Archiv des Autors: admin

Französische Weihnachten

Endlich Weihnachten, endlich wieder die Familie um sich versammelt (und auch die, die man liebt, wenn man ein wenig Zynismus diesem Weihnachtsgericht beimengen möchte…). Dass dabei nicht immer alles glatt geht, versteht sich von selbst. Denn zu viel Weihnachtsenthusiasmus schadet der geruhsamen Atmosphäre.

Philippe Djian kann davon ein Lied singen bzw. eine wunderbar schräge wie herzliche Weihnachtsepisode zum Besten geben. Kurz vor Weihnachten musste der Erzähler seine Frau Marlène ins Krankenhaus bringen. Beim Baumschmücken fiel sie von der Leiter und brach sich den Arm. Schon die Beschreibung wie der aus dem Pullover herausragt (ähnlich dem Ausguck eines U-Bootes) lässt einen schmunzeln. Doch Marlène muss schon wieder ins Krankenhaus. Erst vor wenigen Tagen erlitt sie eine Fehlgeburt. Das ist nun wirklich nicht witzig! Philippe Djian schafft es aber trotz der Schwere des Stoffes ein wenig Heiterkeit in seinen Zeilen unterzubringen. Dass Weihnachten doch noch ein angenehmes Fest wird, erfreut den Leser, aber vor allem den Erzähler. Im fortgeschrittenen Alter darf er noch einmal unter die Decke mit einer weitaus Jüngeren huschen. Doch – oh weh – auch hier lauert schon wieder der Schabernack aus der Feder von Philippe Djian.

Ob romantische Weihnachten in der Provence mit Marcel Pagnol oder eine überraschende Weihnacht mit tatsächlich einmal Geschenken von Colette oder eiskalte Eindrücke aus der Bretagne von Sylvain Tesson – alle in diesem zauberhaften Büchlein versammelten Weihnachtsstücke stimmen auf das fest ein, dass in Frankreich wie keine anderes als Fest der Familie gefeiert wird. Da darf – zum Abschluss des Buches – natürlich auch kein kulinarischer Ausflug an die Kochtöpfe fehlen.

Anekdoten, bissige Satire, frohlockende Aussichten – Weihnachten ist so individuell wie gemeinschaftlich. Mit einem lachenden Auge blättert man durch das Buch und findet bei jedem neuerlichen Lesen Neues und Erheiterndes in den Zeilen von Michel Houellebecq, Arthur Brügger oder Michel Tournier. Als Einstimmung auf die Festtage, als Ruhepol währenddessen oder als Hoffnungsträger danach ist dieses kleine rote Büchlein nicht nur Lektüre für Minuten oder Stunden, sondern fast schon eine Art Ratgeber oder Licht in dunklen Zeiten.

Goyas Geister

Eine Katze soll sieben Leben haben. Francisco de Goya schien auch mehrere Leben gehabt zu haben. Julia Blackburn hat das zweite Leben des spanischen Hofmalers genauer unter die Lupe genommen.

Goya hat gerade mal die Hälfte seines Lebens gelebt – was er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen konnte – als ihm quasi über Nacht das Schicksal einen gewaltigen Knüppel zwischen die Beine, genauer gesagt in die Ohren jagt. Sein Hörsinn lässt nach, er wird taub. Nie mehr wird er hören können wie der König für ihn Violine spielt. Nie mehr Kinderlachen. Nicht mehr das menschliche Geschrei auf den Straßen wahrnehmen. Für einen Lebemann wie ihn eine echte Horrorvorstellung.

Der Lebemann in ihm, und das ist kein Synonym für einen Hallodri, sondern einen Mann, der das Leben konventionslos genießt, stirbt aber nicht wie ein Ast an einem kranken Baum. Goya ist zu sehr verliebt ins Leben. Und seine Arbeit. Bis heute zieren die Bilder, Zeichnungen und Drucke Museen rund um den Globus.

