Italien – Der Norden

Das reicht fürs Erste! Meint man schelmisch, wenn man das über sechshundert Seiten starke Werk in den Händen hält. Unhandlich? Ja, ganz so leicht wie so manch anderer Reiseband ist dieser hier nicht. Aber die Macher haben eine verdammt gute Ausrede. Denn Italiens Norden ist reicher an Kulturschätzen als die meisten Länder dieser Erde überhaupt vorweisen können. Und hätten wir alle doppelt so große Hände, könnte das dann viermal so große Werk immer noch nicht alles in Wort UND Bild erfassen. Nehmen wir die Größe des Buches hin und schauen nach den inneren Werten. Fast wie im richtigen Leben…

Als erstes muss man die beiliegende Karte herausholen. Das Schmatzen der Folie, wenn man die Karte zum ersten Mal herausfingert, fördert die Neugier, Beim Auffalten wird klar: Von Turin bis Triest, von Como bis Rom, von Parma über Florenz und Genua bis nach Bologna wird der Reiselust ordentlich Zucker gegeben.

Die Fülle an historischen Plätzen und die schier unendliche Menge an Kulturgütern lassen eine Planung oft schon im Keim ersticken. Mit diesem Buch in der Hand lässt es sich erquicklich planen. Das erste Viertel – immerhin einhundertfünfzig Seiten – gibt einen Einblick in die lange Geschichte des Stiefels. Es wird mit Klischees aufgeräumt, Tipps zum Verhalten gegeben und mögliche Ausflugstouren vorgeschlagen. Diese sollte man als Italien-Neuling ernstnehmen. Denn, auch wenn Verlaufen in Italien niemals zum Desaster gerät, wer planlos Italien erkunden will, kommt nur schwer von der Stelle. In Spuckweite lauert garantiert schon das nächste Highlight.

Auf den folgenden Seiten wird der Norden Italiens alphabetisch unter die Lupe genommen. Geographische Kenntnisse sind also nicht von Nöten – das erleichtert so manchem die Suche, welcher Ort denn nun als nächstes erobert werden kann und endloses Blättern. Herausklappbare Seiten sparen Platz und vermitteln trotzdem die Pracht und Herrlichkeit von so beeindruckenden Bauwerken wie dem Mailänder Dom oder der Piazza della Signora in Florenz oder dem Palazzo Ducale in Mantua oder … ach, es gibt so vieles zu entdecken im Norden Italiens.

Angereichert wird jeder Ort – und es sind nicht nur die großen Städte und Gemeinden, die im Buch Erwähnung finden – mit kurzen Tipps zu den Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Auch Restauranttipps, Übernachtungsmöglichkeiten und nützliche Hinweise zum Geld verprassen runden das Bild ab.

Sicher, es gibt handlichere Reisebände. Aber da steht dann eben nur das drin, was eh offensichtlich ist. Wer auf dem Markus-Platz in Venedig den Markusturm sucht, muss sich nur umdrehen und braucht keinen Reiseband. Wer aber allumfassend informiert sein will, die eine oder andere Touristenfalle umgehen und versteckte Ecken erkunden möchte, braucht Rat. Und den findet jeder in diesem Buch. Ein Begleiter, der äußerlich auf den ersten Blick etwas zu viel auf den Rippen zu haben scheint, doch innerlich ein Füllhorn an Informationen und eingängigen Tipps parat hält.

Der Kuss

Jetzt wird auch noch dieser sinnliche Moment wissenschaftlich zerrupft?! Jein! Ja, es stimmt, Alain Montandon nimmt den Kuss unter die Lupe. Nein, er wird nicht zerrupft, sondern stilvoll unter die Lupe genommen. Kein erbsenzählender Kinsey-Report, der bei der Fortsetzung des Kusses seine Nase in alles reinstecken musste, sondern die literarische und kulturelle Erkundung kurz unter Augenhöhe. Versprochen! Es wird ein Fest für die Sinne!

