Charley Moon

Little Summerford – die Dreifarbigkeit des Paradieses: Gold-gelbe Äpfel, grüner rasen und blaue Bäche. Hier wächst Charley Moon auf. Ein besonderes Kind. Artistisch im Herzen und gewieft sich vor alltäglicher Arbeit zu drücken. Phantasievoll und herzensgut. Und ein bisschen in Rose verliebt. Ihrer Oma gehört der Kramladen in dieser Idylle, die niemanden loslässt. Und wenn doch einmal einer loslassen sollte, ziehen ihn die Heimatstricke wieder zurück…

In dieser Idylle wächst Charley Moon auf. Seine Familie gehört zum Inventar des Dorfes wie die Mühle, in der er wohnt. Vom Geldverdienen verstand seine Familie noch nie viel. Charley begeistert durch sein Talent. Bei Theateraufführungen spielt er stets die erste Geige. Als eines Tages – Charley ist schon längst kein kleiner Junge mehr – ein Theaterschauspieler in dem verschlafenen Nest festsitzt, beeindruckt ihn Charleys Bühnenpräsenz. Selbst auf dem absteigenden Ast fasst er rasch den Entschluss zusammen mit Charley die Provinzbühnen Britanniens zu erobern. Der Plan gelingt. Armytage und Moon sind beliebte Gäste auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch Freunde raten ihm Armytage abzustoßen. Der versuche nur seine Haut zu retten und mit armseligen Engagements seinen Namen verzweifelt in den Gazetten zu halten.

Ein paar Jahre später ist Charley Moon eine Größe im Theaterbusiness. Little Summerford ist weit weg. Auch die Unbekümmertheit ist verflogen. Little Summerford von Charley geleugnet, aus seinem Herzen gestrichen. Regelmäßig schreibt Rose ihm noch. Doch Charley ist verbittert, antwortet nicht.

Die Jahre vergehen. Und Charley merkt immer mehr, dass der Ruhm schneller verschwindet als er gekommen war. Heuchelei und Missgunst gehen ihm immer mehr gegen den Strich. Fast schon reumütig kehrt er dahin zurück, wo er Charley Moon sein darf. Ganz ohne Skript, ohne Maske, ohne Schaupiel.

Reginald Arkell gibt der Sehnsucht Zucker. So süß wie Erdbeermarmelade auf Toast liebkosen seine Zeilen die Phantasie des Lesers. Die heile Welt hat einen Namen: Little Summerford. Rose und Charley sind die Zutaten für ein Gericht, das als paradiesisch anzusehen ist. Die Verkommenheit der Geschäfts stört Charley so lange nicht wie er Erfolg hat. Doch die harten Schläge in die Flanken fordern immer – je öfter sie ihn treffen – ihren Tribut. Auf der Sonnenseite des Lebens gibt es keine Schatten. Und so darf Charley, der nie jemandem etwas Böses angetan hat, schlussendlich wieder Einzug ins Paradies halten. Auch wenn die Geier vor den Toren des Dorfes schon warten…

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.

Nomen est omen

Das Jahr beginnt mit dem Wolf. Nein, kein neuer Kalender oder eine neue Kalenderrechnung – seit einem halben Jahrtausend lebt der Großteil der Erdbevölkerung nach dem gregorianischen Kalender. Wolfsmonat ist eine alte Bezeichnung für den Januar. Und der wiederum bezieht sich auf Janus, was dem Wort „ianua“, Tür, bedeutet. Man kann von zwei Seiten hindurch gehen, hat also zwei Blickwinkel. Daher wird der Januskopf gern auch als Sinnbild für Zweispalt gesehen.

Das Jahr hat kaum angefangen und schon wird alles, was bisher war in einem anderen Licht dargestellt. Denn schon einen Monat später beginnt Hornung. Auch DIE Hornung, wenn zum Beispiel die Hirsche ihr Geweih abwerfen. Das ist zwar nur eine Theorie, aber eine, die Sinn macht. Wer will schon gern als Narr bezeichnet werden, nur weil er im Narrenmond geboren wurde?!

