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Elf Nächte und ein Tag

Jahrelang waren der Erzähler und Theodor unzertrennlich. Ein Paar wie Pech und Schwefel. Scham, Eitelkeit und Verantwortung nur sich selbst gegenüber. Abgeschottet in ihrer Welt. Die Welt der Anderen war im besten Fall das Geländer, an das man sich lehnt, wenn man droht zu fallen. Und Theodor und er fielen sehr oft. Sprichwörtlich wie sinnbildlich.

Studierte in ihrer eigenen Welt, die sie mit Anarchie zu einer besseren machen wollten. Rückschläge? Oh ja, bitte welcher solle es denn heute sein? Ihre Gedanken kreisten immer nur um sich selbst. So sehr, dass sie ihre Wünsche aus den Augen verloren. Theodor hatte sich durch Dostojewski dazu anstecken lassen, Sankt Petersburg besuchen zu wollen. War das eine Flucht aus dem Mief der eigenen (selbsterschaffenen) Enge?

Gevatter Tod war schneller. Der Gedanke vom Selbstmord übernahm die Regie im Dasein von Theodor. Unmerklich, doch unaufhörlich. Bis er Gestalt annahm. Nun ist der Erzähler allein. Allein im Beruf als Security-Angestellter. Nacht für Nacht dreht er seine Runden nun allein. Und wieder (oder immer noch?) umkreisen ihn seine Gedanken. Theodor ist immer noch präsent. Er ist nicht tot! Nicht so lange nicht Sankt Petersburg wie ein Licht in dunkler Nacht aus dem Nichts emporstrebt und Theodor zum zweiten und endgültigen Mal in den Staub der Geschichte zieht.

Ist man selbst stark genug, um einen anderen zu töten? Der Erzähler ergeht sich in endlosen, nur für ihn verständlichen Gedankenspielen, während er stupide seine Runden dreht. Ein Weltverbesserer war er nie. Umsturzideen hatten er und Theodor genug. So grau die Theorie sein mag, so lähmend ist sie auch im Falle der beiden engsten Freunde. Ihnen reichte es über sich und die Zukunft zu reden.

Jetzt ist alles anders! Theodor ist nicht mehr. Und mit einem Mal ist die Vergangenheit präsenter als die Gegenwart und es die Zukunft jemals war.

Christoph Dolgan drischt mit der verbalkeule auf den Leser ein. Auf seinen reichlich zweihundert Seiten nutzt er einen größeren Wortschatz als so mancher Autor in seinem Sechshundert-Seiten-Schmöker. Es braucht ein paar Seiten bis man sich in das Buch eingelesen hat. Ist man aber einmal im Fluss mit dem Erzähler öffnet dieser dem Leser eine Welt voller Einsichten. Das beginnt schon beim Einband. Eine Mischung aus Bauhaus und der Verneigung vor dem Kabinett des Dr. Caligari. Das lässt tief blicken…

Memed III – Das Reich der vierzig Augen

Auch Helden haben das Recht auf Ruhe, Erholung und vor allem das Glück. Jahrelang ist Memed, der Falke durch die Weiten seiner Heimat getrieben worden. Manchmal trieb er Horden von Schurken vor sich her. Doch immer war er auf der Flucht vor der Obrigkeit, der er seit jeher ein Dorn im Auge war. Lag ein Unrecht in der Luft, und so mancher Landbesitzer nahm es mit dem selbst verfassten Recht nicht immer noch genau, konnte man davon ausgehen, dass der Falke heranschwebt, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Doch diese Zeiten sollen nun endgültig vorbei sein.

Ali Safa Bey ist tot. Gerächt durch Memed, den Falken. Der harte und zähe Kampf für die Gerechtigkeit hat sich schlussendlich gelohnt. Wer den Namen Memed ausspricht, bekommt glänzende Augen und zaubert ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer, wenn er von dessen Heldentaten erzählt. Doch der Ruhm hat auch eine dunkle Seite. Denn Memed ist immer noch ein freier Mann. Den Stadtherren liegt viel daran Memed den Garaus zu machen und dieser Legende den Dolchstoß zu versetzen.