Oscula, basia und suavia bezeichnen alle dasselbe, den Kuss. Und zwar den ritualisierten, den freundschaftlichen und den erotischen Kuss. Die Römer verstanden zu küssen. Beziehungsweise ihn einzuordnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und zu benennen. Und dann liest man weiter. Der Kuss als Friedensbekundung (unter Staatsoberhäuptern) – man stelle sich vor in welche Orgie es ausartet, wenn wieder einmal ein G-20-Treffen stattfindet, wie in Hamburg. Die Synapsen spielen verrückt, wenn man sich das Begleitprogramm dann ausmalt, Rundgang auf Sankt Pauli etc…

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen das Küssen verboten ist. In Frankreich zum Beispiel. Ja, Frankreich! Dem Land, in dem das Küssen erfunden zu sein scheint. Gilt aber nur auf Bahnübergängen. Alles halb so wild. Wilder, fast schon ernst – das Gesetz wird aber wohl kaum noch angewendet –  ist es in einigen Staaten der USA, in denen ein Kuss nur eine Sekunde dauern darf (Maryland), oder drei (Rhode Island) oder fünf Minuten (Iowa). In Wisconsin muss die Zunge im eigenen Mund bleiben. Also Vorsicht bei der Wahl des Urlaubsziels! Im Pazifik wird noch richtig gebissen, bei den Papua. Die Aborigines teilen sogar den eigenen Schweiß mit den Fremden. Die Eskimo stupsen sich mit der Nase.

Die Untersuchung des Kusses kann also auch lehrreich und manchmal kurios sein bis hin zum Schmunzeln. Es besteht jedoch nicht die Gefahr, dass man nach der Lektüre des Buches zum Fachidioten wird. So wie manche Fachleute ihr Fachgebiet nicht mehr mit Abstand betrachten können, wird es sicher nicht bei jedem Kuss, den man bekommt oder gibt vorkommen, dass man ihn nun analysiert. Vielmehr wird man bewusster dem Gegenüber seine Ehrerbietung bekunden. Nicht jeder, der den Kopf des Anderen in die Hand nimmt und ihm einen innigen Kuss gibt, wird kurze Zeit später („wenn Mama nicht mehr unter uns weilt“) zum Mörder. Das Buch wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei denen, die viel küssen sowieso. Bei denen, die sich nach mehr Küssen sehnen ganz bestimmt. Und bei denen, die endlich mal geküsst werden wollen, regt es die Sehnsucht zusätzlich an.

Von Mundhygiene über Mundpropaganda bis hin zum Austausch von Flüssigkeiten leitet Alain Montandon den Leser durch die Kulturgeschichte des Kusses. Keine Angst vor dem großen Wort Kulturgeschichte, es war, ist und bleibt immer nur ein Kuss!

Thorbeckes Obst Kalender 2018

 

Die Aprikose als Kunstform. Der Apfel als Museumsobjekt. Die Süßkirsche als Bote des Hochsommers. Es müssen nicht immer die großen Meister sein, die uns unseren Alltag ins rechte Licht setzen. Nicht immer nur überladene massive Holztische, von denen die Trauben lust- und bedeutungsvoll so wohlig dargeboten werden. Es gab tatsächlich eine Zeit, in der Erdbeeren als eine Neuentdeckung galt. Und da man nicht mal schnell sein Smartphone zücken und diese Neuentdeckung posten konnte, waren es die Wissenschaftler, die mit dem Stift besonders gut umgehen konnten, die der Nachwelt zeichnerisch ihre Entdeckungen kundtaten. Und jetzt stelle man sich vor, jede Woche eine neue Expedition ins Reich der Vitamin-Fauna unternehmen zu können. Man muss nur den Blick geradeaus richten und sich auf das Abenteuer Nostalgie einlassen.

Dieser Wochenkalender mit seinen sechsundfünfzig Blättern ist mehr als nur eine Zierde einer stilvoll eingerichteten Küche. Feinste Striche, kräftige Farben, klare Konturen zeichnen dieses kleine Kunstwerk für jedermann aus. Mal überladen, mal übersichtlich wie ein Almanach galoppiert der Betrachter durchs Obstjahr und kann sich in kurzen Texten ein wenig informieren, was er denn da sieht. Und schon bekommt man Appetit. Auf Mandeln, auf Papaya, auf Pfirsiche, auf Birnen, auf Reneklode … auf was? Reneklode! Was ist das denn? In der Woche vom 30. Juli bis zum 5. August wird man es erfahren. So viel sei schon verraten, es handelt sich um eine Pflaumensorte, deren Name royalen Ursprungs ist. Und schon hat man wieder was gelernt beim Museumsbesuch in den eigenen vier Wänden.