Beim Juli ist die Namensgebung etwas einfacher. Sie stammt vom Julius Cäsar. Der, der den julianischen Kalender ins Leben rief, bzw. der Namensgeber war. Doch der ist seit Ende des 16. Jahrhunderts wegen Ungenauigkeit in Reich der Antiquitäten verbannt worden. Bärenmonat, Heuert oder Honigmond wird der Juli auch genannt. Honeymoon, die Flitterwochen haben der ihren Namen und ihre Bedeutung. Es wurde also im Juni vermehrt geheiratet. Kennt man sonst nur aus amerikanischen Soaps („Oh mein Gott, es wird eine Junihochzeit“ – kaum eine Serie kommt ohne dieses Zitat aus, warum auch immer). Und im Juli wird dann geflittert.

Nicht zu verwechseln mit dem Julmond. Der kommt erst zum Ende des Jahres. Er war ja mal der zehnte Monat des Jahres, decem=zehn, und geht auf das germanische Julfest zurück.

2019 wird das Jahr der Zahlen und der Monate. Wie achtlos man doch mit dem Kalendermonaten umgeht. April, Mai, September – die Namen sprudeln nur so aus einem heraus. Doch ihre Bedeutung kennen nur die wenigsten. Am dem ersten Hartung wird das nun alles anders. Über Bleuet, Brachet bis zum letzten Tag des Dustermond kann man sich mit den kurzen Texten als wissender Neuerer der Semantik hervortun. Ach ja, die Wochentage kann man an diesem Kalender auch ablesen. Da muss man sich allerdings konzentrieren. Denn die Zeichnungen, die Anna Gusella den jeweiligen Monaten als farbenfrohe Untermalung im Hochformat zur Seite stellt, lecken schnell vom eigentlichen Sinn des Kalenders ab. Blau, rot, gelb strahlen heroische Gestalten, genießen wohlgeformte Körper die freie Zeit, geben Jagdszenen einstimmungsvolle Denkstöße. Nur drei Farben, die vollkommen ausreichend sind, um diesem anspruchsvollen Kalender den passenden künstlerischen Rahmen zu geben.

Krumme Type, krumme Type

Eine vom Staub geschwängerte Luft, das Auge kann gar nicht so weit schauen wie es die Landschaft hergibt, und eine unbarmherzige Hitze – das ist die Heimat von Larry Ott. Chabot, Mississippi. Sein Traktor schnurrt, die vom Vater geerbte Werkstatt siecht dahin und der Briefkasten birgt auch nur wenig Abwechslung – Larrys Leben ist trostlos. Seit damals, als Cindy Walker verschwand und er der einzige Verdächtige war. Und man ihm nichts nachweisen konnte. Seitdem, ja seitdem ist Larry Ott der einsamste Mensch auf Erden. Ab und zu kommt die Polizei in Person von French vorbei. In letzter Zeit wieder häufiger. Tina Ruhterford, neunzehn Jahre jung und die Tochter des Mannes, dem hier im Umkreis von endlosen Meilen jeder Grashalm, und sei er noch so verdorrt, gehört. Klar, dass Larry suspect #1 ist. Er versteht das, lässt French seine Arbeit tun.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Cindy Walker verschwand. Larry und Cindy wollten ins Kino fahren. Larrys Vater, der bis dahin ihm entweder lediglich die Hand reichte oder die Faust ins Gesicht schlug, steuerte sogar Fahrzeug und ‘nen Zwanziger bei. Ihr Stiefvater nahm sich Larry gehörig zur Brust. Larry sei der einzige, mit dem er die „kleine Hure“ ausgehen ließ. Und wehe er stelle irgendwas mit ihr an. Dann … Kaum im Auto wird aus dem braven Mädchen von nebenan ein Wildfang. Doch die erhoffte wilde Knutscherei gerät zum Desaster. Sie wolle gar nicht ins Kino. Hatte sie nie vor. Vielmehr will sie zu ihrem Freund. Und der Abend mit Larry ist nur ein Vorwand. Sie ist nämlich schwanger und müsse nun einiges besprechen. Nach dem Kino könne Larry sie ja wieder abholen, so dass es für alle, die nichts von ihrem Schicksale wissen dürfen, es so aussähe als hätte sie einen vergnügten Abend mit dem Jungen von nebenan verbracht. Ein genialer Plan – wenn er denn funktioniert hätte. Denn Cindy ist auf einmal verschwunden.

Genauso wie der schwarze Junge, mit dem Larry sein ein paar Jahren befreundet ist. Silas. Im Staat Mississippi Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre immer noch ein Ereignis, über das man sich allenorts das Maul zerfetzt.

Tja, heute ist Silas Polizist und Larry hat das Damals verdrängt.

