Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Ein wunderbarer Titel, mit dem man so wunderbar spielen kann. Nein, es geht nicht um LKW, es geht um das Laster. Und das mitten in Berlin. Die Goldenen Zwanziger waren kalendarisch vorbei als Curt Moreck 1931 diesen Reiseband schrieb. Hätte er da schon gewusst, dass die Nazis ihn mit Berufsverbot belegen und seine Bücher verbrennen würden, wäre dieses Buch garantiert kein Führer geworden. So wurde es ein anderer…

Das Buch wurde nicht überarbeitet – darf man heutzutage eigentlich Bücher mit Tipps für den „Fremdenverkehr“ so ohne weiteres veröffentlichen? – und somit sind einige der Lokalitäten, jeder weiß mittlerweile worum es geht, vielleicht nicht mehr am selben Ort bzw. in der Mehrzahl einfach verschwunden.

Also nix mehr mit ‘nem Fuffziger für ‘ne Bockwurst mit Kartoffelsalat wie einst im Alt-Mexiko zur frühen Morgenstund. Katerfrühstück uff berlinerisch. Wer das heute googelt, landet erstmal bei Antiquariaten und dann bei einem Restaurant.

Das deutsche Babylon 1931 lautet der Untertitel. Naja, ganz so dramatisch ist der Inhalt dann auch wieder nicht. Spelunken und Kaschemmen geben sich ein Stelldichein, leichte Mädchen locken in kecken Posen den nächsten Gast heran. Und über achtzig Jahre später ist der Reiseband immer noch lesenswert. Curt Moreck schreibt mit derartiger Vehemenz und Lebendigkeit, dass einem schon nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass mittlerweile der historische Wert den Informationsgehalt weit überholt hat.

Sich neppen lassen, war damals schon ein Problem. Klar, freier Eintritt ins Varieté. Da lässt man sich nicht zweimal bitten. Doch an der Garderobe oder bei der Begleichung der Rechnung trifft den Gast der Schlag.

„Jeder einmal in Berlin!“ war der Slogan des Berliner Fremdenamtes. … Den Spruch muss man erstmal sacken lassen. Was einmal?! Nur einmal! Da ist sie wieder die gaggernde Masse, die sich bei dem Begriff lasterhaft vor Lachen in die Hosen macht. Heute würden sich die Tourismusmanager und Projektleiter und Hostessen (der Begriff ist heute allerdings ganz anders belegt) mit so einem Slogan gleich die Kündigung abholen. Is so überhaupt nicht political correct!

Trotz all der Wendungen und Wandlungen der vergangenen Jahrzehnte sind Bücher wie dieses immer noch eine Offenbarung. Mit einem vielsagenden Schmunzeln gräbt man sich durch die Kiezkneipen und Etablissements von vor Jahrzehnten. Und garantiert kommt man schnell ins Gespräch, wenn man dieses Buch in der U-Bahn liest. So ein Buch erzeugt Aufmerksamkeit. Auch deswegen sollten viele Hotels in Berlin dieses Buch zumindest zur Ausleihe anbieten. Jede Großstadt, jede Metropole hat ihre dunklen Seiten und Ecken und Zeiten. Es ist gut so, dass man heute ruhigen Gewissens mit einem Schmunzeln solche alte Reisebände noch findet und lesen kann. Pädagogisch hält sich der Erkenntnisschatz im Rahmen, aber der Unterhaltungswert liegt um ein Vielfaches höher als bei der Erstausgabe.

Reise nach Karabach

Ein Vierteljahrhundert ist es gerade einmal her, dass die Region Karabach von marodierenden Banden in Angst und Schrecken versetzt wurde. In Georgien hatte sich der Präsident Swiad Gamsachurdia aus dem Staub gemacht, die Regierung existierte maximal noch auf dem Papier. Anarchie und Selbstjustiz bestimmten den Alltag. Jeder war gegen irgendjemanden, gegen irgendetwas. Für etwas zu kämpfen – das gab es nicht.

