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Künstlerinnen und ihre Häuser

Hereinspaziert, hier werden Sie was erleben! Hier gibt es viel zu entdecken. Mal einer echten Designer-Ikone über die Schulter schauen? Oder einer Bühnenlegende beim Hüten einer Kinderschar zuschauen? Oder auf einmal so viele Kunstwerke betrachten wie in keinem anderen Museum der Welt? Einhundertvierzig Seiten geballtes Künstlerleben.

Die erste Wohnungsbesichtigung steht bei Gabriele Münter in Murnau an. Im so genannten Russenhaus. Ein nettes Häuschen, das man schon auf dem ersten Blick als gemütlich bezeichnen kann. Russenhaus, weil hier Wassily Kandinsky lebte, zusammen mit Gabriele Münter. Sie richtete alles ein, versteckte nach der Flucht Kandinskys seine Werke – erfolgreich. Selbst die braunen Spürnasen fanden nichts. Glücklich war sie hier nur eine kurze Zeit. Denn der geliebte Kandinsky starb in Exil.

Auch Karen Blixen wurde in ihrem M’bogani bei Nairobi nicht vollends glücklich. Zu oft wurde sie betrogen. Und finanziell war sie ebenso wenig gut aufgestellt. Sie pendelte zwischen ihre Liebe Kenia und ihrer Heimat Kopenhagen.

Vanessa Bell und Virginia Woolf – Schwestern – erging es nicht anders. So schön die eigenen vier Wände waren, so groß die Schar der berühmten Besucher – das Glück klopfte allzu oft an die Türen der Anderen.

Josephine Baker war zu ihrer Zeit der ungekrönte Star der Varieté-Bühnen. Doch privat erlitt sie derart viele Rückschläge, dass es heute noch größte Bewunderung verlangt, wenn man ihr soziales Engagement betrachtet. Ein Schloss sollte es sein. Es wurde ein Schloss. In der Dordogne in grünen Herz Frankreichs. Und es war erfüllt von Kinderlachen, die eingangs erwähnte Kinderschar. Sie hat sie alle adoptiert bzw. bei sich aufgenommen. Doch die Kosten verschlangen Unsummen. Ihre Auftritte, u.a. mit Maurice Chevalier, brachten nicht genug ein. Immer wieder stand sie finanziell am Abgrund. Am Ende ihres Lebens griff sogar Fürstin Gracia Patricia unter die Arme.

Ob ein kleines Häuschen auf Hiddensee wie das von Asta Nielsen, in dem sich auch Joachim Ringelnatz und seine Muschelkalk (so nannte er liebevoll seine Frau) zu gern aufhielten, oder das E.1027, ein Buchstaben-Zahlen-Rätsel, das Eileen Gray mit ganzer Tatkraft einrichtete, oder eben das Schloss von Josephine Baker: Alle in diesem Buch versammelten Künstlerinnen schienen sich einen Traum erfüllt zu haben. Doch oft wurde es ein Gefängnis, das mit zwei Seiten einer Medaille geschmückt war.

Gabriele Katz nimmt den Leser mit auf Wohnungsbesichtigungen der besonderen Art. Diese Wände sprechen noch immer. Doch ihre Geheimnisse geben sie erst in diesem Buch preis.

Odenwald

Wer bei Odenwald die Assoziation mit Ödnis ins Spiel bringt, wird auf diesen über 300 Seiten, eigentlich schon ab den ersten Seiten, eines Besseren belehrt. Denn das Land zwischen Main und Neckar steckt voller Überraschungen. Vor allem für die, die eine verschlafene Enklave hinter hohen Bergen, zwischen tiefen Wäldern erwarten.