Tom Franklin kreiert ein Panoptikum der Archetypen. Väter, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Verschüchterte Kinder, die ihr Schicksal mit durchs Leben schleifen wie Schröder seine Schmusedecke und über allem der Schleier der Vergangenheit. So stickig die Luft in Chabot, Mississippi, so schäbig das, was dort hinter verschlossenen Türen geschah und immer noch geschieht. Die Geister der Vergangenheit kriechen aus ihrem Asyl hervor und verwandeln das sich dem Fortschritt verweigernde stille Örtchen in eine Kloake der Widerwärtigkeit. Ein frischer Wind würde hier wie da guttun.

Und dieser kommt getarnt als Zugluft im Sog einer Kugel geflogen, die Larry trifft. Eine zweite „Frischluft“-Kugel trifft Wallace Stringfellow, der sich auffallend aufdringlich zeigt und Larrys Freundschaft erzwingen will. Das dritte laue Lüftchen wird durch den Schwanz einer Schlange in einem Briefkasten durch den Ort gejagt. Doch das ist alles nichts gegen die Vergangenheit von Larry und Silas…

Data Tutaschchia

Jeder Kulturkreis hat seinen eigenen Helden, der durch Edelmut und Tapferkeit der eigenen Welt zu einem besseren Antlitz verhelfen wollte. Robin Hood ist sicherlich der bekannteste. Georgien, ein Land, von dem man eigentlich nicht so viel kennt, hat auch einen Helden: Data Tutaschchia.

Sein Blick kann Berge versetzen. Die schiere Präsenz bringt Waffen zum Schweigen. Naja, ganz so heroisch und mythisch ist er dann doch nicht. 1885 muss er in den Untergrund gehen. Denn Leutnant Andrijewski wurde von Data Tutaschchia lebensgefährlich verletzt. Die Situation ist etwas verworren. Der Leutnant und Ele, die Schwester Datas wurden von dem edlen recken in einer scheinbar verfänglichen Situation ertappt. Ein gezücktes Messer, ein Stich und schon war es passiert.

Bei den Verhören des Leutnants – Data kann nicht verhört werden, er hat sich der Strafverfolgung mehr oder weniger elegant entzogen – macht dieser dem Angreifer allerdings keinen Vorwurf. Die Situation konnte durchaus falsch verstanden werden.

Was hier so nüchtern nach einem 20.15-Uhr-Krimi mit routiniert spielenden Darstellern klingt, ist er Auftakt eines echten Nationalepos. Dieser Data Tutaschchia ist gerade mal 19 Jahre alt als in das kalte Wasser des Widerstands gestoßen wird. Doch schnell muss er einsehen, dass seine Hilfe oft ins Gegenteil gewandelt wird. Die Hilfe, die er bietet, wird missbraucht. Wo er Geld gibt, wird dies zweckentfremdet. Wem er eine Chance bietet sein Leben zu verbessern, spielt sich auf einmal auf, als ob ihm die Welt gehört. Es ist ein hartes Brot ein Held zu sein!

Und dann tauchen am Horizont dunkle Wolken auf. Ein harter Gegenspieler schiebt die trotz all der Rückschläge immer noch durchdringende Sonne beiseite. Wer ist dieser Gegenüber, der Jagd auf den großen Data macht, der zeitgleich immer noch gefürchtet und vergöttert wird? Data weiß, dass er seinem ebenbürtigen Gegner nicht ausweichen kann. Eine List reicht da nicht aus. Denn der Gegner kennt Data Tutaschchia besser als ihm lieb ist…

Fast siebenhundert Seiten folgt man dem unfreiwilligen Helden, der mit seinen guten Taten durchweg nur Gutes verrichten will und dabei immer wieder auf die Nase fällt. Er wendet sich ab, wird jedoch immer wieder in den Sog des Kampfes für Gerechtigkeit hineingezogen. Autor Tschabua Amiredschibi kann die Leiden seines Helden mehr als nachvollziehen. Er stammt aus dem Adel des Kaukasus und wurde unter der Schreckensherrschaft Josef Stalins interniert, wurde mehrmals zum Tode verurteilt und brach ebenso mehrmals aus und wurde nach sechzehn Jahren Gulag begnadigt. Diese prägende Zeit nutzt er seinem Helden Konturen zu verleihen. Die prosaische Sprache in seinem Epos erleichtert es den Einstieg in dieses wahrhaft kolossale Buch zu finden und den Fährten exakt folgen zu können. Einer der gelungensten Beiträge Georgiens zu Frankfurter Buchmesse, zu der Georgien als Gastland 2018 eingeladen ist.

