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Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Jahresendzeitgrüße eines maritimen Zeitgenossen

 

Zur Weihnachtszeit bekommt man heutzutage gern mal über die sozialen Medien unmotivierte und unpersönliche Grüße, garniert mit einem Bild/dem ersten Treffer einer Suchmaschine, in der allen eine gesegnete Zeit gewünscht wird. Nichts Persönliches – so viel zu den „sozialen“ Medien. Endzeitstimmung.

Und dann gibt es die Grüße, bei denen man sich wie selbstverständlich weigert sie nach den freien Tagen dem Recyclingkreislauf zu übergeben. Handgemachtes. Selbst Erdachtes. Mit Raffinesse gestaltete PERSÖNLICHE Grüße. Und so was gibt s in diesem Buch!

Niko Pross ist Arzt… und seefahrtbegeistert … und Künstler. Ein Strich hier, ein Strich da, und fertig ist eine stimmungsvolle Karte, die man sich gern auch außerhalb der besinnlichen Tage noch das eine oder andere Mal anschaut.

Seit über vierzige Jahren macht Niko Pross das nun. Er malt maritime Jahresendzeitgrüße und verschickt sie. Das lag es vielleicht nicht unbedingt nahe ein Buch zu gestalten – er musste überredet werden. Und dennoch ist eine kunstvolle Chronik der vergangenen fast vierzig Jahre entstanden.

1988 beginnt dieses Buch. Jedes Jahr eine Karte mit Motiven, die nicht nur Seemänner ins Schwelgen geraten lässt. Und jetzt kommt der gewisse Kniff, mit dem dieses Buch eben nicht nur Kunstinteressierte oder alte Seebären begeistert. Jedes Kapitel wird mit historischen Ereignissen garniert. Rückblick und Kunstgenuss in Einem.

Und wer auch nur ein bisschen geschichtliches Verständnis und Gedächtnis besitzt, kommt schnell darauf, dass der Beginn des Buches in die Zeit der großen Umbrüche fällt. 1988 – da bröckelt so einiges. Unter anderem der Eiserne Vorhang, der im Folgejahr endgültig der Schrottpresse übergeben wird. Aber auch das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Polizei und Presse derart überfordert waren, dass sie Fehler am laufenden Band produzierten. Da kommt ein Fels in der Brandung wie das Haus der Reederei F. Laeisz gerade recht. Diese Reederei betreut unter anderem die Polarstern, ein Forschungsschiff, das bei der Erforschung des Klimawandels einen entscheidenden Beitrag liefert.

Und wer erinnert sich noch an Dolly? Das Klonschaf. Das war … wann`? 1996. Das Jahr, in dem Niko Pross seinen Jahresendgruß mit einer Nacht ohne Finsternis gestaltet. Die Zeichnungen haben keinen Bezug zu aktuellen Ereignissen, das auch nicht nötig. Er ist keine Chronist, sondern einfach ein begeisterter Künstler, der dem Jahresausklang einen gebührenden Rahmen verleihen möchte. Und das gelingt, Seite für Seite. Die Chroniken haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind ganz subjektive Erinnerungen. Das und vor allem die eindrucksvollen Zeichnungen machen dieses kleine Buch zu einem echten Hingucker!

Die Herrinnen des Mondes

Es war der 4. August 1984 als Oman auf der Weltkarte endgültig sein Alleinstellungsmerkmal bekam. Es war der Tag, an dem sich das westafrikanische Obervolta in Burkina Faso umbenannte, und Oman nun das einzige Land war, dessen Name mit einem O beginnt. Es war aber eine Nachricht, die in den Gazetten nicht auf Seite Eins erschien. Es war sicher auch nicht der Tag, an dem Oman einzigartig wurde. Einzigartig wurde Oman wohl erst mit diesem Buch! Große Worte, ja. Aber, schon auf den ersten Seiten erfährt man mehr über Oman als aus so mancher Reisebroschüre. Jokha Alharthi bekam dafür als erste arabische Frau den Booker Prize, sie war die erste Omani, die ins Englische übersetzt wurde. Und nun auch ins Deutsche.