„Goyas Geister“ ist der Beweis, dass immer noch Biographien geschrieben werden können, die den Leser erstaunen lassen. Goya ist fast zweihundert Jahre tot. Als Hofmaler musste er nie finanzielle Not erleiden. Er lebte sparsam, so dass seine – zahlreichen – Nachkommen auch entsprechend leben konnten. Dass die Realität teils anders aussah, war nicht seine Schuld. Es ist selbstverständlich, dass auch Biographen sich um das Leben des Malers rissen.

Julia Blackburn hat eine ganz persönliche Art an den Maler heranzutreten. In einem Museum, vor einem Bild Goyas reift in ihr der Wunsch tiefer in das reiche Leben Francisco de Goyas einzutauchen. Mit viel Hingabe und unermüdlicher Neugier folgt sie ihm auf Schritt und Tritt. Jeder Weg wird exakt nachgezeichnet, ohne dabei einen Kalender zu entwerfen, der stupide das Leben nachskizziert. Vielmehr sind es die persönlichen Gedanken der Autorin, die Goya noch einmal ins Leben zurückführen.

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Es werden immer wieder die Stimmen derer laut, die den Untergang der deutschen Sprachkultur bedauern und anprangern. Die Verweigerung längst im deutschen Sprachgebrauch angelangter Anglizismen trägt dann aber auch manchmal allzu lächerliche Züge. Warum also nicht dem, was es schon gibt, Raum zu geben? Dem, was erhaltenswert ist, einen Ort der Nachschlagbarkeit zu geben. Dort, wo es Not tut, nachzuhaken?

Wem der Titel dieses Buches ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, kommt nicht umhin ein wenig in dem Buch zu blättern. Einmal aufgeschlagen kann man es kaum wieder aus der Hand geben. Denn der Titel hat noch ein paar Zeilen mehr zu bieten als den scheinbaren Unfug, dass es dunkel ist, wenn der Mond hell scheint.

Horst Kunze hat Reime aus längst vergangenen Zeiten zusammengetragen, irre Wortspiel gefunden und witzige Dichtung in diesem Buch zu einem Kompendium des deutschen Humors zusammengefügt. Hohe Worte, für ein hohes Gut. Denn die Sprache ist das originäre Primärmerkmal für eine Kultur. Nur wer sie beherrscht, kann sie gestalten.

Nicht immer sind die Verfasser der Zeilen bekannt. Zwischen „Alles, was sich reimt, ist gut“ und „Reim Dich oder ich fress‘ Dich“ wird man immer wieder das Buch absetzen müssen, um innezuhalten. Manchmal muss man noch einmal nachlesen, um den Sinn zu erfassen oder den Witz dahinter zu erkennen. Oft jedoch bekommt man sich nicht mehr ein ob der den Gedichten innewohnenden Witzes.

Und wer sich die Mühe macht den einen oder anderen Vers, Absatz oder das gesamte Werk zu verinnerlichen, wird sich des Applauses der Zuhörer sicher sein können. Nicht geht über ein geschickt (und vor allem vollständig) vorgetragenes Gedicht. Modern (neudeutsch) nennt man das Poetry Slam. Der Kern jedoch ist Komik. Gassenhauer und Schlager – so heißt denn auch ein Kapitel mit geistigen Ergüsse, die man teilweise schon einmal gehört hat. Wie das Lied vom lieben Augustin – aufmerksame Wienbesucher haben in der des Museumsquartiers vielleicht auch schon sein Denkmal entdeckt.

Alles ist hin, wenn man mit der eigenen Sprache auf Kriegsfuß steht (oder stehen tut). Der Volksmund sagt, dass man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen soll. Erst dann kann man sich als erfolgreich bezeichnen. Wem das alles nicht vergönnt ist, kann immer noch mit kompaktem Wissen, aus diesem Buch, die Zuhörer auf seine Seite ziehen. Vielleicht sogar bis aufs Kanapee, denn das bleibt einem immer erhalten…

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Brunos Gartenkochbuch

Das Buch wirbelt ganz schön Staub auf, wenn man es in die frisch gepflügte Erde fallen lässt. Das liegt zum Einen an der Größe, mehr als doppelt so groß wie der „normale“ Bruno-chef-de-police-Krimi, zum Anderen liegt es vor allem am Inhalt.