Gio ist ein Kind dieser Tage. Vierundzwanzig ist er mittlerweile und hatte mehr mit der Polizei zu tun als Tage im Sandkasten verbracht. Kleinere Gaunereien, die nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn man die Gesamtsituation oberflächlich betrachtet. Sein Kumpel Gogliko, als Freund würde er ich niemals bezeichnen, in einer Zeit, in der gegen etwas gekämpft wird, ist nur Platz für Verbündete, aber nicht für Freunde, überredet ihn hartnäckig mit ihm nach Aserbaidschan zu fahren. Was einkaufen, Drogen. Und die werden nach der Rückkehr in Georgien gewinnbringend an den Mann oder die Frau gebracht. Zum ersten Mal etwas für etwas tun. Die Verlockung siegt über die Zweifel.

Der Alda, der die beiden über die Grenze bringen soll, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Der Trip soll angeblich bestens organisiert sein. Doch Gio glaubt im tiefsten Inneren seines Herzens seinem Kumpel Gogliko kein Wort. Da aber eh nichts anderes anliegt, kann er ja mitkommen. Jana, die Frau, in die er sich gerade zu Verlieben schien, ist auch weg. Ihn hält nichts in Tblissi.

Der Bürgerkrieg in der Region ist geprägt von Kämpfern, die allesamt erfahren sind im sich Tarnen, Verstecken und plötzlicher Angriffslust. Aus dem Dickicht hervorschießen und mit unglaublichem Jähzorn jedem Fremden die Verachtung ins Gesicht zu rotzen. Jeder gegen jeden. Armenier, Georgier, Aserbaidschaner, Tataren, Russen – Freund und Feind sind gleichermaßen verdächtig. Und so gerät der Trip, der ein wenig Sonne in die Schwarzpulverschwaden bringen soll, zum Höllentrip. Gewehrkolben im Gesicht, blutverschmierte Fratzen, Hoffnungslosigkeit, angstverbreitende Kalaschnikows im Anschlag. Aus der Sonne wird wohl nichts mehr werden…

Aka Morchiladze gehört zu Georgiens Schriftsteller –Elite. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und dieses verfilmt.

„Reise nach Karabach“ ist ein Roadmovie, dessen Ende niemand vorausahnen kann. Auch Gio weiß nur, dass der Ausflug nicht einfach wird, dass er so endet und sein Leben verändern wird, konnte er sich niemals im Leben vorstellen. Die expressionistische Sprache katapultiert den Leser in eine Zeit, in ein Land, die nah und fern zugleich sind. Der vergessene Konflikt, das Land, das so weit weg im Osten liegt, sind nur zwei Zutaten, die dem Leser das Buch als fiktional erscheinen lassen. Doch jedes Wort kann genauso gefallen sein. Und das ist die erschreckende Erkenntnis, die am Ende des Buches steht.

Paris abseits der Pfade, Band II

Kann man das Besondere noch besonderer machen? Ist nicht schon alles über Paris geschrieben worden? Ist die Stadt nicht ein offenes Buch? Nein! Man mag es kaum glauben, aber im Überfluss der Parisbücher gibt es immer wieder grelle Lichtquellen, die die Massenproduktion über die Stadt der Lichter, die Stadt der Liebe in den Schatten stellen.

Zwei Jahre ist es her, dass Georg Renöckl den ersten Funken in den Orbit der besonderen Paris-Bände entsandte. „Paris abseits der Pfade“ war der ambitionierte Name, der das Versprechen des Titels auf jeder Seite hielt. Nun folgt Band Zwei. Fortsetzungen haben immer den Beigeschmack, einen Erfolg auf Teufel-Komm-Raus ewig in die Länge zu ziehen. Georg Renöckl schafft es scheinbar spielerisch diesem Trend mit Inhalt, Spannung und wahrer Detailverliebtheit ein Schnippchen zu schlagen. Denn auch der zweite Band (wie schon bei den beiden Wien-Büchern der Reihe, Georg Renöckl schuf den zweiten Teil) wird selbst Paris-Kenner in Erstaunen versetzen.