Es ist die Geschichte von Drei Schwestern: Chaula, Asma und Mayya. Letzte ist eine geschickte Näherin. Sie betet brav. In ihren Gebeten bittet sie Gott ihn noch einmal sehen. Ihn, den Unbekannten. Nur sehen will sie ihn. Nicht sein Gesicht ist ihr wichtig, sie will ihn einfach nur sehen. Doch dann platzt der Antrag vom Sohn des Händlers Sulayman in die Idylle. Mayya hat noch keinen Gedanken ans Heiraten verschwendet. Klar, mit ihren Schwestern hat sie darüber gesprochen, was sie in einem Buch gelesen haben. Sie haben gelacht und sich eine Zukunft in groben Zügen ausgemalt. Doch nun geht es Schlag auf Schlag. Keine Luft zum Atmen. Hochzeit, Kind, Ehe. Die Szene der Geburt der schmächtigen Tochter lässt die Erwartungen der Eltern (und wahrlich: Beide haben ganz unterschiedliche Erwartungen an den Nachwuchs!) bildhaft erscheinen. Der eigentliche Geburtsvorgang wird Manche überraschen: Die Vorurteile gegenüber Geburten in Krankenhäusern – christlichen Krankenhäusern, im Liegen etc. – sorgt für die ersten Aha-Momente im Buch. Und dass Mayya ihr Kind London nennen will, sorgt vielleicht für ein Schmunzeln. Für die Familie Mayyas ist es weitaus mehr.

Mayyas Geschichte, die Lebensläufe ihrer Schwestern, ihrer Vorfahren und ihrer Nachkommen stehen exemplarisch für den rasanten Wandel Omans. Bis in die 60er Jahre war hier nicht viel mehr als Sand. Die reichhaltige Kultur – schon vor einem halben Jahrtausend gingen hier die Portugiesen vor Anker und betrieben regen Handel – war ein verborgener Schatz. Mit dem Erdöl und der damit verbundenen industriellen Veränderung, ging ein Ruck durch Land und Leute, der von dem, was einst war, kaum noch Spuren offen ließ.

Wer meint, dass Oman sich allein über die örtlichen Benzinpreise einen Namen macht (der Preis für einen Liter ist derart gering, dass man in Deutschland dafür kaum etwas im Supermarkt bekommt außer einem Stück Frischhefe), der wird in „Herrinnen des Mondes“ einer kulturellen Offenbarung gegenüberstehen. Schonungslos und liebevoll beschreibt Jokha Alharthi die Wandlung eines Landes über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten. Alte Traditionen werden erhalten, dafür sorgt schon der Landesvater. Gleichzeitig wird der Reichtum, der unter der Erde liegt mit dem Rest der Welt zu teilen sein. Was bedeutet, dass Traditionen auf vermeintlichen Fortschritt trifft. Die Benennung der Tochter nach dem monetären Moloch ist da nur der Anfang. Wer „Herrinnen des Mondes“ gelesen hat, ist mit der omanischen Kultur besser vertraut als jeder Pauschaltourist, der das Land besucht.

Warum ist Weihnachten am 7. Januar?

Reizthema Religion. Für die Einen unverzichtbarer Teil ihres Lebens, für die Anderen unverzichtbarer Teil ihrer Lebenseinstellung. Die Gründe auf beiden Seiten sind so unterschiedlich wie die Religionen selbst. Missverständnisse sind immer vorprogrammiert, weil Religionen Leitfäden sind und die Hüter dieser Leitfäden sie meist auch „nur“ interpretieren können. Da ist es wichtig einmal genauer hinzuschauen.

Wolfgang Reinbold tut dies in seinem Podcast, der es mittlerweile auch ns lineare Fernsehen geschafft hat. Das best of ist nun – bereits zum weiten Mal – in einem Buch zusammengefasst.

