architektonischen Wunderkind, das einfach nicht ans Licht der Welt wollte. Manche bezeichneten es schon als Rosemarys Baby. Doch als es dann endlich da war, glockenhell sein Erscheinen kundtat, waren alle hellauf begeistert. Die Rede ist von der Elbphilharmonie. Ein guter Grund die dritte Auflage des MM-City-Reisebandes Hamburg in Angriff zu nehmen. Doch nicht der einzige Grund!

Zehn Touren hat sich Matthias Kröner teils noch einmal vorgenommen. Noch einmal Fischbrötchen, noch einmal Reeperbahn, Ritze, Rote Flora. Noch einmal? Nicht ganz. Denn auch an Hamburg nagt der Zahn der Zeit und Veränderungen sind hier nicht weniger willkommen als im Rest der Welt. Der oft als spröde verschriene Charme der Norddeutschen wird in Hamburg auf Hochglanz gebracht. Die Nase immer im Wind und nicht in den Wolken. Das verbindet die Hamburcher mit diesem Buch. Bodenständige Exklusivität, verpackt in einem neuen praktikableren Gewand. Der Zahn der Zeit, wir müssen noch einmal zu ihm zurückkommen, muckerte und muckerte bis der Doktor (also die Macher) den Kreativbohrer ansetzten und den Zahnstein der Gewohnheit entfernten. „In Hamburg sagt man Tschühüss“, auch zu den geliebten gelben Infokästen. Doch nur zum Gelb. Ein zartes Lila bringt nun den geneigten Reisenden dazu sich hier heimisch zu fühlen und Anekdoten wie ein Ureinwohner herausblasen zu können. Passt einfach besser zum Margenta. Inhalt – wie gesagt – immer noch eine Bereicherung jedes Schrittes durch die Hafenmetropole. Und noch eine Neuerung: Die einzelnen Kapitel werden nun in kurzen Worten angeteast, d.h. kurz dass man nun schon vorher ganz genau weiß, wo der Weg lang führt und was einen erwartet. Wer jetzt vorwitzig meint, was mich nicht interessiert, kann ich ja getrost weglassen oder überlesen, irrt. Das wäre so wie wenn man sich an die Elbe stellt, vor dem Millerntor ein Astra trinkt und auf St. Pauli die Damen nett grüßt und meint Hamburg zu kennen. Nee, das is nich so! Wer weiß schon, wo in Hamburg man so richtig leckeres und supergünstiges Kantinenessen gibt. Wer’s nicht weiß, hat ein Brett vorm Kopf. Die, die’s wissen, haben selbige unter den Füßen – Hinweis verstanden? Bretter, die die Welt bedeuten? Alles klar? Ja, das und die Faszination von sieben Knoten, einem Duell, das über dreihundert Jahre zurückliegt oder die besten Plätze für Schiff-Spotting erfährt man nur bei Matthias Kröner und dem Michael-Müller-Verlag.

Für Puristen liegt ein Stadtplan bei, für Modernetiker gibt’s ’ne Web-App. Und wie immer Tipps und Ratschläge wie Sand am Meer. Wenn man nicht so ungeduldig wäre und es kaum erwarten kann, was einem in der vierten Auflage an Neuerungen geboten wird, könnte man nun ganz entspannt nach Hamburg reisen…

I don’t like mondays

Na, kennen Sie auch das Gefühl am Montag einfach nicht aus den Federn zu kommen? Und im Radio dudeln entweder die Bangles mit „Manic Monday“ oder Bob Geldofs Boomtown Rats ihren einzigen Hit „I don’t like Mondays“. Und dann steht im Buchladen dieses Buch mit dem gleichen Titel. Sofort haben Sie die Melodie im Kopf. Nehmen das Buch in die Hand.