Schon allein die Auswahl der Viertel, die er unter die Lupe nimmt, verheißen Paris par excellence: Saint Germain des Près, Montmartre, Bois de Boulogne. Das ist Paris! Das ist es, was der geneigte Paris-Besucher sehen will. Und das bekommt er auch. Doch eben nicht die Wegbeschreibungen zum nächsten Shoppingtempel oder der nächsten Würstchenbude. Nein, Georg Renöckl schlendert mit geschärften Sinnen durch die „besseren Viertel“, um dem Schmelztiegel Paris beim Verknüpfen von Vergangenheit und Gegenwart zu einer Zukunft zuzuschauen. Und immer mit dabei: Der Leser.

„Auf diskreten Wegen durch den goldenen Pariser Westen“ heißt ein Kapitel, das das Anliegen des Buches am besten widerspiegelt. Villen prägen das Panorama, das den Besucher empfängt, wenn der die Metro an der Station La Muette verlässt. Etwas mehr als eineinhalb Jahrhunderte ist es her, dass die Bewohner von Ateuil und Passy sich als Pariser bezeichnen dürfen. Napoleon III. hatte das Ruder fest im Griff (naja, was man halt landläufig als „fest“ bezeichnet) und Haussmann befehligte eine Armada von Baugeräten. Hier lässt es sich aushalten. Wer im sechzehnten Arrondissement lebt, genießt tagtäglich die Aussicht auf das Paris der Hochglanzprospekte. So der erste Eindruck. Doch hier gibt es noch mehr. Die Vergangenheit mit den mehrstöckigen, effektvoll verzierten Häusern fällt einem immer wieder ins Auge, das Museum Marmottan lädt zum Verweilen ein (inkl. Monet), doch dann stürzt die Gegenwart mit ihren Zukunftsplänen das verträumte Auge mitten in die Realität. Der moderne Wohnungsbau mit all seiner Phantasielosigkeit türmt sich vor einem auf. Auch das ist Paris. Kleine Grünanlagen besänftigen sofort wieder das Gemüt, bevor die Reise kurz für Lapin à la moutarde unterbrochen werden kann. Das Rezept hat Georg Renöckl für die „Daheimgebliebenen“ gleich mit abdrucken lassen.

Victor Hugo bezeichnete das Flanieren als pariserisch. Georg Renöckl führt diese Aussage weiter und breitet nun schon zum zweiten Mal den roten Teppich als Beweis selbiger für den Parisgast aus. Auf ihm im Blitzlichtgewitter der Stadt zu schreiten, ist ein Wohltat für jeden einzelnen Sinn.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Unbescholtene Bürger

Da muss man schon einen Stich haben, wenn man im Paradies etwas anstellt, wofür andernorts aus selbigem vertrieben wird. Und damit Justitia nicht blind bleibt, gibt es Leute wie Jack Teddyson, Privatermittler. Eigentlich heißt er Raymond Vauban, Martinique ist französisches Gebiet in der Karibik, doch Jack Teddyson klingt martialischer, wenn man das „Teddy“ nicht so stark hervorhebt.

Sésostris Ferdinand wurde ermordet. Da ist den Behörden bekannt. Sie ermitteln auch, nur leider mit so gar keinem Erfolg. Deswegen wendet sich die Witwe des Verstorbenen Irmine an die abgewrackte Spürnase. Das Honorar, das er aufruft, schreckt sie nicht ab. Ihr Gatte war schließlich vermögend.