Tram 83

Keine Bahnlinie, die einem von A nach B bringt. Keine Schunkelkutsche, die den einen Alltag gegen einen andere eintauscht. Wer ins Tram 83 eintaucht, kommt als anderer Mensch wieder heraus. Das Tram 83 ist eine Bar, eine Kaschemme, ein Sündenpfuhl im Nirgendwo des schwarzen Kontinents. Auf nur ein Bier kommt hier niemand vorbei. Die Trostlosen, die Trostsuchenden, die Glücksritter der Verliererstraße trinken hier um die Wette, und sich als Gewinner zu fühlen.

Lucien, der Schriftsteller ist auch hier. Wieder. Wieder in seiner Heimatstadt, am Bahnhof von Requiem empfangen. Der ist einer der Typen, die es nur im Roman zu geben scheint. Ein Gauner mit der Nase fürs Geschäft. Kurzlebig, gerissen, gewissenlos. Doch auch liebenswert, mit männlichen Trieben ausgestattet, dass man ihn dafür pausenlos ohrfeigen könnte. Fragt ein Mädchen im Bus, ob der Platz neben ihm noch frei sei, wird sie erst einmal gemustert und in Gedanken schon mal zur Probe flachgelegt. Was zu einer anderen Zeit eventuell gerade noch so als pubertär durchgehen könnte, ist bei Requiem „normal“. Bezeichnenderweise wohnt er auch noch im Viertel Les Vampires…

Lucien ist also wieder zurück bei Requiem in dieser afrikanischen Großstadt ohne Namen, die ihn einst ohne Vorwarnung ins Leben kotzte. Als Schriftsteller war er immer wieder wegen seiner Schriften Anfeindungen ausgesetzt. Bei Requiem fühlt er sich sicher. Warum, weiß er selber nicht. Denn Requiem kann man nicht trauen, weder im Hellen noch im Dunkeln. Werde bei Tag noch bei Nacht.

Ferdinand Malingeau kreuzt den Weg der beiden ungleichen Freunde. Er ist Verleger aus der Schweiz und mächtig interessiert an Luciens Werk. Dass dies heute noch nicht generell auf Zustimmung stößt, heizt seine Begeisterung für den aufstrebenden Autor noch mehr an. Doch Lucien tappt da in eine Falle! Denn hinter seinem Rücken dealen Ferdinand und Requiem. Dieses verdammte Tram 83. Ist denn hier keiner, der auch nur einen Hauch Anstand in sich trägt…

Fiston Mwanza Mujila führt den Leser gezielt in einen afrikanischen Moloch, der ungeschminkt das Dilemma einer ganzen Generation darstellt. Wenn die Hoffnung – als Letztes – schon längst verwest unter der Erde liegt, bleibt nicht mehr viel übrig, um dem Begriff Hoffnung selbige zu verleihen. Die Dirnen prahlen grußlos mit ihrer Sprachgewalt. Die Kindersoldaten sind frei in ihrer Rohheit und der Alkohol dient schon lange nicht mehr als Ausrede für den Wegfall der guten Manieren. Das Geld regiert hier in seiner pursten Form. Verhandlungen? Pah, was’n das?! Der direkte Weg ist die einzige Schneise im Dschungel der Ungerechtigkeit. Da passt einer wie Lucien eigentlich gar nicht rein. Doch ohne ihn, wäre das Tram 83 nichts, gar nichts, weniger als nichts.

Flametti oder vom Dandysmus der Armen

Soll man diesen Flametti mögen oder verachten? Als großer Zampano schart eine exklusive Truppe um sich, die auf den Zuschauerrängen im Varieté für Ahhs und Ohhs sorgt. Doch hinter den Kulissen brodelt ein Vulkan, der unweigerlich irgendwann einmal zum Ausbruch kommen muss.

Ein Ausbrecherkönig und eine Horde Indianer sind da noch die harmlosen Figuren in diesem Spiel der Eitelkeiten. In erster Linie ist Flametti Geschäftsmann. Penibel rechnet er jeden Franken ab. Bleibt auch nur ein Krümel in der Kasse übrig – nachdem alle bezahlt wurden – ist Flametti glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil der Krümel ihm gehört. Unglücklich, weil er weiß, dass der Krümel von einem noch größeren Kuchen stammt, den er auch gern noch verputzen möchte. Doch die lieben Angestellten erlauben ihm es einfach nicht.