Das macht den Tag nicht einfacher. Aber die Sichtweise auf Montage wird radikal verändert – garantiert! Denn Bob Geldof beschwert sich in diesem Song nicht einfach nur darüber, dass es schon wieder Montag und der ganze Trott von vorn beginnt. Es geht um eine mehr als desillusionierte Teenagerin. Schon wieder Montag, schon wieder Schule, eine Woche lang und immer wieder das Gleiche: Krieg, Tod, Hass. Ihr reicht’s. Im realen Leben ging es Brenda Ann Spencer am 29. Januar 1979 so. Im Gegensatz zum Liedtext zog sie die (falschen) Konsequenzen und schoss auf ihre Mitschüler, Lehrer und den Hausmeister. Der Schulleiter und der Hausmeister überlebten die Verzweiflungstat nicht. Acht Schülerinnen und Schüler wurden verletzt. Und Bob Geldof setzte ihnen ein musikalisches Denkmal. Aber ein unerkanntes Denkmal.

Michael Behrendt will mit seinem Buch die Irrungen und Wirrungen der Popgeschichte benennen, aufklären und den Beweggründen ihrer Macher eine Plattform bieten.

Und wie aktuell die teilweise mehrere Jahrzehnte alten Popdiamanten sind, zeigt unter anderem „Killing an arab“ von The Cure. 1978 kam die Single raus. Kaum ein Jahrzehnt später erinnerten sich amerikanische DJs an den Song – sie kannten weder die Hintergründe des Songs, noch dieses Buch, was dieses Buch umso bedeutender macht – und unterstützten so „Ihre Jungs“, die während des Iran-Irak-Krieges kuwaitische Öltanker eskortierten. Die Message war klar (muss man nicht wiederholen, Kriegspropaganda hat zum Glück eine gewisse Halbwertzeit). Und Robert Smith, Gesicht und Kopf von The Cure, wurde nicht müde zu bekunden, dass Rassismus, Menschenverachtung und Mordaufruf nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Tja, hätten die Regler-Hoch-Und-Runter-Schieber mal vorher gelesen. Albert Camus zum Beispiel, „Der Fremde“. Lesen bildet im Zweifelsfall, aber hundertprozentig hilft es unzählige Fehlgeleitete („Killing an arab“ hielt auch Einzug an die heiß und innig diskutierenden Stammtische dies- und jenseits des Atlantiks) vor noch mehr Dummheiten zu bewahren.

„I don’t like Mondays“ liest sich für alle Musikfans wie ein Hintergrundbericht zu dem, was uns zu dem machte, was wir sind, welche Musik uns prägte und formte. Von Madonna bis Falco, von CCR zu France Gall, von den Rolling Stones bis zu den Toten Hosen… Songschreiber haben nach der Veröffentlichung keinen Einfluss mehr, was aus ihren Werken gemacht wird. Alle in diesem Buch beschriebenen Songs teilen ein Schicksal: So mancher (nicht nur durch Pegida-Aktivisten oder Parteifeierbiester) muss damit leben, dass Unwissende ihre Werke umdeuten oder gar überhaupt nicht richtig einordnen und als Einheizrhythmus benutzen. Michael Behrendt sorgt hoffentlich mit diesem Buch dafür, dass in der Zukunft eben nicht mehr, dass bei jeder Griechenland-Meldung nach den Nachrichten Udo Jürgens erschallt.

Thüringen

„Thühühühüringen – Das Land ohne Prominente …“ dichtete Rainald Grebe. Stimmt natürlich nicht, und selbst wenn … jetzt hat das Bundesland seinen eigenen nach ihm benannten Reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag. Und somit einen entscheidenden Vorteil gegenüber ähnlich gut besuchten Gegenden in Deutschland. Und auf Anhieb hat Autorin Heidi Schmitt – scheinbar mühelos – über vierhundert Seiten gefüllt.

Diese umfassen das komplette Spannungsfeld des Freistaates. Und das reicht von der Skatstadt Altenburg im Osten, über Goethes (der darf natürlich nicht fehlen) zweite Heimat Weimar, bis zum im Reformationsjahr besonders herausgeputzten Eisenach im Westen, das Wintersportdomizil Oberhof und die nie und nimmer zu vergessenden Gedenkstätten in Buchenwald und Mittelbau-Dora. Auf den ersten Blick fallen einem Städte wie Erfurt, Jena oder der Kyffhäuser ein. Thüringen mag also eine spärliche Promidichte haben. Wenn man so durch den Thüringer Wald, den Rennsteig oder die Hainleite wandert, stolpert man über so manchen Hingucker.