Klar, Bruno ist ein Ermittler wie man ihn sich wünscht, wenn man nicht gerade ein Krimineller ist. Denn hat man ganz schlechte Karten! Brunos Netzwerk ist Saint-Denis. Hier lebt er, hier kennt ihn jeder, hier schätzt man seine ruhige besonnene Art die Dinge anzugehen. Und man schätzt seine Erfolge. Was man aber am allermeisten an ihm mag, sind seine Kochkünste. Kein Falle ohne Küchenzwischenspiel, bei dem auch Balzac, sein Basset niemals zu kurz kommt.

Die Krimireihe wu4rde in der Vergangenheit durch Kalender und ein Kochbuch ergänzt. Nun begibt sich Martin Walker, der geistige Vater von Bruno, in seinen eigenen Garten. Was da aus der Erde lugt, landet früher oder später in Töpfen und Pfannen und auf den Tellern. Zusammen mit seiner Frau Julia Watson hat er es sich im Périgord gemütlich gemacht. Hier in der Wiege der französischen Küche, anders kann man dieses Idyll nicht bezeichnen, findet er die Inspiration für Brunos Fälle, die immer (!) mit einem lukullischen Menü verfeinert werden.

Kleine Kostprobe gefällig? Salat aus Frühlingsgemüse mit weichem Ziegenkäse. Pamelas gekühlte Tomatensuppe mit Kräutermousse, ideal für den sonnendurchfluteten Sommer im Périgord. Kleine Walnuss-Birnen-Blauschimmel-Käse-Törtchen, schon beim zweiten Bindestrich läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und im Winter? Enten-Schwein-Pflaumen-Walnuss-Terrine. Ohne Worte. Buch, Augen und Mund auf – fertig ist das Paradies!

Martin Walkers Gartenkochbuch ist ein Ratgeber durch Gartenjahr, von denen es in den Bücherregalen wimmelt. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Hingabe des Autors und seiner Frau zu jeder einzelnen Zutat. Das spürt man beim Betrachten der ganzseitigen Bilder, bei den Rezepten mit den sorgfältig ausgewählten Ingredienzien, bei jeder Zeile, die die Zubereitung beschreibt. Hin und wieder ist der Einkauf der Zutaten mit ein bisschen Recherche verbunden, da sie nicht sofort greifbar sind. Aber wie bei einem guten Krimi, ist jeder Schritt in die richtige Richtung ein Fortschritt, der zu einem Ergebnis führt, das alle am Tisch in ein wohliges Schmatzen einstimmen lässt.

Wer Bruno mag, wird sich in dieses Gartenkochbuch verlieben. Als Zuckerli für die gespannte Krimileserseele gibt es zwei neue Geschichten um Bruno, das Essen, und das Périgord.

Ich schreibe, also bin ich

Was macht eine Schriftstellerin zu einer guten Schriftstellerin? Ihre Werke, ihre Preise, die Diskussion des Werkes? Für den Leser mögen dies alles Parameter für Erfolg bzw. Misserfolg sein. Für den Autor selbst zählt in erster Linie nur die Tatsache, dass er überhaupt schreiben kann. Als Autorin ist es nicht selbstverständlich (gewesen), neben Kindererziehung, Haus-In-Schuss-Halten, Küche und Garten auch noch die Zeit zum Schreiben zu finden. Erst wenn sie wirklich schreiben konnten, waren sie das, was sie selbst sein wollten: Autorinnen, Schriftstellerinnen, Geschichtenerzählerinnen, Mahnerinnen, Beobachterinnen.

Und das kann an ganz unterschiedlichen Orten geschehen. Es muss nicht immer das erhabene Anwesen sein wie es Virginia Woolf bewohnen durfte. Auch gehört nicht zwingend der Verzicht auf sämtliche Annehmlichkeiten – wie bei Marina Zwetajewa – zur Legendenbildung dazu. Und schon gar nicht die Enge einer Gefängniszelle, wie sie Rosa Luxemburg so „ihr eigen nennen durfte“.