Memed ist müde vom Kampf. Seyran ist die einzig, für die er da sein möchte. Ihre Schönheit wird in seinen Augen niemals verblühen. Doch Farouk, der Hauptmann und Ali die Echse sind ihm auf den Fersen. Sie ziehen durchs Land und suchen nach Memed. Sie verhören jeden, der ihren Weg kreuzt. Wo ist Memed? Wer hat ihn gesehen? Wer hat ihm geholfen? Das Land wird übersät mit Hass und Misstrauen. Memed muss einmal mehr auf der Hut sein und um sein Leben fürchten. Denn nicht nur Häuser und Wände haben Ohren und Augen. Das ganze Land ist vom Virus der Intrige erfasst.

Yaşar Kemal führt zum dritten (und zum Glück nicht letzten) Mal den Leser in eine Zeit, in ein Land, das so einzigartig von Leid und Hoffnung geprägt ist wie kaum ein anderes. Das Flirren der Hitze, die Sonnenstrahlen, die vom kargen Land wie Eindringlinge zurückgeworfen werden, die unstillbare Sehnsucht nach Frieden und Ruhe schnüren dem Leser die Kehle zu. Ein Abenteuerroman, der nur in der Reihenfolge der Memed-Saga an dritter Stelle steht, ansonsten aber wie alle Bücher dieser Reihe gleichwertig den ersten Platz belegt.

Über siebenhundert Seiten, die an Spannung nicht zu überbieten sind. Nach langer Zeit ist der dritte Teil endlich wieder erhältlich. Wer Abenteuer in fremden Ländern aus fernen Zeiten liebt, kommt hier voll auf seine Kosten.

Die amerikanische Freundin

Remi Lawal und ihrem Mann Tunde geht es gut. Es ist Januar im Jahr 1976. Sie leben in Lagos, der größten Stadt Nigerias. Im Spätsommer des Vorjahres wurde Präsident Gowon, während er im Ausland war, aus dem Amt geputscht. Mutala Mohammed ist seit fast einem halben Jahr an der Macht. Man kann die Zeit als gute Jahre in Nigeria bezeichnen, sechs Jahre nach den Biafrakriegen.

Remi hat einen kleinen Laden, in dem sie Grußkarten herstellt. Auch Tunde hat, nachdem man ihn aus dem Ministerium entlassen hat, wieder Arbeit gefunden. Die Kinder gehen auf Privatschulen. Durch das Grußkartengeschäft sind Remi und Tunde auch zu einer Vernissage eingeladen. Während Tunde sich allzu gern mit der Gastgeberin unterhält, was Remi ganz und gar nicht gefällt – ihr Mann verhält sich zeitweise wie eine Gockel – spricht eine Fremde Remi an. Frances Cooke ist Amerikanerin. Und ziemlich forsch in ihrer Art. Als Tunde sich doch von der Gastgeberin des Abends loseisen kann, tut er seinen Unmut über Remis neue Bekanntschaft kund. Sie sei doch bestimmt eine Spionin. Alles Amerikaner seien das. Und das in Zeiten, in denen seit Wochen und Monaten Gerüchte über einen weiteren Putsch die Runde machen. Remi solle aufpassen mit wem sie spreche. Was so viel heißen soll, Remi darf sich nicht mit Fremden im Allgemeinen, und mit Francis im Speziellen einlassen. Sie Geschichte weiß mittlerweil mehr. Schon knapp fünf Wochen, nachdem Remi von Francis angesprochen wurde, riss Olusegun Obasanjo erstmals die Macht an sich, und es begann eine Schreckensherrschaft, die Nigerias Entwicklung für eine lange Zeit unterbrach.