So einer ist zum Beispiel das Vessertal. Der Ort Vesser selbst gehört seit einigen Jahren zu Suhl, der ehemaligen Bezirkshauptstadt und ist übersichtlich. Bereits Ende der 70er Jahre wurde das Biosphärenreservat Vessertal von der UNESCO als schützenwert erachtet. Der schwarz-gelb gefärbte Feuersalamander zeigt sich zwar nicht jedem Wandersmann, doch wer die Augen aufhält und sich ganz vorsichtig bewegt, kann ihn zwischen Besucherbergwerk Schwarzer Crux und Wolfsgarten entdecken.

Vorsichtig sollte man auch in Lauscha sein. Denn immer noch schlägt jedes Herz höher, wenn die grazilen Glaskunstwerke, die hier an zahlreichen Standorten kunstvoll hergestellt werden, die Auslagen verschönern. Oder man den Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen kann.

Ebenso vorsichtig vermaß man 1990 den neuen Mittelpunkt Deutschlands – da man nun damit aber auch Touristen anlockt und Geld verdienen kann, gibt es mehrere Mittelpunkte Deutschlands – und der (erste) bei 51“08‘ nördlicher Breite und 10“25‘ östlicher Länge, im thüringischen Niederdorla.

So was erfährt man nur hier: Die gelben Infoästen bieten dem Leser das, was sonst nur im Kleingedruckten steht. Kurze Sie sind die Gimmicks, die Giveaways, die einen Urlaub oder Ausflug erst interessant machen. Ob per Rad, Auto, zu Fuß oder auf Skiern – wer Thüringen bereist, wird nicht enttäuscht. Und schon gar nicht, wenn die Erstauflage von Heidi Schmitts Reiseband nicht nur schonend im Reisegepäck lagert, sondern eifrig zur Hand genommen wird.

Sollte es immer noch jemanden geben, der Ressentiments gegen den Dialekt der Thüringer hegt (es gibt keinen einheitlichen Thüringer Dialekt!), dem sei die Infotafel auf Seite 373 empfohlen. Stichwort Duden!

Der dritte Mann

Ein Mann wird am helllichten Tag auf der Straße von einem Fahrzeug angefahren. Sofort ist ein Arzt da. Das Opfer wird sofort im herbeieilenden Krankenwagen ins Spital gebracht. Ein Freund und noch ein dritter Mann begleiten ihn. Doch es ist zu spät – der Mann ist tot! Vor einigen Jahrzehnten lautete nun die Aufgabenstellung „Machen sie was draus! Schreiben Sie einen Klassiker!“ Gesagt, getan. Graham Greene gelang es mit scheinbarer Leichtigkeit. Es selbst sagte jedoch, dass mit dem Drehbuch zum Film (übrigens seit Jahren, seit Jahrzehnten immer wieder als bester britischer Film betitelt – auch wenn er beispielsweise an Drehorten in Wien immer noch als Hollywoodfilm bezeichnet wird) die Geschichte so richtig zum Tragen kommt. Die wegweisende Kameraführung und die damit geschaffenen expressionistischen Bilder, das diabolische Genie von Orson Welles, die beängstigende nächtliche Kulisse des vom Krieg gezeichneten Wiens sind nur drei Zutaten für diesen Klassiker.

Kann man diesen nun noch eine weitere Komponente hinzufügen, um ihn für die Nachwelt zu erhalten und den Ruf als „Must-Have“ der Literatur und Filmkunst zu bestärken? Ja!

Annika Siems studierte Mode und Illustration in Hamburg und Paris, recherchierte im Internet, um die Stimmung der Geschichte einzufangen. Ihr gelang es an die Grenzen des world wide web zu stoßen und ging nach Wien. Das Nachkriegs-Wien in Bildern nachzuempfinden war nicht einfach, fast schon unmöglich. Hier fand sie die nötige Inspiration dem „Dritten Mann“ das passende Gewand zu schneidern. Sie entschied sich bewusst dafür ihm keinen neuen Anzug zu entwerfen, sondern ihm mit den vorhandenen Materialien einen frischen, nichts verfälschenden Look zu verpassen.