Der Fall ist auf Martinique so bekannt, dass selbst der Zuhälter von Jack Teddysons Immer-Mal-Wieder-Freundin bzw. Gespielin Veronica dem Schnüffler ins Gewissen redet. Beziehungsweise ihm seine Stirn ins Gewissen, vor die Stirn donnert. Das saß! Ehemalige Angestellte von Sésostris Ferdinand geben weiter Hinweise, die Jack auf die Spur eines Glückspiels bringen, bei dem die Gewinnerstraße eine verdammt enge Gasse ist. Viele Angestellte verloren so und oft ihren ohnehin nur als Hungerlohn zu bezeichnendes Salär. Ein Motiv? Und sehr viel Verdächtige? Kann doch nicht sein – das hätte die Polizei schon genauso herausgefunden, oder?!

Einen Geldregen erhält Teddyson von einem schwerreichen Martinikaner, dessen unehelichen Sohn er schlussendlich gefunden hat. Die Kohle ist allerdings schnell wieder futsch, da er sie bei einer weiteren Freundin deponiert hat. Die wiederum hat nichts Besseres zu tun als auszubüchsen. Dem Ganzen die Krone setzt allerdings der Fakt auf, dass der wiedergefundene – uneheliche – Sohn des Schwerreichen irgendwie auch mit dem Tod von Sésostris Ferdinand zusammenhängt.

Verwirrt? Keine Angst, es löst sich alels auf. Jack Teddyson schwirrt nicht weniger der Kopf. Er verflucht jedes Kapitel dieses, dessen Erzähler er ist, weil immer mehr Verdächtige auftauchen und verschwinden, neue Zusammenhänge hervortreten und Freunde nicht immer alles und sofort erzählen. Selbst der treue Inspector Maxo, der einzige Bulle, dem Jack vertrauen kann, behält noch einiges für sich. Irgendwie könnte man die Sache auch so sehen: Alles nur Unschuldslämmer, die nichts verbrochen haben. Also nur unbescholtene Bürger! Von wegen…

Schlank mit kleiner Wampe – genetisch bedingt – und unnachgiebig im Umgang mit Behörden, Zeugen und Verdächtigen muss Jack Teddyson sich durch ein Dickicht kämpfen, das jeder besser kennt als er selbst. Martinique ist klein, jeder kennt jeden, da fällt es schwer sich hervorzutun und sich einen Vorteil zu verschaffen. Raphaël Confiant lässt seinen Helden schwitzen und nimmt den Leser in den Schwitzkasten. Wer diesen Roman vor dem Finale beiseitelegt, braucht schon eine verdammt gute Ausrede. Ansonsten heißt es: Aufschlagen – Lesen – Träumen.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Vor dem Sturm

Es ist nicht viel, was Esch, Skeetah, Randall, Junior und ihr Dad ihr eigen nennen können. Eine heruntergekommene Hütte an einer Lichtung im Mississippi-Delta. Randall, der Älteste will Basketball-Profi werden. Die Anlagen dazu scheint er zu haben. Skeet, der Zweitgeborene, ist völlig vernarrt in seine Pitbullhündin China. Die hat gerade geworfen. Der eine oderandere Dollar dürfte dabei wohl herausspringen. Junior ist der Sonnenschein, sieben Jahre, das Nesthäkchen. Er hat viel Blödsinn im Kopf und von einer umwerfenden Ehrlichkeit.

Esch ist die einzige Tochter. Ihre Mutter überlebte die Geburt Juniors nicht. Dad ist keine große Hilfe mehr. Ihm geht’s nicht gut und der Alkohol setzt ihm immer mehr zu. Gerade jetzt könnte Esch, die diese Geschichte erzählt, jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen kann. Denn sie ist mit ihren fünfzehn Jahren eigentlich zu jung für eine Schwangerschaft. Eigentlich. Denn Mannys Anziehungskraft ist stärker als jede Vernunft.

Die Tage plätschern so dahin. Die Geburt von Chinas Welpen bringt ein bisschen Abwechslung in den Alltag in der sengenden Hitze des Südens. Skeetah träumt schon vom großen Wurf mit dem großen Wurf Chinas, doch es soll anders kommen. Auch Randalls Karriere als Ballartist in den großen Arenen ist vorbei, bevor sie richtig anfangen konnte.