Sicher ist der Odenwald nicht die bevorzugte Destination für Adrenalinjunkies. Hier genießt man das Leben und die freie Zeit, die man sich verdient hat. Klar, Ebbelwoi ist eine Spezialität, die man auch über die Grenzen des Odenwaldes hinaus kennt. Doch wer kennt schon die Sarolta-Kapelle in Fränkisch-Crumbach? Kaum jemand. Wohl auch, weil sie nur an bestimmten Tagen zugänglich ist.

Von Darmstadt bis Heidelberg, von Heppenheim bis zum Limes. So lässt sich das Gebiet umreißen, das Autorin Stephanie Aurelia Staab dem Leser näherbringt. Immer wieder staunt man wie vielfältig die Region ist. Auf der einen Seite (in natura als auch im Buch) schwärmt man von weiten Apfelfeldern. Im nächsten Moment tut sich eine erhabene Burg auf. Oder die Natur gibt den Blick frei für tiefe Einsichten in die vulkanologische Geschichte. Erfüllende Aussichtspunkte, treffsichere Tipps für den knurrenden Magen – wer hier nicht sofort seine Siebensachen packen möchte, … muss einfach weiterlesen. Das Aha-Erlebnis stellt sich auf alle Fälle ein!

Wie zum Beispiel im Mümlingtal. Kennt auch kaum einer, der sich bisher noch nicht mit dem Odenwald und seiner Umgebung beschäftigt hat. Von Breuberg über Höchst, nicht das bei Frankfurt, und dann auf der B 45 immer Richtung Süden, bis zum Marbach-Stausee. Hat es immer noch nicht Klick gemacht? Macht nichts! Entlang der Mümling lässt es sich vorzüglich entspannen. Zauberhafte Fachwerkhäuser, Skulpturen, die den Wanderweg erhellen, ein Ort, indem man sich wie ein König fühlen darf, eine imposante Burganlage und zum Abschluss ein Sprung in ein Waldseebad – das sind nur ein paar wenige Höhepunkte, die man hier teils einsam, teils in geselliger Runde verbringen kann.

Fakt ist, wenn man eine Region als ein bisschen vergessen nennen kann, so ist es der Odenwald. Und noch einmal: Von Ödnis keine Spur! Die Wandermassen marschieren woanders. Bergstraße, Weinstraße, Heidelberg gehören zum Reiseband dazu wie das spannungsgeladene Warten auf den nächsten Urlaub. Nicht nur coronabedingt sollte man in seine Reisepläne den Odenwald unbedingt einbeziehen.

Von B nach B. Begegnungen auf dem Radweg Deutsche Einheit

Alljährliche Herbstroutine im offiziellen Berlin: Anfang Oktober wird staatsragend der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Alle klopfen sich huldvoll auf die Schulter. Das ist im angemessenen Maßstab auch angebracht. Doch die Vereinigung eines Volkes, eines Landes, das vier Jahrzehnte in entgegengesetzte Richtungen marschiert ist bzw. marschiert wurde, passiert nicht von Heute auf Morgen. Und wer vor ’89 keine Beziehungen nach Drüben hatte, der hat auch heute noch sicher seine Schwierigkeiten damit.

Mina Esfandiari lebt in Berlin. Sie interessiert diese Vereinigung im besonderen Maße. Doch sie will nicht einfach nur wissen, wie man innerhalb von dreißig Jahren die Strecke von A nach B zurückgelegt hat, sie will wissen, was passiert ist in dieser Zeit … auf der Strecke von B nach B. Gemeint ist natürlich der politisch vorgeschriebene Weg von Bonn nach Berlin. Von der alten Bundeshauptstadt in die Neue, in die wieder erwachte Weltstadt Berlin. Zunächst muss sie aber die Zugstrecke in umgekehrter Richtung nehmen, die zufällig auch von B nach B führt.