Für sie war es eine echte Herausforderung. In der Welt der Farben ist sie zu Hause. Ein wohl dosiertes Farbspektrum zeichneten bisher ihre Arbeiten aus. Und nun das expressionistische Schwarz-Weiß in Szene setzen? Nicht leicht. Sie sammelte alles, was sie in die Finger bekommen konnte: Stadtansichten, Modefotografien, Szenenfotos – und wenn man Annika Siems über ihre Mappe mit den Inspirationsmaterialien reden hört, geht jedem Filmfan das Herz auf: Das flammt immer wieder die Leidenschaft auf, die man auf jeder von ihr gestalteten Seite von Oben bis Unten, von links nach rechts sehen und erleben kann.

Kunst, die mit Handwerk Hand in Hand geht, wirkt! Der Film als Inspirationsquelle für die künstlerische Ader und das Dritte-Mann-Museum Wien als ewig sprudelnder Quell für die handwerkliche Umsetzung. Hier und bei Spaziergängen durch die Stadt keimten die Ideen für die Neuauflage bei der Edition Büchergilde. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald noch mehr Filmvorlagen, die so nah am Original sind und doch neue Ansichten eines Klassikers anbieten… Verbessern kann man sie nicht, aber auf eine neue Ebene heben schon.

Wien steckt voller Überraschungen und zeigt sich Besuchern gern von seiner schönsten Seite. Filmfans aus aller Welt wandeln hier auf den Pfaden von so manchem Leinwandstar. Unter all diesen Spaziergängen ragt einer besonders hervor: Ein Rundgang durch Wien auf den Spuren des Dritten Mannes. Film und nun auch dieses exzellent gestaltete Buch machen Appetit auf mehr. Mehr dritter Mann und mehr Gänsehauterfahrungen. Und noch ein Mehr: Mehr gibt es unter events.wien.info/de/6k/dritte-mann-tour/ und www.viennawalks.com. Kleiner Tipp: Die späten Touren geben sowohl die Stimmung des Films als auch der Stadt am besten wieder. Wer Glück hat, trifft in seiner Gruppe auf einen Hutträger: Schummriges Licht, lange Schatten – fast wie im Film!

Diese verdammte Hand

Groß ist die Freude, aber auch die Ernüchterung als der anonyme Erzähler seinen nicht minder anonymen Freund X nach fünfzehn Jahren besucht. Der hat sich in die Berge zurückgezogen, um Inspiration zu finden. Doch stattdessen wurde er einsam, ein gebeugter Mann, der krampfhaft Anschluss sucht. Und Inspiration. Der Erzähler will der Verzweiflung des Freundes auf den Grund gehen und … erhält dessen Tagebuch.

In irgendeinem kleinen französischen Dorf wächst der kleine Georges (X) auf. Schon früh merken er und die anderen, dass an ihm so einiges anders ist. Oft geistig abwesend, schlendert er durch seine Kindheit. Man ist ihm zugetan, doch auch auf der Hut. Denn Georges ist irgendwie anders, sonderbar, zum Glück aber nicht gefährlich. Erst Jahre später soll er begreifen, was mit ihm los ist. Er trifft Lucien, einen Maler. Und der klärt ihn im Handumdrehen auf: Georges ist ein Künstler! Durch und durch Künstler. Für den jungen Mann, der Lucien nach Paris folgt eine Offenbarung.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Klar, die gerngesehene Vorderseite, die glänzt, Bewunderung erntet. Aber auch die Rückseite, die, die niemand sieht. Niemand sehen will. Die schmutzige, die dunkle Seite, gespickt mit Selbstzweifel und unbändiger Wut. Wut darüber, dass Kopf und Körper nicht immer eine Einheit bilden.