Besonders in der Weihnachtszeit kommen in unseren Breiten wieder verstärkt religiöse Rituale in Mode, man hört so einiges hier und da – aber bei der Einordnung – warum, weshalb, wieso? – hapert es bei den meisten. Wer weiß schon warum Gold, Weihrauch, Myrrhe von den Heiligen drei Königen als Geschenke mitgebracht wurden?! Und wie viel hat eigentlich Halloween mit christlicher Lehre zu tun? Und was ist ein Segen, im eigentlichen Sinn?

Das geht’s schon los. Worte, die jeder kennt, sicherlich auch benutzt. Aber! Den sinn dahinter kennen nur wenige. Dieses kleine Buch – reichlich einhundert Seiten – trägt wahrscheinlich mehr zum Verständnis der Religionen bei als so mancher Interpret der Religionen.

Da immer mehr Religionen zum Alltag gehören, werden in diesem Buch nicht nur die vorherrschenden Religionen und ihre Traditionen vorgestellt, sondern auch Religionsgemeinschaften besprochen, die man vielerorts nur dem Namen nach kennt. Aleviten, Eziden, Bahai. Gehört – ja, Wissen – mmmmh, wahrscheinlich weniger.

Natürlich kann man das Buch hintereinander weglesen wie einen Roman. Doch schon bald wird man merken, dass doch nicht alles im Bewusstsein stecken geblieben ist. Also empfiehlt es sich, das Buch häppchenweise zu genießen. So liest man an einem Tag von Abraham, Chanukka und König Charles und hat schon einen weiten Bogen geschlagen.

50 Museen in Wien, die Sie gesehen haben müssen

Wien ohne Museumsbesuch ist möglich, aber … irgendwie auch wieder nicht. Die Stadt atmet an jeder Ecke royale Geschichte aus. Man kommt nicht umhin, doch mal die Nase in das eine oder andere Museum zu stecken. Man muss sie ja auch nicht suchen.

Allen voran die Albertina. Das Museum für alle, die vor allem vor Gemälden tief in sie eindringen können. Zentral gelegen, ist das Museum nicht nur Regenschutz an Schmuddeltagen, sondern und vor allem ein Augenschmaus für jedermann. Allein schon Monets Seerosen fesseln so manchen Durchgangsbesucher für etliche Minuten.

Gleich um die Ecke wird’s übersichtlicher – die Albertina kann auf einen Fundus im siebenstelligen Bereich zurückgreifen. Das Globusmuseum mag um einiges kleiner sein, doch die elegante Präsentation in den teils deckenhohen Vitrinen lässt Fernweh aufkommen. Und im Erdgeschoss ist die gesamte Welt versammelt. Denn befindet sich das Esperanto-Museum. Erstaunlich wie präsent die künstliche Weltsprache sich darstellen lässt.

Was wäre Wien ohne kaiserliche Pracht?! Nicht zu übersehen sind das Kunst- und das Naturhistorische Museum. Prachtbauten, die traditionelle Darstellung der Objekte im modernen Gewand vereinen. Beide gehören zu Wien wie Donau und Schnitzel.

Dieser Museumsband verbindet informativ und sehr gut handhabbar das Offensichtliche, Bekannte mit dem leicht versteckten. Wer weiß schon, dass Wiener Aktionismus und ein Kindermuseum (wo nun wirklich niemand meckert, wenn man Kunst anfasst) ebenso zum Stadtbild gehören wie Uhrenmuseum und Illusionen, die einen fast vergessen lassen, dass man sich in einem Museum befindet – sofern man dies möchte.

Wer Wien schon kennt, war garantiert schon in einem der zahlreichen Museen. Sie gehören einfach zu einem Wientrip dazu. Doch die kleinen, versteckten Kleinode machen diesen handlichen Band zu einem unverzichtbaren Begleiter. Und oft ist es erstaunlich nah bis zum nächsten Schauerlebnis. Die klare Gliederung und die kurzen ausreichenden Infos zur weiteren Recherche sind ein echter Anker auf dem voller Attraktionen steckenden Wiener Pflaster.