In Bonn angekommen, nimmt sie ihr erstes Quartier in Besitz. Immer bei Menschen, die ihr für eine Nacht gern ein Couch zur Verfügung stellen. Immer am Puls der Zeit. Da kann es schon mal passieren, dass eine Gruppe aus Spanien und ein Weißrusse zur selben Zeit vor dem Bad stehen. Was aber viel faszinierender ist, sind die Begegnungen mit Menschen, die man so niemals bei der Google-Suche nach Deutscher Einheit finden würde. Sie haben ihre ureigene Sicht auf die Dinge und ihre Stadt. Kein glatt gebügeltes Eventprogramm, das findige Tourismus-Experten ausarbeiten ließen. Ein echtes Leben sucht Mina Esfandiari … und sie findet es dreißigfach. Denn ihre Reise hat dreißig Etappen. Mehr als die Tour de France. Und die sind auch „nur“ auf dem Fahrrad unterwegs.

So wie die Autorin und Fotografin. Marburg, Bad Hersfeld (hier musste man immer den Pass vorzeigen), Kassel, Einbeck, Quedlinburg, Dessau, Beelitz sind nur ein paar der Orte ihrer 1.280 Kilometer langen Tour von West nach Ost, von Damals ins Heute, oder einfach nur von B nach B.

Wer ihr auf Instagram folgt, hat schon so manches miterleben dürfen. Kleine Grüße aus der Proviantküche. Das Hauptmenü folgt nun in diesem exzellent gestalteten Buch, das – oh Wunder – nicht in Deutschland verlegt wurde, sondern im benachbarten Luxemburg! Die grafische Gestaltung und die mehr als aussagekräftigen Fotografien, die fast ausschließlich von Mina Esfandiari stammen, ergeben ein Zeitdokument, das noch lange Bestand haben wird. Keine rührseligen Geschichten von Trennung und Schmerz, sondern echtes Erstaunen darüber, was tatsächlich geschafft wurde. Offen gesagte Meinungen über das, was noch zu schaffen sein muss. Und vor allem echte Erlebnisse, die so nur einmal erlebt werden können. Den Radweg Deutsche Einheit wurde zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ins Leben gerufen. Er verbindet bereits vorhandene Radwege und ermöglicht auf seinem Weg sieben Bundesländer zu entdecken. Und – Mina Esfandiari kann ein Buch darüber schreiben – man hat die Möglichkeit unendliche viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen.

Wachau, Waldviertel, Weinviertel

Kaum vorstellbar, aber es gibt Menschen, die Wien überdrüssig sind und ihren Erlebnishorizont erweitern wollen. Und es vor allem auch können. Denn vor den Toren der Donaumetropole liegen – ganz ohne W, wie Wien, geht es doch nicht – die Wachau, das Wald- und das Weinviertel. Und von einem Viertel Erlebnis ist man hier meilenweit entfernt. Das volle Programm erwartet einen hier.

Selbst kleine Erhebungen von nicht einmal dreißig Metern schaffen ein Erlebnis, das man sonst lange suchen muss. Wie die Aubergwarte bei Zwettl im Kamptal im mittleren Waldviertel. Ein Aussichtsturm, der schon von Unten eine Augenweide ist. Ein gigantischer Holzturm, von dessen Aussichtsplattform man nach 130 Stufen einen umfassenden Rundumblick genießen kann.

Dürnstein in der Wachau gehört zu den Must-Dos der Region. Der einmalige blaue Kirchturm prägt jede Erinnerung an den nicht einmal tausend Einwohner zählenden Ort. Ob Richard Löwenherz sich ebenso verträumt an den Ort erinnert, darf bezweifelt werden. Er saß im Kerker oberhalb und hätte sicher gern auf diese Aussicht verzichtet. Damit ist er wohl der einzige Besucher des Ortes, der keine schönen Erinnerungen hat.

Beim Weinviertel hat jeder Genussmensch sofort nur einen Gedanken: Hoffentlich bleibt’s nicht dabei. Ein Viertele ist zu wenig. Und setzt man den ersten Schritt ins Weinviertel ist man jeder Sorge entledigt. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem, was man noch in Jahren im Kopf herumschwirren hat. Die wuchtige Burg Kreuzenstein, die futuristische Turmschnecke in Stetten oder eine Kanufahrt in den Stockauer Donau-Auen. Man muss im Buch nur einmal umblättern und hat schon Ideen für mehrere Tage Erlebnisreisen.