Oft kommt einem beim Spaziergang das Wort Pracht in den Sinn. Blütenpracht, die einen überwältigt, wenn die Natur in voller Blüte steht. Die Augen quellen über vor Freude über so viel Farben- und Formenspiel. Doch leider ist diese Zeit schnell vorüber. Mit diesem Kalender dauert sie nun exakt dreihunderteinundsiebzig Tage. Ein Jahr und dann noch sechs Tage von 2019. Und jede Woche kommt Obst in den Sinn, auf den Tisch, an die Wand. Und jeden Tag erfreut man sich an der Vielfalt der Natur. Und … und … und.

Es müssen nicht immer die selbst gemachten hochauflösenden Bilder sein, die Erinnerungen hervorrufen. Ein bisschen Nostalgie gefällig? Bitte sehr, hier kommt die Vitaminbombe fürs Auge!

Gute Nachrichten auf Papierfliegern

Fünfzehn, das Leben noch vor sich, Ferien … und Bruno soll der alten Irren von obendrüber ein wenig zur Hand gehen. So will es die Mama. Frau Pauli, so heißt die Dame lässt gern Papierflieger  durch die Lüfte segeln. Viele, sehr viele. Und die müssen eingesammelt werden bzw. Bruno soll Zeitungen als Nachschub besorgen. Feriengestaltung im Spanien der 80er/90er Jahre. Bruno könnte sich auch was anderes vorstellen…

Doch die alte Irre ist gar nicht so übel stellt Bruno schnell fest. Sie floh aus ihrer polnischen Heimat als die Faschisten begannen mit dem stumpfen Messer alles niederzumähen, was ihrer Meinung nach niedergemäht werden musste. In Spanien fand sie eine neue Heimat, war eine geachtete Varietétänzerin.

Brunos Zuhause ist auch nicht unbedingt das Paradies auf Barcelonas Boden. Die Eltern haben sich nichts mehr zu sagen, und er sitzt zwischen den Stühlen. Der Papagei und der Kanarienvogel und die alte Frau sollen ihm jedoch den Sommer seines Lebens bescheren.

Die alte Frau bastelt scheinbar als einzigen Lebensinhalt am Ende eines ereignisreichen Lebens Papierflieger aus Zeitungen. Doch nur die guten Nachrichten schaffen es in die kleine Welt ihres Viertels hinausgetragen zu werden. Sie bedecken den Boden der Straßen und Plätze. Und jeder, der sich die Mühe macht, diese Papierflieger aufzuheben und die Nachrichten zu lesen, wird vielleicht ein wenig optimistischer in die Zukunft schauen können. Gute Nachrichten sind nun einmal gute Nachrichten. Doch sie werden weniger …

Juan Marsé schafft es auf den wenigen Seiten dieses Romans ein ganzes, nein, zwei ganze Leben aufs Papier zu bannen. Sie herauszureißen und im Viertel herumfliegen zu lassen, wäre schändlich. Doch das Buch immer wieder zur Hand zu nehmen und ein wenig darin zu blättern, gehört wohl zu den schönsten Zeitvertreiben, die Literatur bieten kann. Bruno, bislang schüchtern und in sich gekehrt, blüht inmitten der Fotowand in Frau Paulis Wohnung auf. Die Fotos sind anfangs für ihn nur Erinnerungen eines nicht immer einfachen Lebens. Doch sie geben dem Jungen nach und nach einen Einblick in ein Leben, das er sich so nicht vorstellen kann. Dafür ist er zu jung. Das Ende … ja, das Ende wird den Leser, der sich so nachhaltig ins Leben der beiden eingelesen hat, mit einem Paukenschlag aus der Leseschlummerei ins wahre Leben verschlagen!

L’amour toujours – toujours l’amour?