Lucien und Georges, der Maler und der Schriftsteller gehen eine Symbiose ein, die zum Scheitern verurteilt ist. Denn Künstler müssen losgelöst von Konventionen und Abhängigkeiten wirken können. Als Lucien Georges für eine gewisse Zeit verlässt, wird Georges wieder in Kindertage zurückgeschleudert. Wohin mit sich und seiner Kreativität? Was anfangen mit den Tagen voller Öde und Leere? Doch Lucien ist bald zurück. Doch die Zeit verlangt ihre Opfer…

Octave Mirbeau ist dieser Georges. Kreativ ist er zweifelsohne. Doch er braucht den Anstoß, den ihn im richtigen Leben seine Frau geben musste. Die ihn aber auch unglücklich machte. Und Lucien? Wer ist dieser an sich selbst zerbrechende Mann, der dem jungen Georges so viel Enthusiasmus gab? Die Antwort liegt nahe: Vincent van Gogh.

Ein Tatsachenroman ist „Diese verdammte Hand“ bei Weitem nicht. Aber der Abriss eines Lebens. Das eines Künstlers, der an sich selber zerbrochen ist. Und zwar aus der Sicht eines Leidensgenossen. Wer schon immer mal tief in die verborgene Welt eines Künstlers eintauchen wollte, bisher aber nur an der Oberfläche gekratzt hat, erreicht mit „Dans le ciel“ wie der Roman im Original heißt, eine neue Ebene des Verständnisses. Ein anonymer Erzähler, von dem man annimmt, dass er der Autor ist, trifft einen Autor, der wiederum die Aufzeichnungen eines Künstlers hütet. Drei Ebenen, drei Menschen, eine Geschichte.

Holland, Belgien, Frankreich waren drei Stationen im Leben des zu Lebzeiten verkannten Malergenies Vincent van Gogh. Heute sind seine Werke unbezahlbar. Wer dennoch in der Lage ist eines zu ersteigern, reißt ein gewaltiges Loch in die Portokasse. Da ist es doch einfacher (und vor allem preiswerter) einen Tag oder gleich ein paar Tage auf den Spuren des Künstlers zu wandeln und zu reisen. Sei es nun ein Tag im Van Gogh Museum in Amsterdam oder einer Tour durch Brabant, seine Heimat oder nach Mons (Europas Kulturhauptstadt 2015), wo er zum ersten Mal sich ausschließlich der Malerei widmete. Wer sich damit nicht zufrieden geben kann, wird mit einer Tour von Amsterdam über Otterlo, Paris bis zum Beispiel nach Auvers-Sur-Oise oder Arles geradezu überschüttet mit Eindrücken, die van Gogh zu seinen Werken inspirierten. Auf www.RouteVanGoghEurope.com wird jeder fündig, dem die Sonnenblumen mehr geben als nur bloße Dekoration einer Küchenwand oder die neuesten Zahlen aus dem Hause Sotherby’s, wenn wieder mal ein van Gogh Höchstpreise erzielt hat. Sechs länderübergreifende Touren wurden zusammengestellt, neun Standorte vervollständigen das Bild des Malers Vincent van Gogh und laden ein ihn zu Hause zu erleben und ihm über die Schulter zu schauen.

Der Fürstentrust

Selten zuvor lagen „Faites vos jeux“ und „Rien ne va plus“ so eng beieinander wie vor einem Jahrhundert und einem Jahrzehnt. Und zwar in Europa, verantwortet von deutschen Adelshäusern. Nämlich dem zu Hohenlohe-Öhringen und dem Hause Fürstenberg. Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen und Max Egon II. zu Fürstenberg waren die Häupter ihres Geschlechts und Geschäftsmänner, die mit allen Wassern gewaschen waren.

Schon einmal waren sie aktiv geworden, als sie Geld rochen. Viel Geld! Schnelles Geld! Auf Madeira. Hier sollte der Luxus-Tourismus Welnnes-Urlaubern die Taler, Kronen, Pfund, Mark und so noch was aus den Taschen ziehen. Man drohte sogar Portugal mit Krieg, wenn man sich nicht nachgiebig zeigen würde. Klappte nicht. Fünf Mios in den Sand gesetzt! Ärgerlich, doch nicht ganz hoffnungslos die Lage. Man verbuchte den Verlust als Lehrgeld.