Simone Frieling stellt in ihrem Buch Autorinnen vor, die an den unterschiedlichsten Orten ihr Wirken ausleben konnten bzw. der Not trotzten und schrieben, was sie umtrieb. Luxus um einen herum ist kein Garant für Erfolg. Genauso wenig wie Kargheit einen nicht davor schützt erfolglos zu wirken. Es sind allesamt starke Frauen, die aufs Podest gehoben werden. Ja, aufs Podest! Denn nicht eine dieser Frauen ist bis heute vergessen. Sie lebten ihr Leben mal spärlich, mal öffentlichkeitswirksam. Ihre Werke wurden verkannt, bejubelt und sind immer noch verfügbar.

Hannah Arendt genoss von ihrem Schreibtisch den Blick über den Hudson-River in New York. Gertrude Stein war als Autorin weniger erfolgreich denn als Kunstsammlerin, so dass eine Stippvisite (angekündigt, bitteschön!) mehr einem Museumsbesuch glich. So viel Picasso in einem Raum, da werden selbst Prado, Albertina und Louvre neidisch. Elisabeth Langgässers Werk konnten selbst Vertreibung aus dem (Gruneweald-) Paradies nichts anhaben. Ihr sehr wohl.

Die in diesem Buch zusammengeführten Biographien zeigen eines ganz deutlich: Als Frau hatte man es noch nie leicht. Als Autorin noch einmal um ein Vielfaches schwerer. Doch wer an sich und seine Sache glaubt, dem gelingt auch auf engstem Raum Weitreichendes.

Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. So einen kann man doch gar nicht nett finden oder gar mögen. Semjon Golubtschik ist so einer. Mittlerweile lebt er in Paris. Auf Geheiß der Partei, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, irgendwann in der 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Tari-Bari ist der Ort, in dem man sich trifft. Kaschemme, Lokal, Bar – auf alle Fälle ist es hier dunkel, grau, verraucht, düster. Auch die Besucher, meist Emigranten aus aller Herren Länder, meist Russen, sind grau, verbraucht, runtergekommen, desillusioniert. Und wenn einer bunt, kann man davon ausgehen, dass man ihn kennt.

Der Erzähler wohnt direkt gegenüber des Tari-Bari. Man kennt ihn. Er ist Stammgast. Ist ein bunter Vogel. Nur ungern gibt er sich als Russe zu erkennen. Zu viele Spitzel. Außerdem könnte man ihn als Spitzel ansehen. Doch dann schnappt er – schließlich spricht er russisch – ein paar Wortfetzen auf. Mörder! Dieses Wort lässt ihn aufhorchen und sich umdrehen. Da hinten, das ist der Mörder. Ein Mörder? Unter uns? Es ist Semjon Golubtschik.

Ehe sich alle versehen, scharen sie sich um Semjon. Und der hat endlich genug von seinem Leben und gibt selbiges zu Besten. Alle sind gespannt auf seine Geschichte. Eigentlich heißt er Krapotkin. Sein Blut ist blau, da sein Papa, besser gesagt, sein Erzeuger, ein Fürst war. Eben ein Krapotkin. Wohlhabend, adelig und keinem amourösen Abenteuer abgeneigt. So kam es auch, dass er der Mutter von Semjon Golubtschik über den Weg lief. Und siehe da, schon kurze Zeit später – neun Monate (!) – war der kleine Semjon geboren. Sein Vater, der Förster, zog Semjon nach seinen Vorstellungen groß. Warum auch nicht, Semjon ist ja sein Sohn.