Um es gleich vorwegzunehmen und jeglichen Zweideutigkeiten die Luft aus den Segeln zu nehmen: Es geht um die Liebe!, nicht ums Liebemachen. Zum Beispiel um die so wunderbar klinge ménage à trois – klingt nur im Französischen so geheimnisvoll. Jean-Baptiste Robert ist ein glücklicher Mann. Er hat die Liebe in all ihren Vorzügen gepachtet. Ein ihn liebendes Eheweib und eine ihn liebende Geliebte. Alice – die Ehefrau – umsorgt ihn, Célia – die Geliebte – empfängt und umfängt ihn. Clémentine Beauvais lässt ihn gewähren, bis eines Tages Célia ihm die Zweisamkeit kündigt. Tief gekränkt versucht herauszufinden, wer der geheimnisvolle Jüngling ist, der ihm von nun an die Schäferstündchen stiehlt. Wahrlich ein Fortschritt für Célia, muss er neidlos anerkennen. Doch dann sieht aus seinem Versteck heraus eine weitere Person sich aus Célias Wohnung stehlen…

Immer wieder die Liebe, für immer – kurze Texte, die die ganze Bandbreite der Liebe, wenn man es so nüchtern betrachten will – darbieten. So wie Frankreich ist, unterschiedliche Kulturkreise aus aller Herren Länder, sind auch die Geschichten in Afrika, Osteuropa, und natürlich auch im Mutterland der Liebe angesiedelt.

Jede Geschichte ist es wert abgedruckt zu werden. Dass so viele Texte in einem Buch dem liebestrunkenen Lesevolk in die Hand gegeben werden, ist ein Glücksgriff für jeden, der auch nur wenige Seiten in diesem Buch blättert. Preisgekrönte Autoren, allesamt noch jung, einigen sich ohne Absprachen darauf, dass die Liebe einzigartig und vielfältig in Einem ist.

Von der Liebe zu Charlotte Corday, die auf dem Schafott endete, von roten Socken, die allein nur einem Zweck dienen: Dem, die Liebe zu entfachen und am Brennen zu halten oder einem neuen Rotkäppchen – davon erzählen die Autoren, die bislang wenig bekannt sind.

Wer es sich nicht verkneifen kann und dieses Buch Seite für Seite nacheinander durchliest, wird den Fortgang der Geschichten wie einen Liebesakt erleben. Vom zarten Annähern bis hin zur ungeschminkten Ekstase ist der Leser gern gesehener Gast im Boudoir der Autoren, stiller Teilhaber im Beben der Körper und (wissbe-)gieriger Voyeur neuer Geschichten des beliebtesten Themas der Literatur.

Bevor sie Euch töten

Wären Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele Urlauber auf Sizilien, sie hätten das Paradies für sich entdeckt. Doch die Situation stellt sich ganz anders dar. Sie verstecken sich in den Bergen, denn ihr Leben ist nichts mehr wert. Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts fliegen die alliierten Bomber einen Angriff nach dem anderen. Ganze Landstriche werden verwüstet.

Die einstigen Herren erhalten ihre Macht durch grundbesitzt, den sie schonungslos verteidigen. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung lassen die Menschen aufbegehren. Ihre Anliegen werden niedergeknüppelt. Und auch sonst herrscht das Gesetz der Stärkeren. Die Vier haben alle ihre Gründe vor der Realität zu fliehen. Hier in den Bergen sind sie sicher. Ab und zu werden sie mit Proviant verpflegt. Ihr Ziel: Venezuela. Ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen. Davon träumen sie, wenn sie den Tag passieren lassen. Insgeheim wissen sie, dass hier ihr Leben enden wird. Doch die Hoffnung, dass dem nicht so ist, lässt sie weiter in ihrer Phantasie schwelgen.

Zwischen perfiden Arten des Mordens und eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen verführt Giuseppe Fava den Leser in ein Sizilien, das so gar nichts mit der verklärten Prospektwelt der Reiseveranstalter zu tun hat. Entlaufene Töchter, entehrte Familien, unmenschliche Arbeitsbedingungen in sengender Hitze, skrupellose Landbesitzer sind real und werden ungeschönt beschrieben. Fava geht soweit, seinem Quartett eine letzte Chance zu geben: Vier Pässe gegen einen „einfachen Mord“. Werden die Vier das Angebot annehmen? Sind damit endgültig alle Schrecken vergessen, und wird ihnen nun das Paradies offenstehen?