Die beiden Cousins – die Familien Hohenlohe und Fürstenberg standen sich sehr nah – gründen einen Trust. Eine Art Gegenbewegung zum Großbankenkapital.

Die beiden Köpfe der Herrschaftshäuser waren von jeher vermögend. Bis heute zählen sie zu den größten Waldbesitzern Deutschlands. Aber auch immense Immobilienbestände nannten sie ihr Eigen sowie einige Konzerne. Zusammen mit anderen Industriekapitänen gründeten sie den so genannten Fürstentrust. Die Mitgliedernamen sind heute noch in aller Munde. Max Egon II. zu Fürstenberg hatte zudem das unverschämte Glück zum engsten Vertrauten des Kaisers zu gehören. Eine unermesslich wertvolle Freundschaft, die den Trust zwar nicht vor dem Ende, jedoch vor einem für alle Beteiligten bitteren Ende bewahren sollte.

Autor Christian Bommarius gibt im Vorwort zu, dass die Geschichte an sich keine leichte Kost ist – die Panama-Papers sind dagegen ein offenes Buch. Ab und zu muss man kurz absetzen und ein wenig die Fäden wider zusammenklöppeln. Nichts desto trotz liest sich dieses Buch wie ein Wirtschaftskrimi durchaus mit erkennbaren Parallelen zur Gegenwart.

Die Geschichte, die Christian Bommarius in seinem Buch „Der Fürstentrust“ erzählt ist echt, steht aber in keinem Geschichtsbuch. Selbst ausgefuchste Historiker haben maximal davon gehört. Belege? Mangelware. Denn die Nachkommen der herrschaftlichen Häuser – heute sind sie Society-Ladies und Charity-Damen erster Kajüte – hocken wie die Glucken auf den spärlich vorhandenen Aufzeichnungen. Die meisten Papiere wurden „Opfer des Feuers“.

Christian Bommarius ist Jurist und Journalist und widmet sich mit Hingabe der deutschen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bereits mit „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun“ zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf jenen Teil der deutschen Geschichte, der im Verborgenen gehalten wurde und bis heute kaum Aufmerksamkeit erregt.

Madrid, Mexiko

Sie heißen Yago, Benjamin oder Maria. Sie heißen Omar, Catalina oder werden Mariachito genannt. Sie leben in Madrid und in Mexiko. 1923, 1938, 1944, 1997, 2014. Das hat sich Antonio Ortuño ausgedacht und lässt seine Protagonisten auf den Leser los. Und er beginnt gleich mit einem Schuss und der Gewissheit des Todes. Aus – Schluss – Ende? Noch lange nicht!

Es braucht seine Zeit bis man die einzelnen Stecknadeln auf der Landkarte dieses Romans mit Fäden verbinden kann. Denn die hält der Autor noch in der Hand.

Doch ist man einmal drin im Dickicht der Familienbande, entspinnt sich ein Familiendrama primera clase. Yago hat es endlich geschafft und ist mit Maria zusammen. Doch Benjamin wäre zu gern an der Seite Marias. Yago ist sein bester Freund. Jahre später ist davon nichts mehr übrig. In Spanien wütet der Bürgerkrieg. Und Yago und Benjamin kämpfen auf unterschiedlichen Seiten. Die Einigkeit von einst ist erbitterter Feindschaft gewichen.

Jahre, Generationen später geht es Omar nicht viel anders. Auch in seinem persönlichen Drama spielt eine Frau eine wichtige Rolle: Catalina. Seine Chefin. Und auch hier wieder ein eifersüchtiger Mann, der den beiden das Glück nicht gönnen kann.

Für beide, Omar und Yago gibt es nur eine Möglichkeit. Die Flucht. Während der eine nach Mexiko flieht, zieht es den Anderen eben genau da hin, wo es für den jeweils Anderen begann.