Ständig muss er sich um neue Engagements kümmern. Schon über ein Jahr im Voraus muss der Tourneeplan stehen. Sonst wird es eng. Und der Magen knurrt. Von Kuchen weit und breit nichts zu sehen.

Auch die Artisten sind sich untereinander nicht grün. Sticheleien und Eitelkeiten verkehren das karge Leben unterm Zirkuszelt in eine glamouröse Show. Da sind Eifersüchteleien vorprogrammiert. Wer eine Chance sieht seinen eigenen Vorteil noch vorteilhafter zu gestalten, nutzt diese Minichance. Und Flametti muss den ganzen Laden irgendwie zusammenhalten.

Image ist alles. Störung des Betriebsfriedens ist geschäftsschädigend. Und eine Klage wegen Verführungen einer Minderjährigen ist geradezu existenzbedrohend. Doch Flametti wäre nicht Flametti, kenne er auch in dieser scheinbar aussichtslosen Situation nicht den Weg zum sicheren Hinterausgang…

Hugo Ball gilt zusammen mit Tristan Tzara, Hans Arp und Marcel Janco als Begründer des Dada, der letzten Kunstrichtung, die es kunstvoll verstand nicht verstanden werden zu wollen. Ihr Cabaret Voltaire in Zürich, das sie gründeten ist die Wiege des Dada. Dieser kleine Roman brachte Hugo Ball allerdings nur Schmach und Häme seiner einstigen Wegbreiter ein. Die bisher dagewesene Kunst zu negieren, war ihr Ziel. „Flametti oder vom Dandysmus der Armen“ war in ihren Augen jedoch Mainstream. Und eine ungerechte Abrechnung mit ihren Idealen.

Dem Leser kann es egal sein – dieses Buch liest sich wie ein Bilderbogen aus längst vergangenen Tagen. Einhundert Jahre ist dieses Buch nur schon alt. Die Zeit ließ ihre Finger davon. Kein Wort hat in dieser Zeit an Dramatik und Nachhaltigkeit eingebüßt. Die Eloquenz von damals ist bis heute ein Leckerbissen für jedermann. Jeder Charakter im Buch ist derart plastisch dargestellt, dass es unmöglich ist einen Grauschleier über die Geschichte zu legen.

Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand

Aktion gleich Reaktion. Er hätte es wissen müssen. Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Doch Isaac Newton war dermaßen von sich überzeugt, dass Kritik an ihm abprallte wie ein Tennisball vom Center court. Oder besser, in ihm noch mehr Ehrgeiz hervorrief, der schon die Grenzen des guten Geschmacks übertrat.

Wenn man mit ihm spazieren ging, was ohnehin sehr selten vorkam, denn Newton war nicht unbedingt das, was man einen angenehmen Begleiter nannte, konnte es schon mal vorkommen, dass er wort- und grußlos umdrehte und sich seinen Forschungen hingab. Das war im 17. Jahrhundert. Forschung bedeutete damals eigentlich nur, dass man sein Wissen fast schon prahlerisch kundtat und wenn Fragen aufkamen sie mit einem Handstreich hinfort wischte. Physik, Chemie, oder gar Mathematik zu studieren, war nicht mit den Fächern der Gegenwart zu vergleichen. Auch die Literaturlisten, die am Anfang des Semesters ausgegeben wurden, waren eher übersichtliche Notizen denn echte Listen.