Wohl kaum. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele stehen sinnbildlich für die Verzweiflung Siziliens. Jung und Alt, begehrend, verzweifelt, hoffnungsvoll, hungrig – nur mit dem Ziel ihre geliebte Heimat alsbald verlassen zu können. So stark die Verwurzelung auch sein mag, so stark ist der Wunsch diese Wurzeln anderswo gedeihen zu lassen. Ihr Versteckspiel – wie werden immer noch aus verschiedenen Gründen als Banditen gesucht – ist eine Art Abschiedswanderung. Doch der Abschied will einfach nicht nahen…

Giuseppe Fava engagierte sich sein Leben lang im Kampf gegen Korruption, namentlich Mafia, und er hatte keinen Berg, auf dem er sich verstecken konnte und den Spieß umdrehen konnte. Seien Helden sehen keinen anderen Ausweg als selbst zu dem zu werden, das sie bekämpfen. Fava wurde von der Mafia ermordet, vor seinem Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück aufgeführt wurde. Trotz aller Versuche der Mafia einen Prozess zu verhindern, sitzen die Schuldigen heute hinter Gittern.

Die Reise

Ein echter Delage soll es sein! Den Spruch will Frank Delage hören. In seiner Heimat Australien hat er einen neuen Flügel entwickelt. Der Sound soll revolutionär sein. So wie die Akustik der Elbphilharmonie in Hamburg. Und in Wien hofft er auf zahlreiche zahlungskräftige Klientel. Hier, wo er auf den Stufen hinauf schreitet, die schon Mozart trugen. Hier, wo Mahler, Brahms, Strauss ihre unvergesslichen Melodien schrieben. Doch die Klientel bleibt aus. Man verschließt sich der Neuerung, hängt den Traditionen nach.

Amalia von Schalla tut ihr Bestes, um dem Unternehmer den roten Teppich auszurollen, doch das kunstinteressierte Wien, zeigt dem Aussie die kalte Schulter. Enttäuscht reist er wieder ab. Mit dem Containerschiff, seiner Erfindung und einem blaublütigen Mitglied derer von Schalla, Elisabeth, begibt er sich dreiunddreißig Tage auf See. Noch immer verstört, nicht fassen, was in Wien passierte bzw. nicht passierte, soll diese Reise Abschied und Aufbruch zugleich sein.

Es gibt nicht viel zu sehen auf See. Auch das Schiff, es ist schließlich ein Arbeitstier und kein Vergnügungspalast, bietet wenig Abwechslung. Aber dafür viel Zeit sich der jüngeren Vergangenheit zu widmen. Den bornierten Kunstfortschrittsbanausen in Wien, die sich im Stillstand suhlen und jedwedes Vorankommen ignorieren. Delage ist immer noch bitter enttäuscht, doch findet in Elisabeth eine willige Stichwortgeberin, die ihn in seiner Meinung bestätigt.

Dekadent und reaktionär finden die beiden das Wiener Publikum. Und hier draußen auf See wird die Seele mal so richtig durchgepustet. Wie die Besatzung werfen die beiden ihren Müll in die weite See. Der, der Crew schwimmt oben auf, verschmutzt die Meere. Delages und Elisabeths Müll ist mehr symbolischer Art.

Murray Bails „Die Reise“ gehört zu den ungewöhnlichsten Titeln des Literatur-Sommers 2017. Die Präzision, mit der jedes Wort den Nerv der Situation trifft, ist einzigartig. Sehnsucht nach Meer, nüchterne Abrechnung nach einer geschäftlichen Enttäuschung, zarte Bande zwischen zwei Menschen – das alles vereint der Autor auf knapp dreihundert Seiten, die man ohne Unterbrechung lesen muss.

Depeche Mode – Monument – Limited Extended Version

Jetzt gibt’s was auf die Augen! Normalerweise wartet eine Band bis zu einem runden Jubiläum, um die Fans mit einem besonderen Geschenk zu beglücken. Depeche Mode – Achtung Phrase! – waren schon immer anders als die anderen Band. Hier war es nur eine Question Of Time bis so ein monumentales Werk den Markt eroberte. Der Titel „Monument“ ist Programm: Fast so groß wie der Stapel an LPs, den die Band irgendwann mal hinterlassen wird, voller Bilder, Interviews, Magazin- , LP/CD-Covern und doppelseitigen Nahaufnahmen der Bandmitglieder. Keine Condemnation, vielmehr Enjoy The Umblättern!

Der Leser ist Museumsbesucher. Große Sonderausstellung zum 37jährigen Bandjubiläum von Depeche Mode! Erleben Sie die Band, in privaten Momenten, lesen Sie, was Wegbereiter und andere Fans zu berichten wissen! Mittendrin im Geschehen und nicht Behind The Wheel. Ein lebendiges Museum von vier Jahrzehnten Popgeschichte. Über vierhundert Seiten Bilder For The Masses, eine bunte Celebration, die jeden Fans schreien lässt I Want You Now.