Um sich zurechtzufinden in der Fülle an Erlebnistouren, die man hier erleben kann, ist der Reiseband exzellent gegliedert. Die Lotsenseiten geben einen raschen Überblick über die kommenden Seiten. So wird die Tagesplanung für die nächsten Tag ein Kinderspiel. Selbst wer nicht so viel planen möchte, kommt schon beim bloßen Lesen und Durchblättern in Zeitnot. Und für das Quäntchen Zusatzwissen sorgen die einmaligen farbig angesetzten Infokästen, die mit Anekdoten die kleinen grauen Zellen zum Schwingen bringen.

Moderne Architektur, traditionelle pittoreske Fassaden im gebrauchsfertigen Gewand lassen diesen Reiseband nicht oft im Rucksack verschwinden. Er schmiegt sich fest in die Hand und sein Inhalt setzt sich im Kopf fest, so dass die drei Viertel im Norden Wiens schon bald zum festen Ausflugsprogramm gehören werden. Auch ohne Wienabstecher gehören Wachau, Waldviertel und Weinviertel zu den unumstrittenen Höhepunkten.

Den Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba wurde es sicher leicht gemacht ihre Reisetipps zusammenzutragen. Sie in handhabbarer Form zu präsentieren ist ein Kunst, die die beiden exzellent beherrschen.

Der unschickliche Antrag

„Ich hätte gern einen Telefonanschluss, aber ein bisschen pronto, wenn es geht.“ Den Spruch hat man vor Jahren des Öfteren gehört. In Italien hat das Wörtchen „pronto“ eine weitere Bedeutung. Wenn man sich am Telefon meldet, verwendet man es. Doch wenn man der Erste ist, der ein Telefon samt Anschluss beantragt, in Sizilien, im Jahre 1891, also vierunddreißig Jahre bevor der Autor des Buches ebenda geboren wurde, dann ist das schon eine Geschichte wert. Und die kann von keinem anderen geschrieben werden als vom Großmeister des hintersinnigen Humors selbst: Andrea Camilleri.

Im Fußball nennt man es Rudelbildung, und es wird unnachgiebig mit einer gelben, im Ernstfall auch mit einer roten, Karte geahndet. Im hier vorliegenden Fall müssen sich alle Parteien – dieser Vergleich ist nicht unwillkürlich – irgendwie einigen. Und wenn das nicht klappt, schmiedet man Allianzen, ob die nun als heilig oder unheilig zu bezeichnen sind, obliegt dem Leser höchstselbst.

Der Holzhändler Filippo Genuardi, von allen nur Pippo genannt, will einen Telefonanschluss für den privaten Gebrauch. Die monatlichen Schreiben an den Präfekten von Vigáta sind an Unterwürfigkeit kaum zu überbieten. Man stell sich vor, dass man heute solche Anträge schreiben würde – der Großteil der empfangenden Sachbearbeiter wäre überfordert, zumindest würden sie sich auf den Arm genommen fühlen. Wozu braucht Pippo einen Telefonanschluss? Dazu noch für den privaten Gebrauch. Nicht einmal die Stadtoberen besitzen solch eine Errungenschaft. Pippo kämpft auf verlorenem Posten. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Er wird proaktiv, wie man es heutzutage huldvoll nennen würde. Denn er kennt so manches schmutzige Geheimnis von Leuten, die ihm helfen könnten sein Ziel zu erreichen. Weil die jemanden kennen, der jemanden kennt, … etc. etc. Man kennt das vielleicht aus eigenen Erfahrungen?