Im Radio vernehmen die Fünf die unheilvolle Nachricht, dass ein Sturm im Anzug ist. Ein Hurricane, der sich bis zur Stufe Fünf hochschrauben wird. Höher geht es nicht, 250 Kilometer pro Stunde lassen dann auch keinen Stein mehr auf dem anderen liegen. Die Vorbereitungen, sofern man sich überhaupt auf so eine Katastrophe vorbereiten kann, sind übersichtlich. Fliehen ist keine Option. Wohin denn? Die Mittel sind nicht nur begrenzt, sie sind erschöpft. Katrina, mit diesem Namen wird der Sturm in die Geschichtsbücher eingehen, trifft mit voller Wucht aufs Festland. Der kleine Bach, der unweit der Hütte einst ruhig vor sich hin dümpelte peitscht mit allem, was er in sich hat erst gegen die Wände, dann breitet er sich im Haus aus.

Jesmyn Ward gelingt es mit zarten Worten das harte Leben derer, die von der Armutsgrenze nur träumen können, in ein farbenfrohes Feld der Hoffnung zu verwandeln. „Vor dem Sturm“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman, der ihr in den USA den National Book Award einbrachte und zum Bestseller wurde. Sie schockiert nicht mit brachialen Armutsszenarien, sie ringt dem kargen Leben ein großes Stück Poesie ab. Ihre Charaktere sind echt, nicht überzogen und der Handlung angepasst – sie sind die Handlungstragenden im wahrsten Wortsinne.

Lesereise Korsika

Auf und Ab – das ist Korsika. Nicht nur geographisch, denn die viertgrößte Insel des Mittellmeeres ist ein echtes Kraxelparadies. Nein, auch politisch ist die Insel ein Pulverfass, an deren Lunte des Öfteren immer mal wieder gezündelt wird. Susanne Schabers Lesereise Korsika ist ebenso aufgebaut.

Neben bezaubernden Naturbeschreibungen und Portraits der Menschen, die diese Landschaft prägen, schreibt sie auch vom blutigen Kampf der Korsen um Anerkennung und Unabhängigkeit.

Der kleine Korse, der einmal zum großen Franzosen wurde, ist auf der Insel nicht so sehr anerkannt wie landläufig angenommen wird. Denn als er den Thron Europas erklomm, war seine Herkunft kein Thema mehr.

Und dann wieder Traditionspflege, die in einem in Gedanken schon die Koffer packen lässt. Da liest man dann von Kastanienbäumen, die hier auf der Insel so bedeutsam sind. Jede gute Korsin muss beweisen, dass sie dutzendfach die Früchte verarbeiten kann.

Hotels und Tourismus sind wichtige Einnahmequellen Korsikas. Denn wer einmal hier war, kommt oft wieder. Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen gehören zu den elementaren Eigenschaften, die man benötigt, um Erfolg zu haben und dem Gast unvergessliche Tage und Wochen bereiten zu können. Das ist nicht immer einfach, doch lohnenswert. So wie Madame Dalakupeyan. Ihr Hotel ist äußerlich vielleicht nicht das durchgestylteste. Doch eines der am liebevollsten geführte. Susanne Schaber lässt sich vom Charme der Inhaberin und ihres großen Traumes aus Stein verzaubern und zieht dabei den Leser in eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Was gehört sonst noch in ein Buch, das ein Reiseziel emotional in den Fokus setzen möchte? Ein wenig Geschichte gefällig? Keine Räuberpistolen, sondern stolze Recken, die den Ungerechtigkeiten der Besatzer die Stirn bieten und ihr Herz mit der Faust präsentieren.