Vieles hat man vielleicht schon mal gehört, doch so recht weiß man dann doch nichts darüber. Die Texte im Buch sind Ratgeber, Appetitmacher und Wegweiser in Einem. Von Kaffee über Militärgeschichte bis zu Musik – auch hier gilt wieder: es geht nicht ohne! – ist alles dabei. Stellt sich nur die Frage wie viele Museen schafft man in einem Urlaub? Wie viele Besuche sind nötig, um Seite für Seite aus dem Buch zu besuchen? Denn eines steht fest: Man will sie alle sehen!

Der verzauberte Junge von der Brücke

Der verzauberte Junge von der Brücke – dieser Untertitel macht neugierig. Wie kann eine Brücke verzaubern? Und warum wird dieser Folker mit F geschrieben? Da hat man das Buch noch nicht einmal auf- und schon ist man in seinen Bann geschlagen.

Folker Bohnet ist sicherlich nicht der bekannteste Name der Schauspieler in Deutschland. Sieht man ihn allerdings, erkennt man ihn umgehend. Dieses jungenhafte Lächeln – dieses immer währende jungenhafte Lächeln – war sein Markenzeichen. Sein Sohn Ilja hat drei Jahre vor dem Tod des Vaters mit ihm Gespräche geführt. Interviews im strengeren Sinne, doch sind es Gespräche zwischen Zweien, die sich so nah stehen wie niemand anderes.

Folker Bohnet wurde 1937 in Berlin geboren, verbrachte die Kriegskindheit in Sachsen, floh mit den Eltern in den 50ern in den Westen. Jurist sollte er werden, Schauspielkunst wurde es schließlich. Als an der Schauspielschule junge unverbrauchte Gesichter für einen Film gesucht wurden, überzeugte er. Der, der suchte, war Bernhard Wicki. Und der Film, für den er suchte, sollte „Die Brücke“ sein. Heute weiß man, dass dieser Film ein Meilenstein ist, und er für viele Schauspieler ein furioser Auftakt für erfolgreiche Karrieren war. Für Folker Bohnet war es bereits sein zweite große Rolle. Kurz zuvor stand er mit einem anderen noch sehr jungen, später sehr erfolgreichen Schauspielkommilitonen vor der Kamera: Götz George.

Es folgte ein wildes Leben, ein erfolgreiches Leben, ein abwechslungsreiches Leben. Schon in jungen Jahren gingen im Hause Bohnet Schauspieler und weitere Künstler ein und aus. Kunst war sein Leben. In jeder Hinsicht.

Es ist die Stille, die in den Worten dieser Biographie liegt, die den Leser so fasziniert. Keine ausschweifenden Gelage und Klatschgeschichten, die hier marktschreierisch zu manchem Skandal breitgetreten werden. Der Grandseigneur hat genossen und erzählt nun aus seinem Leben ohne die Stimmer zu erheben oder mit den Finger auf Andere zu zeigen.

Filmgeschichte, Kunstgeschichte, Künstlerleben – ganz ohne Verbitterung. Das ewige Lächeln im Gesicht war die ebenbürtige Geste zum ewig lächelnden Herzen von Folker Bohnet. Wer dieses Buch – vielleicht wegen der scheinbar fehlenden Prominenz des Namens – liegenlässt, darf sich nicht wundern, wenn er nicht als Film- und Schauspielexperte mehr angesehen wird.

Dog Star

Blackie ist weg und mal wieder da. Weg aus der Besserungsanstalt. In der war er, weil … ja, das ist erstmal unerheblich. Jedenfalls ist er weg. Einfach so. Schnappt sich seine Gitarre und läuft los. Immer der Sonne entgegen. Was so poetisch klingt, ist einfach nur eine Wegbeschreibung. Er springt auf einen LKW. Lässt sich treiben. Um der Poesie dieses „sich die Freiheit um die Nase wehen zu lassen“ noch mehr die Intensität zu klauen, lässt Donald Windham die zärtlichen Versuche mit der Gitarre ein wenig Romantik aufkommen zu lassen im Ruckeln des LKWs ersticken.