Die Panikmache ihres Gatten ist Remi herzlich egal. Zwischen ihr und Francis entspinnt sich eine enge Bindung, eine Freundschaft. Je länger diese anhält, je öfter und heftiger Tunde sich dieser Beziehung entgegenstellt, desto mehr keimen auch bei Remi Zweifel an der Rechtschaffenheit ihrer amerikanischen Freundin. Wie war das gleich nochmal? Auf der Vernissage. Wer hat da wen und vor allem wie angesprochen? Hat Tunde recht und Francis schleicht sich unmerklich in die Familie ein, um mehr über den Mittelstand zu erfahren? Was steckt hinter der Hartnäckigkeit von Francis‘ Fragerei?

Sefi Atta zeichnet mit wohlwollenden Worten ein Bild einer zufriedenen nigerianischen Familie, die trotz bescheidenen Wohlstands darauf achtet, dass die Höhenflüge nicht mit einer allzu harten Landung beendet werden. Dass amerikanische Freunde nicht immer die sind, die sie zu sein scheinen oder zu etwas anderem gemacht werden, hat die Literatur schon einmal bewiesen. Bei Patricia Highsmith. Anders als beim Versteckspiel des Tom Ripley ist hier allerdings nicht die Amerikanerin das unwissende Ding – oder doch?! Es sind gute Zeiten in und für Nigeria. Doch das Licht am Ende des Tunnels ist von einem grauen Schleier der Ungewissheit und der Angst eingehüllt. Remi ist hin und hergerissen. Kann sie Francis vertrauen? Mit jeder Seite gräbt sich der Leser in eine Zeit, über die selbst viele Nigerianer nicht mehr viel wissen. Geht es einem gut, muss man sich an den guten Dingen festhalten, aber die Gefahr, dass alles nur allzu schnell vorbei sein kann, gibt unaufhörlich den Takt an. Sefi Atta komponiert daraus eine Melodie, die dem Leser noch lang in Erinnerung bleiben wird.

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Straßburg

James Bond shoppte hier mit Vorliebe erlesene Pasteten. Theodor Heuss wurde hier getraut, und zwar von einem gewissen Albert Schweitzer (ja, genau dem Albert Schweitzer). Und in keiner anderen Stadt der Welt teilte man den Bewohnern immer wieder neue Pässe aus. Die Rede ist von Straßburg / Strasbourg. Zwei Schreibweisen einer Stadt – schon daran erkennt der neugierige Reisende, dass eine wechselvolle Geschichte vorhanden sein muss.

Und die ist noch lange nicht zu Ende. Denn Straßburg / Strasbourg ist eine europäische Stadt. Hier residiert das Europäische Parlament. Ein ausgedehnter Spaziergang durch das Europaviertel gehört zum Programm dazu wie der Besuch des Münsters. Die Autoren Antje und Gunther Schwab haben bei der Auswahl der sieben von ihnen vorgestellten Spaziergänge darauf geachtet, dass bewährte Pfade wie auch nicht sofort erkennbare kleine Schätze, die einen Straßburg-Besuch unvergesslich machen werden.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches bekommt man ein Gefühl für die Stadt. Klar, dass sich die offensichtlichen Highlights Straßburgs um den Münster drehen. Ein imposantes Bauwerk, das für viele sicherlich der ausschlaggebende Grund sein dürfte der Stadt am Zusammenfluss von Ill und Rhein-Marne-Kanal einen Besuch abzustatten. Und wer wirklich nur das sucht – also Münster plus ein paar (garantiert) überteuerte Geschäfte – der kommt mit einem Prospekt weit genug, um sich wohl zu fühlen. Wer aber Straßburg besuchen will, weil er davon überzeugt ist, dass Städte in dieser Größenregion mehr als eine Sehenswürdigkeit zu bieten haben, der wird auf den 200 Seiten über und über mit nützlichen Hinweisen versorgt werden.

Die farblich abgesetzten Kästen – passend zur neuen Leitfarbe der MM-City-Reihe – sind die Schatzkisten des neugierigen Individualisten, der nach der Abreise noch sehr lange von seiner Reise schwärmen wird. Auch und vor allem dank dieses Reisebandes.