Pippo ist schon eine echte Marke. Er ist weit und breit der Einzige, der einen Phonographen besitzt. Vor Kurzem hat er sich sogar einen Vierräder besorgt. Extra für ihn importiert aus dem feinen Paris. Auf Deutsch: Er hat sich ‘ne Karre besorgt. Französisches Fabrikat. Und das mitten in Sizilien. Dort, wo weit und breit nichts als Natur und Landschaft ist. Hier wird gearbeitet, gedarbt, geflucht, und ein bisschen gelebt. Luxus ist für andere da. In Sizilien sieht man zu, dass man mit dem Hinterteil die Wand berührt. Was passiert aber, wenn die eine Hand die Andere wäscht? Werden Träume wahr?

Andrea Camilleri zieht mit der Wortwitzpeitsche über das karge Land. In und zwischen den Zeilen blitzt es an jedem Wortende auf: Das raffinierte Spiel um Macht mit den Werkzeugen der Mittellosen. Was man weiß, muss man nicht preisgeben. Die Andeutung allein reicht, um dem Gegenüber ein mulmiges Gefühl zu geben. Der darf sich nun darum kümmern der Misere den eigenen Stempel aufzudrücken. Als Außenstehender erlebt man ein Schauspiel erster Güte.

An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.

Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!

Der Traum von einer schönen Stadt

Es muss nicht immer ein Traum bleiben, schön zu sein. Das beweist Leipzig. Und das wiederum beweisen Wolfgang Hocquel und Richard Hüttel, die mit ihrem Buch der Stadt Leipzig wirklich etwas Schönes geschenkt haben. Ein Buch über eine schöne Stadt und mit im Gepäck der Beweis, dass ihre Titelthese auch wirklich stimmt.

Etwas als schön zu bezeichnen, ist eine schwierige Angelegenheit, wenn man es auch noch beweisen muss. Das fällt einem in Florenz, Siena oder Rom leichter als im dazu unbekannteren Leipzig. Doch die heimliche Hauptstadt Sachsens muss sich architektonisch nicht hinter der Ewigen Stadt oder den Toskanajuwelen verstecken.

Ein derart kompaktes und zugleich flächenmäßig großes Ensemble des Historismus muss man lange suchen. Schlussendlich landet man doch wieder in der Pleißestadt. Ob nun die im alten Glanz wiedererstrahlenden Messepassagen, die reichlich (und doch nicht überladen) verzierten Fassaden der imposanten Bauten vor allem innerhalb des Stadtringes und die weitläufig angelegten Parkanlagen machen Leipzig nicht nur lebenswert, sondern zu einer schönen Stadt.

Bei ihren Streifzügen durch Leipzig entdecken die Autoren nicht nur so manches Detail, sondern forschen ausgiebig auch nach deren Herkunft. So wird so mancher alteingesessener Leipziger aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Seit etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten ist die Stadt im steigen Wandel. Die Jahre der Stagnation, in denen die historische Substanz der Natur überlassen wurde – es gab in den Achtzigerjahren Häuser, die mehr Wurzelwerk als Fundament aufwiesen – sind vorbei und noch immer werkelt man an allen Ecken und Enden der Stadt, um die Pracht der Gründerzeit wieder im Sonnenlicht strahlen zu lassen.

Nur wer sorgfältig durch die Stadt stromert, was in Leipzig mehr als nur ratsam ist, wird die Kunstfertigkeit der Architekten und Handwerker erkennen. Die Geschichte dahinter ist nur selten für jedermann einsehbar. Deshalb dieses Buch! Von der größten Errungenschaft der Stadt, dem Kanal, der den Namen seines Erdenkers Karl Heine trägt, und in absehbarer Zeit Leipzig auf dem Wasserweg mit den Weltmeeren verbinden wird, über fast vergessene Idealisten wie Hugo Licht, sowie immer noch präsente Verlegerlegenden wie Hans Meyer, die Meyerschen Höfe gelten heute als begehrte Wohnanlagen, reist der Strom des Staunens beim Lesen nicht ab. Die unzähligen und aussagekräftigen Abbildungen machen es einem leicht die beschriebenen Orte wieder zu erkennen, sofern sie vom Bombenhagel und der Abrisswut der Genossen von einst verschont blieben. Historische Abbildungen zeigen wie sehr sich das Antlitz der Stadt verändert hat. Die Texte der Autoren sind ein wahres Füllhorn für jeden Neugierigen, egal, ob er in Leipzig ansässig ist oder die Stadt für ein paar Tage besucht.