Blackie will heim. Heim bedeutet für ihn allerdings nur dorthin zu gehen, wo seine Mutter wohnt. Die ist sichtlich überrascht ihn zu sehen. Fragt aber auch nicht weiter nach, was ihn wieder zurücktreibt. Die Besserungsanstalt anzurufen, um den Verlust der Einrichtung als Bereicherung ihres eigenen Lebens zu erklären, kommt ihr aber nicht in den Sinn. Blackie ist halt wieder da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Whitey ist der Grund warum Blackie ausgebüchst ist. Whitey, der Junge, der allen Respekt einflößte. Groß, stark, durchsetzungsfähig. Das hat Blackie imponiert. Doch Whitey – wer’s immer noch nicht kapiert hat: Gegensätze ziehen sich an. In diesem Fall in jeder Hinsicht – war mehr als nur ein Leidensgenosse in der Besserungsanstalt.

Und nun ist Blackie zurück. Heimatliche Gefühle kommen gar nicht erst auf. Alles um ihn herum scheint in Gleichgültigkeit zu versinken. Empathie, Zuneigung oder gar Liebe ist vollkommen aus dieser trostlosen Gegend verbannt. Kindheitserinnerungen als ausgelassene Spiele draußen – drinnen gab’s ja nichts, an dem man sich erfreuen konnte! – sind blasse Reflexionen einer Zeit, die es nie zu geben schien. Blackie ist wie ein Gast ohne Attribute. Willkommen oder nicht willkommen spielt keine Rolle. Er ist da. Und damit muss es auch reichen. Wer ihm Liebe entgegenbringt, wird von ihm mit Gefühlskälte zurückgegrüßt. Blackie will nur eines: Ein Leben führen. So mit Job und so. Mit Haus und so. Mit Anhang? Naja, vielleicht.

Donald Windham zeichnet ein Bild einer emotional verkümmerten Umgebung und Gesellschaft. Alle, was an Gefühlen zur Sprache kommt, ist kein Werben um Zuneigung, sondern um Anerkennung. Niemand schient in der Lage zu sein sich selbst zu erkennen. Es geht nur darum irgendwie irgendeinen Platz zu finden. Das Glück ist eine launige Diva. Das hat Blackie längst erkannt. Auch wenn er es sicher nicht so poetisch ausdrücken würde. Sein Funken Hoffnung ist die Tatsache, dass er sich noch nicht ganz aufgegeben hat. Er will vorankommen. Warum und wie, das ist ihm schleierhaft. Festgefahrene Strukturen geben ihm den Halt, der er nicht zu finden wagt. Das Buch erschien in einer Zeit, in der der „Fänger im Roggen“ die Literaturszene gehörig durchschüttelte. „Dog Star“ stößt nicht ins selbe Horn, sondern ist in seiner nur oberflächlichen emotionalen Verkümmertheit viel intensiver.

Zwei Menschen

Was ein Urlaub?! Mehrere Monate Rom. In den 60ern. Als Amerikaner. Forrest und seine Frau genießen die Zeit in der Ewigen Stadt … nicht. Nicht im Ansatz! Sie nörgelt, er lässt es zu. Es gibt keinen Grund, keine gründe für den Streit, den anhaltenden Zwist. Sie reist ab. Er ist … irgendwas zwischen konsterniert und erleichtert. Wobei Letztes doch die Oberhand gewinnt. Sie reden noch miteinander. Schreiben sich. Sie hält ihn über den Stand der Familie – sie haben zwei Töchter – auf dem Laufenden. Doch mehr ist da nicht (mehr).

Forrest war Broker in New York, stammte aus dem Mittleren Westen. Für ihn war New York mit all seinem Trubel die große weite Welt. Jetzt streift er durch Rom. Sitzt in Cafés, beobachtet Leute. Auch einen Jungen. Der ist ihm schon einmal begegnet. Er hat ihn schon einmal gesehen. Hier kommt Donald Windhams unglaubliches Gefühl für Sprache mit voller Wucht zum Einsatz. Er könnte jetzt eine herzzerreißende, von unerfüllten Sehnsüchten zerfleischende Gier heraufbeschwören oder sich in endlosen Gefühlsduseleien ergehen. Er belässt es bei fast nüchterner Betrachtung. Forrest spricht den Jungen an. Nimmt ihn mit…

Marcello ist Siebzehn. Ein Alter, in dem die Welt ihn nicht versteht. Die Welt ist in allernächster Nähe vor allem sein Vater. Er ist der Ernährer der Familie und bestimmt somit alles. Alles! Ein Patrone reinsten Ausmaßes. Die verständnisvolle Mama tut, was in ihrer Macht steht, um ihrem Nachwuchs die Auswüchse dieser Macht hinfortzufegen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Bildung für die Mädchen und Arbeit für den Sohn: Nein und Ja. So sieht es im Leben der jungen Heranwachsenden aus.