Ausflüge in die Umgebung, beispielsweise zum Klosterberg Mont-Ste-Odilie, auch hier wieder mit einem „“Straßburg im Kasten“ versehen, der Infos beinhaltet, die andere Reisebände vermissen lassen, werten nicht nur das Buch auf, sondern vermitteln einen Einblick in das Lebensgefühl eines „Meiselockers“. So werden die Straßburger bzw. so wurden die Straßburger lange Zeit genannt. Warum? Steht alles im Buch.

Einen exzellenten Reiseband zeichnet aus, dass er einem nicht nur sagt, wo es lang geht, sondern, dass er dem Benutzer / Leser / Reisenden auf Anhieb das Gefühl gibt sich sicher zwischen fremden Mauern bewegen zu können. Antje und Gunther Schwab begleiten den Besucher Straßburgs nicht nur auf seinen Spaziergängen durch die Stadt – sie sind unaufdringliche und stets präsente Tippgeber.

Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

In der Schweiz

Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten Mark Twain zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Das gefüllte Wallet erlaubte dem Reporter Twain über den Tellerrand, sprich Atlantik, zu schauen. Nur um zu schauen, was in der „Alten Welt los ist“. Das geflügelte Wort „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ trifft in seinem Fall nicht ganz zu. Wenn Mark Twain eine Reise tut, so schreibt er ein Buch! „In der Schweiz“ ist nicht einfach nur ein Klassiker des Genres Reisebericht, es ist der Reisebericht, an dem sich seit fast anderthalb Jahrhunderten viele Reiseschriftsteller die Zähne ausbeißen.

1878/79 reiste Twain durch Europa. Italien und Deutschland lagen auf seiner Route. Und natürlich auch die Schweiz. Die Faszination Schweiz von heute ist mit der von damals durchaus zu vergleichen. Und so schippert Twain über den Vierwaldstättersee und der Leser kann – sofern er dieses Büchlein dabei hat und selbst auf dem See beispielsweise von Weggis nach Flüelen unterwegs ist – dieser Faszination nicht nur etwas abgewinnen, sondern immer noch so nachempfinden. Das Publikum ist ein anderes. Aber heute noch wird man so manches Unikat antreffen können.

So wie Twain, der hier als anonymer Erzähler in Erscheinung tritt, jedoch keinen Zweifel daran lässt, dass dessen Name Twain, Mark Twain ist. So trifft er einen äußerst aufgeschlossenen Landsmann. Einer wie er im Buche steht. Small Talk auf unterstem intellektuellen Niveau. Toleranz ja, Akzeptanz – da hört der Spaß mit und in der Fremde auf. Dieser Amerikaner gibt dem Erzähler / Twain Tipps, wo er abzusteigen hat. Er weiß alles, kennt jedes Hotel und kennt so ziemlich jeden Amerikaner, der zur selben Zeit wie er in der Schweiz weilt. Twain macht sich einen Spaß daraus diesen Landsmann zu foppen. Immer wieder lässt er sich beratschlagen, wo er absteigen solle. Natürlich dort, wo die meisten Amerikaner sind. Der Amerikaner verbringt so viel Zeit in Hotelllobbies, dass er alle kennt. Twain reist lieber außerhalb der Hotels und beschaut sich Land und Leute. Und kauft eine Kuckucksuhr…

Einhundert vierzig Jahre ist dieser Reisebericht alt. Und immer noch so frisch wie am ersten Tag. So duftend wie eine Alm. So rein wie ein kehliges Kinderlachen. So unübertroffen auf den Punkt wie Tells Pfeil im Apfel. Kann man sich doch einmal von der Umgebung loseisen, so sollte man sich in dieses Buch vertiefen und den Worten Twains folgen. Ein befreiendes Gefühl zu erleben, dass manches sich eben doch nicht ändern wird.