Für Fans der ersten Stunde ist es streckenweise erstaunlich, was man alles schon mit der Band erlebt und eventuell schon wieder vergessen hat. Die ersten Bühnenoutfits, schon allein über Martin Gores Garderobe könnte man ein nicht minder monumentales Werk gestalten, Schwarz-Weiß-Bilder der Gegend, aus denen Dave Gahan, Andy Fletcher und Vince Clarke stammen, markieren nicht nur den Ausgangspunkt für eine der weltweit erfolgreichsten Bands, sondern weisen schon den Weg, den das Buch einschlagen wird. Mit jeder Seite mehr taucht man tiefer ein ins Universum der Synthi-Pop-Helden. Schonungslos offen auch der Umgang mit dem traurigen Kapitel als die Band vor ein paar Jahren fast vor dem Aus stand. Dave Gahan war erkrankt, dem Tode nah, ein überlebter Drogenexzess öffnet ihm die Augen. Seitdem kennt die Band nur einen Weg: Den nach oben. Immer weiter.

Es gibt vielleicht nur ein paar noch praktizierende Bands, denen ein Buch von diesen Ausmaßen zusteht: Klar, die Rolling Stones, U2 sicher, Metallica gehören auch fest in diesen erlauchten Kreis. Dann wird’s schon schwierig eine Band zu benennen, die so lange einen so großen weltweiten Erfolg aufweisen kann. Und diesen Erfolg mit einem Buch zu bildgewaltig präsentieren darf. Preiswerter als jede Konzertkarte, langlebiger als das komplette Musikwerk ist „Monument“ das, was es vorgibt zu sein. Nämlich die kiloschwere Historie einer Band, die den Modestil nicht nur einer Generation beeinflusst hat, deren Musik schon nach wenigen Takten eindeutig als Depeche-Mode-Sound zu erkennen ist, und die es immer wieder schafft Fans und Kritiker zu überzeugen und neue Fans zu erobern. Dieses Buch will nicht erobert werden. Das passiert einfach so! Als Meister der Maxiversionen – ja, das gab es einmal – lautet der Untertitel natürlich auch „Limited extended version“. Die Maxi von „Shake The Disease“ war eine Viertelstunde lang. Das ist man in diesem Buch vielleicht gerademal auf Seite Dreißig. Bis man mit dem Buch „durch ist“, kann man also noch die gesammelten musikalischen Werke der Band von 1980 bis zur Jahrtausendwende hören. Und blättern und blättern und schwelgen und träumen und …

Allein gegen die Schwerkraft

Würde Albert Einstein noch leben – immerhin wäre er 2017 erhabene 138 Jahre alt – hätte er sich wohl schon daran gewöhnt regelmäßig selbst zum Objekt von Forschungen gemacht zu werden. Der Strom an Biographien über den so gelehrten, geselligen, umtriebigen, unterhaltsamen, kämpferischen Einstein ebbt nicht ab. Denn Einstein ist es wert, dass so viel wie möglich über ihn erfahren wird. Bis heute sind seine Reden als Manifeste der Menschlichkeit aktueller denn je. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlagen von Forschungen und unseres Verständnisses der Welt.

Thomas de Padova zeigt in „Allein gegen die Schwerkraft“ ein sehr breites Spektrum der Persönlichkeit Albert Einsteins. In den Anfangsjahren seiner Arbeit tat sich der junge Einstein schwer eine Anstellung zu bekommen. Förderer wie Max Planck traten ihm zur Seite und sorgten dafür, dass er seinen Forschungen nachgehen konnte.

Wegbereiter wie zum Beispiel die zu oft verschmähte Marie Curie – immerhin zweimalige Nobelpreisträgerin, für Physik UND Chemie – kommen ebenso zu Wort wie seine Frau Mileva und seine Geliebte Elsa. Letztere war sicherlich mit ausschlaggebend, dass die Bemühungen Max Plancks Einstein nach Berlin zu holen Früchte trugen.