Auch Marcello irrt durch die Stadt. Party hier, Party da. Und den Kopf voller Pläne. Und vor allem voller Fragen.

Auch wenn Forrest und Marcello zig Jahre trennen, so trommeln diese Fragen wie ein steter Hammerschlag gegen alles, was lärmt. Es wird ein Jahr, das ihnen die Augen öffnen wird. Türen werden sich öffnen. So mancher Schleier wird durchlässiger. Happy end inklusive.

Donald Windham ließ sich Zeit zwischen seinem Erstling „Dogstar“, der einschlug wie eine Bombe und selbst Thomas Mann zu Schwärmereien hinreißen ließ. Mitte der 60er Jahre barg auch diese Storyline um einen verheirateten Strohwitwer abroad und einem sinnsuchenden Teenager Zündstoff für eine skandalträchtige Betrachtung. „Zwei Menschen“ ist so neutral verfasst, fast komplett befreit von jeglicher Emotionalität auf den ersten Blick, dass Kritiker von vornherein mundtot gemacht wurden. Es sind „nur zweihundert Seiten“. Doch jede Seite berauscht den Leser auf wundersame Weise.

Anderswo atmet man, hier lebt man

Wie war das noch, damals, in Paris? Oder: Wie war das damals in Paris? Isolde Ohlbaum war – damals – in Paris. Als Au pair. Saugte die französische Lebenskultur und mit ihr die alles überstrahlende Hauptstadt auf. Doch nicht der Eiffelturm und die Prachtboulevards sind ihr vor allem in Erinnerung geblieben. Es sind die Spaziergänge, die Lesenachmittage, die Kinoabende, die ihr im Gedächtnis geblieben sind. Das viel strapazierte Wort von Freiheit trägt sie nicht wie eine Fahne vor sich her. Sie hat sie erlebt, diese liberté.

Ihre Fotos lassen Träume erstehen. Entspanntes Leben wohin das Auge blickt. Und dann diese Kurzportraits! Menschen, die Frankreich präsentieren. Erinnerungen an Frauen und Männer, die die französisch-deutsche Freundschaft symbolisieren wie nur wenige. Wilhelm Hausenstein zum Beispiel. Generalkonsul in Paris, von Adenauer ernannt, von den Nazis verbannt. Er ebnete unter anderem mit den Weg zu der Versöhnung von Deutschen und Franzosen.

Es sind die kurzen Absätze, die – zusammen mit den Portraitfotos und den Stadtansichten – ein Bild der Traumstadt Paris zeichnen, das so nachhaltig in den Köpfen der Leser haften bleibt. Es sind mehr als nur bloße Erinnerungen an Zeiten, die uns in Schwarz-Weiß träumen lassen. Es sind Alltagsszenen voller Eleganz und Nostalgie. Isolde Ohlbaum hat die unruhigen Zeiten der späten Sechsziger miterlebt. Und damit sind nicht die Straßenschlachten gemeint. Die Nouvelle vague war ihr näher als die Demonstranten. Weil hier wahrhafte Veränderungen nachhaltig gestaltet wurden. Steine werfen kann jeder. Veränderungen anstoßen und weiterzuverfolgen, dazu braucht man Courage und Ideen. Die fand sie in den Kinos und den Schriften. Den Verfassern dieser Schriften ist dieses Buch ebenso gewidmet wie denen, die immer noch träumen wollen.

Ein kleines Buch, das in seiner Einzigartigkeit jedem vom Stuhl in den Parks von Paris haut. Und das bis heute!