Isaac Newton wird in den Jahren nach seinem Tod 1727 (nach gregorianischem Kalender) als der Erfinder der heute gängigen Physik bezeichnet. Alles, was heute unter dem Begriff Physik erforscht wird, geht auf ihn zurück … salopp gesagt. Ihn als Urvater der Physik anzuerkennen, ist aber mehr Ehrerbietung als Wahrheit. Seine Forschungen dienen bis heute jedoch als Grundlagen. Die Geschichte vom Apfel, der ihm auf den Kopf fiel, und er somit der Erdanziehung auf die Spur kam, ist im Land der legenden anzusiedeln. Wahrscheinlicher ist es, das Newton bei einem seiner Spaziergänge eventuell einen fallenden Apfel beobachtet hat und einem ihm eigenen gedankenblitz hatte. Wie auch immer, dass alles, was hier bei uns den Halt verliert, nach unten fällt, ist Fakt. Ihn zu erklären, die Grundlagen für diese Erklärung zu schaffen, ist Newtons Verdienst.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Newtons Rückseite ist wahrlich schwarz, tiefschwarz. Denn charakterlich war er – wenn man Autor Florian Freisetter, selbst Astrophysiker in Jena, glauben darf – nicht der angenehmste Geselle. Wer ihm in die Quere kam, bekam die Wucht seiner Wut zu spüren. Plagiatsvorwürfe und ein nicht gerade soziales Verhalten brachten ihm den Ruf als Arschloch ein. Legendär sein Streit mit seinem deutschen Pendant Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Missachtung des Anderen betraf aber beide Parteien. Die Diskreditierung der Arbeiten ging ziemlich weit. Man stelle sich vor, dass soziale Netzwerke damals schon bestanden hätten. Der Krieg der Posts wäre in die Geschichte eingegangen.

Florian Freistetter nimmt kein Blatt vor den Mund, um Isaac Newton zu würdigen, ihn aber gehörig den Kopf zu waschen. Als Akademiker war Newton ein Revolutionär. Aber einer, der sich nicht vollständig von der Vorstellung eines höheren Wesens, das all unsere Geschicke leitet, lösen konnte. Als Wächter der königlichen Münzprägestätte ging Newton mit Geschick und unbändigem Einsatz gegen Fälschungen vor. Theologie und Alchemie (die heute wahrlich nicht mehr als ernstzunehmende Wissenschaft im engeren Sinne angesehen wird) waren ihm genauso nah wie die Beleuchtung der Bewegung innerhalb unseres Sonnensystems. Einstein gilt heute als der genialste Kopf der Physik. Doch auch er wäre ohne Newtons Vorarbeit nicht weit vorangeschritten. Einstein war einfach sympathischer. Und deswegen ist er vielen heute näher als Isaac Newton. Er hätte es wissen müssen…

Der Privatsekretär

Das Leben meint es endlich mal so richtig gut mit Román Sabaté. Anfang Zwanzig und schon einen Job in Aussicht, der langfristig erscheint und in dem er was bewirken kann. Sebastian hat ihn mehr oder weniger dazu gedrängt sich bei der neuen Partei Pragma zu bewerben. Román hat Glück und ergattert den begehrten Job als privater Fitnesstrainer von Fernando Rovirá. Sebastian geht erstmal leer aus.

Fernando Rovira ist die charismatische Exzellenz, die erst als Gouverneur der Provinz Buenos Aires diese spalten, und dann Argentinien als Präsident einen will. Und sein privater Fitnesstrainer ist in Wahrheit der privateste Privatsekretär, den man haben kann. Román war geschickt beim Einstellungsgespräch. Seine Antworten, die nicht immer zu hundert Prozent der Wahrheit entsprachen, trafen genau den Nerv der Partei. So funktioniert Politik…

Die Jahr vergehen, Fernando Rovira ist fit wie eh und je … doch an seiner Seite ist kein Román Sabaté mehr zu sehen. Der hat sich abgesetzt. Mit im „Gepäck“: Joaquín, der Sohn des ehrgeizigen Politikers. Die Pläne Buenos Aires zu teilen, spalten die politischen Lager entzwei. Wie es geplant war. Doch so einiges andere mehr war nicht geplant. Die Journalistin Valentina Sureda schreibt gerade an einem Buch. Und Román Sabaté hilft ihr dabei. Auch auf seiner Flucht. Ob der Mord an Fernando Roviras Frau Lucrecia Bonara geplant war, lässt sich vorerst nicht feststellen. Genauso wie die rätselhafte Flucht von Román Sabaté.

In Rückblenden und aus der persönlichen Sicht der Akteure zeichnet Claudia Piñeiro ein verlogenes Bild der Macht. Das Román nicht wegen seiner Fähigkeiten den lukrativen Job bei Pragma bekommen hat, ist dem Leser als auch ihm selbst klar. Er hat schließlich geschummelt. Doch was prädestinierte ihn dermaßen für die kommenden Aufgaben? Auf seinem Roadtrip durch die Weiten Argentiniens kommen Román und Leser einem Geheimnis (was heißt einem? Dutzenden von Geheimnissen) auf die Spur.