Dass auf Korsika fürs leibliche Wohl exzellent gesorgt wird, versteht sich von selbst. Doch Susanne Schaber schreibt das nicht einfach nur auf. Sie macht Appetit auf die Insel und ihre kulinarischen Eigenheiten. Als Insulaner ist man auf das angewiesen, was Mutter Natur zur Verfügung stellt. Zumal man sich ja nicht vom Festland abhängig machen will. Da ist sie wieder, die tiefe Kluft zwischen dem zentralistischen grand frère und dem rebellischen Corse. Als Besucher bekommt man davon nur vereinzelt etwas mit. Vielmehr umarmt einen die Gastfreundschaft mit voller Wärme und Herzlichkeit. So wie dieses Buch unerlässlich ist, bei einem Besuch der Insel, genauso tief und ehrlich empfunden sind die Geschichten in ihm. Einhundertzweiunddreißig Seiten voller Leidenschaft und Bewunderung für eine Insel, die im Zwiespalt sich erhoben hat, um im Europa anzukommen.

Das Herz-Kochbuch

Mal wieder oder öfter was Gutes essen. Ein Vorsatz, den man sich gern an Silvester vornimmt. Doch schon beim ersten Einkauf im neuen Jahr, liegen die Chips wieder im Einkaufswagen. Dahin die rosige Zukunft…

Naja, so schlimm wird’s schon nicht werden. Generationen von Menschen haben lange gelebt und sich dabei nicht gerade gesund ernährt…

Nur zwei Meinungen, die immer wieder ans Ohr dringen, wenn es um gesundes Essen geht. Der menschliche Körper ist ein Zirkulationsmechanismus. Wie Newton schon erkannte, hat jede Aktion eine entsprechende Reaktion zur Folge. Yin und Yang. Gute und Böse. Wie auch immer man es nun bezeichnen möchte. Unser Körper hat dabei eine zentrale Steuerungseinheit: Das Herz. Zu reinigendes Blut kommt rein, gereinigtes Blut wird wieder ausgestoßen. Und das tausendfach am Tag.

Und dieses Herz muss – nicht erst ab einem bestimmten Alter – geschmiert werden. Geschmiert nicht nur im wortwörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Gibt man ihm zu viel zu tun (Stichwort Chips oder Stress), läuft es zu lange auch Hochtouren. Und das kennen wir unter anderem vom Auto, das geht nicht lange gut.

Gun-Marie Nachtnebel und Annika Tidehorn ist es eine Herzensangelegenheit dem Leser Tipps und Anregungen, vor allem aber auch Denkanstöße mit auf den Weg zum gesünderen Leben zu geben. So beginnt das Buch nicht mit lukullischen Leckereien, sondern mit einer Unterrichtsstunde, warum das Herz durchaus mit Leckerlis gefüttert werden darf, kann und soll. Denn – wie erwähnt – wenn die Pumpe schlapp macht, hilft kein so flacher Bauch und auch kein so durchtrainierter Bizeps. Dann ist Schluss!

Deswegen ist dieses Buch auch kein Diätplan-Drill-Seargant, sondern der wohlwollende Herzensfreund. Die Einführungskapitel dienen dazu die Notwendigkeit des bewussten Genießens darzustellen. Kennt man den Unterschied zwischen guten und schlechtem Fett, vor allem wie man es erkennt und vermeiden kann, geht es im zweiten Teil um den Genuss. Marokkanischer Suppentopf mit Kichererbsen. Mit Vitamin C und Kalium – gut fürs Herz, wärmend für den Körper und sättigend. Oder wie wäre es mit Erdbeersalat mit Basilikumdressing. Gelbildende Ballaststoffe, die sind gut fürs Herz. Aubergine und Zucchini mit Pesto. Wenn man es mit Mineralsalz zubereitet, wird zusätzlich noch der Natriumkonsum verringert.

Es ist sicherlich nicht einfach seine Mahlzeiten auf den Körper ausgerichtet auszuwählen und die Zutaten mit Bedacht einzukaufen. Aber mit ein wenig Ehrgeiz – schließlich tut man es für sich selbst, also dem Menschen, dem man am nächsten steht – und diesem Buch fällt einem so manche Entscheidung einfacher als bisher vermutet. Und das es schmeckt, steht außer Frage.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.