Schon früh lernt Semjon, dass nicht der Förster, sondern der Fürst sein Vater ist. Alt genug eigene Entscheidungen treffen zu können, stellt er sich ihm vor. Im Schlepptau hat er einen gewieften Geschäftsmann aus Budapest. Der ihn immer wieder ermuntert sein Pläne für die Zukunft in die Tat umzusetzen. Nicht ganz ohne Eigennutz. Der Fürst empfängt den Zögling, speist ihn allerdings nicht minder geschwind mit einer Art Abfindung und abschiedsgrußlos ab. Als Geheimpolizist macht Semjon dann rasch Karriere.

Der Abend verfliegt, die Geschichte wird immer schauriger. Bis Semjon zum Kern des Pudels vordringt: Dem Mord. Oder war es mehr als einer?

Joseph Roth malt mit Worten ein düsteres Bild eines düsteren Menschen. Die Golubtschik / Krapotkin ist keiner, den man sich gern zum Feind macht. Ist er ein Opfer der Umstände oder bringen eben diese Umstände nur das Schwärzeste in ihm ans Tageslicht? Fasziniert und gebannt hechelt man der nächsten Perfidität des Widerlings hinterher. Denn man weiß, dass die Geschichte immer weiter gehen wird…

Klaus Waschk malt mit groben Linien ein nicht minder düsteres Bild. Genauer gesagt sind es fünfzig Bilder. Schroff, fast ausnahmslos Kohlezeichnungen, bieten sie dem Leser eine Leben dar, das gänzlich auf ehrliche Gefühle verzichtet. Der Drang sich selbst in ein Licht zu setzen, das weder strahlt noch eine glänzende Aura verströmt, lässt nur diese eine Art der Illustration zu. Eindrucksvoll und pointiert sind sie mehr als nur Beiwerk, sie sind die ideale Ergänzung zu Joseph Roths einmaliger Erzählweise.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Naturerkundungen mit Skizzenheft und Staffelei

Das waren noch Zeiten: Ohne GPS, WiFi und flinken Fingern sich durch wirklich unentdeckte Regionen kämpfen. Stattdessen mit dem unbedingten Willen etwas ans Tageslicht zu fördern, das die Welt überhaupt noch nicht gesehen hat. Das ist lange her. Und die, die damals mit Pinsel, Stift und Machete durchs Dickicht huschten, sind immer noch in aller Munde. Haben sogar Hashtags in den sozialen Medien.

Charles Darwin ist sicherlich einer der bekanntesten Abenteurer, wobei der Begriff Forschungsreisender sicherlich passender sein dürfte, dessen Wirken in diesem Buch so eindrucksvoll dargelegt wird. Ebenso Maria Sibylla Merian, deren detailgetreue Schmetterlingszeichnungen bis heute den Betrachter in Staunen versetzen. Alfred Russel Wallace war zu seiner Zeit ein Superstar unter den Forschern. Seine „Mitbringsel“ vom Amazonas füllten damals schon Museen. Von deutscher Seite ist Alexander von Humboldt mehr als nur eine Randnotiz wert. Der Orinoco ohne Humboldt? Unvorstellbar!

Dieses Buch setzt 23 Forschern ein gedrucktes Denkmal, das umfassend deren Arbeit ins rechte Licht rückt. Die 18 Autoren gehören entweder direkt zum Londoner Natural History Museum oder sind mit ihm eng verbunden. Ihnen sind die ausgestellten Exponate so nah wie den beschriebenen Forschern die sie antreibende Neugier.

Jedes einzelne Kapitel besticht durch Fachwissen und den Drang dem Leser eine Welt zu eröffnen, die durch den modernen Informationsfluss immer weniger Spielraum für eigene Phantasien lässt. So viel wie man meint zu wissen, weiß man dann doch nicht. Die Essays sind wahre Fundgruben für jeden, der die Vergangenheit als mindestens genauso spannend erachtet wie die Zukunft. Immer wieder ertappt man sich beim Lesen, dass eigene Pläne im Hinterstübchen gemacht werden. Mit den Möglichkeiten der Gegenwart muss es doch auch möglich sein Neues zu entdecken und der Nachwelt zu erhalten. Allerdings liegt die Messlatte durch Thomas Waitling, Joseph Hooker oder Margret Elizabeth Fountaine sehr hoch!