Allerorten

Manchmal ist genug eben nicht mehr und nicht weniger als das, was es ist, nämlich genug. Da muss man raus, raus aus den eigenen vier Wände, raus aus der Stadt, … raus aus dem bisherigen Leben. So geht es Sacha. Die Großstadt wird ihm zu viel. Landleben heißt das Zauberwort. Durchatmen. Kraft tanken. Dorthin gehen, wo ihn niemand kennt. V. – Autor Sylvain Prudhomme verzichtet darauf den Ort näher zu bezeichnen – irgendwo in der Provence ist für ihn nun der place to be. Hier kennt ich niemand, hier kann er zur Ruhe kommen, zu sich selbst finden.

Doch das Leben hält für Sacha eine Überraschung parat. Der Anhalter wohnt ausgerechnet hier am Ende der Welt. Der Anhalter ist ein Freund, der ihn schon sein ganzes Leben begleitet. Ein namenloses Faktotum, das sein Leben ein ums andere Mal schon bereichert hat, und mindestens genauso so oft auch wieder verlassen hat. Auch einer, der auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Die Realität sieht jedoch anders aus. Dieser Anhalter muss einfach raus. Er hängt sich ein Schild um den Hals, stellt sich an den Straßenrand, hält den Daumen raus und reist. Egal wohin. Hauptsache reisen. Hauptsache mit Menschen in Kontakt kommen.

Währenddessen bleiben Marie und Agustín, Frau und Sohn, zurück. Zurück in einem Leben ohne Mann und ohne Vater. Der Anhalter schickt Postkarten. Die Weiten Frankreichs klingen durch ihre Namen wie Abenteuerberichte aus vergangenen Zeiten. Für den Sohn sind es sehnlichst herbeigesehnte Leuchtfeuer. Für Marie sind es fast schon alltägliche Rituale des Lebens. Und Sacha?

Da stehen sie nun. Zwei Männer, die so eng verbunden und sich dennoch immer wieder voneinander entfernen. Zwei Männer auf der Reise. Der Eine immer wieder, immer öfter durch Frankreich, der Andere auf der Reise, die man Leben nennt. Wer denn nun wirklich schon angekommen ist, kann man schwer sagen.

Sacha fühlt sich auserkoren Marei und Agustín eine Art Ersatz zu geben und eine Rolle zu schlüpfen, die sonst der Anhalter ausfüllt. Marie und er sind Menschen, die in der Literatur mehr als nur eine Zuflucht finden. Sie erfüllt ihr Leben mit selbigem. Und so zieht Sacha Parallelen, die ihn in eine andere Welt zu katapultieren scheinen.

Sylvain Prudhomme gelingt mit „Allerorten“ der ganz große Wurf. Fast meint man sich in einer Art Fortsetzung von „Legenden“ zu wiederzufinden. Zwei Männer, die auf Reisen sind und niemals ankommen werden. In Legenden sind sie vom Erdboden verschwunden. Nun stehen sie wieder auf der Matte des Lebens und lassen all diejenigen am Leben teilhaben, die sich unterwegs aufgelesen haben. Die Frage, ob man allein nicht besser dran sei, ergibt sich niemals. Weder Sacha noch der Anhalter können und wollen jemals allein sein. Jeder ist an seinem Platz der Richtige. Dieser Platz ist jedoch Allerorten.