Schließt sich ein Kreis oder wird der Kreis des Lebens erneut angestoßen? Emigration, Entwurzelung, Neuanfang sind die Themen, die Antonio Ortuño in seinem Geschichtenpotpourri zu einem würzigen, scharfen Gericht zusammenfügt. Ortuño urteilt nicht. Auch der Leser wird nicht dazu gezwungen. Vielmehr gehen Autor und Leser Hand in Hand der Frage nach, was mit Menschen passiert, die ihre selbstgeschaffenen Pfade verlassen müssen, um anderswo wieder von vorn anzufangen. Und was passiert, wenn das Schicksal, die Schatten der Vergangenheit wieder sanft an die sicheren Pforten des neuen Lebens klopfen. Kurzweilig und packend wird die Frucht der Erkenntnis geschält, und es tritt ein großes Geheimnis zu Tage…

Seelenfrieden

So intensiv wurde Istanbul noch nie beschrieben! Mümtaz ist Istanbuler. Er ist es mit dem ganzen Herzen. Ein Mensch, den man gern um sich hat, weil er so warmherzig ist. Grüblerisch, sensibel, leidenschaftlich – wo wie Istanbul. Mümtaz ist Istanbul. Er leidet, wenn er leiden muss. Er lacht, wenn er lachen muss.

Und er lächelt als er Nuran trifft. Auch sie lächelt. Und für einen Sommer lang trägt jeder Tag, jede Minute, jeder Sonnenstrahl das Lächeln in sich, das Mümtaz und Nuran füreinander haben. Mümtaz schwärmt Nuran von Kristallen der Melodien vor, und sie auf ihn reflektieren. So blumig, so bildhaft, so farbenprächtig ist das Leben für ihn im Moment. Er ist erfahren genug zu wissen, dass es nicht immer so bleiben wird.

Wir sind in den 30er Jahren in Istanbul. Die Türkei hat sich in der jüngeren Vergangenheit rapide verändert und geöffnet. Mümtaz schwärmt von Wagner und Debussy gleichermaßen wie von einheimischen Musikern. Sanft greift er Nurans Hand und zeigt ihr Istanbul, die die große Stadt nur von Weitem kennt.

Nuran steht als geschiedene Frau immer noch bzw. wieder unter der Fuchtel ihrer Mutter. Frei sein ist anders. Doch Nuran sieht in Mümtaz mehr als nur einen Freund, er ist ihr Geliebter. Auch wenn sie es sich nicht von vornherein eingestehen will.

Die Leidenschaft, die Mümtaz und Nuran füreinander empfinden, ist der Nährboden für Suats Hass. Er will Nuran. Und er will nicht, dass es ein Mümtaz und Nuran gibt. Und er verbeißt sich in den Gedanken, die beiden Liebenden auseinander zu bringen.

Mümtaz, Nuran und Suat sind wie drei Säulen eines Lebens: Freude und Angst, Liebe und Hass, Vergangenheit und Zukunft. Wo Licht ist, ist auch Schatten. So hell die Liebe strahlt, so dunkel sind die Wolken der Verbitterung. Am anderen Ende des Mittelmeeres fallen schon die ersten faschistischen Bomben, während Istanbul aus dem Dunkel der Geschichte ins Hell der Moderne tritt. Kontinentaleuropa ist schon zerrissen – Istanbul und die Türkei versuchen gerade den Spalt zwischen Orient und Okzident zu kitten. Und mittendrin eine Liebesgeschichte, die exemplarisch wie keine andere für diese Zeit steht.

So kaltherzig, so grau, so unwirtlich die aktuelle in so manchen Augen erscheinen mag, so überbordend hoffnungsvoll, bunt und einladend ist Istanbul in den Worten von Ahmet Hamdi Tanpınar. Eine Liebeserklärung an Istanbul und das Leben, gleichzeitig die herzlichste Einladung an den Leser die gelesenen Zeilen hautnah zu erleben.