Nach der Lektüre des Privatsekretärs muss man erstmal durchschnaufen. Obwohl auch reale Lenker Argentiniens wie Carlos Menem oder Néstor Kirchner erwähnt werden, ist die Geschichte komplett fiktional. Nur am Glauben mangelt es. In Zeiten, in denen Populisten ihre kruden Gedanken fast schon schuldlos, immer jedoch sorglos in die Welt posaunen dürfen, kommt ein Roman wie „Der Privatsekretär“ wie gerufen. Freimaurersymbolik, falsche Rücksichtnahme auf die Meinung der Massen, Manipulation selbiger und eine gehörige Portion Machteifer vermischt Claudia Piñeiro zu einem Skandal, der einem die Nachrichten bis zu einem gewissen Teil mit anderen Augen sehen lässt. Kuhäugiges Hinterhertraben wird unvermeidlich radikalem Nachhaken weichen müssen. Der wichtigste Thriller dieses Jahrzehnts!

Dämmer und Aufruhr

Wow, was ein Titel! „Dämmer und Aufruhr“, Roman der frühen Jahre. Schaut man in so manche Hinterhöfe, sieht man sie noch oft, die Dämmer. Von Aufruhr keine Spur.

Wow, was ein Buch! Autobiographisch. Bodo Kirchhoff feierte im Sommer seinen 70. Geburtstag. Zeit Bilanz zu ziehen? Nicht unbedingt. Aber einen Blick in die Geschichte dieses (zu Recht!) mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers werfen zu können, ist ein Privileg und eine Freude zu gleichen Teilen.

Ein Privileg, weil man das Gefühl hat heutzutage mit allem hinter dem Berg halten zu müssen. Lügen zu verbreiten ist einfacher und bringt mehr Aufmerksamkeit. Warum sich also noch um Fakten kümmern? Und eine Freude ist es, weil die Erzählkunst (oder ist es Handwerk?) von Bodo Kirchhoff nur eine Art von Tränen erlaubt: Freudentränen. Da liest man von kriegswunden Städten und bellender Intelligenz – die Essenz dieser Worte betört, verzaubert, lässt den Leser erstarren.

In Alassio hat sich er namenlose Erzähler, der natürlich Bodo Kirchhoff heißt niedergelassen, um die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Hier begann alles. Hier waren alle glücklich, in den Ferien. Mama, Papa, Kind, bald schon Kinder. Sommeridylle, Sorgenfreiheit. Alles weit weg und doch so nah.

Wie erlebt man die eigene Geschichte mit dem Abstand von Jahrzehnten? Man ist reifer geworden, älter natürlich, das auch. Sind die Emotionen von damals noch frisch, bereit eingefangen zu werden? Ein Versuch ist es allemal wert. Und so streift der Blick zurück die Eckdaten der Menschwerdung. Die Mühen ohne männliches Vorbild heranwachsen zu müssen, sind gering im Vergleich zur Zeit im Internet. Wie ein bleischwerer Dämmervorhang hebt sich die unzulässige Zuneigung des Kantors dem noch nicht einmal Teenagers. Das widerwärtige Spiel der Macht verliert sich nicht im Reigen der Worte, wird aber auch nicht impulsiv überhöht.

Die Jahre vergehen. Freunde kommen, Freunde gehen. Bücher, Musik, Mädchen sind die drei Säulen im Leben des Beschriebenen. Mit der Distanz der Zeit, mit der Distanz der Emotionen, mit der Distanz der Orte kehren immer wieder – mal stärker, mal schwächer – die Erinnerungen zurück, umrahmt von neuerlichen Erlebnissen am neuen alten Urlaubsort.

Bodo Kirchhoff in Höchstform. Er muss niemandem mehr beweisen, dass die deutsche Sprache durch ihn auf eine höhere Stufe gehoben wurde. Die über vierhundert Seiten verfliegen wie ein Zielsprint bei der Tour de France oder ein Elferkrimi im Stadion. Wuchtig-gefühlvoll-meisterhaft zielt Bodo Kirchhoff in alle Sinneszentren. Es knallt, es raucht, die Synapsen kollabieren vor Ehrfurcht vor so viel Sprachgewandtheit.

Wow, was eine Wirkung! Wer sich jetzt noch getraut die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, muss mehr zu bieten haben als aufgeschlagene Knie und Alkoholeskapaden in sturmfreier Bude.