Ein bisschen Vorbildung ist von Nöten, um „Allein gegen die Schwerkraft“ vollends zu verstehen. Wer im Physikunterricht der Schwerkraft nur insofern nachgab, als dass der Kopf vor selbiger kapitulierte, kommt an manchen Stellen zum Stillstand. Wer sich hingegen auf Einsteins Theorien einlässt, entdeckt in de Padovas Buch viel Vertrautes und Neues aus dem Leben eines Genies.

Der Autor lässt den Leser nicht allein. Großzügig gibt er einen umfassenden Überblick über die Zeit und Umstände, in denen Einstein forschen konnte und musste. Unter dem Brennglas der Geschichte referiert de Padova zu Einstein und seiner Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Einstein die spezielle Relativitätstheorie, elf Jahre später – also mitten im Kriege – die allgemeine. Kollegen verteufelten den Mann mit dem Wuschelkopf, oder sie überschlugen sich vor Begeisterung. Einstein selbst genoss den Ruhm, ließ die Kritiker alsbald verstummen.

Wer auch nur ein wenig in diesem Buch blättert, um sich die Zeit zu vertreiben, wird schnell süchtig nach Einstein. Mit einfachen Worten schafft es der Autor die komplexe Theorie darzustellen, bzw. es deren Entdecker selbst zu überlassen. Dort, wo Erläuterungen angebracht sind, springt der Autor ein. Ansonsten spricht in diesem Buch nur einer: Albert Einstein.

Mein Bruder Che

Seit der Verabschiedung Fidel Castros aus dem aktiven Politikalltag kommt wieder Bewegung ins Interesse für Kuba. Die Revolucion ist noch nicht zu, und erst recht nicht am Ende. Doch die Ikonen werden nach und nach demontiert. Für viele Politiker, Anführer, Bosse war Ernesto Che Guevara Ikone und Staatsfeind Nummer Eins in Einem. Verklärter Held mit enormem Herz für die Unterdrückten auf der einen Seite, rücksichtsloser Egozentriker für die auf der anderen Seite. Pop-Art-Ikone mit dem Potential als T-Shirt ewigen Ruhm zu erlangen und gewissenloser Mörder. Ein echtes Bild von Che zu generieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Jahrelang hat Juan Martín Guevara den Mund gehalten. Als kleiner Bruder des großen Che saß er jahrelang im Gefängnis unter der Militärjunta Videlas in Argentinien. Der Name Guevara war keine Einnahmequelle, eher Grund sich ruhig zu verhalten. Nun bricht er sein Schweigen und gibt (s)einen Blick auf Ihn, den großen Freiheitskämpfer, Abenteurer und Bruder frei. Im fünfzigsten Herbst der feigen Ermordung Ches.

Als Che seine Familie, auch den kleinen Bruder Juan Martín nach Havanna zu den Revolutionsfeierlichkeiten einlädt, ist er doppelt so alt wie Juan Martín. Als Juan Martín zum ersten Mal den Todesort seines Bruders in Bolivien besucht und den Plan fasst ein Buch zu schreiben, ist dieser fast doppelt so alt wie sein großer Bruder geworden war. Dazwischen liegen Jahre des Schweigens, des Bangens, auch der Freude, vielmehr jedoch der Trauer. Juan Martín Guevara zieht nicht eine der Jubelarien ab, die immer wieder an Jahrestagen auf den Markt geworfen werden. Er war ja nicht dabei als in der Sierra Maestra die Kugeln den Kolonnen und dem Comandante um die Ohren flogen. Er war ja nicht dabei als im bolivianischen Dickicht die unterbesetzte, unterernährte, unmotivierte Truppe den Schergen des Militärs in die Hände fiel. Er war ja nicht dabei als aus dem Arzt mit Asthmaleiden und der wilden Mähne Ernesto Guevara der strenge, getriebene Revolutionär Che wurde. Aber er war immer sein Bruder und konnte ihn jahrelang beobachten und seinen Interpretationen lauschen und sie aufsaugen.

Und nun berichtet Juan Martín Guevara von seinem großen Bruder. Es ist ein stilles, liebevolles Portrait eines Mannes, der Menschen auf Anhieb begeistern konnte, der von seiner abgöttisch geliebt wurde, der das Wort revolutionär im wahrsten Sinne verkörperte und über den mit diesem Buch das wohl größte Mosaikstück im Puzzle Ernesto Che Guevara hinzugefügt wird.