Luxemburg – Das einzigartigste Großherzogtum der Welt

Kennen Sie Luxemburg? Ja, das ist das kleine Land im Westen, das von Frankreich und Belgien an Deutschland gedrängt ist. Geographisch gesehen ist nichts einzuwenden. Doch die Frage war ja nicht wo liegt Luxemburg, sondern, ob Sie es kennen? Also nein! Gut. Aber schon mal davon gehört?! Klar, immer wenn es in den Nachrichten um Europa geht. Gähnende Langeweile, dieses Europa. Urlaub ohne Geldtauschen – mehr fällt einem dazu nicht ein. Und zu Luxemburg? Ähm, … die Hauptstadt heißt wie das ganze Land. So wie in Mexiko. Dort ist es toll. Und warm. Und das Essen ist scharf. Stop! Wir schweifen ab. Ja Luxemburgs Hauptstadt heißt Luxemburg. Und weiter! Nichts!

Okay, etwas übertrieben! Ein Mauerblümchendasein fristet das 83 mal 57 Kilometer große Luxemburg ist sehr wohl im Bewusstsein der Europäer angekommen. Schon länger. Aber so richtig viel weiß man trotzdem nicht. Auch gibt es exzellente Literatur über unseren „kleinen Nachbarn“. Jeder ein Kleinod für sich. Doch Land und Leute lernt man nicht in einem Bildband kennen. Die Sehenswürdigkeiten werden in Reisebänden nur gestreift.

Hier kommt Abhilfe: „Luxemburg das einzigartigste Großherzogtum der Welt“. Klingt mutig. Zumal es von dieser Art nicht viele gibt. Genau genommen gibt es nur ein Großherzogtum. Platz Eins ist insofern schon mal sicher!

Auch dieses Buch kann sich berechtigte Hoffnungen machen die Charts der Luxemburgensia zu erklimmen! Ein buntes Potpourri an schrägen Geschichten, echten Hinguckern und messerscharf beobachteten Eigenheiten des Landes wurde hier von den Autoren zwischen zwei Buchrücken, nicht gepresst, sondern verführerisch dargeboten. Wehrhafte Burgen werden hier gleichermaßen angepriesen wie kleine Dörfer, deren Einwohnerzahl locker an einer Hand abzuzählen ist. Die Einzigartigkeit eines Zoos ist mindestens genauso wichtig wie ein Interview mit Désirée Nosbusch, dem charmanten Exportschlager aus der einflussreichen Medienszene. Apropos Zoo. Der Verlag capybara books, der dieses Buch komplett verantwortet, hat hier zwar nicht seinen Ursprung, dennoch ein ganz enge Verbindung zu einigen Bewohnern.

Sportlich ist Luxemburg nur selten, in jüngster Vergangenheit eher zweifelhaft in Erscheinung getreten. Man denke nur an die Vöckler-Pedalritter. Im Fußball ist Jeunesse Esch eifrigen Ergebnis-Fetischisten ein Begriff. Willkommener Erstrundengegner, denn der Seriensieger in Luxemburg spielt international eine eher untergeordnete Rolle. Aber ein schickes Stadion haben sie hier, um das sie so mancher beneidet. Die Bergarbeiter bestimmten von jeher hier das Bild. Trist kam dieser Landstrich daher. Heute, die Bergwerke haben noch historischen Wert, abgebaut wird hier schon lange nichts mehr – außer ein paar Pfunden beim Bocciaspielen – ja heute, ist es hier bunt und lebendig. Fast schon südländisch. Die Italiener haben hier ihren Einfluss geltend gemacht. Bis hin zum Wappen des Fußballvereins Jeunesse. Schwarz und Weiß – wie Juventus Turin.

Man kann es Mulitkulti nennen. Oder den gelebten europäischen Gedanken. Wer Luxemburg als langweilig bezeichnet, kennt weder Land noch dieses Buch. Über 250 Seiten Appetitmacher auf ein Land, das sich immer noch schwertut eine eigene Identität zu definieren, aber so unglaublich abwechslungsreich ist, dass die geringe geographische Größe dem staunenden Auge ein Schnippchen schlägt.

Und wenn man das Buch mehrmals gelesen hat, kann man die Eingangsfrage auch ganz leicht beantworten: „Ja, ich bin ein Zapper!“ Was das ist? Schauen Sie ins Buch!